9. Kapitel

[83] Ueberführung nach dem Sonnenstein. Veränderungen in dem Strahlenverkehr. »Aufschreibesystem«; »Anbinden an Erden«


Aus der Dr. Pierson'schen Anstalt »der Teufelsküche« wurde ich (nach im Ganzen acht- bis vierzehntägigem Aufenthalt) eines Tages – wie ich später erfahren habe, soll es der 29. Juni 1894 gewesen sein – nach der hiesigen Landesheilanstalt, dem Sonnenstein bei Pirna, gebracht. Die Gründe der Ueberführung sind mir unbekannt; damals glaubte ich sie mit dem in den letzten Tagen meines Aufenthalts in der Teufelsküche mächtig gewachsenen Einfluß der v.W.'schen Seele in Verbindung bringen zu müssen, dem man in irgend welcher Weise ein Gegengewicht schaffen wollte. Vor meiner Abreise hatte ich noch ein warmes Bad – das einzige in der Dr. Pierson'schen Anstalt – genommen; dann fuhr ich in Begleitung des »Oberlandsgerichtsdieners« mit Geschirr (wie auf der Hinreise) nach dem Bahnhof Coswig, wo ich eine Tasse Kaffee trank, und von da mit der Eisenbahn durch Dresden, ohne den Eisenbahnwagen zu verlassen, nach Pirna. Die Menschengestalten, die ich während der Fahrt und auf dem Bahnhofe in Dresden sah, hielt ich für hingewunderte »flüchtig hingemachte Männer«, ich wendete ihnen keine besondere Aufmerksamkeit zu, da ich schon damals aller Wunder überdrüssig war. In meiner Auffassung wurde ich bestärkt durch das Gerede der Stimmen; die Flechsig'sche Seele sprach mit einem von ihr erfundenen Ausdruck von dem »fossilen«1 Dresden, durch das wir gefahren seien. Vom Bahnhof Pirna aus fuhr ich in einem Geschirr auf einer ziemlich holprigen Straße nach der hiesigen Anstalt herauf. Daß es Pirna und der Sonnenstein gewesen ist, wohin ich gebracht worden war, dessen bin ich mir erst nach länger als Jahresfrist bewußt geworden, als ich gelegentlich einmal in dem mir nur ganz vereinzelte Male zugänglich gewordenen »Museum« (Gesellschaftszimmer) der hiesigen Anstalt Bilder früherer Könige von Sachsen an den Wänden erblickte. Zur Zeit meiner Ankunft bezeichneten die Stimmen meinen Aufenthalt als »das Teufelsschloß«. Die Zimmer, die mir angewiesen wurden, waren dieselben, die ich auch jetzt noch bewohne – Nr. 28 im ersten Stockwerke des Elbflügels nebst[84] anstoßendem Schlafzimmer. Ein anderes Wohnzimmer habe ich nur einige Male ganz vorübergehend wegen irgend welcher Ausstattungsveränderungen innegehabt; als Schlafraum haben mir dagegen – wie ich später noch erwähnen werde – ungefähr zwei Jahre lang nicht das eigentlich für mich bestimmte Schlafzimmer, sondern Dementenzellen, namentlich eine im Erdgeschosse des Rundflügels Nr. 97 gedient. Die Zimmer machten mir bei meinem ersten Eintritt, im Gegensatz zu der ziemlich elegant ausgestatteten Dr. Pierson'schen Anstalt, einen etwas ärmlichen Eindruck. Erwähnt sei noch, daß ich etwa ein Jahr lang auch von meinen Fenstern die Aussicht nicht hatte, die sich mir jetzt ziemlich frei auf das ganze Elbthal darbietet. Es waren damals einige dicht belaubte Kastanienbäume vorhanden, die inzwischen bis auf geringe Stümpfe gefällt sind, in jener Zeit aber die Aussicht fast vollständig benahmen, sodaß ich auch von den Fenstern aus von den Vorgängen der Außenwelt so gut wie Nichts wahrnehmen konnte.

Die Zeit meines Aufenthalts auf dem Sonnenstein kann ich in zwei Perioden abtheilen, von denen die erste im Ganzen noch den ernsten und heiligen, manchmal schaurigen Charakter bewahrte, der meinem Leben in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt und in der Dr. Pierson'schen Anstalt aufgeprägt gewesen war, die zweite dagegen mehr und mehr in das gewöhnliche (um nicht zu sagen ordinäre) Fahrwasser einlenkte. Jene erste Periode umfaßte etwa ein Jahr; die zwei Periode hält jetzt noch an, nur daß in der neuesten Zeit der Charakter des Ordinären in manchen Beziehungen einige Mäßigung erfahren hat. In der ersten Periode waren die Wunder hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Wirkungen zum Theil noch von furchtbarer und bedrohlicher Natur, sodaß ich noch über Jahr und Tag von den ernstesten Sorgen für mein Leben, meine Mannheit und später meinen Verstand erfüllt war; in der zweiten Periode haben – freilich in sehr allmäligen Uebergängen und nicht ohne einzelne Rückschläge – die Wunder mehr und mehr einen harmlosen, um nicht zu sagen läppischen und kindischen, wenn auch zum Theil noch widerwärtigen Charakter angenommen.

