Tagelieder

[960] Tagelieder, mhd tageliet, tagewîse, sind eine beliebte Gattung der höfischen Lyrik sowohl in der französischen als in der deutschen Litteratur. Sie bestehen aus einem an den Anbruch des Morgens, den Aufgang des Morgensternes anknüpfenden Gespräch zwischen dem Geliebten und der Geliebten, worin die wehmütige Empfindung des nötig gewordenen Scheidens zum lyrischen Ausdrucke kommt. Die Situation ist ursprünglich ohne Zweifel die allgemein über Europa verbreitete Sitte des toerschen bîligen, der von seite der Geliebten gestatteten Probenächte der Enthaltsamkeit, wobei ausser Kuss und Umarmung nichts weiter gestattet war, derselben Sitte, die heute noch unter den Namen zu Kilt gehen, kilten, Gassel gehn, gasseln, fenstern, branteln, schnurren u.a. in verschiedenen Gegenden zu Recht besteht.[960] Die nachweisbaren Lieder dieses Inhaltes beginnen aber erst mit dem Eintritte der Lyrik in die Litteratur; sie heissen bei den Provençalen albas, von alba, Morgenstern, bei den Franzosen aubes. Die deutschen Tagelieder stellen entweder die einfachere Szene dar, wenn die Frau erwacht, den Liebenden weckt und beide scheiden, oder die Szene gestaltet sich durch die Einführung des Wächters belebter, indem dieser von der Zinne des Burgturmes bei dem ersten Scheine der Morgenröte ein warnendes Lied anstimmt. Auch dieser Zug dürfte auf der wirklichen Sitte beruhen, dass der Nachtwächter, wie es bis in neuerer Zeit geschah, ausser dem gewöhnlichen Stundenrufe regelmässig noch einen Abend- und einen Morgenruf singt. Wolfram von Eschenbach hat den Wächter zuerst in das Tagelied eingeführt. Wieder eine Variation ist es, wenn statt des Wächters ein Freund des Ritters die Wache versieht; nie aber hat man in den zahlreich vorhandenen Tageliedern, welche zum Teil den besten Minnesängern, Walther v.d.V. und Wolfram angehören, erlebte Liebesereignisse zu erkennen, sondern stets bloss Lieder der Liebe, welche dem Geschmacke der Zeit zufolge mit Vorliebe diese Form annahmen; daher ist es auch nicht allzuhoch zu verwundern, wenn berichtet wird, ein Abt von St. Gallen habe Tagelieder gesungen. Mit dem Aussterben der höfischen Lyrik erscheint das Tagelied in der Form des Volksliedes, wie denn z.B. das bekannte Lied: »Es stehen drei Sterne am Himmel, die geben der Lieb ihren Schein« ursprünglich ein Tagelied ist. Im 16. Jahrhundert wurden Tagelieder auf fliegende Blätter gedruckt, welche auf dem Titel in grobem Holzschnitte den Wächter mit dem Horn auf der Zinne zeigen. Auch geistliche Umdichtungen dieser Liedgattungen waren früh beliebt; die bekannteste derselben ist das Lied von Philipp Nicolai, »Wie schön leuchtet der Morgenstern«; dasselbe war namentlich als Hochzeitslied verbreitet. Weinhold, Deutsche Frauen, zweite Aufl. I, 261 ff. Bartsch, im Album des litt. Vereins zu Nürnberg, 1865. S. 1–75.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 960-961.
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