11. Kapitel

[104] Schädigung der körperlichen Integrität durch Wunder


Seit den ersten Anfängen meiner Verbindung mit Gott bis auf den heutigen Tag ist mein Körper unausgesetzt der Gegenstand göttlicher Wunder gewesen. Wollte ich alle diese Wunder im Einzelnen beschreiben, so könnte ich damit allein ein ganzes Buch füllen. Ich kann sagen, daß kaum ein einziges Glied oder Organ meines Körpers vorhanden ist, das nicht vorübergehend durch Wunder geschädigt worden wäre, keine einzige Muskel, an der nicht durch Wunder herumgezerrt würde, um sie je nach der Verschiedenheit des damit verfolgten Zwecks entweder in Bewegung zu setzen oder zu lähmen. Noch bis auf den heutigen Tag sind Wunder, die ich allstündlich erlebe, zum Theil von solcher Beschaffenheit, daß sie jeden anderen Menschen in tödtlichen Schrecken versetzen müßten; nur durch jahrelange Gewöhnung bin ich dahingelangt, das Meiste von dem, was jetzt noch geschieht, als Kleinigkeiten zu übersehen. In dem ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dem Sonnensteine aber waren die Wunder so bedrohlicher Natur, daß ich fast unaufhörlich für mein Leben, meine Gesundheit oder meinen Verstand fürchten zu müssen glaubte.

An und für sich muß natürlich der ganze Zustand, wonach die Strahlen im Wesentlichen nur dazu dienen, einem einzigen Menschen an seinem Körper Schaden zuzufügen oder demselben in Betreff der Gegenstände, mit denen er sich beschäftigt, irgend welchen Schabernack zu spielen – auch derartige harmlosere Wunder sind namentlich in neuerer Zeit ziemlich häufig geworden – als ein weltordnungswidriger angesehen werden. Denn Strahlen haben die Aufgabe, Etwas zu schaffen, nicht bloß zu zerstören oder kindische Spielerei zu treiben. Daher verfehlen auch sämmtliche Wunder, die gegen mich gerichtet worden sind auf die Dauer ihren Zweck; was unreine Strahlen zerstört oder geschädigt haben, müssen spätere, reine Strahlen immer wieder aufbauen oder heilen (vergl. bereits Kap. VII bei Anmerkung 48). Damit ist jedoch nicht gesagt, daß nicht wenigstens vorübergehend höchst bedenkliche, den Eindruck äußerster Gefahren erweckende Schäden angerichtet werden oder sehr schmerzhafte Zustände sich ergeben konnten.

Am meisten erinnerten noch an weltordnungsmäßige Verhältnisse diejenigen Wunder, die in irgend welcher Beziehung zu einer an meinem Körper auszuführenden Entmannung zu stehen schienen. Hierzu gehörten namentlich allerhand Veränderungen an meinem Geschlechtstheile, die vereinzelte Male (namentlich im Bett) als starke Andeutungen[105] einer wirklichen Einziehung des männlichen Gliedes, häufig aber, wenn vorwiegend unreine Strahlen betheiligt waren, als ein fast dem vollständigen Zerlaufen sich näherndes Weicherwerden desselben auftraten; ferner das Herauswundern einzelner Bart- namentlich Schnurrbarthaare, endlich eine Veränderung der ganzen Statur (Verringerung der Körpergröße) – wahrscheinlich auf einer Zusammenziehung der Rückenwirbel und vielleicht auch der Knochensubstanz der Schenkel beruhend. Das letztere, von dem niederen Gotte (Ariman) ausgehende Wunder wurde von diesem regelmäßig mit den dasselbe ankündigenden Worten »Ob ich Sie etwas kleiner mache« begleitet; ich hatte selbst dabei den Eindruck, als ob mein Körper um etwa 6–8 Centimeter kleiner geworden sei, also der weiblichen Körpergröße sich angenähert habe.

Sehr mannigfaltig waren die Wunder, denen die inneren Organe der Brust- und Bauchhöhle unterlagen. Am wenigsten weiß ich bezüglich des Herzens zu sagen; ich habe hier nur die Erinnerung, daß ich einmal – und zwar noch zur Zeit meines Aufenthaltes in der Leipziger Universitäts-Nervenklinik – ein anderes Herz hatte.1 Dagegen waren meine Lungen lange Zeit hindurch der Gegenstand heftiger und sehr bedrohlicher Angriffe. Ich habe von Natur sehr gesunde Brust und Lungen; durch Wunder aber wurden meine Lungen so zugerichtet, daß ich einen tödtlichen Ausgang in Folge von Lungenschwindsucht eine Zeit lang ernstlich befürchten zu müssen glaubte. Man wunderte mir zu oft wiederholten Malen einen sogenannten »Lungenwurm«, von welchem ich nicht angeben kann, ob es ein thierähnliches Wesen oder ein seelenartiges Gebilde gewesen ist; ich kann nur sagen, daß das Auftreten desselben mit einem beißenden Schmerze in den Lungen verbunden war, so wie ich mir etwa die bei einer Lungenentzündung vorkommenden Schmerzen vorstellen zu sollen glaube. Meine Lungenflügel waren zeitweise nahezu völlig absorbirt, ob nur durch Thätigkeit des Lungenwurms oder auch durch Wunder anderer Art, vermag ich nicht zu sagen; ich hatte die deutliche Empfindung, daß mein Zwerchfell ganz oben in der Brust fast unmittelbar unter dem Kehlkopfe saß und nur noch ein kleiner Rest der Lungen dazwischen sich befand, mit dem ich kaum zu athmen vermochte. Es hat Tage gegeben, wo ich mir bei den Umgängen im Garten die Lunge gewissermaßen mit jedem Athemzuge neu erkaufen mußte; denn das ist eben das Wunderbare, daß Strahlen, weil das Schaffen nun einmal in ihrer Natur[106] liegt, gar nicht anders können, als das einem nothleidenden Körper zu seiner Erhaltung jeweilig Nothwendigste zu beschaffen.

Ungefähr um dieselbe Zeit war ein größerer oder geringerer Theil meiner Rippenknochen ab und zu vorübergehend zerschmettert immer mit dem Erfolge, daß das Zersörte nach einiger Zeit wieder hergestellt wurde. Eins der abscheulichsten Wunder war das sogenannte Engbrüstigkeitswunder, daß ich mindestens einige Dutzend Male erlebt habe; es wurde dabei der ganze Brustkasten zusammengepreßt, so daß der Zustand der durch die Athemnoth verursachten Beklemmung sich dem gesammten Körper mitheilte. Vereinzelte Male ist das Engbrüstigkeitswunder auch noch in späteren Jahren aufgetreten, in der Hauptsache gehörte dasselbe, wie die übrigen hier beschriebenen Wunder, der zweiten Hälfte des Jahres 1894 und etwa der ersten Hälfte des Jahres 1895 an.

