Zweite Dynastie

[139] 213. An Stelle des Beunuter (Ubienthis), des letzten Königs der ersten Dynastie, nennt die Königstafel von Abydos den in den anderen aegyptischen Listen übergangenen Baẕau; und unter dem Namen Boethos erscheint dieser bei Manetho als Begründer der zweiten, gleichfalls thinitischen Dynastie. Offenbar hat es in dieser Zeit mancherlei Thronwirren und Prätendenten gegeben; die eine Liste hat dann den letzten Herrscher des alten, die andere den ersten des neuen Geschlechts allein berücksichtigt, während Manetho beide aufgenommen, dafür aber den Qebḥu übergangen hat. Baẕaus Name findet sich neben dem von Königen der vierten und fünften Dynastie auf einer Schreibertafel aus Gize, nördlich von Memphis; hier mag also sein Grab gelegen haben. Über seine Nachfolger stimmen die aegyptischen Listen und Manetho im wesentlichen überein; dagegen ist es bis jetzt völlig unmöglich, die Königsnamen, die auf den noch ziemlich sporadischen Denkmälern dieser Zeit vorkommen, mit ihnen irgendwie in Einklang zu bringen; nur der dritte König, Binothris, kehrt überall wieder. An Denkmälern besitzen wir von ihm nur ein paar Scherben aus dem Grabe eines seiner Nachfolger in Abydos. Dagegen ist von seinen Annalen in der Chronik des Palermosteins ein großes Stück erhalten, das freilich nur von Steuererhebungen, Festen u.ä. berichtet; ebenso von zwei späteren Regierungen. Danach scheinen unter diesen Herrschern friedliche Zustände geherrscht zu haben, bei denen ein Jahr wie das andere nach den festen Regeln der Staats- und Kultusordnung verlief. Spuren der Gräber des Binothris und seiner beiden Vorgänger sind bei Memphis erhalten; dagegen hat sich von ihnen in Abydos kein Grab gefunden, ebensowenig von einem König Perenma'at mit dem Vornamen Sechemjeb, dessen Name in Siegelabdrücken auf dem Verschluß von Weinkrügen in einem alten Fort bei Abydos und im Grab seines Nachfolgers mehrfach vorkommt. Dieser Nachfolger Perjebsen nennt sich niemals Horus, hat auch keinen Horusnamen; statt dessen steht über dem seinen Namen umschließenden Portal das Tier des Sêth, und auf dem Siegel eines Beamten heißt es, daß »Nubti (der Sêth von Ombos) die beiden Lande seinem Sohn, dem König von Ober- und Unteraegypten Perjebsen übergeben hat«. Haben wir es hier etwa mit einer Reaktion gegen die Horuskönige und zugleich gegen die Verschiebung des Schwerpunkts des Reichs nach Memphis zu tun, die sich auf den oberaegyptischen Gott Sêth stützt und den König als dessen Inkarnation betrachtet? Perjebsen hat sich wieder ein Grab in Abydos gebaut, eine recht einfache Anlage mit einer Kammer von Ziegeln seitwärts von den Gräbern der ersten Dynastie; auch seine beiden Grabstelen, beide mit der Aufschrift »Sêth Perjebsen«, sind erhalten. Doch hat er über ganz Aegypten geherrscht; nicht nur führt er den Titel suteni biti und »Herr der beiden Kronen«, sondern sein Totendienst [141] besteht in Sakkara bei Memphis noch unter der vierten Dynastie, verbunden mit dem des Königs Sethenes (Senṭi), des fünften Königs der Listen, der wahrscheinlich sein Nachfolger gewesen ist.


R. WEILL, Les monuments et l'histoire des IIe et IIIe dynasties, 1908, hat die Monumente dieser Zeit eingehend und sorgfältig, aber eben so einseitig behandelt (er läßt z.B. die Könige Baẕau, Senṭi, Nebka und Ḥuni bei der geschichtlichen Behandlung ganz unberücksichtigt); sein Versuch, die Wertlosigkeit der monumentalen Listen und Manethos nachzuweisen, ist daher mißglückt: zu solchen Folgerungen reicht unser ganz lückenhaftes Material in keiner Weise aus. – Auf der Schulter der archaischen knienden Statue eines hohen Beamten (in Kairo, GREBAUT, Le musée égyptien I, pl. 12. 13. DE MORGAN, Rech. II pl. IV, p. 293. CAPART p. 251. BORCHARDT, Statuen von Königen und Privatleuten, Catalogue gén. du musée du Caire, no. 1) sind die drei Horusnamen Ḥotepsechemui, Nebre' und Nuteren (d.i. Binothris) genannt. In derselben Folge erscheinen sie auf Gefäßscherben im Grab des Perjebsen in Abydos R. T. II 8, 8-13. Die beiden ersten auch auf einer Feuersteinschale aus dem Tempel des Mykerinos: BORCHARDT, Klio IX 488. Siegel von Weinkrügen der beiden ersteren (die also aus ihrem zerstörten Grabe stammen) in einem Grab bei der Unaspyramide: MASPERO, Ann. du serv. III, 182ff. WEILL l.c.p. 154ff.; desgl. von Nuteren aus Gize: PETRIE, Gizeh and Der Rifeh pl. V. WEILL l.c.p. 438f. Ob der Horus Ḥotepsechemui mit dem König Baẕau identisch ist, ist nicht zu entscheiden. Tafel aus Gize mit Baẕaus Namen: REISNER, ÄZ. 48, 113. Horus Nuteren (auch auf dem Palermostein Zl. 4) ist wohl sicher = Binothris (Benuteru), dem dritten König der Listen. – Daß Horus Sechemjeb nicht mit König Perjebsen identisch, sondern sein Vorgänger ist, hat WEHLL, Rec. XXIX 5ff. gezeigt. Horus Sechemjeb, mit dem Eigennamen Perenma'at: R. T. II 21, 164 bis 172. Abydos III, pl. 9, 3. Siegel bei PETRIE, Hist. I2 24 = WEILL p. 7. – Sêth Perjebsen: R. T. II 21, 173-177. 22, 178-190; 31. GARSTANG, Beth Khallaf X 8; mit Königstitulatur (aber ohne Horus) R. T. I 4, 7. 29, 87f. II 22, 190. Die angeführte Siegellegende hat WEILL p. 117 erklärt. – Perjebsen mit Senṭi (= Sethenes) im Grabe des Šeri in Sakkara: MARIETTE, Mastabas 92f. LEPSIUS, Auswahl 9. Scherbe einer Dioritschale mit seinem Namen im Tempel des Chephren: HÖLSCHER, Grabdenkmal des Chephren S. 106. Senṭi auch im medizin. Pap. BRUGSCH, Rec. des Inscr. pl. 99 (nach Usaphais) und auf der späten Berliner Bronze 8433.


214. Während in Hierakonpolis Denkmäler von den Nachfolgern des Narmer aus der ganzen ersten und der ersten Hälfte [142] der zweiten Dynastie nicht vorkommen, haben sich hier mehrere Monumente eines Königs mit dem Horusnamen Cha'sechem erhalten: zwei sitzende Statuetten von Schiefer und Kalkstein, mit langem Königsmantel und der Krone des Südreichs, Steingefäße und Bruchstücke von Stelen. Mit Ausnahme einer Stele, die sich auf einen Sieg über die Nubier bezieht, sind sie alle zur Verherrlichung seiner Siege über die Rebellen des Nordlandes in die alte Königsstadt geweiht. Haufen von nackten Toten liegen zu Füßen seines Throns, nach der Beischrift der einen Statue 47209, nach der anderen 48205-man sieht, auf Zahlen kam es ihm so wenig an wie Narmer (§ 208). Auf den Vasen vereinigt ihm die Geiergöttin von Elkab die symbolischen Pflanzen der beiden Lande; die Beischrift lautet: »Jahr der Besiegung der Rebellen des Nordlandes.« So bestätigen diese Denkmäler, daß die Reichseinheit zeitweilig zerrissen war; und wenn Cha'sechem das Nordland wieder unterworfen hat, mögen bald neue Empörungen gefolgt sein. Dadurch werden sich die Differenzen zwischen den Königsnamen der Listen und der Monumente zum Teil erklären. – Da uns Cha'sechems Eigenname nicht bekannt ist, können wir ihn mit keinem Herrscher der Listen identifizieren; nach der Form des Horusnamens und dem Stil der Denkmäler gehört er dem Ende der zweiten Dynastie an. An anderen Stellen Aegyptens hat sich bisher keine Spur von ihm gefunden.


Die Denkmäler: Hierakonpolis pl. 36-41. 58; auf dieser Stele sind die Feinde wie bei Narmer durch ein Landstück mit Kopf dargestellt und durch das Zeichen stj als Nubier bezeichnet; ob das aber Neger oder Hamiten sind (s. § 165 a), ist nicht zu entscheiden. Die Statuen auch bei CAPART p. 258, fälschlich dem Cha'sechemui zugeschrieben. – Ob die von einem Siegelring, den die Geiergöttin auf den Vasen trägt, umschlossenen Buchstaben bš den Eigennamen des Königs bezeichnen, ist fraglich; im übrigen kann der Horusname Cha'sechem unmöglich von Ḥotepsechemui, Sechemjeb, Cha'sechemui, d.i. den anderen Königen der 2. Dynastie, getrennt werden.


215. Im Turiner Papyrus sind von den letzten vier Königen der Dynastie auch die Regierungszahlen und das Lebensalter [143] erhalten; danach haben sie kein hohes Alter erreicht. Aus den Denkmälern ist keiner von ihnen bekannt; statt dessen lernen wir einen Horus Cha'sechemui kennen, dessen Eigenname nicht sicher lesbar ist. In der Liste der Jahrnamen des Palermo steins ist unter einem der letzten Könige der Dynastie sein Geburtsjahr verzeichnet; er muß mithin ein legitimer Thronerbe gewesen sein. Er ist der einzige Pharao, der ständig den Doppeltitel »Horus und Sêth« führt; in ihm ist also die Macht des Sêth Perjebsen (§ 213) mit der der Horusverehrer vereinigt. Mit Perjebsen berührt er sich auch darin, daß er außer diesem der einzige König dieser Dynastie ist, der sich in Abydos ein Grab angelegt hat, jenseits der älteren Königsgräber, und zwar zum ersten Male eine Grabkammer aus Stein, die von den aus Ziegeln erbauten Grabzellen der Hofbeamten umgeben ist. Auch eine Königsburg hat er hier gebaut; und in Hierakonpolis haben sich große Bruchstücke einer steinernen Türeinfassung mit seinem Namen und einer (nicht lesbaren) Liste besiegter Völker gefunden. – Seine Gemahlin Nema'atḥapi ist die Mutter des Königs Ẕoser gewesen, mit dem der Turiner Papyrus zum ersten Male einen Einschnitt macht und eine neue Dynastie beginnt, die der dritten, aus Memphis stammenden, Manethos entspricht. Wie es aber zu erklären ist, daß im Papyrus (und ebenso in der Tafel von Abydos) als letzter König der alten Linie ein König Nebka erscheint (mit 19 vollen Jahren und ohne Angabe seines Lebensalters), ist völlig unklar. Bei Manetho ist er nicht genannt, statt dessen aber als erster König der dritten Dynastie und Vorgänger Ẕosers ein König Ne cherophes; sollte dieser dem Cha'sechemui entsprechen und Nebka der letzte Repräsentant einer älteren Linie sein? Phantastische Hypothesen zu ersinnen wäre leicht; zu irgendwie gesicherter Erkenntnis reicht unser Material in keiner Weise aus. Nur das scheint klar, daß es an Thronwirren und Kämpfen nicht gefehlt haben kann; erst Ẕoser mag die Einheit des Reichs wiederhergestellt und zugleich mit den alten Traditionen der Thiniten definitiv gebrochen haben (um 2900 v. Chr.).


[144] Denkmäler Cha'sechemuis (sein Eigenname wird etwa Neterui (?)-wonef-ḥotep geschrieben, was sich zur Not mit Νεχερωφής identifizieren ließe): R. T. II 9. 23f. Hierakonpolis pl. 2. 23. 59, 8. Abydos III 9, 8. Königsburg Shunet ez-Zebîb: PETRIE, Abydos II p. 3. Nema'atḥapi heißt unter ihm »Mutter der Königskinder« R. T. II 24, 210, unter Ẕoser »Königsmutter« GARSTANG, Bet Khallaf 10, 7. Sie hat einen Grabkult bei Memphis, auf den Snofru dem Meten eine Anweisung gegeben hat: LD. II 6. – Weitere Siegelabdrücke des Cha'sechemui, der Nema'atḥapi und des Ẕoser aus dem Bau in Abydos veröffentlicht von NEWBERRY, Annals of Archaeol. and Anthropol. Liverpool II pl. 22-25. – Der durch Denkmäler bekannte König Nebka ist wohl der König der 3. Dynastie (§ 231). – Nach dem Palermostein kommen auf Zl. 4. 5. = Dynastie 2 (vielleicht mit Einschluß des Anfangs der 3. Dynastie) etwa 240 Jahre, nach dem Turiner Papyrus auf die ersten 18 Könige bis auf Ẕoser (exkl.) etwa 420 Jahre. (= ca. 3315-2895 v. Chr.), gegenüber 565 Jahren bei Manetho. (Königsliste umstehend.)


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 139-145.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Die beiden »Freiherren von Gemperlein« machen reichlich komplizierte Pläne, in den Stand der Ehe zu treten und verlieben sich schließlich beide in dieselbe Frau, die zu allem Überfluss auch noch verheiratet ist. Die 1875 erschienene Künstlernovelle »Ein Spätgeborener« ist der erste Prosatext mit dem die Autorin jedenfalls eine gewisse Öffentlichkeit erreicht.

78 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon