Syphilis

[108] Das zweite, weiter als die Feigwarzen-Krankheit verbreitete, chronische Miasm, welches seit fast viertehalb hundert Jahren die Quelle vieler andern chronischen Uebel gewesen, ist das der eigentlich venerischen, der Schanker-Krankheit (Syphilis), welche jedoch nur in dem Falle Schwierigkeit beim Heilen verursacht, wenn sie schon mit weit entfalteter Psora verwickelt (komplicirt) ist – mit Sykosis ist sie nur selten komplicirt, dann aber gewöhnlich auch zugleich mit Psora.

Bei der Kur der venerischen Krankheit sind drei Zustände zu unterscheiden, 1) wo sie noch allein und noch mit dem ihr zugehörigen Lokal-Symptome, dem Schanker, oder doch, wenn auch dieser örtlich vertrieben ward, mit dem ähnlich für das innere Leiden vikarirenden Lokal-Symptom, der Schooßbeule, (bubo, boulain) versehen ist1 – 2) wenn sie zwar allein, d.i. noch ohne Verwickelung mit einem zweiten oder dritten chronischen Miasm, doch des stellvertretenden Lokal-Symptoms selbst, des Schankers (und der Schooßbeule) schon beraubt ist – 3) wenn sie schon mit anderer langwierigen Krankheit, d.i. mit schon entwickelter Psora komplicirt ist, entweder bei noch anwesendem Lokal-Symptom, oder nach dessen örtlicher Vertreibung.

Der Schanker kommt nach einem unreinen Beischlafe gewöhnlich zwischen dem siebenten und vierzehnten Tage, selten eher oder später, meist an dem mit dem Miasm angesteckten Gliede zum Vorscheine, zuerst als ein kleines Bläschen,[108] was zu einem unreinen Geschwüre, mit erhabnen Rändern und stichlichtem Schmerze aufblüht, und, ungeheilt, auf dieser Stelle lebenslang stehen bleiben, nur mit den Jahren sich vergrößern würde, ohne daß je die sekundären Symptome der venerischen Krankheit, die Lustseuche, ausbrechen könnten.

Um hier helfen zu wollen, zerstört der allöopathische Arzt diesen Schanker durch beizende, ätzende, austrocknende Substanzen, indem er ihn, fälschlich, für ein durch die örtliche Ansteckung bloß äußerlich zuwege gebrachtes, das ist, für ein bloß örtliches Geschwür hält und dafür in Schriften ausgiebt, fälschlich wähnend, daß bei dessen Erscheinung noch an keine innerliche venerische Krankheit zu denken sey und er deßhalb durch seine örtliche Ausrottung des Schankers alles venerische Uebel von dem Kranken entferne und mit einem Male hinwegnehme –, wenn er dieß Geschwür nur nicht gar zu lange an Ort und Stelle stehen lasse, damit die einsaugenden Gefäße nicht Zeit hätten, das Gift in den innern Organism zu führen und so durch Zögerung eine allgemeine Ansteckung mit Syphilis zu bewirken – ohne zu wissen, daß die venerische Ansteckung des ganzen Körpers schon vom ersten Augenblicke des unreinen Beischlafs begonnen habe und schon vor Erscheinung des Schankers vollendet sey. Er vernichtet, sage ich, in seiner Verblendung, örtlich das zur Beschwichtigung des innern, großen, venerischen Gemeinleidens von der gütigen Natur bestimmte, stellvertretende, äußere Symptom (das Schanker-Geschwür), und nöthigt so unausbleiblich den Organism, den zerstörten, ersten Stellvertreter für das innere venerische Leiden (den Schanker), durch einen weit schmerzhaftern Stellvertreter, durch die zur Eiterung eilende Schooßbeule, zu ersetzen, und wenn auch diese, wie gewöhnlich, durch schädliche Kunst äußerlich von ihm, wie gewöhnlich geschieht, vertrieben ist, so sieht sich die Natur genöthigt, die innere Krankheit durch noch weit beschwerlichere sekundäre Uebel, durch Ausbruch der ganzen chronischen Lustseuche, zu entfalten, was sie zwar langsam (oft erst in mehren Monaten), aber unausbleiblich gewiß zu Stande bringt. Statt also zu helfen, schadet er.

