Wirkungen des Krieges

[134] Nach zehn, oder wie man in Athen rechnete (von den korkyräischen Händeln an), nach zwölf Kriegsjahren war wieder Friede in Hellas. Die ganze Hellenenwelt von Sizilien bis Kleinasien hatte der Krieg in seine Kreise gezogen, überall die bestehenden Ordnungen erschüttert, die Begehrlichkeit der Parteien erregt, gelegentlich in blutigem Umsturz, in Revolutionen und Gegenrevolutionen sich entladen. Der nationale Gedanke der Epoche der Perserkriege erlag den inneren Gegensätzen: um die Wette warben beide Parteien um die Hilfe des Königs von Asien. »In den drei Generationen von Darius bis Artaxerxes I. ist mehr Unheil über Hellas gekommen, als in zwanzig vor Darius, teils durch die Perser, teils durch die griechischen Vormächte, die um die Herrschaft kämpften.« Das ist die Summe der Geschichtsbetrachtung Herodots. Gleich zu Anfang hatte der Krieg mit brutalen Taten eingesetzt, und ständig waren Rücksichtslosigkeit und Gewaltsamkeit gewachsen. Eine allgemeine Verwilderung nicht nur der politischen, sondern auch der bürgerlichen Moral war das Ergebnis. Die Achtung vor dem Feinde, die in Äschylos' Persern und in Herodots Geschichtswerk dem stammfremden Eroberer immer gewahrt wird, ist dem Landsmann und erst recht dem Mitbürger gegenüber geschwunden; wo die Politik es ratsam erscheinen läßt, wird er unbedenklich nicht nur unschädlich gemacht, sondern vernichtet. Mochten die Gegner vorangegangen sein, so hat Athen sie noch überboten und seinem Anspruch, die gebildetste und humanste Stadt in Griechenland zu sein, sehr wenig entsprochen: Kleons Forderung, gegen rebellische Untertanen die volle Strenge eines barbarischen Kriegsrechtes walten zu lassen, die 427 noch mit knapper Majorität abgelehnt [134] war, ist zu Ende des Krieges anerkannt, ja 424 bereits gegen die gefangenen Ägineten geübt worden; und wenn in der Stadt auch nicht der Bürgerkrieg tobte, so gereichte doch die gewissenlose, vor keiner Verleumdung und keiner Intrige zurückschreckende Art, mit der beide Parteien sich bekämpften, und der brutale Terrorismus, den Kleon und sein Anhang übte, der Stadt ebensowenig zum Segen. Ein Krieg im großen Stil entfesselt neben den niedrigsten auch die höchsten Kräfte und Triebe des Menschen; aber ein Kampf wie dieser, der richtig geführt allen großen Entscheidungen selbst partieller Art prinzipiell aus dem Wege ging, brachte wohl alle Nöte des Krieges, aber nicht seine segensreichen Wirkungen; er zerriß die Einheit der Bürgerschaft und stürzte den Staat in die heftigsten Kämpfe über Plan und Ziel der Kriegsführung, so daß das Staatsschiff aus dem fortdauernden Schwanken des Kurses nicht wieder herauskam.

Und dennoch – die schöpferische Kraft des Krieges hat sich auch diesmal gezeigt. Ein Jahrzehnt lang hielt er Denken und Handeln unablässig in Bewegung und hat so eine Anspannung der geistigen Tätigkeit erzeugt, die alle Seiten des Lebens erfaßte. Ohne den Krieg ist weder Herodots universales Geschichtswerk denkbar, noch die Blüte der politischen Komödie bei Eupolis und Aristophanes. Auch von Euripides' Tragödien sind diejenigen, welche die reinste Wirkung erreichen, meist in diesen Jahren geschaffen: je länger der Krieg dauert, desto mehr fühlt er mit seinem Volke und teilt mit ihm Liebe und Haß, er verherrlicht seine Ideale im Gegensatz zu den brutalen Gegnern, die ein freies Gemeinwesen nicht kennen. Eben die Zerrüttung der alten Ordnung, welche der Krieg herbeiführt, vollendet die Emanzipation des Individuums und entfesselt alle seine Kräfte im Guten wie im Schlimmen; es muß alles einsetzen, um alles zu gewinnen. All die Gegensätze, welche die Entwicklung der griechischen Kultur geschaffen hat, rüsten sich zum entscheidenden Kampf. Innerhalb Athens steht auf der einen Seite das Alte, die homogene in sich geschlossene Kultur, auf der anderen der Subjektivismus des modernen Denkens, die wissenschaftliche Aufklärung und der Unglaube, das freie Recht des einzelnen, die neuen Formen in Literatur und Kunst. Der Boden war in Athen [135] wohl vorbereitet. Immer stärker ward der Zulauf, den die Lehrer der neuen praktischen Weisheit fanden. Prodikos und Thrasymachos lebten dauernd in Athen. Protagoras hielt sich oft und lange hier auf; geradezu Epoche machte es aber, als im Jahre 427 Gorgias, der Meister der Kunst wohlgesetzter Rede, als Gesandter Leontinis zum ersten Male nach Athen kam (s.S. 78). Den Dank für die begeisterte Aufnahme, die er fand, hat er in einer Lobschrift auf Athen abgestattet, in der er das alte Thema der öffentlichen Leichenrede auf die Gefallenen mit allen Blüten und Blütchen seiner Kunst schmückte. Die gesamte Jugend strömte ihm zu und lauschte seinen Vorträgen; sie brauchte die neue Kunst dringender als je, wollte sie es im Leben zu etwas bringen; und für die revolutionären Ideen, in denen sie wurzelte, war sie, oft ohne es zu ahnen, von Haus aus günstig gestimmt. Denn diese waren der notwendige Durchgangspunkt für alle weitere Entwicklung des griechischen Denkens und darum die herrschende Zeitströmung; wer selbst zu denken begann, fiel ihren Gedankenkreisen anheim, mochte er auch die entgegengesetzten Folgerungen daraus ziehen. Aber auch die Opposition erhob sich. Die kühnen Sätze der Naturforscher drangen in die Menge und erregten jetzt nicht mehr wie früher nur staunendes Kopfschütteln, sondern die helle Entrüstung aller, welche an dem alten Glauben der Väter festhielten: lagen doch die Konsequenzen solchen Treibens in dem Gebaren der Jugend, in der Verwilderung von Recht und Sitte, in den Dramen, welche der Wortführer der neuen Zeit auf die Bühne des Dionysos zu bringen wagte, klar vor Augen. Wir haben gesehen, wie die Opposition diese Stimmungen bereits im Kampf gegen Perikles ihren politischen Zwecken nutzbar zu machen suchte, Anaxagoras aus Athen verjagte und gegen die aufklärerischen Zirkel vorging, die sich um Aspasia sammelten; und immer enger verschlingt sich während des Krieges mit dem Kampf um die Politik des Staates der Kampf um seine Kultur.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 4/2, S. 134-136.
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