Lucius, S. (54)

[904] 54S. Lucius, (3. Dee.), ein Bekenner und brittischer König, welcher am 3. Dec. im [904] Mar T. Rom. steht und in der Diöcese Chur als Hauptpatron verehrt wird. Dieser hl. König Lucius wurde in ältern und neuern Zeiten einer scharfen Kritik unterworfen, man hat seine königliche Abstammung in Zweifel gezogen und die frühe Ausbreitung des Christenthums in Britannien geläugnet. Mag nun der hl. Lucius, dessen Namen in den ältesten Geschichtsquellen erscheint, ein unabhängiger König in dem jenseits der Römermauer (Vallum Hadriani) gelegenen Landestheile, oder ein von der römischen Botmäßigkeit abhängiger Fürst gewesen seyn, in beiden Fällen ist es unbestritten, daß derselbe von der Lehre Christi durch die eingedrungenen Römer Kenntniß erhalten habe, und daß in ihm das Verlangen nach dem Christenthume rege werden konnte. Daß derselbe thatsächlich diese Begierde gehegt, sich zu diesem Zwecke an Papst Eleutherius7 gewendet und sammt einem bedeutenden Theile seines Volkes das Christenthum angenommen habe, dafür liegen unzweifelhafte Beweise vor. Beda berichtet in seiner Geschichte der Angelsachsen: »Unter der Regierung des Marcus Antonius Verus und seines Bruders Aurelius Lannedus, zur Zeit, da der hl. Eleutherus dem Pontifikat der römischen Kirche vorgestanden, hat Lucius, König der Britten, ein Bittschreiben an jenen Papst gesendet, daß er ihm zum christlichen Glauben verhelfen möge. Der König hat alsbald das Ziel seiner Bitte erreicht; auch die Britten haben sodann die christliche Religion angenommen und sie bis zur Zeit des Kaisers Diocletianus unverletzt und im ungestörten Frieden bewahrt.« Ferner schreibt Galfried von Monmouth, Bischof von Asaph, in seiner Geschichte der altbritannischen Könige: »Lucius, der einzige Sohn des gutmüthigen Königs Coillus, ererbte alle guten Eigenschaften seines Vaters. Er sendete Briefe an Papst Eleutherus und verlangte von ihm das Christenthum zu empfangen. Denn die Wunder, die die Schüler Christi unter den verschiedenen Völkern wirkten, hatten seinen Geist erleuchtet, und von der Liebe zum wahren Glauben erglühend, erreichte er das Ziel seiner Bitte. Denn der selige Papst, wahrnehmend die gottselige Gesinnung des Königs, sandte zwei glaubenseifrige Männer, Fuganus und Diganus, zu ihm, welche die Menschwerdung des göttlichen Wortes verkündeten, ihn tauften und zu Christus bekehrten. Sogleich strömten seine Unterthanen, dem Beispiele des Königs folgend, herbei und wurden durch das Bad der hl. Taufe dem Reiche Gottes einverleibt.« Mit diesen Berichten stimmt ein unter Kaiser Justinian verfaßter Katalog der römischen Päpste überein. Derselbe sagt: »Der Papst Eleutherus erhielt von Lucius, dem Könige Britaniens, einen Brief, worin dieser seine Vermittlung ansprach, um Christ zu werden«, und diese Angabe wird, wie Baronius nachweist, durch das Zeugniß der alten Kirchentafeln und Martyrologien, welche in der Kirche vorgelesen wurden, bestätigt. Gemäß diesen Zeugnissen ordnete also Papst Eleutherus auf des Lucius Bitte den Fugatius (Fuganus) und Damian18 (Diganus) nach Britannien ab; diese Glaubensboten unterrichteten den König, und erfüllten ihren apostolischen Auftrag mit Eifer. Daß ein großer Theil des britannischen Volkes schon zu dieser Zeit dem christlichen Glauben gehuldigt habe, bezeugt auch der Zeitgenosse Tertullian mit den Worten: »Jene Orte Britanniens, in welche die Römer nicht eindringen konnten, haben sich Christo unterworfen. Die Römer umgrenzen ihr Reich mit dem Waffenwall ihrer Legionen, über diese hinaus geht die Macht ihrer Herrschaft nicht; das Reich unter dem Namen Christi aber hat keine Grenzen: überall wird an Christus geglaubt, überall wird er von den Völkern, Britannen u. s. w., verehrt.« – Außer Zweifel liegt es daher, daß das Christenthum schon zur Zeit des Papstes Eleutherus in das heutige England eingedrungen war. In der Geschichte der englischen Kirche von Usher werden 23 Be richte angeführt, welche alle darin übereinstimmen, daß dieß auf Anregung des Königs Lucius geschehen sei, dem Alle die Ausbreitung des Christenthums in diesem Inselreich zuschreiben. – Er war ein Urenkel des Königs Arviragus, Enkel des Marius und Sohn des Coillus, dem er in der Regierung um das J. 156 folgte. Auf der Festung Dorna (in Casto Dorensi) errichtete er im J. 161 eine Kirche. Der hl. Lucius, frühzeitig mit dem Christenthume bekannt, verzichtete wahrscheinlich auf eine eheliche Verbindung. Im J. 1858 wandte sich ein Geschichtschreiber von Chur an den in London lebenden Grafen Peter von Salis-Soglio, um in dieser Angelegenheit Auskunft zu erhalten, und erhielt die Antwort: Im Originaltexte seien die Worte enthalten: »Er sei ohne Nachkommen [905] zu hinterlassen von dannen geschieden« (quod sine prole discesserit). Soviel bezeugt die Geschichte vom hl. Lucius aus England. Um etwas Zuverlässiges über das Leben des Heiligen in unser Heiligen-Lexikon aufzunehmen, können wir uns durchaus nicht an die Kritiker halten, die sich so verwirren, daß sie selbst nicht wissen, was sie festsetzen wollen. Geschichtsforscher von Augsburg haben sich, als sie Quellen zum Leben des hl. Lucius sammelten, an den Bischof von Chur Johann V. Flugi von Aspermont220 gewendet, der sofort mit den gelehrtesten Männern des Domkapitels alle Urkunden und Ueberlieferungen über den hl. Lucius sammelte, und das Gesammelte nach Augsburg sandte. Dieses Actenstück soll nun hier beigefügt werden. Johannes, von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnade erwählter Bischof von Chur, den vielehrwürdigen, uns in Christo verbundenen Herren, Zacharias Hurtenbach, Doctor der Theologie, Domherrn der Kathedrale von Augsburg, Generalvikar des hochwürdigsten Bischofs von Augsburg in geistlichen Dingen, und dem Pater Franz Ludwig, Quardian der Capuciner daselbst, im Herrn Gruß und ewiges Wohlergehen. Die hochedeln Herren Michael Schmidner, Licentiat der Theologie, Siegelverwahrer des hochwürdigsten Bischofs von Augsburg, und Doctor Marcus Welser, Präfect der Stadt Augsburg, haben an uns das dringende Gesuch gestellt, wir möchten ihnen über das Leben sowohl, als über die Reliquien des hl. Königs Lucius, Apostels und Schutzheiligen von Chur, einige zuverlässige Notizen geben. Ihren Bitten und frommen Wünschen zu willfahren, beriefen wir zuerst unsern Domsenat von Chur zusammen, und durch dessen Rath und Hilfe theilen wir über das Leben und Reliquien unseres hl. Patrons Nachstehendes mit. Der hl. Lucius, König von Britanien, war unter jenen Königen der Erste, der zur Zeit des Papstes Eleuther den christlichen Glauben angenommen. Dieß erzählen Beda (de gestis Angl. lib. 1. c. 4 et 5. Martyrol. Rom. 3 Non. Decemb. et 7. Calend. Junii) und Cäsar Baronius in den Roten seines Martyrologiums, obschon die ältern Breviere dieser Kirche aussagen, Lucius sei vom hl. Timotheus, Schüler des hl. Paulus, zum Glauben bekehrt worden. Nach dem Zeugniß Gilbert Genebrad wurde er von Fugatius und Damian, den Gesandten des Papstes Eleuther, in die Geheimnisse des christlichen Glaubens eingeweiht... Nachdem er die hl. Taufe empfangen und seine Unterthanen im christlichen Glauben befestigt sah, wandte er sich mit der Bitte an das Oberhaupt der Kirche, es möchte ihn zum Taufen und zum Predigen befähigen; dieß bekräftigt die dritte Antiphon der ersten Nocturn am Feste der Uebertragung der Gebeine des hl. Lucius. Mit diesem Auftrage gingen Boten nach Rom und Papst Eleuther, der damals den hl. Stuhl inne hatte, bevollmächtigte ihn, zu taufen und zu predigen. Kaum war seinem Ansuchen entsprochen, so ergriff er den Pilgerstab, verließ sein Reich u. das Anziehende der Welt, kam, vom Glauben und der Gnade erfüllt, zuerst durch Gallien bis nach Augsburg, und bekehrte dort einen der Vornehmsten der Stadt, Campestrius mit seiner Familie, zur christlichen Religion. Als er aber hörte, daß die Provinz Rhätien noch den Götzen opfere, verließ er Augsburg, kam nach Chur, und predigte den Heiden die christliche Lehre. Das bezeugen die ältesten Breviere dieser Kirche. Bevor er jedoch seine Mission angetreten, nahm er seine Zuflucht zum Himmel, zog das Bußkleid an, bestreute sich mit Asche, fastete zwei bis drei Tage ununterbrochen, lag Tag und Nacht den göttlichen Dingen ob und flehte die göttliche Barmherzigkeit an, sie möchte die Strahlen des Lichts und der Wahrheit herabsenden und die Schattender Unwissenheit verscheuchen. Daß er aber seine Wirksamkeit nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf die hiesige Landschaft ausgedehnt habe, sagt die erste Antiphon zur Laudes, wo zugleich angegeben wird, wie sehr er sich nach der Martyrkrone gesehnt habe. Beim Martinswalde (sylva Martis), wo die Umwohner die Büffelochsen und ihre Kälber anbeteten, hielt der heilige Gottesman eine Anrede an die Heiden; sie wütheten wie Thiere, knirschten mit den Zähnen gegen ihn und warfen ihn in einen Sodbrunnen; er aber ging unbeschädigt aus demselben hervor. Im nämlichen Augenblicke kamen die Büffelochsen herbei, welche auf das Gebet des Heiligen ihre Wildheit ablegten und schmeicheln sich vor seine Füße stellten; er band ihnen ein Joch auf das Haupt und übergab sie gezähmt den anwesenden Leuten. Im [906] Namen Jesu ertheilte er Blinden das Gesicht, reinigte die Aussätzigen, vertrieb die unreinen Geister aus den Leibern der Besessenen, heilte Fieberkranke und Andere von verschiedenen Krankheiten. Während Lucius in jenen Gegenden das Evangelium predigte, suchte ihn seine Schwester, die hl. Jungfrau und Martyrin Emerita2, sie fand ihn in einer Höhle, die eine halbe Stunde von der Kathedrale sehr hoch liegt und mühsam zu besteigen ist. In dieser Höhle (bis auf den heutigen Tag St. Luciuslöchlein genannt) wurde zu Ehren des hl. Lucius eine wunderschöne Kapelle erbaut, welche herrlich aus dem großen Felsen hervorragte; sie bedurfte des Daches nicht. Um die Andacht der Christgläubigen, die Darbringung des göttlichen Opfers von den Priestern und die Wallfahrten des christlichen Volkes zu verhindern, zerstörten gottvergessene Menschen den Altar und schafften den Schwibbogen bei Seite; es blieben nur die nackten Mauern, aus welchen die Kreuze der Weihe zum Vorschein kamen. Indessen wird dieser Gnadenort noch von vielen frommen Personen, die oft weit her kommen, andächtig besucht. Die hl. Emerita wurde zu Trimmis, zwei Stunden von Chur, zum Feuertode verurtheilt. Ihre Asche und Gebeine wurden vom hl. Lucius gesammelt und werden größtemheils in dieser Kirche ehrenvoll aufbewahrt. – Ueber den Tod unsers Schutzheiligen konnten wir nichts (Gewisses auffinden; Einige halten ihn für einen Martyer, weil er in einen Brunnen geworfen und gesteunigt worden und andere Mißhandlungen ausgehalten hat; die Kirche von Chur aber hält ihren hl. Patron für einen solchen, der wie ein Martyrer zu preisen ist, hat ihn aber jedoch immer als einen Bekenner verehrt. Gleiche Ansichten theilten die Kaiser im 7., 8. und 9. Jahrh., die bei Geschenken gewöhnlich hinzufügten: »Diese sind dem hl. Lucius, dem Beichtiger, gemacht worden.