Die älteste Kultur im Niltal

[56] 168. Im Wüstengebiet und auf dem libyschen Plateau ist das Gebiet, worauf Menschen und Vieh ihr Leben fristen konnten, in alter Zeit noch nicht so begrenzt gewesen wie gegenwärtig: nicht nur dringen große Scharen von Libyern immer wieder gegen das aegyptische Kulturland an oder treten als Söldner in seine Dienste, sondern als Saḥurê' gegen sie zu Felde zieht, erbeutet er außer zahlreichen Schafen und Ziegen auch große Herden von Eseln und Rindern (§ 263), die gegenwärtig hier nicht mehr existieren könnten. Für die Entwicklung einer höheren staatlichen [56] Kultur reichten die anbaufähigen Flächen, die etwa vorhanden sein mochten, dennoch nicht aus. Auch in Nubien ist das Kulturland zu schmal und zu isoliert für die Entstehung einer lebenskräftigen Entwicklung. Im inneren Afrika dagegen wäre ein geschichtliches Leben sehr wohl denkbar; hier haben die Neger sich unfähig erwiesen, die von der Natur gebotenen Bedingungen auszunutzen. Auch die maurischen Stämme haben aus eigener Kraft eine seßhafte Kultur nicht zu schaffen vermocht. So ist es einzig das untere Niltal, dem der afrikanische Kontinent es verdankt, daß er in der Geschichte eine selbständige Rolle spielt. Im Naturzustande freilich kann das Land für Jäger- und Nomadenstämme keine große Anziehungskraft besessen haben. Es war von zahlreichen Flußarmen durchschnitten und in der Überschwemmungszeit Monate lang in einen großen See verwandelt; in den Sümpfen und Schilfdickichten hausten die unheimlichsten Gestalten der Tierwelt, Krokodile, Nilpferde, Schlangen, dazu Elefanten – die zur Zeit der ältesten Denkmäler ebenso wie Giraffen im Lande heimisch waren – , ferner Strauße, sowie Löwen und Panther, die aus der Wüste zur Tränke an den Fluß hinabkamen. Eher mochten die Höhen an den Rändern zur Besiedlung reizen, die damals noch vielfach mit Bäumen und Graswuchs bedeckt waren und einen reichen Wildbestand nährten; erst in geschichtlicher Zeit sind sie allmählich teils durch die völlige Ausrodung des Baumbestandes, teils durch das ständige Vordringen des Wüstensandes gegen das Flußtal unbewohnbar geworden. Von hier aus werden die Ahnen der Aegypter in das langgestreckte Flußtal und die Sümpfe des Delta eingedrungen sein. Da zwang dann das Land selbst zu energischer Tätigkeit, zur Eindämmung und Regulierung der Flußläufe, zur Umwandlung der Sümpfe und Dickichte in Ackerland, zur Anlage erhöhter Ortschaften, die dem Überschwemmungswasser nicht erreichbar waren und durch Deichwege ( Die älteste Kultur im Niltal »Weg«, uat, ein Damm mit Gräben an beiden Seiten, an dem Gebüsch und Bäume wachsen) miteinander verbunden wurden – alles Aufgaben, die für den einzelnen [57] Siedler oder den locker gefügten Verband eines Stammes nicht lösbar waren, sondern zu straffer staatlicher Organisation zwangen. So sind die Aegypter ein Bauernvolk unter einem kräftigen monarchischen Regiment geworden; nur dadurch konnten die Quellen des Wohlstandes erschlossen werden, welche die Grundlagen einer höheren Kultur boten und das untere Niltal zu einem der gesegnetsten Länder der Erde gemacht haben.


Es ist nicht zweifelhaft, daß wie z.B. in Turkestan, so auch in Afrika die Wüste ihr Gebiet erweitert hat, und dadurch z.B. der Bevölkerungsstand Libyens gegen das Altertum zurückgegangen ist. Im Niltal vollzieht sich das Ringen zwischen Wüste und Kultur ununterbrochen, ebenso wie in Babylonien und Syrien; darauf, daß hier in alter Zeit die Vegetation an den Wüstenrändern stärker gewesen sein muß als gegenwärtig (s. die Jagdszenen der Gräber mit ihrem Tierreichtum), hat mich ERMAN aufmerksam gemacht. Auch liegen die ältesten Ansiedlungen (bei Abydos, Memphis u.a.) großenteils in Gegenden, die jetzt völlig der Wüste angehören. – Noch früher, in palaeolithischer Zeit, hat es, wie SCHWEINFURTH nachgewiesen hat (z.B. Z. f. Ethnologie 35, 1903, 708ff. 36, 1904, 766ff. [= Annales du serv. VI 9ff.] und v. LUSCHAN ib. 36, 317ff.), sogar auf den Höhen des Wüstenplateaus zahlreiche Ansiedlungen gegeben, die gewaltige Massen von Feuersteinscherben hinterlassen haben; das liegt aber weit jenseits aller Geschichte. – Über die Hieroglyphe für »Weg« s. PETRIE, Medum p 30.


169. König Menes, der den Späteren als der erste Herrscher in der langen Reihe der Pharaonen gilt, hat um 3300 v. Chr. im Niltal regiert. Aber schon viele Jahrhunderte vor ihm waren die Aegypter über die Anfangsstadien menschlicher Gesittung weit hinausgeschritten; schon ein Jahrtausend früher, im Jahre 4241 v. Chr., ist in Unteraegypten der seitdem unverändert gebliebene Kalender eingeführt worden. So sind die Aegypter bereits ein Kulturvolk gewesen zu einer Zeit, da überall sonst auf Erden, selbst in Babylonien, das Dunkel kulturloser und darum geschichtsloser Zustände das Leben der Völker bedeckt. – Während man früher vergeblich nach Denkmälern selbst aus der Zeit des Menes und seiner Nachfolger bis zum Beginn der vierten Dynastie gesucht hat, sind seit zwei Jahrzehnten aus den vor [58] Menes liegenden Epochen in Oberaegypten zahlreiche Grabstätten und Überreste von Ansiedlungen entdeckt worden, welche jedenfalls mehr als ein Jahrtausend umfassen und uns von der äußeren Gestalt der ältesten Gesittung eine lebendige Anschauung gewähren. Im Delta sind solche Funde kaum zu erwarten, da hier das Wasser die alten Ansiedlungen erreicht und zersetzt hat. Um so stärker tritt die Bedeutung Unteraegyptens für die älteste Kulturentwicklung in den Zeugnissen hervor, welche Religion, Sage und geschichtliche Überlieferung bewahren. Auch sonst bedarf das aus den »vorgeschichtlichen« Denkmälern gewonnene Bild gar sehr der Ergänzung durch die Erkenntnisse, welche sich aus den späteren Zuständen für den inneren Gang der Entwicklung ermitteln lassen. Im allgemeinen stimmen die Ergebnisse beider Erkenntnisquellen vortrefflich überein: was die neuen Funde uns greifbar vor Augen führen, ist großenteils nur eine Bestätigung dessen, was früher bereits richtig erschlossen war. Im einzelnen freilich ist die Verbindung nicht immer herzustellen, da die Funde stumm sind und über die staatliche und religiöse Entwicklung nichts aussagen, während die historischen Rückschlüsse wohl den allgemeinen Gang der Entwicklung erkennen lassen, aber nicht die von den Bedingungen des Moments abhängige Einzelgestaltung, welche erst das Wesen des geschichtlichen Lebens ausmacht. So können wir z.B. nicht feststellen, welche der älteren Kulturschichten etwa der Epoche der Entstehung der beiden Reiche der Horusverehrer entsprochen haben mag, oder gar wie die noch älteren Staatenbildungen und die Gaustaaten im einzelnen gestaltet waren. Auch auf ethnographische Fragen geben schriftlose Zeugnisse fast nie eine sichere Antwort. So ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß zur Zeit der ältesten Funde eine andere Bevölkerung im Niltal gesessen und etwa dem ältesten Wechsel des Stils und der Mode der Tongefäße ein Bevölkerungswechsel entsprochen hat. Sicher ist nur einerseits, daß die späteren Aegypter schon in sehr früher Zeit im Niltal gesessen und hier eine lange Entwicklung [59] durchgemacht haben müssen (vgl. § 166) – das beweist vor allem die Vorgeschichte der aegyptischen Religion – , andrerseits, daß die späteren Stadien der »vorgeschichtlichen« Funde echt aegyptisch sind und die Zeichnungen auf den Tongefäßen und den verwandten Denkmälern die so lange gesuchten Vorstufen der Hieroglyphenschrift und der späteren Kunst enthalten. Noch weniger ist eine gesicherte chronologische Abschätzung möglich; nur daß die ältesten Fundschichten zum mindesten weit ins fünfte vorchristliche Jahrtausend hinaufragen, wird man unbedenklich aussprechen dürfen.


Ältere Rekonstruktionen der aegyptischen Vorgeschichte in meiner Geschichte Aegyptens und in ERMANS Aegypten, und vor allem für die Religion bei MASPERO, Etudes de mythol. et d'archéol. égypt. II. – Die Funde aus der vorhistorischen Zeit und den ersten drei Dynastien begannen 1894. Wegen ihres fremdartigen Charakters hielt PETRIE sie zuerst für Erzeugnisse einer »new race«, die er für Libyer erklärte, die zwischen dem Alten und Mittleren Reich in Aegypten eingedrungen seien. Zuerst hat STEINDORFF (Eine neue Art der aegypt. Kunst, in den Aegyptiaca, Festschrift für EBERS, 1896) mehrere der wichtigsten Denkmäler dieser Zeit richtig bestimmt, während DE MORGAN, Rech. sur les origines de l'Egypte (I. l'age de la pierre et les métaux, 1896; II. Ethnographie préhistorique, 1897) eine reiche, aber wenig exakte Materialsammlung vorlegte [vgl. u.a.v. BISSINGS Kritik in der Zeitschrift L'Anthropologie IX 1898] und die auch schon längst überwundene Ansicht aufstellte, die vorgeschichtlichen Denkmäler gehörten einer Urbevölkerung an, der Staat und die geschichtlichen Denkmäler seien von einer erobernd eindringenden »dynastischen Rasse« geschaffen. Dann hat die Entdeckung der Königsgräber von Abydos (§ 206) seit 1897 alle Zweifel gehoben. – Überreste der Zeit vor Menes (Übersicht bei CAPART, Les débuts de l'art en Egypte, 1904): PETRIE u. QUIBELL, Naqada and Ballas, 1896 [noch ganz unter dem Bann der new race-Theorie]; PETRIE, Diospolis parva (Hou), 1900; MACIVER u. MACE, El Amrah and Abydos, 1902. AYRTON and LOAT, Predynastic Cemetery of el Mahasna [bei Abydos], 1911. Weitere Funde bei QUIBELL, Elkab, 1898. QUIBELL, Hierakonpolis, 1900ff. PETRIE, Abydos I, 1902. II, 1903. III, 1904. GARSTANG, Mahasna and Bet Khallâf, 1903. The early dynastic cemeteries of Naga-ed-Dêr [gegenüber von Girge, n.v. Abydos], vol. I von REISNER 1908, vol. II von MACE 1909. Für Unternubien s. den Archaeol. Survey § 165 a A. Ferner drei Statuen des Min von Koptos [von PETRIE u. HOGARTH, Koptos, 1896, aus Prüderie unterdrückt, publiziert von CAPART l.c. 217f.]. Eine recht reichhaltige Sammlung an Fundobjekten enthält das Berliner Museum;[60] dazu die Ausgrabungen der Deutschen Orientgesellschaft (G. MÖLLER in den Mitt. 30, 1906) in Abusir el Meleq östlich vom Eingang des Faijûm (Zeit kurz vor Menes). – Zusammenstellung der Schiefertafeln mit Reliefs bei LEGGE, PSBA. 27. 1900, 125ff. und bei CAPART l.c., sowie BÉNÉDITE, Une nouvelle palette en schiste, Monum. et Mémoires de l'Acad. des l'Inscr. X, 1904. – Eine systematische Übersicht der Fundobjekte und ihrer stilistischen Entwicklung, mit einer relativen Chronologie nach »sequence dates« (von 30-80) gibt PETRIE, Diospolis parva 22ff. Er schätzt die »neolithische« vorgeschichtliche Zeit bis auf Menes auf 2000 Jahre, während MACIVER, El Amrah 30f. angesichts der verhältnismäßigen Kleinheit der Nekropolen der Ortschaften bei Abydos mit 500 bis 1000 Jahren auskommen zu können glaubt; ähnlich REISNER, Naga ed Der I 126ff. Doch dürfte das für die lange Entwicklungsgeschichte viel zu niedrig geschätzt sein. Auch ist zu beachten, daß die Gräber häufig schon in »praehistorischer« Zeit wiederbenutzt sind (G. MÖLLER). Bevölkerungswechsel innerhalb der Schichten hat vor allem PETRIE, Diospolis parva 28ff. angenommen.


170. Die ältesten Ansiedlungen, deren Überreste uns erhalten sind, liegen an der Stelle, wo der Nil sich am weitesten nach Osten wendet und von wo die Wüstenstraßen nach dem Roten Meer ausgehen, bei den Orten Negâde und Ballâs, auf der Westseite des Flusses, gegenüber Qûs (Apollinopolis parva) und Koptos, sowie weiter stromabwärts bei Hôu (Diospolis parva) und im Gebiet von Abydos, wo am Rande der Wüste und auch am Ostufer dicht beieinander zahlreiche Ortschaften wieder aufgedeckt sind, ferner im Gebiet von Memphis. Die Wohnungen waren meist Hütten aus Flechtwerk von Palmzweigen und Schilf, deren Wände durch gestampften Lehm befestigt und mit Matten und Fellen behängt wurden. Für die Wohlhabenden lernte man aus Ziegeln, die viereckig aus dem Nilschlamm geschnitten und an der Luft getrocknet wurden, festere Häuser bauen; auch verstärkte man die Wände wohl mit Holzbalken. Die Baumstämme des Dachs konnten durch Holzpfeiler in der Mitte des Wohnraums noch weiter gestützt werden. Die Ortschaften waren wohl immer mit einem Lehmwall umgeben. Neben ihnen liegen die Friedhöfe, auf denen die Leichen in runden [61] oder viereckigen Gruben beigesetzt sind, in zusammengekauerter Stellung wie Schlafende; oft in eine Tierhaut, Leder oder auch Leinwand eingenäht oder auch in einem großen Tongefäß geborgen. Häufig sind mehrere Leichen in demselben Grabe bestattet, und wenn sie zerfallen waren, werden die Knochen wohl gesondert und geordnet nebeneinander gelegt, eine Sitte, die auch sonst in Afrika vorkommt. Vielfach aber haben die Leichen sich in dem trockenen Wüstensande Jahrtausende hindurch unversehrt erhalten. Wohlhabende lassen sich früh einen viereckigen Raum im Kies- oder Lehmboden ausgraben, der mit einem Dach von Flechtwerk oder Balken gedeckt wird; und manche Gemälde auf den der Leiche beigegebenen Tongefäßen zeigen die großen Kähne, auf denen die Leiche über den Nil zum Grabe geführt wurde, und darüber Klageweiber mit erhobenen Händen. Im Grabe stehen neben dem Toten Gefäße mit Lebensmitteln und Salbbüchsen von Alabaster, in der Hand hält er einen Lederbeutel; auch die Schiefertafel, auf der die Schminke gerieben wird (§ 167), fehlt nicht. Dazu kommen Lebensmittel, Nachbildungen des Hausrats, Messer, Nadeln, Harpunen zum Fischfang, Brettspiele u.ä., gelegentlich auch Hausmodelle, sowie kleine Kähne von Ton; ferner steinerne oder tönerne Puppen von Dienern, vor allem Frauen, die regelmäßig ohne Füße gebildet wurden, vermutlich damit sie nicht davon laufen können. Der Glaube, daß wenn im Tode die lebendige Seele in Vogelgestalt (bai Die älteste Kultur im Niltal) den Leib verläßt, dennoch die in ihm wirkende geistige Macht, sein eigentliches Ich, als Gespenst im Geisterreich fortlebt und auch mit der Leiche noch in Verbindung steht (vgl. § 58ff.), war also bereits lebendig entwickelt; und auch die Anschauung ist uralt, daß dem Menschen ein geistiges Abbild mit magischer Kraft zur Seite steht, der Geist ka Die älteste Kultur im Niltal, der mit ihm wächst und lebt, ihn beschirmt und ihm mit der Nahrung die eigentliche Lebenskraft verleiht, und auch nach dem Tode noch für sein weiteres Dasein sorgt und daher beim Grabe weilt. An Zauberformeln, [62] welche dem Toten die Möglichkeit gewähren, die Gaben zu genießen, und ihn wie die beigegebenen Figuren zu künstlichem Leben zu erwecken, wird es bei der Bestattung schon damals nicht gefehlt haben. Freilich ist dies Dasein doch nur gespenstischer Natur; und so genügen dürftige Nachbildungen der wirklichen Nilboote und Tonpuppen. Ursprünglich sind gewiß einmal vornehmen Toten die Diener und Frauen am Grabe geschlachtet worden; aber von solchem Brauch ist in Aegypten keine sichere Spur mehr nachweisbar.

Über die aegyptischen Häuser: MASPERO, Aegypt. Kunstgeschichte, übers. von STEINDORFF S. 2ff. Reste einer alten Ortschaft Alawnije bei Abydos: GARSTANG, Mahasna and Bet Khallâf 5ff. [in den Hütten Brennöfen und anderer Hausrat]. Altes Stadtmodell: PETRIE, Diospolis parva pl. 6 Grab 83. CAPART, Débuts de l'art 195. – Leichenverbrennung, die DE MORGAN im Grab des Menes von Negade zu finden glaubte, ist in Aegypten niemals vorgekommen. In Negade und Ballas glaubte PETRIE Spuren von Anthropophagie zu finden; doch war das ein Irrtum (MACIVER and MACE, El Amrah p. 7). Über zerteilte Leichen mit systematisch geordneten Knochen (das kommt auch in Babylonien bei Wiederbenutzung älterer Gräber vor) s. außer Naqada and Ballas die Angaben in El Amrah p. 7ff. Eine Nachwirkung davon scheint in der Sage von der Zerstückelung des Osiris und den entsprechenden Formeln der Totentexte vorzuliegen. – PETRIES Annahme, Royal Tombs I 14, daß in dem Grabe des Königs Qa'-Sen der ersten Dynastie noch eine Opferung der im Königsgrabe bestatteten Diener nachweisbar sei, ist unbegründet. – Trauerweiber z.B. auf der Vase CAPART p. 118. – Die herrschende Auffassung des Ka als »Doppelgänger« (double) des Menschen haben LE PAGE RENOUF und vor allem MASPERO begründet, nach dem die Statuen im Grabe ihm zum Wohnsitz dienen sollen. Diese Annahme bestreitet STEINDORFF ÄZ. 48, 152ff., vielleicht mit Recht, da der Ka eben anders gebildet wird als die Statuen; er erklärt den Ka vielmehr für den mit dem Menschen (oder Gott) geborenen und ihn überlebenden Schutzgeist (vgl. SPIEGELBERG ÄZ. 49, 126, wonach er griechisch durch ἀγαϑὸς δαίμων wiedergegeben wird). Mit seinen ausgestreckten Armen (daher die Schreibung) schützt er den Menschen und verleiht ihm seine Kraft. Aber mit Unrecht bestreitet STEINDORFF die Bedeutung des Ka im Totenkult, die durch die ständige Bezeichnung der Toténpriester als ḥm-ka, »Diener des Ka«, der Grabkapelle als »Haus des Ka«, des Toten als ka jachu, »verklärter Ka«, auf den Grabstelen der Thinitenzeit (PETRIE, Royal Tombs I pl. 32) gerade für die älteste Zeit erwiesen wird, ebenso wie später dadurch, daß durch die [63] Opferformel die Speisen dem Ka des Verstorbenen übermittelt werden. v. BISSING, Versuch einer neuen Erklärung des Kai, Ber. Münch. Akad. 1911, verbindet Ka wohl mit Recht mit dem Wort ka-u »Speisen«, im Anschluß an ERMAN ÄZ. 43, 14, 2 »die Lebenskraft, die dem Menschen bei seiner Geburt verliehen wird und die durch Essen weiter erhalten wird«, und die durch den Zauber des Bestattungsrituals und der Formel des Opfergebets nun auf magischem Wege auch dem Toten die Speise zuführt und so seine Weiterexistenz sichert. Nur darf man in all diesen Dingen keine logische Konsequenz verlangen.


171. Die Zivilisation, die uns in diesen Gräbern entgegentritt, unterscheidet sich in den ältesten Schichten noch kaum von den vielen gleichartigen, die sich entwickelt haben, wo immer ein Volksstamm über die primitivsten Zustände hinauszuwachsen beginnt. Als Material für Werkzeuge, Waffen und Hausrat dienen Holz, Stein und Knochen – darunter ist Elfenbein sehr stark vertreten – und ihre Nachbildung in Ton. Mit Recht wird daher diese Kultur als eine steinzeitliche betrachtet, ebenso wie z.B. die »trojanische«, wenngleich schon in den ältesten Gräbern gelegentlich Werkzeuge aus Kupfer und Schmucksachen aus Goldvorkommen. Aber den ganzen langen Zeitraum hindurch, und noch unter den ersten Dynastien, bleibt das Metall in untergeordneter Stellung; von einem Versuch, die Waffen und Geräte aus Stein und Knochen durch kupferne zu ersetzen, ist, abgesehen von einzelnen kupfernen Streitäxten (§ 167), noch keine Rede. Wohl aber ist seit den mittleren Fundschichten, die überhaupt die eigentliche Blütezeit der »vorgeschichtlichen« Kultur darstellen, die Steintechnik zu einer Meisterschaft gelangt, die niemals von einem anderen steinzeitlichen Volk erreicht ist und dieser ältesten aegyptischen Kultur ihr eigenartiges Gepräge verleiht. Die Feuersteinmesser sind mit der äußersten Feinheit, vollständig gleichmäßig, ganz dünn geschliffen und scharf zugehauen, mit sägeartig gezähnter Schneide, ebenso die Spitzen von Lanzen, Pfeilen, Harpunen; die Nephritbeile und Keulenköpfe sind glatt poliert. Die erstaunlichste Leistung aber sind die Steingefäße. Man versteht das härteste Gestein ebenmäßig zu runden und zu polieren, und innen durch eine [64] enge Öffnung in mühseliger langwieriger Arbeit, mit Hilfe von Steinwerkzeugen und Sand, bis zu einer ganz dünnen Wandung gleichmäßig auszubohren. Neben großen Krügen und zierlichen Schalen und Näpfen aus durchschimmerndem Alabaster stehen andere aus Granit, Schiefer, den verschiedensten bunten Gesteinen. Die Griffe, die Ösen zum Aufhängen, die Ausgußröhren sind vortrefflich gearbeitet. Vielfach werden Tierformen nachgeahmt – darunter z.B. ein Gefäß in Gestalt eines liegenden Kamels, wie es die Beduinen, die nach Aegypten kamen, mit sich führten –, oder auch geflochtene Körbe in Stein nachgebildet. Auch Schnitzereien von Tieren aus Stein und Elfenbein, mit sorgfältiger Naturbeobachtung, in gefälligen Formen, sind nicht selten. Ebenso wird etwa der Griff eines Kamms mit einem Vogel geschmückt; die Schieferplatte, auf der man die Schminke reibt, erhält Tiergestalt. Gegen das Ende der Periode sterben diese Formen ab, während die vollendete Technik sich unter den ersten Dynastien noch unverändert erhält. Dafür ergeht sich der künstlerische Gestaltungstrieb um so reicher in kostbaren Objekten, Schmuckkästchen von Elfenbein und Ebenholz, Stühlen und Ruhebetten mit Tierfüßen von geschnitztem Elfenbein, reich dekorierten Schminktafeln mit geschichtlichen Darstellungen (§ 200f.), gleichartigen Keulenknäufen von Königssceptern, dazu Halsketten für Männer und Frauen von Gold und Edelsteinen wie Amethyst, Blaustein, Türkis, die man zum guten Teil aus den wahrscheinlich damals schon von den Aegyptern ausgebeuteten Minen auf der Sinaihalbinsel (§ 212) bezog. Vereinzelt hat man sich auch an größere Aufgaben gewagt. Eine Probe davon geben drei kolossale Statuen des Minu von Koptos aus Kalkstein (§§ 169 A. 180), gewaltige Brettidole mit roh angedeuteten Armen und mächtigem Phallus; auf der Rückseite sind das symbolische Zeichen des Gottes und mehrere auf Bergen einherschreitende Rinder und Elephanten eingeritzt.

172. Eben so reich, aber in den Formen viel schwankender, verläuft die Entwicklung der Tonindustrie. Die ältesten [65] Tongefäße zeigen eine eigenartige primitive Technik: die mit der Hand geformten, durch Polierung mit Steinen geglätteten Töpfe werden mit der Öffnung in die glühenden Kohlen gesteckt, und dieser Teil verkohlt daher durch und durch, während der untere, von den Flammen nicht mehr erreichte Teil rot gebrannt wird. Später werden gleichmäßig gebrannte Gefäße gebräuchlich; die besseren Exemplare werden mit roter, brauner oder schwarzer Farbe bestrichen. Allmählich kommt dann auch der Gebrauch des Töpferrades auf, das eine gleichmäßige Rundung ermöglicht. In den Formen herrscht zunächst die regellose Mannigfaltigkeit einer primitiven Phantasie (vgl. § 96), seltsam verkoppelte Gefäße, Nachbildung von Tierformen u.ä.; allmählich gewinnen wenige einfache Formen die Alleinherrschaft. Eine Zeitlang werden die Außenflächen, wie bei den Schnitzereien aus Knochen und Holz, mit eingeritzten oder in schwarzer und weißer Farbe aufgetragenen Ornamenten geschmückt, zu denen Flechtwerk und Weberei das Vorbild gegeben haben: lineare Muster, Dreiecke, Spiralen, Zickzacklinien, Bandstreifen und Netzwerk, und dazwischen gelegentlich Palmzweige und rohe Zeichnungen von Vierfüßlern. Manche dieser Gefäße gleichen denen, die gleichzeitig in der Welt des Aegaeischen Meers in Übung waren und uns durch die reichen Funde der ältesten, »neolithischen« Schichten Kretas bekannt geworden sind (§ 509), so vor allem die nicht allzu häufig vorkommenden kleinen Gefäße mit einem durch eingeritzte weiße Striche auf schwarzem Grunde hergestellten eckigen Bandmuster (black incised pottery, Naqada and Ballas pl. 30; El Amrah p. 43; CAPART p. 104), vielleicht auch die rotgrundigen Näpfe und Schalen mit weißer Linear- und Pflanzendekoration (Naqada and Ballas pl. 28. 29. El Amrah pl. XV; CAPART p. 103). Doch ist es noch fraglich, ob hier ein Import aus Kreta angenommen werden darf, wenn auch kaum zu bezweifeln ist, daß auch diesen ältesten Zeiten ein Seeverkehr nicht gefehlt hat. – In der Mitte der »vorgeschichtlichen« Periode wird dann die »geometrische« Dekoration durch eine ziemlich reiche [66] Vasenmalerei verdrängt, die ihre Motive teils der Pflanzen- und Tierwelt (Rosetten, Palmzweige, Sträucher, Reihen von Wasservögeln, Krokodile, Nilpferde, Elefanten, Giraffen, Antilopen, Strauße), teils dem menschlichen Leben entlehnt; vor allem tritt uns der Schiffsverkehr auf dem Strom anschaulich entgegen. Aber auch diese Weise hat keinen langen Bestand gehabt; gegen Ende der Epoche gewinnen die einfachen Gefäße ohne Bilder, Nachbildungen der Steinkrüge, die Alleinherrschaft, während gleichzeitig eine Grabkammer in Hierakonpolis (pl. 75ff.) zum ersten Male Wandmalereien zeigt, welche die bisher auf den Tongefäßen dargestellten Szenen in größeren Bildern wiedergibt.


Die mit den in Aegypten gefundenen völlig übereinstimmenden neolithischen Scherben aus Kreta z.B. bei MACKENZIE, J. Hell. Stud. 23 (1903) p. 157 und Taf. IV. – Die immer erneuten Versuche PETRIES, in den auf aegyptischen Vasenscherben aller Zeiten (praehistorische Zeit. 1. 12. 18. Dynastie) eingeritzten Strichzeichen ein primitives, mit der kretischen Schrift in Zusammenhang stehendes Alphabet nachzuweisen, das sich in den späteren Zeichen des karischen, spanischen und libyschen Alphabets erhalten habe (Kahun, Gurob and Hawara pl. 27; Illahun pl. 15; Naqada p. 44; Royal Tombs I. p. 31f. u.a.; ebenso CAPART p. 141ff.), erscheinen mir völlig verfehlt; vgl. dagegen auch WEILL, Rev. arch. 1903, I 213ff. Es sind vielmehr Fabrikzeichen, vgl. DARESSY, Ann. du serv. VI 103; s. jetzt JUNKER, Grabungen auf dem Friedhof in Turah (Denkschr. Wien. Ak. 55, 1912) S. 44ff. – Die richtige Erklärung der unten rot, oben schwarzgebrannten Töpfe verdanke ich M. BURCHARDT. Vgl. auch v. BISSING, Praehistorische Töpfe aus Indien und aus Aegypten, Ber. Münch. Ak. 1911, 6, speziell S. 10f. die sehr lehrreiche Schilderung JAGORS von der Art, wie solche Töpfe in Indien hergestellt werden. – Wie die älteste Bestattungsform hat sich auch die älteste Tonware bei der niederen Bevölkerung Oberaegyptens bis ins Mittlere Reich und in Nubien (mit lokaler Sonderentwicklung seit den Zeiten des Alten Reichs) überall bis ins Neue Reich erhalten; sie findet sich in den zahlreichen Gräbern, welche die Engländer als »pan- graves« bezeichnen. S. die Zusammenstellung des Materials bei WEIGALL, Antiquities of Lower Nubia, 1907 und bei REISNER im Archeol. Survey (§ 165 a); ferner GARSTANG über seine Ausgrabungen in Koštamne und sonst: Ann. du serv. VIII 132ff. Ohne zwingenden Grund schreibt WEIGALL derartige Gräber in Aegypten den zahlreichen nubischen Söldnern zu, bei denen allerdings diese Ware und Bestattung eben so gebräuchlich [67] gewesen sein wird, wie bei den ärmeren Aegyptern. Auch die Zeichnungen von Giraffen, Elefanten, Menschen, Kähnen u.ä. an den Felswänden Nubiens in archaischem Stil (WEIGALL pl. 33, 1. 37. 38. 50, 27. 67. 75) sind nur zum Teil praehistorisch; großenteils stammen sie offenbar, wie die sie begleitenden Inschriften, aus der sechsten Dynastie und dem Mittleren Reich, zum Teil auch aus dem Neuen Reich, so die Pferde pl. 37, 9.


173. In dieser Entwicklung kommt ein charakteristischer Zug zum Ausdruck, der der aegyptischen Kultur dauernd eigen geblieben ist: für den gemeinen Mann wird jetzt nur noch billige Durchschnittsware ohne reicheren Schmuck fabriziert, während das fortgeschrittene Kunsthandwerk sich auf die Arbeiten für Magnaten und vor allem den Herrscher mit seinen Frauen und Dienern beschränkt, hier aber sich um so reicher entwickeln und mit der Beherrschung der Technik zugleich ein fein empfindendes Stilgefühl und eine feste Formensprache ausbilden kann. Daher finden wir in Aegypten zu allen Zeiten nebeneinander Formen, die auf den ersten Blick ganz verschiedenen Zeiten anzugehören scheinen. Erst ganz allmählich dringen die für die höchsten Kreise geschaffenen Erzeugnisse und die mit ihnen verbundenen Anschauungen in die Masse hinab und werden so zum Gemeingut des ganzen Volks; dann aber gelangen gleichzeitig oben neue Formen zur Herrschaft. Daneben tritt, je höher die Kultur entwickelt ist, um so stärker die konservative Tendenz hervor, die jeder Kultur innewohnt, das zähe Festhalten des einmal Erreichten und die Konsequenz, mit der es durchgebildet wird. Das Schwanken der Formen und des Dekorationsstils in der Zeit bis auf Menes und seine ersten Nachfolger zeigt noch die Tastversuche einer werdenden Zivilisation; dann aber setzen sich die Formen und das Stilgefühl, und fortan findet kein Schwanken mehr statt, sondern nur noch eine Modifikation auf den einmal gewonnenen und für alle Zukunft festgelegten Grundlagen. So sind ebensowohl die Vollkommenheit, welche der steinzeitliche Stil erreicht hat, wie die Langsamkeit, mit der das Kupfer und der Metallstil Boden gewinnen, echt aegyptisch. Eben durch [68] diese Zähigkeit ist die aegyptische Kultur gegen jeden Rückfall in die Barbarei gefeit; darauf beruht aber auch ihre Schwerfälligkeit und Gleichförmigkeit, das Übergewicht des traditionellen Elements. Nur indem das Neue sich den einmal feststehenden Formen anpaßt, vermag es sich durchzusetzen und dann langsam die alten Anschauungen umzugestalten und die Entwicklung in neue Bahnen zu lenken.

174. Die Funde lehren uns mit der äußeren Gestaltung des Lebens zugleich die Entwicklung des Handwerks kennen. Die Masse des Volks aber lebt von der Landwirtschaft, Viehzucht und Ackerbau. Neben gewaltigen Herden von Ziegen und Schafen, die auch der Nomade kennt – sie spielen eine viel größere Rolle als gegenwärtig, und mögen teilweise in Gegenden geweidet haben, die jetzt von der Wüste erobert sind –, von Gänsen und anderen Wasservögeln, und von Eseln, die als Last- und Reittiere dienten (das Pferd war noch unbekannt), steht dominierend die Zucht des Rindes, des wichtigsten Tiers der Kultur, das die Aegypter zu einem Bauernvolk gemacht hat. Der Ackerbau tritt uns in derselben Gestalt entgegen, die er im Niltal im wesentlichen bis ins neunzehnte Jahrhundert n. Chr. bewahrt hat. Der Boden wird mit der Hacke bearbeitet oder auch mit einem einfachen Pfluge oder vielmehr einem hölzernen Karst ohne Räder, an dem eine von zwei Rindern gezogene Deichsel befestigt ist, während der Bauer ihn an Handgriffen lenkt. Gebaut wird Weizen, vor allem die als Emmer bezeichnete Art, Gerste, Spelt, Durra; der Same wird gleich nach der Überschwemmung von Widdern oder Schweinen in den gelockerten Boden gestampft, das Korn auf der Tenne von Rindern ausgetreten, und dann in kegelförmigen Lehmspeichern oder auch in großen Tonkrügen bewahrt. Aus der Gerste wird Bier gebraut; auch Wein wird gezogen, ferner die Dattelpalme und mancherlei Gemüse. Früh hat man Bau und Verarbeitung des Flachses zu Linnen gelernt; aus Papyrusschilf wurden Stricke und Matten geflochten. Eifrig wird Fischfang und Vogelfang betrieben, und ebenso die Jagd auf den reichen[69] Wildbestand des Wüstenrands und gegen die Raubtiere, deren Felle zugleich Decken und Kleidung liefern.


Zur Landwirtschaft vgl. ERMAN, Aegypten 566ff. und H. SCHÄFER, Altaeg. Pflüge, Ioche und andere landwirtschaftliche Geräte, Annual of the British school at Athens X 1904 (= Priestergräber vom Totentempel des Neuserre S. 165ff.; ebenda S. 152ff. SCHWEINFURTH über die Pflanzenreste). – Zu Bier und Emmer vgl. § 200 A.


175. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Masse der Aegypter schon in den ältesten Zeiten nicht aus freien Bauern mit eigenem Grundbesitz bestanden hat, sondern aus Knechten, die im Dienst großer Herren und vor allem der Häuptlinge (Könige) die Felder bestellten und die Herden weideten. Auch das Handwerk ist offenbar vielfach von Hörigen geübt worden, wenngleich es daneben in den Städten immer eine freie Bevölkerung von Gewerbtreibenden und Händlern gegeben hat. – Zwischen den einzelnen Ortschaften herrscht ein reger Verkehr, zum Teil auf den Dammwegen (§ 168) – zum Fortschaffen schwerer Lasten, wie Ziegel und Steine, dient ein Schlitten Die älteste Kultur im Niltal –, vor allem aber auf dem Strom mit seinen zahllosen Armen und Kanälen. Der älteste Nachen, der in den Beigaben der Gräber in Ton nachgebildet ist (§ 170), ist aus Papyrusstengeln zusammengebunden und wird gerudert oder mit Stangen fortgestoßen; er hat sich gegenwärtig noch in Abessinien auf dem Tsanasee erhalten. Früh aber hat man auch größere Schiffe aus Holz bauen gelernt, mit ganz flachem Kiel und steil aufragendem Hinterteil, um bequem auflaufen und abstoßen zu können. Sie werden von zahlreichen kurzen Rudern getrieben und mit zwei größeren Lenkrudern gesteuert; in der Mitte stehen zwei hoch aufgerichtete Kajüten für die Waren und den Schiffsherrn. Eine hohe darüber aufgerichtete Stange, die wohl auch als Mast beim Segeln dient, trägt ein Wappenzeichen, gelegentlich einen Elefanten oder Falken, meist eine aus Holz geschnitzte Kombination von Strichen, ähnlich unseren Hausmarken oder den Eigentumszeichen der Beduinen; die Bänder, mit denen es befestigt ist, hängen als Wimpel herab. In den Malereien [70] der Vasen und des Grabes von Hierakonpolis (§ 172) sind solche Boote vielfach abgebildet; auf ihnen bringen die Grundherren die Produkte ihrer Felder und Hausindustrie zu Markte, und die Bemannung wird aus ihren Knechten bestanden haben. Dieser Wasserverkehr wird auch über die See hinaus in die Mittelmeerwelt gereicht haben (vgl. § 172), ebenso wie er zweifellos zu allen Zeiten mit dem unteren Nubien bestanden hat, wo die Grabfunde uns die gleiche Kultur, wenn auch nicht so reich entwickelt, zeigen. Daneben wurden die Kupfer- und Türkisminen der Sinaihalbinsel ausgebeutet (§ 171), und Beduinenkarawanen vermittelten den Verkehr mit den syrischen Landen.


Schiffe mit Standarten: Naqada and Ballas pl. 66. 67. Diospolis parva pl. 4. Hierakonpolis pl. 75ff, und sonst; CAPART p. 109. 116. 204. Boote mit Segeln von Graffitis in Šatt er Rigâl: DE MORGAN, Rech. I 164.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 56-71.
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