Was den Magen betrifft, so war mir schon während meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt von dem in Kap. V genannten Wiener Nervenarzte anstatt meines gesunden natürlichen Magens ein sehr minderwerthiger sog. »Judenmagen« angewundert worden. Später richteten sich die Wunder eine Zeit lang mit Vorliebe gegen den Magen, einestheils weil die Seelen mir den mit der Einnahme der Speisen verbundenen sinnlichen Genuß nicht gönnten, anderntheils weil die Seelen überhaupt sich für etwas Besseres dünkten, als der der irdischen Nahrung bedürftige Mensch und daher auf alles Essen und Trinken mit einer gewissen Verachtung herabzusehen geneigt waren.2 Ich habe zu öfteren Malen kürzere oder längere Zeit ohne Magen gelebt und zuweilen auch dem Pfleger M., wie diesem vielleicht noch erinnerlich sein wird, ausdrücklich erklärt, daß ich nicht essen könnte, weil ich keinen Magen hätte. Manchmal wurde mir unmittelbar vor der Mahlzeit ein Magen sozusagen ad hoc angewundert. Es geschah dies namentlich von Seiten der v.W.'schen Seele, die mir überhaupt wenigstens in einigen ihrer Gestalten vorübergehend eine freundlichere Gesinnung zeigte. Freilich war dies nie von langer Dauer; den mir angewunderten, übrigens auch nur minderwerigen Magen wunderte mir die v.W.'sche Seele in der Regel noch während der betreffenden Mahlzeit »wegen veränderter Gesinnung« wieder ab; große Veränderlichkeit ist überhaupt, abgesehen vielleicht von den ganz reinen – Gottesstrahlen, ein wesentlicher Grundzug des Seelencharakters. Die genossenen Speisen und Getränke ergossen sich dann ohne Weiteres in die Bauchhöhle und die Oberschenkel, ein Vorgang, der, so unglaublich er klingen mag, nach der Deutlichkeit der Empfindung für mich außer allem Zweifel lag.

Bei jedem anderen Menschen hätten dadurch natürlich Eiterungszustände mit unfehlbarem tödtlichen Ausgange sich ergeben müssen; mir aber konnte die Verbreitung des Speisebreis in beliebigen Körpertheilen[107] Nichts schaden, weil alle unreinen Stoffe in meinem Körper durch Strahlen wieder aufgesogen wurden. Ich habe in Folge dessen später wiederholt ganz sorglos ohne Magen drauf los gegessen; überhaupt gewöhnte ich mich nach und nach an eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen Alles, was an meinem Körper vorging. Ich bin auch jetzt noch der Überzeugung, daß ich gegen alle natürliche Krankheitseinflüsse gefeit bin; Krankheitskeime entstehen bei mir nur durch Strahlen und werden ebenso von Strahlen wieder beseitigt. Ja ich hege sogar starke Zweifel, ob ich, solange der Strahlenverkehr andauert, überhaupt sterblich bin, ob ich nicht z.B. das stärkste Gift ohne wesentlichen Schaden für mein Leben und meine Gesundheit zu mir nehmen könnte.3 Denn was können denn Gifte anders machen, als irgendwelche wichtige Organe zerstören oder eine zersetzende Wirkung auf das Blut ausüben? Beides ist aber bei mir in unzähligen Fällen bereits durch Strahlen ohne schädlichen Erfolg für dir Dauer geschehen.4

Von sonstigen inneren Organen will ich nur noch der Speiseröhre und der Därme5 gedenken, die wiederholt zerrissen oder verschwunden waren, ferner des Kehlkopfs, den ich mehr als einmal zum Theil mit aufgegessen habe, endlich des Samenstrangs, gegen den zuweilen in ziemlich schmerzhafter Weise gewundert wurde, hauptsächlich um das in meinem Körper entstehende Wollustgefühl zu unterdrücken. Außerdem habe ich noch eines den ganzen Unterleib ergreifenden Wunders, der sogenannten Unterleibsfäule Erwähnung zu thun. Dieses Wunder ging regelmäßig von der von W.'schen Seele in einer ihrer unreinsten Gestalten aus, die deshalb – im Gegensatz zu anderen von W.'schen Seelentheilen – die Bezeichnung »Unterleibsfäulen von W.« erhielt. Dieselbe warf mit vollendeter Rücksichtslosigkeit die Unterleibsfäule erzeugenden Fäulnißstoffe in meinen Bauch hinein, sodaß ich mehr als einmal bei lebendigem Leibe verfaulen zu müssen glaubte und der Modergeruch in ekelerregendster Weise meinem Munde entströmte. Die von W.'sche Seele rechnete dabei darauf, daß die Unterleibsfäule von Gottesstrahlen wieder beseitigt werde, was denn auch stets durch Strahlen von ganz besonderer, diesem Zwecke entsprechender Beschaffenheit, die sich wie ein Keil in meine[108] Därme schoben und den Fäulnißgehalt aufsogen, geschah. Die Gottesstrahlen schienen hierbei in dem instinktiven Bewußtsein zu handeln, daß es für sie selbst überaus widerwärtig sein würde, sich von einem verfaulenden Körper anziehen lassen zu müssen. Diese Vorstellung kam in der wiederholt ausgegebenen Losung, daß man mich wenigstens »mit reinem Körper« liegen lassen wolle, zum Ausdruck; natürlich litt auch diese Vorstellung wieder an der üblichen Unklarheit, insofern man sich offenbar keine Rechenschaft darüber gegeben hatte, wodurch denn nun eigentlich die Nerven des »liegen gelassenen« Körpers die Anziehungskraft verlieren sollten.