In der ersten Periode lebte ich noch immer in der Vorstellung, daß ich es nicht mit wirklichen Menschen, sondern mit »flüchtig hingemachten Männern« zu thun habe.2 Auch jetzt kann ich dies nicht als einen Irrthum meinerseits bezeichnen; ich muß vielmehr nach dem, was ich damals erlebt habe und noch jetzt täglich erlebe, die Möglichkeit offenlassen, daß ich damit Recht gehabt habe, m.a.W. die sogenannte »Menschenspielerei« erst allmälig in denjenigen Zustand übergeleitet worden ist, nach dem sie jetzt äußerlich betrachtet, den Eindruck macht, als ob irgend eine Veränderung mit der Menschheit nicht vorgegangen sei. Um diesen etwas schwer verständlichen und auch für mein Bewußtsein nicht zu vollkommener Durchsichtigkeit gelangten Gedanken einigermaßen begreiflich zu machen, habe ich zunächst die Verhältnisse meiner äußeren Umgebung[85] während des ersten Jahres meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt zu schildern. Von Aerzten der Anstalt lernte ich wohl gleich am Tage meiner Ankunft bei einer im Baderaume (im Erdgeschoß) vorgenommenen körperlichen Untersuchung, in der u.A. auch das Stethoskop angewendet wurde, den Vorstand der hiesigen Anstalt, Herrn Geh. Medizinalrat Dr. Weber und den Hülfsarzt Herrn Dr. R. kennen, beide aber zunächst nur der Person, nicht dem Namen nach; die Namen habe ich erst nach Ablauf eines oder mehrer Jahre gelegentlich in Erfahrung gebracht. Von diesen Herren erhielt ich seitdem tägliche Besuche. Außer ihnen wurden nur zweitweise der Oberpfleger R. und einige Pfleger (M, Th.) und der inzwischen abgegangene Sch. sichtbar. M. war derjenige Pfleger, dem meine Obhut besonderns anvertraut war.

Andere Patienten schienen damals in der Anstalt noch gar nicht zu existieren; wenigstens auf dem von mir bewohnten Korridor, an dem im Ganzen neun Zimmer liegen, bemerkte ich nichts davon; erst nach Ablauf geraumer Zeit wurde ein als Fürst I ....... sky bezeichneter Patient und ein zweiter, der Hofrath B., dieser namentlich durch Violinspiel, zeitweise bemerkbar. Auch bei den täglichen Spaziergängen in dem Anstaltsgarten war ich während der ersten Monate mit 2 oder 3 Pflegern (den obengenannten) stets allein; von der großen Anzahl anderer Patienten, die ich jetzt manchmal bis zu 80 und 100 gleichzeitig mit mir im Garten erblicke, war damals noch nichts zu sehen. Die Pfleger wurden von den Stimmen als »Hundejungen« (vergl. oben Anmerkung 39) bezeichnet; daß sie die Eigenschaft von »flüchtig hingemachten Männern« (also eigentlich Seelen) hatten, muß ich daraus abnehmen, daß von ihnen ein Nervenanhang mit mir unterhalten wurde, in dem ich von ihnen häufig der Grundsprache angehörige Ausdrücke, insbesondere von dem Pfleger Sch., der persönlich in einem andern Zimmer sich aufhielt, die in der Grundsprache zum Ausdruck der Verwunderung dienenden Ausrufe »Alle Wetter« und »Alle Hageldonnerwetter« (nicht etwa laut, sondern in der Nervensprache) vernommen habe. M. und Sch. luden auch zuweilen, um »sich wegzusetzen«, einen Theil ihrer Leiber als eine faulige Masse in meinen Körper ab; M. setzte sich wiederholt als sogenannter »großer Nerv« (einer Art Gallertmasse etwa von der Größe einer Kirsche) in meinen Arm, wodurch er wie die übrigen Strahlen oder Nerven in gewissem Sinne an meinem Denken und meinen Sinneseindrücken Theil nahm. Den »Hundejungen« in ihrer Eigenschaft als Seelen wurde auch Wundergewalt zugeschrieben, bei bestimmten einzelnen Vorgängen war von »Hundejungenwundern« die Rede, denen sie ihre Entstehung verdanken sollten.

Von meiner Frau erhielt ich auf dem Sonnenstein in längeren, wohl mehrmonatlichen Zwischenräumen Besuche. Als ich dieselbe zum ersten Male zu einem solchen Besuche in mein Zimmer eintreten sah, war ich wie erstarrt; hatte ich doch sie längst nicht mehr unter den Lebenden geglaubt. Für diese Annahme hatte ich – ebenso wie bei andern Menschen – ganz bestimmte thatsächliche Anhaltspunkte, nach denen mir das Wiedererscheinen[86] meiner Frau auch jetzt noch in gewisser Beziehung ein ungelöstes Räthsel bleibt. Ich hatte – und auch hier läßt die Sicherheit meiner Erinnerung keinen Zweifel an der objektiven Realität des Vorgangs zu – zu wiederholten Malen der Seele meiner Frau angehörige Nerven im Leibe gehabt oder von außen her meinem Körper sich annähernd wahrgenommen. Diese Seelentheile waren ganz von der hingebenden Liebe erfüllt, die meine Frau mir gegenüber jeder Zeit an den Tag gelegt hat; sie waren die einzigen, die mit der der Grundsprache angehörigen Redewendung »Lassen mich«3 den Willen zu erkennen gaben, auf jede eigene Fortdauer zu verzichten und in meinem Körper das Ende ihrer Existenz zu finden.

