Charon

[696] CHARON, óntis, Gr. Χάρων, οντος, ( Tab. I.)

1 §. Namen. Insgemein wird dieser von χαίρω, ich freue mich, hergeleitet, also, daß er durch einen Gegensatz einen bedeuten soll, bey dem und um den gar nichts fröhliches ist. Serv. ad Virgil. Aen. VI. v. 299. Zwar wollen ihn auch einige bald von χώρα, der Ort, Kaum, bald von χάνδακος, χανδάνω, oder auch κεχηνέναι, aufsperren, fassen, herleiten. Phurnut. de Nat. Deor. c. 35. Allein, auf dergleichen gezwungenes Wesen wird billig nicht gesehen, Gyrald. Synt. VII. p. 215. zumal man nicht weis, was oder wie solche Wörter eigentlich heißen sollen. Gale ad Phurnut. l. c. Man will ihn daher lieber von einem hebräischen Worte herholen, welches zornig bedeute. Voss. Theol. gent. L. II. c. 57.

2 §. Aeltern. Diese waren Erebus und Nox, weil fast alle höllische Ungeheuer von solchen beyden herkommen sollen. Chrysippus ap. Boccacc. l. I. c. 40.

3 §. Wesen und Zufälle. Er wird zwar auch für einen Gott mit angegeben, Virgil. Aen. VI. v. 304. hatte doch aber keine andere Verrichtung, als daß er der Verstorbenen Seelen in einem Kahne über die höllischen Flüsse, [696] vornehmlich den Acheron, führet. Er bekam dafür ordentlicher Weise seinen Pfennig, welcher den Verstorbenen von den Ihrigen dazu jedesmal pflegte unter die Zunge, oder sonst in den Mund gesteckt zu werden, Iuvenal. Sat. III. v. 267. & ad eum Schol. Vet. Lucian. Dial de luct. T. II. p. 430. Aristophan. ap. Nat. Com. lib. III. c. 4. und mit seinem besondern Namen Δανάκη hieß. Bentlei. ad Callimach. Fragm. 90. Die Heerführer der Athenienser gaben ihm etwas mehrers, weil sie besser, als andere Leute, seyn wollten, Nat. Com. l. c. hingegen wollten die von Hermione gar frey überfahren, weil von ihnen an ein kurzer Weg durch den bey ihrer Stadt sich befindlichen Schlund in die Hölle wäre. Callimach. Fragm. ex Collect. Vulcanii p. 247. & ad ea Grævius p. 247. So führete er auch wohl einige Lebendige über, als den Ulysses, Aeneas und Orpheus: sie mußten ihm aber erst deswegen einen goldenen Ast zeigen. Als er daher aus Furcht dergleichen, ohne solchen, auch dem Herkules that, so mußte er ein ganzes Jahr dafür in Ketten und Banden liegen. Orph. ap. Servium ad Virg. l. c. v. 392. Es mochte ihm gleichfalls nicht wohl bekommen seyn, daß er eben dergleichen dem Theseus und Pirithous gethan hatte. Virgil. l. c. v. 393. Ob nun wohl die Seelen der Verstorbenen haufenweise, groß und klein, alt und jung, vornehm und geringe, unter einander an dem Acheron ankamen, und mit sehnlichsten Bitten und Verlangen wünscheten, übergeführet zu werden, so nahm er doch nur einige in seinen Kahn ein, andere aber wies er zurück. Id. ib. v. 305. Dieses letztere wiederfuhr denen insonderheit, welche nach ihrem Tode nicht waren begraben worden, weil solche erst ganzer hundert Jahre an dem besagten Flusse umher schweifen mußten, ehe sie übergeführet werden konnten. Id. ib. v. 325. & ad eum Servius & Cerda l. c.

4 §. Bildung. Er wird als ein alter doch lebhafter Mann, mit einem großen grauen und struppichten Barte, feurigen Augen, und zerrissener schmutzigen[697] Kleidung vorgestellet, wobey er in einem alten, schwarzen und moderichten Kahne steht, solchen mit einer Schierstange forttreibt, und also der verstorbenen Seelen überführet, wobey er sich gegen alle sehr hart und trotzig erweist. Virgil Aen. VI. v. 298. Einige legen ihm auch noch eingefallene Backen, Senec. in Herc. Fur. v. 766. und ungehemmte Haare bey, Claud. de Raptu Proserp. lib. II. v. 358. Von andern wird er bald teter, bald trux, bald squallidus, bald tristis, und so ferner, genannt, um sein strenges und fürchterliches Wesen damit zu bemerken. Cerda & Taubmannus ad Virgil. l. c. v. 298. 299. Man findet ihn noch auf einem Carneole und einer Lampe in seinem Kahne, wo Mercur eine Seele zu ihm bringt, die ihm das Fährgeld in die Hand giebt. Lipperts Dactyl. I Taus. 87.

5 §. Eigentliche Beschaffenheit. Es beruhet alles von diesem Charon nur auf einem bloßen Gedichte, welches aber doch so fern seinen Grund hat, daß bey den Aegyptern zu Memphis üblich war, die Todten auf einem kleinen Schiffe, welches Baris hieß, über den Nil hinüber zu führen, und daselbst zur Erde zu bestatten. Der Schiffer hieß im Aegyptischen Charon. Diod. Sic. L. I. p. 58. Weil nun dieser Fährmann nicht nur seinen Fährlohn bekam, sondern sich auch ein besonderer See daselbst befand, welcher Acherusa hieß, imgleichen ein Ort, der den Namen Scotia, oder Finsterniß, führete, und was alles mehr war, welches die Griechen von den Aegyptern auch in diesem Stücke entlehnet haben; Ibid. c. 96. p. 61. so entstund die Fabel davon. Banier Entret. IX. ou P. I. p. 262. Erl. der Götterl. IV B. 42 S. Gleichwohl meynen einige, Charon sey ein ägyptischer König, oder wenigstens ein tyrannischer Pachter eines Königes gewesen, der an dem See Querron einen Zoll wegen der Ueberfahrt angeleget, und dadurch in kurzer Zeit großen Reichthum erlanget habe. Fourmont dans l'Hist. de l'Ac. des I. & B. L. T. II. p. 11. Ein arabischer Schriftsteller [698] giebt vor, Charon sey mit Mose leiblich Geschwisterkind, oder sein Oheim gewesen, und habe dessen Partey gehalten, und alle seine Anordnungen genau beobachten lassen; dafür habe ihn dieser denn die Kunst Gold zu machen gelehret, wodurch er sich große Schätze gesammlet, wie man noch heutiges Tages in Aegypten glaubet. Murtadi beym Ban. am angef. Orte 46 S.

6 §. Anderweitige Deutung. Da er den Namen von χαίρω, ich freue mich, hat, so deuten ihn einige auf die Freude, welche bey einem Menschen entsteht, wenn er in dem Tode sein Leben erwägt, und, indem er seine begangene Sünden betrachtet, in seinem Gemüthe zwar betrübt und verwirrt wird, welches die höllischen Flüsse sind, über die er gehen muß; allein, wenn er doch dabey auch an die Barmherzigkeit Gottes gedenket, wieder froh wird, und den Tod willig und ohne Furcht aussteht. Nat. Com. lib. III. c. 4. Andere deuten ihn bloß auf die Zeit, Serv. ap. Chartar. Imag. 47. a. die zwar alt ist, jedoch aber an Kräften nicht abnimmt. Die zerrissenen und schlechten Kleider, die er an hat, bemerken die nichtigen Dinge dieser Zeit, die wir im Leben oft sehr hoch achten, im Tode aber unrein und unnütz befinden. Den Namen hat er von der Freude, in Absicht auf die Gottlosen, nach dem Gegensatze; in Ansehung der Frommen aber im Ernste, weil viele weise Leute dafür gehalten, daß man sich freuen solle, wenn ein Mensch stirbt, hingegen sich betrüben, wenn einer zu so vielen Aengsten und Ungemach gebohren wird. Omeis Mythol. in Charon, s. p. 74. Noch andere gehen mit seiner Deutung auf die Zeit auch noch weiter, und soll er des Erebus Sohn seyn, weil auch die Zeit von Gottes geheimem und verborgenem Rathschlusse entstanden; wobey denn ferner seine Mutter die Nacht ist, weil, ehe die Zeit war, noch kein Licht gewesen. Er hält sich bey den Unterirdischen auf, weil die Seligen im Himmel keine Zeit nöthig haben. Er führet die Seelen der Verstorbenen [699] über den Acheron, weil uns die Zeit, so bald wir nur geboren worden, auch wieder nach dem Tode zuführet, da inzwischen unser ganzes Leben ein Achĕron, oder ohne Freude ist, und was dergleichen gar gute Deutungen mehr sind. Boccacc. lib. I. c. 40.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 696-700.
Lizenz:
Faksimiles:
696 | 697 | 698 | 699 | 700

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Nachtstücke

Nachtstücke

E.T.A. Hoffmanns zweiter Erzählzyklus versucht 1817 durch den Hinweis auf den »Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier« an den großen Erfolg des ersten anzuknüpfen. Die Nachtstücke thematisieren vor allem die dunkle Seite der Seele, das Unheimliche und das Grauenvolle. Diese acht Erzählungen sind enthalten: Der Sandmann, Ignaz Denner, Die Jesuiterkirche in G., Das Sanctus, Das öde Haus, Das Majorat, Das Gelübde, Das steinerne Herz

244 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon