2. Kapitel

[20] Ein Krisis der Gottesreiche? Seelenmord


In diesen »wundervollen Aufbau« ist nun in neuerer Zeit ein Riß gekommen, der mit meinem persönlichen Schicksal auf das engste verknüpft ist. Die tieferen Zusammenhänge in einer für den menschlichen Verstand vollkommen faßbaren Weise darzustellen ist auch für mich unmöglich. Es sind dunkle Vorgänge, deren Schleier ich auf Grund meiner persönlichen Erlebnisse nur theilweise lüften kann, während ich im Uebrigen nur auf Ahnungen und Vermuthungen angewiesen bin. Einleitend habe ich dazu zu bemerken, daß bei der Genesis der betreffenden Entwicklung deren erste Anfänge weit, vielleicht bis zum 18. Jahrhundert zurückreichen, einestheils die Namen Flechsig und Schreber (wahrscheinlich nicht in der Beschränkung auf je ein Individuum der betreffenden Familien) und anderntheils der Begriff des »Seelenmords« ein Hauptrolle spielen.

Um mit letzerem zu beginnen, so ist die Vorstellung, daß es möglich sei, sich in irgendwelcher Weise der Seele eines Anderen zu bemächtigen, um sich auf Kosten der betreffenden Seele entweder ein längeres Leben oder irgendwelche andere, über den Tod hinausreichenden Vortheile zu verschaffen, in Sage und Dichtung bei allen Völkern verbreitet. Ich erinnere beispielsweise nur an Goethe's Faust, Lord Byron's Manfred, Weber's Freischütz usw. Gewöhnlich wird allerdings dem Teufel dabei eine Hauptrolle zugeschrieben, der sich die Seele eines Menschen mittelst eines Tröpfchens Blut gegen irgendwelche irdischen Vortheile verschreiben läßt usw., ohne daß man freilich recht sieht, was der Teufel mit der eingefangenen Seele eigentlich beginnen sollte, wenn man nicht annehmen will, daß ihm das Quälen einer Seele als Selbstzweck ein besonderes Vergnügen bereitet habe.

Mag aber auch diese letztere Vorstellung schon aus dem Grunde, daß es einen Teufel als eine gottfeindliche Macht nach dem Obigen überhaupt nicht giebt, in das Reich der Fabel zu verweisen sein, so giebt doch immerhin die weite Verbreitung des Sagenmotivs vom Seelenmorde oder Seelenraube zum Nachdenken Veranlassung, da es wenig wahrscheinlich ist, daß sich solche Vorstellungen bei so vielen Völkern gleichmäßig ohne jeden thatsächlichen Hintergrund gebildet haben sollten. Da nun die mit mir redenden Stimmen seit den ersten Anfängen meiner Verbindung mit Gott (Mitte März 1894) bis jetzt tagtäglich die Thatsache, daß von irgend einer Seite »Seelenmord« getrieben worden sei, als die Ursache der[21] über die Gottesreiche hereingebrochenen Krisis bezeichnen, wobei in früherer Zeit Flechsig als Urheber des Seelenmords genannt wurde, während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe, »darstellen« will, so gelange ich zu der Annahme, daß irgend einmal, vielleicht schon in früheren Generationen, ein als Seelenmord zu bezeichnender Vorgang zwischen den Familien Flechsig und Schreber stattgefunden habe, wie ich denn auf Grund weiterer Vorgänge der Ueberzeugung bin, daß zu der Zeit, als meine Nervenkrankheit einen schwer heilbaren Charakter anzunehmen schien, ein Seelenmord von irgend einer Seite, wenn auch erfolglos, an mir versucht worden ist.

Wahrscheinlich sind dann dem ersten Seelenmorde nach dem Grundsatze l'appetit vient en mangeant noch weitere Seelenmorde an den Seelen anderer Menschen gefolgt. Ob wirklich einen Menschen die sittliche Verantwortung für den ersten Fall des Seelenmords trifft, will ich dahin gestellt sein lassen; in dieser Beziehung bleibt eben Vieles dunkel. Möglicherweise hat es sich zuerst um einen der Eifersucht entsprungenen Kampf bereits aus dem Leben abgeschiedener Seelen gehandelt. Die Flechsig's und die Schreber's gehörten nämlich beide, wie der Ausdruck lautete, »dem höchsten himmlischen Adel« an; die Schreber's führten insbesondere den Titel »Markgrafen von Tuscien und Tasmanien«, entsprechend einer Gewohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitelkeit folgend, mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu schmücken. Aus beiden Familien kommen verschiedene Namen in Betracht, aus der Familie Flechsig insbesondere außer dem Professor Paul Theodor Flechsig auch ein Abraham Fürchtegott Flechsig und ein Daniel Fürchtegott Flechsig, welcher letzterer Ausgangs des 18. Jahrhunderts gelebt haben und wegen eines seelenmordartigen Vorgangs »Hülfsteufel« gewesen sein soll. Jedenfalls habe ich mit dem Professor Paul Theodor Flechsig und mit Daniel Fürchtegott Flechsig (ob auch mit dem ersteren in der Eigenschaft als Seele?) lange Zeit in Nervenanhang gestanden und Seelentheile von beiden im Leibe gehabt. Die Seele Daniel Fürchtegott Flechsigs ist schon seit Jahren verschwunden (hat sich verflüchtigt); von der Seele des Prof. Paul Theodor Flechsig existirt mindestens ein Theil (d.h. also eine gewisse Anzahl von Nerven, die ursprünglich das inzwischen allerdings stark abgeschwächte Identitätsbewußtsein des Prof. Paul Theodor Flechsig hatten) als »geprüfte Seele« noch jetzt am Himmel. Da ich von dem Stammbaum der Familie Flechsig aus andern Quellen, als den Mittheilungen der mit mir redenden Stimmen, nicht die geringste Kenntniß habe, so wäre es vielleicht nicht ohne Interesse, festzustellen, ob unter den Vorfahren des jetzigen Professors Flechsig sich wirklich ein Daniel Fürchtegott Flechsig und ein Abraham Fürchtegott Flechsig befunden hat.

Ich nehme nun an, daß es irgend einmal einem Träger des Namens Flechsig–einem Menschen der diesen Namen führte – gelungen ist, einen ihm zum Zweck göttlicher Eingebungen oder auch anderen Gründen[22] gewährten Nervenahang zur Festhaltung der göttlichen Strahlen zu mißbrauchen. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um eine Hypothese, die aber, wie sonst bei menschlich-wissenschaftlichen Untersuchungen, solange festgehalten werden muß, bis man einen besseren Grund für die zu erklärenden Vorgänge findet. Daß ein göttlicher Nervenanhang gerade einer Person gewährt wurde, die sich mit Ausübung der Nervenheilkunde befaßte, erscheint sehr naheliegend, da es sich einestheils dabei voraussetzlich um einen geistig hochstehenden Menschen handelte, anderntheils alles Dasjenige, was das menschliche Nervenleben betrifft, schon in dem instinktiven Bewußtsein, daß sich aus einer unter den Menschen überhandnehmenden Nervosität irgendwelche Gefahren für die Gottesreiche ergeben könnten, für Gott von besonderem Interesse sein mußte. Die Heilanstalten für Geisteskranke hießen daher in der Grundsprache »Nervenanstalten Gottes«. Sollte der oben erwähnte Daniel Fürchtegott Flechsig derjenige gewesen sein, der zuerst durch Mißbrauch eines göttlichen Nervenanhangs gegen die Weltordnung gefehlt hat, so würde der Umstand, daß derselbe mir andrerseits von den mit mir redenden Stimmen als Landgeistlicher bezeichnet worden ist, wohl nicht unbedingt entgegenstehn, da zu der Zeit, als Daniel Fürchtegott Flechsig gelebt haben soll – im 18. Jahrhundert etwa zur Zeit Friedrichs des Großen1 – öffentliche Heilanstalten für Geisteskranke noch nicht existirten.

Man würde sich also vorzustellen haben, daß eine derartige – vielleicht neben einem sonstigen Beruf – mit Ausübung der Nervenheilkunde befaßte Person irgend einmal im Traume wunderbare Bilder gesehen und wunderbare Dinge erfahren zu haben geglaubt habe, denen weiter nachzuforschen sie sich theils durch die allgemeine menschliche Wißbegier, theils durch ein gerade bei ihr vorhandenes wissenschaftliches Interesse angespornt gefühlt habe. Der Betreffende brauchte dabei vielleicht zunächst noch gar nicht das Bewußtsein zu haben, daß es sich um einen mittelbaren oder unmittelbaren Verkehr mit Gott handele. Er suchte sich vielleicht in einer der folgenden Nächte die Traumbilder wieder in das Gedächtniß zurückzurufen und machte dabei die Erfahrung, daß in dem alsdann eintretenden Schlafe die Traumbilder in derselben oder etwas veränderter Gestalt mit einer weiteren Ergänzung der früheren Mittheilungen wiederkehrten. Nunmehr wuchs natürlich das Interesse, zumal der Träumende vielleicht erfahren mochte, daß diejenigen, von denen die Mittheilungen ausgingen, seine eignen Vorfahren seien, denen neuerdings von Mitgliedern der Familie Schreber in irgendwelcher[23] Beziehung der Rang abgelaufen sei. Er machte nun vielleicht den Versuch, durch Anspannung seiner Willensenergie nach Art der Gedankenleser – eines Cumberland usw. – auf die Nerven mit ihm lebender Menschen einzuwirken und brachte dabei in Erfahrung, daß dies in gewissem Maße möglich sei. Er widersetzte sich der Wiederaufhebung des einmal von göttlichen Strahlen mittelbar oder unmittelbar bei ihm genommenen Nervenanhangs, oder machte dieselben von Bedingungen abhängig, die man ihm bei der natürlichen Schwäche des Seelencharakters im Verhältniß zum lebenden Menschen und zufolge der Unmöglichkeit, in dauerndem Nervenanhang mit einem einzigen Menschen zu bleiben, nicht verweigern zu können glaubte. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, daß irgend etwas Aehnliches wie eine Verschwörung zwischen einem derartigen Menschen und Elementen der vorderen Gottesreiche zum Nachtheile des Schreber'schen Geschlechtes etwa in der Richtung, daß ihnen die Nachkommenschaft oder wenigstens die Wahl von Berufen, die, wie derjenige eines Nervenarztes, in nähere Beziehungen zu Gott führen konnten, versagt werden solle, zu Stande gekommen sei. Bei dem, was oben hinsichtlich der Verfassung der Gottesreiche und der (beschränkten) Allgegenwart Gottes bemerkt worden ist, brauchte ein solches Treiben noch nicht gleich zur Kenntniß der hinteren Gottesreiche zu kommen. Auch gelang es vielleicht den Verschwörern – um diesen Ausdruck beizuhalten – etwaige Bedenken dadurch zu beschwichtigen – daß man bei Angehörigen der Familie Schreber in unbewachten Momenten, wie sie wohl jeder Mensch in seinem Leben einmal hat, Nervenanhang nehmen ließ, um auch der nächsthöheren Instanz in der Hierarchie der Gottesreiche die Ueberzeugung beizubringen, daß es auf eine Schreberseele nicht ankommen könne, wenn es sich darum handle, irgend eine Gefahr für den Bestand der Gottesreiche abzuwenden.2 So konnte man vielleicht dazu kommen, einem von Ehrgeiz und Herrschsucht eingegebenen Streben, das in seinen Konsequenzen zu einem Seelenmorde – falls es etwas Derartiges giebt – also zur Auslieferung einer Seele an einen Anderen, etwa zur Erreichung eines längeren irdischen Lebens oder zur Aneignung der geistigen Kräfte des Betreffenden oder zur Verschaffung einer Art persönlicher Unsterblichkeit, oder zu irgendwelchen sonstigen Vortheilen führen konnte, nicht gleich von vornherein mit voller Entschiedenheit entgegenzutreten. Auf der anderen Seite mochte die Gefahr, die daraus für die Gottesreiche selbst entstehen konnte, unterschätzt werden. Man fühlte sich im Besitze einer ungeheuren Macht, welche den Gedanken gar nicht aufkommen ließ, daß jemals ein einzelner Mensch Gott selbst gefährlich werden könne. In[24] der That habe ich nach Alledem, was ich später von der Wundergewalt Gottes erfahren und erlebt habe, nicht den mindestens Zweifel darüber, daß Gott – das Fortbestehen weltordnungsmäßiger Verhältnisse vorausgesetzt – jeder Zeit in der Lage gewesen wäre, einen ihm unbequemen Menschen durch Zusendung einer todbringenden Krankheit oder durch Blitzschlag zu vernichten.

Zu diesen schärfsten Mitteln glaubte man aber vielleicht dem vorausgesetzten Seelenmörder gegenüber nicht gleich schreiten zu müssen, wenn dessen Vergehen zunächst nur in dem Mißbrauch eines göttlichen Nervenanhangs bestand, der die Perspektive auf einen daraus hervorgehenden Seelenmord nur von ferne zu eröffnen schien und wenn sonstige persönliche Verdienste und sonstiges sittliches Verhalten desselben nicht erwarten ließen, daß es zu einem solchen Aeußersten kommen werde. Worin das eigentliche Wesen des Seelenmords und sozusagen die Technik desselben besteht, vermag ich außer dem im Obigen Angedeuteten nicht zu sagen. Hinzuzufügen wäre nur noch etwa (folgt eine Stelle, die sich zur Veröffentlichung nicht eignet). Soweit im Uebrigen dem jetzigen Geh. Rath Prof. Flechsig oder einem seiner Vorfahren wirklich die Urheberschaft an »Seelenmorden« zur Last zu legen sein sollte, ist für mich das Eine wenigstens unzweifelhaft, daß der Betreffende von den mir inzwischen bekannt gewordenen übersinnlichen Dingen zwar eine Ahnung erlangt haben mußte, aber sicher nicht bis zu einer tieferen Erkenntniß Gottes und der Weltordnung durchgedrungen war. Denn wer auf diese Weise zu einem festen Gottesglauben und zu der Gewißheit, daß ihm ohnedies eine Seligkeit nach Maßgabe der Reinheit seiner Nerven verbürgt sei, gelangt war, konnte unmöglich auf den Gedanken kommen, sich an den Seelen Anderer zu vergreifen. Ebensowenig würde dies bei Jemandem der Fall gewesen sein, der auch nur im Sinne unserer positiven Religion als gläubig zu bezeichnen gewesen wäre. Welche Stellung der jetzige Geh. Rath Prof. Flechsig in religiösen Dingen eingenommen hat und noch einnimmt, ist mir unbekannt. Sollte er, wie so viele moderne Menschen, zu den Zweiflern gehört haben oder gehören, so würde ihm ja daraus an sich kein Vorwurf zu machen sein, am wenigstens von mir, der ich selbst bekennen muß, dieser Kategorie solange angehört zu haben, bis ich durch göttliche Offenbarungen eines Besseren belehrt worden bin.

Wer sich die Mühe genommen hat, das Vorstehende mit einiger Aufmerksamkeit zu lesen, dem wird vielleicht unwillkürlich der Gedanke gekommen sein, daß es aber doch dann übel mit Gott selbst bestellt gewesen sein müsse oder bestellt sei, wenn das Verhalten eines einzelnen Menschen ihm irgend welche Gefahren habe breiten können und wenn sich gar Gott selbst, wenn auch nur in untergeordneten Instanzen,3[25] zu einer Art Konspiration gegen im Grunde genommen unschuldige Menschen habe verleiten lassen. Ich kann einem solchen Einwurf nicht alle Berechtigung absprechen, möchte aber doch nicht unterlassen hinzuzufügen, daß in mir dadurch der Glaube an die Größe und Erhabenheit Gottes und der Weltordnung nicht erschüttert worden ist. Ein Wesen von derjenigen absoluten Vollkommenheit, die ihm die meisten Religionen beilegen, war und ist allerdings auch Gott selbst nicht. Die Anziehungskraft, d.h. dasjenige auch für mich seinem innersten Wesen nach unergründliche Gesetz, vermöge dessen Strahlen und Nerven sich gegenseitig anziehen, birgt einen Keim von Gefahren für die Gottesreiche in sich, deren Vorstellung vielleicht schon der germanischen Sage von der Götterdämmerung zu Grunde liegt. Eine wachsende Nervosität unter den Menschen konnte und kann diese Gefahren erheblich steigern. Daß Gott einen lebenden Menschen nur von außen sah, eine Allgegenwart und Allwissenheit Gottes in Bezug auf das Innere des lebenden Menschen aber – als Regel – nicht bestand, ist schon oben erwähnt worden. Auch die ewige göttliche Liebe bestand im Grunde genommen nur der Schöpfung als Ganzem gegenüber. Sobald eine Kollision der Interessen mit einzelnen Menschen oder Menschheitsgruppen, (man denke an Sodom und Gomorrha!) vielleicht sogar der ganzen Bewohnerschaft eines Planeten (durch Zunahme der Nervosität und Unsittlichkeit) sich ergab, mußte in Gott der Selbsterhaltungstrieb wie in jedem anderen belebten Wesen sich regen. Allein vollkommen ist schließlich doch alles Dasjenige, was seinem Zwecke entspricht, sollte auch die menschliche Einbildungskraft sich irgend einen noch idealeren Zustand auszumalen vermögen.4 Und dieser Zweck, für Gott die ewige Freude an seiner Schöpfung und für die Menschen die Daseinsfreude während ihres Erdenlebens und nach dem Tode das höchste Glück in Form der Seligkeit, wurde doch erreicht. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Gott irgend einem einzelnen[26] Menschen das ihm gebührende Maß der Seligkeit versagt hätte, da jede Vermehrung der »Vorhöfe des Himmels« nur dazu dienen konnte, seine eigene Macht zu erhöhen und die Schutzwehren gegen die aus der Annäherung an die Menschheit erwachsenden Gefahren zu verstärken. Eine Kollision der Interessen Gottes und einzelner Menschen konnte unter der Voraussetzung weltordnungsmäßigen Verhaltens der letzteren gar nicht eintreten. Wenn es trotzdem in meinem Falle aus Anlaß des vorausgesetzten Seelenmords zu einer solchen Interessenkollision gekommen ist, so ist dies nur in Folge einer so wunderbaren Verkettung von Umständen geschehen,5 daß ein solcher Fall in der Weltgeschichte wohl noch niemals vorgekommen ist und, wie ich hoffen möchte, auch niemals wieder vorkommen wird. Und auch in diesem so ganz eigenartigen Falle trägt die Weltordnung die Heilmittel für die ihr geschlagenen Wunden in sich selbst; die Remedur liegt in der Ewigkeit. Während ich früher (etwa 2 Jahre lang) annehmen zu müssen geglaubt habe und nach meinen damaligen Erlebnissen auch annehmen mußte, daß die dauernde Fesselung Gottes an meine Person den Untergang der ganzen Erdenschöpfung bis auf etwas Wunderspielerei in meiner unmittelbaren Nähe zur Folge gehabt habe, habe ich diese Auffassung in neuerer Zeit wesentlich einzuschränken gehabt.

Es sind einzelne Menschen recht unglücklich geworden; ich selbst habe, wie ich wohl sagen darf, eine grausige Zeit durchlebt und eine bittere Schule der Leiden durchgemacht. Auf der anderen Seite hat das seit sechs Jahren ununterbrochen fortdauernde Zuströmen von Gottesnerven in meinen Körper den Verlust der ganzen bis dahin angesammelten Seligkeit und die vorläufige Unmöglichkeit der Neubegründung von Seligkeiten zur Folge gehabt, sodaß die Seligkeit so zusagen suspendirt ist, alle Menschen, die seitdem gestorben sind und noch sterben werden, bis auf Weiteres nicht selig werden können. Für die Gottesnerven selbst vollzieht sich der Uebergang in meinen Körper widerwillig und mit einem Gefühl des Unbehagens, das sich in fortwährenden Hülferufen der von der Gesammtmasse losgelösten Nerventheile, die ich tagtäglich am Himmel höre, zu erkennen giebt. Allein alle diese Verluste können wieder ausgeglichen werden, sofern es eine Ewigkeit giebt, wenn auch vielleicht Tausende von Jahren erforderlich sein mögen, um den früheren Zustand vollständig wiederherzustellen.

1

Ich entnehme dies daraus, daß ich mich in dem späteren Nervenanhang mit Daniel Fürchtegott Flechsig u.A. über Friedrich den Großen unterhalten habe, an den er als die wahrscheinlich bedeutendste Persönlichkeit seines Zeitalters noch eine Erinnerung hatte. Dagegen wußte er z.B. von Eisenbahnen Nichts und es war mir seiner Zeit daher nicht uninteressant, den Versuch zu machen, einer abgeschiedenen Seele im Wege der Nervenanhangsunterhaltung eine Vorstellung zu geben, was eine Eisenbahn sei und welche Umwälzung im menschlichen Verkehrsleben durch diese Erfindung hervorgebracht worden sei.

2

In diesen Zusammenhang gehört der Ausdruck »Nur eine Schreberseele«, den ich in der Zeit meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt von den mit mir redenden Stimmen mehr als einmal vernommen habe. Für die Annahme, daß absichtlich in solchen Augenblicken, wo man einen weniger vorteilhaften Eindruck von meinem sittlichen Niveau erhalten mochte, Nervenanhang genommen worden sei, fehlt es mir nicht gänzlich an gewissen Anhaltspunkten, die indessen hier näher darzulegen zu weit führen würde.

3

Der (von mir stammende) Ausdruck »Instanzen« ebenso wie oben »Hierarchie« scheint mir der richtige zu sein, um ein annäherndes Bild von der Verfassung der Gottesreiche zu geben. Solange ich mit den vorderen Gottesreichen (Vorhöfen des Himmels) in Verbindung stand (März bis Anfang Juli 1894) pflegte jeder »Strahlenführer« (»vorderer Kolonnenführer« nach einem von mir gehörten Ausdruck) sich selbst als »Gottes Allmacht« zu geriren. Er wußte, daß noch Höhere hinter ihm kamen, wer aber diese Höheren seien und wie hoch es hinaufginge, wußte er nicht. Als dann (Anfang Juli 1894) die hinteren Gottesreiche (Ariman und Ormuzd) selbst auf dem Schauplatz erschienen, geschah das anfangs mit so überwältigender Pracht der Lichterscheinungen, daß selbst die damals noch als »geprüfte Seelen« vorhandenen v.W.'schen und Flechsig'-schen Seelen sich dem Eindrucke nicht entziehen konnten, sondern ihre bis dahin geübte höhnische Opposition gegen Gottes Allmacht vorübergehend einstellten. Weshalb die Lichterscheinungen sich nicht dauernd in meiner Nähe erhielten, werde ich später auseinandersetzen. Gesehen habe ich von ihnen Ariman in der Nacht, nicht im Traume, sondern im wachenden Zustande, Ormuzd dagegen an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen am Tage während meines Gartenaufenthalts. In meiner Begleitung war damals nur der Pfleger M. Ich muß annehmen, daß derselbe damals nicht wirklicher Mensch, sondern nur flüchtig hingemachter Mann gewesen ist, weil er sonst von der Lichterscheinung, die doch auch er gesehen haben muß und die vielleicht den 6. bis 8. Theil des Himmels einnahm, dergestalt hätte geblendet werden müssen, daß er seiner Bewunderung in irgend welcher Weise Ausdruck gegeben hätte.

4

Daß der menschliche Organismus ein Organismus von hoher Vollkommenheit ist, wird Niemand leugnen wollen. Und doch ist vielleicht fast allen Menschen schon der Gedanke gekommen, es wäre doch eigentlich recht hübsch, wenn der Mensch auch noch fliegen könnte wie die Vögel.

5

Hierüber erst später das Nähere.

Quelle:
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Bürgerliche Wahnwelt um Neunzehnhundert. Wiesbaden 1973, S. 20-27.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken: nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage:
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
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