IX. Arbeit des fünften Jahres in Hissarlik: die sogenannten heroischen Tumuli, die Erforschung der Troas. 1879.

[63] Nach längerm Aufenthalt in Europa kehrte ich gegen Ende Februar 1879 nach den Dardanellen zurück, miethete hier zunächst wieder 10 Gensdarmen (Zaptjeh) und 150 Arbeiter und begann die Ausgrabungen am 1. März. Bis um die Mitte des März hatte ich unter dem heftigen Nordwinde viel zu leiden; derselbe war so eiskalt, dass man in den hölzernen Baracken weder lesen noch schreiben, und sich nur durch angestrengte Thätigkeit bei den Grabungen warm erhalten konnte. Um Erkältungen möglichst zu entgehen, ritt ich, wie ich schon früher stets gethan, jeden Morgen ganz frühe nach dem kleinen, Karanlik genannten Hafen im Hellespont, wo ich ein Seebad nahm; war aber noch vor Sonnenaufgang und vor dem Beginn der Arbeit regelmässig wieder in Hissarlik.1 Zwei meiner Gensdarmen begleiteten mich als Schutzwache bei diesen Badeexcursionen sowol als auch bei jedesmaligem Verlassen Hissarliks. Das kalte Wetter hielt nicht länger als 14 Tage an, danach hatten wir dauernd schöne Witterung. Die Störche kehrten in den ersten Tagen des Monats zurück.

Gegen Ende des März trafen meine Freunde Professor Rudolf Virchow aus Berlin und Émile Burnouf aus Paris, Ehrendirector der École française in Athen, als meine Mitarbeiter in Hissarlik ein. Der letztere war von der französischen Regierung auf Veranstaltung des Ministers des öffentlichen Unterrichts, Jules Ferry, auf eine wissenschaftliche Expedition nach Troja gesandt worden. Beide Freunde unterstützten mich nach besten Kräften in meinen Arbeiten. Professor Virchow beschäftigte sich mit Erforschung der botanischen, zoologischen und geologischen Verhältnisse der Ebene von Troja, sowie der Beschaffenheit der im Verlauf meiner Ausgrabungen in den verschiedenen Tiefen zu Tage geförderten Trümmer- und Schuttmasse. Burnouf, der als Ingenieur und Maler Vorzügliches leistet, zeichnete die Pläne und Karten sowie viele der in diesem Buche enthaltenen Ansichten. Daneben untersuchte er auch die geologische Beschaffenheit der Ebene von Troja und die verschiedenen Schuttschichten von Hissarlik.[63]

Mein Hauptstreben richtete sich diesmal darauf, die Mauern in ihrem ganzen Umfange aufzudecken. So liess ich östlich und südwestlich von dem Thore2 (welches nach Burnouf's Messungen 41,10 m. über dem Meere und 8,33 m. unterhalb der Oberfläche des Hügels liegt), sowie nordwestlich und nördlich von dem Hause des Stadtoberhauptes und östlich von meinem grossen nördlichen Graben3 die neuen Ausgrabungen vornehmen. Da es von besonderer Wichtigkeit war, dass die Häuser der verbrannten Stadt erhalten blieben, grub ich die Ruinen der drei obern Städte horizontal und Schicht für Schicht allmählich ab, bis ich auf den leicht erkennbaren calcinirten Trümmerschutt der dritten Stadt stiess. Nachdem nun das ganze Terrain, das ich erforschen wollte, auf gleiche Höhe abgegraben war, begann ich an dem äussersten Ende der Fläche ein Haus nach dem andern auszugraben und auf diese Weise allmählich nach dem nördlichen Abhange vorzugehen, wo der Schutt hinuntergeworfen werden musste. So konnte ich alle Häuser der dritten Stadt ausgraben, ohne ihre Mauern zu beschädigen. Aber natürlich konnte ich nichts anderes von ihnen mehr aufdecken als die 3–10 Fuss hohen Unterbaue oder Erdgeschosse, die aus mit Lehm zusammengefügten Steinen gebaut waren. Die grosse Anzahl von Krügen, die sie enthalten, lässt es unzweifelhaft erscheinen, dass diese Räume einst als Keller gedient haben; doch ist der Mangel an Thüren, deren der Beschauer nur wenige sehen wird, auf den ersten Blick schwer zu erklären. Es hat in der That den Anschein, als ob diese untern Theile der Häuser nur vermittelst hölzerner Stiegen oder Leitern von oben aus betreten worden sind, aber in allen Zimmern und Kammern des grossen an der West- und Nordwestseite des Thores belegenen Hauses befinden sich regelmässige Thüröffnungen. Professor Virchow macht darauf aufmerksam, dass die Beschaffenheit dieser dritten Stadt in architektonischer Beziehung das genaue Urbild derjenigen Bauart darstellt, die heute noch für die Dörfer der Troas charakteristisch ist. Er war, wie er sagt, erst im Stande, einige schwierige Punkte zu verstehen, nachdem ihn seine ärztliche Praxis in das Innere der heutigen Häuser geführt hatte. »Die Haupteigenthümlichkeit dieser Architektur besteht darin, dass in den meisten Fällen der untere Theil der Häuser keinen Eingang hat und von einer Steinmauer umgeben ist. Das obere Geschoss, das aus viereckigen, an der Sonne getrockneten Ziegeln gebaut ist, dient als Wohnung für die Familie, das untere, in welches man auf Stiegen oder Leitern von oben hineingelangt, als Vorrathsraum. Hat das Erdgeschoss eine Thür, so wird es häufig auch als Viehstall benutzt. Wenn, was auch heute vorkommt, moderne Häuser dieser Bauart in Trümmer fallen, so bieten ihre Ruinen genau denselben Anblick dar wie die der dritten, der verbrannten, Stadt von Hissarlik. Die Steine in den Mauern des ersten Stockwerkes der trojanischen Häuser zeigen keine Spur einer Bearbeitung; sie sind aus den leicht zu gewinnenden Schichten des tertiären Süsswasserkalks des nahen Bergrückens gebrochen. Die von diesen trojanischen Häusermauern umschlossenen Räume enthalten[64] jene riesenhaften Terracottakrüge die, oft in langen Reihen nebeneinanderstehend, ein nicht unbedeutendes Vermögen in ihrer mächtigen Grösse repräsentiren; sie sind so gross, dass ein Mann in jedem von ihnen aufrecht stehen kann.«

