10. Kapitel

[95] Persönliche Erlebnisse auf dem Sonnenstein. »Störungen« als Begleiterscheinungen eines Strahlenverkehrs. »Stimmungsmache«


In den ersten Wochen meines Aufenthalts auf dem Sonnensteine (im Juli oder August 1894) sind nach meiner Ueberzeugung irgend welche wichtige Veränderungen mit der Sonne vorgegangen. Ich muß mich dabei, wie schon früher bei Besprechung übersinnlicher Verhältnisse, auf Mittheilung der von mir empfangenen Eindrücke beschränken und kann hinsichtlich der Frage, um welche objektiven Vorgänge es sich bei jenen Veränderungen gehandelt hat, höchstens Vermuthungen wagen. Ich habe die Erinnerung, daß damals längere Zeit hindurch eine nach ihrer äußeren Erscheinung kleinere Sonne vorhanden war, dieselbe wurde, wie bereits am Schlusse von Kap. VIII erwähnt worden, Anfangs von der Flechsig'schen Seele geführt, später aber von einer Seele, deren Nerven ich mit denen des Vorstandes der hiesigen Anstalt, Geh. Rath Dr. Weber für identisch halten muß. Indem ich diese Zeilen niederschreibe, bin ich mir vollkommen bewußt, daß alle anderen Menschen darin nur den baren Unsinn werden finden können, da der Geh. Rath Dr. Weber ja, wie ich mich auch selbst täglich zu überzeugen Gelegenheit habe, noch unter den Lebenden ist. Die empfangenen Eindrücke sind gleichwohl für mich so sicher, daß ich die Vorstellung, es könne der Geh. Rath Dr. Weber schon früher einmal aus dem Leben geschieden und mit seinen Nerven zur Seligkeit emporgestiegen, dann aber gleich der übrigen Menschheit ins Leben zurückgekehrt sein, als eine allerdings für Menschen nicht faßbare, nur übersinnlich zu erklärende Möglichkeit nicht von der Hand weisen kann.1 Jene kleinere Sonne wurde dann wahrscheinlich nach Aufzehrung ihrer Strahlenkraft durch eine andere Sonne ersetzt. Ich hatte dabei während mehrerer Tage und Nächte die wunderbarsten und großartigsten Eindrücke; nach meiner Auffassung hat es sich damals, wie schon in Anmerkung 12, Kap. I erwähnt worden, um den Zeitpunkt gehandelt, in dem die vorderen Gottesreiche aufgezehrt waren und die hinteren Gottesreiche erstmalig auf dem Schauplatz erschienen.

Ich glaube sagen zu dürfen, daß ich damals und nur damals Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit gesehen habe. In der Nacht – und zwar, soviel ich mich erinnere, in einer einzigen Nacht – trat der niedere Gott (Ariman) in die Erscheinung. Das glanzvolle Bild seiner Strahlen wurde – während ich im Bette lag, aber nicht schlafend, sondern[96] in wachem Zustande – meinem geistigen Auge (vergl. Anmerkung 61) sichtbar, d.h. spiegelte sich auf meinem inneren Nervensystem. Gleichzeitig vernahm ich seine Sprache; diese war aber nicht – wie sonst bei dem Gerede der Stimmen vor und nach jener Zeit ausnahmslos der Fall gewesen ist – ein leises Geflüster, sondern ertönte gleichsam unmittelbar vor den Fenstern meines Schlafzimmers in mächtigem Baß. Der Eindruck war ein gewaltiger, sodaß wohl Jemand, der nicht, wie bei mir der Fall war, auch gegen schreckhafte Wundereindrücke bereits abgehärtet gewesen wäre, bis in Mark und Bein hätte erschüttert werden können. Auch was man sprach, klang keineswegs freundlich; Alles schien darauf berechnet, mir Furcht und Schrecken einzuflößen und das Wort »Luder« – ein der Grundsprache ganz geläufiger Ausdruck, wenn es sich darum handelte, einem von Gott zu vernichtenden Menschen die göttliche Macht und den göttlichen Zorn empfinden zu lassen – wurde oft gehört. Allein Alles, was man sprach, war echt, keine auswendig gelernten Phrasen, wie später, sondern der unmittelbare Ausdruck der wirklichen Empfindung.

