Daedalvs

[852] DAEDĂLVS, i, Gr. Δαίδαλος, ου, ( Tab. XXIX.)

1 §. Namen. Da δαίδαλος im Griechischen so viel, als etwas künstlich gemachtes heißt, Homer. Il. Ξ. v. 179. und lange vor diesem Dädalus δάιδαλα, so viel als geschnitzte, oder gehauene Statuen geheißen haben, so wollen einige, daß Dädalus nicht sein eigentlicher Namen gewesen, sondern ihm erst von seiner Kunst und Profession gegeben worden, Pausan. Bœot. c. 3. p. 546. ob gleich nicht bekannt ist, wie er sonst eigentlich geheißen haben soll.

2 §. Herkommen. Sein Vater war, nach einigen, Euphemus, Hygin. Fab. 39. nach andern, Palamaon; Pausan. Bœot. c. 3. p. 546. Richtiger aber wird er Eupalamus genannt, und für einen Sohn des Metions und der Alcippe angegeben. Apollod. lib. III. c. 14. §. 8. Doch kehren es einige um, und machen den Metion, welchen sie Hymetion nennen, zu seinem Vater, und den Eupalamus zu seinem Großvater. Diod. Sic. L. IV. c. 78. p. 192. Da nun solcher Metion selbst des Königs Erechtheus zu Athen Sohn war, Pausan. Corinth. c. 6. p. 96. so erhellet daher, daß er allerdings königliches Herkommens gewesen, daher er auch bald zu den Erechthiden, Diod. Sic. l. c. bald zu den Metioniden unter den Atheniensern gerechnet wird. Pausan. Ach. c. 4. p. 403.

3 §. Leben und Werke. Er war ein künstlicher Bildhauer und Baumeister, der seine Kunst selbst von der Minerva sollte erlernet haben, Hygin. Fab. 39. Er erfand bey derselben verschiedene Werkzeuge, als die Axt, die Richtwage und den Stichbohrer. Plin. H. N. lib. VII. c. 56, sect. 57. Er soll auch zuerst einen Mastbaum in den Schiffen errichtet, Segelstangen daran gemacht und sich der Segel statt der Ruder bedienet haben. Ibid. Pausan. Bæot. c. 11. p. 558. Insonderheit setzete er sich dadurch in eine große Hochachtung, [852] daß er der erste war, der die Statuen, mit offenen Augen, ausgestreckten Armen und von einander gethanen Beinen verfertigte. Dieß machte, daß sie als lebendig aussahen; da hingegen die älteren, welche nichts davon an sich hatten, ganz todt dagegen schienen. Diod. Sic. lib. IV. c. 78. p. 102. Doch soll er auch eine Bildsäule der Venus gemacht haben, die vermittelst hineingethanen Quecksilbers wirklich gegangen sey. Aristot. de anima L. I. c. 3. p. 622. T. I. Opp. Man hält solches aber nur für eine Spielerey. Gedoyn Hist. de Dedale. Mem. de l'Ac. des Ins. T. XIII. p. 277. Einige halten ihn so gar für den ersten Erfinder der Statuen, Apol. lod. lib. III. c. 14. §. 8. weil vielleicht der vorhergehenden Bildhauer Arbeit mehr Klötzer oder Steine, als wahrhafte Bildsäulen heißen konnten. Er war hierbey nach der meisten Künstler Art, so neidisch, daß er es so gar nicht leiden konnte, daß selbst seiner Schwester Sohn, Talus, welchen er in der Lehre bey sich hatte, einige nützliche Werkzeuge erfand, Hygin. & Diod. ll. cc. und er ihn bloß deshalber zu Athen von dem Schlosse hinab stürzete, oder heimlich umbrachte. Sieh Talos. Allein, als er deshalber von dem Areopagus wieder des Todes schuldig zu seyn erkannt wurde, so machete er sich mit der Flucht darvon. Apollod. l. c. §. 9. Jedoch soll er sich anfänglich zu einer der atheniensischen Curien, die von ihm hernach die dädalische genannt worden, gewendet, von da aber sich zu dem Könige Minos nach Kreta begeben haben. Diodor. Sic. l. c. Er machte sich bey demselben und dessen Töchtern, insonderheit durch seine künstliche Arbeit beliebt, Pausan. Achaic. c. 4. p. 403. worunter zuförderst ein künstlicher Tanz junger Gesellen und Jungfern unter einander von weißem Steine war, welchen er der Ariadne verfertigte. Homer. Il. Σ. v. 518. & Pausan. Bœot. c. 40. Währendes seines Aufenthaltes in dieser Insel bauete er zu Gnossus den Labyrinth, worinnen hernachmals der Minotaurus aufbehalten wurde. Apollod. l. c. §. 8. Das Muster dazu soll er aus [853] Aegypten geholet, jedoch nicht völlig nachgemacht haben. Plin. H. N. lib. XXXVI. c. 13. Diod. Sic. L. I. p. 61. Als aber nachher des Königs Gemahlinn, Pasiphae, sich in einen schönen Stier verliebte, und er durch Verfertigung einer hölzernen Kuh, machte, daß sie ihren seltsamen Begierden ein Gnügen thun konnte, so ließ ihn Minos nebst dessen Sohne, dem Ikarus, in einen Thurm gefangen setzen. Allein, er bekam daselbst Wachs und Leinwand, und machete so wohl sich, als gedachtem seinem Sohne Flügel davon, wie er noch auf vielen geschnittenen Steinen bey dieser Arbeit vorgestellet wird. Beger. Spic. Ant. p. 64. Wilde Gem. sel. n. 161. Maffei Gem. ant. T. III. tav. 88. Cf. Lipperts Dactylioth. II Taus. 12 u. f. f. S. Auf einer erhabenen Arbeit in der Villa Albani, hat er den Ikarus dabey neben sich stehen, welchem seine Flügel schon angesetzet sind. Vinkelm. Monum. ant. 95. p. 129. Vermittelst dieser Flügel flogen sie beyde davon; und zwar entkam er glücklich über die See nach Sicilien, Ikarus aber, der seinen Vermahnungen nicht folgete, sondern sich so hoch an die Sonne machete, daß die Flügel von deren Hitze zerschmolzen, stürzete ins Meer und ersoff. Diodor. Sic. l. c. c. 79. p. 193. & Ovid. Metam. VIII. v. 183. itemque Lact. Plac. Narr. lib. VIII. Fab. 3. Nach einigen gab er der Ariadne Mittel an die Hand, wie sie dem Theseus wieder aus dem Labyrinthe helfen sollte. Da nun solcher nicht allein den Minotaurus umgebracht hatte, sondern auch noch damit der Ariadne durchgegangen war, Minos aber solches alles endlich erfahren, so soll er ihn dafür wieder in den Labyrinth haben versperren lassen. Allein als ihm seine Freunde Wachs zugestecket, indem er vorgab, ein Kunststück daraus zu verfertigen, womit er des Königs Gnade wieder erlangen. wollte, so machete er sich Flügel und entfloh also, sammt dem Ikarus. Er kam aber, wie man will, erst nach Sardinien, und von da nach Cumä in Italien, woselbst er dem Apollo einen Tempel erbauet, ihm seine Flügel[854] widmete und seine ganze Historie an die Thüren solches Tempels mahlete. Serv. ad Virgil. Aen. VI. v. 14. Als er nachher von Cumä nach Sicilien gieng, und sich daselbst gar bald bey dem Könige, Kokalus, und dessen Töchtern in Gunst setzete, so langete bald darauf auch Minos mit seiner Flotte allda an, und forderte den Dädalus wieder ab. Allein, es wußte Kokalus diesen so aufzuhalten, daß seine Töchter, hinter welche sich Dädalus insonderheit gestecket hatte, endlich Gelegenheit fanden, den Minos selbst hinrichten, womit denn Dädalus in völlige Sicherheit gesetzet wurde. Pausan. l. c. Er hielt sich auch lange Zeit allda auf und lebete seiner Künste wegen in großem Ansehen; wie er denn unter andern ein sehr künstliches Werk bauete, welches Kolymbethra hieß, wodurch sich der Fluß Alabo ins Meer ergoß. Ferner erbauete er auf einem sehr hohen Felsen eine ganz unüberwindliche Stadt, weil er einen so engen und krummen Weg dahinauf verfertigte, daß drey bis vier Leute allein sie wider einen jeden Feind vertheidigen konnten, weswegen auch Kokalus seine Residenz, zuförderst aber seine Schätze dahin verlegete. Drittens machte er eine Höhle dergestalt zu Rechte, daß die Wärme von dem unterirdischen Feuer denen Menschen auf die angenehmste Art den Schweiß in derselben austrieb. Viertens erweiterte er durch eine auf geführte Mauer den Platz des Tempels der Venus auf dem Berge Eryx, daß solcher zu oberst seinen geziemenden Raum bekam; und solcher Göttinn selbst machete er einen Honigkuchen von Golde, der einem natürlichen so ähnlich war, daß kein Unterschied dabey zu bemerken stund, und was alles dergleichen mehr gewesen. Diodor. Sic. l. c. c. 80. p. 193. & 194. Sonst waren seine Werke noch eine Statue des Herkules zu Theben, und des Trophonius bey den Lebadensern, die Britomartis zu Oluns in Kreta und die Minerva zu Knossus, imgleichen eine Venus in der Insel Delos, Pausan. Bæot. c. 40. p. 605. und ein Herkules zu Korinth. Ob [855] ober wohl solche Statuen insgesammt noch ziemlich roh und unausgearbeitet waren, so sollen sie dennoch insgeheim etwas an sich gehabt haben, woraus gleichsam etwas göttliches hervor geblickt. Idem Corinth. c. 4. p. 92. Seine Söhne waren Scyllis und Dipönus, auch ein Paar berühmte Bildhauer, welche er mit einer Tochter des Gortys gezeuget haben soll, ob wohl andere sie nur für seine Lehrlinge ausgeben. Idem ibid. c. 15. p. 111. So soll er auch den Jäpyx mit einer Kretenserinn, den oberwähnten Ikarus aber mit der Naukrate, einer Sklavinn, gezeuget haben. Natal. Com. lib. VII. c. 16. Sein Ruhm war überaus groß, obgleich Plato schon zu seiner Zeit den Sokrates sagen ließ, daß ihn die damals lebenden Künstler nur auslachen würden, wenn er wiederkommen und nach seiner Art arbeiten würde. Platon. Hippias maj. p. 125. Nichts destoweniger hatte man ihm auf einer Insel unsern von Memphis einen Tempel erbauet, worinnen er göttlich verehret wurde; und man hatte seine von ihm selbst verfertigte Bildsäule in den Tempel des Vulcans zu Memphis gesetzet, wozu er die Vorhalle gebauet hatte. Diod. Sic. L. I. p. 61. Hieraus hat man schließen wollen, er sey zum andern Male wieder nach Aegypten gegangen und daselbst gestorben, weil man sonst nirgend von seinem Tode etwas finde. Gedoyn Hist. de Dedale l. c. p. 289.

4 §. Eigentliche Historie. Daß das meiste, was von ihm gemeldet wird, wahre Historien seyn, steht noch wohl zu glauben. Allein, seine gemachte hölzerne Kuh ist wohl nichts anders, als sein Haus, oder Lusthaus gewesen, worinnen er der Pasiphae Gelegenheit gegeben, mit ihrem Liebhaber, dem Taurus, zusammen zu kommen, Tzetz. ap. Nat. Com. lib. VI. c. 5. weil eine Frau und ein eigentlicher Stier auf keine Art einige Gemeinschaft mit einander haben oder sich begatten können. Palæphat. de Incred. c. 2. & Heraclit. de iisd. c. 6. So sind auch seine wächsernen Flügel nichts, als ein Schiff, worauf er durchgegangen, nachdem er sich zu einem Fenster [856] hinaus aus seinem Gefängnisse davon gemacht, Palæphat. l. c. c. 13. Cf. Diod. Sic. lib. IV. c. 79. p. 193. oder, insonderheit ein Segel, das er aufgespannet, als er von des Minos Ruderschiffen verfolget wurde, durch dessen Beyhülfe er denn bey gutem Winde seinen Feinden glücklich entgieng. Pausan. Bœot. c. 11. p. 558. Cf. Banier Entret. XV. ou P. II. p. 123. Dess. Erl. der Götterl. IV B. 431 S. Wenn aber sonst noch vorgegeben wird, daß er Statuen gemacht, die von sich selbst gehen können, so ist solches in so weit nichts unmögliches, weil dergleichen noch jetzo durch innerliches Triebwerk gemacht werden können. Doch bey des Dädalus Statuen hat es keine andere Bedeutung, als daß er solche mit von einander gesetzten Beinen gemacht, wie schon vorher beygebracht worden. Palæphat. loc. cit. c. 22. & quos ad eum laudat Thom. Gale l. c.

5 §. Anderweitige Deutung. Einmal soll er zum Exempel dienen, daß Bosheit von Gott nicht ungestraft bleibe, wie er denn seiner Schwester Sohn unrechtmäßiger Weise ums Leben gebracht, hernach auch wiederum allerhand Noth und Gefahr ausstehen müssen. Nat. Com. lib. VII. c. 16. Hiernächst soll er bemerken, daß nichts unversucht bleiben sollte, wenn man in Noth und Gefahr stecke. Masen. Spec. ver. occ. c. XLII. n. 101. Die von ihm entstandenen Sprüchwörter: Dædalium remigium, Plaut. ap. Erasm. Adag. pag. 236. und Dædali opera, Gr. Δαιδάλεια ποιήματα, Suidas Δαιδάλου ποιήματα, s. Tom. I. p. 514. Erasm. l. c. p. 348. wie auch Dædali alæ, Δαιδάλου πτερί, Idem ibid. bedeuten ersteres eine besondere Geschwindigkeit; Erasm. loc. cit. p. 236. das zweyte aber allerhand neue und künstliche Erfindungen, Idem ib. 348. und das dritte ein Mittel, dessen man sich in der äußersten Noth und Verzweifelung bedienet. Diogenianus ap. Kuster. ad Suid. loc. cit. Ferner bemerket er auch, daß große Künstler insgemein sehr neidisch sind; ihnen aber eben kein großer Tort geschieht, wenn sie gleich ein Land meiden müssen, weil sie überall lieb und angenehm sind; hiernächst daß [857] viele nichtige Künste zwar durch die Gesetze verboten, und, wie er, von dem Minos, verfolget worden, jedoch aber nicht unterdrückt werden können, bis sie endlich wie Ikarus, fallen, und ihre Nichtigkeit verrathen. Baco Verulam. de Sap. Vet. c. 19. Die Tragödie, welche Sophokles von ihm geschrieben, ist verlohren gegangen. Fabr. Biblioth. Gr. lib. II. c. 17. §. 3.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 852-858.
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