Auch Strassen waren selten; denn ausser der breiten Thorstrasse deckte ich nur noch eine von 4 Fuss Breite auf, in der die grossen Steinplatten, die das Pflaster bildeten, deutlich die Spuren der Glühhitze zeigten, der sie einmal ausgesetzt waren. Diese Strasse liegt gerade über den Ruinen der zweiten Stadt, östlich von meinem grossen Graben.4 Ausserdem befindet sich noch ein 2 Fuss breiter Durchgang zwischen den trojanischen Häusern, der im rechten Winkel von der Strasse d nach Nordost führt. Weitere Ausgrabungen wurden auch auf der östlichen und südöstlichen Seite des »Grossen Thurmes« vorgenommen, wo ich mehrere von den Hausmauern dicht neben dem im Jahre 1873 entdeckten Magazin mit den neun grossen Krügen (siehe Abbildungen Nr. 7 und 8 und Plan I, Punkt S) zerstören musste, um die Stadtmauer und ihre Verbindung mit den beiden ungeheuern Mauern aufzudecken, die ich den »Grossen Thurm« benannt hatte. Alle diese Arbeiten sind glücklich ausgeführt worden. Durch meine Ausgrabungen südlich, südwestlich, westlich, nordwestlich und nördlich von den Thoren habe ich die Stadtmauer nach allen diesen Richtungen hin freigelegt; so ist sie jetzt bis auf die Stellen, an denen ich sie mit meinem grossen Graben durchschneiden musste, in ihrem ganzen Umkreise aufgedeckt. Bei diesen Nachgrabungen fand ich auf dem Abhange des nordwestlichen Theils des Walles, in unmittelbarer Nähe der Stelle, wo der grosse Schatz gefunden wurde (vgl. Plan I, V), in Gegenwart von Prof. Virchow und Burnouf, noch einen Schatz von goldenen Schmuckstücken, den ich weiter unten beschreibe.

Ausserhalb der Stadtmauer an der Ostseite fand ich zahlreiche Häusermauern, aber kaum irgendwelche Alterthümer, und dieser Umstand scheint zu beweisen, dass die Vorstadt von der ärmern Klasse bewohnt worden ist. In der südöstlichen Ecke der Stadt zeigen sich nirgends Spuren des grossen Brandes.

Ungefähr die Hälfte meines grossen Grabens liess ich bis auf den Kalksteinfelsen hinab vertiefen und legte dabei drei parallellaufende Hausmauern5 der ersten Niederlassung auf Hissarlik frei. Auch wurde für den Abfluss des Regenwassers ein tiefer Kanal gegraben.

Obgleich Se. Exc. Munif Efendi, Minister für Volksaufklärung, schon im Januar 1879 auf die Befürwortung Sir Henry Layard's hin angeordnet hatte, dass mir ein Ferman für die Erforschung der Tumuli, der sogenannten Heroengräber der Troas, ausgestellt werde, kostete es doch die grösste Mühe, ihn zu erlangen. Doch unterstützten mich kräftig Sir Henry Layard und sein zeitweiliger Stellvertreter, mein Freund Mr. Ed. Malet, der jetzige englische Generalconsul in Alexandrien, sowie auch, durch Professor Virchow dazu vermocht, der deutsche Gesandte bei der Pforte, Graf Hatzfeld. Endlich am 17. April wurde er mir eingehändigt; und nun schritt ich unverzüglich zur Ausgrabung[65] der beiden grössten Tumuli der Troas, des Besika Tepeh und des Ujek Tepeh, sowie noch vier anderer kleinerer Tumuli. Eine ausführliche Beschreibung dieser Grabungen folgt weiter unten.

In Begleitung von Professor Virchow besuchte ich auch wieder das Dorf Bunarbaschi und die dahinterliegenden Höhen des Bali Dagh, denen fast hundert Jahre lang die unverdiente Ehre zutheil geworden ist, mit der Stätte des homerischen Ilion identificirt zu werden.

Virchow ist durchaus meiner Ansicht, dass die Umfassungsmauern der kleinen Akropolis, welche nach Burnouf's Messungen 144,36 m über dem Meere liegt, und in welcher so viele grosse Archäologen der Neuzeit die Mauern der priameischen Pergamos erkennen wollten, fälschlich als »kyklopisch« bezeichnet worden sind. Virchow zuerst hat aus der besondern Art der Bearbeitung, welche die Steine dieser Mauern aufweisen, geschlossen, dass sie mit einem eisernen Spitzhammer langsam abgesplittert sein müssen, und dass sie demgemäss einer verhältnissmässig späten Periode angehören. Wie oben erwähnt, bezeichnen diese Ruinen wahrscheinlich die Stelle von Gergis, wo nach Xenophon Königin Mania ihre Schätze bewahrte.6

Ich zeigte ihm, dass die durchschnittliche Tiefe der Schuttanhäufung in der kleinen Akropolis nur 1 Fuss 6 Zoll beträgt und dass dort ausschliesslich hellenische Topfscherben gefunden werden. Eine Vertiefung von amphitheatralischer Form, in der man noch die Ruinen von vier Reihen steinerner Sitze sieht, erkannte Professor Virchow als die Agora der kleinen Stadt. Es ist in der That merkwürdig, dass diese Agora nicht schon früher beachtet war und dass es dem scharfen Blicke Virchow's vorbehalten sein musste, sie zu entdecken.

Auch die Quellen7 von Bunarbaschi8 besuchten wir, deren Höhe Burnouf auf 22,77 m über dem Meere angibt, und in denen die Vertheidiger der Bunarbaschitheorie nur zwei, eine lauwarme und eine eiskalte, erkennen wollen, um dieselben mit den beiden von Homer geschilderten Quellen identificiren zu können, bei denen Hektor von Achilleus getödtet wurde: »Vorwärts stürmten sie beide, vorbei an dem Wartthurm und dem vom Winde bewegten Feigenbaume, immer an der Mauer entlang auf dem Fahrwege, bis sie die beiden schönsprudelnden Quellen erreichten, aus denen die beiden Bäche des wirbelnden Skamander sich ergiessen: aus der einen strömt lauwarmes Wasser, und Wolken von Dampf steigen darüber auf wie über einem brennenden Feuer; die andere fliesst im Sommer wie Hagel oder kalter Schnee oder wie gefrorenes Wasser.«9 Nach Professor Virchow's Messungen[66] betrug die Temperatur in zweien dieser Quellen 16,8° C, in einer dritten 17° und in einer vierten 17,4° C. Die letztgenannte Quelle entspringt in einem Sumpfe und ist, wie Virchow erklärt, etwas wärmer, weil das Wasser stagnirt. Dagegen ergiesst sich die Quelle, die eine Temperatur von 17° zeigt, sofort in einen kleinen, aus andern weiter oben entspringenden Quellen gebildeten Bach und erscheint deshalb etwas kälter (die beiden Quellen von 16,8° C. sind an der Stelle gemessen, wo sie aus dem Felsen hervorsprudeln); so wäre es, wie Virchow sagt, ganz begreiflich, wenn man in der kalten Jahreszeit, wo die Verschiedenheit zwischen der Wassertemperatur des Sumpfes und der des schnellfliessenden Baches noch mehr hervortritt, Dampf aus ersterem, nicht aber aus letzterem aufsteigen sähe.