Bei den persönlichen Besuchen meiner Frau auf dem Sonnenstein glaubte ich lange Zeit, daß sie jedesmal nur ad hoc »flüchtig hingemacht« sei und daher vielleicht schon auf der Treppe oder unmittelbar nach dem Verlassen der Anstalt sich auflösen werde; es wurde gesagt, daß ihre Nerven nach jedem Besuch wieder »eingekapselt« würden. Bei einem der Besuche – wohl an meinem Geburtstag 1894 – überbrachte mir meine Frau ein Gedicht, das ich wegen der ergreifenden Wirkung, die es damals auf mich hervorbrachte, wörtlich hierher setzen will. Es lautete:


»Eh' Dich der rechte Friede liebt –

Der stille Gottesfriede –

Der Frieden, den kein Leben giebt

Und keine Lust hienieden,

Da thut es Noth, daß Gottes Arm

Dir eine Wunde schlage,

Daß Du mußt rufen: Gott erbarm',

Erbarm' Dich meiner Tage,

Da thut es Noth, daß sich ein Schrei

Aus Deiner Seele ringe,

Und daß es dunkel in Dir sei

Wie vor dem Tag der Dinge,

Da thut es Noth, daß ganz und schwer

Der Schmerz Dich überwinde.

Daß sich nicht eine Thräne mehr

In Deiner Seele finde,

Und wenn Du ausgeweint Dich hast

Und müde bist, so müde,

Da kommt zu Dir ein treuer Gast

Der stille Gottesfriede.«


Das Gedicht, dessen Verfasser ich nicht kenne, machte deshalb einen so merkwürdigen Eindruck auf mich, weil der darin wiederholt vorkommende Ausdruck »Gottesfrieden« die vor und nach jener Zeit unzählige Male von mir gehörte grundsprachliche Bezeichnung für den durch Strahlen[87] erzeugten Schlaf ist. Ich konnte damals kaum an einen hierbei unterlaufenen Zufall denken.

In dem Strahlenverkehr, in dem meine Nerven nun schon lange Zeit gestanden hatten und in den damit zusammenhängenden himmlischen Verhältnissen traten in den ersten Wochen meines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein (Anfang Juli 1894) gewisse Veränderungen ein, die von grundlegender Bedeutung für den ganzen seitdem verflossenen Zeitraum gewesen zu sein scheinen. Die Beschreibung dieser Veränderungen in Worten ist wieder ungemein schwierig, da es sich dabei um Dinge handelt, für die alle Analogien aus der menschlichen Erfahrung fehlen und die auch von mir nur zum Theil unmittelbar mit meinem geistigen Auge4 wahrgenommen, zum anderen Theil aus ihren Wirkungen erkannt worden sind, sodaß die Vorstellung, die ich mir von den betreffenden Vorgängen gemacht habe, sich mit der vollen Wahrheit vielleicht nur annähernd deckt. Bereits im vorigen Kapitel ist erzählt worden, daß namentlich im Wege der Seelentheilung die Zahl der am Himmel vorhandenen »geprüften« Seelen und Seelentheile erheblich gewachsen war. Unter diesen Seelen zeichnete sich nach wie vor die Flechsig'sche aus, die vermöge der sich in ihren beiden Hauptgestalten (als »oberer Flechsig« und als »mittlerer Flechsig«) gegebenen Größe noch geraume Zeit ihre menschliche Intelligenz in ziemlich hohem Grade bewahrt hatte, während sie daran im Laufe der Jahre immer mehr und mehr verloren hat, sodaß jetzt schon seit langer Zeit kaum noch irgend ein dürftiger Rest des Identitätsbewußtseins vorhanden sein dürfte. Ich meinerseits war stets von dem Bestreben geleitet, diese Seelen und Seelentheile an mich heranzuziehen und dadurch schließlich das Aufgehen derselben herbeizuführen, indem ich von der wohl ganz richtigen Vorstellung ausging, daß nach Elimirung aller zwischen mir und Gottes Allmacht als sog. Mittelinstanzen stehenden »geprüften« oder unreinen Seelen eine weltordnungsmäßige Lösung des Konflikts, sei es durch meine Heilung im Wege zur vollständigen Beruhigung der Nerven dienenden Schlafs, sei es – was ich später in Aussicht nehmen zu müssen glaubte, – durch eine der Weltordnung entsprechende Entmannung zur Erschaffung neuer Menschen sich von[88] selbst ergeben werde. Die »geprüften« Seelen waren im Gegensatz dazu nur von dem Triebe erfüllt, sich in ihrer angemaßten, mit Wundergewalt verknüpften himmlischen Stellung zu behaupten, sie suchten sich nach jeder Annäherung wieder zurückzuziehen, indem abwechselnd immer wieder andere Seelen oder Seelentheile vorgeschoben wurden.