« Der grösere Theil der hhl. Reliquien dieses Apostels und Schutzheiligen von Chur und Rhätien werden in der Kathedrlische zu Chur aufbewahrt, und wir halten sowohl nach der Ueberliefung, als nach dem frommen Glauben unserer Kirche befindet sich ein ehernes vergoldetes Kästchen, welches die Reliquien unseres hl. Patrons aufbewahrt, und auf diesem sind von außen die Worte eingegraben: »Im J. 1252 am 9. Oct. der X. Indiction sind die Ueberreste des hl. Lucius vom hochwürdigen Bischofe Heinrich von Chur übertragen worden.« An diesem Tage feiert man daher das Andenken der Translation des hl. Lucius; sein Fest aber wird jährlich am 3. Dec. mit Octav begangen221. Wir dürfen wohl mit der uralten Kirche von Chur sagen: Unter einem erhabenen Lehrer freut sich Rhätien, Aquitanien, Frankreich mit Deutschland, der nur deßwegen sein Reich opferte und den Weg des Evangeliums betrat, auf daß er unser Apostel werden konnte. Das ist nun der Hauptinhalt, was wir Ihnen über den hl. Lucius von Augsburg und den ersten Patron und Apostel von Chur zu berichten hatten, wir halten dafür Ihrem frommen Verlangen und Eifer entsprochen zu haben. Damit aber dieser Bericht allen Glauben verdiene, haben wir ihn mit eigener Hand unterschrieben und ihm unser Siegel beigesetzt. Im Namen aber des Domcapitels unserer Kirche haben sich mit eigener Hand unterschrieben der Propst, der Decan und Andere. Gegeben zu Chur in unserer bischöflichen Wohnung im J. 1603 am Feste der glorreichen Jungfrau Mariä Reinigung. Johann. Bischof von Chur; Ferdinand de Monte, Propft; Christian, Decan des Capitels; Georg de Monte, Johann Joller, Docto der Theologie, »Custos.« – Nebst diesem amtlichen Schreiben sind in Rhätien noch andere Denkmäler, die für den königl. noch andere Denkmäler, die für den känigl. Glaubensboten sprechen. So heißt noch heutigen Tages der Ort, durch den Lucius in das Graubündnerland gekommen seyn soll, der Luciensteig (Clivus divi Lucii); der älteste Zeuge aber ist das Lucienkloster zu Chur, wo gegenwärtig das bischöfliche Lucienseminar blüht. Seine Gründung reicht in das graue Alterthum zurück. Wann der hl. Lucius seine Laufbahn vollendet, ist nicht ermittelt; das jetztige proprium Curiense sagt der obigen Angabe entgegen, er sei zu Chur auf der Butg Martiola, wo jetzt die bischöffliche Wohnung steht, von den Heiden am. 3. Dec. gegendas J. 180 gesteinigt worden. In das Verzeichniß der Bischöfe wurde er nicht aufgenommen, aber sein Andenken lebt von Geschlecht zu Geschlecht fort. Nach Raderus befanden sich auch in der Franciscaner- und ehemaligen Jesuitenkirche Reliquien von unserm [907] Heiligen. Im Mart. Rom. steht am 3. Dec. zu Chur Andenken an den hl. Lucius, König von Britannien, welcher als der Erste von diesen Königen den Glauben annahm zur Zeit des Papstes Eleutherius. (Burg. I. 386).


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 3. Augsburg 1869, S. 904-908.
Lizenz:
Faksimiles:
904 | 905 | 906 | 907 | 908
Kategorien:

Buchempfehlung

Müllner, Adolph

Die Schuld. Trauerspiel in vier Akten

Die Schuld. Trauerspiel in vier Akten

Ein lange zurückliegender Jagdunfall, zwei Brüder und eine verheiratete Frau irgendwo an der skandinavischen Nordseeküste. Aus diesen Zutaten entwirft Adolf Müllner einen Enthüllungsprozess, der ein Verbrechen aufklärt und am selben Tag sühnt. "Die Schuld", 1813 am Wiener Burgtheater uraufgeführt, war der große Durchbruch des Autors und verhalf schließlich dem ganzen Genre der Schicksalstragödie zu ungeheurer Popularität.

98 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon