VI. Karl Philipp Moritz[128] 1

Moritz war ein genauer Freund unseres Hauses. So lange er nunmehr (1838) auch schon todt ist, so habe ich ihn doch aufs Lebendigste in der Erinnerung. Er war in der That ein genialer, aber ein kränklicher und hypochondrischer Mensch. Man hat dies bei seiner Beurtheilung nicht genug in Anschlag gebracht. Unwahr gegen sich selbst, wie man ihn oft hat schildern wollen, habe ich ihn nie gefunden. Es war ihm mit allen Empfindungen, die er aussprach oder die seine[129] Handlungen bestimmten, im entsprechenden Augenblicke Ernst, aber er war unstät, und daher mußte öfter sein Handeln ohne Consequenz erscheinen. Sein Gemüth war von einer liebenswürdigen Kindlichkeit; da er jedoch gewohnt war, sich gehen zu lassen, so konnte es nicht fehlen daß er bisweilen kindisch erschien. Die Gesellschaft stimmte ihn in der Regel zu schweigendem Ernste; regte ihn jedoch irgend etwas zur Munterkeit an, so lachte er wie ich noch kaum einen Menschen lachen gehört habe. Selbst Unbedeutendes aber ihm Neues, ja irgend ein Geräth, ein Möbel, konnte ihn zu lauten Ausbrüchen des Erstaunens und der Freude hinreißen. »Ja, das lobe ich mir! – Ja, wer so etwas auch haben könnte!« – habe ich ihn bei solchen Gelegenheiten einmal über das andere ausrufen hören.

Den Eindruck, welchen einer unserer jungen feinen, wohlgeputzten, sprachgewandten und sprechseligen Gelehrten, das Entzücken der geistreichen Damen unserer Theezirkel, uns giebt, machte der lange Moritz mit seiner hektischen Gestalt auf diese Weise freilich nicht. Aber war er einmal durch irgend einen Gegenstand angeregt genug, um sich zur Aeußerung über ihn gedrängt zu fühlen, so war die Lebendigkeit, mit welcher er es dann that, von um so größerem und dauernderem Eindruck. Nie werde ich in dieser Beziehung seine Schilderung der Peak-Höhle in Derbyshire vergessen, die er uns sogleich nach seiner Rückkunft von seiner von einem Spaziergange aus angetretenen Reise nach England mündlich machte, später aber in seiner Reisebeschreibung auch dem Publikum gab. – Auch las er ganz vortrefflich. In unserer damaligen Lesegesellschaft wurde fast jährlich einmal Lessings Nathan mit vertheilten Rollen gelesen. Moritz las[130] den Tempelherrn, und ich habe diese Rolle nie wieder so vortragen hören. –

Als Herz die bekannt gewordene Kur mit ihm vornahm, war ich schon verheirathet. Eine lediglich eingebildete Krankheit war Moritzens Uebel nicht. Er war in der That krank, jedoch nicht gefährlich. Aber der Wahn, daß er ein Opfer des Todes sei, hatte ihm ein Fieber zugezogen, welches ihn aufzureiben drohte. Lebhaft erinnere ich mich noch der Besorgniß, welche Herz, der ihn sehr liebte, um ihn hegte. »Gott!« – rief er an jedem Abende, – »wenn ich doch dem Moritz helfen könnte!« – Eines Morgens jedoch, als er sich zur Umfahrt bei seinen Patienten bereitete, eröffnete er mir, er habe in der Nacht ein Mittel ersonnen, welches, wenn überhaupt Hülfe möglich sei, Moritz retten werde. Ich glaubte, es handle sich von einer Arzenei; und da ich mit meinem Manne auf dem Fuße stand, über seine Berufsangelegenheiten mit ihm sprechen zu können, so bat ich ihn, mir das Mittel zu nennen. – »Lass' es gut sein,« antwortete er mir. – »Ich werde es Dir mittheilen, sobald ich eine Wirkung davon wahrnehme.«

Er fuhr nun zu Moritz, dessen Fieber er noch gesteigert fand. Der Arme warf sich im Bette hin und her, und rief wie gewöhnlich dem Arzte entgegen: »Aber muß ich denn sterben? – eben ich? – Ist denn keine Hülfe möglich?« – »Keine!« antwortete Herz, »länger will ich es Ihnen nicht verhehlen. Aber es ziemt sich für einen Mann, und gar für einen Weisen, dem Unvermeidlichen mit Ruhe ja mit Heiterkeit entgegen zu treten.« – Und nun sprach er trefflich, wie er sprechen konnte, weiter mit ihm, immer aber den Tod des Patienten dabei als gewiß hinstellend. Gründe der[131] Religion konnte er ihm dabei freilich nicht anführen, denn gab es je einen Freigeist, so war es Moritz, und nie wurde er heftiger, als wenn es galt gegen eine geoffenbarte Religion zu Felde zu ziehen.

Als Herz am nächsten Morgen seinen Kranken besuchte, fand er ihn zum ersten Male ruhig im Bette liegend, und dieses selbst mit Blumen geschmückt. – »Nun, wie geht es Ihnen?« – fragte Herz. – »Sie sehen es!« – antwortete Moritz. »Ich gehe mit Fassung, ja mit Seelenruhe meiner Auflösung entgegen. Der Tod soll in mir keinen Feigling finden.« – »Brav!« – erwiederte Herz. »So habe ich Sie zu finden erwartet. Dies Bild will ich mir nach Ihrem Abscheiden von Ihnen bewahren!« – Er fühlte dem Kranken den Puls. Das Fieber hatte bedeutend nachgelassen. Nach drei Tagen, welche Moritz mit der Gemüthsruhe eines sterbenden Weisen zugebracht hatte, war es gänzlich verschwunden, und nicht lange darauf der Kranke völlig hergestellt. –

Göthe interessirte sich stets aufs Lebendigste für Moritz, und in jener früheren Epoche seines Lebens that er dies selten für andere als für sehr bedeutende Menschen. Beide waren in Rom viel mit einander, und nach jenem, auch durch Göthe bekannt gewordenen tragisch-komischen Ereignisse, dem Ritte zu Esel nämlich, welchen sie mit einander machten, und bei welchem Moritz in einem Laden hinein ritt, vom Esel fiel, und ein Bein brach, pflegte Göthe ihn aufs freundschaftlichste. In Rom und seiner Nähe war zur Zeit meiner Anwesenheit daselbst, also dreißig Jahre nachher, das Andenken an Göthe und Moritz noch nicht erstorben. Man nannte sie oft gemeinsam, und namentlich[132] erinnere ich mich, daß der Wirth in der »Sibilla« in Tivoli mir noch mancherlei von ihnen zu erzählen wußte. –

Mir ist der Tag noch in lebendigster Erinnerung, an welchem Moritz mir seine Braut, eine geborne Matzdorff, in meiner Wohnung vorstellte. Kaum hatte er es gethan, so winkte er mir, mit ihm in das anstoßende Cabinet zu treten, und fragte mich dort ganz ernst und trocken: »Nicht wahr, ich habe da« – hier wies er mit dem Zeigefinger auf das Zimmer, in welchem sich seine Braut befand – »einen sehr dummen Streich gemacht?« – Ungeachtet schon diese Frage bewies, daß er einen gemacht hatte, denn wie konnte ein unter solcher Voraussetzung geschlossenes Ehebündniß zu seinem Heile ausschlagen, und trotz meines lebendigen Interesses für den Fragenden, war ich im Begriff zu lachen, so komisch wurde die Frage durch Art, Zeit und Ort. Später ging denn auch die Frau mit einem gewissen Sydow oder Zülow – ich erinnere mich des Namens nicht mehr genau – der ein Buch über die Art sich in Gesellschaft zu benehmen geschrieben hatte, und wie es schien, seine Theorie in der Gesellschaft der Frau Moritz mit gutem Erfolge angewendet hatte, auf und davon. Moritz eilte den Flüchtigen nach, und kam ihnen endlich auf die Spur. In einem Dorfe oder Städtchen angekommen, erfährt er auf Nachfrage im Gasthofe, daß der Herr, welchen er bezeichnet, sich im Hause befinde, und man deutet ihm an, daß er bei Moritzens Ankunft sich unter einem umgestülpten Fasse versteckt habe. Moritz tritt an das Faß, steckt die Mündung eines Pistols in das Spundloch, und ruft: »Meine Frau mir herausgegeben, oder ich schieße!« – Der geängstete Entführer giebt den Versteck der Frau an, denn er weiß[133] nicht, daß das Pistol nicht geladen ist. – Moritz führt seine Frau zum zweiten Male heim, und so unglaublich es scheinen mag, die Eheleute lebten nachher ganz erträglich miteinander, ja die Frau pflegte deu Mann in seiner letzten Krankheit, einem Lungenübel, so treu, daß sie von ihr angesteckt wurde, und gleichfalls an derselben starb!

Fußnoten

1 Herr von Varnhagen ezählt im vierten Bande seiner, »Denkwürdigkeiten und vermischten Schriften« in dem Aufsatze »Karl Philipp Moritz« einige der hier vorkommenden Ereignisse aus dem Leben des Letzteren, namentlich die Geschichte der Krankheit desselben und der Entweichung seiner Frau. Herr v.V. hat die betreffenden Mittheilungen »aus mündlicher Ueberlieferung«, und nach einer Aeußerung an einer anderen Stelle des Aufsatzes von einer »Freundin« Moritzens. Bei der persönlichen Bekanntschaft des Verfassers mit der Frau Herz glauben wir durch die Annahme, sie sei diese Freundin gewesen, nicht fehl zu schließen. Wenn wir dennoch die Erzählung dieser Ereignisse hier nicht unterdrücken, so geschieht es, weil sich hier, neben geringen Abweichungen, einige nicht uninteressante Einzelheiten mehr finden, als in dem Aufsatze des berühmten Biographen.


Quelle:
Herz, Henriette: Ihr Leben und ihre Erinnerungen.Berlin 1850, S. 134.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Ihr Leben und ihre Erinnerungen
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