Die Gaue als Staaten und die Gaugötter

[71] 176. Die erste und dauerhafteste geschichtliche Leistung des aegyptischen Volks, die Erschließung und Urbarmachung des Niltals, liegt jenseits aller geschichtlichen Überlieferung: sie ist das Werk der Generationen, deren Grabstätten wir kennen gelernt haben. In diesen Epochen haben sich zugleich die Grundlagen des aegyptischen Staats gebildet. Es ist schon hervorgehoben worden, daß im Niltal für Einzelsiedlungen und Stammesleben kein Raum war, sondern die neuen Aufgaben neue Formen der sozialen Organisation erheischten. So sind denn die Formen staatlichen Lebens, die wir sonst überall zu Anfang antreffen, und die auch bei den Stämmen der übrigen hamitischen Völker bestehen, in Aegypten spurlos verschwunden: wir treffen hier weder Stämme-nicht einmal irgend einen Stammnamen, so wenig wie die Aegypter insgesamt einen Volksnamen besitzen (§ 164) – noch Geschlechtsverbände, noch Blutrache oder Geschlechtskulte. Die alte mutterrechtliche Ordnung (§ 167) lebt zwar [71] nicht nur in der Häufigkeit der Geschwisterehe, sondern auch in der Benennung der Herkunft des Sohnes nach der Mutter fort, und die Ehefrau nimmt als »Hausherrin« eine sehr selbständige, vermögensrechtlich dem Gatten koordinierte Stellung ein; aber die Ehe ist (mit Ausnahme des Herrschers) durchweg monogam, und wenigstens in historischer Zeit gehört in den großen Familien der Hauptteil des Besitzes den Männern und sie vererben ihn und damit zugleich ihre Lebensstellung an ihre Söhne. So uralt die aegyptische Kultur ist und so primitiv sie uns vielfach anmutet, namentlich auf religiösem Gebiet, so gehört sie doch bereits in ihrer ältesten erkennbaren Gestalt, ebenso wie die chinesische und babylonische oder etwa die mexikanische, einer über die ursprünglichen Formen menschlicher Lebensgemeinschaft weit hinausgeschrittenen Stufe an. In Aegypten steht auf der einen Seite die festgefügte, religiös begründete Staatsgewalt, auf der anderen nicht Verbände oder Geschlechter, sondern Individuen, die nicht durch die Stammesorganisation in Blutsgruppen, sondern durch Lebensstellung und Beruf in Stände geschieden sind. Aber auch diese Stände sind nicht selbständige Körperschaften mit eigenem Recht, so wenig wie die Familien, auch wenn sich in ihnen Besitz und Ansehen durch Jahrhunderte forterben mag. Familiennamen fehlen vollständig, und die Vorfahren werden (abgesehen von den feudalen Geschlechtern seit dem Ende des Alten Reichs) in den Inschriften niemals, sogar der Vater nur verhältnismäßig selten mit Namen genannt. Zwar ist der Beruf im allgemeinen erblich, und die Stabilität der Zustände bietet wenig Gelegenheit zu Änderungen; doch wen die Gnade des Herrschers oder Glück und eigene Tüchtigkeit über den Stand erhebt, in dem er geboren ist, der kann zu den höchsten Stellungen aufsteigen. Die einzige Gliederung, welche der aegyptische Staat kennt, ist rein lokal, nicht eine Gliederung des Volks in Verbände, sondern des Landes in Bezirke (Gaue): durch die Geburt gehört jeder Aegypter zu »seiner Stadt« und seinem Heimatgau, und damit auch zu dem Machtbereich seines Heimatgottes.


[72] Vor einer Übertragung der Vorstellungen von Geschlechtsverbänden u.ä. auf Aegypten (mit denen z.B. REITZENSTEIN, Zwei religionsgeschichtl. Fragen [§ 167 A.] fortwährend operiert) kann nicht dringend genug gewarnt werden; da wird die Erblichkeit des Berufs mit der Ge schlechtsorganisation verwechselt. Von letzterer kann schon im ältesten Aegypten so wenig die Rede sein, wie etwa im späteren Judentum, trotz der in diesem festgehaltenen Erblichkeit des Priesterstandes. – Der Erbadel der aegyptischen Feudalzeit ist nichts Ursprüngliches, sondern zu Ende des A. R. aus dem Beamtentum der absoluten Monarchie erwachsen (vgl. §§ 243 und 213 A.).


177. In geschichtlicher Zeit sind die Gaue (aegyptisch ḥsp, griechisch νομός) rechtlich nicht politisch selbständige Organismen, sondern Verwaltungsbezirke. Aber tatsächlich bedeuten sie weit mehr: es sind lokale Einheiten, jeder von den Nachbargauen durch Religion und Sitte und geschichtliche Sonderentwicklung scharf und dauernd geschieden. Durch alle Wandlungen der aegyptischen Geschichte hindurch haben sie sich lebendig erhalten; und wenn die Staatsgewalt schwach wird, fällt das Reich immer wieder in die Gaue auseinander. Jeder Gau hat seinen Sondergott, der in dem Hauptort seinen Sitz hat-eben aus den Ansiedlungen um diese Heiligtümer sind die Städte erwachsen –; sein Name wird durch alte symbolische Zeichen dargestellt, zum Teil mit religiöser Bedeutung, die auf Standarten gestellt werden und als Gauwappen dienen. Er zerfällt wieder in Unterabteilungen, so, wenn er beide Stromufer umfaßt, in eine östliche und westliche Hälfte, oder auch in einen nördlichen und einen südlichen Distrikt, die durch einen Kanal getrennt sind. Auch diese Abteilungen haben wieder ihre Standarten; um sie sammeln sich in den Bildern der alten Schminktafeln und Königsdenkmäler die Mannschaften zum Krieg und zur Jagd auf Löwen und Wild und ebenso zum Gottesfest (daneben erscheinen die Standarten einzelner Götter, namentlich des Kriegsgotts Upuaut, § 167). Die grundlegenden religiösen Anschauungen sind in ganz Aegypten dieselben; aber die Gottheiten8 und ihre Abzeichen, ihre Namen und Attribute, [73] die heiligen Tiere, die Feste und Speisegebote sind von Gau zu Gau verschieden: so viele Gaue und Gaustädte, so viele Religionen gibt es, die oft in freundlichen Beziehungen (mit gemeinsamen Festen und gegenseitigen Besuchen der Götter), nicht selten aber auch in erbitterter Feindschaft untereinander stehen; noch unter der Römerherrschaft ist es zwischen Nachbargauen zu förmlichen Religionskriegen gekommen. Die Gaue waren mit der aegyptischen Volksreligion so untrennbar verbunden, daß sie mit ihr zusammen gefallen sind: mit dem Siege des Christentums verschwindet auch die Gaueinteilung. Zu dem Hauptgott treten meist mehrere Beisassen, vor allem Weib und Kind, und oft noch manche weitere Kultusstätten und Gottheiten in den kleineren Orten des Bezirks hinzu. So sind die Gaue die ursprünglichen Bildungen, die der Entstehung größerer Staaten vorangegangen sind; sie entsprechen den Stadtstaaten im ältesten Babylonien und den Stammstaaten der Völker mit primitiver Organisation. Wir werden annehmen dürfen, daß in der Urzeit mehrere nahe verwandte Stämme ins Niltal eingedrungen sind und sich unter dem Schutz ihrer Stammgötter oder auch neu gewählter lokaler Mächte in den einzelnen Teilen des Landes festgesetzt haben. Aus ihnen werden, unter der Einwirkung mannigfacher geschichtlicher Momente, Kriege und Wanderungen, Eroberungen und Zerspaltung größerer Einheiten, die einzelnen Gaue hervorgegangen sein.


Für die Geographie Aegyptens war bahnbrechend BRUGSCH, Geographische Inschriften altaeg. Denkmäler, 3 Bde., 1857, neu bearbeitet in seinem Dictionnaire géographique de l'anc. Egypte, 1879 [ferner z.B. J. DE ROUGÉ, Rev. archéol. 2 sér. XI ff. und über die Gaumünzen der Kaiserzeit Rev. numism. XIV; DÜMICHEN, Geographische Inschriften, 2 Bde., und in seiner Gesch. Aegyptens, in der ONCKENSCHEN Sammlung]. Übersicht bei BRUGSCH, Die Aegyptologie 440ff. Viele wertvolle Notizen von STEINDORFF in BÄDECKERS Aegypten. Von Thutmosis III. abwärts [74] besitzen wir in den Tempelinschriften Gaulisten in großer Zahl (vorher schon im Rê'-Heiligtum des Neweserrê' und vier als Götter personifizierte Gaue in den Reliefs aus dem Totentempel des Mykerinos); dazu kommen die Angaben in anderen Inschriften und bei Strabo und Ptolemaeos. Im einzelnen hat die Einteilung mehrfach geschwankt. Die Gaue Oberaegyptens sind jetzt sämtlich festgelegt [einzelnes, wie die Lage des zwölften Gaues (des Schlangenberges, Hierakonpolis) bei Dêr el Gebrawi, ist erst nach BRUGSCH entdeckt], von denen des Delta sind leider nicht wenige noch ganz problematisch. Eine genauere historische Karte Aegyptens fehlt vollständig (die bei BRUGSCH, Geschichte, genügt nicht mehr; einzelne Gaukarten bei DÜMICHEN, Geschichte, und MASPERO, Hist. anc.); die beste Grundlage geben BÄDBCKERS Karten. Jetzt hat STEINDORFF, Die aegyptischen Gaue und ihre politische Entwicklung, Abh. sächs. Ges. phil. Cl. 27 (1909), 863ff., unsere Kenntnis wesentlich gefördert. Mit Recht hebt er hervor, daß die Gauzeichen nicht Wappen sind, wie auch ich angenommen hatte, sondern Schreibungen des Namens, und vielfach von dem Namen des Vororts abgeleitet, wie später die griechischen Gaunamen [trotzdem behalte ich die herkömmliche, praktisch brauchbare Bezeichnung nach den Abzeichen bei]. Aber mit Unrecht betrachtet er sie ausschließlich als Verwaltungsbezirke; obwohl sie mehrfach geändert sind, haben sie, oder wenigstens die wichtigeren von ihnen, ein selbständiges Leben, das sich um ihren Gott und ihre Hauptstadt konzentriert. An der Darstellung der folgenden Paragraphen habe ich daher nichts geändert. – Rivalität der Gaue und Kulte: Herod. II 69. 71. Diod. I 89 = Plut. de Is. 71; Religionskämpfe der Römerzeit: Plut. de Is. 82 (vgl. Aelian, hist. an. XI 27). Juvenal, sat. 15 (vgl. § 181 A.). – Die Standarten der Schminktafel mit den zur Jagd ausziehenden Kriegern, der Stierpalette, der Palette und des Scepters Narmers u.a. sind zum Teil deutlich Gauzeichen, ebenso auf der Palette, wo eine Anzahl Städte zerstört werden (§ 201); die daneben vorkommenden Standarten des Ostens und Westens entsprechen der auch bei Thouthotep (Berše) vorkommenden Einteilung (§ 282). Mehrere Gaue der vierten Dynastie bei SETHE, Urk. d.A. R. S. 17 (LD, II 15 a), ferner im Grabe des Meten und sonst (§ 243 A.), sodann im Dekret des Neferkeuḥor (§ 267 A.).


178. Daß freilich die 22 oberaegyptischen und 20 un teraegyptischen Gaue, welche in den Listen gewöhnlich aufgezählt werden, sämtlich einmal selbständige Staaten gewesen seien, ist gewiß nicht anzunehmen; vielmehr sind manche deutlich rein administrative Schöpfungen, wie z.B. in Oberaegypten der Sykomorengau in einen vorderen und einen hinteren [75] (13. Siut, 14. Kusae) zerlegt ist, ebenso der sogenannte Palmengau (20. Herakleopolis, 21. Nilopolis), und ähnlich mehrfach im Delta. Ein lebendiger Einblick in die älteste Gestalt und die mannigfachen Kreuzungen, die hier vorliegen, wird sich gewinnen lassen, wenn einmal die Untersuchungen über die älteste Geschichte der aegyptischen Religion und die Heimat und Verbreitung der Hauptgötter ernstlich in Angriff genommen sind; Material liegt dafür in reicher Fülle vor, wenn auch die Dürftigkeit unserer Kunde über das Delta sich überall peinlich bemerkbar macht. Zur Zeit müssen wir uns auf wenige Andeutungen beschränken. Im westlichen Delta wird weithin (Gau 4 und 5) die große Kriegsgöttin Neit von Sais (§ 167) verehrt, die unter der ersten Dynastie bereits in ganz Aegypten Anerkennung gefunden hat. Nördlich davon, im Harpunengau des Burlussees mit seiner Fischerbevölkerung, mit der Hauptstadt Buto (Ṭep), haust die Giftschlange Uazit (Buto) (§ 198). Weiter östlich liegt Ṭeṭet (Mendes), der Sitz eines Bocksgotts, und südlich davon Ṭeṭu (Busiris), die Heimat des großen Ve getationsgotts Osiris, des erstgeborenen Sohns des Erdgottes Gêb, der in den Tiefen der Erde haust und aus dieser die Kräuter und die Bäume hervorwachsen läßt, in denen seine Seele ans Tageslicht dringt. Hier ist, wie in gleichartigen kleinasiatischen Kulten (§ 484), sein Fetisch ein Baumstamm mit Querbalken, wie ein Mast, Die Gaue als Staaten und die Gaugötter, von der Theologie als sein Rückgrat erklärt, der alljährlich mit großen Festlichkeiten aufgerichtet wird und den ewigen Bestand der Welt verbürgt. Wenn die Wasser der Überschwemmung das Land bedecken, ertrinkt der Gott; aber seine Frauen Isis und Nephthys retten seinen Leichnam, und durch Zauber sowie durch die Anordnung seines Vaters, des Erdgottes, erwacht er zu neuem Leben und spendet aus seinem Grabe heraus Fruchtbarkeit und Wachstum der Pflanzen. Diese Vorgänge werden in den Kulthandlungen der Osirisfeste dargestellt, namentlich in dem großen Trauerfest um seinen Tod; und der zugehörige Mythos erzählt, daß Osiris ehemals als [76] segenspendender Herrscher auf Erden lebte, aber von seinem bösen Bruder Sêth (Setech) getötet wurde und nun im Grabe haust, als ein toter Gott, »dessen Herz still steht«, der aber durch Zauber zu neuem Leben und Zeugungskraft erweckt wird. Von der Himmelsgöttin Isis hat er einen Knaben Horus gezeugt, den die Mutter vor den Nachstellungen des Oheims in die Sümpfe des westlichen Delta bei Buto flüchtete; herangewachsen, hat er die Rache für den Vater vollzogen und sich unter dem Schutz seines Großvaters Gêb, der ihn zum Erben des Reichs einsetzte, die Herrschaft gewonnen. Dieser Horus ist vieler Orts im Delta heimisch. Als Kind (Harpokrates »Horus das Kind«) wird er vor allem in Buto verehrt; südlich von der Gabelung des Nils, in Sechem (Letopolis), haust er dagegen in anderer, erwachsener Gestalt, als »Horus der ältere« (Haruêris), Bruder des Osiris und Sêth. In späterer Zeit wird dann auch der in dem östlichen Grenzdistrikt von Phakusa (j. Ṣafṭ el Henne 20. Gau, Arabia = Gosen, vor dem Eingang des Wadi Tûmilât) heimische Falkengott Sopṭu, der Herr der Fremdvölker des Ostens, mit Horus identifiziert.


Unser Wissen von der aegyptischen Religionsgeschichte ist durch MASPERO (Etudes de mythol. et d'archéol. ég. II, 1893; danach in seiner Hist. anc.) ganz wesentlich gefördert durch die seitdem immer aufs neue bestätigte Erkenntnis, daß die meisten Hauptgötter des späteren Systems ursprünglich im Delta heimisch sind, vor allem Osiris und sein Kreis,-Die mit S beginnenden Götter sind von ROEDER in ROSCHERS Lexikon der griechischen und römischen Mythologie eingehend und lehrreich behandelt, vor allem Set, Schow und Sobk. Aus den ptolemaeischen Texten hat JUNKER, Der Auszug der Hathor-Tefnut aus Nubien, Abh. Berl. Ak. 1911, die Sagen von der Einholung der großen Göttin (die mit dem Sonnenauge identifiziert wird) zusammengestellt; kritische Analogie derselben von SETHE, Zur altaeg. Sage vom Sonnenauge, das in der Fremde war, Unters. zur Gesch. Aeg. V, 1912. – Weitere Literatur § 182 A. – Über das Wesen des Osiris s.H. SCHÄFER, ÄZ. 41, 107f. (ferner z.B. den von ERMAN ÄZ. 38, 30f. publizierten Text); den Mythus in seiner entwickelten Gestalt kennen wir bekanntlich vor allem durch Plutarch de Iside. Sehr fördernd ist die Bearbeitung des alten theologischen Textes über Ptaḥ (§ 272) durch ERMAN, ein Denkmal memphitischer Theologie, Ber. Berl. Ak. 1911, 916ff., der die älteste [77] Fassung des Osirismythus enthält und Osiris Tod im Wasser berichtet. Daraus ist später die Verschlagung seiner Leiche oder seines Sarges übers Meer nach Byblos geworden (§ 357). Ein Sonnengott ist Osiris ursprünglich ebensowenig, wie z.B. ein Nilgott, sondern er ist ein seinem Vater Gêb verwandter Gott des geheimnisvollen Erdelebens, wie der griechische Plutos. Mit dem »Westen« hat er ursprünglich gar nichts zu tun, sondern ist erst durch die Gleichsetzung mit dem Hundsgott Chonti amentiu von Abydos, die sich seit der vierten Dynastie vollzogen hat, zum »Herrscher des Westreichs« geworden; s. weiter meinen Aufsatz ÄZ. 41, 1904, 97ff. – Auch FRAZER, Adonis, Attis Osiris, 2. ed. 1907, der vorwiegend die spätere Gestalt des Kults behandelt, deutet den Osiris ganz richtig.


179. Auch viele andere Gottheiten, die in der aegyptisehen Religion eine große Rolle spielen, sind im Delta heimisch, so der Ibisgott Thout (Zḥouti, später Ṭhouti, griech. Hermes; ein Hermopolis liegt im Nordwesten, ein anderes im Nordosten des Delta), dem wir in Oberaegypten wieder begegnen werden, und der Krokodilgott Sobek (Sûchos), der namentlich in den westlichen Schilfseen verehrt wird und daher der ältesten Theologie als Sohn der Neit gilt (Unas Zl. 627). Recht verbreitet sind Löwengötter-offenbar waren in der ältesten Zeit Löwen in den Dschungeln des Delta recht häufig –, so Šow (Sosis), der das Luftreich beherrscht, und seine Gemahlin Tefênet, die wohl in Leontopolis heimisch sind, ferner die blutdürstige Sechmet, die im Gebiet von Memphis und sonst verehrt wird. Eine wohlwollende Göttin dagegen ist die Katzengöttin Bastet in Bubastis (südöstlich von Busiris), die mit rauschenden Freudenfesten gefeiert wird. Auch Kühe und Stiere werden im Delta verehrt und erscheinen vielfach als Abzeichen der Gaue. Die größte Bedeutung von allen hat der Lokalgott der Stadt Onu (Heliopolis), am Eingang des Delta am Rande der östlichen Wüste, gewonnen, Atumu, über dessen ursprüngliches Wesen wir gar nichts wissen, da er sehr früh von der Priesterschaft völlig mit dem Sonnengott Rê', dem Weltenherrscher, verschmolzen ist.

180. Oberhalb des Delta, im Gebiet des späteren Memphis, [78] sitzen dicht beieinander mehrere lokale Götter, Sokar, »der von Tonent«, Ptaḥ, dazu der Apisstier, die zu Bedeutung erst gelangt sind, als hier die Hauptstadt des Reichs erstand (§ 210). Weiter stromaufwärts liegt am Ostufer das Heiligtum einer Kuh (unteres Aphroditopolis, jetzt Aṭfih, Gau 22), die mit der Himmelsgöttin Ḥatḥôr identifiziert wird, und im Westen, im Palmengau (20. 21) von Herakleopolis (Ḥenensu, j. Aḥnâs), das des Widdergotts Ḥeršef (»der auf seinem See«). In der schon früh von den Aegyptern besiedelten Oase des Faijûm mit der Hauptstadt Šeṭet (Krokodilopolis) wird der Krokodilgott Sobek (§ 179) verehrt, der auch in Ombos, unterhalb des ersten Katarakts, ein großes Heiligtum hat. Oberhalb des Faijûms liegt an der nahe an den Fluß herantretenden Bergkette des Ostens und in der Flußniederung selbst ein großes Gebiet, über das der Hundsgott Anubis herrscht, die Gaue von Sepa (18. Hipponon), Kynopolis (17) und vom »Schlangenberge« (12. Hierakonpolis) umfassend. Zwischen die beiden letzteren schiebt sich vom linken Ufer herüber der Ziegengau (16, Hauptstadt Ḥebenu) und der des Ibisgotts Thout (15, Chmunu, j. Ešmunein, Hermopolis) ein, den wir schon im Delta kennen gelernt haben. Im Schlangenberggau wird auch eine Löwengöttin Metit verehrt. Ihm gegenüber liegen die beiden Sykomorengaue mit der großen Stadt Siout (13, j. Siut, Lykopolis). Hier ist der Wolfsgott heimisch, den wir schon als den »pfadöffnenden« Kriegsgott Upuaut kennen gelernt haben (§ 167); er wird auch weiter oberhalb in Abydos im Gau von Thinis oder This (8) verehrt. Das Gebiet der nahe verwandten Hunde- und Wolfsgötter bildet deutlich eine ursprüngliche Einheit. Beide Götter schirmen nicht nur die Lebenden, die mit ihnen in engster Verbindung stehen (vgl. die Umgürtung der Krieger mit Wolfsbälgen § 167), sondern ebenso die Toten: Upuaut öffnet auch die Pfade der Geisterwelt, und Anubis gewährt eine gute Bestattung und ein glückliches Dasein im Totenreich des Westens. Deutlich erkennbar ist die uralte Vorstellung, daß der Geist des Menschen nach dem Tode zu den Göttern [79] eingeht, in deren Schutz er auf Erden gelebt hat, und selbst die Gestalt der Tiere annimmt, in denen sie sich den Menschen offenbaren und in ihrer Mitte leben. – Eine gleichartige Einheit bildet das Gebiet des 9. Gaus von Chemmis (Panopolis, j. Achmim) gegenüber dem thinitischen, und des daran anschließenden 5. Gaus von Koptos, in denen ein mächtiger Gott der Zeugung und Fruchtbarkeit, Minu, verehrt wird. Sein Fetisch (und daher auch das Gauwappen von Chemmis) ist ein eingekerbtes Holzstück Die Gaue als Staaten und die Gaugötter; er haust in einem Steinkegel unter zwei Zypressen, und erscheint in uralten großen Steinbildern aus Koptos (§§ 169 A. 171) als ein Brettidol mit aufgesetztem bärtigen Kopf und aufgerichtetem mächtigen Phallus im Akt der Selbstbefruchtung; in späteren Darstellungen schwingt er außerdem in der Rechten eine Geißel und hat zwei mächtige Federn auf dem Haupt. Ursprünglich ist er offenbar ein an den Pflanzungen aufgerichteter Pfahl gewesen wie der Priapos und die Hermen. Eng verwandt ist der gleichfalls ithyphall gebildete, auch in Widdergestalt verehrte Amon von Theben (4. Gau). – Am linken Nilufer liegt zwischen Koptos und Abydos das Gebiet der großen, als Himmelsgöttin gedeuteten Kuhgöttin Ḥatḥôr von Tentyra (Dendera, Gau 6. 7, vgl. § 181); oberhalb von Theben, in Nechab (Eileithyia, j. Elkab, Gau 3), die Stätte einer nach der Stadt benannten Geiergöttin (§ 198). In dem früh kolonisierten Grenzgebiet (Gau 1, § 165 a) wird außer dem schon erwähnten Krokodil Sobek von Ombos in Elephantine der Widdergott Chnumu (Chnubis), auf den Katarakteninseln die Göttinnen Satet und 'Anuqet verehrt.


Daß Enḥur (Onûris), der später als Hauptgott des thinitischen Gaus erscheint, kein ursprünglicher Lokalgott ist, sondern eine aus der Theologie importierte Gestalt [vielleicht »der die ferne (Göttin des Sonnenauges) holte«], identisch mit dem Luftgott Šou (§ 179), hat SETHE, Unters. V 142f., wahrscheinlich gemacht.


181. Zwischen diese Götter sind in Oberaegypten zwei andere von universaler Bedeutung eingesprengt, die schon erwähnten Götter Sêth und Horus (§ 178). Sie haben hier, [80] in Oberaegypten, mit Osiris und Isis ursprünglich nichts zu tun, sondern sind ein feindliches Brüderpaar, Sêth der Gott der Finsternis und des Verderbens, Horus der Gott des Lichtes, der in den Lichtgestirnen sich offenbart und als Falke, Die Gaue als Staaten und die Gaugötter, über den Himmel fliegt-dann sind Sonne und Mond seine beiden Augen. Mit Sêth führt er einen ewigen, stets siegreichen, aber doch niemals zur Vernichtung des Gegners führenden Krieg. Wenn der Mond sich verfinstert, am »Tage des Grausens«, reißt Sêth dem Horus das Auge und dieser jenem die Hoden aus (vgl. Plut. de Is. 55); dann aber besiegt Horus den Sêth in blutigen Schlachten, und der Ibisgott Thout von Hermopolis, der hier als Mondgott erscheint, heilt die Schäden und versöhnt die Gegner, so daß jeder wieder in seinem Reich herrscht, sei es, daß sie sich die Herrschaft über Aegypten geteilt haben, sei es, daß Horus Aegypten und Sêth die Wüste (das rote Land) zu teil wird. Aber mit diesen, in der heiligen Geschichte mannigfach variierten Mythen sind überall aufs engste Züge verbunden, die den lokalen Kulten entstammen (wie denn auch die Mythen des Delta hineinspielen, speziell der Horus von Buto, der von Anfang an ein Falke gewesen zu sein scheint); in diesen treten die universellen mythischen Momente ganz hinter den an bestimmter Stätte herrschenden göttlichen Mächten zurück. Vor allem ist Sêth offenbar ein uralter Hauptgott des oberen Niltals gewesen. Sein Hauptsitz ist Ombos, gegenüber von Koptos, in der Mitte zwischen den alten Nekropolen von Negâde und Ballâs, also recht eigentlich im Zentrum der ältesten Kultur Aegyptens; und hier führt er den Titel »Herr des Südlandes«. Verehrt wird er in Gestalt eines phantastischen Tieres (in späterer Gestalt Die Gaue als Staaten und die Gaugötter, ursprünglich schreitend dargestellt, mit einem Pfeil an Stelle des Schwanzes), in dem WIEDEMANN vielleicht mit Recht eine Nachwirkung des jetzt im oberen Kongogebiet entdeckten Okapi zu erkennen glaubt, das in früher Urzeit noch in Aegypten vorgekommen [81] sein mag. Außerdem finden wir ihn im Gau von Šesḥotep (Gau 11), südlich von Siut, und weit im Norden im Gau von Oxyrynchos (19), wo als heiliges Tier ein »spitzschnauziger« Fisch verehrt wird. Die Hauptstadt des Horus ist Edfu (Apollinopolis magna) im zweiten Gau, wo der Falke völlig zum Sonnengott geworden und die Sonnenscheibe, mit zwei gewaltigen Flügeln und herabhängenden Uraeusschlangen (vgl. § 191), sein Symbol ist. Tagtäglich wird er am Horizont neu geboren und zeugt dann sich selbst im Leibe seiner Schwester und Gemahlin, der zur Himmelsgöttin gewordenen Kuh von Dendera, die daher den Namen Ḥatḥôr, »Haus des Horus«, trägt. Aber auch sonst ist er weit verbreitet; abgesehen von der späteren Königsstadt Nechen (Hierakonpolis, s. § 198), gegenüber von Elkab, finden wir ihn im Gau von Koptos (5), dessen Wappen zwei Falken sind, im Gau des Schlangenbergs (12) und im Ziegengau (16). Hier haben zweifellos politische Vorgänge eingewirkt: Horus verdankt seine Verbreitung in Oberaegypten dem Reich der Horusverehrer (§ 199), und es ist nicht unmöglich, daß damals erst der Kult des unter aegyptischen Gottes (von Buto?) als des Königsgotts eingeführt und mit dem lokalen Stammgott von Edfu identifiziert worden ist. Ähnliche Einwirkungen aus noch älterer Zeit, die wir aber gegenwärtig noch nicht bestimmt greifen können, werden auch der Verbreitung des Sêthkults in Oberaegypten zu Grunde liegen. Durch die Gründung der beiden Reiche der Horusverehrer ist dann das Wesen der beiden Götter ganz wesentlich beeinflußt und die spätere Gestalt der Mythen geschaffen worden; vielleicht ist damals umgekehrt auch der Kult des Sêth ins Delta eingedrungen, wo er vorher wohl nur im Mythus von Osiris eine Rolle spielte, aber keinen eigenen Kult hatte. Über diese Fragen kann erst von einem weiteren Vordringen der Forschung Aufklärung geschaffen werden.


Eine kritische Analyse der Mythen und Kulte des Horus und Sêth ist ein dringendes Bedürfnis der aegyptischen Religionsgeschichte; meine Erstlingsarbeit Set-Typhon, 1875, ist jetzt natürlich vielfach überholt [82] und veraltet (vgl. noch § 109). S. jetzt ROEDERS Artikel Set in ROSCHERS Lexikon, wo das reiche Material sehr übersichtlich geordnet ist. – Daß das Tier des Horus nicht der Sperber, sondern der Falke ist, zeigt LORET, Horus-le-faucon, Bull. de l'inst. français d'archéol. au Caire III, 1903. – In Tanis und Auaris ist der Sêthkult erst von den Hyksos begründet. – Das Ombos des Gottes Sêth [das früher irrtümlich mit dem Ombos des Sobek identifiziert wurde] ist 1896 von PETRIE, Naqada and Ballas, gefunden worden; erst dadurch ist ein richtiges Verständnis von Juvenals fünfzehnter Satire möglich geworden.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 71-83.
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