Die dritte Dynastie

[169] 230. Die dritte Dynastie, die mit König Ẕoser zur Herrschaft kam (§ 215), bezeichnet Manetho als memphitisch; die Verschiebung des Schwerpunkts des Reichs an die Südgrenze des Deltas kommt mit ihr zum Abschluß. Damit wird es zusammenhängen, daß fortan das Fest der Horusverehrung, das die Thiniten von ihren Vorgängern übernommen hatten, aus den Reichsannalen verschwindet. Auch sonst tritt der Fortschritt der Entwicklung, der sich unter den Thiniten vollzogen hat, unter Ẕoser sinnfällig hervor: wir nähern uns bereits der Blütezeit der altaegyptischen Kultur. Ẕoser hat zweifellos über ganz Aegypten geherrscht. Eine Siegestafel von ihm steht bei den Minen der Sinaihalbinsel, und eine späte, aber einen echten Kern enthaltende Überlieferung berichtet, er habe, als sieben Jahre lang die Überschwemmung ausblieb und daher die größte Hungersnot herrschte, um den in den Katarakten entspringenden Nil wieder gnädig zu stimmen, dem Gott Chnumu von Elephantine das »Zwölfmeilenland« oberhalb des ersten Katarakts zu beiden Seiten des Nils geschenkt, mit steuerfreiem Eigentum an den Äckern und dem Recht, von allen Jägern und Fischern, von allen Arbeiten in den Steinbrüchen, und von allen aus Nubien eingeführten Produkten den Zehnten zu erheben. Danach wäre von ihm das nubische Grenzland bis Hierasykaminos hin dem Reiche einverleibt worden. Denkbar wäre, daß diese Vorgänge, wie schon die Kämpfe unter Cha'sechem (§ 214) und später unter [169] Snofru (§ 232) und seinen Nachfolgern, mit dem Vordringen der Neger nach Unternubien (§ 165 a) zusammenhängen. – Ẕosers Name und der seiner Mutter (§ 215) und seiner Beamten findet sich auf zahlreichen Tonverschlüssen von Krügen in einem großen Grabe unterhalb von Abydos (bei Bet Challâf), das einen beträchtlichen Fortschritt über die Gräber der zweiten Dynastie zeigt (vgl. § 217). Die Leiche ist tief im Felsboden in einer Grabkammer geborgen; darüber ist ein großer massiver Ziegelbau mit schräg ansteigenden Seitenflächen (die Urform der späteren Mastaba) errichtet, mit mehreren Schachten, durch die nach Beisetzung der Leiche große Steinblöcke auf den unterirdischen Treppengang hinabgelassen wurden, der zur Grabkammer führte. Es scheint, daß dies Grab für den König selbst gebaut ist; außerdem aber hat er sich auf dem Wüstenplateau bei der Kultstätte des Sokar von Memphis (Sakkara) noch einen ganz andersartigen Grabbau errichtet. Er besteht in seiner äußeren Erscheinung aus sechs aufeinander getürmten, nach oben sich verengenden derartigen »Mastabas« und ist nicht mehr von Ziegeln, sondern von Kalksteinquadern erbaut. Im Innern, unter der Erde, enthält er die Grabkammer; über einer mit bunten Fayenceziegeln ausgelegten Tür steht der Name des Königs. Es ist die sogenannte Stufenpyramide, der Vorläufer der späteren echten Pyramiden. So kündigt sich die neue Zeit mit Ẕoser mächtig an. Wenn wir auch schon ältere Ansätze zu Steinbauten kennen gelernt haben (§ 217), so gelten doch Ẕoser und sein Baumeister und Totenpriester Imḥotep-der als zaubermächtiger Wundertäter in den letzten Jahrhunderten der aegyptischen Geschichte eifrig verehrt ward und für einen Sohn des Ptaḥ und Verfasser medizinischer und magischer Schriften galt-den Späteren nicht mit Unrecht als Erfinder des Steinbaus. Auch die Festung im Delta, die den Namen »Tor des Imḥotep« trägt, wird von ihm angelegt sein.


Im allgemeinen s. WEILLS § 213 A. erwähntes Werk über die 2. u. 3. Dynastie. – Denkmäler Ẕosers (Horusname Neterchet): Tafel in Wadi Maghara BÉNÉDITE, Rec. XVI 104, vollständiger WEILL, Rev. arch. [170] 4 série, II 235 = WEILL, Rec. des inscr. du Sinai p. 100, und jetzt WEILL, 2e et 3e dyn. p. 128f. Siegel in Hierakonpolis 70, 3. Scherbe in Abydos R. T. I 4, 3; weitere Siegelabdrücke § 215 A. Grab von Bet Challaf: GARSTANG, Mahâsna and Bet Khallâf, 1903 (in der Nähe mehrere kleinere Gräber von Beamten dieser Zeit). Stufenpyramide: LD. II 2. Aegyptische Inschriften des Berliner Museums I 1, vgl. BRUGSCH und STEINDORFF, ÄZ. 28, 110. BORCHAHDT, ÄZ. 30, 83. 87ff.; die Zweifel an dem Alter der Inschrift sind jetzt nicht mehr haltbar. Mit dem Namen Ẕoser-nub, der offenbar aus dem Zusatz Rê'nub gebildet ist [dagegen mit Unrecht JÉQUIER, Rec. 30, 45], den sein Horusname in dieser Inschrift erhält, erscheint er auf einem Block aus Sakkara bei GAUTHIER, Bull. de l'inst. français du Caire V 41f.; es folgen Teti [offenbar Ẕoser II.] und Userkaf (5. Dynastie). Der Zusatz Re'-nub (»goldener Rê'« oder »Rê' und Nubti-Sêth«?) ist wohl sicher ein Vorläufer des Titels Ḥor-nub, der zuerst bei Cha'ba und von Snofru an regelmäßig erscheint. Man erklärt diesen Titel, der in der Rosettana durch ἀντιπάλων ὑπέρτερος wiedergegeben wird, gewöhnlich als »Horus, der über Nubti (Seth) siegt«, ob mit Recht, ist doch sehr fraglich; vgl. MORET, Royauté pharaonique p. 23ff. – Die Schenkung des Dodekaschoenos nach der Inschrift von Schêl aus der Ptolemaeerzeit s. SETHE, Dodekaschoenos (Beitr. zur Gesch. Aegyptens II); seine Erklärung des Zwölfmeilenlandes (dagegen LORET in der Sphinx VII; WILCKEN, Archiv für Papyrusforschung II 176f.) hat er ÄZ. 41, 58ff. zurückgenommen; vgl. auch SCHÄFER, ÄZ. 41, 147 über Takompso und SCHUBART, ÄZ. 47, 154ff. Über Imḥotep (griech. Ιμούϑης) s. SETHE, Imḥotep (Beitr. II), der den Namen mit Recht auch bei Manetho einsetzt. – Daß in der Unainschrift Zl. 21 sebi n Imḥotep »Tor des Imḥotep« zu lesen ist, nehmen G. FOUCART und WEILL (Sphinx VIII 186) mit Recht an; es kann aber nicht nach dem ephemeren König dieses Namens (§ 235 A.), sondern nur nach einem Privatmann, also vermutlich nach dem Baumeister Ẕosers, benannt sein. – Statue Ẕosers von Sesostris II.: Aegyptische Inschriften des Berl. Mus. (III) 144. Kult in späterer Zeit: ERMAN, ÄZ. 38, 115ff. Bei Manetho hieß Ẕoser Tosorthos, bei Africanus verschrieben Τόσορϑρος, bei Eusebius Sosorthos. – Nach anthropologischem Urteil kommt in den Gräbern von Gize und Ṭura und sonst mir der 3. Dynastie ein neuer, von den älteren abweichender und höher entwickelter Schädeltypus zur Herrschaft: DERRY bei JUNKER, Friedhof in Turah § 206 A.) S. 86ff. Nun wäre eine Invasion Aegyptens durch fremde Eroberer in dieser Zeit denkbar-unser Material ist zu gering, um eine solche Annahme schlechthin abzuweisen –; aber ganz unmöglich ist, daß dadurch die ältere einheimische Bevölkerung verschwunden wäre: sie muß nach wie vor auf diesen Friedhöfen der ärmeren Bevölkerung dominieren. So wird die Erscheinung doch wohl anders erklärt werden müssen.


[171] 231. König Ẕoser hat 19 Jahre regiert; aus der sechsjährigen Regierung seines Nachfolgers Ẕoser II. mit dem Zunamen Atoti (Teti) IV. besitzen wir keine Denkmäler. Auf ihn folgen in allen aegyptischen Königslisten nur noch zwei Könige, deren Namen freilich in ihnen sehr verschieden lauten: bei Manetho erscheinen dagegen nach Ẕoser noch 7 (bei Eratosthenes 6) Könige mit ganz andersartigen Namen. Es scheint somit, daß die Reichseinheit auch jetzt wieder aufgelöst war. Einer dieser Könige ist Nebka II. (Nebkere') gewesen, dessen Totenkult in einem alten Grabe bei Memphis (Abusir) erwähnt wird; er ist vielleicht mit dem Horus Sanacht identisch, dessen Name in einem Grabe bei Bet Challâf und auf einem Siegesdenkmal auf der Sinaihalbinsel neben dem Ẕosers vorkommt. Der letzte Herrscher der Dynastie ist jedenfalls Ḥuni gewesen, der nach dem Turiner Papyrus 24 Jahre regiert hat. Ihm wird vermutlich die südliche der beiden großen Steinpyramiden von Dahšûr (südlich von Memphis) angehören, die sogenannte Knickpyramide, die in zwei verschiedenen Winkeln ansteigt und den Übergang von der Stufenpyramide zur echten Pyramide bezeichnet. An Umfang und Höhe steht sie nur wenigen Pyramiden nach.

Insgesamt haben nach dem Turiner Papyrus die 4 Könige der dritten Dynastie nur 55 Jahre regiert (ca. 2895-2840 v. Chr.); auf dem Palermostein, auf dessen erhaltenem Bruchstück sie überhaupt nicht vorkommen, ist der ihnen zugewiesene Raum vielleicht noch kleiner, keinesfalls aber größer gewesen. Mithin ist Manethos Zahl, der Ẕoser und seinen 7 Nachfolgern 186 Jahre gibt, etwa um das Vierfache zu groß.


Totenkult des Ẕoser II. Atoti IV. (vgl. § 230 A.) in der Perserzeit: ERMAN, ÄZ. 38, 117. Die Folge Ẕoser, Nebka, Snofru steht durch den Pap. WESTCAR (§ 249) fest; daß Ḥuni der unmittelbare Vorgänger Snofrus war, sagt auch der Pap. PRISSE. – Nebka: LD. 39 a.b. Aegyptische Inschriften des Berl. Mus. I S. 30. Nach ihm benanntes Dorf: BORCHARDT, Grabdenkmal des Ne-user-re' S. 79. – Horus Sanacht: GARSTANG, Bet Khallâf pl. 18f., wo der Eigenname in dem Fragment 19, 7 zu Nebka ergänzt werden kann; PETRIE, Res. in Sinai, Abb. 48. 49. [172] WEILL, 2e et 3e dyn. 136ff., 433ff., der ihn vielmehr mit Neferka identifizieren will. – Dieser Königsname Neferka scheint, in flüchtiger Schreibung (BORCHARDT I. c. 79, 1 will den Namen vielmehr Ka-ḥor lesen, vielleicht wäre Neter-ka richtiger), auf Steinblöcken der großen, nicht über die ersten Anfänge hinausgekommenen Pyramide auf dem Wü stenplateau von Zawijet el Arjân (südlich von Gize, hinter einer verfallenen, gleichfalls namenlosen) vorzukommen, s. MASPERO und BARSANTI, Ann. du serv. VII 257ff. WEILL I. c. 433ff., und würde dann mit Neferkerê' II., dem letzten König der Dynastie in der Tafel von Abydos, identisch sein; aber hier ist noch alles unsicher. Sehr seltsam ist die Gruppe Rê' nb, die mehrfach hinter diesem Königsnamen steht. – Ferner gehört hierher Horus Cha'ba auf einem Siegel aus Hierakonpolis pl. 70 1, einer Schale des Berl. Mus., einem Siegel PETRIES (WEILL, 2e et 3e dyn. p. 92) und einer Steinschale im Totentempel des Saḥurê' neben Schalen Snofrus (BORCHARDT, Grabdenkmal des Sahure, I 114). – Nefersaḥor dagegen (Aeg. Chronol. S. 154) ist identisch mit Pepi I. (§ 262). – Der Name des Ḥuni findet sich in ältester Schreibung, als »König (suteni) Ḥ« in Elephantine (BORCHARDT, ÄZ. 46, 13); sein »Haus« im Letopolitischen Gau wird LD. II 3 (SETHE, Urk. des Alten Reichs S. 2) im Grab des Meten (wo der Name früher Suḥten oder König Ḥeten gelesen wurde), sein Kultus Palermostein Rev. Zl. 5 erwähnt. – Weitere Gräber dieser Zeit westlich von Abydos bei GARSTANG, Tombs of the third dynasty, 1904; sie enthalten keine Inschriften, zeigen aber die fortschreitende Entwicklung zum Mastabagrabe der 4. Dynastie. Auch die »Treppengräber« in Elkab u.a. gehören wohl zum Teil schon in diese Zeit. – Die beiden Steinpyramiden von Dahšûr sind jedenfalls älter als die des Cheops; da die nördliche Snofru angehört, kann die Knickpyramide [vgl. PETRIE, Pyramids and Temples of Gizeh p. 56f. A Season in Egypt p. 26ff.; BORCHARDT, ÄZ. 32, 94] kaum einem anderen Herrscher als Ḥuni zugewiesen werden. – Reste einer Stufenpyramide bei Sila im Faijûm (hinter Medum): BORCHARDT, Ann. du service I 211ff. – (Königsliste umstehend.)


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 169-173.
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