Architektur

[57] Architektur (lat. architectura) heißt die Baukunst. Sie ist in dem System der Künste insofern die unterste, als sie am meisten mit dem physischen Stoffe zu ringen hat, aber darum auch andrerseits die oberste Kunst, insofern sie die größten Schwierigkeiten überwindet und dem Künstler am meisten Ehre zu bereiten imstande ist. Aus dem Bedürfnis der Menschen entstanden, die Erde als Wohnplatz zu benutzen, dient sie in ihren Werken Lebensforderungen[57] und Zwecken der Menschheit. Ihre Werke sind daher nicht in jeder Hinsicht freie Kunstwerke. Der Kunstzweck muß sich bei ihnen mit dem Gebrauchszweck verbinden, ja selbst oft diesem unterordnen. Sie ist auch die wirklichste aller Künste, und die ausschließliche Verwendung fester Materialien, die auf den Boden der Erde gesetzt, sicher dastehn sollen, bindet sie an die Gesetze der Mathematik und Physik, so daß die Grundformen ihrer Gestalten im allgemeinen regelmäßige, geometrische sein müssen. Sie gibt dem Raume feste Grenzen und macht ihn dadurch nutzbar, sichtbar und ästhetisch wirksam. So schafft sie Räume, aber nicht die Gestalten, die sich in dem Raume bewegen. Ihre wesentlichen Teile bedingen die konstruktive auf der rechten Proportion der Teile beruhende Schönheit eines Bauwerkes und sind sämtlich Glieder von Raumgrenzen (Fundament, Wände, Träger, Pfeiler, Säulen, Decken, Gebälk, Gewölbe usw.). Zur Zierde der konstruktiven Glieder verwendet sie entweder einen den geometrischen Formen angepaßten zum Teil aus der Technik erwachsenden oder einen freieren plastischen und malerischen Schmuck (dekorative Schönheit). In diesen Ornamenten, und auch in der Ausgestaltung ihrer Konstruktionsformen, kann sie zur nachahmenden Kunst werden. Die Darstellung von Ideen bereitet der Baukunst mehr Schwierigkeit als anderen Künsten. Sie kann direkt nur Räumliches, nicht Zeitliches und Bewegung und Ideenhaftes darstellen. Aber sie kann sich in ihren geometrischen Verhältnissen und ihren konstruktiven wie dekorativen Formen in die Zwecke, die sie darstellt, und in den Zeitgeist, den sie verkörpern will, hineindenken und hineinleben und so Werke schaffen, die für alle ähnlichen Zwecke maßgebend werden und ein Zeitalter klarer als alle anderen gleichzeitigen Kunstwerke charakterisieren. Der Tempel der Griechen, der gotische Dom, der Palast des Renaissancezeitalters führen uns am sichersten in den Geist bestimmter Völker und Zeitalter ein. Die Architektur entwickelt und verändert sich also mit der Zeit und mit der Lebensweise der Menschheit und ist keineswegs eine stumme Kunst, sondern zeugt vom Geist der Zeiten und von den Ideen der Künstler.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 57-58.
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