Darum war auch der Eindruck auf mich ganz überwiegend nicht der einer bangen Furcht, sondern der einer Bewunderung des Großartigen und Erhabenen; darum war auch die Wirkung auf meine Nerven ungeachtet der in den Worten zum Theil enthaltenen Beschimpfungen ein wohltätiger und ich konnte daher nicht umhin, als die »geprüften« Seelen, die sich eine Zeit lang scheu zurückgehalten hatten, nach einiger Zeit sich wieder vorwagten, meinen Gefühlen wiederholt in den Worten Ausdruck geben »O wie rein!« – der Majestät der göttlichen Strahlen gegenüber – und »O wie gemein!« – den geprüften Seelen gegenüber. – Dabei lasen die göttlichen Strahlen meine Gedanken, aber nicht, wie seitdem ausnahmslos geschieht, fälschend, sondern richtig, brachten dieselben auch selbst in wörtlichem Ausdruck in das der natürlichen Bewegung der menschlichen Nerven entsprechende Versmaß,2 sodaß ich von dem Ganzen ungeachtet aller schreckhaften Nebenerscheinungen einen beruhigenden Eindruck empfing und schließlich in Schlaf verfiel.

An dem darauffolgenden Tage und noch vielleicht an ein oder zwei weiteren Tagen (und zwar am Tage während meines Gartenaufenthalts) sah ich den oberen Gott (Ormuzd), diesmal nicht mit meinem geistigen Auge, sondern mit meinem leiblichen Auge. Es war die Sonne, aber nicht[97] die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen Menschen bekannten Erscheinung, sondern umflossen von einem silberglänzenden Strahlenmeer, das, wie ich schon in Anmerkung 19 Kap. I hervorgehoben habe, etwa den 6. bis 8. Theil des Himmels bedeckte. Auf Zahlen kommt es dabei natürlich nicht an; um mich selbst vor jeder Übertreibungsgefahr zu hüten, will ich daher nach meiner Erinnerung auch gelten lassen, daß es nur der 10. oder 12. Theil des Himmels gewesen sein könnte. Jedenfalls war der Anblick von so überwältigender Pracht und Großartigkeit, daß ich mich scheute, fortwährend danach zu blicken, sondern das Auge meist von der Erscheinung abzuwenden suchte. Es ist eine der vielen Unbegreiflichkeiten für mich, daß zu jener Zeit bereits andere Menschen außer mir existirt haben sollen, daß insbesondere der Pfleger M., der dabei allein in meiner Begleitung war, wie es schien, gegen die Erscheinung völlig unempfänglich blieb. Damals nahm mich die Theilnahmlosigkeit von M. eigentlich nicht Wunder, da ich ihn für einen flüchtig hingemachten Mann hielt, der eben nur ein Traumleben führe und daher natürlich für alle Eindrücke, die einem denkenden Menschen das höchste Interesse hätten einflößen müssen kein Verständniß haben könne. Wie ich es mir aber jetzt zusammenreimen soll, daß an ihm (wenn ich ihn für einen wirklichen Menschen halten soll) und den vielen Tausend anderen Menschen, die doch zu der betreffenden Zeit an anderen Orten außer mir den Anblick gehabt haben müssen, ein so phänomaler Eindruck spurlos vorübergegangen sei, weiß ich einfach nicht zu sagen. Natürlich werden andere Menschen mit dem Schlagwort einer bloßen »Sinnestäuschung« bei der Hand sein, der ich für meine Person unterlegen habe. Dies aber ist nach der Sicherheit meiner Erinnerung subjektiv für mich völlig ausgeschlossen, zumal die Erscheinung sich an mehreren aufeinander folgenden Tagen wiederholte und an jedem einzelnen Tage mehrere Stunden anhielt, auch glaube ich nicht, daß mein Gedächtniß mich trügt, wenn ich die Bemerkung hinzufüge, daß jene glänzendere Sonne ebenso zu mir gesprochen hat, wie es vorher und seitdem mit der Sonne unausgesetzt der Fall ist.

