11.

Edelmann geht nach Frankfurth am Mayn, zu Andreas Grossen.

[212] »Von Dreßden gieng Edelmann nach Frankfurth am Mayn zu dem bekannten Separatisten Andreas Groß, weil Er nun diesem schon aus seinem Ruf und Schriften, sonderlich dem Moses mit aufgedecktem Angesicht bekannt war, dem Groß auch sehr wohlgefallen, daß Edelmann die Zinzendorfische Uebersetzung des Neuen Testaments gelobet, so recommendirte Er ihn an Johann Friedrich Haug, den Berleburgischen Bibelübersetzer.

§ 29. Aus dem Ersten Theile meiner, von mir selbst aufgesetzten Lebensbeschreibung wird der Leser umständlich vernommen haben, auf was Weise ich mit dem Hrn. Andreas Groß bekannt worden, und daß mir keine andere Schrift den Weg nach Frankfurth, und sodann weiter, nach Berlenburg gebahnet, als die Unschuldigen Wahrheiten, von denen damals, nemlich Anno 1736 wohl kaum das 9te und 10te Stück noch fertig seyn mochten, und folglich von den Mosen, der erst Anno 1740 heraus kam, da Hr. Groß und Hr. Haug meiner schon vergeßen hatte, von mir selber noch nicht war gedacht worden.[212]

Mit was Grund der Wahrheit kann doch also mein Lebens-Beschreiber sagen, daß sonderlich der Moses (:der damals noch nicht in der Welt war:) Gelegenheit gegeben, daß ich den Hrn. Groß bekannt werden müßen, und daß demselben das Lob, so ich der Zinzendorfischen Uebersetzung des N.T. in dem Mose beigelegt; sehr wohl gefallen habe? Unverschämter und unbedachtsamer kann ja wohl nicht gelogen werden. Denn

Es darf einer, der den Mosen hat, nur deßen 3ten Anblick p. 173 nachschlagen, so wird Er finden, da der Hr. Groß, mit dem ich damals, wie der Moses heraus kam, ganz und gar in keiner Verbindung mehr stund, eben diesen Mosen, der mich laut unsers vorhabenden Evangelii, mit dem Hrn. Groß bekannt gemacht und zur Recommendation an Hrn. Haugen Gelegenheit gegeben haben soll, eine Teufelsschrift genennet. Wie kann mich also eine Schrift, an die ich, zu der Zeit, als ich mit Hrn. Großen bekannt wurde, nicht allein selber, noch mit keinem Gedancken gedacht; sondern die Er auch, als sie würcklich zum Vorschein kam, aufs höchste verabscheuet, bey demselben bekannt gemacht, und Gelegenheit zu weiterer Recommendation gegeben haben?

§ 30. Wenn einer meinen Evangelisten allein lieset, so denckt er wohl, er lieset die pure Wahrheit; Wenn Er aber aus meinen Gegen-Vorstellungen, augenscheinlich siehet, daß der Verfaßer dieses meines Lebens, in seinen Erzehlungen mit Lügen bestehe, was muß Er wohl, wenn Er noch einiges Nachsinnens fähig ist, von den alten Evangelisten dencken, die das Leben Jesu erst lange nach seinem Tode zu beschreiben angefangen, und deren leichtfertige Nachfolger alle diejenigen Schriften unterdrückt, die sie zu den damahligen Zeiten auch, als unverschämte Lügner zu Schanden machen können?1

Was kann man sich doch zuverläßiges von Leuten versprechen, deren rechtgläubige Nachfolger einmal über das andere auf den Lügen ertappt werden? Fehlt man so grob in den Umständen des Lebens, eines noch lebenden Mannes, da man alle Hülfsmittel bey der Hand hat, sich durch lebendige und unverwerfliche Zeugen, von der Wahrheit einer Sache zu versichern; wie kann man sich auf die Erzehlung verlaßen, die wir ohne Grund, einer Hand voll unwißenden leichtgläubigen und im höchsten Grad abergläubischen Leuten zuschreiben, und worin sie uns das Leben, einer längst verstorbenen Person, mit den unglaublichsten Umständen vortragen? Doch, wer sich gern betrügen läßt, dem wollen wirs nicht wehren.[213]

§ 31. Inzwischen da mich mein Lebensbeschreiber nun nach Frankfurth führet, muß ich meine Leser wohl ein wenig umständlicher unterrichten, was sich nach meiner Abreise von Dreßden, theils auf der Reise, theils in Frankfurth mit mir zugetragen. Ich gieng kurz vor der Peter Paul Meße Anno 1736 mit der Chemnitzer Land-Kutsche von Dreßden ab, und nahm meinen Weg zu meinem Bruder, den Licentiaten in Chemnitz, theils um Abschied von ihm zu nehmen, weil wir vielleicht in diesem Leben einander das lezte Mahl sehen dürften, theils noch andere Nothwendigkeiten mit Ihm zu verabreden.

Ich gestund Ihm, auf befragen, daß ich Verfaßer von den Unsch. Wahrh. sey, und fand eine Neigung bey Ihm der Wahrheit nachzuspüren; Nach einem Aufenthalt von ein Paar Tagen, nahm ich mit einer, nach Naumburg gehenden ledigen Kutsche, den Weg dahin, weil mich Hr. Walther aus Leipzig, in die Meße dahin beschieden hatte, um mündlich mit mir zu sprechen, und mich noch mit etwas Geld zu meiner Reise zu versehen.

