Gefässe, häusliche

Fig. 58. Büffet aus Schloss Rosenberg.
Fig. 58. Büffet aus Schloss Rosenberg.

[258] Gefässe, häusliche, waren für den gemeinen Mann und den gewöhnlichen Hausgebrauch bis ms Mittelalter von sehr einfachen, meist rohen Formen und entweder aus gebranntem Thon, Holz oder zu höherem Bedarf aus Metall verfertigt. Metallene Gefässe aus Eisen, Kupfer und Zinn wurden seit der Mitte des 10. Jahrhunderts in den Niederlanden als Handelsartikel verfertigt und versendet. Daneben findet man schon früh im Haushalt der herrschenden Stände und noch mehr in den Kirchen Prunkgefässe aus edlem Metall und Elfenbein, auch diese jedoch anfänglich in oft plumpen Gestalten. Die Trinkgeschirre waren der Kelch, halbkugelförmig und auf einem kurzen Fusse stehend, der Name, schon früh aus dem lat. calix entlehnt, ahd. chelih, mhd. kelch, und der ebenfalls dem Lateinischen (volksmässig = lat. bacar, mittellat. baccharium) entlehnte Becher, ahd. pechar, mhd. becher; er hatte im Mittelalter entweder die jetzige Form oder die Gestalt kleiner, mit Dauben verbundener Holzfässchen; sein deutscher Name ist Stauf, ahd. und mhd. der stouf; daneben bedient man sich immer noch der alten Trinkhörner, entweder aus wirklichen Stierhörnern oder aus Elfenbein geschnitzt; Trinkgeschirre aus Strausseneiern, Kokosnüssen und dgl. stammen aus dem Orient. Auch die Schüssel, die mit und ohne Fussgestell vorkommt, hat fremden Namen; ahd. skuzila, mhd. schüzzel kommt vom lat. scutula, dem Diminutiv wort von scuta = flache Schüssel. Besondere Teller waren nicht üblich; das mhd. teler, aus ital. taglière, taglièro ist das Küchenhackbrett, zu ital. tagliare, franz. tailler = schneiden. Die Kanne wird von einigen ebenfalls aus dem Lateinischen erklärt, lat. canna = Röhre, Krug, Trinkgeschirr; nach Grimms Wörterb. soll das Wort mit Kahn einer Wurzel sein, beides aus Baumstöcken ausgehöhlte Dinge. Kandel und Kante sind Weiterbildungen von Kanne.

Die Gotik und der Aufschwung des damit verbundenen Kunsthandwerkes kam natürlich auch den Gefässen in hohem Masse zu gute. Während bis zum Schluss des 13. Jahrhunderts bloss die herrschenden Stände Geschirre von Edelmetall besessen hatten, begann nun die Vorliebe für Schmuckgefässe auch den Bürgerstand zu ergreifen. Unter Verwendung zahlreicher Verzierungsmittel entfaltete man, am meisten in Franken, einen früher nie gekannten Formenreichtum, besonders in Schaustücken. Dazu gehörten verschliessbare Tafelbestecke in der Form von Schiffen, welche Gewürze, Wein, Trinkgefässe, Löffel enthielten und in oft seltener Pracht hergestellt waren; Bronnen, Weinbehälter in Form reichgegliederter Bauwerke, Salzfässer, Dreifüsse zur Unterstützung grösserer Geschirre oder als selbständige Schaustücke. Besonderen Wert legte man auf kunstreiche Trinkgefässe, zumal auf Becher, die bald mehr in der Weise einer Schale, bald in der eines Kelches, eines Tönnchens oder einer Tasse gebildet wurden, mit oder ohne Fuss, mit oder ohne Deckel. Daneben kamen für den häuslichen Gebrauch immer noch thönerne, zinnerne und hölzerne Gefässe zur Anwendung. Im 15. Jährh. steigerte sich der Aufwand sowohl als der Erfindungsgeist, der sich in allen möglichen, zum Teil höchst phantastischen Formen erwies. So nehmen nun auch die Namen der Trinkgefässe zu; nach der Gesammtfassung oder dem Massinhalte unterscheidet man jetzt Schrein, Humpen, Kelch, Becher, Krug, Kanne, Kopf, Schoppen: nach Form und Stoff Muskat, Eichel, Kokosnuss, Traube, Strauss, Pelikan, Schwan, Schiff, Mönch, Nonne, Narr, Reiter, Greifenklaue, Horn; bei den Kredenz[258] oder Doppelbechern bildete ein Becher den Deckel des andern.

Der im 16. Jahrh. in Deutschland auftretende Renaissancestil äusserte sich an den Geschirren, abgesehen von den Formen der Verzierungen, darin, dass der künstlerische Gedanke so sehr hervortrat, dass der natürliche Zweck der Gegenstände dadurch beeinträchtigt wurde und die verzierende Ausstattung inhaltlich allmählich ausser Bezug zu den Gegenständen als solchen trat; und in der überhandnehmenden Verwendung des Glases, der Majolika und der Fayence, wodurch die Gefässe in Gold und Silber zurücktraten. Die früheren Bronnen und Dreifüsse kamen in Abnahme, während die Schiffe immer noch vorkamen; besonders wurden aber als Tafelbestecke teils kelchähnliche Ständer oder von zumeisthohen Füssen gestützte schalenförmige Platten beliebt, reich mit Ornamenten bedeckt, worauf sich ein kunstvoller Zierrat erhob, teils in Rund durchgeführte Darstellungen aus dem Menschen- und Tierleben und der Pflanzenwelt, Szenen geschichtlichen und allegorischen Inhalts, mythologische Phantasie, Jagdstücke, Tierkämpfe u. dgl.; ähnlichen Zwecken dienen reichverzierte Muschelaufsätze. Bei den Giessgeschirren wurde die Kannenform überwiegend herrschend, wobei Fuss, Deckel, Henkel und Ausguss mannigfaltige reiche Durchbildung erfuhren. Für den eigentlichen Behälter oder den Bauch kam die Eiform auf und für das Geschirre überhaupt die altrömische Vasenform zur Geltung; auch wenn das Gefäss selber aus gebrannter Erde hergestellt war, pflegte man den Schmuck an Henkel, Füssen u. dgl. aus getriebener Metallarbeit herzustellen. Sehr in Aufnahme kamen die Glasgefässe, welche bis etwa 1550 ausschliesslich im Venetianischen angefertigt wurden. Die absonderlichen Gestalten, welche die vorhergehende Periode so sehr bevorzugt hatte, beschränkten sich von jetzt an mehr auf die Arbeiten aus Steingut und wurden Sache der eigentlichen Töpfer, die nun recht im Gegensatz zur Vasenform Formen aus ringförmigen Röhren und die Tonnenform oder aufrecht kauernde Figuren und dgl. ausbildeten. Zwischen den eigentlichen Giess- und den eigentlichen Trinkgefässen kam für den gewöhnlichen Verkehr eine zugleich zum Giessen und Trinken benutzte Gefässform auf, der Henkelkrug, auch Krug überhaupt. Aus Metall oder Steingut hergestellt, gestaltete man den Krug als Vereinigung der Kannen- und Becherform, später häufig mit Hinneigung zur Eigestalt der Vase; dazu kamen bildnerische Verzierungen, Arabesken, Wappen und ein verzierter Deckel aus Metall. Die Becher wurden jetzt häufig aus Elfenbein, Glas und Fayence hergestellt, und zwar meist ohne metallenen Schmuck; die Gestalt war wie früher eine überaus mannigfaltige und abenteuerliche, so dass ein Schriftsteller klagen konnte: »Heutiges Tages trinken die Weltbrüder und Trinkhelden aus Schiffen, Windmühlen, Laternen, Sackpfeifen, Schreibzeugen, Krummhörnern, Knebelspiessen, Weinwagen, Weintrauben, Äpfeln, Birnen, Kockelhähnen, Affen, Pfauen, Pfaffen, Mönchen, Nonnen, Bauern, Bären, Löwen, Hirschen, Rossen, Straussen, Katzen, Schwanen, Schweinen, Elendsfüssen und anderen ungewöhnlichen Trinkgeschirren, die der Teufel erdacht hat, mit grossem Missfallen Gottes im Himmel.« Später schritt man gar zu Nachahmungen von Stiefeln Schuhen, Schubkarren, Kriegsgeschützen fort. Zu vorwiegender Geltung kamen als Metallarbeit Trinkgefässe von Tannen- und Pinienzapfen, der Weintraube, von Köpfen, namentlich von Hörnern, mit reichen Beschlägen; sodann Becher in der[259] Form von Mönchen, Nonnen und reichgekleideten weltlichen Damen in steifem Reifrock, oder der spitzigen Hälfte des Eies. Die Kredenzbecher bildeten meist eine weibliche Figur mit seitwärts ausgebreiteten Armen, über dem Haupt ein Gefässchen tragend, das sich um seine Querachse bewegte; er diente als Doppelbecher für Herr und Dame. Der Willkommbecher war meist ein sehr umfangreicher Pokal oder Humpen. Als das vornehmste Trinkgeschirr galt immer noch der Kelch, den man jetzt zu äusserster Schlankheit gestaltete und dessen Fuss man willkürlich verzierte. Auch die Trinkgeschirre aus Glas wurden in verschiedenster Form, als Pokale, Kelchgläser, Schalen und in Nachahmung jedweder Gegenstände gearbeitet. Dazu Fig. 58 aus Müller und Mothes, arch. Wörterb., ein Büffet aus Schloss Rosenberg mit alten Gefässen darstellend.

Im 17. Jahrh., als die Kunst zu sinken begann, kamen Brunnen, Dreifüsse und Schiffe gänzlich ab, ebenso die Mehrzahl sonderbar gestalteter Gefässe; dagegen wurden als Tafelaufsätze Geräte in Vasenform mit Blumenstrauss darin beliebt. Kunstgläser nahmen noch mehr überhand, die Gefässe fielen der Verschnörkelung anheim, wurden immer flacher behandelt und die früheren Bildnereien durch bloss eingeritzte Zierrate von oft roher Fassung ersetzt. Eine neue Art von Giess- und Tinkgeschirren brachte die Einführung des Kaffees und Thees mit sich, die Tassen, die man zuerst aus Metall verfertigte. Der Rokoko-Stil des 18. Jahrh. endlich brachte den Gefässen das lang- und quergefurchte, vielzackige Muschelwerk, scharfkantige und eckige Schnörkel ohne feste Grundgestalt, aufgemalte, eingelegte oder leicht erhabene Darstellungen, Genien, Blumen, Landschaften, Füllhörner u. dgl. Das Hauptmaterial, das für diese Geschmacksrichtung auch am geeignetsten war, war das Porzellan. Nach Weiss, Kostümkunde.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 258-260.
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258 | 259 | 260
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