In Gesellschaft desselben Freundes unternahm ich auch einen Ausflug nach den an der Küste, Tenedos beinahe gegenüber, gelegenen ausgedehnten Ruinen von Alexandria-Troas.10 Von hier aus besuchten wir die heissen Quellen von Lidja Hamám in einem nach Südosten gelegenen Thale, das nach Virchow eine absolute Höhe von 85 Fuss hat. Das Wasser ist salzig und eisenhaltig; seine Temperatur wird von Barker Webb (»Topographie de la Troade«, S. 131) auf 150° F. = 65,5° C. angegeben; nach Clarke (»Travels in various countries of Europe, Asia and Africa«, I, 148) beträgt sie nur 142° F. = 61,1°. Die zahlreich in dem Thale vorhandenen Ruinen lassen darauf schliessen, dass die Thermen im Alterthum sehr berühmt gewesen sein müssen. Während des Sommers werden die Bäder noch heute gegen rheumatische Leiden und Hautkrankheiten viel benutzt. Die Nacht verbrachten wir in dem reichen türkischen Dorfe Kestambul, von dem man eine herrliche Aussicht auf den Berg Chigri (türkisch Chigri Dagh) sowie auf das Aegäische Meer geniesst. Am folgenden Tage bestiegen wir den Chigri Dagh, der nach Virchow eine Höhe von 1639 Fuss über dem Meere hat, und kamen auf dem Wege dorthin unweit des Dorfes Kotsch-Ali-Ovassi an den alten Steinbrüchen vorbei. Hier sahen wir 7 Säulen am Boden[67] liegen, deren jede, in einem Stück aus dem Granitfelsen gehauen, 38 Fuss 6 Zoll lang war; am obern Ende betrug ihr Durchmesser 4 Fuss 6 Zoll, an der Basis aber 5 Fuss 6 Zoll. Augenscheinlich sind sie einst für Alexandria-Troas bestimmt gewesen, denn sie sind den drei dort am Strande liegenden Säulen vollständig ähnlich.

Auf dem Gipfel des Berges Chigri bewunderten wir die umfangreichen hellenischen Ruinen, die nach Calvert's Ansicht die Stelle des alten Neandria bezeichnen, während andere sie mit Kenchreae identificiren. Die Burg, welche die ungeheuere Länge von 1900 Schritt hat und 520 Schritt breit ist, gilt für sehr alt; ja, einzelne ihrer Theile werden derselben Epoche wie Tiryns und Mykenae zugeschrieben. Doch konnten wir nichts an ihr wahrnehmen, was ein so hohes Alter hätte beanspruchen dürfen; ausserdem zeichnen prähistorische Städte sich immer durch besondere Kleinheit aus. Die Mauern haben eine durchschnittliche Breite von 10 Fuss und bestehen aus zwei parallellaufenden Mauern von regelmässig horizontalen Reihen keilförmig zugehauener Granitblöcke, deren breite Seiten nach aussen gerichtet sind; der Raum zwischen den beiden Mauern ist, ebenso wie die Fugen zwischen den einzelnen Blöcken, mit kleinen Steinen ausgefüllt. Wir hielten uns nicht für berechtigt, dieser Art Mauerwerk, die auch auf der berühmten Akropolis von Assos zu sehen ist, ein höheres Alter zuzuschreiben als die makedonische Zeit; um so weniger, als die Steine augenscheinlich mit einem eisernen Spitzhammer bearbeitet worden sind. Einige Theile der Mauern, die wir hier sahen, bestanden wol aus festgefugten Polygonen, konnten uns trotzdem aber nicht den Eindruck sehr hohen Alterthums machen. In der That kenne ich in Griechenland eine ganze Anzahl von Polygonalmauern, von denen wir bestimmt wissen, dass sie in der makedonischen Periode errichtet worden sind; ich führe als Beispiel nur die Unterbaue einiger Gräber auf dem alten Kirchhofe der Hagia Trias in Athen und die Befestigungswerke auf Salamis an. Im allgemeinen sind die Mauern der Burg auf dem Berge Chigri wohlerhalten; an vielen Stellen freilich weisen sie mehr oder minder starke Spuren der Zerstörung auf, die ich den Wurzeln der Bäume zuschreiben möchte, welche zwischen den kleinen Steinen emporgewachsen sind und die grossen Blöcke auseinandergedrängt und verschoben haben. Virchow hält diese Erklärung nicht für ungenügend, zieht aber vor anzunehmen, dass die Zerstörung der Mauern durch Erdbeben hervorgebracht worden sei. Es ist bemerkenswerth, dass überall innerhalb der Burg der nackte Fels zu Tage tritt und dass keinerlei Schuttanhäufung vorhanden ist; nur hier und da sah ich einmal eine spätrömische Topfscherbe und einige Ziegelbruchstücke aus später Zeit.

Zunächst besuchten wir nun die kleine türkische Stadt Iné am Skamander (nach Prof. Virchow's Messung 304 Fuss über dem Meere), deren Name wahrscheinlich eine Corruption von Aenea11 ist. Wie dem auch[68] sein möge, so viel ist ersichtlich, dass Iné auf der Stelle einer alten Stadt (nach Calvert's Annahme auf der von Skamandria) liegt; denn noch finden sich hier zahlreiche Bruchstücke alter Sculpturen vor, und aus den Lehmwänden der Häuser sieht man allenthalben Scherben von alten, zum grossen Theil hellenischen Thongefässen hervorblicken. Von Iné begaben wir uns nach der anmuthig auf einem Plateau, nach Virchow 516 Fuss über dem Meere, am Ufer des Skamander gelegenen Stadt Beiramitsch, und setzten dann unsern Weg nach dem hübschen Dorfe Evjilar (864 Fuss über dem Meere) fort, dessen Name »Dorf der Jäger« bedeutet. Dasselbe liegt ebenfalls am Skamander, der hier eine Breite von 40 bis 66 Fuss hat, dabei kaum 1 Fuss tief ist. Da die Gegend sehr unsicher war, hatten wir eine Bedeckung von drei berittenen und zwei Fussgensdarmen bei uns.

Von da bestiegen wir die Höhen des Ida, die mit herrlichen Waldungen von Eichen und Nadelhölzern12 bedeckt sind, zwischen denen hin und wieder auch Kastanien, Linden und Platanen stehen. Leider verhinderte der Regen, der in Strömen herabgoss, uns an der Besteigung des höchsten Gipfels, des Gargaros, der eine Höhe von 5750 Fuss über dem Meere hat. Wir kamen nur bis zu den Quellen des Skamander, die sich 4056 Fuss unterhalb des Gipfels befinden. Die Hauptquelle (nach Virchow 1694 Fuss über dem Meere) kommt in einem etwa 2 m breiten Strom aus einer natürlichen Höhle in der fast senkrechten, 250–300 Fuss hohen Felswand von grobkrystallinischem Marmor hervorgeschossen, stürzt sofort fast senkrecht etwa 60–70 Fuss tief über vorragende Felsblöcke herab und nimmt nach einem Laufe von 200 Fuss einen kleinen Strom auf, der durch den Zusammenfluss dreier kleiner, aber immerhin starker Quellen und zahlreicher kleinster Wasserläufe, die dicht neben der grossen Quelle aus Spalten in der Felswand hervorbrechen, sowie durch einen grossen Bach gebildet wird, der nur durch die Schneeschmelze gespeist wird und im Sommer sehr wasserarm ist. Etwa 200 Fuss von der grossen Höhle, 5 oder 6 Schritt vom Flussbett entfernt, findet sich noch eine kleinere natürliche Felshöhle, augenscheinlich die von P. Barker Webb13 erwähnte, aus der einst eine reichliche Quelle warmen Wassers hervorgeströmt ist; heute und wahrscheinlich schon seit einer Reihe von Jahren ist die Höhle trocken, und man sieht durch dieselbe in einen weiten, unregelmässigen Canal hinein, der sich abwärts gegen die untere Oeffnung erstreckt. Diese ist nahe am Boden, unmittelbar über einem muschelförmigen natürlichen Bassin von etwa, 1,5 m Durchmesser, aus welchem das Wasser durch einen kurzen Ablauf in den Fluss strömt. Die Temperatur dieser Quelle betrug nach Virchow's Messung 15,8° C. bei einer Lufttemperatur von 14,8° C.; das Wasser des Skamander, wo es aus der Höhle hervorbricht, zeigte 8,4° C.[69] Professor Virchow14 bemerkt über die Skamanderquellen u.a. Folgendes: »Obwol schon in der Ilias selbst15 der Skamander unter den vom Ida entspringenden Flüssen genannt wird, so ist doch ein gewisser Zweifel über den eigentlichen Ort seines Ursprungs stehen geblieben. Wie es mir scheint, ist derselbe auf Demetrios von Skepsis zurückzuführen, der unter den verschiedenen Gipfeln des Ida den Kotylos als den wirklichen Quellort bezeichnete, während die Voraussetzungen der Ilias wesentlich auf den Gargaros zurückgehen. Dieses ist der Ort, wo dem Zeus ein Hain und ein Altar gewidmet war16 und wo er selbst zu weilen pflegte.17 Und wenn der Skamander als ein Sohn des Zeus bezeichnet wird, wo könnte dann anders seine Quelle sein als am Gargaros? Man mag immerhin mit Hercher,18 den wiederholten Zusatz ὅν ἀϑάνατος τέκετο Ζεύς19 als ein späteres Einschiebsel verwerfen, so bleibt doch das Epitheton des διιπετέος ποταμοῖο, welches dreimal wiederkehrt20; und wenn selbst der Eingang des zwölften Buches, wo der Skamander δῖος genannt wird (XII, 21), unecht sein sollte, so wird doch der göttliche Charakter des Flussgottes in der Μάχη παραποτάμιος ausdrücklich bezeugt, indem Here ihn ἀϑάνατον ϑεόν21 und Achilleus διοτρεφές22 nennt. In der Vorstellung des Dichters verschmelzen der Fluss und der Flussgott zu einer einzigen Persönlichkeit, und beider Abkunft wird gleichmässig auf den grossen Wettergott am Gargaros bezogen.«

Nach Evjilar zurückgekehrt, gingen wir von dort über Erenlü (780 Fuss über dem Meere), Bujuk Bunarbaschi (907 Fuss über dem Meere) und Aiwadjik (871 Fuss über dem Meere) nach Behram, dem alten Assos (615 Fuss über dem Meere)23, von wo wir in einem offenen Boote nach der Ebene von Troja zurückfuhren. In Bezug auf die Ruinen von Assos theile ich vollständig die Ansicht von W.M. Leake, dass dieselben uns das deutlichste Bild einer altgriechischen Stadt geben, welches wir jetzt überhaupt noch finden können. Ihre Ringmauern sind besser gebaut und viel besser erhalten als die irgendeiner andern noch existirenden griechischen Stadt. Sie sind durchschnittlich 8 Fuss 4 Zoll stark und bestehen aus quadratisch oder keilförmig zugehauenen Steinen, die in der nämlichen Art wie die Steine der Burgmauern auf dem Chigri zusammengefügt sind, so nämlich, dass das Innere der Mauer und jeder Raum zwischen den Blöcken mit kleinen Steinen ausgefüllt ist. Wo die Mauer aus quadratischen Blöcken besteht, befinden sich in regelmässigen Abständen zwischen denselben lange keilförmige Blöcke, die dazu dienen, sie in ihrer Lage zu befestigen. Alle Steine zeigen die deutlichsten Spuren der Bearbeitung mit einem eisernen Spitzhammer, und die Mauern können demnach kein sehr hohes Alter beanspruchen. Virchow ist mit mir der Ansicht, dass[70] wenn auch einzelne Mauertheile vielleicht dem 6. Jahrhundert v. Chr. angehören mögen, doch der grösste Theil derselben zur makedonischen Zeit erbaut worden ist.

In Gemeinschaft mit Professor Virchow und Burnouf machte ich auch eine Excursion durch das Dumbrekthal nach den Bergen Kara Jur und Ulu Dagh, von denen dem erstern, der nach Burnouf's Messung eine Höhe von 209 m über dem Meere hat, bis heute die Ehre zutheil geworden ist, mit dem von Homer zweimal erwähnten Berge Kallikolone24 identificirt zu werden. Aber da der Dichter den Kriegsgott abwechselnd von Ilion nach Kallikolone und von Kallikolone nach Ilion springen lässt, schliesst Professor Virchow daraus, dass Kallikolone von Ilion aus sichtbar sein musste – und da der Berg Kara Jur diese Bedingung nicht erfüllt, spricht er den Ulu Dagh für die homerische Kallikolone an, da dieselbe die einzige bedeutende Höhe in der Nähe des Simoeis ist. Von dem Berge Ulu Dagh, der nach Burnouf eine Höhe von 429,80 m über dem Meere hat, kann man überdies Hissarlik und fast jeden Punkt der troischen Ebene übersehen was bei dem Berge Kara Jur nicht der Fall ist.

