Vierzehntes Kapitel

Frauenwahlvereine

Ein Heimarbeiterkongreß

[94] Der im Jahre 1898 gewählte Reichstag hatte 1903 sein Ende erreicht. Wir standen vor Neuwahlen. Hatten wir Frauen auch selbst kein Wahlrecht, so fühlten wir uns doch verpflichtet, dafür sorgen zu helfen, daß die Wahlen einen Sieg der Sozialdemokratischen Partei herbeiführten. Durch unsere Parteipresse wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß vom Tage der Ausschreibung der Wahlen ab bis zur Beendigung der Stichwahlen der § 8 des preußischen Vereinsgesetzes außer Kraft gesetzt wird, der den Frauen die Möglichkeit nimmt, Mitglied politischer Vereine zu werden und sich in ihnen zu betätigen. Der § 21 desselben Gesetzes sagt nämlich in seinem zweiten Absatz: Wahlvereine unterliegen der Beschränkung des § 8 nicht. Jedes, auch das kleinste Recht suchten wir auszunutzen. Und hier zeigte sich ein Weg, wenn auch nur auf wenige Wochen, einen politischen Frauenverein zu gründen, weibliche Mitglieder zu werben und politische Agitation zu treiben.

Am 20. April 1903 haben die Berliner Genossinnen den ersten Frauenwahlverein gegründet. Er führte den Namen »Sozialdemokratischer Wahlverein der Frauen für Berlin und Umgegend«, und seine Statuten wurden in einfacher Kärtchenform gedruckt:

Sein Zweck ist Agitation für die Reichstagswahl 1903.

Jede erwachsene weibliche Person kann Mitglied werden.

Der Vorstand besteht aus drei Personen.

Nach Beendigung der Reichstagswahlen löst der Verein sich wieder auf.

Etwa noch vorhandenes Vermögen wird im Interesse der Arbeiterbewegung verwendet.

Monatlich werden 20 Pf. Beitrag erhoben.

Der Erfolg dieser Gründung, die zugleich eine Demonstration für die[95] Forderung politischer Frauenrechte bedeutete, übertraf alle Erwartungen.

In der kurzen Zeit seines Bestehens hatte der Verein fast tausend Mitglieder und seine neun Versammlungen waren von Frauen überaus zahlreich besucht. Sicher hat die durch den Verein betriebene Aufklärungsarbeit ihr Scherflein zu dem großen Wahlsieg der Arbeiterklasse beigetragen. Aber auch in pekuniärer Beziehung war der Erfolg ein guter. 300 Mark konnten zu den Kosten der Reichstagswahl dem Parteivorstand übergeben werden. Wie bescheiden mutet uns heute diese Summe an! Damals aber war sie etwas Großes.

Während dieser Berliner Wahlverein, unbehindert von den Behörden, seine Tätigkeit entfalten konnte, hatte der für den Wahlbezirk Teltow-Beeskow-Charlottenburg erhebliche Schwierigkeiten. Die Berechtigung seiner Bildung wurde den Genossinnen bestritten mit der Begründung, daß nur »Wahlberechtigte« dazu befugt sind, daß die Frauen aber nicht zu ihnen gehörten. Natürlich wurde gegen diese Entscheidung eine Beschwerde beim Oberpräsidenten eingelegt, die Antwort, die die Entscheidung des Amtsvorstehers für richtig erklärte, kam aber erst lange nach dem Tage der Stichwahl, als der Verein den gesetzlichen Bestimmungen entsprechend sich ganz von selbst schon wieder aufgelöst hatte.

Der in Altona gebildete Wahlverein hatte es auf 104 Mitglieder gebracht.

In Ausnutzung dieses kurzen Rechtes der Frauen wurden sie auch vielfach in die Wahlkomitees gewählt und arbeiteten dort Seite an Seite mit den Genossen.

Unsere rednerisch tätigen Genossinnen kannten keine Ermüdung; wochen- und monatelang hielten sie Tag für Tag, häufig in überfüllten Räumen, Versammlungen ab, Sonntags gewöhnlich zwei und auch drei Versammlungen. Oft mußten sie stundenweite Wege zu Fuß bis zum Versammlungsort zurücklegen, in Schnee und Regenwetter, oft bis auf die Haut durchnäßt und durchfroren, mußten sie aufs Podium. Am Wahltage selbst waren sie natürlich vom frühen Morgen an zur Stelle. Sie verteilten Flugblätter und Stimmzettel vor den Wahllokalen, halfen beim Listenführen und ließen sich durch keine noch so gehässige Anrempelung von ihrem Platze verdrängen. Häufig genug aber führten sie die Angreifer mit schlagfertigem Mutterwitz ab und hatten dann die Lacher auf ihrer Seite. Der Genossin Matschke, die vor[96] einem Wahllokal den Namen unseres Kandidaten ausrief und Stimmzettel verteilte, rief ein vorübergehender Schutzmann mit giftigem Blick zu: »Soll sich lieber nach Hause scheren und ihre Strümpfe stopfen!« Sie blickte ihn mit ihren lustigen Augen an: »Ach, meine Strümpfe sind ganz. Wenn Ihre aber zerrissen sind, ziehen Sie sie man aus, die stopfe ich Ihnen gleich hier noch nebenbei!« Der Schutzmann aber drückte sich unter allgemeinem Gelächter. Aufsehen hat aber diese öffentliche Wahlbeteiligung der Frauen auch sonst gemacht und bei einfachen Gemütern zu verkehrten Deutungen Anlaß gegeben. So geriet im Distrikt Hamm ein Wähler in komische, kaum zu beruhigende Aufregung über »die verkehrt Tüd, wo die Fruhnlüt wählen«.

Nach Schluß der Wahlhandlung gings dann nicht etwa nach Hause, sondern in die Versammlungen, um das Wahlresultat zu hören. Die frohe Aufgeregtheit der Genossen und Genossinnen machte sich in manchem Scherz und Spottwort gegen die anderen Parteien Luft. Der Sieg, den die Sozialdemokratie damals errungen, löste ungeheure Freude aus und war auch uns Frauen eine Hoffnung für die Zukunft. Die Wahlarbeit hatte uns gezeigt, wie wichtig und fördernd die neue Einrichtung der Lese- und Diskussionsabende für die Heranbildung von politisch geschulten Genossinnen und Agitatorinnen war. Sie sind an vielen Orten ins Leben gerufen worden und haben sich vorzüglich bewährt. Neben der Übermittlung und Klärung sozialer und politischer Kenntnisse, der Einführung in das Verständnis unseres Programms sollten hier die Proletarierinnen auch an das Lesen ernster sozialpolitischer Schriften und das logische Durchdenken derselben gewöhnt werden, aber auch an das klare Aussprechen ihrer Gedanken. Eine große Anzahl ernster, strebsamer und zuverlässiger Frauen wurden bei diesen Abenden einander nähergebracht und sie verbanden sich zum gemeinsamen Wirken.

Das Amt der Vertrauensperson der Genossinnen war inzwischen, um die Agitation immer durchgreifender und einheitlicher zu gestalten, zu einem besoldeten geworden. Ich war deshalb in der Lage, mich ganz der Arbeit für die Förderung unserer Arbeiterinnenbewegung zu widmen.


Für den März 1904 war von der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands ein Heimarbeiterkongreß nach Berlin einberufen worden, der endlich einmal auch in dieses schreckliche Kapitel von[97] Frauennot und Kinderelend weiten Kreisen sichtbar hineinleuchten sollte. Eine Ausstellung war mit diesem Kongreß verbunden, die eine Reihe von Fabrikanten der Hausindustrie zeigte, mit genauer Zeitangabe der Frauen- und Kinderarbeit, der von den Arbeitern zu liefernden Zutaten und des Lohnes. Es gingen so manchem die Augen auf bei dieser Ausstellung des Elends. Aber auch mancher naive Ausspruch wurde laut, der die ganze Unkenntnis dieser Verhältnisse zeigte. So rief eine junge Gräfin, die Tochter eines bekannten Parlamentariers, ganz entsetzt: »Aber warum arbeiten denn diese Leute so billig?« Bitterkeit im Herzen, trat man wohl stillschweigend zurück und dachte: »Warum!« Aufgedeckt wurden auch so manche Schäden der Hausindustrie für die Volksgesundheit. Die Arbeitsstuben der Heimarbeiterinnen in ihrer engen Verbindung von Küche, Wohn- und Schlafraum bilden häufig genug einen Herd ansteckender Krankheiten sowohl für die Arbeitenden wie für die Verbraucher.

Der Kongreß forderte die unverzügliche Schaffung eines Heimarbeiterschutzgesetzes und stellte dafür eine Reihe ganz bestimmt formulierter Forderungen auf. So sollte das Gesetz Bestimmungen enthalten über Größe, Einrichtung und sonstige Beschaffenheit der Heimwerkstätten. Die Benutzung der Räume sollte nur auf die Arbeit beschränkt sein, ferner sollte die Heimarbeit der Kontrolle der Gewerbeaufsicht unterstehen. Auch eine Kennzeichnung der auf hausindustriellem Wege hergestellten Waren wurde verlangt. Zur Sicherstellung der bisher jedem Zufalle preisgegebenen Heimarbeiter wurde auch die Ausdehnung der Versicherungsgesetze, der Bestimmungen der Gewerbeordnung über Arbeitszeit, Nachtarbeit, Sonntagsruhe, Wöchnerinnen- und Kinderschutz auf die gesamte Hausindustrie als Forderung aufgestellt.

Die Frauen haben an diesem Kongreß in ganz besonderer Weise mitgearbeitet. Sie waren gerade auf diesem Gebiet die Hauptleidtragenden.

Quelle:
Baader, Ottilie: Ein steiniger Weg. Lebenserinnerungen einer Sozialistin. 3. Auflage, Berlin, Bonn 1979, S. 94-98.
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