12.

Edelmann kommt nach Berlenburg und hilft an dasiger Bibelübersetzung.

[228] § 56. »Als Edelmann zu Berlenburg ankam, war er willkommen, und half an der Uebersetzung des N.T. mit arbeiten, wie Er dann den andern Brief an Timotheum und die Briefe an Titum und Philemon übersezte und erklärete. Allein seine damaligen Brüder hatten seine Uebersezung und Erklährung verhunzet und verstimmelt, ehe sie gedruckt worden, worüber er sich heftig ereyferte, und es nicht vor seine Arbeit erkennen wollte.«

Das meiste von dieser Erzehlung ist wahr, bedarf aber einer Erläuterung. Ich war zu Berlenburg willkommen und nicht willkommen, wenn ich die äußerliche und innerliche Stellung, die Hr. Haug gegen mich blicken ließ, nach ihrer wahren Gestalt betrachtete. Aeußerlich wurde ich gar freundlich von Ihm empfangen: Aber ich merckte gleich, daß Er nach dem innerlichen mein Mann nicht seyn würde, und es äußerte sich auch bald, daß wir beyde nicht vor einander gemacht waren. Inzwischen hat Er doch das Werkzeug seyn müssen, durch welches ich aus Dresden, nach dem Reiche gebracht, und weiter in der Welt bekannt werden müssen.

§ 57. Er war, seinem Naturell nach, kein unebener Mann; Aber das muntere und offenherzige Wesen des Br. Großens hatte Er nicht. Er war aus Straßburg des Pietismi wegen verjagt worden und also, in seine Gedancken, schon ein halber Märtyrer, welches[228] den guten Mann etwas aufgeblasen machte. Es fehlte Ihm an Feuer, seinen Dünckel gültig zu machen, und eben das war der Grund, weswegen Er meine Schriften, die damals noch gar zu viel Feuer hatten, mit Verachtung ansahe, und, ohne Br. Grossens Antrieb, wohl schwerlich darauf gefallen seyn würde, mich jemals zum Mitarbeiter an der Berleburgschen Bibel zu erwählen. Weil Er aber ohne dem Br. Groß nichts thun konnte, indem dieser das meiste zum Verlag dieser Bibel hergab, und den guten Haug, nebst seiner Frau dabei ernährete, so must Er, da Br. Groß es vor gut fand, zu desto hurtiger Beförderung dieses Wercks, einen Gehülfen anzunehmen, sich dessen Anstalten gefallen lassen.

Ich sahe zwar bald, daß wir nicht lange beisammen hausen würden: Allein ich ließ an dem, worzu ich mich bey Ihm verbindlich gemacht hatte, biß auf den einzigen Punct von Fortsezung der Historie der sogenannten Wiedergebohrnen, nicht das geringste fehlen. Die Ursache warum ich mir ein Gewißen machte, dieses Werck, unter dem Titul einer Historie der Wiedergebohrnen fortzusezen, war, daß ich die guten Leute, deren Leben ich beschreiben sollte, selber nicht gekannt hatte, und sie, nach der Beschreibung, die Johannes 1 Ep. 3, 9. von einem Wiedergebohrnen gab, noch vor keine Wiedergebohrnen halten konnte.

§ 58. Wenn ich damals hätte sehen können, daß ich einen Menschen, den keine Christliche Secte mehr vor einen armen Sünder halten konnte, vergebens auf Erden suchen würde; so würde ich mir vielleicht kein Gewissen gemacht haben, diejenigen vor Wiedergebohrne zu halten, die, in Ansehung ihres vorigen lüderlichen Lebens, nunmehro gesittete und tugendhafte Menschen worden: Allein, weil Johannes, den ich damals noch vor unfehlbar ansahe, es vor eine absolute Unmöglichkeit hielt, daß ein Wiedergebohrner sündigen könnte, so dachte ich, ich würde eine Sünde wider den h. Geist begehen, wenn ich das Gegentheil statuiren wollte.

Inzwischen war diese meine Gewissenhaftigkeit dem Hrn. Haug ungelegen, indem ihm der Vertrieb dieser Legenden bisher ein ansehnliches eingebracht hatte. Alles was ich ihm sonst arbeitete, ward vor nichts gerechnet, sobald ich mich verlauten ließ, daß ich die Historie der Wiedergebohrnen nicht fortsezen könnte. Ich übersezte Ihm den ersten Theil von des Poirets seiner göttlichen Haushaltung, ich continuirte die geistliche Fama, die der Hr. Dr. Carl angefangen hatte und lieferte das 20ste, 21, 22 und wo mir recht ist auch das 23ste Stück.

Ich übersezte und erklärte die 2te Epistel an den Timotheum, die[229] an Titum und Philemon; Ich bezog in seinem Namen die Frankfurther Messe, half den Bibel-Gözen mit einballiren und ließ mich wie einen Packknecht gebrauchen. In Summa, ich nahm mich der Sachen des Hrn. Haugs, so weit ich Verstand davon hatte, wie meiner eigenen an.

§ 59. Es schien auch das erste viertel Jahr, als wenn wir gar wohl mit einander auskommen würden. Er versprach mir, so lange die Bibel-Arbeit noch währen würde, jährlich 200 Gulden zu geben, und seine Frau gieng gar damit um, mich mit der Jgfr. Frenzdorfinn in Schwarzenau zu verheyrathen. Ich hatte an der Tugend dieses Frauenzimmers nichts auszusezen; Allein ich weiß nicht wie die Frau Hauginn, deren Absicht ich erst nachher erfuhr, den Discurs über Tische einmal auf sie drehete, und ihr einen guten Mann wünschte. Vermuthlich erwartete sie die Antwort von mir, daß sie mir sie, weil sie aus einer guten Familie war und ein Paar tausend Gulden im Vermögen hatte, möchte heyrathen helfen. Allein ich, der ich nichts weniger dachte, als daß der Discurs auf mich gerichtet wäre, und die gute Person bereits gesehen hatte, sagte in aller Einfalt: der Kizel zu heyrathen, sollte ihr ja wohl längst schon vergangen seyn. Diß machte sie damals zwar stille, wie sie aber über einige Zeit, nachdem ich diese Jgfr. in gesundern Umständen und etwas lebhafter gesehen hatte, wider von heyrathen anfieng, und ich sie fragte, wen sie dann vor mich ausersehen, gab sie, ohne sich an meine ehemalige Rede zu kehren, zur Antwort: Die Igfr. Frensdorfinn, und ich glaube, ich hätte mich übertölpeln lassen, wenn man das Eisen geschmiedet hätte, weil es warm war. Wie aber Hr. Haug und ich, immer fremder gegen einander wurden, so wurde nichts daraus.

§ 60. Es verlief beynahe ein Jahr, da ich mir es in dem Dienste des Hrn. Haugs hatte sauer werden lassen, ohne daß derselbe im geringsten dran gedacht hätte, mir von dem, was er mir versprochen hatte, etwas zu geben, ob Er schon wuste, daß ich mir in dem Dienste, den ich ihm treulich leistete, durch Anschaffung verschiedener Bücher, Unkosten gemacht hatte. Diese creditirte mir zwar Br. Groß, und schoß mir auch, auf Abschlag meines Salarii etliche 50 Fl. vor. Allein außer diesen habe von Hrn. Haugen weiter nichts gesehen. Das erste viertel Jahr meines Daseyns in Berlenburg, trieb Br. Groß starck, das Eilfte und zwölfte Stück der Unsch. Wahrh. zu fertigen. Ich, der ich meinte, ich dürfte unter diesen Brüdern völlig nach meiner Erkenntniß schreiben, unterließ nicht, die abscheuliche Götter-Fresserey der Christen im sogenannten Abendmale, etwas lebhaft[230] vorzustellen. Allein meine Frankfurther Brüder, wurden darüber stuzig, und ließen mir nicht vom Halse, biß ich die Stellen, die ihnen zu unverdaulich vorkamen, änderte, nachdem beyde Stücke schon gedruckt waren.

Br. Groß, der sie in Büdingen, auf seine Kosten drucken ließ, beschwerte sich, daß ich Ihn auf die Art, um ein paar hundert Fl. in Schaden brächte. Wenn Er aber hätte bedencken wollen, daß Er mir vor die ganze Arbeit dieser 12 Stücke, keinen Creuzer gegeben, und durch weit und breite Versendung derselben wohl noch einmal so viel davor gewonnen, so würde Er, da ich zumal nichts davor gekunt, daß Er die Manuscripte nicht vorher durchlesen, ehe Er sie drucken lassen, nichts von diesem Puncte erwähnet haben.

§ 61. In der That kann ich zwar den guten Brüdern, nach meiner jezigen Erkänntniß nicht vor übel halten, daß sie damals die Vorsichtigkeit gebraucht, diese Schriften zu ändern. Denn ob es schon lauter Wahrheiten waren, was ich von dieser Materie geschrieben hatte; so hätten sie ihnen doch leicht anstatt Unschuldiger, sehr schuldige Wahrheiten werden, und mich vielleicht selber an weiterer Bekentniß, noch wichtiger Wahrheiten, auf immer verhindern können: Allein ich konnte das, vor dem unruhigen Märtyrer-Geiste, der mich damals noch besaß, nicht einsehen, sondern weil ich gehöret hatte, daß man darnach ringen müste, durch die enge Pforte einzugehen, und daß, wer sein Leben um Christi willen verlöhre, solches auf ewig wider finden würde, so dachte ich auch, ich müste nichts unterlassen, was die Feinde der Wahrheit reizen könnte, mir den Hals zu brechen.

In dieser unholden Stellung, worin sich mein natürlicher Ehrgeiz auf eine ganz verkehrte Art, nicht wenig gemischet haben mag, hielt ich die kluge Vorsichtigkeit meiner Brüder vor eine Zaghaftigkeit, und moquirte mich hernach in der Vorrede zum 13. St. der Unschuld. Wahrh. nicht wenig über sie. Ich erkenne aber nunmehro, daß ich Ihnen unrecht gethan, und habe es als einen ganz besondern göttlichen Schuz anzusehen, daß ich von meinen Feinden, da ich nach dem Abtritt von meinen Brüdern noch tausendmal freier schrieb, nicht längst bin verschlungen worden.

§ 62. Man hat also von den zwey lezten Stücken des Ersten Theils der Unsch. Wahrh. eben wie von der Augspurgschen Confession zwey Auflagen, nemlich die geänderte und ungeänderte, und in der Vorrede zum 13. St. wird man sehen, was ich eigentlich habe ändern müssen. Ich meinte Wunder was vor eine heroische That ich begangen hätte, daß ich mich nunmehro allein und ohne[231] dem Beystand meiner Brüder, der ganzen unzelbaren Menge meiner Feinde, in noch weit härteren Ausdrücken entgegen gesezt, als in den beyden lezten Stücken, des Ersten Theils geschehen war. Allein, ob schon meine Absicht, nach meiner damaligen Erkenntniß redlich war (welches ich auch vor die einzige Ursache halte, warum mir Gott meine vielen Uebereilungen und Unbesonnenheiten nicht hat schaden lassen), so war doch die Art und Weise, mit welcher ich bey mancher Sache zu Wercke gieng, wenn man nach menschlicher Klugheit davon reden soll, grösten Theils, mehr verwegen als heroisch.

Ein einzelner, von allen menschlichen Schutz entblösster, von dem grösten Theil der Menschen bereits gehasster, von seinen eigenen Brüdern verlassener, und die bitterste Armuth und Verachtung beyde Hände nach ihm ausstrecken sehender Mann, sollte ja, nach aller menschlichen Klugheit, bey so fürchterlich aussehenden Umständen, billig auf allen Vieren zum Creuz gekrochen seyn, sich seinen gutmeinenden und Ihm zu seiner Versorgung, so wunderbar von Gott zugefürten Brüdern, auf alle Weise submittiret, und alles äußersten Fleißes vermieden haben, was Ihn den Haß der Menschen noch mehr auf den Hals ziehen können. Aber Nein: Je freyer und blosser ich von allem menschlichen Beistand stund, je freudiger und getroster war ich, und der Erfolg hat mich genug gelehret, daß es Gott den aufrichten, wenn sie gleich tausend Fehler begehen, dennoch gelingen lässet und daß eben das, was man Verwegenheit an mir nennen könnte, das meiste zu meinem künftigen Glück mit beitragen müssen. Denn nimmermehr würde ich zu dem Grad der Erkenntniß haben steigen können, worzu mir Gott hernach verholfen, wenn ich mit meinen Frankfurther und Berlenburger Brüdern hätte in einer Verbindung bleiben wollen: Wäre aber dieses nicht geschehen, so würde ich in der Dunkelheit verfaulet seyn, und diejenigen Freunde, nimmermehr gefunden haben, die nach der Hand das meiste zu meinem Fortkommen mit beytragen müssen.

§ 63. Meine damaligen Brüder waren darzu nicht ersehen. Mein Feuer kam Ihnen gefährlich vor, und ich war endlich auch so blödsichtig nicht, daß ich nicht hätte mercken sollen, daß sie meiner gerne, mit Manier wider loß gewesen wären. Wir musten aber einander erst noch besser kennen lernen, und darzu musten allerhand andere dazwischen kommende Geister, nach und nach Gelegenheit geben.

Die ersten waren die Anhänger der Madame Guion und der Mademoiselle Bourignon; worunter der Hr. von Marsey der vornehmste war. Diese kleine Gesellschaft hielt sich auf dem Haynchen auf, welches ein Schloß war, das dem Herrn von Fleischbein zugehörete und im Dillenburgischen, 2 Meilen von Berlenburg gelegen war.[232] An diesen Ort führte mich die Frau Hauginn, kurz nach meiner Ankunft in Berlenburg um mich mit dasigen guten Leuten bekannt zu machen.

Da fand ich nun wider eine ganz andere Art von Heiligen, die zwar alle auch Separatisten waren: Aber sie hatten sich in die Schriften der Bourignon und Guion dergestalt verbildet, daß sie sie mehr, als die Bibel selbst venerirten. Der Herr von Marsey, auf dem der Geist dieser beyden Heiligen zwiefach zu ruhen schien, und der alle seine Schriften aus dem Wasser dieser Quellen schöpfte, war der Götze dieser kleinen Familie. Denn der alte Hr. von Fleischbein und dessen Gehülfinn, dieser beyden Sohn und Tochter nebst ihrem Schwiegersohn, dem Hrn. von Prüschenck, erhuben denselben ganz über die Gebühr, und unterwarfen sich seinen geistlichen Anstalten recht blindlings.

§ 64. Diese hatten nun zwar nichts von äußerlichem Gewürcke, sondern schienen die Menschen nur in sich selbst in die Stille zu führen, von dem Geräusche der Sinnen und Affecten, auf eine Zeitlang auszuruhen, und sie auf die, in ihnen redende Stimme Gottes aufmercksam machen zu wollen. Wenn das nun auf eine freie und nicht mit Vorurtheilen eingeschränckte Art geschehen wäre, so würde diese Uebung nicht ohne Nuzen gewesen seyn; Aber da sich die armen Leute täglich eine gewisse Stunde bestimmten, in welcher sie auf des Hrn. von Marsay Stube zusammen kamen, und, ohne ein Wort zu sprechen, biß zum Verlauf der Stunde, nur Stille vor sich weg sassen, bisweillen, um nicht einzuschlafen, die Augen verdreheten, und heimliche Seufzer von sich hören ließen, auch während dieses selbst erwehlten Stillschweigens, nach der Vorschrift der Bibel und ihres Führers, nichts anders in sich hören durften, als was alle arme Sünder laut bekennen, nemlich daß sie arme verdorbene und zu allen guten untüchtige Creaturen wären; so konnte auch aus dieser seltsahmen geistlichen Uebung weiter nichts herauskommen, als daß die armen Leute blieben, wie sie waren, und doch dabey wunder dachten, was sie vor andern voraus hätten.