Wir besuchten auch die Ruinen der alten Stadt Ophrynion (heute Palaeo-Kastron), die zwischen Cap Rhoiteion und dem Dorfe Ren Kioi auf einer den Hellespont überragenden luftigen Höhe stand; dieser Lage verdankte sie ihren Namen Ophrynion (von ὀφρύς). Die Dimensionen ihrer Akropolis stimmen ungefähr mit denen von Hissarlik überein; Mauerüberreste mit den Spuren von zwei Thürmen sind auf drei Seiten noch sichtbar; auf der vierten Seite hat wahrscheinlich gar keine Mauer gestanden, da dieselbe durch den Abgrund geschützt war. In der Akropolis selbst befinden sich Ueberreste verschiedener Gebäude. Die untere Stadt scheint sich bis zu dem Thale auf der Südseite der Akropolis erstreckt zu haben, wo auch mehrere Steinhaufen die Lage von Häusern anzudeuten scheinen; aber alles, was ich hier und in der Akropolis an Topfscherben sammeln konnte gehörte der hellenischen Zeit an. Ueber die Identität dieser Stätte mit Ophrynion lassen die[71] hier aufgefundenen Münzen keinen Zweifel. Auf Admiral Spratt's Karte ist die Lage von Ophrynion irrthümlich östlich von Ren Kioi, zwei Meilen von der richtigen Stelle, angegeben.

Wir besuchten auch die Felshöhe gegenüber dem Bali Dagh, östlich vom Skamander. Auf der Nordwest-, Nord-, Nordost-, Ost- und Südost-Seite ihres Gipfels fanden wir grosse zertrümmerte Mauern, die nach den hohen, danebenliegenden Steinhaufen zu schliessen eine Höhe von 20 Fuss oder mehr gehabt haben müssen. Sie bestehen aus unbehauenen, mit kleinen Steinen verbundenen Blöcken. Die grössten der in diesen Mauern enthaltenen Blöcke sind 3 Fuss lang, etwa 11/2 Fuss breit und ebenso hoch; die meisten aber sind beträchtlich kleiner. Innerhalb der Mauern befinden sich deutlich erkennbare Ueberreste von einigen Häuserfundamenten; und noch zahlreiche andere Fundamentspuren kann man auf der Plattform unterhalb des Gipfels und den ganzen Abhang hinab verfolgen, an dem sich die untere Stadt wahrscheinlich hingezogen hat. Nach Süden und Westen fällt der Berg fast senkrecht zum Skamander ab. Wegen der vielen Abhänge auf der kleinen Akropolis sowol als auch in der untern Stadt hat der Regen jede Spur von Hausschutt so vollständig weggewaschen, dass überall der nackte Fels zu Tage tritt und keine Ausgrabungen hier möglich sind. Trotz eifrigen Suchens konnte ich weder auf der Akropolis noch in der untern Stadt auch nur ein einziges Scherbenstück finden. Auf der nördlichen Seite befindet sich am Abhange ein Tumulus aus losen Steinen, der seine konische Gestalt verloren hat. Die Ruinen dieser alten Akropolis und Stadt hat Admiral Spratt auf seiner Karte von 1840 verzeichnet; doch waren sie ihm von Frank Calvert, ihrem Entdecker, angegeben worden.

Ich gebe im Folgenden einen Auszug aus einem Vortrage, den Professor Virchow nach seiner Rückkehr aus der Troas am 20. Juni 1879 in der berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte gehalten hat:

»Der Theil des Burgberges von Hissarlik, in welchem die Trümmerstätte der ›gebrannten Stadt‹ gefunden wurde, war zur Zeit meiner Abreise aus der Troas an einer beträchtlichen Zahl von Stellen bis auf den Urboden geleert; wir waren an einer Stelle bis auf den Felsen selbst gekommen, auf dem die ältesten ›Städte‹ aufgebaut sind. – Mitten in der grossen Grube hat Schliemann einen mächtigen Block stehen lassen, der, solange er eben halten wird, das ursprüngliche Niveau der Fläche den Reisenden zeigen wird. Er bildet eine grosse, vierseitige Säule, welche sich über der Fläche, auf welcher das Haus des Stadthauptes oder Königs steht, 8–9 m hoch erhebt. Unter diesem Niveau kann man aber noch 6, 8, ja 10 m tiefer gehen, ehe man sämmtliche Trümmerschichten durchsunken hat, sodass also die gesammte Höhe der Schuttschichten von der Oberfläche bis zu dem eigentlichen Felsbett nahezu 20 m beträgt. Diese ganze Höhe besteht aus den Ueberresten ehemaliger Wohnungen; nichts ist dabei, was irgend den Eindruck macht, zu etwas anderm gehört zu haben.

Die Situation ist die, dass auf dem letzten Vorsprunge eines tertiären[72] Bergrückens, der von den eruptiven Gebirgen im Osten sich gegen den Skamander vorschiebt, und der seinerseits vielleicht 100 Fuss über der Ebene hoch ist, eine Reihe von Schuttmassen aufgethürmt ist, in denen[73] man mit Leichtigkeit die Stratification der aufeinanderfolgenden Ansiedelungen erkennt. Freilich ist dieser Schutt bis zu einer unglaublichen Massenhaftigkeit angewachsen. Allein gerade der Umstand, dass bis jetzt vielleicht noch nirgends in der Welt eine derartige Aufhäufung constatirt ist, eine Aufhäufung, welche aus einer solchen Masse von Schutt aufeinanderstehender Anlagen besteht, beweist, dass eine ungemein lange Zeit vergangen sein muss von der Gründung der ersten Ansiedelung bis zu der Zerstörung der letzten. Man mag sich die Constructionen, um die es sich handelt, zusammengesetzt denken wie man will, um eine solche Höhe der Schuttmassen herbeizuführen, dazu gehört unzweifelhaft mehr Zeit, als wir an irgendeiner andern Stelle der Welt für die Herstellung der Ruinenberge annehmen dürfen. Will man eine Vergleichung anstellen, so würden allenfalls die assyrischen Ruinenhügel eine gewisse Parallele darbieten, bei denen wegen der grossen Quantitäten von Backsteinen, welche zum Bau verwendet wurden, die sich auflösenden Thonmassen eine ganz ungewöhnliche Mächtigkeit erreicht haben. Einen gewissen Vergleich bieten auch die Aufgrabungen auf dem Palatinischen Berge in Rom. Allein die Aufhäufungen in Hissarlik unterscheiden sich von allen andern dadurch, dass eine grössere Reihe aufeinanderfolgender und in sich verschiedenartiger Stratificationen vorhanden ist, die ihrer ganzen Beschaffenheit nach einen wiederholten Wechsel der Bevölkerung bekunden. Allerdings lässt sich ihre Dauer nicht berechnen nach bestimmten Jahreszahlen, aber wir gewinnen doch einen chronologischen Anhalt durch das eingeschlossene Material, welches in reicher Fülle vorhanden ist.

