Itha de Toggenburg, S. (2)

[81] 2S. Itha de Toggenburg, (3. al. 4. 5. Nov.). Diese hl. Itha, auch Ida, Idda, Itta, Ydda, Juditha und Gutta genannt, ist in unserem deutschen Vaterlande wohl überall bekannt. Ihr Leben, »mit vielen wunderbaren, aus dem Leben der hl. Pfalzgräfin Genovefa3 entlehnten Erzählungen vermischt«, hat, wie bei W.W. (IV. 413) nach Ildeph. v. Arx's Geschichten von St. Gallen (I. 299) erwähnt ist, nach Volkssagen zuerst Albert von Bonstetten, Decan zu Einsiedeln, um das J. 1480, und später, wie bei Butler (XX. 280) bemerkt ist, Henricus Canisius herausgegeben. Nach diesen ist es auch von Andern mehr oder weniger ausführlich bearbeitet worden. Wir folgen hier besonders der bei Butler (l. c.) enthaltenen Darstellung. Nach dieser kam die hl. Itha gegen die Mitte des 12. Jahrhunderts zur Welt und zwar auf dem, jetzt einer Linie des gräflichen Hauses Fugger gehörigen, am linken Ufer der Iller gelegenen Schlosse Kirchberg (Chilchberg, Chilberg, Curberg etc.) in Wirtemberg, 2 Stunden südlich von Ulm. Später44 mußte [81] die mit Güte, Sanftmuth, Demuth und Unschuld reich ausgestattete Jungfrau ihren Vater, den Grafen Hartmann II., auf ein Turnier nach Köln begleiten, wo sie der junge Graf Heinrich von Toggenburg kennen lernte. Auf der Heimreise kehrte dieser im Schlosse Kirchberg ein und warb um Itha's Hand. Gegen ihre Neigung und nur aus Gehorsam gegen die Eltern willigte die fromme Gräfin in die Verehelichung mit Heinrich, und noch in demselben Jahre wurde das Fest auf der Burg Kirchberg gefeiert. Nach einem schmerzvollen Abschied von der Heimat kamen die Neuvermählten bald in Toggenburg (im heutigen Schweizer-Canton St. Gallen) an. Nach kurzer Zeit begannen für Itha die Tage der Prüfung. Sie sah fast täglich, wie wenig ihr Gemahl seiner selbst Meister sei, und wie heftig die Ausbrüche seines Jähzorns waren. Nur ihre Sanftmuth, kluge Nachgiebigkeit und schonende Sorgfalt waren es, die sie mit ihrem dem Jähzorn ergebenen, sonst aber gutgesinnten Manne zufriedene Tage erleben ließen. Im Gebete suchte sie oft Erleuchtung und Stärke; so oft es ihr möglich war, wohnte sie dem Gottesdienst in der nicht sehr entfernten, im jetzigen Canton Thurgau gelegenen Klosterkirche zu Fischingen (Vischinna) bei, oder ging zur Muttergotteskirche in der Au, oder besuchte eine andere in der Nähe befindliche Kirche. Daß ihre Ehe kinderlos blieb, sah Itha nur als eine weise Fügung des Himmels an. Gegen Arme und Leidende war sie eine gütige Mutter und Helferin, gegen Untergebene eine milde Gebieterin. Unter den letztern aber war ein Ungeheuer, der Italiener Dominico (Domenico), ihres Gemahls Liebling und Vertrauter. Itha, den Bösewicht nicht kennend, glaubte nach dem Vorgange ihres Mannes ihn ebenfalls freundlich behandeln zu müssen; das aber brachte den Ruchlosen auf den Gedanken, die fromme Herrin hege mehr als eine wohlwollende Neigung gegen ihn. Bald auch wurde ihrem zarten weiblichen Blicke die gottlose Absicht dieses Menschen bemerkbar. Sie begegnete ihm daher mit so vieler Ueberlegung in allem ihrem Benehmen und mit einem so ernsten, ihn fern haltenden Gleichmuth, daß sich sein leidenschaftliches Herz, solche Täuschung nicht erwartend, mit tiefem Hasse gegen sie erfüllte, ohne daß er seiner Leidenschaft Herr werden konnte. Im Walde, durch welchen der Weg vom Schlosse zur Kirche führte, überfiel der Schändliche eines Tags die unter Gebeten dahin wallende fromme Gräfin, und er hätte ihr Gewalt angethan, wenn nicht der Knappe Kuno, der, eben auf der Jagd, das ängstliche Rufen um Hilfe gehört hatte, gerade im rechten Augenblick noch zur Rettung seiner Herrin herbeigeeilt wäre. Die Gerettete dankte Gott inbrünstig für die gesendete Hilfe, verzieh dem Wüstling Dominico und befahl Kuno, von dem Vorfalle zuk schweigen. Indessen behandelte die Gräfin den Italiener so, daß eine merkliche Aenderung in ihrem Benehmen ihrem Gemahl nicht auffallen konnte. Dagegen bewies sie dem ehrlichen Kuno, ihrem Retter, eine dankbare Schätzung. Dem Bösewicht entging dieses nicht. Er benutzte die Gunst, die er bei Heinrich genoß, um sein Herz mit Verdacht gegen die Treue seiner Gattin zu vergiften und ihn besonders auf ihr Betragen gegen Kuno aufmerksam zu machen. Der schwache und leichtgläubige Heinrich glaubte den giftigen Einflüsterungen und ward bald, von Eifersucht gefoltert, ein unmenschlicher Tyrann seiner schuldlosen Gattin. Itha konnte sich die Ursache hievon nicht erklären, zog sich aber immer mehr in die Einsamkeitzurück und fuhr fort, ihre Zeit in Arbeit und Andachtsübungen zu theilen. An einem freundlichen Frühlingstage fiel es ihr ein, ihre Kostbarkeiten aus dem Schranke hervorzuholen und ihre Kleider an die Fenster zum Auslüften aufzuhängen. Ihre Kleinodien legte sie auf einen Tisch am Fenster; unter diesen befand sich auch ihr Ehering. Als sie aber am Abend zum Aufräumen wiederkehrte, fand sie zu ihrem größten Herzeleid den Ring nicht mehr; ein Rabe hatte ihn davongetragen. Itha schwieg von dem Vorgefallenen. Einige Zeit nachher fand Kuno den glänzenden kostbaren Ring in einem Rabenneste auf einer Tanne im nahen Walde und steckte ihn, ohne die Eigenthümerin vermuthen zu können, hocherfreut an seinen Finger. Dominico aber erkannte ihn bald als Itha's Ehering, eilte in hänischer Schadenfreude zu seinem Herrn und erzählte ihm mit verstellt trauriger Miene die Sache. Der Graf, vor Wuth wie außer sich, wollte keine [82] Vertheidigung seines Knappen mehr hören wilden Pferdes zu binden und dieses den Schloßberg hinabzujagen. Bald hatte Kuno geendet. Darauf stürzte Heinrich in das Gemach seiner Gattin, überhäufte sie mit solch' schmählichen Vorwürfen von Treulosigkeit und Verworfenheit, daß, Itha vor Schrecken kein Wort hervorzubringen wußte. Dieses Verstummen legte der Graf für eine Art Eingeständniß von Schuld aus, gerieth noch mehr in Wuth, faßte Itha um den Leib und schleuderte sie durch das Fenster in den tiefen Abgrund. Alles im Schlosse war voll Bestürzung und Trauer, nur Dominico labte sich schadenfroh, also an seinen Feinden sich gerächt zu haben. Itha war indessen durch Gottes wunderbaren Schutz an einem Strauche hängen und so am Leben geblieben. Als sie sich von der Betäubung erholt hatte und sich rings von wildem Gesträuch umgeben, hoch auf der Felsenspitze aber das Toggenburger Schloß sah, war sie überzeugt, daß sie noch auf Erden wandle und lebe. Sie dankte für den gnädigen Schutz des Himmels und nahm sich vor, nun Gott in der Einsamkeit ganz zu leben. Mit diesem frommen Vorsatze machte sie sich auf den Weg und drang immer tiefer in den Wald. Am zweiten Tage gelangte sie zu einer Stelle, wo über einen Felsen eine klare Quelle in eine grasreiche Tiefe rieselte. In der Nähe stand eine Tanne, deren herabhängende Aeste fast die Erde berührten. Hier beschloß Itha sich eine Hütte zu bauen. Erd- und Heidelbeeren, eßbare Kräuter und Wurzeln, von denen sie auch einen Vorrath für den Winter sammelte, waren hier ihre Nahrung während eines Zeitraumes von fast 17 Jahren. – Heinrich berichtete nach Kirchberg, seine Gattin habe mit einem Knechte ein unerlaubtes Verständniß gehabt, und so habe er Beide verdientermaßen mit dem Tode bestraft. Gewissensbisse trieben ihn aber bald von Toggenburg hinweg, und wie ein zweiter Kain wanderte er von einer Gegend in die andere und stürzte sich von einem Genusse in den andern, bis es endlich ihn wieder nach Toggenburg zurücktrieb. – Der an Kuno's Stelle getretene Knappe zog eines Tages im Walde Rabenstein umher. Seine Hunde drangen immer tiefer in das Gebüsch, und indem er ihnen nachging, kam er endlich auf Menschenfußtritte und gewahrte bald, daß seine Thiere vor einer elenden Hütte anschlugen. Der Jäger blickte durch eine Oeffnung und gewahrte eine Menschengestalt in ärmliche Lappen gehüllt. Er grüßte; sie dankte ihm aber nur mit einer Bewegung des Hauptes. Indem er die Trümmer ihrer Kleider betrachtete, dünkte es ihm, sie müßten ehemals einer angesehenen Person angehört haben. Endlich glaubte er in ihr die Gräfin, Itha zu erkennen und rief laut ihren Namen. Da trat die Einsiedlerin zur niedern Thüre heraus und gestand ihm tief gerührt, sie sei diejenige, für die er sie halte. Da ihr der Diener Heinrichs traurigen Seelenzustand geschildert, fürchtete sie nicht mehr, ihn wissen zu lassen, daß sie noch am Leben sei. Der Weidmann machte sich gleich auf den Heimweg, stürzte wie athemlos in seines Herrn Zimmer und berichtete ihm, Itha sei noch am Leben und im Walde Rabenstein gefunden. Nachdem sich der Graf mit Mühe überzeugen ließ, daß seine Gemahlin noch lebe, an der er ein so schweres Verbrechen begangen, ließ er sich zu ihr führen. Itha ging ihrem Gemahl schüchtern entgegen, der sich alsbald tieferschüttert ihr zu Füßen warf. Sie weinte mit ihm und suchte ihn wieder aufzurichten. Auf Heinrichs Andringen erzählte Itha, wenn auch ungern, die Geschichte des entwendeten Ringes, bat aber den Grafen, Dominico zu verzeihen, damit Gott auch ihm vergebe, was er verschuldet. Heinrich hielt Wort; aber den Bösewicht erfaßte die Verzweiflung, und er wurde sein eigener Mörder. – Nun bestürmte der Graf seine Gemahlin mit Bitten und Vorstellungen, mit ihm nach Toggenburg zurückzukehren; allein die Heilige erklärte ihm, ein Gelübde binde sie, Gott abgesondert von der Welt zu dienen, und sie wünsche nur in der Au bei der Muttergotteskapelle am Hörnliberge (Hörnlein), in der Nähe des Klosters Fischingen, eine kleine geringe Wohnung zu erhalten. Der Graf konnte nicht anders als ihrem Wunsche willfahren. Als die Wohnung fertig war, wurde sie feierlich dahin geführt. Zum Andenken wurde auch ihre ganze Ausstattung von dem Walde Rabenstein dahin gebracht. Es erschienen nun auch ihre Verwandten von Kirchberg, denen der Graf Itha's Entdeckung hatte berichten lassen. In ihrer neuen Wohnung brachte sie manche Stunde mit Pflanzen und Begießen der Küchengewächse zu, die sie zu ihrer Nothdurft zog; denn was sie aus dem Schlosse erhielt, vertheilte sie größtentheils wieder an die Armen. Die meiste Zeit widmete [83] sie dem Gebete und der Betrachtung. Oft wohnte sie dem nächtlichen Chorgesange in der Kirche zu Fischingen bei, wohin sie nach der Sage (Menzels Symb. I. 405) oftmals ein Hirsch mit einem Lichte zwischen dem Geweihe geleitet haben soll. Nachdem Itha einige Jahre hier zugebracht hatte und endlich wegen des großen Zulaufes der um ihre Fürbitte flehenden Bewohner der Umgegend sich in ihrer stillen Lebensweise sehr gestört sah, bat sie die Klosterfrauen von Fischingen um ein ruhiges Plätzchen in ihrem Hause, das sie auch erhielt, wo sie noch einige Jahre in großer Vollkommenheit lebte und dann in die ewigen Hütten Gottes aufgenommen wurde. Nach Burgener (I. 336) starb sie gegen das Ende des 12. Jahrhunderts. (Vgl. oben die Note.) Ihre Gebeine wurden in einem schönen steinernen Grabmale zu Fischingen beigesetzt. Da durch ihre Fürbitte sehr viele Nothleidende aller Art Trost und Hilfe erfuhren, so wurde sie als, »heilig« verehrt. Nach Burgener (l. c.) wurde ihr Grab geöffnet, ihr Haupt kostbar gefaßt und auf dem Altare zur Verehrung ausgesetzt. Ein sonderbares Ereigniß machte diese Reliquie den Gläubigen später noch heiliger. Im J. 1414 ging nämlich das Kloster sammt Kirche und allen Kirchenschätzen in Flammen auf; in der Asche fand man die Reliquien der hl. Itha, und das Haupt unversehrt. Im J. 1496 ließ das Kloster das Grabmal der heil. Gräfin erneuern; während des Reformationssturms brachte man die hehren Gebeine in Sicherheit. Nach hergestellter Ruhe kamen sie wieder in das Gotteshaus zurück, und im J. 1625 ließ das Stift die Kapelle, in der sie sich befanden, erweitern und mit drei Altären zieren. Beinahe gleichzeitig (1617) wurde mit Erlaubniß des Papstes Paul V. durch den Cardinalbischof Marcus von Constanz eine Bruderschaft zu Fischingen zu Ehren und unter dem Schutze der Heiligen errichtet. Fischingen beging ihr Fest feierlich bis zum J. 1848, in welchem das alte ehrwürdige Stift mit andern Klöstern Thurgau's aufgehoben wurde. In Bauen (Canton Uri) wird sie als Patronin verehrt, ebenso auch in ihrem Geburtsorte Kirchberg, wo sie in der Kirche einen eigenen Altar hat, und alljährlich ihr Fest am 3. Nov. feierlich begangen wird. Auch zwei Votivgemälde finden sich dort; sie wird nämlich besonders um ihre Fürbitte angerufen, um verloren gegangenes Vieh wieder zurück zu erhalten. – Im Elenchus steht sie als Ida Toggenburgensis. Bucelin erwähnt sie am 3. Nov. als ihrem Todestage; ihr Leben aber gibt er am darauffolgenden Tage, als dem ihres Begräbnisses. Im Mart. Rom. konnten wir sie nicht finden, wohl aber im Proprium von Chur, wo ihr Fest am 5. Nov. sub ritu semid. vorkommt und zwar mit eigenen Lectionen, welche mit der eben erzählten Lebensgeschichte im Wesentlichen übereinstimmen und noch die besondere Notiz enthalten, daß sie 400 Ellen tief hinabgestürzt worden und doch unverletzt geblieben sei etc. Nach Burgener wird ihr Fest auch in den Bisthümern Lausanne-Genf, Basel und St. Gallen gefeiert und zwar am 3. Nov. Auf bildlichen Darstellungen sieht man die hl. Itha gewöhnlich in Nonnenkleidung, einen Hirsch zur Seite, oder einen Raben mit einem Ringe im Schnabel etc. (But. XX. 280–302.)


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 3. Augsburg 1869, S. 81-84.
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