Ich war in ihren heiligen Augen ein sehr kleines Lichtlein und ich that alles was ich kunte, mir selber kleiner zu scheinen, als mich mein Schöpfer gemacht hatte. In der That hatte ich noch wenig Erfahrung in Ansehung solcher besondern Wege, deswegen gafte ich auf ein jedes Irrlicht, das außer mir nur halbwege etwas blinckend erschien, mehr, als auf das Licht, das mir Gott selber in meinem inwendigen verliehen hatte. Dieses muste ich zur selben Zeit vor das allerverdächtigste halten, und was war es da Wunder, wenn mich[233] die Fladder-Lichter, außer mir, aus einem Irrthum in den andern führten, und mich, mir selber, je länger, je unbekannter machten.

§ 65. Zwar ließ ich, nach der Marsayischen Vorschrift, nichts an mir erwinden, in mich selbst zu gehen, und hielt deswegen die Stunden des Gott gewidmeten Stillschweigens, eben so fleißig mit, als die andern: Aber weil ich nicht allein die Brillen nicht wegwerfen durfte, durch welche mich andere arme Sünder sehen hießen; sondern auch das Wort, das sie mir, von außen, als Gottes Wort zuschrien, mit in mich hinein nehmen muste: So kunte ich auch, weder mich selbst recht erkennen, noch hören, was der Herr, zu meiner Beruhigung, in mir redete, und wenn die Stunde dieser Unwürcksamkeit vorbey war, so war ich eben so leer von wahrer Zufriedenheit, als ich vorher gewesen war.

Es kann seyn, daß die andern, und insonderheit der Hr. von Marsay, der sonst kein unebener Mann war, etwas mehr Vergnügen bey dieser Uebung empfunden, als ich: Allein eben daraus siehet man, daß man sich einem andern nicht nach modeln, sondern Gott seine freye Hand mit sich laßen muß. Denn seine Wege mit uns sind nicht einerley. Vor melancholische und phlegmatische Gemüther mochte diese Anstalt etwas taugen: aber ein munter und würcksam Temperament fand sein Futter nicht dabey.

Der junge Herr von Fleischbein wolte mir fast, als einen Glaubens-Articul, aufnötigen, daß der Hr. von Marsay ein wahrer Wiedergeborner sey: wie ich Ihn aber fragte, ob Er nun nicht mehr sündigen könnte, so stuzte Er, gab sein Misvergnügen zu erkennen, und meinte, daß ich die Wiedergeburth zu hoch triebe. Ich hielt mich aber damals fest an den Spruch Johannis, über welchen ich mir keinen heiligen Senf wolte ziehen lassen, und schied, nach einem Aufenthalt von etlichen Tagen, mit der Frau Hauginn wieder nach Berlenburg.

§ 66. Herr Haug fragte mich, wie mirs auf dem Haynchen gefallen, und insonderheit, was ich von dem Herrn von Marsay hielt? Ich sagte, daß ich glaubte, daß Er es an seinem Theile redlich mit Gott meinen möchte: Aber daß mir nicht gefiel, daß sich die guten Leute allda so sehr in die Bourignon und Guion verbildet. Denn obschon auch diese Personen an ihrem Theile gute und redliche Seelen gewesen wären, so wären sie doch eben keine Muster, wornach alle Menschen die selig werden wolten, ihren Wandel einrichten müsten. Er war mit mir eins, und schien sich besonders zu freuen, daß ich in diesem Stücke mit Ihm harmonirete.

Wir kamen hernach weiter von der Guion ihrem Lebenslauf zu[234] reden, in welchem ich unter andern Uebungen der sogenannten Selbst-Verleugnung, die die gute Person mit sich vorgenommen, gelesen hatte, daß sie, um ihren natürlichen Eckel, den sie vor unflätigen Dingen hatte, in den Tod zu führen, einmal bey Erblickung eines vor ihr liegenden recht abscheulichen Rotzes, denselben mit ihren Lippen berühret, oder gar mit der Zunge beleckt. Hr. Haug sagte: Wir thun es ihr nicht nach, und er hatte Recht. Denn das heißt die Reinlichkeit verläugnen, damit man eine heilige Sau werden möge.

Dergleichen verkehrte Verläugnungen habe ich nach der Zeit, unter den sogenannten Frommen in Menge angetroffen. Der eine hatte die Leutseeligkeit verleugnet, um einen himmlischen Mops zu agiren, der andre die Freundlichkeit, um einem abgeschiedenen Murmelthiere gleich zu seyen, der dritte die Mildigkeit, damit man ihn nicht vor einen ungerechten Haushalter ansehen mögte; der vierte die Sauberkeit in der Kleidung, damit Er alles vor Dreck halten möchte; der fünfte die Sparsamkeit, damit er nicht vor den andern Morgen sorgen dürfte; der sechste die Redlichkeit, damit er klug, wie die Schlangen seyn möchte; der siebente die Barmherzigkeit, damit seine Gerechtigkeit besser aussehen möchte, als der Schriftgelehrten und Pharisäer; der achte die Gerechtigkeit, damit kein Ansehen der Person bey ihm Plaz haben möchte; der neunte die Sanftmuth, damit Er nicht am fremden Joche mit den ungläubigen ziehen möchte; der zehnte die Höflichkeit, damit Er sich nicht dieser Welt gleich stellen möchte; der eilffte die Schaamhaftigkeit, damit Er den Kindern gleich werden möchte; der zwölfte die Dienstfertigkeit, damit er mit den Sündern keine Gemeinschaft haben mögte. Und wer kan alle Arten dieser verkehrten Verläugnung erzehlen?

§ 67. Ich will gar nicht läugnen, daß ich damals selber noch, in verschiedenen Stücken, eben so seltsam aussahe, als diese frommen Christen, ja ich bemühete mich noch eine geraume Zeit, es ihnen an allerhand heiligen Thorheiten noch zuvor zu thun, und würde auf die lezt unerträglich worden seyn, wenn mir Gott nicht die Unanständigkeit derselben, nach und nach, an andern hätte sehen laßen.

Ich erinnere mich dabey einer Rede, die der damalige Erbgraf Ferdinand zu Berlenburg bey einer visite, die Er seines Hrn. Vaters Bruder, dem Graf Ludwig Franz ablegte, gegen die Jungfr. Kellerin, die in dessen Behausung wohnte, fahren ließ. Diese Jungfr. war unter der Inspirirten-Secte und eben bey dem andern Frauenzimmer der Gemalin des Graf Ludwig Franzens, als der Graf Ferdinand hinein kam, und als ein junger munterer Herr, mit dem Frauenzimmer der Gräfin zu scherzen anfieng. Meine gute Kellerinn,[235] die diese Aufführung vor sündlich hielt, kunte nicht unterlassen, Ihm einzureden, und mochte Ihm wohl den Spruch, daß Narrentheidung oder Scherz, den Christen nicht gezieme, in guter Meinung zu Gemüthe geführet haben: Allein der Graf gab ihr lachend zur Antwort: Meine liebe Jungfer Kellerinn, Ich begehre nicht fromm zu seyn.

Es erhellet aus dieser Rede nicht undeutlich, daß Er einen frommen, und einen Feind aller Ergözlichkeiten und Vergnügung, vor einerley Unholden gehalten haben müßen. Denn sonst war Er eben so fromm, wie die andern armen Sünder. Weil aber die Separatisten, worunter die Inspirirten hauptsächlich mit gehörten, die Frömmigkeit übertrieben, und nicht selten absurd dabei wurden, so hatte der Graf so gar unrecht nicht, wenn Er kein solcher seltsamer Frommer zu werden begehrete, zumal da Er glauben muste, daß das Tichten und Trachten seines Herzens von Jugend auf nur böse sey.

§ 68. Ich war nicht lange in Berlenburg, so besuchte mich der bekannte Tuchtfeld, der gleich neben mir wohnte, und damals als Hofprediger bei der Gräfinn stund.1 Er bezeigte sich ganz freundlich gegen mich, ungeachtet Er aus meinen Schriften wohl sehen konnte, das mir sein unfruchtbares Gewürcke, daß Er unter allerley Secten, mit Predigen und Sacramentiren trieb, gar nicht anstehen muste. Ich ließ Ihn aber stehen, biß sich nach der Hand Gelegenheit fand, Ihm den ärgerlichen Wandel seines Weibes und seiner Kinder vorzustellen, da ich dann nicht ermangelte, Ihn nach der Schrift zu zeigen, daß der, so seinem eigenen Hause nicht wohl vorstehen könnte, noch weniger die Gemeine Gottes versorgen würde.

Er blieb aber bey seinem Prediger-Geist, und predigte bald bey den Lutheranern, bald bey den Reformirten, bald bey den Inspirirten, ohne das er nur einen anders gemacht hätte, als Er war, woraus zwar erhellet, das dasiger Orten ungleich mehr Freyheit und[236] verträglichkeit unter den Secten war, als anderwärts, und daß die Reformirten, die die herrschende Religion in Berlenburgschen ausmachten, sich leutseliger, als anderer Orten gegen die widrig gesinnten betrugen, indem wohl schwerlich anderwärts einem Lutheraner vergönnt werden dürfte, eine Reformirte Canzel zu besteigen: Allein der gute Tuchtfeld konnte doch keinen bekehren, und bei den Socinianern, worunter Herr Seebach das Haupt war, hat Er sich, meines Wissens, gar nicht melden dürfen.

§ 69. Dieser Herr Seebach, der, wo mir recht ist, von Berlin war verjagt worden, führte einen guten Wandel, und seine Anhänger haben mir, unter den mancherley Geistern, die ich alda kennen lernen, noch am besten gefallen; Er hielt alle Tage Versammlung: Weil Er aber die Gottheit Christi läugnete, welches ich zur selben Zeit, noch vor einem Seelen-stürzenden Irrthum hielt, so bin ich nie in seine Versammlung kommen, und habe Ihn, mit meinem Bewust, nie mit Augen gesehen.

Ich lernte aber nach meinem Abzuge von Hrn. Haugen, einen seiner vornehmsten Anhänger kennen, Namens Baum, der Hofmeister bey der jungen Herrschaft des Hrn. Graf Ludwig Franz war, und ich muß sagen, daß Er ein sehr redlicher und aufrichtiger Mann war, der mir viele Gefälligkeit erzeigt, und in den Puncten, worin wir, zur selben Zeit, noch von einander abgingen, seine Meinung auf eine sehr bescheidene und ziemlich scheinbare Art vorzutragen wuste.

Ich sagte weder Ja noch Nein zu seinen Meinungen, und vergnügte mich nur an seinem redlichen Wandel und Umgange, der allemal das Vornehmste war, auf welches ich bey den verschiedenen Meinungs-Genossen zu sehen pflegte.

§ 70. Weil ich nicht weit vom Schloße Wittgenstein wohnte, auf welchen der ehrliche Dippelius gestorben war, reizte mich die Neugierigkeit diesen Ort auch zu besehen; Ich gieng daher im Früh-Jahr des 1737sten Jahres, in Gesellschaft des Bruders von Herrn Haugen, der ein Buchbinder und Buchhändler war, und dessen Schwieger-Sohns, des Hrn. Abresch, zu Fuße dahin. Ob nun schon der Weg nicht weiter, als drey starcke Stunden betrug, die ich sonst vor einen Spazier-Gang genommen, so hatte ich mich doch, bey Hrn. Haugen, dergestalt versessen, daß ich auf dem Rückwege, weil der desselben Tages noch geschahe, und über hohe und unwegsame Gebürge gieng, beynahe hätte liegen bleiben müßen.

Meine Gefährten aber, die des Laufens und Bergsteigens damals beßer gewohnt waren als ich, lachten mich aus; und machten dadurch,[237] daß ich mich über mein Vermögen zwang, und etliche Tage nach einander vor Müdigkeit und Unbiegsamkeit meiner Beine knapp aufstehen konnte.

Unterwegs fragte ich nach den Umständen des Todes Dippelii, den seine Feinde, eben wie mich, eines mannigfaltigen Todes hatten sterben laßen. Meine Gefährten aber versicherten mich vor gewiß, daß Er an einem Steckflusse gestorben, auf dem Schloße Wittgenstein seciret, und in dem unten gelegenen Städtchen Lassphe2, wäre begraben worden. Ich sprach, nach der Hand, mit dem Barbier, der Ihm seciren helfen, der mir eben das, noch mit den Umständen versicherte, daß Er glaubete, Dippelius habe nie einem Weibsbilde beygewohnt.

§ 71. Wie die Zeit der Franckfurther Oster-Meße in diesem 17313 Jahre herbey nahete, bezog ich dieselbe vor Hr. Haugen, in Gesellschaft obbenanter Männer, und einiger Inspirirten, worunter Hr. Pfeiffer, der Apotheker, der Bortenwirker Langemeyer, und der Schuster Keyssig die Vornehmsten waren. Wir waren noch fremd gegen einander, doch begegneten wir einander mit aller Höflichkeit, und ich kan nicht anders sagen, als daß unsere Reise vergnügt war.

Wir führten 7–8 schwer beladene zweyspännige Karren, lauter Gottes Wort mit uns, welches Hr. Haugs Bruder, und dessen Schwieger-Sohn, Hr. Abresch, als die beiden vornehmsten Handlanger meines Wirths, so gut als möglich, in Franckfurth an den Mann zu bringen suchten. Ich wurde dabey zu weiter nichts, als zum Auf- und Abpacken und etwa zu Abschreibung einer oder andern kleinen Rechnung gebraucht.

Bruder Groß, in dessen Hause ich, nebst dem Herrn Abresch logirte, hieß mich zwar freundlich willkommen, gab mir aber gleich einen brüderlichen Filtz, wegen der harten Ausdrücke, die ich im Eilften und zwölften Stücke der Unsch. Wahrh. gebraucht hatte: Ich bediente mich dessen so gut ich kunte, und sagte Ihm dabey aufrichtig, daß ich irre an meinen Brüdern wäre. Absonderlich, daß ich mich in Hrn. Haugens betragen gegen mich gar nicht finden könnte, indem Er mir die ganze Zeit meines Daseyns, noch nicht daß geringste geboten, von dem was Er mir versprochen hatte.

§ 72. Hr. Haug hatte eben etwas mit in die Bibel einfließen lassen, worüber auswärts auch Klagen eingelaufen waren, wie also[238] die meinigen darzu kamen, die Br. Groß gerecht fand, so war er gar nicht wohl auf Hrn. Haugen zu sprechen, und schoß mir auf Abschlag meiner Forderung, meines Behalts 45 oder 50 Gulden vor. Ich kaufte mir davor verschiedenen, zu meiner künftigen Einrichtung nöthigen Hausrath, indem ich schon sahe, daß ich bey Hrn. Haugen nicht mehr lange würde bleiben können.

Wärender Meße wurde ich noch mit verschiedenen andern guten Gemüthern bekant, deren Name aber, weil sie die Freundschaft nicht fortgesezt, mir wieder entfallen sind biß auf den Hrn. Licentiat Cramer in Offenbach, und den Hrn. Rath Fend4, der in Frankfurt wohnte. Ersterer besuchte mich im Reinekischen Hause, wo Bruder Groß wohnte, und war gar nicht mit meinen Brüdern zufrieden, daß sie mich genöthiget hatten, daß eilfte und zwölfte Stück zu verändern. Ich mußte Ihn in Offenbach besuchen, und er bat sich auß die angefangene Freundschaft zu continuiren.

Wir sezten sie auch in der That eine ziemliche Zeit fort, und ich glaube sie würde nicht aufgehöret haben, wenn nicht die neue Auflage der Arnoldischen Ketzern-Historie, wovon unten ein mehrers sprechen werde, einen Strich durchgemacht hätte, wie Er vernahm, daß ich nicht mit an derselben arbeiten helfen wolte.

§ 73. Mit dem Hr. Rath Fend machte mich ein alter Separatist aus Laubach, Namens Luther recht wider meinen Willen bekannt. Denn weil dieser redliche Mann, den übrigen Separatisten als ein Socinianer verschrien war, so durfte ichs vor meinen Brüdern, die ohnedem schon zu wancken begunten, nicht wohl wagen, zu Ihm zu gehen. Es ließ aber der Bruder Luther, der eine sonderliche Liebe zu mir trug, nicht nach mit Bitten, biß ich mit Ihm gieng, und ich sahe aus dem Erfolg, daß mir mein heiliger Eigensinn geschadet haben würde, wenn ich nicht mitgegangen wäre.

Ich fand an diesen Ehrwürdigen Greiß einen ganz andern Mann, als Ihn meine, mit Vorurtheilen eingenommenen Brüder beschrieben hatten, Er empfing mich mit der grösten Leutseligkeit, und weil Er meine Schriften gelesen hatte, so that Er, als wenn wir schon lange mit einander bekannt gewesen wären. Er war damals, wo ich mich recht besinne, schon 88 Jahr alt. Aber noch bei so gesunden Leibes-Kräften, und so fähigen Gedächtniß, daß Er seinen Griechischen Grund-Text, wie wir hernach in Discurs geriethen, viel fertiger und accurater anzuführen wuste, als mancher Pfarr den Deutschen.

Er hatte denselben immer im Munde, und überhaupt ein so gutes[239] und fließendes Mundwerck, daß ich nur zu hören genug hatte. Er speisete mich aber nicht bloß mit Worten ab, sondern wie wir eine ziemliche Zeit mit einander von allerhand Dingen gesprochen hatten, fragte Er nach meinem Zustande. Ich, der ich erst kürzlich von Br. Groß Geld bekommen hatte, und nicht anders dachte, als daß mir Hr. Haug das übrige versprochene auch geben würde, ließ mir nichts weniger einfallen, als daß Er mich deswegen fragte, um mir was mittheilen zu können, ich antwortete Ihn also, daß ich, Gottlob mein ehrlich auskommen hätte.

§ 74. Er mochte aber von Br. Luthern, dem ich etwas von meinen Berlenburgischen Umständen entdecket hatte, schon vernommen haben, daß mirs eben nicht nach Wunsche alda gienge, deswegen drückte Er mir beym Abschiede, mit der grösten Zärtlichkeit, zu meiner recht großen Verwunderung, eine Caroline in die Hand, welche Freygebigkeit Er auch, nach meinem Abschiede, wie mich meine andern Brüder lange vergeßen hatten, noch etliche Mal widerholte.

Wie Br. Groß vernahm, daß ich bey Ihm gewesen war, fragte Er, was ich von Ihm hielte? Ich konnte nicht anders sagen, als das ich Ihn vor einen leutseeligen, gelehrten und gutthätigen Mann hielte, und so, wie Er seine Meinung vortrüge, eben nicht viel daran auszusetzen fände. Ich merckte, daß ich dem Br. Groß damit nicht recht geredet hatte. Es war mir aber unmöglich einem Mann zu haßen, der so viel Gutes an sich hatte. Denn Er war die Freundlichkeit und Leutseeligkeit selber, und that mit dem Vermögen, daß Ihm Gott verliehen hatte, ohne auf den Unterschied des Glaubens und der Meinungen zu sehen, so vielen Armen und Nothleidenden Gutes, daß ich seines gleichen wenig gefunden habe.

Kurz, Er war der erste, der das verhaßte Bild, das mir meine feindseligen Lehrer von den Socinianern in den Kopf gesetzet hatten, bey mir ausgelöschet. Er blieb mein Bruder in der That, wenn ich gleich nicht seiner Meinung war, da mich hingegen die andern Namens-Brüder gänzlich verließen, sobald sie sahen, daß ich weiter gieng, als sich ihr Gesicht erstreckte.

§ 75. Wie ich wider zurück nach Berlenburg kam (welches kurz nach meiner Widerkunft von Homburg geschahe, wohin ich dißmal alleine von Franckfurth zu Fuße gieng, um dasige Freunde zu besuchen, unter denen des Hrn. Rath Fends Mündelein, die Jungfer Schützinn mir auch eine Caroline mit auf den Weg gab:) brachte ich in vielen Stücken ein ander Gesicht mit. Denn ich hatte in der kurzen Zeit, die ich in den Gegenden von Franckfurth, Homburg und[240] Offenbach zugebracht hatte, so mancherley Arten von Geistern kennen lernen, daß ich fast nicht wuste, was ich endlich mehr glauben sollte.

Sie hatten alle was Gutes von Natur. Aber es konnte vor die Evangelische Gnade nicht aufkommen, denn sie hätten sonst aufhören müßen, arme Sünder zu seyn, welches die elenden Leute vor unmöglich hielten. Ich war damals noch nichts beßer, als sie alle, und ob ich schon überhaupt etwas vergnügendere Blicke von unserm Zustande hatte, so waren sie doch alle noch sehr dunkel, und der Bibelgötze erschreckte mich allenthalben, wo ich meine Augen nur hinwandte.

Ein klein Licht zu etwas aufmerksamerer Betrachtung deßelben mußte mir der damalige Bibeldrechsler Hr. Haug selber geben, und zwar durch die Vorrede, die Er seiner sogenannten Theosophiae Pneumaticae vorgesezet hatte; denn wie ich in derselben laß: der sogenannte Canon der Schrift, oder daß man etliche Bücher derselben vor Canonisch und folglich vor unfehlbar halten müßte, hätte seinen Ursprung aus dem Verderben, sey von Menschen aus etlichen alten Abschriften gemacht, und die Erfahrung zeuge, daß man es schlecht getroffen habe etc. etc., so bekam ich schon mehr Herz diese Materie, an die ich mich bisher gar nicht getrauet hatte, etwas näher zu untersuchen.5

§ 76. Ich konnte mir aber aus dem entsezlichen Gewirre, wodurch ich bey dieser Untersuchung nothwendig brechen mußte, lange nicht helfen, und es kamen mir andere Dinge dazwischen, daß ich diese Betrachtungen auf stillere und geruhigere Zeiten ausgesezt seyn laßen muste. Ich hatte indeßen auf einmal schon genug, daß ich von einem eyfrigen verehrer der Bibel selbst und ohne alles mein Begehren, vernommen hatte, daß es um das Canonische Ansehen, und folglich um die Unfehlbarkeit derselben, nicht gar zu richtig stehen mußte. Diese Gedancken blieben mir, und der Leser wird daraus erkennen, wie wunderbar Gott nach und nach, das Licht der Wahrheit in mir aufgehen laßen6, und selbst durch die, so diesen ungestalten Götzen, nach besten Vermögen, noch mit ausputzen halfen, die erste Gelegenheit zu deßen völligen Umsturz angewißen.

Herr Cantz, der damals in Berlenburg als Hof-Medicus beym[241] regierenden Grafen Casimir stund, und der leibliche Bruder des berühmten Tübingischen Professors war, that durch seinen redlichen Umgang und vernünftige Discurse, nicht wenig Beytrag zu beßerer Aufräumung meines Verstandes. Er war ein Mann, der die Welt gesehen hatte, und besaß solide Studia, und eine tiefe Einsicht in viel Sachen, sonderlich in der Theologie, die Er selbst vor diesen studiret hatte, weswegen ich Ihm auch völlige Freyheit ertheilte, diejenigen Stellen, die meine Brüder in dem eilften und zwölften Stücke der Unschuld. Wahrh. gemildert haben wollten, zu verbeßern, und ich gab hernach nur meine Einwilligung darzu.

§ 77. Es war dieser rechtschaffene Mann mein bester, und damals einziger Freund in Berlenburg, zu dem ich ein Vertrauen haben kunte, Er liebte mich aufrichtig, besuchte mich oft, und stund mir in vielen Stücken mit Rath und That getreulich bei. Er war nicht mit seinem Herrn Bruder zufrieden, daß Er sich zum Verfechter der seltsamen Wolfischen Philosophi mitgebrauchen ließ, sahe die Sachen viel tiefer ein, und wir ergözten uns oft über die gelehrten Thorheiten, vieler damals fast in allen Zeitungen, über das Ziel herausgestrichener Männer.

Bisweilen kamen Puncte vor, wobei mir Hr. Kantz, in Ansehung der elenden Unfehlbarkeit der Bibel, gerne etwas mehr gesagt hätte, wenn Er mich, zu unanstößiger Anhörung seines Discurses gestellet gefunden. Wie Er aber ein Mann von großer Einsicht und Mäßigung war, also ließ Er sich nicht mehr gegen mich mercken, als Er wuste, daß ich zur selben Zeit vertragen kunte. Ich sezte also meine Bibel-Arbeit noch lustig fort, indem ich dieses Buch überhaupt, doch noch immer vor Gottes Wort hielt, wenn ich gleich gestehen mußte, daß bey Sammlung der sogenannten Canonischen Bücher, menschliche Fehlern mit untergelaufen. Ich war aber freylich in Erklärung der mir angewiesenen Bücher, gar zu weitläuftig, und kann meinen Brüdern in so weit nicht unrecht geben, wenn sie sie abzukürzen gesucht, wenn sie nur das wesentliche davon beybehalten hätten. Ich fand aber, gleich beym ersten Anblick des Drucks, eine ganz andere Arbeit, weswegen nicht zu läugnen begehre, daß mich diese Tuckmäuserey verdroßen, und mich genöthiget, gegen meine wahren Freunde zu erkennen zu geben, da ich diese drey Episteln nicht vor meine Arbeit hielte? Doch weiter in den Text.

Fußnoten

1 Victor Christoph Tuchtfeld war früher Pastor bei Halle, suchte Anhänger für Visionen, die seine Mägde gehabt hatten und wurde deshalb nach Berlin in die Hausvoigtey gebracht und seines Amtes entsetzt; später wurde er noch ein paarmal in und bei Halle gefangen gesetzt, weil er die Ordnung des Gottesdienstes störte. Dann schrieb er auch gegen die Theologen in Halle: Bekehrung der Väter zu den Kindern. Nachher trieb er sich umher, kam 1724 nach Clausthal und von dort nach Nürnberg. Hier traten seine Irrthümer deutlicher hervor, er soll die Genugthuung Christi gelästert, das geschriebene Wort Gottes verkleinert, das Predigtamt geschmähet und die Erlösung der Verdammten behauptet haben. Er fand unter der geringern Classe manche Anhänger und soll überall die Gemeinden verwirret haben. Cf. Walch die Religions-Streitigkeiten der Evangel.-lutherischen Kirche Thl. 2. p. 846. Thl. 5 p. 1063–1069.


2 Richtiger Laasphe an der Lahn, 2 Meilen von Berlenburg mit 1800 Einwohnern.


3 Soll heißen 1737.


4 Cf. Walch Religions-Streitigkeiten der Evang. luth. Kirche Thl. 5. p. 1070.


5 Wie verkehrt müssen damals schon Edelmanns Ansichten von der Göttlichkeit der Schrift und des Christenthums gewesen seyn.


6 Oder nach anderer Ansicht wie die objective Wahrheit, da sie keinen empfänglichen Boden behielt, durch die Zweifel nach und nach dahingefallen ist unter göttlicher Zulassung.


Quelle:
Edelmann, Johann Christian: Selbstbiographie. Berlin 1849 (Faksimile-Nachdruck Stuttgart, Bad Cannstatt 1976), S. 242.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Selbstbiographie
Joh. Chr. Edelmann's Selbstbiographie Geschrieben 1752: Herausg. Von C. R. W. Klose (German Edition)
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