John Hunter sagt:2 »Nicht Ein Kranker von funfzehn wird der Lustseuche entgehen, wenn man den Schanker[109] bloß örtlich vertilgt.« und an einer andern Stelle seines Buchs3 versichert er: »Der Erfolg der auch noch so zeitig und selbst am Tage ihrer ersten Erscheinung örtlich zerstörten Schanker war stets die hinterdrein ausbrechende Lustseuche.«

Und eben so nachdrücklich betheuert Fabre:4 »Die Lustseuche erfolge stets auf die örtliche Vertilgung des Schankers. Petit habe einem Frauenzimmer einen Theil der Schamlefze abgeschnitten, an welcher seit einem Paar Tagen venerische Schanker entstanden waren; die Wunde heilte, aber die Lustseuche brach dennoch aus.«

Wie konnten doch die Aerzte nach allen diesen Thatsachen und Zeugnissen ihre Augen und Ohren noch vor der Wahrheit verschließen: daß die ganze venerische Krankheit (Syphilis) schon völlig im Innern ausgebildet gewesen, ehe der Schanker erscheinen konnte, und daß es der unverzeihlichste Fehlgriff war, durch die äußere Vertreibung und Vernichtung des Schankers den gewissen Ausbruch der im Innern schon vorhandenen Syphilis zur Lustseuche zu befördern, und so die schöne Gelegenheit in den Wind zu schlagen, wo gerade bei voller Gegenwart des Schankers diese Krankheit am leichtesten und überzeugendsten durch die innere specifische Arznei zu heilen war – sie war es nicht, so lange bei der Wirkung des innern Mittels der Schanker nicht von selbst bloß durch das innere Mittel heilte; sie war aber völlig ausgetilgt, sobald als durch das innen wirkende Medikament allein (ohne Zuthun irgend eines äußern Mittels) der Schanker, ohne eine Spur seiner ehemaligen Gegenwart zurückzulassen, vollkommen zur Heilung gebracht worden.

Nie habe ich in meiner mehr als funfzigjährigen Praxis das Mindeste von Lustseuche ausbrechen gesehn, wenn der Schanker, auf seiner Stelle unangetastet, auch mehre Jahre (denn nie vergeht er von selbst) stehen blieb, und, wie natürlich, mit der Zeit, bei innerer Zunahme des venerischen Leidens (wie bei jedem chronischen Miasm in der Folgezeit geschieht) an seinem Sitze sich um Vieles vergrößert hatte.

Aber zu jeder Zeit, wo man so unverständig ist, dieß stellvertretende Lokal-Symptom zu zerstören, ist auch der Organism[110] bereit, die innere Syphilis als Lustseuche zum Ausbruche zu bringen, da die allgemeine venerische Krankheit im Innern vom ersten Augenblicke der Ansteckung an, schon im Körper wohnt.

An der Stelle nämlich, wo das syphilitische Miasm beim unreinen Beischlafe zuerst eingerieben worden war und gehaftet hatte, ist es in demselben Augenblicke nicht mehr örtlich – das ganze Nervensystem, der ganze lebende Körper hat seine Gegenwart schon angenommen (percipirt); das Miasm ist schon das Eigenthum des ganzen Organisms geworden. Alles, noch so schnelle Abwischen und Abwaschen, mit welcher Flüssigkeit es auch geschehe, (und wie wir gesehen haben, selbst das Ausschneiden), ist zu spät, ist vergeblich. Es ist dann zwar noch keine krankhafte Veränderung an der angesteckten Stelle, die ersten Tage über, zu bemerken; aber im Innern geht, unaufhaltbar, vom ersten Augenblicke der Ansteckung an, die specifische, venerische Veränderung vor sich, bis die Syphilis sich durch den ganzen Körper vollständig ausgebildet hat, und dann erst (nicht eher) bringt die vom innern Uebel beladene Natur das dieser Krankheit eigenthümliche Lokal-Symptom, den Schanker, gewöhnlich an der zuerst angesteckten Stelle hervor, welcher zur Beschwichtigung des innern vollendeten Leidens von der Natur bestimmt ward.