Wie lange der erwähnte Block den Einflüssen der Witterung wird Widerstand leisten können, wage ich nicht zusagen; jedenfalls wird er lange Zeit nicht blos Zeugniss geben von der ungeheuern Höhe dieser Trümmermassen, sondern, wie ich meine, auch von der unglaublichen Energie des Mannes, der mit Privatmitteln es zu Stande gebracht hat, so gewaltige Massen von Erde zu bewegen. Wenn Sie sähen, welche Berge (im wahren Sinne des Wortes) von Erde haben weggeschafft werden müssen, um eine Uebersicht der tiefen Lagen zu bekommen, so würden Sie in der That kaum glauben, dass ein einziger Mann im Laufe von wenigen Jahren dieses grosse Werk hat vollenden können. Dabei möchte ich an dieser Stelle Schliemann in Schutz nehmen gegen einen Vorwurf, der an sich berechtigt ist, der aber bei genauerer Betrachtung in Nichts zerfällt, den Vorwurf, dass er nicht Schicht für Schicht von oben her abgetragen hat, um für jede einzelne Periode die Totalität des Plans zu gewinnen.

Es ist kein Zweifel, dass die Art, wie er gegraben hat, indem er sofort einen grossen Durchschnitt durch den ganzen Hügel machte, im höchsten Grade zerstörend gewirkt hat auf die obern Schichten. In diesen oberflächlichen Schichten fanden sich Tempelreste aus griechischer Zeit, Säulen, Triglyphen und allerlei andere Stücke von Marmor, freilich schon in zusammengeworfenem Zustande, indess wäre es doch vielleicht möglich gewesen, bei so grosser Sorgfalt, wie in Olympia, den Tempel wenigstens theilweise zu reconstruiren. Indess Herr Schliemann[74] hatte kein Interesse für einen Tempel, der einer für ihn viel zu jungen Zeit angehörte, und ich kann sagen, nachdem ich einen grossen Theil der Stücke noch gesehen habe: ich bezweifle, wenn sie zusammengebracht worden wären, ob für die Kunstgeschichte oder die Wissenschaft ein wesentlicher Gewinn dadurch erreicht wäre. Ich gestehe zu, es ist das eine Art von Sacrilegium gewesen; Herr Schliemann hat den Tempel mitten durchschnitten, die Baustücke sind auf die Seite geworfen und zum Theil wieder verschüttet worden, und es wird nicht leicht jemand in die Lage kommen, auch mit den grössten Aufwendungen, sie wieder zusammenzubringen. Aber unzweifelhaft, wenn Herr Schliemann in der Weise vorgegangen wäre, dass er von oben her Schicht um Schicht abgeräumt hätte, würde er bei der Grösse der Aufgabe heute noch nicht auf den Schichten sein, in denen die Hauptsachen gefunden sind. Er hat sie nur erreicht, indem er aus dem grossen Hügel gewissermassen den Kern ausgeschält hat.

Der Hügel von Hissarlik ist nämlich im Laufe der Zeit nicht blos in die Höhe gewachsen, sondern er ist auch in die Breite und Dicke gewachsen durch diejenigen Schuttmassen, welche die nachfolgenden Geschlechter, um ihrerseits bauen zu können, wegräumten und beiseitewarfen, um sich eine Baufläche herzustellen. Jetzt, nachdem die Grabungen in dieser Richtung in einer gewissen planmässigen Ordnung vorgenommen sind, kann man aus dem Aufbau dieses Abraums, der auf senkrechten Durchschnitten eine Reihe von übereinanderliegenden, schief abfallenden Stratificationen bildet, mit grösster Bestimmtheit chronologische Schlüsse machen. Schwerlich würde man solche Schlüsse machen können, wenn man einfach die aufeinanderliegenden Schichten, die doch nicht immer in demselben Niveau fortlaufen, abgetragen hätte.

In der Oberfläche sehen wir an einer Stelle die Tempelfundamente; an andern die aus regelmässigen Quadern zusammengesetzte Mauer der alexandrinischen Zeit, die sogenannte lysimachische Mauer. Ihr Verhältniss ist höchst charakteristisch. An senkrechten Durchschnitten, welche durch die peripherischen Theile des Hügels gemacht sind, erblickt man Aufschüttungen von Abraummasse, eine über der andern,[75] aber alle schräg gestellt, sodass man deutlich erkennt, dass der Abraum über den Abhang des Hügels heruntergeschüttet worden ist. Auf diese Aufschüttungen ist die Mauer aufgesetzt25; sie steht nicht über dem alten Fels, sondern auf dem seitlich hinausgeworfenen Material, und zwar an Stellen, wo unten überhaupt kein Fels mehr ist. Man erkennt so, dass die Fläche des Hügels offenbar von Anbau zu Anbau sich verbreitert hat. Der Hügel wurde im Laufe der Zeit immer umfangreicher. So ist er gewachsen zu Dimensionen, die weit über das hinausgehen, sowol der Höhe als der Fläche nach, was die alte Stadt hatte. Die alte Stadt bildet inmitten des Ganzen einen verhältnissmässig kleinen centralen Theil. Die folgenden Städte wurden immer grösser und erweiterten ihre Rayons.

Wir wurden zuerst aufmerksam auf diese Verhältnisse durch unsere eigene Arbeit; die Erde musste, um die alte Stadt freizulegen, aus der Mitte heraus zur Seite weggebracht werden, und da hier der Abhang war, so wurde sie durch eine Tranchée, welche radial durch den Mantel des Hügels angelegt wurde, bis zum Rande des Abhangs gefahren und hier ausgeschüttet. Die Erdmasse glitt somit den Abhang zum Theil herunter, zum Theil blieb sie auf demselben liegen; nur die grössern Steine kollerten bis in die Ebene herab. Dadurch erweiterte sich die Fläche zusehends immer mehr, und von unten sah es aus, als würde der Berg immer grösser. Er erscheint jetzt stattlicher, wie ich glaube, als vorher; durch die Abwechselung von Durchschnitten und Aufschüttungen ist etwas entstanden, was in der That einer grossen Festung höchst ähnlich sieht. Das so entstandene Kunstproduct von Hügel hat folgende Beschaffenheit: Abgesehen von den einzelnen Durchschnitten ist der äussere Mantel des Hügels immer noch in seiner ursprünglichen Höhe vorhanden, dagegen die innern Theile sind ausgegraben. Steht man auf den Umfassungswänden, so sieht man in einen grossen Kessel hinab, in dessen Grunde die alte Stadt mit ihren Mauern und Fundamenten wie auf einem Plane ausgebreitet ist. So ist man in die Lage gekommen, die besondere Art des Aufbaues kennen zu lernen.

Es hat das insofern ein nicht geringes Interesse, als für diejenigen, welche philologische Untersuchungen darüber anstellen wollen, inwieweit die Beschreibungen Homer's mit den vorhandenen Verhältnissen stimmen, z.B. in Bezug auf den dreimaligen Umlauf um die Stadt, welchen Hektor und Achilleus ausführten, nicht mehr wie früher das ganze Hissarlik in Frage kommen kann, sondern begreiflicherweise nur der centrale Theil, welcher wirklich der alten Anlage entspricht. Dieser ist allerdings noch viel kleiner als das, was Hissarlik an sich darstellt. Indess will ich besonders hervorheben, dass, verglichen mit der Akropolis des Bali Dagh, auch dieser kleinere Theil immer noch eine sehr stattliche Anlage ist, die weit über das Werk, hinausgeht, welches wir über Bunarbaschi sehen.« –

Da ich auf meiner letzten Reise nach England und Deutschland zu wiederholten malen der Meinung begegnet bin, ich verschwende, vom[76] Ehrgeiz getrieben, zum Schaden meiner Kinder26, die ich dereinst mittellos zurücklassen würde, mein ganzes Vermögen an meine archäologischen Forschungen: so halte ich es für nöthig, dem Leser hiermit zu versichern, dass, obgleich ich mich jetzt um meiner wissenschaftlichen[77] Bestrebungen willen von allen Speculationen fern halten und mich mit einem mässigen Zinsertrage meines Kapitals begnügen muss, doch mein jährliches Einkommen sich noch auf 200000 Mark beläuft (wovon 80000 Mark den Reinertrag aus den Miethen meiner vier Häuser in Paris, 120000 Mark aber die Zinsen meiner Fonds repräsentiren), während meine Jahresausgaben, einschliesslich der Kosten für die Ausgrabungen, nicht mehr als 100000 Mark betragen, und dass ich somit im Stande bin, jährlich noch 100000 Mark zum Kapital zu schlagen. So hoffe ich denn, jedem meiner Kinder ein Vermögen hinterlassen zu können, das ihnen erlauben soll, ihres Vaters wissenschaftliche Untersuchungen fortzuführen, ohne dabei jemals ihr Kapital anzugreifen. Ich benutze gern diese Gelegenheit, um meinen Lesern zugleich die Versicherung zu geben, dass ich die Wissenschaft, die ich um ihrer selbst willen liebe und verehre, niemals als Geschäft betreiben werde. Meine grossen Sammlungen trojanischer Alterthümer haben einen unschätzbaren Werth, doch sollen sie nie verkauft werden. Wenn ich sie nicht noch bei meinen Lebzeiten verschenke, so sollen sie kraft letztwilliger Bestimmung nach meinem Tode dem Museum derjenigen Nation zufallen, die ich am meisten liebe und schätze.


Ich kann diese Einleitung nicht schliessen, ohne meinen Freunden in den Dardanellen, den Herren Frank Calvert, Viceconsul der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Paul Venizelos, Viceconsul für Griechenland, Emilio Vitali, Viceconsul für Italien, und Nicolaos Didymos, erstem Dragoman und politischem Agenten der türkischen Regierung, meinen wärmsten Dank auszusprechen für alle Freundlichkeit und die vielen wichtigen Dienste, die sie mir während der ganzen Dauer meiner Ausgrabungen in Hissarlik erwiesen haben.

Ebenso sage ich den besten Dank auch meinen Freunden, Herrn Dr. F. Imhoof-Blumer von Winterthur und Herrn Achilles Postolakkas, Custos der Nationalen Münzsammlung in Athen; dem erstern für die liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der er alle ihm zur Verfügung stehenden ilischen Münzen für mich photographiren liess; dem letztern aber für die freundliche Sorgfalt, mit der er die Anfertigung der Zeichnungen von diesen und den in der ihm unterstellten Sammlung befindlichen ilischen Münzen beaufsichtigt hat, sowie auch für seine gelehrte Abhandlung über die ilischen Münzen und Medaillen, die ich in dem Kapitel über Novum Ilium wiedergeben werde.

1

Diese Ritte im nächtlichen Dunkel blieben nicht ganz ohne Unfälle. Reisende, die heute nach der Troas kommen, werden bemerken, dass an dem Nordrande der Brücke von Kum Kioi ein grosser Steinblock fehlt. Dieser Stein aber brach eines Morgens aus, als ich im Dunkeln etwas zu nahe am Rande entlang ritt, und so stürzte ich sammt meinem Pferde von der Brücke hinab in das Gestrüpp. Bei dem Falle kam das Pferd so auf mich zu liegen, dass ich mich nicht unter ihm hervorarbeiten konnte. Die Gensdarmen waren vorausgegangen und konnten mein Rufen nicht mehr vernehmen. Eine ganze Stunde musste ich in dieser verzweifelten Lage zubringen, bis endlich die Gensdarmen, die mich nicht an meinem gewöhnlichen Badeplatze in Karanlik eintreffen sahen, umkehrten und mich befreiten. Seit jenem Erlebniss steige ich vor jeder türkischen Brücke vom Pferde und führe mein Thier am Zügel hinüber.

2

Siehe .

3

Siehe , X und Y.

4

Sie ist auf dem mit d bezeichnet.

5

Vgl. , f. zwischen M und N.

6

»Als er (Meidias) dies gethan hatte, nahm er Besitz von den befestigten Städten Skepsis und Gergis, wo Mania hauptsächlich ihre Schätze bewahrte.« Ταῦτα δὲ ποιήσας Σκῆψιν καὶ Γέργιθα ἐχυρὰς πόλεις κατέσχεν, ἔνθα καὶ τὰ χρήματα μάλιστα ἠν τῇ Μανίᾳ. (Xenoph. Hist. Gr. III, 15.)

7

Wie bereits erwähnt, zählte ich hier vierunddreissig Quellen, aber da die Stelle, an der sie entspringen, Kirk Ghiöz oder »Vierzig Augen« heisst, so ist wol anzunehmen, dass auch 40 Quellen vorhanden sind.

8

»Bunarbaschi« bedeutet »Haupt der Quellen«. Clarke (I, 109) erinnert daran, dass es in Wales ein: Pen tre fynnyn, d.i. »Haupt der drei Quellen« gibt. Prof. Virchow (Beiträge zur Landeskunde der Troas, S. 23) bemerkt, dass es im Spessart ein Lohrhaupten gibt.

9

Il., XXII, 145–152: οἳ δὲ παρά σκοπιὴν καὶ ἐρινεὸν ἠνεμόεντα τείχεος αἰὲν ὑτὲχ κατ᾽ ἀμαξιτὸν ἐσσεύοντο, κρουνὼ δ᾽ἵκανον καλλιῤῤόω, ἔνϑα τε πηγαί δοιαὶ ἀναΐσσουσι Σκαμάνδρου δινήεντος. ἣ μὲν γὰρ ϑ᾽ὕδατι λιαρῷ ρέει, ἀμφὶ δὲ καπνός γίγνεται ἐξ αὐτῆς ὡς εἰ πυρὸς αἰϑομένοιο ἡ δ᾽ ἑτέρη ϑέρεϊ προρέει εἰκυῖα χαλάζῃ ἢ χιόνι ψυχρῇ, ἢ ἐξ ὕδατος κρυστάλλῳ.

10

Ich kann mich der allgemein gültigen Annahme über den Ursprung dieser Stadt nicht anschliessen: meiner Meinung nach ist sie von Antigonos nicht gegründet, sondern nur vergrössert worden; denn Strabo (XIII, 593, 604) gibt ausdrücklich, an: »dass ihre Stätte früher Sigia geheissen habe, und dass Antigonos, nachdem er die Einwohner von Chrysa, Kebrene, Neandria, Skepsis, Larissa, Kolonae, Hamaxitos und andern Städten in ihr angesiedelt, ihr den Namen Antigonia beigelegt habe«. Weiter berichtet er, dass diese Stadt später von Lysimachos verschönert worden und von ihm zu Ehren Alexander's des Grossen Alexandria-Troas genannt worden sei. Julius Cäsar fand an ihrer Lage so viel Gefallen, dass er, nach Suetonius, (Jul. Caes., 79) die Absicht gehabt haben soll, sie zu der Hauptstadt des Römischen Reichs zu erheben. Dieselbe Idee soll nach Zosimos (II, 30) und Zonaras (XIII, 3) auch Konstantin der Grosse gehabt haben, ehe er Byzantion wählte, und zwar habe er, berichtet Zosimos, beabsichtigt, die Stadt »μεταξὺ Τρῴαδος (Alexandria) καὶ τῆς ἀρχαιας ᾽Ιλίου«, zu bauen; aber »ἐν Σιγαίῳ sic« nach des Zonaras Bericht. Unter Hadrian war der berühmte Redner Herodes Atticus Statthalter dieser Stadt. Noch sind einige Theile des gewaltigen Aquaeducts erhalten, den er bauen liess und zu dessen Ausführung sein Vater Atticus 3 Mill. Drachmen aus eignen Mitteln beisteuerte. Auch in der Heiligen Schrift finden wir Alexandria-Troas (unter dem Namen Troas) als eine der Städte erwähnt, die Paulus besuchte. Seine ausgedehnten byzantinischen Ruinen lassen es zweifellos erscheinen, dass es bis zum Ende des Mittelalters bewohnt war. Jetzt führt es den Namen »Eskistambul« (die alte Stadt).

11

Da sich in der Nähe von Iné Silberminen befinden (siehe Chandler, I, 142; Pococke, III, 160, und Lechevalier, »Voyage dans la Troade«, S. 128), so müssen wir wahrscheinlich bei Strabo, XIII, 603, anstatt ἡ Νέα κώμη (καί ἀργύρια), zwischen Polichna und Palaiskepsis, gemäss der Parallelstelle XII, 552: Αἴνεα oder Ένεα κώμη lesen (siehe Groskurd, II, 480 u. 580). Plinius, H. N. II, 96, 97; V, 30, 33, und Steph. Byz., 487, die Nea citiren, scheinen dies dem Strabo, XIII, 603 entnommen zu haben. A. Pauly, »Real-Encyklopädie«, s.v. »Nea«.

12

Il., XI, 494: πολλὰς δὲ δρῦς ἀζαλέας, πολλὰς δέ τε πεύκας.

13

Topographie de la Troade (Paris 1844), S. 46.

14

Beiträge zur Landeskunde der Troas, S. 36.

15

Il., XII, 19–21.

16

Il., VIII, 48.

17

Il., XIV, 157, 158.

18

Philologische und historische Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin aus dem Jahre 1875, S. 105.

19

Il., XIV, 434; XXI, 2; XXIV, 693.

20

Il., XVII, 263; XXI, 268, 326.

21

Il., XXI, 380.

22

Il., XXI, 223.

23

Alle diese Höhenmessungen sind von Prof. Virchow gemacht.

24

Il., XX. 52–53: ὀξὺ κατ᾽ ἀκροτάτης πόλιος Τρώεσσι κελεύων, ἄλλοτε πὰρ Σιμόεντι ϑέων ἐπὶ Καλλικολώνῃ. und Il., XX, 151: οἳ δ᾽ ἑτέρωσε κάϑιζον ἐπ᾽ ὀφρύσι Καλλικολώνης.

25

Vgl. die Abbildung im Kapitel über Novum Ilium.

26

Ich habe vier Kinder: einen Sohn Sergius (geb. 1855), und eine Tochter Nadeschda (geb. 1861) aus erster, und einen Sohn Agamemnon (geb. 1878) und eine Tochter Andromache (geb. 1871) aus zweiter Ehe.

Quelle:
Schliemann, Heinrich: Autobiographie des Verfassers und Geschichte seiner Arbeiten in Troja. In: Ilios. Stadt und Land der Trojaner, Forschungen und Entdeckungen in der Troas und besonders auf der Baustelle von Troja, Leipzig 1881, S. 1–78., S. 63-79.
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