Königsliste der fünften Dynastie

Königsliste der fünften Dynastie

[203] 250. Äußerlich, setzt die neue Dynastie die Traditionen ihrer Vorgänger fort, pflegt den Totenkult der früheren Könige und baut Pyramiden wie diese. Aber nur um so schärfer tritt der Wandel auf religiösem Gebiet hervor. Wir haben gesehen, daß der weltbeherrschende Sonnengott Rê' bisher in Aegypten keinen Kult hatte, abgesehen von seiner Gleichsetzung mit [203] dem Atumu von Heliopolis. Jetzt aber ist Aegypten der große Kulturstaat geworden, der den Mittelpunkt der ganzen Welt bildet und neben dem die anderen Völker überhaupt nicht mehr in Betracht kommen. So bildet die Fürsorge für Aegypten und den Pharao die eigentliche Aufgabe des Weltregiments des Rê'; wie ehemals Horus, der jetzt vor Rê' zu verblassen beginnt, so wird jetzt dieser zum Reichsgott, der über den lokalen Gottheiten steht wie der König über den Gaubeamten. Dafür erwächst dem König und seinem Volk die Pflicht, ihm den Dank durch Tempelbauten und Opfer abzustatten. Das hat zuerst Userkaf getan, und seine Nachfolger sind seinem Beispiel gefolgt. Kakai hat dann, wie schon erwähnt, noch eine weitere Neuerung eingeführt, indem er einen weiteren Königsnamen, Nefererkerê', annahm, der ihn mit einer Eigenschaft des Rê' (der »Schönheit seines Geistes«) in Verbindung setzt. Diesen Namen verwendet er so gut wie ausschließlich in seinen Inschriften; und seine Nachfolger haben dieses Vorbild fast ausnahmslos befolgt. Ganz vereinzelt findet sich schon in der vierten und dann etwas häufiger in der fünften und sechsten Dynastie der Pharao als »Sohn des Rê'« bezeichnet; aber erst im Mittleren Reich, seit den Herakleopoliten und der elften Dynastie, findet diese Benennung allmählich Aufnahme in die offizielle Titulatur. Auch in der Weihinschrift seines Rê'tempels nennt Neweserrê' den Sonnengott noch nicht seinen Vater, wie es die späteren Pharaonen getan haben würden. Wohl aber tritt darin, daß jeder Pharao sogleich den Bau eines neuen Sonnenheiligtums in Angriff nimmt, die ganz persönliche Beziehung des einzelnen Königs zu Rê' hervor. Die Religion nimmt eben unter der neuen Dynastie eine ganz andere Stellung ein, als unter ihren Vorgängern: für sie zu sorgen wird jetzt die oberste Pflicht des Königsamts. Ein in Abydos erhaltener, für das ganze Reich bestimmter Erlaß des Nefererkerê' verbietet, den Priestern und den Hörigen der Tempel irgendwelche Fronarbeiten aufzulegen oder sie dazu von ihren Grundstücken fortzunehmen. Wenn also der Papyrus WESTCAR die drei ersten Könige der [204] fünften Dynastie zu Söhnen der Frau eines Rê'priesters macht, die Rê' selbst gezeugt hat, »damit sie das Königsamt über Aegypten ausüben, den Göttern Tempel bauen, ihre Altäre mit Nahrung versehen, ihre Trankopfertische grünen lassen und ihre Opferstiftungen groß machen«14, so enthält diese Sage einen historisch völlig richtigen Kern, ebenso die weitere Angabe, die sogar geschichtlich korrekt sein mag, Userkaf sei, ehe er König wurde, Hoherpriester von Heliopolis gewesen. In der Tat wird die Gestaltung des neuen Kultus von dieser Stadt, der Zentrale des religiösen Lebens in Aegypten, ausgegangen sein.


»Sohn des Rê'« findet sich auf einem Siegel des Mykerinos (NEW-BERRY, Scarabs pl. V 3) und schon auf einigen Statuen des Chephren neben »der große Gott« und »der gute Horus« (BORCHARDT, Katalog no. 15. 17), und in der 5. Dynastie in Wadi Maghara bei Newoserrê' und Ṭeṭefrê': LD. II 152 a. 39 d, aber überall nicht titular, sondern hinter dem Thron- oder Horusnamen; ferner bei Unas in dem Totentempel Ann. du serv. II 254, und bei Pepi I. LD. II 115 e. Bei Teti [aber nicht in seiner Pyramide] wird diese Bezeichnung in den Königsring eingefügt, ebenso einmal bei Pepi I. (SETHE, Urk. des A. R. S. 97) und Pepi II. (ib. 114), und so auch noch unter Dynastie 11. Vor dem Königsnamen außerhalb des Königrings kommt sie zuerst bei Achthoes vor. – Daß die Sonnentempel nur der 5. Dynastie angehören, hat SETHE, ÄZ. 27, 1889, 111ff. erkannt und ihre Liste zusammengestellt, die durch die Daten des Palermosteins bestätigt wird. Sie lautet:

1. Userkaf: Sop-rê'.

2. Saḥurê'; Sochet-rê'.

3. Nefererkerê' Kakai: Ast-jeb-rê'.

4. Neferfrê' oder Cha'neferrê': Ḥotep-rê'.

[Einer der beiden kurzlebigen Könige hat kein Heiligtum gebaut. Da Ti an dem Heiligtum Ḥotep-rê' angestellt war (DE ROUGÉ, Pr. dyn. 95), muß es älter sein als Neweserrê.]

5. Neweserrê' Ini: Šespu-jeb-rê'.

6. Menkeuḥor: Echut-rê'.

[205] Asosi und Unas haben keine Sonnenheiligtümer gebaut. – So unsicher sonst ein argumentum a silentio ist, so ist die Tatsache, daß ein Rê'-kultus vor der 5. Dynastie niemals vorkommt [auch nicht in den Pyramidentexten], doch völlig beweisend dafür, daß er vorher nicht existiert hat. Dadurch erhält die Sage des Pap. WESTCAR erst die richtige Beleuchtung. – Die von v. BISSING, BORCHARDT und SCHÄFER ausgeführte Aufdeckung des Sonnentempels des Neweserrê' (sog. Pyr. von Riga oder Abu Gurâb nördl. von Abusir) hat uns Anlage und Wesen eines solchen Baus kennen gelehrt; s. die vorläufigen Berichte ÄZ. 37. 38. 39. Mitt. der D. Orientges. Nr. 10 und jetzt BORCHARDT, Reheiligtum des Newoserre Bd. I, 1905. Überreste des Sonnentempels des Userkaf; BORCHARDT, Grabd. des Sahure' I, 149f. Vgl. dazu Pi'anchis Beschreibung des Sonnenheiligtums auf der Höhe des Wüstenrandes von Heliopolis, mit dem benachbarten Obeliskentempel mit Morgen- und Abendbarke (Zl. 102f.). Daß in den Inschriften der Würfel, mit dem der Tempelname determiniert wird, bei denselben Heiligtümern bald einen Obelisken trägt, bald nicht, scheint ohne Bedeutung. Die Namen Sochetrê' und Ḥoteprê' sind im Grabe des Ti (DE ROUGÉ, Pr. dyn. 94f.) außerdem mit dem Zeichen der Stadt determiniert: bei ihnen lag also die Königsstadt, ebenso wie sie am Fuß des Sonnentempels des Neweserrê' erhalten ist.