§ 32. Die Herberge, die Er mir an diesem Orte angewiesen hatte, war bey der Frau Gerlachin, einer Schuster-Wittwe, die zwey erwachsene Töchter hatte, wovon die jüngste eine gute dumme Lutheranerinn, die älteste aber ein aufgewecktes Gemüth war. Die Mutter dieser Töchter wollte Anfangs Schwierigkeiten machen, mir vor mein Geld Quartier zu geben, ungeachtet ich sagte, daß mich Hr. Walther, der sonst gewöhnlich da zu logiren pflegte, dahin gewiesen hätte, und daß ich denselben in Kurzen da erwartete. Es wolte aber nichts helfen, ich wurde abgewiesen, unter dem Vorwand, daß sie kein Quartier mehr ledig hätte. Ich bat indeßen doch, mir, als einem unbekannten zum wenigsten einen guten Gasthof zuzuweisen, und die Frau Gerlachin und ihre jüngste Tochter waren eben im Begriff, mich dißfals zu bedeuten, als die älteste, die ich bisher noch nicht gesehen hatte, zum Vorschein kam, und der Mutter zuredete, mich nicht abzuweisen.

Weil die Mutter diese Tochter sehr liebete, indem dieselbe sowohl sie als die jüngste Tochter mit ihrer Handarbeit ernährete, so wolte sie ihr nicht zuwider seyn. Ich bekam also, ohne weiteres Einwenden, ein stilles Stübchen nebst einem guten Bette, und nahm zugleich die Kost bey Ihnen.

§ 33. Ich war knapp einen Tag da, so schenkte mir Gott die Gunst, sowohl der Mutter, als der Töchter, die mir nach Möglichkeit alles zu gefallen thaten, was sittsamen und wohlgezogenen Weibsbildern vergönnet war. Die älteste merckte aus meinem Discourse,[214] den ich über eine Predigt des dortigen Ober-Pfarrers, des Hrn. Schamelii (in die ich, Ihr zu gefallen mitgehen muste) ungefehr mit Ihr gehalten hatte, daß ich mit seinem Vortrage nicht zufrieden war, und das machte sie curiös die Ursache davon zu wißen. Ich weiß nicht mehr über welch Evangelium der Hr. Schamelius damals Predigte, das weiß ich aber noch, daß Er den ganzen Inhalt seines Vortrags, nach Art der dortigen Prediger-Kunst in dieses Verßchen zusammenzog:


Wenn du dein Herz eröfnen Läßt,

Da findest du das Sünden-Nest.


Wie mich also Jungfer Julchen (:dann so hieß diese Tochter:) fragte, wie mir des Hrn. Schamelii Predigt gefallen hätte, so zuckte ich die Achsel und sagte: Der Hr. Schamelius hätte uns zwar ein Nest voll Greuel und Unreinigkeit in uns gezeigt, aber nicht gewiesen wie wir es ausnehmen und reinigen sollten, und scheine mir der Mantel des Verdienstes Christi, den er hätte drüber breiten wollen, zu kostbar darzu etc.

§ 34. Diese Reden brachten sie in Aufmercksamkeit, und fing an Vertrauter gegen mich zu werden, und zu gestehen, daß sie manchmal Scrupel bey sich fühlte, wenn diß oder jenes gepredigt würde, sie dürfte sich aber gegen niemand damit blicken laßen, wenn sie nicht vor eine Pietistin, oder neue Heilige angesehen seyn wollte. Ich sagte Ihr, so viel ich glaubte, daß sie damals tragen konnte, und ich selber wuste, und machte sie dadurch immer begieriger weiter nachzuforschen.

Mit kurzen, Sie gewann ein vertrauen zu mir, und bat sich aus, daß wenn ich weg seyn würde, ich Ihr dann und wann ein Wort der Ermahnung schreiben, und Sie, wo Sie nicht fortkönnte, unterweisen solte. Ich that es auch, und sie continuirte die Correspondenz mit mir wohl ein Paar Jahr, und that mir in der Abwesenheit, nach ihrem Vermögen mehr gutes, als Sie sich, bey meiner Anwesenheit zu thun getrauete.

§ 35. Eben so gieng mirs mit dem Barbier-Gesellen, der mich damals in ihrem Hause barbieren muste. Dieser Mensch hatte mich kaum einmal gesehen, und etwas weniges mit mich gesprochen, so bekam Er eine Neigung zu mir, die Er auch, nach meiner Abwesenheit, so lange thätig zeigte, als die Julchen mit mir correspondirte, und es waren diese guten Gemüther, denen ich, nach meiner Abreise von Naumburg, die Unschuld. Wahrh. verschaffte, meines behalts die ersten, die mir vor diese Arbeit auf eine wesentliche Art zu dancken suchten.[215]

Ob sie nach der Zeit, weil ich keine Briefe mehr von Ihnen erhielt, gestorben, oder ob ihnen wie ich weiter gieng, als Sie zu gehen vermochten, durch andere heilige Schwätzer (:deren es damals die Menge gab:) ein Abscheu vor mir gemacht worden, oder was sie sonst abgehalten, weiter an mich zu schreiben, daß weis ich nicht. Genug die Vorsicht hat Sie gebraucht, meiner Nothdurft, auf eine Zeitlang mit zu Statten zu kommen, und ich wünsche, daß Ihnen Gott ihre Liebe tausendfach vergelten wolle.

§ 36. Ich wartete indeßen über 8 Tage vergebens auf Hrn. Walthern, und Er kam würcklich nicht. Weil ich nun in dieser Zeit etliche Thaler verzehret hatte, vor welche ich ein gut Stück weges weiter hätte kommen können, und Hr. Walther, auf deßen zuschuß ich mich verlassen hatte, außen blieb; so wurde mir in Ansehung der Ueberfracht, die ich fast überall vor meinen Coffre zahlen muste, und des weiten Weges, den ich noch vor mir hatte, etwas bange, Ob ich auch mit meinen wenigen Gelde auskommen würde. Allein die Vorsicht, die mich geleitete, half auch dieser Schwierigkeit ab, und zwar durch einen Weg, den ich am wenigsten gesucht.

Weil ich nicht beständig in meinem Quartier stecken mochte, allwo ich doch nicht müßig war, so gieng ich, mir eine Veränderung zu machen, bald auf den Marckt, bald über Feld. Auf den Marckte traf ich ungefehr den Nürnbergischen Kaufmann Hrn. Weißen an, den ich in Herrnhut hatte kennen lernen. Ich gieng in seinen Laden, grüßte Ihn freundlich, und Er wunderte sich, was ich in Naumburg machte. Ich sagte Ihm aufrichtig, daß ich nach Berleburg berufen wäre, um an der Uebersetzung der Bibel mit arbeiten zu helfen. Ungeachtet ich nun wohl wuste, daß Er, als ein Mann, nach dem Herzen des herrnhutischen Heylandes, diese meine Wege gar nicht würde billigen können, zumal da Er wuste, daß ich meinen Endschluß, nach Herrnhut zu ziehen, geändert hatte, so wagte ich es doch, und sprach Ihn um 6 Thaler an, die ich ihm entweder in Frankfurth an seine Anweisung wider bezahlen, oder nach Nürnberg übermachen wollte.

§ 37. Ich würde eben das und mehr von meiner dienstwilligen Juliana erhalten haben, wenn alle Strenge hätten reißen sollen: Allein es war mir ungleich lieber, daß mir die Vorsehung einen andern Weg wieß, Hr. Weiße gab mir die 6 Thaler, ohne Weigerung und ich habe sie Ihm auch redlich widergegeben: Sobald ich diesen Zuschuß hatte, säumte ich nicht, meine Reise wider fortzusetzen, nahm, nach gemachter Richtigkeit in meinem Quartire, freundlichen[216] Abschied von meinen gutthätigen Wirthsleuthen und gieng mit der Post nach Gotha.

Daselbst nahm ich mein Ablager bey der Wittwe meines Vetters Krügelsteins, von deren ältesten Tochter ich bereits im Ersten Theile meines Lebens so viel erwähnet, daß sie vor 10 Jahren capable gewesen mich zu charmiren. Aber was kann sich in einer solchen Zeit nicht ändern? Sie war noch da, und ungefehr 28 Jahr alt, hatte auch von ihren ehemaligen Annehmlichkeiten nichts verlohren: Allein ich weiß nicht, ob mich die Heiligkeit, nach welcher ich damals rang, gegen die Natur unempfindlich gemacht; oder ob wir beyde mehr Verstand bekommen hatten, unsere ehemaligen verliebten Thorheiten einzusehen; oder ob der Bräutigam, den sie sich indeßen zugeleget hatte und der den Hrn. M. Stockfinster in Lebensgröße vorstellete, mir einen Eckel vor Ihr gemacht, oder was sonst die Ursache gewesen seyn mag, daß sie die ganze Zeit meines Daseyns, welches 4 Tage dauerte, nicht einmal einen Kuß von mir bekam; Genug Sie war, auch ohne diese Tändeley, mit mir zufrieden, und würde den Hrn. M. Stockfinster (an den Sie sich ohnedem aus Noth, um der armen Mutter eine Erleichterung zu verschaffen, versprochen hatte) gern abgedanckt haben, wenn ich Ihr hätte Hofnung machen können, bis aus Ende mit mir zu leben.

§ 38. Mein jüngster Bruder stund damals noch als Mahler-Pursch in Gotha, und muste sich, weil Vater und Mutter bereits gestorben waren, sehr knapp behelfen. Weil mich nun seine schlechte Equipage jammerte, so schenckte ich Ihm mein bestes Kleid, so ich von Dreßden mitgebracht hatte, und erweckte dadurch bey meinen Freunden, die dem armen Purschen gut waren und ihm doch nicht helfen kunten, ein allgemeines Frolocken.

Ich besuchte hierauf meinen Bruder in seinem Quartiere, welches er damals bey einem fürstlichen Capellisten, Nahmens Schneider hatte, der meinen Bruder der Mahlerey wegen bey sich hatte, und so viel von Ihm profitirte, daß Er mich hernach selber in Neuwied, en miniature mahlen, und gut treffen kunte. Er bezeugte eine Begierde, was meheres in göttlichen Dingen zu wißen, als er nach den gemeinen Schlendrian in den Predigten hörete; Ich sagte Ihm so viel, als ich damals dienlich erachtete, ließ mich aber weder gegen ihn noch gegen meine Freunde mercken, daß ich selber in dieser Materie was in Druck gegeben hatte, kann auch nicht vor gewiß sagen, ob ich der Unschuld. Wahrh. gegen Sie Erwähnung gethan.

§ 39. Der Hr. M. Mahn (diß war der eigentliche Name des Bräutigams meiner schönen Muhme) war alle Tage im Krügelsteinschen[217] Hause, und kunte zwar wohl sehen, daß seine Braut noch nicht gleichgültig gegen mich war. Weil Er aber an meiner Seite nichts wahr nahm, daß Ihm hätte eyfersüchtig machen können, so gewann Er eine Neigung zu mir, ungeachtet Er aus verschiedenen Discoursen schon hatte mercken können, daß ich in vielen Stücken ganz anders dachte, als Er, und bey der Gleichgültigkeit, die ich bey einer gewißen Schrift blicken ließ, (die Er verfertiget hatte, und von welcher Er, wie Er mir sie zeigte, mit einer Magister-mäßigen Mine sprach, daß sie nächstens der gelehrten Welt würde vor Augen geleget werden:) nicht undeutlich wahrnehmen konnte, daß ich Ihn seiner Weisheit wegen, eben nicht zu vergöttern gedachte.

Diese mir also etwas respectabler zu machen, gab Er ein Tractament in dem Krügelsteinischen Hause, nach dessen Endigung Er mich, auf der Hinterstube, bey einer Pfeife Tabac zu einem Theologischen Gefechte aufforderte, und zwar in Lateinischer Sprache, in Form einer Academischen Disputation. Unsere Zuhörer waren die Brüder seiner Braut, und mein Bruder. Unter den ersteren waren nur zwey, die uns verstehen kunten, nehmlich bis der so zugleich mit mir in Jena studiret hatte, und dessen Bruder, der Doctor Medicinae. Die andern beyden nebst meinen Bruder saßen dabey und sperreten das Maul auf, und hatten kein weiter Vergnügen, als mein Lateinisch Plaudermaul, und des Hrn. Magisters Mosaische Zunge zu belachen. Die beyden gelehrten Brüder hatten ihren Hrn. Schwager mehr zugetrauet. Wie sie aber höreten, daß der gute Mensch, anstatt mich zu treffen, dem armen Prisciano eine Ohrfeige über die andere gab, sagten sie am Ende der Disputation: Si tacuisset, Philosophus mansisset.

§ 40. Meine schöne Muhme merckte, aus meiner ganzen damaligen Stellung, daß eine gewiße Veränderung mit mir vorgegangen seyn müße. Es war in der That so: Aber ich kan nicht sagen, daß mich diese Veränderung so vergnügt, als da ich vor 10 Jahren noch mit der Latte lief, und 1000 sogenannte Thorheiten begieng. Denn alle diese Thorheiten verschaften mir doch eine Art der Vergnügung, anstatt, daß mich die damaligen, die ich doch vor große Weisheit hielt, mich derselben gänzlich beraubeten, und das Gemüth von wahrer Fröhlichkeit leer ließen.

Wie dem allen, so vermehrte diese, mir gar nicht natürliche Stellung, die Hochachtung meiner Muhme gegen mich, und Sie fieng an, verschiedene Fragen zu thun, die zu verstehen gaben, daß Sie eben nicht mit der Weide mehr zufrieden war, auf welche Sie bisher von ihren Seelen-Hirten war getrieben worden. Ich konnte Ihr[218] zwar damals noch nicht viel beßers geben; doch war sie schon zufrieden, daß ich Ihr sagte, daß nicht alles wahr sey, was uns die Priester vorsagten, und daß man selbst mit eigenen Augen sehen müste.

§ 41. So bald die zu meinem Daseyn bestimmten Tage verflossen waren, nahm ich meinen Abschied, und gieng mit der Post nach Eisenach. Ich war allein auf derselben, und weil es eben Nacht war, wurde mir der Weg ziemlich verdrüßlich. Ich kam endlich doch ganz früh nach Eisenach, hatte mich aber, wegen eilender Post über eine Stunde nicht aufzuhalten, sonst ich doch meine dasigen Freunde noch besucht haben würde. In Eisenach bekam ich einen Gefährten, den Posthalter von Alsfeld, mir dem ich bis dahin, durch die rauhe Gegend ganz vergnügt reißte.

Von Alsfeld war ich wider allein auf der Post, und vertrieb mir die Zeit mit Calender machen, biß in die schöne Wetterau. Dieser angenehme Landes-Strich, der gegen das traurige und arme Heßenland gar zu sehr abstach, ermunterte mein Gemüth auf eine ganz angenehme Art, indem er mir, je weiter ich hinein kam, je mehr natürliches und ungezwungenes zeigete, welches mich in Betracht des affectirten falschen und treulosen Umgangs, den man in den meisten Residenz-Städten antrift über die Maaßen vergnügte.

§ 42. Friedberg, so nur noch drey Meilen von Frankfurth liegt, war die erste Kaiserliche freye Reichsstadt, wo ich anfieng etwas mehr von der so edlen und unschäzbaren Freyheit zu erblicken, als ich in Nürnberg und Regenspurg gesehen hatte. Es war aber alles nichts gegen Frankfurth, wie ich gleich weiter melden werde.

So bald ich da ankam, gieng ich zu Hrn. Großen, der aber nicht gleich zu sprechen war, inmaßen der gute Bruder einen ungemeinen Anlauf von allerhand Leuten hatte, die weit und breit an Ihn addressiret wurden. Die meisten dieser Leute waren entweder schon würcklich Separatisten, oder sonst gute Gemüther, die sich mit der mageren Weide ihrer Seelenhirten nicht mehr zu behelfen wusten. Weil nun Hr. Groß von einem liebreichen und gutthätigen Naturell war, und große bekanntschaft in und außerhalb Landes hatte, so war er gleichsam eine Freystadt der bedrängten, denen Er, ohne sie zu fragen, ob sie auch die Lehre mitbrächten, die Er damals vor wahr hielt, so viel nur an Ihm war, Quartier und Lebens-Unterhalt verschafte. Mit Kurzen. Man kunte von Ihm sagen, was ehemals vernünftige Heyden von den Christen sagten: Bonus homo Cajus, bonus homo Titius, sed Christianus.

§ 43. Ich kam endlich vor Ihm, und wie Er hörte, wer ich war, umarmte Er mich mit einem brüderlichen Kuße, war voller[219] Freuden, und wuste nicht wie Er mich liebreich genug bewirthen solte. Es gieng schon gegen den Abend, und weil Er damals keine Gelegenheit hatte, mich im Reineckischen Hause, wo Er wohnte, zu beherbergen, so war sein erstes, nach eingenommener Erfrischung, mich mit einem guten Quartire zu versehen; Er führte mich also zum Perückenmacher Piefer, der damals auch ein eifriger Separatist war, nach meiner Abreise von Franckfurth aber, zu nicht geringen Verdruß des Br. Großens, ein herrnhutischer Aeltester wurde.

Wie ich bey diesem Mann von Br. Großen eingeführet wurde, war ich gleichfalls sehr willkommen, und wurde freundlich, treuherzig und gut, aber etwas säuisch bewirthet, das freye, unverstellte, und herzlose Betragen dieser Brüder, nahm mich auch alsofort dergestalt zu ihrem Vortheil ein, daß ich nicht anders dachte, als in ihrer Gesellschaft diejenigen ersten Christen wiedergefunden zu haben, von denen man, in den Beschreybungen, die sie von sich selber aufgezeichnet, so viel gutes findet. Wie ich nun nichts anders suchte, als solche Christen, und noch an nichts weniger dachte, als daß dergleichen Leute, wie ich mir damals die Christen vorstellete, nicht eher auf Erden würden zu finden seyn, als bis Plato einmal seine Republic anrichten, oder Johannes das 1000jährige Reich zu uns kommen laßen würde, so war meine Freude unaussprechlich.

§ 44. In der That würden auch diese Menschen recht gute Menschen gewesen seyn, wenn sie nicht, ihrer Bibel zufolge, Böser zu seyn hätten glauben müßen, als sie von Natur waren. Man lieset von keiner heydnischen Religion, daß der Wahnsinn der Menschen jemals in derselben so hoch gestiegen, daß sie es vor eine besondere göttliche Gnade gehalten, wenn Ihnen Ihre Pfaffen hätten weiß machen wollen, daß kein guter Bißen an ihnen sey, und ich bin versichert, daß wenn man dergleichen ausnehmende Benebelung des Verstandes unter den Heyden würcklich fände, die Christen die ersten seyn würden, die sich darüber moquiren würden.

Sie glauben zwar, so gut als die Christen, daß sie nichts taugten, und man muß sich wundern, daß dem klugen Seneca Lib. 3 de Jra cap. 26. besage des 2ten Stücks der Beyträge zur Vertheidigung der practischen Religion Jesu p. 383 einmal die Worte entfahren seyn sollen, daß wir alle von Natur böse wären: Allein sie hieltens doch wahrhaftig nicht vor eine besondere Gnade Gottes, daß sie das wusten oder glaubten, und würden dem gewiß ein schlecht Compliment gemacht haben, der Ihnen, als eine besondere Gnade der Götter hätte zu wißen thun wollen, daß sie ihr Lebelang Taugenichts bleiben solten.[220]

Was kann also mit dem Wahnsinn der Christen verglichen werden, wenn sie sichs noch vor eine besondere Gnade ihres seltsamen Gottes, anrechnen, daß Er ihnen zu wißen thun laßen: Er könne sie ihr Lebelang nicht wider in den Stand setzen, in welchen Er sie anfangs erschaffen.

§ 45. Diese heillose Gnade, die mir und meinen Brüdern auch von zartester Kindheit erschienen, hat uns zu vielen guten verdroßen gemacht, welches wir hätten thun können, wenn wir die Kräfte unserer Natur beßer hätten brauchen dürfen. Ich muß doch aber Gott zum Preiß und meinen Franckfurthern Brüdern zum Ruhm, auch dieses sagen, daß sie das Geschwätz von dieser elenden Gnade noch nicht so verdorben hatte, als die gemeinen Scheinfrommen, die aus der Hallenser Schulen kommen, und unter dem Namen der Pietisten, den damaligen Separatisten ein rechter eckel waren. Denn diese waren doch noch einer natürlichen und unschuldigen Frölichkeit fähig: dahingegen die Pietisten, als heilige Menschen-Feinde, durchaus alles zur Sünde machten, und keinen vor einen Widergebohrnen hielten, der nicht über das andere Wort, gleich einen Seufzer aussties, den Kopf, wie ein Schilf, hieng, die Augen verdrehete, und nach der sogenannten Gnade hungerte. Alle diese Unsinnigkeiten traf ich bey meinen franckfurther Brüdern nicht an, ob ich2 schon, wie mir dünckte, grösten Theils, aus den hallischen Schulen kammen. Ihre gute Natur war in vielen Stücken stärcker, als die ohnmächtige Hallische Gnade. Aber weil sie noch an dem Bibel-Götzen hiengen, dem zufolge sie ihre Vernunft noch in vielen Stücken gefangen nehmen musten; so kunnte der gute Same, vor dem Unkraute, daß der Feind, da sie schliefen, in Sie gesäet hatte, nicht recht aufkommen.

Ich war selber damals noch nichts beßer, als Sie, und ich glaube mancher unter ihnen, und insonderheit der Br. Groß sah zur selben Zeit schon viel weiter, als ich. Allein das Feuer, das in mir zu Verbrennung der Stoppeln, erst aufgegangen war, daß war bey diesen guten Brüdern schon grösten Theils wider verloschen, und sie dachten es hätte genug gewürcket, wenn es nur die Stricke verzehret hätte, womit sie die Pfaffen an die äußerlichen Kirchen-Ceremonien gebunden hatten.

§ 46. In der That war es schon was großes, daß sie es so weit gebracht hatten: Allein die Freiheit des Orts, wo sie lebten, und wo ein jeder, der bürgerlich, als ein ehrlicher Mann auftreten[221] könnte, und keinen Anhang suchte, mochte wohl das meiste dazu beigetragen haben. An kleinern Orten würden Sie es viel leicht nicht so weit gebracht haben. Es hätte Ihnen aber eben diese ware Freiheit gelegenheit geben können, in der Erkenntniß weiter zu gehen, wenn sie Herz genug gehabt hätten, sich an die Buchstaben zu machen, die Ihnen die Vorurtheile der Erziehung, des Ansehens und des Alterthums, noch als lauter Worte Gottes zu verehren befahlen.

Doch was will ich von meinen Brüdern sagen? War ich, doch selber damals, was diesen Punct betrift, wohl noch der blindeste unter ihnen. Denn ich glaube, wenn Sie nur Mine gemacht hätten an den göttlichen Ansehen der Bibel zu zweifeln, so wäre das schon genug gewesen zu machen, daß ich mich eben so unhold gegen sie aufgeführet, als sie hernach selber gegen mich thaten, wie ich diesem Popantz nach der Larve zu greifen begunte. Wenn ich das damals schon hätte thun können, so würde ich alle meine Freunde vor den Kopf gestoßen, mich aller menschlichen Hülfe entblößt, und doch das nimmermehr ausgerichtet haben, was ich hernach ausgerichtet, wie ich der göttlichen Führung Schritt vor Schritt gefolget.

Es hat also alles seine Zeit, und wer auf die Wege Gottes Achtung giebt, der wird finden, daß wir dieselben nicht eher gehen können, als bis er selber Bahn dazu gemacht.

§ 47. Des andern Tages, nach meiner Ankunft in Frankfurth, lernte ich mehere Brüder kennen. Unter andern logirte in des Piefers Hause auch ein bekehrter Jude, Namens Schild. Er war ein Steinschneider, und ein sehr fein Gemüth, das mir, so viel ich damals sehen konnte, fast am besten unter allen gefiel. Es kam auch der D. Senckenberg dahin, der aber zur selben Zeit noch wenig fires hatte. Ein gewisser Tübinscher Magister, Namens Siegward, der im Waysenhause als Prediger bestellet war, gefiel mir dießfalls beßer, und der Kaufmann Düsterweg, der mich, nebst Br. Großen, des dritten Tags, auf ein Mittags-Mahl herrlich bewirthte, schien mir gleichfalls gründlicher zu seyn, als Br. Groß selber.

Zu diesen kommen hernach noch der Br. Roth, der damals noch, als Buchhalter in der Schwartzischen Handlung stund, und der Br. Moscherosch, der in Jena noch Collegia beym D. Buddeo mit mir gehöret hatte. Dieser gefiel mir seinem liebreichen, sanftmüthigen und gefälligen Naturel nach am besten; Es fehlte Ihm aber am Judicio, weswegen er sich auch, nach einiger Zeit bequemte, das Joch des herrnhutischen Heylandes wieder auf sich zu nehmen.

§ 48. Unter diesen Brüdern waren Groß und Düsterweg die reichsten. Um mir also ein Vergnügen zu machen, stellten Sie eine[222] Schiffahrt auf dem Mayn an, bey welcher (den Br. Roth ausgenommen) obgenannte Brüder sämmtlich, nebst den Weibern des Br. Piefers und Schilds, samt der ledigen Schwester der letzteren mit zugegen waren. Wir hatten ein eigenes, mit dem köstlichsten Wein und allerhand Erfrischungen wohl versehenes Schif und richteten unsere Fahrt dem Mayn aufwärts, gegen Offenbach.

Der ganze Mayn war bey den angenehmen und ziemlich warmen Sommer-Tage mit Lust-Schiffen fast bedeckt, auf deren jeden sich eine Gesellschaft, nach ihrer Art lustig machte, welche noch nirgend gesehene Freyheit, mir über die maaßen wohl gefiel, absonderlich wie ich sahe, daß sich Br. Groß, Piefer, Schild, Moscherosch, und Siegward (nachdem wir unsere Weibsbilder vorher an Land gesezet und in das Gebüsche verwiesen hatten) völlig auszogen, das Schif einen guten Canon-Schuß weit vom Gebüsche vor Ancker legten, und mitten im Mayn, der damals nicht viel über halben Manns hoch Wasser hatte, mutternacket badeten.

Meine Verwunderung wurde aber noch größer, wie ich im Vorbeyfahren, an Gegenden, wo eben nicht viel Schiffe waren, gewahr wurde, daß auch Weibsbilder sich eben dieser Ergözlichkeit bedienten; und sie stieg endlich aufs höchste, wie ich einen nacketen Adam nach dem andern, ohne Feigen-Blätter, mitten durch die, mit vielen Frauenzimmer besezten Schiffe, stehend, in Kähnen vorbeyfahren sahe, und eben so wenig Schaam bey ihnen erblickte, als man sagt, daß die ersten Menschen im Stande der Unschuld gehabt.

§ 49. Ich stellte mir das unschuldige und freye Leben der sogenannten Wilden in America dabey vor, wie es gewesen, ehe die Zahmen noch die Laster unter ihnen ausgebreitet. Weiter gieng aber meine Betrachtung damals nicht, weil mir die Heiligkeit nicht erlaubte, die Wercke des Schöpfers nach der Natur zu betrachten, in welcher Er sie ursprünglich dargestellt hatte, ich würde sonst leicht gefunden haben, daß diese Menschen, wie sie noch nacket gegangen, weit weniger Greuel verübet, als wie sie sich von dem Gott der Christen mit Kleidern haben versehen laßen müssen. Wir waren indessen in unserer Gesellschaft recht vergnügt, so weit es die traurige Gnade erlaubte, nach welcher wir uns alle noch, als große Sünder betrachten, und uns in Acht nehmen mußten, den wunderlichen Gott, den wir damals noch in den Köpfen hatten, nicht etwa mit einem Gedancken oder Worte, aus der Wiege zu werfen. Es war aber diese Stellung, weil sie nicht natürlich war, auch bey keinem unter uns von sonderlicher Dauer; die Natur guckte bisweilen dergestalt durch die Andacht herdurch, daß man wohl mercken konnte, daß sie[223] noch nicht Lust hatte, sich creuzigen zu lassen. Wir ließen uns den herrlichen Wein und die andern guten Gaben Gottes recht wohl schmecken, trancken auch denen, um unser Schif badenden, und sich von außen abkühlenden Brüdern, eines nach dem andern zu, um sie von innen wider in etwas zu erwärmen. Wie sie ausgebadet hatten, und wider bekleidet waren, holeten wir unsere Weibsbilder wider, die uns den Caffé und ein gut Vesper-Brodt zubereiteten, und endlich fuhren wir, (welches mir bey der ganzen Lust am besten gefiel) unter dem Lobe Gottes wieder nach Hause.

§ 50. Damit gieng es also zu: wie wir die Ancker gelichtet und ein Stück Wegs gefahren hatten, stimmte Br. Groß in wahrer Imbrunst, das schöne Lied an: Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren. Wir sangen es alle mit zärtlichster Rührung, und ich, meines Orts, mit rechten Freuden-Thränen mit, und fuhren mit dieser unserer einfältigen Music, mitten durch die andere Schiffe, die viel betäubendere Töne von sich gaben, herdurch, ohne daß wir nur im geringsten hätten wahrnehmen sollen, daß sich diese Gesellschaften über unsere Andachten sollten moquiret, oder ihren Spott mit uns getrieben haben.

Diese Freyheit gefiel mir abermal über die Maaßen wohl. Denn ich weiß nicht, ob man uns anderwärts nicht ein Pietisten-Kläppchen mit auf den Weg gegeben haben würde, wenn wir es hätten wagen wollen, unter dem Gesange eines geistlichen Liedes, zwischen andern, von Wein und Liebe begeisterten Menschen durchzufahren, und sie, auf gewisse Maasse gleichsam zu braviren. Man siehet daraus, daß Frankfurth, in diesem Stücke, etwas besizt, was man an andern Orten nicht leicht antreffen wird.

§ 51. Nach dieser Lustfarth zu Wasser, stelleten meine Brüder, die mich gerne mit mehrern bekannt machen wollten, auch eine zu Lande an, und zwar nach Homburg an der Höhe, welcher angenehme Ort nur drey Stunden von Frankfurth lag, und vielen Separatisten, unter der leutseligen Regirung des dasigen durchlauchtigsten Hrn. Landgrafen, zu einer sichern, und erwünschten Freystadt dienete. Wir nahmen (nehmlich der Br. Groß, Düsterweg, Senckenberg und ich) zu meiner nicht geringen Verwunderung, unser Ablager, bey dem Reformirten Hof-Prediger Hrn. Reyrad, und ich muß sagen, daß sich dieser wackere Greiß weit menschlicher und leutseliger gegen uns bezeigte, als es seine feindseelige Bibel haben wollte.

Nach derselben hätte Er uns, in Befolg des Apostolischen Befehls 2 Joh. v. 10 die Thür weisen und nicht einmal grüßen sollen, weil keiner unter uns war, der die Lehre seiner Secte von der heillosen[224] Gnaden-Wahl mitbrachte.3 Allein Er nahm uns mit aller Freundlichkeit auf, bewirthete uns sehr wohl und ließ nicht ein verdrieslich Wort gegen die Separatisten fallen. Wie ich vernahm so nötigte Er auch niemanden von seiner Gemeine, zur Kirche und zum Abendmal zu gehen, sondern begegnete sowohl denen, die da wegblieben, als denen die kamen, mit gleicher Leutseeligkeit, und gewann dadurch ungleich mehr, als wenn Er sie beständig von der Canzel hätte werfen wollen.

Nach der Mittags-Mahlzeit führten mich die Brüder zum Hrn. Hofrath Plenius und Hrn. Christoph Schütz, der damals Cammerschreiber beym Land-Grafen war, und dessen Schriften dem großen Haufen der Priesterschaft, gewiß auch keine Rosen-Blätter untergestreuet. Beyde waren ganz feine Männer. Ein jeder aber hatte seine besondere Erkenntniß; doch muste sie keinen hindern, dem andern mit aller Liebe und Dienstgeflissenheit zu begegnen, welches mir abermal sehr wohl gefiel. Nach freundlich genommenen Abschied von allen begaben wir uns, gegen den Abend wohl vergnügt, wider nach Franckfurth.

§ 52. Die vielen Juden, die alda lebten, und nicht weit vom Bornheimer Thore, eine eigene große Gasse bewohnten, machten mir, da ich noch keine Synagoge gesehen hatte, einen Appetit, dieselbe zu besehen. Hr. Düsterweg führte mich also in das Abendgebeth dieser armen verdüsterten Leute. Der Ort dieser Juden-Schule schien ihrer innerlichen Gemüthsbeschaffenheit ganz gleich zu seyn, denn er war überaus dunkel, und sahe überall unter den Stühlen und Bäncken so unsauber und unordentlich aus, als wenn man hätte ausziehen wollen.

Ehe ihr Geheule angieng, stunden etliche neben uns, die heimlich beteten, wobei sie beständig mit dem ganzen Leibe, vor und hinter sich wackelten, nicht anders, wie die trunckenen, die nicht mehr auf den Beinen zu stehen vermögen. Sie plapperten, so viel ich sehen konnte, sehr geschwind, schlugen sich einmal über das andere auf die Brust, daß es pufte, und wackelten immerfort. Dieser elende Anblick hätte mich bald zu Thränen bewegt, wenn ihr Vorsänger nicht endlich vor den Tisch getreten und seine Comoedie angefangen hätte, denn da hätte es wenig gefehlet, daß ich nicht überlaut zu lachen angefangen.

Dieser Kerl vermummelte erstlich den Kopf mit ein paar Tüchern,[225] in solcher Geschwindigkeit, als wenn ihn jemand jagte. Wie er nun in dieser Positur nicht viel beßer aussahe, als ein Popanz, den man auf die Kirsch-Bäume stellet, wenn man die Sperlinge verscheuchen will; also wurde er noch tausendmal lächerlicher, wie er in derselben, mit wunderlichen Verbeugungen des Leibes, ein ordentliches Kater-Geschrey anfieng, und mit der rechten Hand immer an die Gurgel schlug, das Bocks-Triller herauskommen musten.

§ 53. Wer dergleichen seltsame Arten von Gottesdienstlichkeiten noch nie gesehen, und sonst von Natur kein Saurtopf ist, der hat in der That Mühe, das Lachen zu verbeißen, zumal wenn er mit ansehen muß, was ich gleich weiter erzehlen will. Denn wie dieses Geheule vor dem Tische, durch alle mögliche Kazen-Töne, eine ziemliche Weile gewähret, und der große Haufe, oder die Gemeine, bey gewissen Worten, ein Paar Zeilen, ganz zetermäßig mit darein geschrien hatten, lief dieser Psalmist auf einmal hinter den Tisch, sezte sich platt nieder auf den Boden, kehrte sich mit den Rücken nach der Wand, zog die Knie bis vor das Maul, faltete die Hände über die Knie, und fieng in dieser Positur, ohne ein Wort zu sprechen, dergestalt an, auf dem Hintern, vor und hinter sich zu wackeln, daß mich wunder nahm, daß ihm kein Seufzer entfuhr.

Dieses Gewackele daurete ungefehr eine Minute, während welcher Zeit die andern auch, stille vor sich wegwackelten, bisweilen die Augen verdreheten, an Bärten zupften und der Brust einen Puff gaben. Das daurete so lange, bis der Erzwackeler wieder aufsprang, vor den Tisch lief und seine liebliche Music vollends zu Ende brachte.

Mein Gott, sagte ich, zum Br. Düsterweg, ists möglich, daß Menschen, die noch ein wenig von gesunden Verstande übrig haben, glauben können, daß dem höchsten Wesen mit dergleichen Narrens-Possen gedienet sey? Wir hatten unsere Betrachtungen noch weiter: Sie giengen aber zur selben Zeit, zum wenigsten bey mir, weiter nicht, als daß ich dieses arme blinde Volck, meinen Vorurtheilen zu Folge, als ein, von Gott verworfenes Volck betrachtete, ohne zu bedencken, daß sie uns, in so fern wir einen gekreuzigten Menschen vor Gott hielten, vor weit blinder anzusehen Ursache hatten.

§ 54. Der Tag meiner Abreise nach Berlenburg kam endlich heran, ich nahm von den Brüdern zärtlichen Abschied, Br. Groß versahe mich mit den nötigen Reise-Geldern, und ich gieng mit der Post, über Butzbach und Gießen, biß nach Marpurg. Daselbst fand ich eine eigene Calesche, die mich vollends bis nach Berlenburg bringen sollte, welcher ich mich auch alsofort bediente, und desselben[226] Tages noch bis Wetter und des andern Tages, welches ein Sonntag war, vollends nach Berlenburg fuhr.

Unterwegs hatte ich allerhand dunkle Vorstellungen von meinem künftigen Schicksahl, aus denen ich nicht recht klug werden konnte. Eines Theils freuete ich mich, daß ich nunmehro zu Freunden kommen würde, mit denen ich völlig würde harmoniren, und so zu reden, ein Herz und eine Seele ausmachen können. Andern Theils aber regte sich eine heimliche Bangigkeit bey mir, der ich nicht zu widerstehen vermochte, ungeachtet ich alles aus dem Wege zu räumen suchte, was mich an der Beständigkeit meiner Brüder zweifeln machen wollte. Je näher ich an Berlenburg ankam, je banger wurde mir, ich hielt mich aber an Gott, der mich so wunderbar biß hieher gebracht hatte und ließ Ihn vor das künftige sorgen.

Wie ich durch Schwarzenau fuhr, erinnerte ich mich, daß ich in Jena und anderen Orten in Sachsen vieles von der Pietistischen Rotte zu Schwarzenau4 gehört hatte. Ich hielt damals alles, was man mit dem Nahmen der Pietisten belegte, ohne Unterschied vor beßer, als was sich Orthodox nennete, kann auch nicht läugnen, daß ich viele redliche Gemüther unter diesen Leuten angetroffen. Allein ich urtheilte zu voreilig, indem ich noch zu wenig Bekanntschaft mit ihnen hatte, einen General-Schluß zu machen.

§ 55. Inzwischen freuete ich mich doch diesem Orte so nahe zu kommen, denn er lag nur anderthalb Stunden von Berlenburg in einem angenehmen mit lustigen Bergen und Wäldern umgebenen Thale, zwischen welcher die Eder und andere frische Bächlein durchflossen. Der Ort gehörte dem Grafen von Wittgenstein, und war eigentlich ein Witthums-Sitz der verwittweten Gräfinnen von Wittgenstein, die aber, ehe die Fremden sich allda anbaueten, die meistens von andern Orten des Pietismi wegen vertrieben waren, da aber völlige Gewissens-Freiheit genossen, vor diesen, nicht viel beßer, als im Kloster in dieser Einöde müssen gelebet haben, weil nichts als das Schloß, nebst ein paar Hüttchen da zu finden war.

Damals aber hatte sich der Ort von allerhand Arten der Menschen, die was bessers suchten, recht fein angebauet, und war vor Leute, die die Stille liebten, recht lustig da zu wohnen. Die wenigsten[227] Häuser lagen beisammen, und es war zu verwundern, daß die, so einzeln lagen, eine ziemliche Zeit von Räubern nicht geplündert wurden. Sie fanden sich aber, wie sie merckten, daß wohlhabende Leute unter ihnen waren, würcklich ein, und sind manchen sehr übel mit gefahren.

Wie ich in dem Walde zwischen Schwarzenau und Berlenburg die Höhe des mittelsten Berges erreicht hatte, begegneten mir etliche Propheten-Kinder, von den so genannten Inspirirten. Ich hatte mir wunderliche Begriffe von diesen Leuten in den Kopf gesezt, und mir dieselben ungefehr so vorgestellt, wie Eliam, wie er auf die unschuldigen Soldaten, die ihn zum König führen sollten, Feuer vom Himmel soll haben fallen lassen. Wie mir aber mein Fuhrmann sagte, daß das Inspirirte wären, sahe ich wohl, daß sie so fürchterlich nicht aussahen, und fuhr vollends glücklich nach Berlenburg.

Fußnoten

1 Leider fehlt der Beweis dafür.


2 Muß wohl heißen: sie.


3 Der Apostel wußte wohl beßer das Christliche von der dogmatischen Fassung zu unterscheiden.


4 Hier war 1702 die sogenannte Buttlersche Rotte gewesen, eine durch Unzucht und Liederlichkeit berüchtigte Gesellschaft, die ein Joh. Friedr. Mayer mit Spener und seinen Anhängern in eine Classe stellte; gestiftet wurde diese Rotte von Ursula Maria v. Buttler u. Eva Margaretha von Buttler. S. über sie die Zeitschrift für historische Theologie. Ueber die Inspirirten siehe weiter unten.


Quelle:
Edelmann, Johann Christian: Selbstbiographie. Berlin 1849 (Faksimile-Nachdruck Stuttgart, Bad Cannstatt 1976), S. 228.
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