Daher geschieht die Heilung der venerischen Krankheit auch am leichtesten und überzeugendsten, so lange der Schanker (oder die Schooßbeule) noch nicht örtlich vertrieben ist, so lange er (oder die Schooßbeule), als stellvertretendes Symptom für die innere Syphilis, noch unverändert dasteht. Denn in dieser Verfassung und wenn sie noch überdieß nicht mit Psora komplicirt ist, läßt sich nach vielfältiger Erfahrung und mit Grunde behaupten, daß es kein chronisches Miasm, keine von einem Miasm entstandene, chronische Krankheit auf der Erde giebt, welche heilbarer und leichter heilbar wäre, als diese.

Da bedarf es (und dieß ist der erste einfache Zustand und die einfache Heilung), wenn der Schanker (oder die Schooßbeule) noch da und keine Komplikation mit entwickelter Psora, kein hervorragendes chronisches Leiden aus psorischer Quelle (wie gewöhnlich nicht bei jungen, muntern Personen) zugleich vorhanden ist – denn mit noch latenter Psora komplicirt sich die Syphilis ebenso wenig, als die Sykosis – da bedarf es, sage ich, nur einer einzigen, kleinen Gabe des[111] besten Merkurialmittels, um binnen 14 Tagen die ganze Syphilis sammt dem Schanker gründlich und auf immer zu heilen. Da wird ein Paar Tage nach der Einnahme einer solchen Quecksilber-Gabe der Schanker von selbst (ohne die mindeste äußere Auflegung) zu einem reinen Geschwüre mit wenigem, gutartigem Eiter und heilet von selbst – zum überzeugenden Beweise, daß das venerische Uebel auch innerlich völlig getilgt sey – ohne die mindeste Narbe und ohne eine Stelle zu hinterlassen, welche eine andre Farbe hätte, als die übrige gesunde Haut. Der nicht mit äußern Mitteln behandelte Schanker würde aber nie heilen, wenn die innere Syphilis durch die Quecksilber-Gabe nicht bereits völlig vernichtet und ausgelöscht worden wäre, da er, so lange er noch an seiner Stelle steht, der natürliche und untrügliche Anzeiger auch des mindesten Restes noch vorhandner Syphilis ist.

Ich habe zwar in der zweiten Ausgabe des ersten Theils der reinen Arzneimittellehre (Dresden, 1822.) die Bereitung eines reinen Quecksilber-Oxyduls beschrieben, was ich noch jetzt für eine der vorzüglichsten antisyphilitischen Arzneien halte, die aber nur schwierig in vollkommener Güte zu bereiten ist. Um daher dieß erwünschte Ziel noch einfacher, ganz ohne Umwege und doch eben so vollkommen zu erreichen (denn bei Verfertigung der Arzneien kann man nicht einfach genug zu Werke gehen), verfährt man am besten auf die unten angegebene Weise so, daß ein Gran ganz reines laufendes Quecksilber mit drei Mal 100 Gran Milchzucker zur millionfachen Pulver-Verdünnung binnen 3 Stunden gerieben und hievon ein Gran aufgelöst durch 27 Verdünnungs-Gläser bis zu X potenzirt wird, wie bei den Kraft-Entwickelungen der übrigen trocknen Arzneistoffe, zu Ende dieses Theils gelehrt wird.

Ehedem bediente ich mich hievon der billionfachen Kraft-Entwickelung (Syphilis) zu 1, 2, 3 feinen, damit befeuchteten Streukügelchen auf die Gabe mit Erfolge zu solchen Heilungen; wiewohl die Bereitung zu höherer Potenz: Syphilis, Syphilis, Syphilisund endlich zur decillionfachen ( M) Kraft-Entwickelung gebracht noch einige Vorzüge in schneller, eindringlicher und doch milder Wirkung zu dieser Absicht besitzt, in Fällen aber, wo noch eine zweite oder dritte Gabe, (wie doch selten) nöthig würde, da kann dann ein niedrigerer Potenz-Grad genommen werden.[112]

So wie die noch vorhandne Gegenwart des Schankers (oder der Schooßbeule) bei der Kur stets die noch inwohnende Syphilis anzeigt, so wird es, wenn der Schanker (und die Schooßbeule) von der bloß innerlich angewendeten Quecksilber-Arznei, ohne allen Beigebrauch eines auf das Lokal-Symptom gebrachten Mittels, auf der Stelle, ohne Spur seiner frühern Gegenwart verheilt, unwidersprechlich gewiß, daß auch alle Spur der innern Syphilis in dem Momente der vollendeten Heilung des Schankers (oder der Schooßbeule) ausgetilgt war.

Aber eben so unwidersprechlich geht hieraus hervor, daß alle bloß auf örtliche Zerstörung erfolgte Vergehung des Schankers (oder der Schooßbeule) – weil sie keine auf die Tilgung der innern venerischen Krankheit durch die innerlich gegebne angemessene Quecksilber-Arznei gegründete Selbstheilung ist – die Gewißheit der noch inwohnenden Syphilis zurücklasse und jeder, den man mit einer solchen örtlichen, angeblichen Heilung täuscht, für noch eben so durchaus venerisch, als er vor der Zerstörung des Schankers war, anzunehmen sey.

Der zweite Zustand, in welchem (wie ich oben sagte) die Syphilis zu heilen angetroffen werden kann, ist der seltne, wo bei einer übrigens gesunden, mit keiner langwierigen andern Krankheit (also nicht mit entwickelter Psora) behafteten Person, eine solche zweckwidrige Vertreibung des Schankers durch bloß örtliche Mittel vom gemeinen Arzte in kurzer Zeit, ohne sonderlich den Organism mit äußern und mit innern Mitteln anzugreifen, erreicht worden wäre. Da wird immer noch, weil hier gewöhnlich noch keine Komplicirung mit Psora zu bestreiten ist, allem Ausbruche der sekundären venerischen Uebel, der Lustseuche, vorgebeugt und der Mensch von aller Spur venerischen Miasms befreit werden durch die eben jetzt angegebne, einfache, innere Heilung, die durch eine gleiche Gabe obiger potenzirter Quecksilber-Arznei – wiewohl die Gewißheit seiner Genesung nun nicht mehr so offenkundig darzuthun ist, als wenn der Schanker bei der innern Kur noch vorhanden gewesen, und als ein durch dieß innere Medikament allein gutartig gewordenes Geschwür, sichtlich von selbst geheilt wäre.

Indeß findet sich hier ein, wiewohl nur genauer Aufmerksamkeit sich zu Tage legendes Zeichen der nicht vollendeten, so wie der vollendeten Heilung der innern, noch nicht[113] zur Lustseuche ausgebrochenen Syphilis. Es bleibt nämlich, im Fall der Schanker nur durch örtliche Mittel von seiner Stelle vertrieben worden, gesetzt es sey auch durch eben nicht scharfe Lokalmittel geschehen, an dem Orte, wo er gestanden, zum Zeichen der noch ungetilgten, innern Syphilis, immerdar eine mißfarbige, röthliche, rothe, oder bläuliche Narbe zurück, während, im Gegentheile, wenn die Heilung (der ganzen venerischen Krankheit) bloß durch das innere Medikament erfolgt war, und so der Schanker, ohne Zuthun eines äußern Mittels, von selbst heilt, und, als nicht mehr nöthig zur Stellvertretung und Beschwichtigung eines innern, nun nicht mehr vorhandnen, venerischen Leidens, verschwindet, die Stelle des vormaligen Schankers nicht mehr zu erkennen ist, denn eine so ebne und gleichfarbige Haut, wie die übrige, tritt an seine Stelle, daß man keine Spur mehr davon, wo das Lokal-Uebel gestanden hatte, sehen kann.

Hat nun der homöopathische Arzt die nach solcher schnellen, örtlichen Vertreibung des venerischen Lokal-Symptoms noch vorhandne, mißfarbige Narbe, als Zeichen noch ungetilgter, innern Syphilis, sorgfältig wahrgenommen, und ist der nun völlig zu Heilende noch bei übrigens guter Gesundheit, folglich sein venerisches Uebel noch nicht mit Psora komplicirt, so wird er ihn gleichfalls mit einer einzigen Gabe des besten Quecksilber-Präparats, wie oben beschrieben ist, auch nun noch, und eben so leicht von allem Reste des venerischen Miasms befreien und seine Ueberzeugung, daß die Heilung vollendet sey, darin finden, daß während der Wirkungs-Dauer des Specifikums die Narbe wieder die gesunde Farbe der übrigen Haut angenommen hat und alle Mißfarbe der Stelle verschwunden ist.

Auch wenn nach örtlicher Vertreibung des Schankers die Schooßbeule schon ausgebrochen, der Mensch aber noch mit keiner andern chronischen Krankheit behaftet, die innere Syphilis also noch nicht mit entwickelter Psora komplicirt ist (wie dann doch selten), auch hier wird dieselbe Behandlung, wenn die Schooßbeule noch erst im Entstehen ist, eine völlige Heilung bewirken, und daß dieß erfolgt sey, durch gleiches Merkmal wahrgenommen werden.

In beiden Fällen, wenn richtig verfahren worden, ist die Heilung vollendet, und es ist an keinen zu befürchtenden Ausbruch der Lustseuche mehr zu denken.[114]

Der schwierigste unter allen Fällen, der dritte Zustand, bleibt uns noch zu behandeln übrig, wo entweder schon bei der syphilitischen Ansteckung der Mensch mit einer chronischen Krankheit behaftet, folglich die Syphilis noch bei gegenwärtigem Schanker mit Psora verwickelt war, oder wo, wenn noch keine chronische Krankheit bei Ausbruch des Schankers im Körper wohnte, und nur Zeichen die innerlich schlummernde Psora zu erkennen gaben, ein allöopathischer Arzt das Lokal-Symptom nicht nur mit sehr schmerzhaften äußern Mitteln langweilig zerstört, sondern auch lange Zeit eine theils sehr schwächende, theils sehr angreifende, innere Kur mit ihm vorgenommen, auf diese Art aber seine allgemeine Gesundheit untergraben und so die in ihm bisher noch latente Psora zur Entwickelung und zum Ausbruche in chronische Uebel gebracht hatte, welche sich nun unaufhaltbar mit der innern Syphilis verbindet, deren Lokal-Symptom zugleich so unverständiger Weise vernichtet worden war – denn nur die entwickelte und in offenbarer, chronischer Krankheit sich äußernde Psora kann sich mit der venerischen Krankheit kompliciren, nicht aber die noch latente und schlummernde. Von letzterer wird daher die Heilung der Syphilis nicht gehindert, aber mit der entwickelten Psora komplicirt, ist es unmöglich, die venerische Krankheit allein zu heilen.

Nur gar zu oft, sage ich, wird die nach örtlicher Zerstörung des Schankers ungeheilt gebliebene Syphilis mit erwachter Psora verwickelt angetroffen, nicht immer, weil die Psora vor erfolgter venerischer Ansteckung schon entwickelt gewesen wäre – denn dieß ist sie bei jungen Personen selten – sondern weil sie bei den gewöhnlichen Kuren der venerischen Krankheit mit Gewalt aufgeweckt und zum Ausbruche gebracht wird. Mit Quecksilber-Friktionen, großen Gaben Calomel, Aetz-Sublimat und ähnlichen scharfen Merkurialmitteln, welche Fieber, ruhrartige Unterleibs-Beschwerden, langwierigen, Kräfte verschwendenden Speichelfluß, Gliederschmerzen, Schlaflosigkeit u.s.w. zuwege bringen, ohne genug antisyphilitische Kraft zu besitzen, das Schanker-Miasm gelind, schnell und vollkommen zu heilen, wird oft viele Monate lang auf den venerischen Kranken hineingestürmt, unter Zwischen-Gebrauch von vielen, schwächenden, warmen Bädern und Purganzen, so daß die innere, schlummernde Psora (deren Natur es ist, durch alle große Erschütterungen und Schwächungen der allgemeinen Gesundheit auszubrechen) eher[115] erwacht, als die Syphilis durch eine so zweckwidrige Behandlung ausgetilgt werden konnte, und sich so mit dieser vergesellschaftet und komplicirt.

Es entsteht auf diese Weise und durch diese Verbindung, was man verlarvte, unächte Syphilis und bei den Engländern Pseudosyphilis nennt, ein Ungeheuer von Doppelkrankheit,5 welches kein Arzt bisher in Gesundheit verwandeln konnte, weil kein Arzt bisher die Psora nach ihrem Umfange und ihrer Natur weder in ihrem latenten, noch in ihrem entwickelten Zustande kannte, keiner diese schreckliche Kombination mit Syphilis ahnete, geschweige wahrnahm. Keiner konnte also die entwickelte Psora, die einzige Ursache der Unheilbarkeit einer solchen Bastard-Syphilis, heilen, folglich auch die Syphilis, damit sie heilbar würde, nicht von jener gräulichen Verbindung befreien, so wie auch die Psora unheilbar bleibt, wenn nicht zugleich auch die Syphilis ausgetilgt worden ist.

Um dieser sogenannten verlarvten Lustseuche mit Erfolg beizukommen, dient die allgemeine Regel, daß der homöopathische Arzt (nach Entfernung aller schädlichen Einflüsse auf den Kranken von außen, nach Einrichtung einer leicht und kräftig nährenden Diät, so wie der übrigen gesunden Lebensweise) zuerst gegen die Psora die für den dermaligen Krankheits-Zustand homöopathisch passendste, antipsorische Arznei so anwende, wie weiter unten gelehrt wird, und wenn diese ausgewirkt hat, auch wohl noch eine zweite, den noch hervorragenden Psora-Symptomen möglichst angemessene, und diese so lange gegen die Psora wirken lasse, bis sie alles ausgerichtet haben, was vor der Hand an ihr zu bessern möglich war – worauf man erst für die Lustseuche die oben beschriebene Gabe der besten Quecksilber-Arznei reicht und sie 3, 5 bis 7 Wochen wirken läßt, d.i. so lange sie noch Besserung der Lustseuche-Symptome zuwege bringt.

Doch wird man in alten schwierigen Fällen mit diesem ersten Cursus das Ziel noch nicht ganz erreicht haben. Es[116] bleiben dann gewöhnlich noch Leiden und Beschwerden übrig, welche nicht bestimmt für rein psorisch, und andre, welche nicht bestimmt für rein syphilitisch erklärt werden können und so der letzten Hülfe noch bedürfen. Ein wiederholter ähnlicher Kur-Prozeß ist hier nöthig, nämlich die nochmalige Anwendung zuerst einer oder mehrer von den übrigen, noch nicht gegebnen, antipsorischen Arzneien, welche hier unter allen am besten homöopathisch passen, bis, was noch einigermaßen unsyphilitisch krankhaft, das ist, psorisch scheint, verschwindet, worauf man die genannte Gabe der Quecksilber-Arznei, aber in einem andern Potenz-Grade, nochmals reicht und die gehörige Zeit auswirken läßt, bis nicht nur die offenbaren Lustseuche-Symptome (das stichlicht schmerzende Tonsillen-Geschwür, die runden, durch die Oberhaut schimmernden, kupferfarbnen Flecke, die nicht jückenden Ausschlags-Blüthen vorzüglich im Gesichte auf bläulicht röthlichem Grunde, die glatten, blassen, reinen, bloß mit Schleim überzognen, fast mit der gesunden Haut ebnen, unschmerzhaften Haut-Geschwüre auf dem Haarkopfe, an der Haut der Ruthe u.s.w., die bohrenden, nächtlichen Schmerzen der Exostosen u.s.w.) vergangen sind, sondern, weil diese sekundären Lustseuche-Symptome so wandelbar sind, daß ihre einstweilige Verschwindung keine Ueberzeugung von ihrer gänzlichen Auslöschung gewährt, auch jenes beweisendere Zeichen der völligen Tilgung des venerischen Miasms erscheint: die Rückkehr der gesunden Farbe und gänzliche Verschwindung der Mißfarbe der von Ausrottung des Schankers durch örtliche, ätzende Mittel übrig gebliebnen Narbe.

Nur zwei Fälle6 sind mir in meiner Praxis von dreifacher Komplikation der drei chronischen Miasmen, der Feigwarzen-Krankheit[117] mit venerischem Schanker-Miasm und zugleich mit entwickelter Psora zu behandeln vorgekommen, welche nach gleichen Grundsätzen geheilt wurden, nämlich daß zuerst auf die Psora gewirkt ward, dann auf das unter den andern beiden chronischen Miasmen, dessen Symptome zu der Zeit am meisten hervorragten, dann auf das zweite noch übrige. Nochmals mußte dann der Rest der noch vorhandenen, psorischen Symptome mit den ihnen angemessenen Arzneien bekämpft und dann erst vollends, was noch von Sykosis oder Syphilis übrig war, mit den jeder zugehörigen, oben angeführten Arzneien ausgetilgt werden. Hiebei merke ich noch an, daß die vollkommne Heilung der Sykosis, welche sich ebenfalls schon vor dem Ausbruche ihres Lokal-Symptoms des ganzen Organisms bemächtigt hat, sich wie die des Schanker-Miasms, durch völlige Verschwindung der Mißfarbe der Hautstelle beurkundet, welche nach jeder bloß örtlichen Zerstörung der Feigwarze, zum Zeichen noch ungetilgter innerer Sykosis, übrig bleibt.[118]

Fußnoten

1 Sehr selten erfolgt auf den unreinen Beischlaf zuerst und allein die Schooßbeule, ohne daß ein Schanker vorausgegangen war; fast immer entsteht sie nur nach äußerlicher Zerstörung des Schankers, als eine höchst beschwerliche Stellvertreterin des letztern.

2 Abh. über die vener. Krankheit, Leipzig 1787. S. 531.

3 Abh. über die vener. Krankheit, Leipzig 1787. S. 551 – 553.

4 Fabre, Lettres, Supplément à son traité des maladies vénériennes, Paris 1786.

5 Ja, es ist nach solcher Behandlung noch mehr als Doppel-Krankheit; die scharfen Merkurial-Mittel in großen öftern Gaben haben dann auch noch ihre Arznei-Krankheit hinzugefügt, was, die Schwächungen von solcher Behandlung dazu gerechnet, den Kranken in einen höchst traurigen Zustand versetzen mußte. Hier wird die Kalk-Schwefelleber als Antipsorikum dem reinen Schwefel noch vorzuziehen seyn.

6 Ein Ziegelmeister aus dem sächsischen Erzgebirge, dessen lüderliche Gattin ihn mit einem venerischen Uebel an den Zeugungstheilen angesteckt hatte, was durch des Kranken Beschreibung nicht deutlich ward, ob es Schanker oder Feigwarze gewesen, war durch die angreifendsten Quecksilbermittel so gemißhandelt worden, daß das Zäpfchen verloren, der Gaumen durchbohrt und die Nase so ergriffen war, daß die fleischichten Theile meist schon weggefressen, daß Uebrige geschwollen und entzündet, von Geschwüren, wie eine Honigwabe, durchlöchert worden, unter großen Schmerzen und unerträglichem Gestanke. Noch hatte er ein psorisches Geschwür am Unterschenkel. Die antipsorischen Mittel besserten die Geschwüre bis zu einem gewissen Grade, heilten das Fußgeschwür und nahmen den Brenn-Schmerz und den meisten Gestank der Nase hinweg, auch die Mittel gegen Sykosis besserten etwas – aber im Ganzen ward nichts weiter ausgerichtet, bis er eine kleine Gabe Quecksilber-Oxydul erhielt, worauf alles schnell heilte und seine völlige Gesundheit (außer jenem Verluste der unersetzlichen Nase u.s.w.) wiederkehrte.

Quelle:
Samuel Hahnemann: Die chronischen Krankheiten. 5 Bände, Bd. 1, Dresden, Leipzig 21835, S. 108-119.
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