Die Vorgänger des Menes

[126] 206. Als denjenigen Herrscher Aegyptens, mit dem die fortlaufende Liste der Pharaonen beginnt, nennt die gesamte Überlieferung den König Menes, den aus Thinis in Oberaegypten stammenden Begründer der ersten Dynastie. Da der entscheidende Einschnitt, der mit ihm gemacht wird, einen Anlaß gehabt haben muß, hat man vermutet, daß er es gewesen sei, der »die beiden Reiche geeinigt« und zum ersten Male die weiße mit der roten Krone auf seinem Haupte verbunden habe. In dieser Form ist das freilich kaum richtig, da ein König Narmer, der bereits beide Kronen trägt, wahrscheinlich ein Vorgänger des Menes gewesen ist; aber die unter diesem begonnene Entwicklung mag durch Menes zum Abschluß gebracht worden sein. Daß die Einigung vom Süden ausgegangen ist, wird dadurch bestätigt, daß dieser in allen Titulaturen dem Nordreich vorangeht. Die Zweifel an der Geschichtlichkeit des Menes und seiner ersten Nachfolger, die früher mehrfach geäußert wurden, haben nie Berechtigung gehabt, obwohl sich lange Zeit trotz alles Suchens keinerlei Überreste aus den ersten Dynastien nachweisen ließen, sondern die ältesten erhaltenen Denkmäler, abgesehen von der Stufenpyramide des Königs Ẕoser, nicht über Snofru und die vierte Dynastie hinaufragten. Das ist seit 1896 anders geworden; seitdem sind Überreste aus den ersten Dynastien, darunter solche von Menes selbst, in großer Zahl zu Tage getreten. Darunter befinden sich zahlreiche Täfelchen von [126] Ebenholz oder Elfenbein mit Angaben über die Ereignisse einzelner Jahre (vgl. § 160), Feste, Bauten, Kriege, die zugleich zur Jahrbezeichnung dienten; und eine schon § 192 erwähnte Steinchronik der fünften Dynastie, von der ein Bruchstück in Palermo bewahrt wird, hat von Menes an eine vollständige Liste derartiger Jahresnotizen gegeben, so daß, wenn der Stein vollständig erhalten wäre, wir in ihm einen fortlaufenden Abriß der Geschichte der ersten Dynastien besitzen würden. Wir stehen hier also bereits auf völlig gesichertem Boden; so groß noch immer die Lücken unserer Kenntnisse sind, so steht doch jetzt auch die älteste Gestalt des aegyptischen Reichs in geschichtlich greifbaren Umrissen vor uns.


Die Entdeckung der Denkmäler der beiden ersten Dynastien beginnt mit AMÉLINEAUS Ausgrabungen in der ältesten Nekropole (Umm el Ga'ab) im Wüstensande hinter Abydos (1895ff.), wo die spätere Zeit in dem Grabe des Königs Chent (§ 211) das Grab des Osiris verehrte. AMÉLINEAUS Ausgrabungen sind schlecht ausgeführt und völlig ungenügend publiziert (Le Tombeau d'Osiris, 1899; Les nouvelles fouilles d'Abydos I. II, 1899. 1902). Erst PETRIE hat in erneuten Ausgrabungen das Material, soweit es nicht inzwischen zerstört war, erschlossen (Royal Tombs I. II, 1900f.; Nachträge in seinem Abydos I-III, 1902ff.). Ergänzt werden die Funde von Abydos durch die Aufdeckung des Grabes des Menes bei Negade durch DE MORGAN (Rech. sur les origines II, 1897; berichtigt von BORCHARDT und DÖRPFELD, ÄZ. 36, 87ff.; dazu GARSTANG, ÄZ. 42, 61ff.) und die Ausgrabungen von QUIEKLLS in Hierakonpolis (publiziert 1900f.). Eine andere Nekropole dieser Zeit in Nag'a ed Dêr bei Girge § 169 A., ferner in Ṭura südl. von Kairo [bei den großen Steinbrüchen]: JUNKER, Grabungen auf dem Friedhof in Turah, Denkschr. Wien. Ak. phil. Cl. 56, 1912. Die ersten Königsnamen haben SETHE (ÄZ. 35), BORCHARDT (Ber. Berl. Ak. 1897, 1054), MASPERO u.a. gefunden; die vollständige Liste von PETRIE, Royal Tombs, hat SETHE, Beitr. zur ältesten Gesch. Aeg. (Unters. IV), 1903, revidiert; vgl. auch meine Aeg. Chronologie 129ff. – Die Chronik von Palermo ist von NAVILLE, Rec. 21. 25, und grundlegend von H. SCHÄFER, Ein Bruchstück altaeg. Annalen, Abh. Berl. Ak. 1902, veröffentlicht; zur Rekonstruktion SETHE, Beitr. zur ältesten Gesch. Aeg. (Unters. III) und meine Aeg. Chronologie 181ff. Übersetzung von BREASTED, Anc. Rec. I, 89ff. Ein neues Bruchstück ist gefunden, aber noch nicht veröffentlicht.


207. Das älteste aegyptische Denkmal, welches einen Königsnamen trägt, ist einer der großen Keulenköpfe (vom [127] Königsscepter) aus Kalkstein, die sich in der oberaegyptischen Königsstadt Hierakonpolis gefunden haben. Er zeigt das Bild eines Königs, und davor zwei Hieroglyphen, eine Rosette und einen Skorpion; und der Skorpion mit dem Horus (in seiner ältesten Gestalt, § 199 A.) darüber hat sich auch auf einer Kalksteinvase und mehreren anderen Gefäßen gefunden. Wir haben es also mit einem oberaegyptischen Herrscher zu tun, dessen Name mit dem Bilde des Skorpions geschrieben wird. Auf dem Scepter begeht der König das Fest des »Hackens des Erdbodens«, das für den Herrscher eines Bauernvolks charakteristisch ist, und vielleicht zugleich zu einer Gründungszeremonie gehört: in vollem Ornat, mit der weißen Helmkrone, mit Königsschurz und langem Löwenschwanz, steht er am Rande eines Kanals, mit der Hacke in den Händen, während ein Diener ihm einen Korb hinhält. Andere arbeiten auf einer Insel im Fluß, auf dem ein Schiff liegt; auf der Insel steht eine Palme. Vor dem König werden die Standarten getragen, hinter ihm stehen zwei Diener mit großen Palmenwedeln. In dem Papyrusschilf der Nachbarschaft stehen die Sänften mit den Königskindern. Auf dem oberen Teil des Knaufes war eine lange Reihe von Gaustandarten dargestellt (erhalten Sêth zweimal, Minu, ein Berg [der zwölfte Gau?], ein Wolf, ein Horus, also meist Gaue aus der Mitte des Südreichs), von denen teils tote Kiebitze Die Vorgänger des Menes, teils Bogen Die Vorgänger des Menes an Stricken herabhängen. Jene sind das Symbol der aegyptischen Menschheit (rechit »Untertanen«), diese das der Fremdvölker: die Darstellung verherrlicht also wohl einen Sieg, den der König an der Spitze einer Anzahl von Gauen im Zentrum Oberaegyptens über andere Aegypter und ausländische Stämme gewonnen hat. Auch auf der Kalksteinvase ist außer dem mehrfach wiederholten Skorpion mit dem Horus darüber der Bogen und der Kiebitz Die Vorgänger des Menes (zwischen zwei Gänsen) abgebildet. Der Name des Königs steht auch, mit Tinte geschrieben, auf der Scherbe eines Tonkrugs aus einem Grabe [128] der Nekropole von Ṭura gegenüber von Memphis, so daß seine Herrschaft jedenfalls bis an das Delta gereicht hat.


Denkmäler des »Skorpions«: Hierakonpolis pl. 26 c (CAPART p. 242f.): 19, 1 = 20, 1 (CAPART p. 99); 34 (mit dem ka-Zeichen verbunden); ferner eine kleine Elfenbeinplatte aus den Königsgräbern von Abydos: Royal Tombs II 3, 19. Scherbe aus Ṭura: JUNKER (§ 206 A.) S. 8ff.; ob die auf den Horusnamen folgenden Zeichen »König von Oberaeg. P« zu lesen sind und P sein Eigenname ist, ist sehr unsicher. Die Deutung der Hauptszene des Scepters auf das chebs-to Fest stammt von MASPERO. Die Rosette mit einem anderen Zeichen auch als Beischrift bei dem Sandalenträger Narmers Hierakonp. pl. 26 b. 27. – Andere Vasen u.ä. mit Skorpionen und Skorpione von Stein, die aber nicht den König, sondern das heilige Tier darzustellen scheinen, Hierak. pl. 12, 2. 17, 1. 8, 15. 19, 15 = 20, 10. 21, 4 = 22, 4. 32, 4.


208. Den Denkmälern des »Skorpions« aufs engste verwandt sind die eines Königs, dessen Name bereits fast immer von dem Portal des Königspalastes, auf dem der Horus sitzt, umrahmt und mit zwei Zeichen geschrieben wird, die etwa Na'r-mer zu lesen sind. Von ihm stammen eine große Schminktafel und ein Keulenknauf aus Hierakonpolis. Jene schließt sich den älteren Tafeln unmittelbar an, und bildet technisch wie den Höhepunkt so auch den Abschluß dieser Kunst. Oben ist sie auf beiden Seiten mit Kuhköpfen, Symbolen der Ḥatḥôr (§ 199 A.), geschmückt, zwischen denen der Königsname steht; die Vorderseite zeigt in der Mitte zwei phantastische, von Aegyptern an Stricken gehaltene Tiere, deren lange Hälse um die Rundung des Schminknapfs verschlungen sind. Auf der Rückseite steht in mächtiger Gestalt der König mit der oberaegyptischen Krone, hinter ihm kleiner sein Sandalenträger. Der König hat einen zu Boden gesunkenen Feind beim Schopf ergriffen und erschlägt ihn mit der Keule; und dieser Feind ist in der Beischrift, einer Harpune mit einem See darunter, als Repräsentant des siebenten unteraegyptischen Gaus bezeichnet, des Gebiets südlich und westlich vom Burlussee, in dem auch Buto lag. Darüber befindet sich eine Darstellung, in der die Symbolik noch viel weiter getrieben ist: der Horusfalke hält einen Strick, der einem aus dem Erdboden [129] herauswachsenden Kopf durch die Oberlippe gezogen ist; dieser Kopf soll, wie die dabeistehenden Zahlzeichen besagen, 6000 Feinde darstellen. Unten liegen zwei nackte Erschlagene, neben denen die Namen ihrer Ortschaften stehen. – Die Vorderseite zeigt unten den Königs stier, der einen Feind niedertritt und zugleich mit den Hörnern die Mauer einer Festung einrennt. Oben ist das Siegesfest dargestellt: der König trägt hier die Krone Unteraegyptens, die er im Kampf gewonnen hat; neben ihm steht der Vezir und der Sandalenträger, vor ihm werden vier Standarten getragen, zwei mit dem Horusfalken, eine mit dem Wolfsgott, eine mit einem schlauchartigen Fetisch; und davor sind reihenweise die Getöteten aufgeschichtet, mit dem abgeschlagenen Haupt zwischen den Beinen. Darüber hackt ein Falke mit dem Schnabel die Harpune über einem Nilschiff, ein anderer einen Torflügel-die Abzeichen der besiegten Gaue. Auf denselben Krieg beziehen sich die Darstellungen des Keulenscepters, das im übrigen an Größe und Sorgfalt der Ausführung dem des Skorpions nachsteht. Narmer trägt auch hier die unteraegyptische Krone. Er thront auf hoher Estrade unter einem Baldachin, über dem Nechbet, die Geiergöttin Oberaegyptens, schwebt, umgeben von seinem Hofstaat (darunter sein Sohn in einer Sänfte); die vier Standarten sind vor ihm aufgerichtet. Weiter wird die Beute aufgezählt: 400000 Ochsen, 1422000 Ziegen, 120000 Gefangene-man sieht, an solchen Übertreibungen haben die Aegypter von Urzeit an eine naive Freude gehabt. – Diese Denkmäler lassen den historischen Hergang deutlich genug erkennen; Na'rmer ist ein Herrscher Oberaegyptens, der das westliche Delta erobert, seine Festungen gebrochen, und sich die rote Krone gewonnen hat-der Scepterknauf stellt wohl die Krönung dar –; an den Sieg hat sich ein blutiges Strafgericht angeschlossen. An den Kämpfen der Unteraegypter haben auch die benachbarten Libyer teilgenommen; denn ein kleiner Elfenbeinzylinder zeigt den Königsnamen-darüber der Horusfalke und der Geier der Nechbet –, der nach der Art dieser [130] ältesten Bilderschrift Arme erhalten hat und mit einem Stock auf die Reihen nackter Gefangener mit libyscher Haartracht schlägt, die in der Beischrift als Zeḥenu, d.i. Libyer aus Marmarica (§ 165), bezeichnet werden. Auch mehrere andere Zylinder, auf denen Aegypter nackte Gefangene beim Schopf packen, um ihnen den Schädel einzuschlagen, werden sich auf denselben Kampf beziehen. Man sieht aus diesen Darstellungen zugleich, daß die alten Aegypter genau wie die Babylonier den Gefangenen und Erschlagenen immer die Kleidung abgezogen haben. Außer in Hierakonpolis finden sich Scherben Narmers (darunter auch das Bruchstück einer Jahrtafel, das seine Königsburg nennt) vereinzelt in den ältesten Königsgräbern von Abydos und im Grab des Menes in Negade12, ein Beweis, daß er diesem zeitlich sehr nahesteht.


Daß Narmer unmittelbar an den Skorpion anschließt und älter ist als der Horus 'Aḥai und seine Nachfolger, wird durch den Charakter seiner Denkmäler zweifellos erwiesen; aber unmöglich erscheint die mir gleichzeitig von SETHE und GARSTANG geäußerte Vermuthung allerdings nicht, daß Narmer der Horusname des Menes und 'Aḥai dessen Nachfolger gewesen ist. – Denkmäler Narmers: Hierakonpolis pl. 15 (§ 167 A. vgl. pl. 11). 26 b (Keule = CAPART p. 239f.). 29 (Schminktafel = CAPART p. 236f.; v. BISSING-BRUCKMANN, Denkmäler aegyptischer Skulpturen pl. 2), in Abydos Royal Tombs I 4, 2. II 2, 3. 4 (= 10, 1). 6; 52, 359. AMÉLINEAU, Nouv. fouilles . 42. Daß Die Vorgänger des Menes zt auf dem Scepter und der Schminktafel alte Schreibung fürDie Vorgänger des Menes zati »Vezir« ist, ist mir, trotz der von der späteren etwas abweichenden Tracht, kaum zweifelhaft. – SETHE (Untersuchungen), dem ich in meiner aegyptischen Chronologie gefolgt bin, hat Narmer zu Menes' Nachfolger gemacht, weil er bereits beide Reiche beherrscht. Aber dem steht entgegen, daß sein Hauptmonument noch die später verschwindende Schminktafel ist, daß seine Denkmäler sich eng an die des Skorpions anschließen, und daß seine vereinzelten Scherben in Abydos und Negade dafür sprechen, daß er älter ist als die hier bestatteten Könige. – Ein dritter Scepterknauf aus Hierakonpolis, pl. 26 a, nur sehr verstümmelt erhalten, hat offenbar eine ähnliche Darstellung gehabt; der König auf dem Thron unter dem Baldachin, gleichfalls mit der unteraegyptischen Krone, und zahlreiche [131] Libyer, die zum Teil Geschenke bringen und Tänze aufführen. Der Name des Königs ist verloren; da er keinen Bart trägt, muß er jünger sein als Narmer und Menes. Ein weiterer Keulenknauf im British Museum mit verschlungenen Schlangen und dazwischen Vögeln bei BUDGE, Hist. I 65. – Die übrigen von PETRIE in die Zeit vor Menes gesetzten Könige (Zoser, Sma, Ro) hat SETHE, Beitr. zur ältesten Gesch. 30ff. als auf irrtümlichen Annahmen beruhend erwiesen; über König Ka s. § 211 A.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 126-132.
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