Am bedrohlichsten erschienen mir selbst immer diejenigen Wunder, die sich in irgend welcher Weise gegen den Verstand richteten. In erster Linie handelte es sich dabei um den Kopf; in zweiter Linie kam während eines gewissen – wohl mehrwöchentlichen Zeitraums etwa im Herbst 1894 – auch das Rückenmark in Frage, das damals neben dem Kopfe als Sitz des Verstandes angesehen wurde. Man versuchte mir daher das Rüchenmark auszupumpen, was durch sogenannte »kleine Männer«, die man mir in die Füße setzte, geschah. Ueber diese »kleinen Männer«, die mit der bereits in Kap. VI besprochenen gleichnamigen Erscheinung einige Verwandschaft zeigten, werde ich später noch Weiteres mittheilen; in der Regel waren es je zwei, ein »kleiner Flechsig« und ein »kleiner von W.«, deren Stimmen ich auch in meinen Füßen vernahm. Das Auspumpen hatte den Erfolg, daß mir das Rückenmark namentlich bei den Spaziergängen im Garten zuweilen in ziemlicher Menge in Form kleiner Wölkchen aus dem Munde entströmte. Man kann sich denken, mit welcher Sorge mich solche Vorgänge erfüllten, da ich damals noch nicht wußte, ob nicht damit in der That ein Theil meines Verstandes in die Luft verflöge. Das Wundern gegen den Kopf und die Kopfnerven geschah in sehr mannigfaltiger Art. Man versuchte mir die Nerven aus dem Kopfe herauszuziehen, eine Zeit lang sogar (während der Nächte) in den Kopf des im Nebenzimmer schlafenden M. zu verpflanzen. Diese Versuche hatten (abgesehen von der Sorge um den wirklichen Verlust meiner Nerven) eine unangenehm spannende Empfindung in meinem Kopfe zur Folge. Jedoch gelang das Herausziehen stets nur in sehr mäßigem Grade, das Beharrungsvermögen meiner Nerven erwies sich als die stärkere Kraft und die halb herausgezogenen Nerven kehrten immer nach kurzer Zeit wieder in meinen Kopf zurück. Recht bedenkliche Verheerungen wurden an meinem Schädel durch die sogenannten »Strahlenzüge« angerichtet, eine schwer zu beschreibende Erscheinung, von der ich nur die Wirkung dahin bezeichnen kann, daß mein Schädel dadurch zu oft wiederholten Malen in verschiedenen Richtungen gleichsam zersägt war. Sehr häufig hatte ich – und dies ist auch jetzt noch in periodischer Wiederkehr alltäglich der Fall – die Empfindung, daß meine ganze Schädeldecke vorübergehend dünner geworden war, der Vorgang besteht nach meiner Auffassung darin, daß das Knochenmaterial meiner Schädeldecke durch die zerstörende Wirkung der Strahlen vorübergehend zum Theil pulverisirt, dann aber von reinen[109] Strahlen, namentlich im Schlafe der Schädeldecke wieder angefügt wird. Daß durch alle diese Vorgänge sehr unangenehme Empfindungen entstehen müssen, wird man sich vorstellen können, wenn man bedenkt, daß es die – an ihren Ausgangspunkten irgendwie mechanisch befestigten – Strahlen einer ganzen Welt sind, die an einem einzigen Kopfe herumziehen und denselben in der Art etwa, wie es beim Viertheilen geschieht, auseinander zu zerren oder zu zersprengen streben.

Man unternahm es ferner in der Zeit, von der ich gegenwärtig handle, wiederholt meine Nerven mit irgendwelchen schädlichen Stoffen zu überziehen; es schien, als ob wirklich dadurch die natürliche Schwingungsfähigkeit der Nerven beeinträchtigt werde, sodaß ich selbst manchmal den Eindruck einer vorübergehenden Verdummung hatte. Einer der dabei in Frage kommenden Stoffe wurde als »Intoxikationsgift« bezeichnet; was derselbe seiner chemischen Natur nach gewesen ist, vermag ich nicht zu sagen. Ab und zu kam es auch vor, daß man mir die Flüssigkeiten der von mir eingenommenen Speisen auf die Kopfnerven wunderte, sodaß dieselben mit einer Art Kleister überzogen waren und dadurch die Denkfähigkeit vorübergehend zu leiden schien; genau erinnere ich mich, daß dies einmal mit dem Kaffee geschah.

An allen meinen Muskeln wurde (und wird noch jetzt) herumgewundert, um mich an allen Bewegungen oder jeweilig derjenigen Beschäftigung, die ich gerade vornehmen will, zu verhindern. So versucht man z.B. meine Finger zu lähmen, wenn ich Klavier spiele oder schreibe, und meiner Kniescheibe einen die Marschfähigkeit aufhebenden Schaden beizubringen, wenn ich im Garten oder auf dem Korridor herumgehe. Der Erfolg besteht jetzt wenigstens fast stets nur in einer gewissen Erschwerung der betreffenden Beschäftigung oder mäßigen Schmerzempfindungen beim Gehen.

Eine fast ununterbrochene Zielscheibe von Wundern bilden namentlich meine Augen und die zur Oeffnung und Schließung derselben dienenden Lidermuskeln. Die Augen waren von jeher sehr wichtig, weil Strahlen, die an sich mit zerstörender Wirkung ausgestattet sind, ihre Schärfe nach verhältnismäßig kurzer Zeit verlieren, sobald sie Etwas sehen und dann unschädlich in meinem Körper eingehen. Der Gegenstand des Sehens können entweder Gesichts-(Augen-) eindrücke sein, die die Strahlen, wenn meine Augen geöffnet sind, durch Vermittelung derselben empfangen, theils Bilder, die ich auf meinem inneren Nervensystem durch Gebrauch der menschlichen Einbildungskraft willkürlich hervorzurufen vermag, so daß sie damit den Strahlen gewissermaßen sichtbar werden. Auf die Vorgänge der letzteren Art, die in der Seelensprache das »Zeichnen« des Menschen genannt werden, were ich noch in anderem Zusammenhange zurückkommen. Hier mag nur erwähnt werden, daß man schon sehr früh dazu verschritt und auch im Laufe der seitdem verflossenen Jahre immer bei dem Bestreben verblieben ist, mir meine Augen gegen meinen Willen zu schließen, eben um mich der Augeneindrücke zu berauben und den Strahlen die zerstörende Schärfe zu erhalten. Die Erscheinung kann fast in[110] jedem gegebenen Zeitpunkte an mir beobachtet werden; wer sich die Mühe geben will, darauf zu achten, wird wahrnehmen können, daß meine Augenlider, selbst im Gespräch mit anderen Menschen, plötzlich zusammenklappen oder zufallen, wie dies unter natürlichen Verhältnissen bei keinem Menschen vorzukommen pflegt. Um dann die Augen trotzdem offenzuhalten, bedarf es immer einer gewissen Anspannung meiner Willenskraft; da ich indessen nicht immer ein Interesse an der Oeffnung meiner Augen habe, so lasse ich die Schließung aus Bequemlichkeit vorübergehend wohl auch auf einige Zeit geschehen.

Das Herumwundern an meinen Augen wurde in den ersten Monaten meines Aufenthalts von »kleinen Männern« besorgt, von ähnlicher Beschaffenheit wie diejenigen, deren ich oben bei Besprechung der Rückenmarkswunder Erwähnung gethan habe. Diese »kleinen Männer« waren eine der merkwürdigsten und für mich selbst in gewisser Beziehung räthselhaftesten Erscheinungen; über die objektive Wirklichkeit der betreffenden Vorgänge habe ich nach der Unzahl der Fälle, in denen ich die »kleinen Männer« mit meinem geistigen Auge gesehen6 und ihre Stimmen vernommen habe, nicht den mindesten Zweifel. Das Merkwürdige bestand eben darin, daß Seelen oder einzelne Nerven derselben unter gewissen Voraussetzungen und zu bestimmten Zwecken die Form winziger Menschengestalten annahmen (wie schon früher bemerkt nur von der Größe einiger Millimeter) und als solche an den verschiedensten Körpertheilen, theils im Innern des Körpers, theils an der Außenfläche desselben ihr Wesen trieben. Die mit Oeffnung und Schließung der Augen Beschäftigten standen über den Augen in den Augenbrauen und zogen von dort aus die Augenlider an feinen, spinnwebartigen Fäden nach ihrem Geschmack herauf und herunter. Auch hier waren es in der Regel ein »kleiner Flechsig« und ein »kleiner v.W.«, neben ihnen zuweilen auch noch ein »kleiner Mann«, der aus der damals noch vorhandenen Daniel Fürchtegott Flechsigschen Seele hervorgegangen war. Wenn ich das Herauf- und Herunterziehen meiner Augenlider mir zuweilen nicht gefallen lassen wollte, sondern entgegenhandelte, so pflegte dies den Unwillen der »kleinen Männer« zu erregen und von ihnen mit dem Zuruf »Luder« begrüßt zu werden; wenn ich dieselben ab und zu einmal mit dem Schwamme von meinen Augen herunterwischte, so wurde mir dies von den Strahlen als eine Art Verbrechen gegen die göttliche Wundergewalt angerechnet. Uebrigens hatte das Wegwischen auch nur ganz vorübergehend Erfolg, da die »kleinen Männer« jedesmal alsbald wieder von Neuem gesetzt wurden. Andere »kleine Männer« waren in der damaligen Zeit fast immer in großer Zahl auf meinem Kopfe versammelt. Hier wurden sie als »kleine Teufel« bezeichnet. Dieselben gingen förmlich auf meinem Kopfe[111] spazieren, überall neugierig herzulaufend, wo irgend etwas Neues von durch Wunder an meinem Kopfe verursachten Zerstörungen zu sehen war. Dieselben nahmen sogar in gewissem Sinne an meinen Mahlzeiten theil, indem sie von den von mir genossenen Speisen häufig einen natürlich minimalen Theil sich selber zuführten; sie erschienen dann vorübergehend etwas angeschwollen, zugleich aber träger und in ihrer Gesinnung harmloser. Ein Theil der »kleinen Teufel« war auch bei einem oft an meinem Kopfe wiederholten Wunder betheiligt, das ich bei dieser Gelegenheit nachtragen will. Es war – neben dem Engbrüstigkeitswunder – wohl das abscheulichste aller Wunder; der dafür gebrauchte Ausdruck war, wenn mir recht erinnerlich ist, »Kopfzusammenschnürungsmaschine«. In meiner Schädeldecke war nämlich durch die vielen Strahlenzüge usw. ungefähr in der Mitte eine wahrscheinlich nicht von außen, aber doch von innen sichtbare tiefe Spalte oder Cäsur entstanden. Zu beiden Seiten dieser Spalte standen die »kleinen Teufel« und preßten durch Andrehen einer Art von Schraubenkurbel meinen Kopf in der Art einer Schraubenpresse zusammen, sodaß mein Kopf zeitweise eine nach oben verlängerte, fast birnenförmige Gestalt gewann. Der Eindruck auf mich war natürlich ein äußerst bedrohlicher, zuweilen auch mit sehr empfindlichen Schmerzen verbunden. Zeitweise wurde wieder zurückgeschraubt, meist aber nur »sehr lässig«, sodaß der zusammengepreßte Zustand immer einige Zeit anzudauern pflegte. Die betheiligten »kleinen Teufel« waren meist solche, die von der v.W.'schen Seele ausgingen. Die Zeit, in der diese »kleinen Männer« und »kleinen Teufel« auftraten, umfaßte etwa einige Monate, dann verschwanden sie, um niemals wieder aufzutreten. Der Zeitpunkt ihres Verschwindens fällt vielleicht annähernd mit dem Auftreten der hinteren Gottesreiche zusammen. An meinen Augen wird zwar auch jetzt noch in der oben geschilderten Weise durch Aufklappen und Schließen der Augenlider herumgewundert, es geschieht aber seit nunmehr also fast sechs Jahren nicht mehr durch »kleine Männer«, sondern unmittelbar durch Strahlen, von denen die betreffenden Muskeln in Bewegung gesetzt werden. Um mich an willkürlichem Schließen und Oeffnen der Augen zu hindern, wunderte man mir auch einige Male die geringe Muskellage ab, welche sich in und über den Augenlidern befindet und der Bewegung der letzteren dient. Der Erfolg war aber auch hier nur vorübergehend, da das verlorene Muskelfleisch – aus dem bereits mehrfach erwähnten Grunde – immer alsbald wieder ersetzt wurde.

Abgesehen von Dem, was oben hinsichtlich der Rippen- und Schädelknochen bereits bemerkt worden ist, war auch mein Knochensystem der Gegenstand mannigfacher Wunder. In dem Fußknochen, namentlich in der Fersengegend, wunderte man mir des Oefteren Knochenfraß, der mit sehr empfindlichen Schmerzen verbunden war; glücklicher Weise pflegten die Schmerzen wenigstens in größerer Heftigkeit nicht allzulange anzuhalten. (Ein ähnliches Wunder war das sogen. »Steißwunder«; bei diesem waren die untersten Rückenwirbelknochen in einem wohl ebenfalls knochenfraßartigen schmerzhaften Zustande begriffen. Der Zweck war, mir auch[112] das Sitzen oder Liegen unmöglich zu machen. Ueberhaupt wollte man mich in keiner Stellung oder bei keiner Beschäftigung lange dulden: wenn ich ging, suchte man mich zum Liegen zu zwingen und wenn ich lag, von dem Lager wieder aufzujagen. Daß ein thatsächlich nun einmal vorhandener Mensch doch irgendwo sein müsse, dafür schienen Strahlen kein Verständniß zu haben. Ich war, vermöge der Nothwendigkeit, sich von meinen Nerven anziehen zu lassen, nun einmal ein für die Strahlen (für Gott) unbequemer Mensch geworden, gleichviel in welcher Lage oder Stellung ich mich befinden oder welche Beschäftigung ich treiben mochte. Daß dies eigentlich ohne meine Schuld geschehen war, wollte man sich eben nicht eingestehen, sondern war stets von der Neigung beherrscht, das Schuldverhältniß im Wege des »Darstellens« umzukehren.7

Mit dem gegenwärtigen Kapitel glaube ich von den Wundern, die ich in Folge ihres bedrohlichen Charakters als die wesentlicheren anzusehen veranlaßt war, eine annähernd vollständige Schilderung gegeben zu haben. Zahlreiche andere Wunder (theils an meinem Körper, theils an den in meiner Nähe befindlichen Gegenständen), die schon in der damaligen Zeit neben den besprochenen Wundern einherliefen oder erst in der Folgezeit auftreten, die aber von minder bedrohlicher Art waren, werde ich im Fortgang meiner Arbeit gelegentlich noch vielfach zu erwähnen haben.

1

Dies, wie der ganze Bericht über die an meinem Körper verübten Wunder wird natürlich allen anderen Menschen über die Maßen befremdlich klingen, sodaß man, geneigt sein wird, darin nur die Erzeugnisse einer krankhaft erregten Einbildungskraft zu finden. Demgegenüber kann ich nur versichern, daß kaum irgend eine Erinnerung aus meinem Leben für mich sicherer ist, als die in diesem Kapitel erzählten Wunder. Was kann es auch Gewisseres für den Menschen geben, als das, was er an seinem eigenen Körper erlebt und empfindet? Kleine Irrthümer hinsichtlich der Bezeichnung der betheiligten Organe sind bei meinen natürlich nur laienhaften, anatomischen Kenntnissen vielleicht nicht als ausgeschlossen zu betrachten; in der Hauptsache glaube ich auch in dieser Beziehung das Richtige getroffen zu haben.

2

Es war dasjenige Gefühl, aus dem heraus z.B. auch der Comthur im Don Juan da, wo er dem letzteren als abgeschiedener Geist entgegentritt, die ihm angebotene Mahlzeit mit den Worten zurückweist: »Wisse, mich ekelts der irdischen Speise u.s.w.«

3

Es wird kaum der Bemerkung bedürfen, daß dies nur eine hypothetische Betrachtung ist, daß ich aber nicht entfernt daran denke, derartige Experimente an meinem Körper, bei denen mir mindestens große Schmerzen nicht erspart bleiben würden, wirklich vorzunehmen.

4

Als einen kleinen Beleg für die Wahrheit meiner Annahme, daß ich sozusagen unverletzlich geworden bin, möchte ich die Thatsache anführen, daß ich, während ich in gesunden Tagen in jedem Winter einige Male von einem mehrtägigen heftigen Schnupfen heimgesucht zu werden pflegte, in den sechs Jahren meines hiesigen Aufenthalts kaum jemals einen regelrechten Schnupfen gehabt habe. Würde jetzt bei mir eine katarrhalische Entzündung der Nasenschleimhaut – worin doch wohl das Wesen des Schnupfens besteht – auf natürlichem Wege sich ausbilden wollen, so würden sofort Strahlen in solcher Menge nach dem erkrankten Körpertheile zuschießen, daß die Schnupfenerkrankung schon in ihrem ersten Keimen erstickt würde.

5

Auch Darmverschlingungen ziemlich bedrohlicher Art wurden mir mehrfach gewundert, die jedoch meist nach kurzer Zeit wieder aufgelöst zu werden pflegten.

6

Mit dem leiblichen Auge kann man natürlich nicht sehen, was im Inneren des eigenen Körpers und an gewissen Theilen der Außenfläche, z.B. auf dem Kopfe oder auf dem Rücken vorgeht, wohl aber mit dem geistigen Auge, sofern – wie bei mir – die hierzu erforderliche Beleuchtung des inneren Nervensystems durch Strahlen geliefert wird.

7

Ich meinerseits bin gerecht genug, um auch auf Seiten Gottes nicht von einer sittlichen Verschuldung im gewöhnlichen Sinne zu sprechen (vergl. das hierüber am Schlusse von Kap. V, sowie am Ende der zweiten Folge der Nachträge bemerkte). Der Begriff der Schuld oder der Sünde ist ein menschlicher Begriff, der sich auf Seelen vermöge ihrer von der menschlichen abweichenden Eigenart im eigentlichen Sinne gar nicht anwenden läßt. Von Seelen kann man eben die menschlichen Tugenden der Ausdauer, der Entsagungsfähigkeit usw. nicht verlangen.

Quelle:
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Bürgerliche Wahnwelt um Neunzehnhundert. Wiesbaden 1973, S. 113.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken: nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage:
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