Die Gräber des Alten Reichs

[181] 236. Nicht nur äußerlich sind die Pyramiden bei Memphis das Wahrzeichen des Alten Reichs; sondern sein innerstes Wesen kommt in ihnen zum Ausdruck. Der gesamte Staat ist konzentriert in der Person des »großen Gottes«-so heißt der Pharao auf den Siegesdenkmälern des Alten Reichs am Sinai, während man später ständig »der gute Gott« sagt (§ 252) –; und die höchste Aufgabe des Staates ist, ihm [181] das Genußleben seiner Herrscherstellung auch nach dem Tode für alle Ewigkeit zu sichern. Die Religion mit ihrem Zauberspuk weist dazu den Weg, die gesteigerte Kultur gewährt die technischen und materiellen Mittel, das Ziel in möglichster Vollkommenheit zu erreichen. Gleich nach der Thronbesteigung wählt der neue Gott den Platz wie für seine zeitliche so für seine ewige Wohnung und bestimmt ihren Namen; seine ganze Regierung hindurch ist das gesamte Reich an dem Riesenbau tätig; große Stiftungen sorgen für seinen Unterhalt, und seine vertrautesten Diener und höchsten Beamten übernehmen den Dienst der täglichen Opfer und Zaubersprüche im Grabtempel, die seinem Geist ewiges Leben sichern.


Ich weise nochmals darauf hin, daß es sich beim aegyptischen Totenkult niemals um die Verehrung eines Gottes handelt, von dem man Schutz und Hilfe erhofft oder dessen Zorn man zu besänftigen sucht (wie die Theorie, welche die Religion aus dem Ahnenkult ableitet, postuliert), sondern immer umgekehrt um die künstliche Belebung eines an sich ohnmächtigen Geistes, der göttergleich gemacht werden soll, aber es doch nun einmal nicht ist. Erst seit dem Neuen Reich haben sich vereinzelt einige wenige tote Könige (wie Amenophis I.) und andere Sterbliche (wie Imḥotep und der weise Amenophis) zu sekundären Göttern entwickelt. – Eine Skizze des Alten Reichs und seine Kultur habe ich in meinem Vortrag: Aegypten zur Zeit der Pyramidenerbauer, 1908, gegeben.


237. Wie schon unter den Thiniten erhalten auch unter den Memphiten die Gemahlinnen und Kinder des Herrschers, der Hofstaat und die höchsten Reichsbeamten Anteil an den Segnungen dieser Unsterblichkeit. Der König schenkt ihnen den Platz für ihr Grab in der Nähe seiner Pyramide oder der eines älteren Herrschers, dessen Kult der Beschenkte besorgt; er beauftragt den Hohenpriester des Ptaḥ (§ 233), ihm die Steinplatten dazu zu liefern, er weist ihm als »königliche Opfergabe« die Gaben an »an allen Festtagen des Jahres und an jedem Tage«, die dem Toten durch Anubis den Grabherrn, den Hundsgott im Westen, Osiris übermittelt werden; die ursprünglich für den König bestimmten Amulette werden auch [182] ihnen beigegeben. Auch die Magnaten selbst sorgen für Bau und Ausstattung des Grabes; sie bestellen sich »Geistesdiener« so gut wie der König und setzen ewige, vom König bestätigte, Stiftungen an Land und Leuten für die Lieferung der Totenopfer fest; und was der Lebende versäumt oder nicht vollendet hat, gebietet die Pietät dem Sohn zu erfüllen. So entstehen rings um die Pyramiden die Totenstädte, in denen in regelmäßigen Straßen Grabbau sich an Grabbau reiht. Wenn die dritte Dynastie für den König in der Pyramide die Form eines riesigen Grabhügels von Stein geschaffen hat, so geht die ältere Gestalt des Königsgrabes (§ 230), eine oblonge, von Steinen umschlossene Aufschüttung über dem Leichenschacht mit schrägen Seitenwänden, von den Arabern Mastaba (»Bank«) genannt, jetzt auf den Hofstaat über. An ihrer Ostseite wird eine große Steintafel in Gestalt einer verschlossenen Haustür (die sogenannte Scheintür) eingemauert, die den Eingang in die Geisterwelt bildet; vor ihr liegt ursprünglich ein von Ziegelmauern umschlossener Hof oder eine Kapelle für den Totendienst. Alsbald wird diese Kapelle mit der Tür wenigstens in der Regel in das Innere der Mastaba selbst verlegt; und allmählich hat sich daraus innerhalb des Baus ein immer ausgedehnteres System von Kammern entwickelt.


Der Name Maşṭaba ist erst von MARIETTE aufgebracht worden, entlehnt von der Bezeichnung einer großen, noch immer rätselhaften Anlage bei Sakkara als Maşṭabat el-Fir'aun »Bank des Pharao«. Damit stürzen die wüsten Kombinationen von KRAUSS, ZDMG. 66, 281ff. in sich zusammen. – HÖLSCHER, Grabdenkmal des Chephren S. 15, bemerkt, daß der Portalbau im Tal bei den Totentempeln der Könige sich aus dem Mastabatypus entwickelt hat.


238. Von Generation zu Generation gestaltet sich die Ausstattung des Grabes immer reichhaltiger. Sein nächster Zweck ist, die Leiche gegen Verwesung und gewaltsame Zerstörung zu schirmen und ihr für alle Zeiten reichliche Nahrung durch den Totenkult zu sichern. Deshalb wird sie durch Balsamierung konserviert, in einem Sargkasten von Holz oder Stein in Form eines Hauses geborgen, und tief im Grabe in[183] einem unzugänglichen, durch große Steine versperrten Schacht beigesetzt. Außerdem aber setzt man eine Statue des Verstorbenen von Holz, Kalkstein oder Schiefer, für den König zum Teil von hartem Gestein, in den Grabbau-in den Mastabas in eine besondere Kammer (arabisch Serdâb), in die der Duft der Totenopfer durch einen Spalt eindringen kann, bei den Pyramiden in den Totentempel –, damit der Totengeist auch in ihr Wohnung nehmen könne; und bald findet man, daß eine Statue nicht genügt, sondern man sicherer geht, sich eine große Anzahl anfertigen zu lassen-so in gewaltiger Zahl im Tempel Chephrens. Für die Opfergaben werden Gestelle, Gefäße und Tafeln mit Vertiefungen für die Salben und Flüssigkeiten aufgestellt; zu den Königstempeln gehören große Magazine. Auf der Scheintür der Mastaba stellt man den Toten mehrfach dar, teils in vollem Relief, teils in flach herausgearbeiteten Wandgemälden, und fügt Namen und Titel sowie die Opferformel hinzu. Gelegentlich schließen sich daran weitere Angaben über die Laufbahn und die Ämter des Verstorbenen, über die Anlage seines Grabes und die Stiftungen für den Totenkult. Doch das alles genügt noch nicht: denn der Grabesherr will dereinst in seinem »ewigen Hause« leben wie jetzt in seinem Hause auf Erden, umgeben von seiner Familie, von zahlreichen Dienern und allem Komfort, und schauen, wie auch in Zukunft die Hörigen ihm die Felder bestellen, sein Vieh weiden, Vögel und Fische fangen, wie sie ihr Handwerk betreiben, Schiffe bauen und den Nil befahren, wie die Bäuerinnen seiner Dörfer ihm die Abgaben für die Totenopfer bringen und die Knechte Rinder und Ziegen schlachten; er selbst will, wie ehemals, mit seiner Gattin beim Mahle sitzen, bedient von seinen Kindern, und auf der Jagd in der Wüste und in den Nilsümpfen sich vergnügen. So werden die Wände der Kammern in immer größerem Umfang mit Wandgemälden geschmückt, die uns das ganze Leben und Treiben der vornehmen Herren und ihrer Leute vorführen; dadurch sind die Gräber eine reiche Quelle für die Kenntnis der Zustände ihrer Zeit geworden. Zu voller Ausbildung [184] gelangt diese Dekoration erst unter den späteren Königen der vierten und vor allem unter der fünften Dynastie; doch treten uns alle Hauptformen schon im Grabe des Meten unter Snofru und in reicher Fülle in dem wenig jüngeren Grabe des Ra'ḥotep in Medum und manchen Gräbern in Gize aus der Zeit des Cheops und Chephren entgegen.

239. Aber in dieser Ausgestaltung der Gräber offenbart sich zugleich der Widersinn, den die das ganze Aegyptertum beherrschende Idee in sich birgt. Niemals auf Erden ist mit solcher Energie und mit so beharrlicher Konsequenz versucht worden, das Unmögliche dennoch möglich zu machen, das kurze Menschenleben mit all seinen Genüssen in alle Ewigkeit zu verlängern. Gewiß haben die Aegypter des Alten Reichs mit bitterem Ernst an diese Möglichkeit geglaubt: sonst hätte nicht eine Generation nach der anderen alle Mittel des Staats und der Kultur an sie verschwendet. Aber dahinter steht dennoch das Gefühl, daß all diese Herrlichkeit doch nur Schein ist, daß all die massiven Mittel, die man anwendet, auch im günstigsten Falle nur ein spukhaftes Traumdasein zu schaffen vermögen und in Wirklichkeit die Welt nicht umwandeln. Die Leiche wird durch alle Zaubermittel doch nicht wieder lebendig und kann sich doch nicht mehr bewegen noch Nahrung zu sich nehmen. So genügt an ihrer Stelle auch die Statue und weiter das Abbild an den Grabeswänden, statt der wirklichen Opfergaben und Totendiener die gemalten-oder auch Puppen, z.B. von mahlenden und backenden Frauen, die man dem Toten beigibt –, ja im Grunde die gesprochene und an die Pfosten der Grabestür geschriebene Opferformel. So weit, daß man die volle Konsequenz dieser Empfindungen gezogen und auf die realen Leistungen wirklich verzichtet hätte, ist man noch lange nicht; aber die Formel und die Scheinwelt der Bilder tritt ihnen als Ergänzung und eventueller Ersatz zur Seite. Dadurch erreicht man zugleich, daß den gemalten und skulptierten Gestalten der Diener des Verstorbenen, zumal wenn ihre Namen dabei stehen, dasselbe Fortleben gesichert wird, wie diesem[185] selbst. In Wirklichkeit ist daher die Vorstellungswelt, welche den vornehmen Aegypter beseelt und leitet, doch sehr wesentlich von den bizarren Ideen verschieden, welche in den Zauberformeln des Totendienstes herrschen und von den Chriḥebs (§ 218) eifrig fortgesponnen werden. Er freut sich, wenn er sich sein Grab baut, der Abbildung seines Besitzes, und hofft ihn dereinst auch aus seinem Bilde an der Wand heraus weiter beschauen und genießen zu können; im übrigen aber betet er zu den Totengöttern um »ein schönes hohes Greisenalter in Frömmigkeit vor allen Göttern« [oder »vor dem großen Gotte«] und »eine schöne Bestattung in der westlichen Nekropole«; d.h. er betrachtet sein Grab durchaus als lebender Mensch, nicht als Toter. Er weiß, daß er im Jenseits für seine Taten vor »dem großen Gotte, dem Herrn des Gerichts« sich zu verantworten hat und daß nur ein rechtliches und frommes Leben ihm die Aussicht auf ein glückliches Fortleben gewähren kann. Alsdann hofft er »in Frieden zu wandeln auf den schönen Pfaden des Westreichs, auf denen die Frommen wandeln vor dem großen Gott« und auch die Herrlichkeit der Götter zu schauen. Diese seit dem Ende der vierten Dynastie ständig wiederholten Formeln zeigten, daß doch auch in Aegypten trotz alles Wustes des Totenspuks der gesunde, in den Bedingungen des irdischen Daseins wurzelnde Sinn bei der Masse der Gebildeten die Herrschaft behauptet hat. Die Darstellungen an den Grabwänden setzen sich daher um in Szenen aus dem Leben, welche die Erinnerung an den Verstorbenen und an das, was den Inhalt seines Daseins ausmachte, festhalten sollen.

240. Aber diese Gestaltung des Totenkults-und das ist politisch und kulturgeschichtlich von größter Bedeutung-ist in der Blütezeit des Alten Reichs durchaus beschränkt auf die Residenz und den Hof des Pharao. Pyramiden und Mastabas gehören eng zusammen: sie finden sich nur auf dem ungeheuren Friedhof, der in einer Länge von mehr als vier Meilen, von Abu Roâš bis Dahšûr, den Rand des Wüstenplateaus im Westen von Memphis bedeckt, sowie südlich davon [186] bei Snofrus Pyramide von Medum. Auch die hohen Beamten, welche die Gaue verwalteten und in denselben große Güter besaßen, haben ihre letzte Ruhestätte, wenn sie die Form einer mit Skulpturen und Inschriften geschmückten Mastaba erhalten sollte, durchweg am Hof bei der Pyramide des regierenden Königs oder eines seiner Vorgänger. Im übrigen Lande herrscht überall noch die alte Bestattungsform: bei dem Mittelstand und den Armen die unscheinbaren Gräber, in denen die zusammengekrümmte Leiche beigesetzt wird, bei einzelnen reichen und vornehmen Herren das Treppengrab der dritten Dynastie, durchweg ohne Skulpturen und Inschriften. Die wenigen Ausnahmen bestätigen lediglich die Regel: wo sich einmal unter der vierten und der ersten Hälfte der fünften Dynastie im übrigen Aegypten eine Mastaba findet, ist sie dürftig ausgestattet, meist ohne Reliefs und Inschriften, selten mit Statuen, häufig nicht vollendet. Man sieht, wie erst ganz allmählich die neue Sitte des Hofes im übrigen Lande Eingang findet und wie auch wo der Wille vorhanden war, die Mittel zur Durchführung nicht ausreichten. Erst in der letzten Zeit der fünften Dynastie beginnt das anders zu werden; das steht aber in engstem Zusammenhang mit der Verschiebung der politischen und sozialen Organisation des Reichs, die von da an zum Durchbruch kommt. Denn die Konzentration der Gräber im Gebiet von Memphis ist nur der sinnfälligste Ausdruck des politischen Charakters des Alten Reichs: wie in der Totenwelt war es auch im wirklichen Leben ein völlig zentralisierter Beamtenstaat unter einem allmächtigen Pharao.


Mastabas der 4. und 5. Dynastie haben sich in größerer Anzahl in Elkab (ed. QUIBELL 1898) gefunden, fast ohne jede Inschrift. Sonst sind wohl die zum Teil unvollendeten von Teḥne (nördl. von Minie, FRASER in Ann. du Service III, 1902, 67ff. 122ff.) die ältesten, von denen die mit der großen Stiftungsurkunde des Ḥatḥor- und Totenkults (MASPERO ih. 131ff.; SETHE, Urk. des Alten Reichs 23ff.) aus dem Anfang der 5. Dynastie stammt. Die ältesten Mastabas von Dešaše, Der el Gebrâwi, Dendera, die Felsgräber von Schech Saïd und Zawijet el Meitin usw. reichen kaum über die Mitte der 5. Dynastie hinauf. Ihre Zahl mag sich noch vermehren und gelegentlich auch noch ein Grab der 4. Dynastie [187] auftauchen; die Tatsache, daß das entwickelte Mastabagrab unter der 4. Dynastie ausschließlich auf den Sitz des Hofes beschränkt ist, kann dadurch nicht erschüttert werden. Rätselhaft ist die dem Alten Reich angehörende Pyramide el-Kula bei Elkab (BÄDEKER6 316). – Die Gräber der Nekropole von Abydos aus dieser Zeit zeigen die älteren Formen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 181-188.
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