Als es mir daher in einer Nacht – etwa der vierten oder fünften nach meiner Ankunft auf dem Sonnenstein – übrigens unter maßloser geistiger Anstrengung, gelungen war, alle unreinen (»geprüften«) Seelen vorübergehend zu mir herunterzuziehen, sodaß es nur einer gründlichen »Zudeckung mit Strahlen« bedurft hätte, um durch einen nervenheilenden Schlaf meine Genesung und das Verschwinden der unreinen Seelen herbeizuführen (wozu man sich aber aus den bereits früher angedeuteten Gründen leider nicht entschließen konnte), traf die Flechsig'sche Seele besondere Veranstaltungen, um die Wiederkehr einer solchen Gefahr für ihre Existenz und diejenige der anderen unreinen Seelen auszuschließen. Sie verfiel auf das Auskunftsmittel mechanischer Befestigungen, über deren Technik ich der Natur der Sache nach nur eine ungefähre Vorstellung habe erlangen können. Eine solche mechanische Befestigung fand zunächst in einer loseren Form statt, die als »Anbinden an Strahlen« bezeichnet wurde, wobei das Wort »Strahlen« in einer besonderen auf mir nicht völlig verständlich gewordenen Bedeutung gebraucht worden zu sein scheint. Ich kann nur das Bild beschreiben, das ich mit meinem geistigen Auge gesehen habe. Danach hingen die Seelen auf einer Art von Ruthenbündeln (den Fasces der römischen Liktoren vergleichbar), jedoch so, daß die Ruthen nach unten in Kegelform auseinandergingen, während um die oberen Spitzen die Nerven der Seelen geschlungen waren. Als auch die losere Form der Befestigung einen hinreichenden Schutz gegen die Gefahr des Aufgehens in Folge der Anziehungskraft nicht zu gewähren schien, wurde nach einiger Zeit eine noch widerstandsfähigere Form gewählt, die die Bezeichnung »Anbinden an Erden« erhielt. Wie schon der Ausdruck besagt, fand dabei ein Anbinden an irgendwelchen entfernten Weltkörpern statt, sodaß von da ab die Möglichkeit eines vollständigen Aufgehens in meinem Körper in Folge der Anziehungskraft ausgeschlossen, vielmehr der Rückzug durch die damit geschaffene mechanische Befestigung gesichert war. Als der »mittlere Flechsig« die letztere Form der Befestigung zum ersten Male in Anwendung brachte, machte sich zunächst auch in den Gottesreichen die Auffassung geltend, daß ein solches der Weltordnung zuwiderlaufendes Gebahren nicht geduldet werden könne. Der »mittlere Flechsig« wurde daher genöthigt, sich wieder abzubinden. Bei einer späteren Wiederholung des Experimentes fand man aber schon nicht mehr die Energie zu derartigem Einschreiten; man ließ das Anbinden geschehen, das nun nicht nur alle anderen Flechsig'schen Seelentheile, sondern auch die übrigen im Gefolge derselben stehenden Seelen, insbesondere die v.W.'sche Seele und schließlich auch Gottes Allmacht selbst mitmachten. So ist denn das »Anbinden an Erden« zu einer dauernden Einrichtung geworden, die bis auf den heutigen Tag fortbesteht[89] und zu weiteren Konsequenzen, namentlich dem nunmehr zu schildernden »Aufschreibesystem« geführt hat. Ich verkenne nicht, daß eine Vorstellung, wonach man sich meinen auf unserer Erde befindlichen Körper als durch angespannte Nerven mit anderen Weltkörpern verbunden zu denken hätte, bei den ungeheueren Entfernungen der letzteren für Menschen nahezu unbegreiflich ist; an der objektiven Wirklichkeit des Verhältnisses kann ich trotzdem nach den im Laufe der letzten sechs Jahre alltäglich von mir gemachten Erfahrungen keinen Zweifel hegen. –

Das erwähnte Aufschreibesystem ist eine Thatsache, die anderen Menschen auch nur einigermaßen verständlich zu machen außerordentlich schwer fallen wird. Für ihre Wirklichkeit liefert mir jeder Tag die erdrückensten Beweise und doch gehört dieselbe auch für mich eigentlich in das Gebiet des Unbegreiflichen, da die Absicht, die damit verfolgt wird, von Jedem, der die Menschennatur kennt, von vornherein als unerreichbar hätte erkannt werden müssen. Es handelt sich dabei augenscheinlich um eine Verlegenheitsauskunft, bei der schwer für mich zu unterscheiden ist, ob der Grund derselben in einem falschen (weltordnungswidrigen) Wollen oder einem unrichtigen Denken liegt.

Man unterhält Bücher oder sonstige Aufzeichnungen, in denen nun schon seit Jahren alle meine Gedanken, alle meine Redewendungen, alle meine Gebrauchsgegenstände, alle sonst in meinem Besitze oder meiner Nähe befindlichen Sachen, alle Personen, mit denen ich verkehre usw. aufgeschrieben werden. Wer das Aufschreiben besorgt, vermag ich ebenfalls nicht mit Sicherheit zu sagen. Da ich mir Gottes Allmacht nicht als aller Intelligenz entbehrend vorstellen kann, so vermuthe ich, daß das Aufschreiben von Wesen besorgt wird, denen auf entfernten Weltkörpern sitzend nach Art der flüchtig hingemachten Männer menschliche Gestalt gegeben ist, die aber ihrerseits des Geistes völlig entbehren und denen von den vorübergehenden Strahlen die Feder zu dem ganz mechanisch von ihnen besorgten Geschäfte des Aufschreibens sozusagen in die Hand gedrückt wird, dergestalt, daß später hervorziehende Strahlen das Aufgeschriebene wieder einsehen können.

Um den Zweck der ganzen Einrichtung verständlich zu machen, muß ich etwas weiter ausholen. Allen den Angriffen, die im Laufe der Jahre auf mein Leben, meine körperliche Integrität, meine Mannheit und meinen Verstand gemacht worden sind, lag und liegt immer der nämliche Gedanke zu Grunde, nämlich der, sich der alles bisher Dagewesene weit hinter sich lassenden Anziehungskraft meiner überreizten Nerven möglichst wieder zu entziehen. Anfangs hatte man hierzu, offenbar im Bewußtsein der (nach Kap. IV) der Weltordnung zu Grunde liegenden Tendenz, meine »Entmannung« in Aussicht genommen. Man meinte aber dabei nicht meine Entmannung mit dem weltordnungsmäßigen Endziel einer Erneuerung der Menschheit, sondern gedachte mir damit nur einen Schimpf zuzufügen, indem man sich sonderbarer Weise einbildete oder vielleicht auch nur selbst vorzulügen versuchte, daß ein entmannter Körper die Anziehungskraft auf Strahlen verlieren würde. Noch über Jahr[90] und Tag nach meiner Ankunft auf dem Sonnenstein spukte der Entmannungsgedanke, wenn ich so sagen darf, in den Köpfen der Seelen. Kleinere Flechsig'sche Seelentheile, welche weit draußen gelegen hatten und daher manchmal geraume Zeit mit meinen Nerven nicht in Berührung gekommen waren, pflegten zu oft wiederholten Malen, gleichsam verwundert, in die Worte auszubrechen: »Ist er denn noch nicht entmannt?« Gottesstrahlen glaubten mich nicht selten mit Rücksicht auf die angeblich bevorstehende Entmannung als »Miß Schreber« verhöhnen zu dürfen; eine der häufig damals gebrauchten, bis zur Ermüdung wiederholten Redensarten lautete: »Sie sollen nämlich als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt werden«5 usw. usw. Ich selbst empfand die Gefahr der Entmannung lange Zeit hindurch und namentlich solange von einem geschlechtlichen Mißbrauch meines Körpers durch andere Menschen die Rede sein konnte, selbstverständlich als eine mir drohende Schmach.

Die bereits massenhaft in meinen Körper eingedrungenen weiblichen oder Wollustnerven konnten daher während eines mehr als einjährigen Zeitraums irgend einen Einfluß auf mein Verhalten und meine Sinnesart nicht gewinnen. Ich unterdrückte jede Regung derselben durch Aufbietung meines männlichen Ehrgefühls und zugleich durch die Heiligkeit der religiösen Vorstellungen, die mich fast ausschließlich beherrschten, ja ich wurde mir der Anwesenheit der weiblichen Nerven eigentlich nur bewußt, wenn sie bei gewissen Anlässen von Strahlen künstlich in Bewegung gesetzt wurden, um eine schreckhafte Erregung derselben hervorzubringen und mich damit als einen in weiblicher Aengstlichkeit zitternden Menschen »darzustellen«. Auf der anderen Seite konnte meine Willenskraft nicht verhindern, daß in meinem Körper namentlich beim Liegen im Bette ein Wollustgefühl Platz griff, welches als sog. »Seelenwollust«[91] – wie der von den Seelen dafür gebrauchte Ausdruck lautet, d.h. eine Wollust, die den Seelen genügt, von Menschen aber ohne eigentliche geschlechtliche Regung nur als allgemeines körperliches Wohlbehagen empfunden wird – eine erhöhte Anziehungskraft auf die Strahlen ausübte. (Vergl. oben Kap. VII gegen das Ende.)

Als diese Erscheinung im Laufe der Zeit immer deutlicher hervortrat, mochte sich Gott wohl bewußt werden, daß es mit der Entmannung als Mittel mich »liegen zu lassen«, d.h. sich von der anziehenden Wirkung meiner Nerven wieder frei zu machen, Nichts sei. Man verfiel daher nunmehr auf den Gedanken, mich auf »der männlichen Seite zu erhalten«, aber – im Grunde genommen wieder heuchlerisch – nicht etwa um mir meine Gesundheit wiederzugeben, sondern um mir den Verstand zu zerstören oder mich blödsinnig zu machen. Daß selbst die Nerven eines blödsinnigen Menschen, die einmal in einen Zustand hochgradiger krankhafter Erregung geraten sind, anziehend bleiben würden – insofern sie natürlich immer noch der Schmerz-, Wollust-, Hunger-, Frostgefühle u.s.w. fähig wären – wurde dabei wieder nicht beachtet. Man häufte also unausgesetzt, Tag für Tag und Stunde für Stunde, Leichengift oder andere Fäulnißstoffe, deren Träger die Strahlen waren, auf meinen Körper in der Meinung, mich endlich damit erdrücken und mich namentlich des Verstandes berauben zu können. Welche Schäden dadurch vorübergehend in zum Theil höchst bedrohlicher Weise an meinem Körper angerichtet worden sind, werde ich in einem folgenden Kapitel erzählen.

Ich habe Grund anzunehmen, daß das Leichengift oder die Fäulnißstoffe denselben Weltkörpern entnommen sind, an denen man sich festgebunden hat und wo dann die Strahlen mit dem Leichengift oder dem Fäulnißstoff sozusagen bepackt werden oder dieselben im Vorbeiziehen von ihnen aufgesogen werden. Einem Theil der Strahlen hat man die Gestalt gewunderter Vögel gegeben, worüber ich später Näheres mittheilen werde. Dabei trat nun die Erscheinung hervor, daß die am Himmel noch vorhandenen geprüften Seelen und gewisse Reste der früheren Vorhöfe des Himmels, die man aufgespart hatte, um sich gewissermaßen hinter denselben verschanzen zu können, im Laufe der Zeit ihre Intelligenz vollständig verloren, also eigene Gedanken überhaupt nicht mehr hatten. Auf der anderen Seite scheint es in der Natur der Strahlen zu liegen, daß dieselben, sobald sie in Bewegung sind, sprechen müssen; die das betreffende Gesetz ausdrückende Phrase »Vergessen Sie nicht, daß Strahlen sprechen müssen« ist namentlich früher unzählige Male in meine Nerven hineingeredet worden. Thatsächlich weiß man aber nun schon seit Jahren in Ermangelung eigener Gedanken im Wesentlichen Nichts weiter zu sprechen, als von den eigenen Wundern, bezüglich deren dann meine Nerven die entsprechenden Befürchtungsgedanken fälschungsweise unterlegt werden (z.B. »wenn nur meine Finger nicht gelähmt würden«, oder »wenn nur meine Kniescheibe nicht verwundert würde«) und ferner jeweilig diejenige Beschäftigung, die ich gerade vornehmen will, zu verfluchen, (z.B. »wenn nur das verfluchte Klavierspielen aufhörte«, sobald[92] ich mich ans Klavier setze oder selbst »wenn nur das verfluchte Nägelputzen aufhörte«, sobald ich mich anschicke, meine Nägel zu putzen. Dazu hat man noch die maßlose Unverschämtheit – ich kann keinen andern Ausdruck dafür gebrauchen – mir zuzumuthen, daß ich diesem gefälschten Blödsinn gewissermaaßen als meinen eigenen Gedanken lauten Ausdruck geben soll, also in der Weise, daß sich an die Phrase »wenn nur das verfluchte Klavierspielen aufhörte« die Frage anschließt: »Warum sagen Sie's nicht (laut)? und darauf wieder die gefälschte Antwort erfolgt: ›Weil ich dumm bin, so etwa‹, oder auch ›weil ich Furcht habe vor Herrn M.‹« (vergl. schon eben Kapl V, Anmerkung 26). Natürlich entstehen nun aber auch Phasen, wo weder von gegen meine Person gerichteten Wundern zu berichten ist, noch ein bestimmter »Entschlußgedanke«, diese oder jene Beschäftigung vorzunehmen, für die Strahlen, die meine Gedanken lesen können, erkennbar ist, mit andern Worten, wo ich mich dem Nichtsdenken hingebe, also namentlich zur Nachtzeit, wenn ich schlafen oder am Tage vorübergehend der Ruhe pflegen will, oder im Garten nichts denkend spazieren gehe u.s.w. Zur Ausfüllung dieser Pausen (d.h. damit auch während dieser Pausen die Strahlen etwas zu zu sprechen haben) dient dann eben das Aufschreibematerial, also im Wesentlichen meine früheren Gedanken und neben denselben nur geringe eigene, beständig wiederkehrende Zuthaten von mehr oder weniger sinnlosen, zum Theil auch beleidigenden Redensarten, gemeinen Schimpfworten u.s.w. Eine Blumenlese dieser Redensarten werde ich vielleicht, um dem Leser wenigstens eine Ahnung davon zu geben, welchen Unsinn meine Nerven schon seit Jahren ertragen müssen, als Anlage der gegenwärtigen Arbeit beifügen.

Die beleidigenden Redensarten und Schimpfworte verfolgen namentlich den Zweck, mich doch zum lauten Sprechen zu reizen und damit in den dazu an sich geeigneten Zeiten den Schlaf unmöglich zu machen, in dessen Verhinderung neben derjenigen der Seelenwollust die ganze in ihren eigentlichen Zielen vollkommen unklare Seelenpolitik nun einmal gipfelt. Außerdem dient das Aufschreiben noch zu einem besonderen Kunstgriff, der wiederum auf einer gänzlichen Verkennung des menschlichen Denkens beruht. Man glaubte mit dem Aufschreiben den bei mir möglichen Gedankenvorrath erschöpfen zu können, sodaß schließlich einmal ein Zeitpunkt kommen müsse, wo neue Gedanken bei mir nicht mehr zum Vorschein kommen könnten; die Vorstellung ist natürlich völlig absurd, da das menschliche Denken unerschöpflich ist und z.B. das Lesen eines Buches, einer Zeitung usw. stets neue Gedanken anregt. Der erwähnte Kunstgriff bestand darin, daß, sobald ein bereits früher einmal in mir entstandener und daher schon aufgeschriebener Gedanke wiederkehrte – eine solche Wiederkehr ist natürlich bei sehr zahlreichen Gedanken ganz unvermeidlich, z.B. etwa früh der Gedanke »jetzt will ich mich waschen« oder beim Klavierspielen der Gedanke »das ist eine schöne Stelle« u.s.w. – man nach Wahrnehmung des betreffenden Gedankenkeims den heranziehenden Strahlen ein »Das haben wir schon«[93] (gesprochen: »hammirschon«) scil. aufgeschrieben, mit auf den Weg gab, womit auf eine schwer zu beschreibende Weise die Strahlen gegen die anziehende Wirkung des in Rede stehenden Gedankens unempfänglich gemacht wurden.

Ich muß darauf verzichten, das Aufschreibesystem und dessen Folgen noch klarer, als vorstehend versucht worden, darzulegen; ein vollkommenes Verständniß werde ich doch Niemand, der nicht die Erfahrungen an seinen eigenen Nerven gemacht hat, beibringen können. Ich kann nur versichern, daß das Aufschreibesystem und namentlich das Eingehen des »das hammirschon« bei der Wiederkehr früherer Gedanken sich zu einer geistigen Tortur gestaltet hat, unter der ich Jahre lang schwer gelitten habe und an die ich mich erst nach und nach wenigstens einigermaßen zu gewöhnen vermocht habe; es sind mir dadurch Geduldsproben auferlegt worden, wie sie zumal bei den Schwierigkeiten der äußeren Verhältnisse (Freiheitsbeschränkungen u.s.w.), unter denen ich außerdem zu leben gehabt habe, wohl noch niemals einem Menschen zugemuthet worden sind.6[94]

Schließlich habe ich noch hinzuzufügen, daß ich bei der vorstehenden Schilderung in zeitlicher Beziehung etwas vorgegriffen habe. Es mußte dies um des Zusammenhangs willen geschehen; in Wirklichkeit gehört die betreffende Entwicklung zum Theil erst einer sehr viel späteren Zeit an, wie denn z.B. vom Klavierspielen, dessen ich oben Erwähnung gethan habe, noch fast ein Jahr nach meiner Ankunft auf dem Sonnenstein bei mir nicht die Rede war.

1

»Amongst the fossils« für »unter den flüchtig hingemachten Männern« war auch sonst ein von der Flechsig'schen Seele beliebter Ausdruck, in dem die Neigung derselben hervortrat, die grundsprachlichen Ausdrücke für die Bezeichnung übersinnlicher Dinge durch irgendwelche modern klingende und darum an das Lächerliche anstreifende Bezeichnungen zu ersetzen. So sprach dieselbe auch mit Vorliebe von einem »Prinzip der Lichttelegraphie«, um die wechselseitige Anziehung von Strahlen und Nerven zu bezeichnen.

2

In Folge dessen enthielt ich mich auch des Sprechens fast gänzlich.

3

Die angegebene Redewendung würde, zu grammatikalisch vollständigem Ausdruck des Sinnes ergänzt, etwa in folgenden Worten wiederzugeben sein »Lassen Sie – nämlich die Strahlengewalt, die mich wieder zurückziehen will – mich der Anziehungskraft der Nerven meines Mannes ruhig folgen, ich bin bereit, im Körper meines Mannes aufzugehen.«

4

Den Ausdruck »mit dem geistigen Auge sehen«, den ich schon an anderer Stelle (Kap. VIII. Seite 79) gebraucht habe, behalte ich auch an gegenwärtiger Stelle bei, da ich einen passenderen, in unserer menschlichen Sprache nicht zu finden weiß. Wir sind gewöhnt, alle Eindrücke, die wir von der Außenwelt erhalten, als durch die sogenannten fünf Sinne, insbesondere alle Licht- und Schallempfindungen als durch Auge und Ohr vermittelt zu denken. Dies mag unter gewöhnlichen Verhältnissen auch richtig sein. Bei einem Menschen dagegen, der, wie ich, in Strahlenverkehr getreten und dessen Kopf in Folge dessen durch Strahlen sozusagen erleuchtet ist, ist diese Vorstellung nicht erschöpfend. Ich habe Licht- und Schallempfindungen, die von den Strahlen unmittelbar auf mein inneres Nervensystem projicirt werden und zu deren Aufnahme es daher der äußeren Seh- und Gehörswerkzeuge nicht bedarf. Ich sehe die betreffenden Vorgänge auch mit geschlossenen Augen und würde dieselben, soviel es sich dabei, wie bei den »Stimmen«, um gehörsähnliche Eindrücke handelt, auch dann hören, wenn es etwa möglich wäre, meine Ohren gegen sonstige Schallempfindungen hermetisch abzuschließen.

5

Der Begriff des »Darstellens« d.h. einer Sache oder einer Person einen andern Anschein Gebens, als den sie ihrer wirklichen Natur nach hat (menschlich ausgedrückt »des Fälschens«) spielte und spielt noch jetzt überhaupt in dem Vorstellungskreise der Seelen eine große Rolle. So hieß es auch bei späteren Gelegenheiten unzählige Male: Sie sollen nämlich dargestellt werden als Gottesleugner, als einer, der Seelenmord getrieben hat (vergl. oben Kap. II Seite 22) usw. Nach meinem Dafürhalten muß die betreffende Vorstellung damit in Zusammenhang gebracht werden, daß Gott von dem lebenden Menschen in der Regel nur den äußeren Eindruck hatte und Strahlen, die in Nervenanhang zu einem Menschen getreten waren, überdies in jedem »Gesichte« (Augenblicke) nur einen einzigen Eindruck hatten. Nur so vermag ich mir die gänzliche Unfähigkeit den lebenden Menschen als Organismus zu verstehen, für die ich später noch eklatante Belege beibringen werde, zu erklären. Man mochte daher – immer in der Nothlage, in die Gottes Allmacht durch das Vorhandensein der Flechsig'schen »geprüften« Seele nun einmal gerathen war – sich einzureden versucht haben, daß, wenn man sich von einem Menschen einen anderen Eindruck verschaffe, als denjenigen, der seiner wirklichen Eigenart entsprach, es dann auch möglich sein werde, den Betreffenden diesem Eindrucke gemäß zu behandeln. Das Ganze kommt demnach auf einen praktisch völlig werthlosen Selbstbetrug hinaus, da dem Menschen natürlich in seinem thatsächlichen Verhalten und namentlich in der (menschlichen) Sprache immer Mittel zu Gebote stehen, seine wirkliche Eigenart gegenüber der beabsichtigten »Darstellung« zur Geltung zu bringen.

6

Es hat Zeiten gegeben, in denen ich mir schließlich nicht anders zu helfen wußte, als laut zu sprechen oder irgendwelchen Lärm zu machen, um nur das ebenso blödsinnige als schamlose Gewäsch der Stimmen zu übertäuben und damit meinen Nerven vorübergehend Ruhe zu verschaffen. Dies mochte den Aerzten, die den wahren Zusammenhang nicht kannten, als Tobsucht gegolten und zu der entsprechenden Behandlung, die mir jahrelang wenigstens in den Nächten zu theil wurde, geführt haben. Daß in dem Ausdruck »geistige Tortur« keine Uebertreibung liegt, möge man daraus ermessen, daß ich in der Zeit, wo ich in der Zelle schlief (1896–1898), in der überwiegenden Mehrzahl aller Nächte immer mehrere Stunden außerhalb des Bettes verbracht habe, dabei zuweilen mit den Fäusten gegen die geschlossenen Fensterläden oder in der Zeit, wo die Fensterläden beseitigt waren, bei einer Winterkälte von bis zu – 8 und 10° R nur mit dem Hemd bekleidet am geöffneten Fenster gestanden habe, dabei vor Kälte am ganzen Körper klapperte (zumal die natürliche Kälte durch Kältewunder noch erhöht wurde), oder beim Herumtappen in der durch die Läden total verfinsterten Zelle mit dem Kopfe an das niedrige Gewölbe derselben angewundert wurde, und alle diese Zustände immer noch erträglicher fand als das Liegenbleiben im Bette, in dem es, sofern Schlaf nicht erzielt werden konnte, einfach nicht auszuhalten war.

Ich muß darauf gefaßt sein, daß mir fragend eingehalten wird, warum ich denn alle diese Dinge nicht schon in früheren Zeiten den Aerzten in der Form von Beschwerden vorgetragen habe? Darauf kann ich nur mit der Gegenfrage antworten, ob man mir denn bei der Schilderung der betreffenden, mit übersinnlichen Verhältnissen zusammenhängenden Vorgänge irgendwelchen Glauben geschenkt haben würde?

Ich würde es jetzt schon als einen großen Triumph meiner dialektischen Gewandtheit betrachten müssen, wenn ich mit der gegenwärtigen Arbeit, die den Umfang eines wissenschaftlichen Werkes annimmt, auch nur den Erfolg erzielen sollte, in den Aerzten ein kopfschüttelndes Zweifeln zu erregen, ob nicht doch vielleicht etwas Wahres an meinen angeblichen Wahnideen und Sinnestäuschungen sei. Bei dem bloßen Versuche einer mündlichen Auseinandersetzung würde ich schwerlich haben darauf rechnen können, daß man die Geduld gehabt hätte, mich zu einem längeren Vortrage auch nur anzuhören; noch weniger würde man es wohl der Mühe werth gehalten haben, über den vermeintlichen Unsinn nachzudenken. Dazu kommt, daß ich in den ersten Zeiten meines hiesigen Aufenthalts die Aerzte selbst nur für flüchtig hingemachte Männer hielt und ihre Entschließungen durch die mir feindlich gesinnten Strahlen beeinflußt glaubte – eine Vorstellung, die ich wenigstens in der letzteren Beziehung auch jetzt noch als der Wahrheit entsprechend aufrechterhalten muß, so wenig dies der Natur der Sache nach den Aerzten selbst zum Bewußtsein kommen kann. Uebrigens hört die feindselige Gesinnung der Strahlen (d.i. Gottes) auf, sobald sie versichert sind, mit Seelenwollust in meinem Körper aufzugehen oder ich in der Lage bin, jeweilig den präsenten Beweis von der Unzerstörbarkeit des Verstandes, also der Aussichtslosigkeit der auf die Vernichtung desselben gerichteten Politik zu liefern. Hierüber noch später das Nähere.

Quelle:
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Bürgerliche Wahnwelt um Neunzehnhundert. Wiesbaden 1973, S. 83-95.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken.
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken: nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage:
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Buchempfehlung

Aristoteles

Physik

Physik

Der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere, vom Prinzipiellen zum Indiviudellen ist der Kern der naturphilosophischen Lehrschrift über die Grundlagen unserer Begrifflichkeit von Raum, Zeit, Bewegung und Ursache. »Nennen doch die Kinder zunächst alle Männer Vater und alle Frauen Mutter und lernen erst später zu unterscheiden.«

158 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon