Helena, S. (7)

[614] 7S. Helena, Aug. Vid. (18. Aug. al. 7. 8. Febr. 3. 21. 22. Mai, 15. Sept. Diese hl. Helena, oder, wie sie mit ihrem vollen Namen heißt, Flavia Julia Helena. Gemahlin des Kaisers Constantius Chlorus und Mutter Constantins des Großen, ist die berühmteste ihres Namens. Die Zeit ihrer Geburt und ihr Geburtsort ist ungewiß. Viele Schriftsteller, namentlich brittische, weisen auf Britannien hin, wo ihre Wiege gestanden haben soll. Nach dieser Annahme wäre sie die Tochter des Königs Coilus gewesen und zu York oder noch wahrscheinlicher zu Colchester [614] geboren worden. Andere setzen ihren Geburtsort in die alte, zu jener Zeit in höchster Blüthe stehende Stadt Trier. Als Hauptgrund für erstere Annahme wird die angebliche Geburt Constantins des Großen in Britannien angegeben. Allein davon abgesehen, daß dieser Angabe viele sehr gewichtige Gründe entgegenstehen,9 so würde selbst bei der Voraussetzung ihrer Wahrheit aus diesem Umstande noch keineswegs ein Schluß auf die Geburt auch der Kaiserin Mutter in Britannien gezogen werden können. Und warum sollte der große britannische Geschichtsforscher Beda, dessen Autorität und umfassende Kenntniß der Thatsachen unbestritten, von dieser merkwürdigen Thatsache nichts gewußt haben? Wäre zu seiner Zeit auch nur eine schwache Volkssage hierüber im Schwung gewesen, so würde er sie uns überliefert haben. Nur daß Constantius Chlorus in Britannien als Mitregent des Kaisers Diocletian gestorben sei, ist sicher. Ebenso gewiß ist, daß er in Gallien, namentlich in Trier, sich vielfach aufgehalten habe; aber er war öfter auch im Orient, und konnte er sich seine Lebensgefährtin nicht auch von dorther geholt haben? In der That sind die Gründe, welche für die Geburt der Heiligen in Trier angeführt werden (worunter namentlich ein unächtes Diplom des Papstes Sylvester), wo möglich noch schwächer als jene, die für York oder Colchester angerufen werden. Dagegen war schon im 6. Jahrhundert die Ueberlieferung, der Geburtsort der hl. Helena sei Drepana in Bithynien, im Morgen- und Abendland weit verbreitet. Dafür spricht nicht blos Nicephorus, sondern vorzuglich Procopius von Cäsarea. Die Stadt lag am Bosporus und erhielt später von der Kaiserin Helena den Namen Helenopolis. Sie blieb aber immer unbedeutend gegen ihre Nachbarstädte, namentlich auch gegen das jetzige Karamussal, das im Alterthum Astakus oder Olbia hieß und dem daran gelegenen Meerbusen den Namen gab. Als beiläufige Jahreszahl der Geburt der hl. Helena nehmen die Bollandisten das J. 248 an. Der hl. Ambrosius, welcher um die Zeit des Todes Constantins schon am Leben war (er stand bereits im fünften Lebensjahre), huldigte jedenfalls der Ansicht, daß die hl. Helena einem bürgerlichen Geschlechte entsprossen gewesen sei und zur Zeit, als Constantius sie kennen lernte, eine Posthalterei in Kleinasien betrieben habe. Er setzt hinzu: »Fürwahr, eine gute Stallmeisterin, welche so eifrig nach der Krippe des Herrn suchte eine gute Stallmeisterin, welche jenen Wirth, der die Wunden des in die Hände der Räuber Gefallenen heilte, wohl erkannte eine gute Stallmeisterin, welche lieber alles für Koth erachtete, um Christus zu gewinnen, weßhalb auch Christus sie vom Kothe auf den Thron erhoben hat (de stercore levavit ad regnum).« Da der Vater des hl. Ambrosius Präfect des cisalpinischen Galliens gewesen ist, so konnte er dieß von ihm wohl erfahren haben. Dieß bestätigt Eutropius, des Kaisers Geheimschreiber, in seiner kurzen römischen Geschichte, indem er sagt: »Nach dem Tode des Constantius wurde sein Sohn Constantinus, welcher aus einer dunklern Ehe (ex obscuriore matrimonio) entsprossen war, in Britannien zum Kaiser erwählt.« Und er mußte bei seiner nahen Verbindung mit dem Hofe, da er auch Julian den Abtrünnigen nach Persien begleitete, darüber unterrichtet seyn. Wahrscheinlich aus diesem Grunde wird Constantin d. Gr. von einigen Schriftstellern irrig ein filius spurius genannt. Denn daß Constantius mit der hl. Helena eine wirkliche Ehe eingegangen hatte, ist durch die oben angeführte Stelle aus Eutropius unzweifelhaft. Die Ehe war also vorhanden; aber sie war nicht dem Adel des Constantius entsprechend, eine Art morganatische Ehe. Es ist natürlich, daß die heidn. Schriftsteller, die den Kaiser Constantin wegen seiner Bekehrung zum Christenthume haßten, diesen Umstand zu möglichster Erniedrigung desselben ausbeuteten. Und hätte wohl in diesem Falle der auf Hof-Etiquette und Adel nicht wenig stolze Diocletianus nach dem Tode des Constantius auf dessen natürlichen Sohn sein Augenmerk gerichtet? Hätte der Sohn seine Mutter mit dem Titel »Augusta«, d. i. »erhabene Kaiserin« beehren können und dürfen? Hätte der Panegyriker Eumenius es wagen dürfen, demselben zu sagen: »Du hast das Reich [615] durch deine Geburt verdient (imperium nascendo meruisti)«?! Lang ehe er zum Purpur emporstieg, stand er unter den unmittelbaren Kronbeamten dem Kaiser Diocletian am nächsten und befand sich bei Hofaufzügen und sonstigen öffentlichen Feierlichkeiten auf dessen rechter Seite. Doch wir schließen diese Erörterung, um nicht zu lang zu werden. Man wird aber die Ueberzeugung, die hl. Helena sei des Constantius wirkliche und wahre Gemahlin, nicht Concubine, gewesen, um so mehr gewinnen und festhalten, wenn wir noch beisetzen, daß Eutropius, obwohl Heide, sie ausdrücklich seine »Gemahlin« (uxor) nennt, und daß er, wo von ihrer Trennung von Constantius die Rede ist, nicht vergißt, sie als eine wahre »Ehescheidung« (diremptis prioribus conjugiis) zu bezeichnen. Dazu kommt, daß auch Münzen und andere öffentliche Denkmäler10 die nämliche Thatsache constatiren, die wir nur deßhalb so hervorheben, weil sie zur Ehre unserer Heiligen zwar nicht unbedingt nöthig, aber doch sehr zuträglich ist. So viel man weiß, war der Kaiser Constantinus ihr einziger Sohn. Eusebius berichtet nämlich von ihrem Testamente, daß sie »ihren einzigen Sohn, den Alleinherrscher und Herrn des Erdkreises, mit dessen Söhnen, den erlauchtesten Cäsaren, ihren Enkeln«, zum Erben eingesetzt habe. Gegen diese Autorität haben die Angaben einiger anderer, viel späterer Schriftsteller, die hl. Helena habe außer Constantin noch andere sechs Söhne und eine Tochter, Namens Constantia, oder wenigstens noch zwei Söhne geboren, kein Gewicht. Die Geburt des Kaisers schwankt zwischen den Jahren 272 und den folgenden bis 275. Nach ihrer Trennung von Constantius Chlorus erhielt sie in Trier einen anständigen, man darf sagen reichen Wittwensitz. Auch in Quantia Morinorum scheint sie einen solchen gehabt zu haben. Als Constantinus im Jahr 306 den Thron der Cäsären bestieg, hielt sie sich öfter an seinem Hofe auf. Ob sie zugleich mit dem Sohne oder später das Christenthum angenommen habe, ist nicht ausgemacht; aus Eusebius scheint das Letztere gefolgert werden zu müssen, indem er das Werk ihrer Bekehrung, ia Folge welcher sie lebte, »als wäre sie vom Erlöser selbst unterrichtet worden«, dem Kaiser zuschreibt. Also erfolgte die Annahme des christlichen Glaubens von Seite der hl. Helena nach dem J. 312. Paulinus freilich versichert, »daß Constantinus nicht so fast durch seinen Glauben, als durch den seiner Muner Helena zu dem Verdienste des Ersten umet den christlichen Fürsten (princeps esse principibus Christianis) gelangt ist;« aber diese Worte können höchstens eine gleichzeitige Bekehrung, keinesfalls aber können sie geeignet seyn, die Bekehrung Constantins durch seine Mutter zu beweisen. Gleichwohl war iire Bekehrung ein großer Gewinn für den Glauben, was auch der hl. Gregorius der Große bezeugt, wenn er sagt, Gott habe die Herzen der Römer durch sie zum christlichen Glauben entsammt. Wenn also einige Legenden sagen, sie habe für den Sohn gebetet und gefastet, Almosen gegeben u. f. f., so ist hiefür vor dem J. 312 kein historischer Grund anzugeben. Daß sie aber später dazu noch hinlänglichen Anlaß hatte, indem ihr Sohn mit dem heidnischen Namen keineswegs auch schon das heidnische Leben ablegte, bezeugt die Geschichte Noch weniger ist erwiesen, daß sie ihren früheren Gemahl Constantius, welcher im J. 306 gestorben war, dem Evangelium gewonnen habe, da es sehr zweifelhaft ist, ob Constantius überhaupt als Christ gestorben sei. Ueberhaupt bedarf ihre Geschichte sehr der genauesten Sichtung. Die Bollandisten haben z. B. die behauptete Taufe der hl. Helena durch den Papst Sylvester (seit dem J. 314) geradezu verworfen. Großen Schmerz bereitete ihr die Tödtung ihres Enkels Crispus und dessen Mutter Fausta. Am berühmtesten ist die hl. Helena durch die Auffindung des heil. Kreuzes, an welchem unser Erlöser gestorben ist, welche Auffindung am 3. Mai alljährlich gefeiert wird. Sie suchte mit außerordentlichem Eifer und unter Aufwendung großer Kosten nach demselben, wobei der hl. Makarius, welcher eben vom Concil zu Nicäa (im J. 325) heimgekehrt war, sie aufs Kräftigste unterstützte und aufmunterte. Es ist kein Zweifel, daß sie das heil. Land als [616] fromme Wallfahrerin besucht habe. Hierin stimmen Eusebius und der hl. Ambrosius überein. Beide bezeugen wie aus einem Munde, sie habe Palästina »für ihren Sohn« gewissermaßen ex voto besucht. (Euseb. Vita Coast. III. 42. Ambr. de obitu Theod. Sen.) Paulinus und Andere setzen hinzu, sie habe dieß, »wie der Ausgang es gezeigt«, auf besondere göttliche Ermahnung gethan. Sie stand damals bereits in hohem Alter; aber sie achtete in ihrer hohen Begeisterung für die Ehre des heil. Kreuzes alle Beschwerden für nichts. Der Kaiser, welcher das schöne Unternehmen auf alle Weise begünstigte, hatte den Patriarchen Makarius beauftragt, an dem Orte der Auferstehung ein Oratorium zu errichten und alle Vorbereitungen zu treffen, damit der Plan zur Ausführung gelange. Der hl. Ambrosius schildert die Gefühle der dl. Helena, als sie auf dem Calvarienberg weilte, in folgenden Worten: »Sieh,« sprach sie, »hier ist der Ort des Kampfes; wo ist der Siegespreis? Ich suche die Fahne des Heils und finde sie nicht. Ich – im Purpur, und das Kreuz des Herrn im Staube; – ich an Höfen, und der Triumph Christi in den Ruinen; soll er und die Palme des ewigen Lebens verborgen bleiben? soll ich mich als Erlöste betrachten und das Zeichen der Erlösung selbst nicht schauen? Ich sehe, bein Werk ist's, Teufel! das Schwert, mit welchem du getödtet wurdest, zu bedecken ... Aber du hast eich vergeblich bemüht, du wirst neuerdings besiegt!« Ihr Unternehmen endete mit einem herrlichen Triumphe. Nach langem mühevollen Graben entdeckte man nämlich (im J. 326) die drei Kreuze und fand das des Erlösers, indem eine todtkranke Frau durch Berührung desselben plötzlich gesund und nach den Bollandisten (III. 564) auch ein Todter lebendig wurde. Zugleich entdeckte man auch den Titel des Kreuzes und die Nägel; ob die Lanze, ist nicht ebenso sicher, aber doch nicht minder wahrscheinlich. Die hl. Helena ließ noch während ihrer Anwesenheit in Palästina daselbst zwei Kirchen erbauen: die eine in Bethlehem, über der heil. Grotte, worin Jesus geboren war; die andere auf dem Oelberge, an dem Orte der Auffahrt unsers Herrn. An ersterm Orte war dem Adonis, nie zu Jerusalem über dem Calvarienberge der Venus ein Heiligthum geworden. Weiter wird berichtet, die hl. Helena habe auch in der Nähe von Gethsemane zu Ehren der hl. Jüngfrau, sowie bei Bethlehem an der Stelle, wo der Ueberlieferung zufolge der Engel den Hirten auf dem Felde die Geburt Christi verkündigt hatte, Kirchen erbaut. Auch im Abendlande behaupten mehrere Städte von ihr gebaute Kirchen zu besitzen, nämlich außer Rom noch Orleans, Trier. Köln etc. Es ist durch gleichzeitige Zeugnisse bestätigt, wie eifrig sie dem Besuche des Gottesdienstes oblag, wie viel Aufwand sie auf Kirchenschmuck machte und in dieser Beziehung auch die Kirchen kleiner Städte mildreich bedachte. Dabei erschien sie in einfacher Kleidung, wollte nicht mehr scheinen oder seyn als andere Frauen; ja sie bediente wohl selbst die Gott geweihten Jungfrauen bei Tische. Die Verehrung der Reliquien nahm durch ihr Beispiel einen außerordentlichen Aufschwung. Es geht die (übrigens durchaus unbeglaubigte) Sage, die hl. Helena habe von Jerusalem ab eine Reise nach Indien gemacht und von da die Leiber der heil. drei Könige mitgebracht, welche dann in der St. Sophienkirche zu Constantinopel seien beigesetzt, von da nach Mailand und zuletzt nach Köln übertragen worden. Auch die Stadt Besançon rühmt sich. aus ihrer Hand eine kostbare Reliquie des hl. Erzmartyrers Stephanus erhalten zu haben, dem zu Ehren eine im 4. Jahrhundert, man sagt gleichfalls durch die hl. Helena, erbaute Kirche daselbst besteht. Mit mehr Recht wird ihr die Veterskirche (der Dom) in Trier und ein Theil der dort befindlichen zahlreichen Reliquienschätze zugeschrieben. Was sie in dieser Hinsicht für Köln gethan habe, wolle man bei S. Gereon1 (S. 405) nachlesen. Sie starb in sehr hohem Alter, nach Einigen bald nach ihrer Rückkehr von Jerusalem, beiläufig 80 Jahre oder etwas darüber zählend, wahrscheinlich am 18. Aug. 328 (nach Andern 326 oder 327). Wo sie gestorben sei, wissen wir nicht. Einige nennen Byzanz, Andere Nikomedia etc. als den Ort ihres Todes. während Pagius behauptet, sie sei in Nom gestorben, indem er aus den Reifen Constantins darzuthun versucht, daß er sich im August des Jahres 326 in Nom aufgehalten habe. Dagegen sagen die Bollandisten (III. 572), nach dem Zeugnisse des Eusebius, des Sokrates und anderer Geschichtschreiber sei die Leiche der hl. Helena erst auf Befehl des Kaisers nach Rom übertragen und mit großem Pompe bestattet worden. Als das älteste Martyrologium, in welchem sie auf den 18. Aug. gesetzt ist, bezeichnen die Boll. (III. 576) das von Usuardus, wo ebenso, wie im Mart. Rom., die Straße nach Labium [617] (via Lavicana) als der Ort ihres Begräbnisses angegeben ist. Reliquien von ihr werden außer Rom noch in Brindisi, Orleans, Lissabon, Trier, Rheims (Hautvillers), London u. a. Orten verehrt. Die Griechen ehren ihr Andenken am 21. Mai, die Aethiopier am 15. Sept., andere Martyrologien nennen sie an andern Tagen, z. B. am 7. und 8. Febr. Sie wird als hochbejahrte aber rüstige Frau, mit der Krone auf dem Haupte und mit dem Kreuz im Arm dargestellt. Oefter noch, besonders auf größern Gemälden, sieht man sie als Hauptbetheiligte bei der Auffindung des heil. Kreuzes. Auch mit ihrem Sohne Constantinus findet man sie abgebildet, er ist im Begriffe, sie bei ihrer Rückkehr von Jerusalem zu begrüßen. In Trier und Pesaro wird sie als Patronin verehrt. (III. 548–654.)


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 2. Augsburg 1861, S. 614-618.
Lizenz:
Faksimiles:
614 | 615 | 616 | 617 | 618
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

Der historische Roman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt die Geschichte des protestantischen Pastors Jürg Jenatsch, der sich gegen die Spanier erhebt und nach dem Mord an seiner Frau von Hass und Rache getrieben Oberst des Heeres wird.

188 Seiten, 6.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon