Judas Thaddaeus, S. (7)

[497] 7S. Judas Thaddaeus Ap. (28. Oct. al. 21. Aug. etc.) Der hl. Apostel Judas heißt bei Matth. 10, 3 im Griech. Αεββαῖος ὁ ἐπικληϑεὶς Θαδδαῖος d.i. »Lebbäus mit dem Beinamen Thaddäus«, in der Vulg. aber und bei Marc. 3, 18 Thaddaeus allein, während er bei Joh. 14, 22 einfach Judas, doch mit ausdrücklicher Unterscheidung vom Judas Ischkarioth, dann bei Luk. 6, 16 und Apstg. 1, 13 Ἰούδας Ἰακώβου d.h. nach den besten Exegeten, »Judas, Bruder des Jakobus,« und Jud. V. 1 ausdrücklich »Judas, Bruder des Jakobus« genannt wird. Auch da, wo die »Brüder des Herrn« namentlich erwähnt sind (Matth. 10, 55 und Marc. 6, 3), kommt sein Name vor, und wir haben schon oben bei S. Judas4 (s.d.) bemerkt, wie zwar die Bollandisten zwischen dem »Judas, dem Bruder des Herrn«, den sie zu den 72 Jüngern zählen, und zwischen dem hl. Apostel Judas Thaddäus unterscheiden, wie aber wir nach den meisten und besten Exegeten Beide als identisch annehmen. Was seinen Beinamen betrifft, so wird er zwar verschieden erklärt; doch ist die wahrscheinlichste und gewöhnlichste Erklärung jene, die auch bei W.W. (V. 882) sich findet, wornach Lebbaeus vom Hebr. Leb (Herz) und Thaddaeus vom Hebr. Thad (Brust) abstammt, so daß also derselbe die Bedeutung »der Beherzte, der Muthige« hat. Unser hl. Apostel Judas war nun, wie sein hl. Bruder Jakobus11 »der Jüngere« (s.d.), ein »Bruder des Herrn«, d.i. ein naher Verwandter desselben, weil eben auch ein Sohn des hl. Alphäus1, der gewöhnlich als Bruder des hl. Nährvaters Joseph erklärt wird, und wahrscheinlich auch jener Maria, welche bei Joh. 19, 25 als Frau des Klopas (Cleophas) und als »Schwester« (Base) der Mutter des Herrn erwähnt wird. Wann er zum Apostel berufen wurde, ist nicht angegeben; im Apostel-Verzeichnisse wird er immer unter den Letzten genannt. Vor seiner Berufung soll er nach den apostolischen Constitutionen vom Landbaue gelebt haben und nach Nicephorus mit einer Frau, Namens Maria, verheirathet gewesen seyn, wie denn Hegesippus bei Eusebius zweier seiner Enkel erwähnt, welche zur Zeit des Kaisers Domitian für den christlichen Glauben Zeugniß abgelegt haben, aberwegen ihrer Armuth als ungefährlich wieder entlassen worden seien. Thaddäus tritt in der hl. Schrift nur einmal als redend auf, nämlich bei Joh. 14,22, wo Jesus beim letzten Abendmahle sagt, daß er den, der Seine Gebote habe und halte, lieben und sich ihm offenbaren werde, und wo dann Judas den Herrn fragt, warum Er sich nur ihnen (den Jüngern) und nicht auch der Welt offenbaren wolle, wobei er zu erkennen gibt, daß er noch immer nur an ein sichtbares Messias-Reich denke, während der Herr hierauf erwiedert, daß Er sich Allen offenbare, die Ihn lieben und Sein Wort halten etc. Da er in der Apostelgeschichte nicht weiter genannt wird, so ist daraus zu schließen, daß er sich frühzeitig aus Palästina entfernt habe. Ueber seine apostolische Thätigkeit sind die Ueberlieferungen nicht zuverlässig. Nach Nicephorus hätte er in Judäa und Galiläa, in Samaria und Idumäa, dann in Arabien, Syrien, Mesopotamien, Persien etc., nach Paulinus auch den Völkern Libyens das Evangelinm gepredigt. Nach den Bollandisten (Sept. VIII. 311. nr. 83) hätte er das Evangelium in Großarmenien verkündet, wie denn nach Butler (XV. 548) noch setzt die Armenier den hl. Judas und den hl. Bartholomäus als ihre ersten Apostel verehren. Wie der Bollandist Stilting in seiner dem II. September-Bande (I–XXVII.) vorausgeschickten [497] Abhandlung »über die Bekehrung der Russen« bemerkt, hätte nach Baronius der hl. Judas Thaddäus auch bei den Russen (Ruthenen) gewrkt, und werde deßwegen von ihnen verehrt (pag. II. nr. 5); allein Stilting weist nach, daß zur Zeit der Apostel, ja die ersten acht Jahrhunderte hindurch, bei den Russen, auch Rorolanen genannt, eine Kirche nicht gegründet worden sei; wenn je Einige in Rußland von den Aposteln bekehrt worden seien, so seien diese oder doch ihre Nachkommen wieder zum Götzendienste zurückgekehrt, und Baronius habe nur einen Bischof von Rhossus (Rhosus) in Cilicien, welcher das allgemeine Concilium von Antiochia unter Kaiser Jovian im J. 363 unterschrieben, fälschlich für einen Bischof von Rußland verstanden. Nach einer jener (freilich als unächt erkannten) Urkunden, die Eusebius in den Archiven von Edessa gefunden, hätte dort auch ein Thaddäus für die Begründung des Reiches Christi gewirkt, ja er sei von dem hl. Apostel Thomas dahin geschickt worden und habe den König Abgarus (s.d.) mit einer großen Menge Unterthanen getauft; allein obwohl der hl. Hieronymus und der hl. Beda Venerabilis auch dieser Meinung günstig sind, so glaubt man doch fast allgemein, daß dieser Thaddäus einer der 72 Jünger gewesen und der nämliche sei, der in den griech. Menäen am 21. Aug. vorkommt. Vielleicht könnte es auch jener Judas seyn, der bei den Griechen am 19. Juni gefeiert wird, und von welchem oben (s. S. Judas4) die Rede war. Nach W.W. (V. 882) wird von einigen Quellen angenommen, daß der hl. Apostel Judas Thaddäus einige Jahre später nach Edessa gekommen, von da nach Assyrien gereist und bei seiner Rückkehr in Phönicien, entweder zu Baruth oder zu Arad, als Martyrer gestorben sei; nur wäre der Umstand, daß der Brief des hl. Judas in der Peschito, der ältesten syrischen Uebersetzung, fehlt und also zur Zeit ihrer Entstehung in Syrien noch nicht bekannt oder nicht als apostolische Schrift anerkannt war, mit seiner Missionsthätigkeit in Edessa nicht wohl vereinbar. Was nun diesen kurzen, nur aus Einem Kapitel (V. 1–25) bestehenden Brief betrifft, welcher in der hl. Schrift als der letzte unter den »katholischen« Briefen unmittelbar vor der Apokalypse steht, so wurde zwar seine Aechtheit früher hie und da bezweifelt, bald aber allgemein anerkannt. Derselbe ist überhaupt an die »geliebten Berufenen« gerichtet und enthält in starken Worten und ausdrucksvollen Gleichnissen kräftige Warnungen vor Irrlehrern und Verführern, welche die Hingebung an alle Lüfte des Fleisches predigten, so wie ernste Ermahnung zu einem christlichen Lebenswandel und namentlich zur Standhaftigkeit im Glauben etc. Er hat eine große Aehnlichkeit mit dem 2. Kapitel des 2. Briefes des hl. Apostels Petrus, wobei die Bestimmung der ursprünglichen Quelle zweifelhaft ist, indem z.B. Dr. Haneberg (»Bibl. Offb.« S. 628 f.) sagt, der hl. Petrus habe vom hl. Judas entlehnt, während Dr. Döllinger (»Christenthum und Kirche« etc. S. 95) das Gegentheil ausspricht und »die auffallende Uebereinstimmung dadurch erklärt daß Judas das Schreiben des Petrus vor sich hatte und in den unterdessen wirklich hervorgetretenen Verführern die von Petrus vorausgesagten erkannt hatte,« und S. 109 heißt es, der Brief sei »wohl erst nach dem Tode des Petrus, Paulus und Jakobus verfaßt und an die Gemeinden von Kleinasien gerichtet worden, um den dortigen gno stisch-antinomistischen Irrlehrern das Zeugniß eines noch überlebenden Apostels entgegen zu setzen.« Ort und Zeit der Abfassung kann übrigens nicht näher angegeben werden. – Nach Eusebius (Hist. l. 3. c. 11) wäre der hl. Apostel Judas im J. 62 n. Chr. nach dem Martertode seines hl. Bruders Jakobus11 nach Jerusalem zurückgekehrt und habe dort der Wahl seines hl. Bruders Simeon zum Bischofe von Jerusalem beigewohnt. – Nach andern alten Nachrichten, welche bei Vogel (II. 992) benützt sind, wäre Thaddäus mit Simon nach Persien gegangen, um dort das Wort des Herrn zu verkündigen. Sie seien auf das Heer getroffen, das unter Boradach im Anzuge gegen Indien war. Bei ihrer Ankunft seien die Orakel der persischen Götzen verstummt. Darüber aufgebracht, hätten die Götzendiener den Tod der Fremdlinge verlangt. Doch hätten sie durch die Weissagung von dem guten Ausgange des Krieges nicht nur das Herz des Feldherrn, sondern auch das des Königs Boradach gewonnen, der sich dann mit Tausenden bekehrt habe. Aber endlich hätten es die Götzendiener dahin zu bringen gewußt, daß beide Apostel ein Opfer der Wuth der Diener des Tempels der Sonne geworden. Thaddäus soll mit einem Beile enthauptet und Simon mit einer Säge zerschnitten [498] worden seyn. Nach Andern wäre Judas mit Pfeilen zerschossen, oder an ein Kreuz geheftet, oder mit einer Keule erschlagen worden. Wenigstens wird er gewöhnlich mit einer Keule in der Hand abgebildet. Nach Hack (S. 251) soll er auch ein umgekehrtes Kreuz haben und das Bild Christi auf der Brust tragen, weil er mit dem Herrn große Aehnlichkeit gehabt habe, was man aber gewöhnlich vom hl. Jakobus11 sagt. Nach dem Mart. Rom., welches eben so wie das röm. Brevier beide Apostel am 28. Oct. hat, hätte Simon in Aegypten und Thaddäus in Mesopotamien das Evangelium verkündigt; dann seien Beide miteinander nach Persien gegangen, hätten dort eine große Menge Volkes für Christus gewonnen und dann das Martyrium vollendet. – Bei den Bollandisten wird der hl. Judas Thaddäus unter den »Uebergangenen« (meistens mit dem hl. Apostel Simon) öfter erwähnt, namentlich am 9. Mai (II. 359), an welchem Tage er in dem Aegyptischen Kalendarium von Seldenus vorkommt, dann am 16. Mai (III. 561), wo er sich in einem griechischen Synaxarium findet; am 22. Mai (V. 127) steht er in dem Menologium des Kaisers Basilius, am 29. Juni (V. 397) im Martyrologium vom hl. Hieronymus und von Notker, so wie in griechischen Menologien etc. am 21. Aug. (IV. 399), wo auch die Dissertatio conjecturalis über die zwei Judas erwähnt wird, von welcher wir oben bei S. Judas4 gesprochen haben. Größere Reliquien vom hl. Apostel Judas Thaddäus werden angezeigt zu Flavigny in Frankreich (Sept. III. 33. nr. 43), zu Monte Cassino (V. 415. nr. 58), zu Padua (Oct. III. 816. nr. 106) in der Kirche der hl. Justina, und in Lissabon (Jan. II. 612). Wo aber eigentlich sein heil. Leib sich befinde, läßt sich nicht angeben. †


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 3. Augsburg 1869, S. 497-499.
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