251. Die Rê'heiligtümer der fünften Dynastie liegen wie die Pyramiden auf dem Rande des westlichen Wüstenplateaus hinter den Königsstädten des Gebiets von Memphis. Wie beim Totentempel, dessen Formen der Anlage zum Vorbilde dienten, führt zum eigentlichen Tempel von der Residenz des Königs aus eine Rampe, mit Portalen an beiden Enden, auf den Gipfel eines Hügels, der durch. Aufschüttungen und Futtermauern in eine große Fläche umgewandelt ist. Hier erhob sich in einem großen Hof auf würfelförmigem Unterbau etwa 60 Meter hoch ein mächtiger, aus Kalksteinblöcken aufgetürmter Obelisk; vor demselben liegt ein großer freistehender Altar aus Alabaster, daneben der Schlachthof und die Tempelmagazine. So weicht die Anlage des Heiligtums von allen anderen ab; es hat kein Götterbild und daher auch kein Gotteshaus, keinen Tempel. Denn der Gott weilt nicht auf Erden und nicht in einem Tier oder Bild, sondern erscheint in seiner Majestät tagtäglich strahlend am Himmel; der Obelisk, ursprünglich wohl ein aufgerichteter Steinkegel, ist nur ein altes Kultsymbol. Zum Heiligtum gehören die beiden Sonnenbarken, [206] auf denen der Gott über den Himmel fährt; der gemauerte Unterbau der einen ist neben ihm aufgedeckt. Ein überdeckter Gang führt aus der Stadt über die Rampe bis auf die Höhe des Würfels, und hier oben begrüßt, aus dem Dunkel ans Tageslicht tretend, der Pharao bei Tagesanbruch den im Osten sich erhebenden Gott, während vor ihm auf dem Freialtar das Opfer dargebracht wird. Die Wände des Ganges und einer Kammer daneben sind beim Heiligtum des Neweserrê' mit außerordentlich fein gearbeiteten Reliefgemälden geschmückt, die teils die Zeremonie der Tempelgründung und des Seṭfestes-bei demselben ist das ältere, wie es scheint aus Ziegeln erbaute, Heiligtum erneuert worden –, teils die Schöpfungen des Sonnengottes auf Erden darstellen, das Leben der Vegetation und der Tierwelt in den drei Jahreszeiten. So ist dies Sonnenheiligtum die architektonische Verkörperung einer großen religiösen Idee, die, wenn sie auch ältere Elemente benutzt-die Portale und der dunkle Gang sind den Totentempeln der Könige entlehnt, und die Bilder der Jahreszeiten berühren sich eng mit manchen Szenen an den Wänden der Mastabas –, doch in der geradezu genialen Konzeption sowohl wie in der meisterhaften Ausführung unter den religiösen Bauten aller Zeiten kaum ihresgleichen findet.

252. Äußerlich betrachtet tritt in dem Rê'kult der fünften Dynastie nur ein neuer Gott zu den alten hinzu. Deren Dienst wird von den Königen nicht minder eifrig mit Opfern und Landschenkungen ausgestattet als der ihres neuen Heiligtums, und an diesem selbst werden neben Rê' sein später mit ihm verschmolzener Doppelgänger, der Lichtgott »Horus vom Horizont«, und die Himmelsgöttin Ḥatḥor verehrt. Dadurch unterscheidet dieser Kult sich ganz wesentlich von dem späteren Sonnendienst Echenatons. Aber schon die Form des Kultus läßt den tiefgreifenden Unterschied zwischen Rê' und allen anderen Göttern erkennen. Mit ihm tritt ein überirdisches Element und eine höhere Gottesidee in das Leben der Aegypter; und damit erhält die Idee des Gotteskönigtums,[207] welche die vierte Dynastie ausschließlich beherrscht, ein Gegengewicht. Neben der Aufgabe, sein Riesengrab zu bauen, tritt jetzt gleich beim Regierungsantritt an den Pharao die nicht minder wichtige und nicht minder kostspielige Pflicht heran, dem Sonnengott eine neue Stätte der Anbetung zu schaffen. Diese neue Idee hat nachgewirkt, auch als unter den beiden letzten Königen der Dynastie die Erbauung neuer Heiligtümer des Rê' aufgegeben wird. Äußerlich verblaßt von da an der Rê'kult aufs neue vor all den im Volksbewußtsein viel tiefer wurzelnden Kultusstätten der Lokalgötter; tatsächlich aber werden diese jetzt der Idee des Rê' in derselben Weise unterworfen, wie sie schon vor alters den Kult des Atumu von Heliopolis erobert hat. Die lokalen Gottheiten können in der Theologie und im Glauben der Gebildeten ihr Ansehen nur dadurch behaupten, daß sie für Erscheinungsformen des Rê', oder die Göttinnen für Himmelsgöttinnen und Sonnenmütter erklärt werden (§ 272). Auch dem Königtum ist es ähnlich gegangen; daß der Pharao zum Sohn des Weltenherrschers wird (§ 250), hebt zwar nach der einen Seite seine Stellung, ordnet ihn aber nach der anderen einer höheren religiösen Idee unter. Seinem Vater Rê' steht der König nicht mehr gleichberechtigt gegenüber, wie ehemals der lebendige Horus unter den Göttern dastand, sondern er ist sein gehorsamer Sohn, der seinen Willen erfüllt. Daher ist der Pharao der Folgezeit nicht mehr der »große Gott«, wie im Alten Reich (§ 236), sondern nur noch »der gute Gott«.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 203-208.
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