Nach einigen Tagen waren die wunderbaren Erscheinungen, von denen ich vorstehend gesprochen habe, vorüber; die Sonne nahm diejenige Gestalt an, die sie seitdem ohne weitere Unterbrechung behalten3 hat; auch das Stimmengerede wurde durchweg wieder ein leises Geflüster. Den Grund der Veränderung glaube ich darin suchen zu dürfen, daß in diesem Zeitpunkt auch Gottes Allmacht sich nach dem Vorgang der Flechsig'schen Seele zum »Anbinden an Erden« hatte verleiten lassen. Hätte das Zuströmen reiner Gottesstrahlen ungehindert fortgedauert, wie es an den oben beschriebenen Tagen und in den darauf folgenden Nächten der Fall[98] gewesen, so würde nach meinem Dafürhalten in kurzer Zeit meine Genesung, nach Befinden vielleicht auch Entmannung unter gleichzeitiger Befruchtung haben erfolgen müssen. Da man weder das Eine noch das Andere wollte, sondern immer von der falschen Vorstellung ausging, daß es jeweilig in kurzer Zeit möglich sein werde, sich von der Anziehungskraft meiner Nerven im Wege des »Liegenlassens« zu befreien, so hatte man eben durch das Anbinden Veranstaltung getroffen, daß der Zufluß reiner Strahlen gehemmt werde. Wie wenig diese Politik zu dauernden Erfolgen geführt hat, wird sich aus dem Späteren ergeben.4

Das äußere Leben, das ich während der Zeit, von der ich gegenwärtig handele, – der ersten Monate meines Aufenthalts auf dem Sonnenstein führte – war ein über die Maßen einförmiges. Abgesehen von den täglich, Vormittags und Nachmittags, unternommenen Spaziergängen in den Garten saß ich in der Hauptsache während des ganzen Tags regungslos auf dem Stuhle vor meinem Tische, ging nicht einmal nach dem Fenster, wo übrigens auch nur grüne Bäume zu sehen waren (vergl. oben); selbst in dem Garten blieb ich mit Vorliebe immer auf demselben Platze sitzen und wurde nur ab und zu, eigentlich gegen meinen Willen, von den[99] Pflegern zu Umgängen bestimmt. Allerdings hätte es auch in dem Falle, daß ich Neigung zu irgend welcher Beschäftigung gehabt hätte, an der Gelegenheit dazu fast vollständig gefehlt; in der damaligen Zeit wurden alle Behältnisse der beiden von mir bewohnten Zimmer verschlossen gehalten und die Schlüssel abgezogen, sodaß mir nur ein einziges Schubfach einer Kommode mit einigen Bürsten und dergleichen zugänglich war. Schreibmaterial besaß ich nicht; alle meine Gebrauchsgegenstände (Kleidungsstücke, Uhr, Portemonnaie, Messer, Scheere und dergl.) waren mir weggenommen, in meinem Zimmer befanden sich vielleicht nur 4 oder 5 Bücher, die ich allenfalls, wenn ich zu lesen Neigung gehabt hätte, hätte lesen können. Der Hauptgrund meiner Regungslosigkeit lag aber doch nicht in dem außerdem vorhandenen Mangel der zu irgendwelcher Beschäftigung geeigneten Gegenstände, sondern darin, daß ich eine absolute Passivität gleichsam als eine religiöse Verpflichtung betrachtete.

Diese Vorstellung war nicht von selbst in mir entstanden, sondern durch die mit mir redenden Stimmen in mir hervorgerufen, dann aber allerdings längere Zeit von mir aufrechterhalten worden, bis ich die Zwecklosigkeit des entsprechenden Verhaltens erkannte. Daß mir überhaupt von Strahlen eine völlige Regungslosigkeit zugemuthet wurde (»Keine kleinste Bewegung« lautete das oft gegen mich wiederholte Stichwort), muß nach meiner Ueberzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht werden, daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen, nicht umzugehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allenfalls mit dem im Schlaf daliegenden (träumenden) Menschen gewöhnt war. Hieraus entsprang das geradezu ungeheuerliche Ansinnen, daß ich mich selbst gewissermaßen beständig wie eine Leiche verhalten solle, sowie eine Reihe anderer mehr oder weniger thörichter, weil sämtlich der Menschennatur zuwiderlaufender Vorstellungen. Sobald man ein Geräusch in meiner Nähe wundert, was, sei es durch Sprechen oder sonstige Lebensäußerung eines Menschen, sei es durch ein Knistern der Wände, Knacksen der Dielen usw. in kurzen Pausen unausgesetzt geschieht, bezeichnet man dies, in sonderbarer Begriffsverwirrung, als eine von mir als lästig empfundene »Störung« und fälscht dann, indem man meine Nerven in die diesen Worten entsprechenden Schwingungen versetzt, die jeden Tag unzählige Male wiederkehrende Phrase »wenn nur die verfluchten Störungen aufhörten« in mich hinein, während in Wirklichkeit die Geräusche gerade umgekehrt, da sie den sogenannten »Hinhörgedanken« hervorrufen, von den Strahlen mit schreckhafter Wirkung empfunden werden, während es ferner – unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen – natürlich niemals einem Menschen hat einfallen können, z.B. in der Sprache seiner Mitmenschen eine für ihn unangenehme Störung zu erblicken.5[100]

Die Entstehung der ganzen, völlig verkehrten Vorstellungsweise, glaube ich aus der Erinnerung an die Vorgänge ableiten zu dürfen, welche die regelmäßigen Begleiterscheinungen eines bei einem schlafenden Menschen (im Traume) genommenen Nervenanhangs waren. Durch einen solchen Nervenanhang wurde eine vorübergehende Verbindung zwischen den göttlichen Strahlen und den Nerven des betreffenden Menschen hergestellt; natürlich war dieselbe nur auf kurze Dauer berechnet, etwa zu Eingebungen über irgendwelche das Jenseits betreffende Dinge (vergl. Kap. I), sonstige Anregung der dichterischen Phantasie und dergleichen mehr. Um nicht auf die Dauer einer, nach Befinden für Gott gefährlich werdenden Anziehungskraft der betreffenden Nerven zu unterliegen, mußte man nach Erledigung des Zwecks wieder loszukommen suchen; man wunderte dann eben kleine Geräusche (die sogenannten »Störungen«, wie man sie mir gegenüber bezeichnet), wodurch die Aufmerksamkeit des schlafenden, vielleicht im Erwachen begriffenen Menschen in andere Richtung abgelenkt wurde, und diese kurze Zeitspanne abgelenkter Aufmerksamkeit genügte dann im Verhältnis zu Nerven, die nicht in dem hochgradigen Zustande der Erregung, wie die meinigen, sich befanden, für die Strahlen, um den Nervenanhang aufzuheben und den Rückzug von den betreffenden Menschen zu finden. Von irgendwelcher ernsten Gefahr mochte für Gott bei der Leichtigkeit des Rückzugs, soweit es sich um nur mäßig erregte Nerven handelte, nicht entfernt die Rede gewesen sein. Die Erinnerung an diese Vorgänge übertrug man nun auf das mir gegenüber bestehende Verhältniß, ohne zu bedenken, daß meine Beziehungen zu göttlichen Strahlen in Folge der maßlos gesteigerten Anziehungskraft meiner Nerven schon längst unlöslich geworden waren.

Die nun von mir geforderte Regungslosigkeit faßte ich als eine Pflicht auf, die mir sowohl im Interesse der Selbsterhaltung als Gott gegenüber obliege, um diesen aus der Bedrängniß, in welche er durch die »geprüften Seelen« gerathen war, zu befreien. Ich hatte die – übrigens wohl in der That nicht jeden Grundes entbehrende – Anschauung gewonnen, daß die Strahlenverluste sich steigerten, wenn ich mich selbst öfters hin und her bewegte (ebenso wenn ein Luftzug durch mein Zimmer ging), und bei der heiligen Scheu, die ich damals den göttlichen Strahlen gegenüber im Bewußtsein ihrer hohen Zwecke noch empfand und zugleich in der Ungewißheit, ob es denn wirklich eine Ewigkeit gebe, oder nicht die Strahlen auf einmal ein plötzliches Ende finden könnten, hielt ich es für meine Aufgabe, jeder Vergeudung von Strahlen, soweit es an mir lag, entgegen zu wirken. Nicht minder hatte ich mir, zugleich beeinflußt durch die Meinungsäußerungen der Stimmen, die in diesem Sinne unausgesetzt auf mich einsprachen, die Ansicht gebildet, daß ein Herabziehen der »geprüften Seelen« zum Zwecke eines vollständigen Aufgehens in meinem Körper und demnach zur Wiederherstellung der Alleinherrschaft Gottes am Himmel leichter sein werde, wenn ich meinen Körper in beständiger[101] Ruhe halte. So habe ich denn das fast unglaubliche Opfer, mich fast jeder körperlichen Bewegung und damit auch jeder Beschäftigung außer der Stimmenunterhaltung zu enthalten, während mehrerer Wochen und Monate auf mich genommen; es ging dies so weit, daß ich selbst während der Nächte, auf die es hauptsächlich anzukommen schien, da das Aufgehen der geprüften Seelen am ehesten im Schlafe erwartet werden konnte, meine Lage im Bette nicht zu verändern wagte. Ich brachte das Opfer, weil ich zwar von der »Halbschürigkeit« der Politik, die Gottes Allmacht gegen mich verfolgte, schon manche Proben erhalten hatte, aber an einen wirklichen bösen Willen Gottes mir gegenüber damals noch nicht glauben mochte.

Eine Aenderung in diesen Verhältnissen trat erst etwa gegen Ende des Jahres 1894 oder gegen Anfang des Jahres 1895 ein und zwar ungefähr gleichzeitig mit derjenigen Wundererscheinung, die von einem Theil der Stimmen, die das darin liegende Unrecht erkannten, als die »verfluchte Stimmungsmache« bezeichnet wurde. Dem unausgesetzt verfolgten Streben, sich von mir zurückzuziehen (mich »liegen zu lassen«), stand nämlich vor allen Dingen auch die Heiligkeit meiner Gesinnung, die anziehend auf alle reineren Seelen oder Strahlen wirken mußte, und der tiefe Ernst meiner Auffassung in Betreff meines Verhältnisses zu Gott und meiner eigenen Lebenslage entgegen. Man fing daher an, auch meine Stimmung durch Wunder zu verfälschen, um sich den Eindruck eines leichtfertigen, nur dem augenblicklichen Genüsse fröhnenden Menschen zu verschaffen (mich als solchen »darzustellen«, vergl. oben Anmerkung 62). Eine derartige Beeinflussung der Stimmung durch Wunder ist, wie mich die Erfahrung gelehrt hat, möglich, ohne daß ich über den Zusammenhang eine nähere Erklärung zu geben vermag; um dem Leser eine annähernde Vorstellung von dem Vorgange zu verschaffen, kann ich mich nur eines Vergleichs bedienen, indem ich daran erinnere, daß bekanntlich auch der Genuß des Morphiums die Wirkung hat, einen sonst von körperlichen Schmerzen geplagten oder in seelischer Niedergeschlagenheit befangenen Menschen in eine verhältnismäßig heitere oder wenigstens gleichgültige Stimmung zu versetzen.

Im Anfang widersetzte ich mich der Einwirkung der »Stimmungsmache« (des Stimmungsfälschungswunders); mit der Zeit aber fand ich es bequem, den Einfluß desselben gewähren zu lassen, da ich merkte, daß ich mich dabei in der That subjektiv weniger unglücklich fühlte und da ich mir obendrein sagen mußte, daß ich mit aller Heiligkeit meiner Gesinnung und mit allen meinen opferfreudigen Anstrengungen zur Unterstützung Gottes in der Bekämpfung der »geprüften Seelen« doch nichts Wesentliches ausgerichtet hatte. Ich fing an meine Lage gleichgültiger aufzufassen, erinnerte mich des Horazischen »Carpe diem«, suchte mich der Sorge für die Zukunft möglichst zu entschlagen und unter Mitnahme alles dessen, was das Leben mir noch zu bieten schien, einfach in den Tag hineinzuleben. Es äußerte sich dies unter Anderem darin, daß ich etwa um die Jahreswende 1894/95 das Rauchen von Cigarren wieder aufnahm, dessen ich mich[102] wohl nahezu Jahr und Tag gänzlich enthalten hatte. Auf der anderen Seite wurde der Zweck, den die Strahlen mit der »Stimmungsmache« eigentlich verfolgt hatten, nicht im Mindesten erreicht. Die Anziehungskraft meiner überreizten Nerven blieb ungeachtet der veränderten Stimmung ungeschwächt bestehen, nur daß ich mich nicht in demselben Maaße mehr, wie früher, unglücklich fühlte. Es bewährte sich also auch hier, wie fast bei allen weltordnungswidrigen Wundern, das Dichterwort von den Aeußerungen jener Kraft, »die stets das Böse will und doch das Gute schafft.«

Daß mein vorstehend geschildertes Verhalten von meiner Umgebung namentlich von den Aerzten und Pflegern, soweit ich annehmen soll, daß sie schon damals wirkliche Menschen gewesen seien, nicht richtig beurteilt werden konnte, versteht sich eigentlich von selbst. Da ich für Nichts Interesse zeigte und keinerlei geistige Bedürfnisse an den Tag legte, so konnten sie in mir kaum etwas Anderes, als einen in soporösen Stumpfsinn verfallenen Menschen erblicken. Und doch wie himmelweit war die Wirklichkeit von diesem Anschein entfernt: ich lebte in dem Bewußtsein – und meine Ueberzeugung ist auch jetzt noch, daß dieses Bewußtsein sich mit der Wahrheit deckte – eine der schwierigsten Aufgaben lösen zu müssen, die je einem Menschen gestellt worden sind und einen heiligen Kampf um die höchsten Güter der Menschheit zu kämpfen. Leider aber hatte der täuschende Schein des Gegentheils auch eine Unsumme von Unwürdigkeiten in der Behandlung meiner Person zur Folge, unter der ich Jahre hindurch schwer gelitten habe und bei denen man zuweilen meinen Stand und die hohe amtliche Stellung, die ich im Leben bekleidet hatte, vollständig vergessen zu haben schien. Es ist wiederholt vorgekommen, daß der Pfleger M. mich beim Bade, das ich nach angemessener Zeit verlassen wollte, in die Badewanne, oder am Morgen, wenn die Zeit des Aufstehens gekommen war und ich aufstehen wollte, aus mir unbekanntem Grunde in das Bett zurückwarf oder am Tage, wenn ich am Tische sitzend im Einschlummern begriffen war, mich durch Zupfen am Barte aus dem Schlafe erweckte, oder daß derselbe mir im Bade mit einem Staubkamme – und zwar zu einer Zeit, wo Strahlenzüge meine Schädeldecke durchfurchten (vergl. das folgende Kapitel) – die Haare auskämmte. Bei den Mahlzeiten pflegte derselbe mir eine Zeit lang die Serviette wie einem kleinen Kinde umzubinden. Die Cigarren wurden mir einzeln, Stück für Stück zu gewissen Tageszeiten zugezählt; erst nach Ablauf mehrerer Jahre erlangte ich es, daß mir am Morgen jedesmal der ganze Tagesbedarf auf einmal in mein Cigarrenetui gesteckt und noch später, daß mir ein ganzes Hundertkistchen als Reserve zur Verfügung gestellt wurde. Von einem anderen Pfleger habe ich mir einmal eine Ohrfeige gefallen lassen müssen. In einigen Fällen habe ich den angegebenen Unwürdigkeiten thatsächlichen Widerstand entgegengesetzt, namtlich dann, wenn man aus meinem während der Nacht von außen verschlossenen Schlafzimmer vor dem Schlafengehen das Waschgeschirr entfernen oder an Stelle dieses Schlafzimmers mir wieder einmal eine der für Tobsüchtige eingerichteten Zellen als Schlafraum anweisen wollte. Später[103] habe ich von solchen Widersetzlichkeiten abgesehen, da dieselben nur zu zwecklosen Roheitsszenen führten; ich habe geschwiegen und geduldet.

Es liegt mir selbstverständlich nichts ferner, als mit der Erzählung der mir widerfahrenen Unwürdigkeiten den Pfleger M. oder irgend einen anderen Pfleger bei seinem Vorgesetzten denunciren zu wollen. Die Ausschreitungen, die sich M. zuweilen hat zu Schulden kommen lassen, halte ich seinem geringen Bildungsgrade zu Gute; auch hat mich derselbe ja in den späteren Jahren im Wesentlichen zu meiner Zufriedenheit bedient, obwohl eine gewisse Selbstherrlichkeit, an die er sich nun einmal gewöhnt hatte, immer verblieb. Es konnte aber die Mittheilung dieser kleinen Züge nicht entbehrt werden, um die Größe der Schmach, die ich Jahre hindurch unter tiefster Verwunderung meines jeder Zeit vollkommen rege gewesenen Ehrgefühls habe ertragen müssen, zu kennzeichnen. –

An der Vollständigkeit des Bildes meiner Lebenslage während der ersten Zeiten meines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein mangelt noch ein Bericht über die gegen mich geübten Wunder, die ich in dem folgenden Kapitel zu erstatten gedenke.

1

Vergl. indessen hierzu und zu manchem Anderen die Verwahrung im Vorwort.

2

Die Schwingungen der menschlichen Nerven erfolgen nach einem gewissen regelmäßigen Tonfall, den ich am besten mit dem oben gebrauchten Ausdruck »Versmaß« bezeichnen zu können glaube. Ob es sich etwa um dieselbe Erscheinung handelt, die Kräpelin in dem am Schlusse von Kap. VI angezogenen Werke (6. Auflage) Bd. I S. 117 als das »Ticken des Carotispulses« bezeichnet, muß ich dahingestellt sein lassen, da ich den Sinn der letzteren Bezeichnung nicht kenne. Am leichtesten schließen sich diesem Tonfall viersilbige oder allenfalls auch sechssilbige Worte an. Darum wurden denn auch bei den in dem Aufschreibematerial verwendeten auswendig gelernten Phrasen, denen das Bestreben zu Grunde lag, sich von meinen Nerven zurückzuziehen, und werden noch jetzt mit Vorliebe solche Worte gewählt, die diesem natürlichen Tonfall möglichst entgegengesetzt sind, z.B. mein eigener Titel »Senatspräsident.«

3

Uebrigens gewährt mir auch jetzt noch die Sonne zum Theil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krankheit von ihr hatte. Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn ich gegen dieselbe gewendet laut spreche. Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet, während in gesunden Tagen bei mir, wie wohl bei anderen Menschen, ein minutenlanges Hineinsehen in die Sonne gar nicht möglich gewesen wäre.

4

Bei der obigen Schilderung des Auftretens der hinteren Gottesreiche in ihrer reinen Gestalt, habe ich mich genau an die Vorstellungen gehalten, die ich mir damals (im Juli oder August 1894) nach den empfangenen Eindrücken gebildet hatte und seitdem Jahre hindurch festgehalten habe. Beim jetzigen Nachdenken über den Gegenstand will es mir scheinen, daß ein Irrthum insofern bei mir untergelaufen sei, als ich es bei den Erscheinungen in der Nacht nur mit dem niedren Gotte (»Ariman«) und bei den Erscheinungen am Tage nur mit dem oberen Gott (»Ormuzd«) zu thun zu haben glaubte. Der Irrthum findet darin seine Erklärung, daß ich damals die Unterscheidungsmerkmale noch nicht kannte, nach denen ich jetzt auf Grund der im Laufe der Jahre unausgesetzt erfolgten weiteren Berührungen genau zu sagen weiß, ob es Arimanstrahlen und Arimanstimmen oder Ormuzdstrahlen und Ormuzdstimmen sind, die bei mir eingehen: der Name »Ariman« wird mir zuerst genannt worden sein, und danach hielt ich den ganzen Strahlenzufluß der oben beschriebenen Nacht für einen von dem niederen Gotte Ariman ausgehenden. Da es jedoch im Laufe der seitdem verflossenen Jahre niemals einen Zeitraum gegeben hat, in dem nicht jeweilig der niedere Gott und der obere Gott in kurzer Aufeinanderfolge abwechselnd hervorgetreten wären, so muß ich es für wahrscheinlich erachten, daß dies auch schon bei dem ersten Auftreten der hinteren Gottesreiche der Fall gewesen sei, und daß also sowohl bei den Erscheinungen in der Nacht, als bei denjenigen der darauffolgenden Tage der niedere Gott und der obere Gott immer abwechselnd betheiligt waren.

Erwähnen will ich übrigens noch in diesem Zusammenhang, daß der niedere Gott (Ariman) und der obere Gott (Ormuzd) ungeachtet der in gewisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht doch als verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen, auch im Verhältniß unter einander, ihren besonderen Egoismus und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher immer wechselseitig vorzuschieben trachten. Es wird dies für mich namentlich durch die Verwerthung des beiderseitigen Aufschreibematerials erkennbar, worüber ich noch Näheres mittheilen werde (vergl. auch das oben in Anmerkung 37 Bemerkte). Natürlich hat es auch hier zu einem Widerstreit der sonst harmonischen Interessen nur dadurch kommen können, daß die Reinheit der weltordnungswidrigen Verhältnisse durch das Eindringen fremder, unreiner Elemente (der »geprüften Seelen«) gestört, und demnach die weltordnungswidrig gesteigerte Anziehungskraft der Nerven eines einzigen Menschen zu einer wirklichen Gefahr für die Gottesreiche herausgewachsen war.

5

Ein gewisser Uebelstand ist allerdings für mich insofern damit verbunden, als ich, wie bereits in Kap. VII erwähnt, jedes Wort, das (in Folge der auf Wundern beruhenden Anregung der betreffenden Menschennerven) in meiner Nähe gesprochen wird, zugleich mit einem Schmerzgefühl empfinde, das durch den gleichzeitig stattfindenden Versuch der (an Erden gebundenen) Strahlen, sich zurückzuziehen, als ein manchmal sehr unangenehmes Zerren im Kopfe sich äußert.

Quelle:
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Bürgerliche Wahnwelt um Neunzehnhundert. Wiesbaden 1973, S. 95-104.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken.
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken: nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage:
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Inferno

Inferno

Strindbergs autobiografischer Roman beschreibt seine schwersten Jahre von 1894 bis 1896, die »Infernokrise«. Von seiner zweiten Frau, Frida Uhl, getrennt leidet der Autor in Paris unter Angstzuständen, Verfolgungswahn und hegt Selbstmordabsichten. Er unternimmt alchimistische Versuche und verfällt den mystischen Betrachtungen Emanuel Swedenborgs. Visionen und Hysterien wechseln sich ab und verwischen die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn.

146 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon