6. Kapitel

[47] Persönliche Erlebnisse, Fortsetzung. Visionen. »Geisterseher«


Die Zeit, die ich in dem vorstehenden Kapitel zu schildern versucht habe – etwa von Mitte März bis Ausgang Mai 1894, angenommen einmal, daß es sich dabei wirklich nur um einige irdische Monate und nicht etwa um Jahrhunderte gehandelt habe – ist, wie ich wohl sagen darf, die grausigste Zeit meines Lebens gewesen. Und doch war diese Zeit auch die heilige Zeit meines Lebens, wo meine Seele ganz begeistert von den übersinnlichen Dingen, die immer massenhafter auf mich eindrangen, inmitten der rohen Behandlung, die ich äußerlich erfuhr, von den erhabensten Vorstellungen über Gott und Weltordnung erfüllt war. Dabei war ich doch von Jugend auf ein Mensch gewesen, der zu Allem eher geneigt gewesen war, als zu religiöser Schwärmerei. Alle Menschen, die mir in meinem früheren Leben irgend näher getreten sind, werden mir bezeugen müssen, daß ich eine ruhige, leidenschaftslose, klar denkende, fast nüchterne Natur war, deren individuelle Begabung weit mehr in der Richtung kühler verstandesmäßiger Kritik lag als in schöpferischer Thätigkeit einer freiwaltenden Einbildungskraft. Ich war, wenn ich mich auch hin und wie der bei kleinen familiären Anlässen in Gelegenheitsversen versucht habe, keineswegs das, was man einen Dichter zu nennen pflegt. Auch war ich nicht einmal (seit der Zeit meines Jünglingsalters) ein eigentlich gläubiger Mensch im Sinne unserer positiven Religion gewesen. Ich war zwar ebensowenig zu irgendwelcher Zeit ein Religionsverächter gewesen, ich vermied es vielmehr, viel über religiöse Dinge zu sprechen, und hatte von jeher die Empfindung, daß man Menschen, die das Glück hatten, sich auch in späteren Jahren einen frommen Kinderglauben bewahren zu können, in diesem Glück nicht stören dürfe. Allein ich selbst hatte mich doch zuviel mit naturwissenschaftlichen Dingen, namentlich mit Werken, die auf dem Boden der sogen. modernen Entwickelungslehre standen, beschäftigt, als daß ich nicht wenigstens zu Zweifeln an der buchstäblichen Wahrheit alles Dessen, was die christliche Religion lehrte, hätte gelangen müssen. Der Gesammteindruck bei mir war zwar immer der gewesen, daß der Materialismus nicht das letzte Wort in göttlichen Dingen sein könne, allein ebensowenig hatte ich mich zu einem festen Glauben an die Existenz eines persönlichen Gottes aufzuschwingen oder mir denselben zu bewahren vermocht.1[48]

Wenn ich es nun versuchen will, in Betreff der Zeit, die ich vorstehend meine heilige Zeit genannt habe, in diesem Kapitel noch einige weitere Einzelheiten zu geben, so bin ich mir der Schwierigkeiten, die sich mir dabei entgegenstellen, wohl bewußt. Die Schwierigkeiten sind theils äußerer, theils innerer Natur. Einmal bin ich bei einem solchen Versuche nur auf mein Gedächtniß angewiesen, da ich zu jener Zeit irgend welche Aufzeichnungen zu machen nicht in der Lage war: es stand mir weder Schreibmaterial zur Verfügung, noch würde ich auch zu schriftlichen Aufzeichnungen eine Neigung empfunden haben, da ich damals – ob mit Recht oder Unrecht bleibe vorläufig dahingestellt – die ganze Menschheit untergegangen glaubte, also irgend ein Zweck für schriftliche Aufzeichnungen nicht ersichtlich gewesen wäre. Sodann waren die Eindrücke, die auf mich einstürmten, ein so wunderbares Gemisch von natürlichen Ereignissen und Vorgängen übersinnlicher Natur, daß es für mich unendlich schwer fällt, bloße Traumbilder von Erlebnissen in wachem Zustande zu unterscheiden, also bestimmt zu sagen, inwieweit allem Demjenigen, was ich erlebt zu haben glaube, auch wirklich historische Realität zukommt. Meine Erinnerungen aus jener Zeit müssen daher in gewissem Grade das Gepräge der Verworrenheit an sich tragen.2[49]

Um zunächst die äußeren Bedingungen meines Aufenthalts zu veranschaulichen, gebe ich im Folgenden einen Grundriß der Universitätsnervenklinik und eine Skizze des Grundstückes, auf welchem dieselbe steht, soweit beides für meine Zwecke in Betracht kommt.[50]


6. Kapitel

Mir dienten zum Aufenthalt während der Zeit von kurz vor Weihnachten 1893 bis etwa Ende Februar 1894 (also in der Hauptsache der Zeit, wo ich regelmäßige Besuche meiner Frau empfing) die drei Zimmer a, b und c im Erdgeschosse des Frauenflügels, die mir wohl hauptsächlich wegen der dort herrschenden größeren Ruhe eingeräumt worden waren. Vorher und nachher habe ich verschiedene Räume im ersten Stockwerk des Männerflügels innegehabt, jedesmal ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Als letzteres diente eine Zeit lang (im November 1893) der kleine Raum d und zwar aus dem Grunde, weil fast alle übrigen Räume der Anstalt auf der dem Bayrischen Bahnhof zugewendeten Südseite des Korridors lagen, wo das Rangirpfeifen der Eisenbahn namentlich in der Nacht manchmal sehr störend wirkte. Die Dementenzelle, in welche ich nach dem oben erwähnten Kampfe im Billardzimmer gebracht worden war, lag noch weiter links im Männerflügel. In der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Anstalt habe ich hauptsächlich das Schlafzimmer i und das Wohnzimmer e benutzt; ersteres war übrigens ebenfalls nach Art der Dementenzelle mit Doppelthür versehen worden, deren innere eine kleine Luke hatte, durch welche der Insasse von außen her beobachtet werden konnte; über der Thür war eine mit Glasscheibe versehene Oeffnung, durch welche das Licht einer Gasflamme hereinfallen konnte. – Ein Theil meiner Erinnerungen will zu keiner der mir im Wesentlichen bekannten Räumlichkeiten der Flechsig'schen Anstalt recht stimmen; hieraus in Verbindung mit anderen Umständen ergaben sich für mich Zweifel darüber, ob ich auch wirklich die ganze Zeit, um die es sich hier handelt, in der Flechsig'schen Anstalt und nicht zeitweise irgendwo anders gewesen sei. Die ärztliche Behandlung lag außer in den Händen des Professor Flechsig in den Händen zweier Assistenzärzte, Dr. Täuscher und Dr. Quentin. In der Zeit, von der ich jetzt handele, gab es eine Periode, wo die Aerzte überhaupt nicht zu sehen, sondern nur Wärter – immer die oben Genannten – um mich herum waren. In dieser Zeit machte mir die Anstalt selbst einen völlig verwaisten Eindruck; auch von anderen Patienten sah ich, wenn ich den vor meinem Zimmer gelegenen Korridor betrat, wenig oder gar Nichts. Geraume Zeit danach erschien dann Professor Flechsig wieder, aber wie schon oben erwähnt, in einer mir wenigstens einen nicht unwesentlich veränderten Eindruck[51] machenden Gestalt; die Assistenzärzte habe ich in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Anstalt, soviel ich mich erinnere, entweder gar nicht oder nur in ganz vereinzelten Fällen gesehen.

Bereits im vorigen Kapitel ist erwähnt worden, daß in Folge meiner beständig anwachsenden Nervosität und der dadurch gesteigerten Anziehungskraft eine immer größere Anzahl abgeschiedener Seelen sich zu mir angezogen fühlte – in erster Linie immer solche, die aus persönlichen Beziehungen im Leben noch ein besonderes Interesse für mich bewahrt haben mochten – um sich dann auf meinem Kopfe oder in meinem Leibe zu verflüchtigen. Der Vorgang endete in sehr zahlreichen Fällen damit, daß die betreffenden Seelen zuletzt noch als sog. »kleine Männer« (vergl. bei Anmerkung 28) – winzige Figürchen in Menschenform, aber vielleicht nur von der Größe einiger Millimeter – ein kurzes Dasein auf meinem Kopfe führten, um dann völlig zu verschwinden. Ich nehme an, daß diese Seelen, die bei ihrer ersten Annäherung vielleicht noch über eine ziemlich große Zahl von Nerven verfügten und daher ein noch ziemlich kräftiges Identitätsbewußtsein hatten, bei jeder Annäherung einen Theil ihrer Nerven vermöge der Anziehungskraft zu Gunsten meines Körpers einbüßten und schließlich nur noch aus einem einzigen Nerv bestanden, der dann auf Grund eines wunderbaren, nicht weiter zu erklärenden Zusammenhangs die Form eines »kleinen Mannes« in dem oben angegebenen Sinne annahm, als letzte Daseinsform der betreffenden Seelen vor ihrem völligen Verschwinden. Dabei wurden mir in sehr vielen Fällen die Sterne oder Sternbilder genannt, von denen sie ausgingen oder »unter denen sie hingen«, Namen, die zum Theil mit den üblichen astronomischen Bezeichnungen übereinstimmten, zum Theil aber auch nicht. So wurden besonders häufig genannt die Cassiopeja, die Wega, die Capella, auch ein Stern »Gemma« (von dem ich nicht weiß, ob er einer astronomischen Bezeichnung entspricht); ferner die »Crucianer« (vielleicht das südliche Kreuz?) das »Firmament« u.a.m. Es gab Nächte, wo die Seelen schließlich als »kleine Männer« zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden auf meinem Kopfe sozusagen herabträufelten. Dabei warnte ich immer vor der Annäherung, weil ich jedesmal nach früheren Vorgängen das Bewußtsein von der ins Maßlose gesteigerten Anziehungskraft meiner Nerven hatte, während die Seelen eine so bedrohliche Anziehungskraft immer zunächst für ganz unglaublich hielten. Andere Strahlen, die sich als Gottes Allmacht selbst in der obenbezeichneten Weise gerirten, trugen andere Bezeichnungen wie »der Herr der himmlischen Heerschaaren«, »der gute Hirte«, »der Allmächtige«, usw. usw. Im Zusammenhang mit diesen Erscheinungen trat in den Visionen, die ich allnächtlich hatte, schon sehr früh die Vorstellung eines Weltuntergangs als Folge der nicht mehr lösbaren Verbindung zwischen Gott und mir in den Vordergrund. Von allen Seiten trafen Hiobsposten ein, daß nunmehr auch dieser oder jene Stern, dieses oder jene Sternbild habe »aufgegeben« werden müssen; bald hieß es, nunmehr sei auch die Venus »überfluthet«, bald, nunmehr müsse das ganze Sonnensystem »abgehängt«[52] werden, bald, die Cassiopeja (das ganze Sternbild derselben) habe zu einer einzigen Sonne zusammengezogen werden müssen, bald, nur die Plejaden seien vielleicht noch zu retten usw. usw. Während ich diese Visionen in der Nacht hatte, glaubte ich am Tage zu bemerken, daß die Sonne meinen Bewegungen folgte; wenn ich in dem einfenstrigen Zimmer, das ich damals inne hatte, mich hin und herbewegte, so sah ich den Sonnenschein meinen Bewegungen entsprechend bald an der (von der Thür aus gerechnet) rechten bald an der linken Wand. Es ist schwer für mich, bei dieser Wahrnehmung, die ich, wie erwähnt, am Tage gemacht habe, an eine Sinnestäuschung zu glauben, zumal ich mich erinnere, auf diese mich natürlich mit Entsetzen erfüllende Wahrnehmung einmal bei einem Besuche den Assistenzarzt Dr. Täuscher aufmerksam gemacht zu haben. Als ich dann in späterer Zeit wieder regelmäßig in den Garten kam, habe ich – wenn mich meine Erinnerung nicht völlig trügt – »zwei Sonnen« auf einmal am Himmel stehen sehen, von denen die eine unsere irdische Sonne, die andere das zu einer einzigen Sonne zusammengezogene Sternbild der Cassiopeja sein sollte. Dabei hat sich aus der Gesammtheit meiner Erinnerungen der Eindruck in mir festgesetzt, als ob der betreffende nach gewöhnlicher menschlicher Annahme nur drei bis vier Monate umspannende Zeitraum in Wirklichkeit eine ungeheuer lange Zeit umfaßt haben müsse, als ob einzelne Nächte die Dauer von Jahrhunderten gehabt hätten, sodaß innerhalb dieser Zeit sehr wohl die tiefgreifendsten Veränderungen mit der ganzen Menschheit mit der Erde selbst und dem ganzen Sonnensystem sich vollzogen haben konnten. In Visionen war wiederholt davon die Rede gewesen, daß das Werk einer 14000jährigen Vergangenheit verloren sei – diese Ziffer sollte wahrscheinlich die Zeitdauer der Bevölkerung der Erde mit Menschen bezeichnen – und daß der Erde nur noch die Dauer von etwa 200 Jahren beschieden sei – wenn ich nicht irre, wurde die Ziffer 212 genannt –; in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt erachtete ich diesen Zeitraum für bereits abgelaufen,3 hielt mich demzufolge für den einzigen noch übrig gebliebenen wirklichen Menschen und die wenigen menschlichen Gestalten, die ich außer mir noch sah – den Professor Flechsig selbst, einige Wärter und sehr wenige, vereinzelte Patienten von mehr oder weniger abenteuerlicher Erscheinung – nur für hingewunderte, »flüchtig hingemachte Männer«. Ich erwog Möglichkeiten, wie die, daß die ganze Flechsig'sche Anstalt oder vielleicht die Stadt Leipzig mit ihr aus der Erde »ausgehoben« und nach irgend einem anderen Weltkörper versetzt worden sei, Möglichkeiten, auf die die Fragen[53] der mit mir redenden Stimme, ob denn Leipzig noch stehe usw. manchmal hinzudeuten schienen. Den Sternhimmel betrachtete ich als ganz oder wenigstens in der Hauptsache erloschen. Irgend welche Gelegenheit zur Berichtigung derartiger Vorstellungen war mir nicht geboten. Das Fenster meines Schlafzimmers war in der Nacht mit einem schweren hölzernen Laden verschlossen, sodaß mir der Anblick des nächtlichen Himmels entzogen war. Am Tage sah ich über die Mauern des Anstaltsgartens hinaus nur wenige der unmittelbar anstoßenden Gebäude. In der Richtung des Bayrischen Bahnhofs sah ich über die Mauern der Anstalt hinweg nur einen schmalen Streifen Landes, der mir einen durchaus fremdartigen, von der eigentlichen Beschaffenheit der mir wohlbekannten Gegend völlig abweichenden Eindruck machte; man sprach zuweilen von einer »heiligen« Landschaft. Das Pfeifen der Eisenbahnzüge, das mir doch kaum hätte entgehen können, habe ich lange Zeit hindurch niemals vernommen. Nur das Fortbrennen der Gasflammen machte mich in der Annahme einer völligen Isolierung der Flechsig'schen Anstalt wieder irre, da ich danach doch irgend einen Zusammenhang mit der Stadt Leipzig annehmen mußte, wenn ich nicht gerade an die Möglichkeit eines für die Anstalt eigens errichteten Gasometers denken wollte. Ich bewahre ferner Erinnerungen in meinem Gedächtnisse, deren Eindruck ich nur im Allgemeinen dahin bezeichnen kann, daß es mir so ist, als ob ich selbst eine Zeit lang noch in einer zweiten, geistig minderwerthigen Gestalt vorhanden gewesen sei. Ob etwas Derartiges im Wege von Wundern denkbar wäre, ob es möglich gewesen wäre, mich mit einem Theile meiner Nerven in einem zweiten Körper noch einmal zu setzen, muß ich dahingestellt sein lassen. Ich kann nur wiederholen, daß ich Erinnerungen habe, die auf eine solche Möglichkeit hinzudeuten scheinen. In der zweiten minderwerthigen Gestalt, von der ich selbst den Bewußtseinseindruck bewahre, nur im Besitze geringerer Verstandeskräfte gewesen zu sein, wurde mir gesagt, es sei schon ein anderer Daniel Paul Schreber vorhanden gewesen, der geistig sehr viel veranlagter gewesen sei, als ich. Da in dem mir sehr genau bekannten Stammbaum meiner Familie niemals ein anderer Daniel Paul Schreber vor mir existiert hat, so glaube ich diesen anderen Daniel Paul Schreber nur auf mich selbst als im Vollbesitz meiner Nerven befindlich, beziehen zu dürfen. In der zweiten minderwerthigen Gestalt muß ich dann an irgend einem Tage, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, sanft verschieden sein; ich habe die Erinnerung, daß ich in einem Zimmer, das ich mit keiner der mir bekannten Räumlichkeiten der Flechsig'schen Anstalt in Uebereinstimmung bringen kann, im Bette lag und dabei das deutliche Bewußtsein eines allmählichen Auslöschens meiner Seele hatte, ein Zustand, der übrigens, abgesehen von wehmüthigen Erinnerungen an meine Frau, deren ich dabei viel gedachte, durchaus den Charakter eines schmerzlosen friedlichen Hinüberschlummerns hatte. Auf der andern Seite gab es eine Zeit, wo die mit mir im Nervenanhang stehenden Seelen von einer Mehrheit von Köpfen (d.h. mehreren Individualitäten in demselben[54] Schädel) redeten, die sie bei mir vorfanden und gleichsam erschreckt zurückfuhren etwa mit dem Ausdruck: »Um Himmelswillen, das ist ja ein Mensch mit mehreren Köpfen«. Ich bin mir wohl bewußt, wie phantastisch alles Derartige für andere Menschen klingen muß; ich gehe demnach auch nicht soweit zu behaupten, daß alles darüber Erzählte objektive Wirklichkeit gewesen ist; ich referire nur, welche Eindrücke als Erinnerungen noch in meinem Gedächtnisse haften.

Die mit der Vorstellung eines Weltuntergangs im Zusammenhang stehenden Visionen, deren ich, wie bereits erwähnt, unzählige hatte, waren zum Theil grausiger Natur, zum Theil aber wiederum von unbeschreiblicher Großartigkeit. Ich will nur einiger weniger gedenken. In einer derselben fuhr ich gleichsam in einem Eisenbahnwagen oder einem Fahrstuhl sitzend, in die Tiefen der Erde hinab und machte dabei sozusagen die ganze Geschichte der Menschheit oder der Erde rückwärts durch, in den oberen Regionen gab es noch Laubwälder; in den unteren Regionen wurde es immer dunkeler und schwärzer. Beim zeitweiligen Verlassen des Gefährtes wandelte ich wie auf einen großen Friedhof, wobei ich u.A. die Stätten, wo die Bewohnerschaft Leipzigs lag, auch das Grab meiner eigenen Frau kreuzte. Ich drang, wieder in dem Gefährt sitzend, nur bis zu einem Punkte 3 vor; den Punkt 1, der den Uranfang der Menschheit bezeichnen sollte, scheute ich mich zu betreten. Beim Rückwärtsfahren stürzte der Schacht hinter mir ein, unter steter Gefährdung eines gleichzeitig darin befindlichen »Sonnengottes«. Im Zusammenhang damit hieß es dann, daß zwei Schächte vorhanden gewesen seien (ob dem Dualismus der Gottesreiche entsprechend?); als die Nachricht kam, daß auch der Zweite Schacht eingestürzt sei, gab man Alles verloren. Ein anderes Mal durchquerte ich die Erde vom Ladogasee bis Brasilien und baute dort in einem schloßartigen Gebäude in Gemeinschaft mit einem Wärter eine Mauer zum Schutz der Gottesreiche gegen eine sich heranwälzende gelbliche Meeresfluth – ich bezog es auf die Gefahr syphilitischer Verseuchung. Wiederum ein anderes Mal hatte ich das Gefühl, als ob ich selbst zur Seligkeit heraufgezogen würde; ich hatte dann gleichsam von den Höhen des Himmels herab unter einem blauen Gewölbe ruhend die ganze Erde unter mir, ein Bild von unvergleichlicher Pracht und Schönheit; als den zur Bezeichnung des Bildes dienenden Namen hörte ich einen Ausdruck ungefähr wie »Gottseibeieinanderaussicht« lautend. Bei anderen Vorgängen bin ich zweifelhaft, ob es sich um bloße Visionen oder nicht wenigstens zum Theil um wirkliche Erlebnisse handelt. Ich erinnere mich, daß ich sehr oft in der Nacht nur mit dem Hemd bekleidet (alle Kleidungsstücke waren mir ja weggenommen) auf der Diele meines Schlafzimmers gesessen habe, nachdem ich das Bett irgend welchem inneren Antriebe folgend verlassen hatte. Die Hände, die ich hinter meinem Rücken auf den Boden gestemmt hatte, wurden mir dann von bärenartigen Gestalten (schwarzen Bären) von Zeit zu Zeit fühlbar in die Höhe gehoben; andere »schwarze Bären«, größere und kleinere, sah ich mit glühenden Augen um mich herum in[55] der Nähe sitzen. Meine Bettstücken gestalteten sich zu sogenannten »weißen Bären«. Durch die Luke in der Thür meines Schlafzimmers sah ich in ähnlicher Weise, wie dies in Anmerkung 28 von unserem regierenden König erzählt worden ist,4 gelbe Männer von Untermittelgröße hin und wieder vor der Thür meines Schlafzimmers erscheinen, mit denen ich irgend welchen Kampf aufzunehmen bereit sein mußte. Katzen mit glühenden Augen erschienen Zeitweise auf den Bäumen des Anstaltsgartens, wenn ich noch in wachem Zustande war, d.i. in den späteren Abendstunden. Ich habe ferner Erinnerungen, nach denen ich eine Zeit lang in einem Schlosse an irgend einem Meer gewesen bin, das in der Folge wegen drohender Ueberflutung verlassen werden mußte und aus dem ich dann nach langer, langer Zeit in die Flechsigsche Anstalt zurückgekehrt bin, in der ich mich auf einmal in den mir von früher bekannten Verhältnissen wiederfand. Vor den Fenstern meines Schlafzimmers sah ich beim Oeffnen der Läden am frühen Morgen einen dichten Wald, nur wenige Meter vom Fenster entfernt, soviel mir erinnerlich, hauptsächlich aus Birken und Fichten bestehend. Die Stimmen nannten ihn einen heiligen Wald. Mit dem Garten der Universitäts-Nervenklinik, einer jungen, erst seit 1882 angelegten Anpflanzung, die im Wesentlichen nur aus Reihen einzelner Bäume entlang der Wege bestand, hatte dieser Anblick nicht die entfernteste Aehnlichkeit. Daß ein solcher Wald, wenn er wirklich vorhanden war, nicht in drei bis vier Monaten hätte herauswachsen können, ist selbstverständlich. Mein Kopf war in Folge des massenhaften Zuströmens von Strahlen sehr häufig von einem Lichtschimmer umflossen, ähnlich wie der Heiligenschein von Christus u.s.w. auf Bildern dargestellt wird, nur unvergleichlich reicher und glänzender: der sog. »Strahlenkrone«. Die Reflexwirkung dieser Strahlenkrone war so stark, als eines Tages der Professor Flechsig mit dem Assistenzarzt Dr. Quentin an meinem Bette erschien, letzterer dabei vor meinen sehenden Augen verschwand; das Gleiche war ein anderes Mal auch mit dem Wärter H. der Fall. Längere Zeit war davon die Rede, daß ich selbst unter dem Schutze der Cassiopeja verbleiben sollte, während die Sonne irgend welcher anderen Bestimmung zugeführt, wahrscheinlich dem ihr zugehörigen Planetensystem, also auch unserer Erde erhalten werden sollte. Die Anziehungskraft meiner Nerven war jedoch so stark, daß dieser Plan nicht ausgeführt werden konnte, die Sonne vielmehr da, wo ich mich befand, verbleiben oder ich selbst zurückversetzt werden mußte.

Nach solchen Eindrücken, deren Deutung ich vielleicht in einem der[56] späteren Kapitel versuchen werde, wird man es einigermaßen verständlich finden, daß ich Jahre hindurch in dem Zweifel gelebt habe, ob ich mich wirklich auf der Erde oder nicht vielmehr auf irgend einem anderen Weltkörper befinde. Noch im Jahre 18955 habe ich die Möglichkeit erwogen, ob ich mich nicht auf dem Phobos befinde, einem Trabenten des Planeten Mars, der mir in irgend welchem Zusammenhange einmal von den Stimmen genannt worden war und ob ich in dem Mond, den ich zu dieser Zeit manchmal am Himmel stehen sah, nicht den zugehörigen Hauptplaneten Mars zu erblicken habe.

In der Sprache der Seelen hieß ich in der im gegenwärtigen Kapitel behandelten Zeit »Der Geisterseher«6 d.h. ein Mensch, der Geister sieht, mit Geistern oder abgeschiedenen Seelen Verkehr hat. Namentlich pflegte die Flechsig'sche Seele von mir als den »größten Geisterseher aller Jahrhunderte« zu reden, worauf ich dann, von größeren Gesichtspunkten ausgehend, ab und zu wohl einhielt, daß man wenigstens von dem größten Geisterseher aller Jahrtausende sprechen müsse. In der That wird, seitdem die Welt steht, wohl kaum ein Fall, wie der meinige, vorgekommen sein, daß nämlich ein Mensch nicht blos mit einzelnen abgeschiedenen Seelen, sondern mit der Gesammtheit aller Seelen und mit Gottes Allmacht selbst in kontinuierlichen, das heißt einer Unterbrechung nicht mehr unterliegenden Verkehr getreten wäre. In der ersten Zeit suchte man zwar noch Unterbrechungen herzustellen; man unterschied noch »heilige Zeiten«, d.h. solche Zeiten, in denen ein Nervenanhang oder ein Strahlenverkehr oder ein Sprechen von Stimmen – Alles im Grunde genommen nur verschiedene Ausdrücke für denselben Vorgang – stattfinden sollte und »nichtheilige Zeiten«, in denen man den Strahlenverkehr aufzugeben beabsichtigte. Allein bald duldete die übermäßige Anziehungskraft meiner Nerven keine solchen Pausen oder Unterbrechungen mehr; es gab nur noch »heilige Zeiten«. Geisterseher minderen Grades mag es wohl schon vor meinem Falle in größerer oder geringerer Zahl gegeben haben. Um nicht bis auf die biblische Vorgänge zurückzugehen, halte ich z.B. in dem Falle der Jungfrau von Orléans oder der Kreuzfahrer bei Auffindung der heiligen Lanze in Antiochien oder des Kaisers Constantin bei der bekannten für den Sieg des Christenthums entscheidenden Vision: In hoc signo vinces einen vorübergehend eingetretenen Strahlenverkehr, vorübergehende göttliche Eingebungen für sehr wahrscheinlich. Auch bei stigmatisierten Jungfrauen mag wohl hin und wieder das Gleiche angenommen werden dürfen. In Sage und Dichtung aller Völker wimmelt es förmlich von Bewegungen mit Geistern, Elfen, Kobolden u.s.w., und die Annahme, daß man es bei allen diesen Vorstellungen nur mit willkürlichen Erfindungen der menschlichen Einbildungskraft ohne irgend welchen realen[57] Hintergrund zu thun habe, erscheint mir einfach thöricht. Mit Interesse habe ich demzufolge davon Kenntniß genommen, daß nach dem mir (während ich mit Abfassung dieser Niederschrift beschäftigt war) auf einige Zeit leihweise zur Verfügung gestellten Lehrbuch der Psychiatrie von Kräpelin (5. Auflage, Leipzig 1896, Seite 95 ff. und namentlich Seite 110 ff.) die Vorstellung, mit irgendwelchen Stimmen in übernatürlichem Verkehr zu stehen, auch sonst bei Menschen, deren Nerven sich in einem Zustande von krankhafter Erregung befanden, öfters beobachtet worden ist.7 Ich will durchaus nicht bezweifeln, daß man es in sehr vielen derartigen Fällen mit bloßen Sinnestäuschungen zu thun haben mag, als welche sie in dem genannten Lehrbuche durchweg behandelt werden. Allein die Wissenschaft würde meines Erachtens doch sehr unrecht thun, wenn sie alle derartige Erscheinungen als jeder objektiven Realität entbehrend mit der Bezeichnung als »Sinnestäuschungen« in die allgemeine Rumpelkammer der unwirklichen Dinge werfen wollte, wie dies vielleicht bei den von Kräpelin Seite 108 ff. behandelten, mit übersinnlichen Dingen nicht in Zusammenhang stehenden Sinnestäuschungen gerechtfertigt sein mag. Ich halte es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß es sich wenigstens in einer gewissen Anzahl derartiger Fälle um wirkliche Geisterseher niederen Grades in dem vorher entwickelten Sinne gehandelt hat. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, daß zugleich eine krankhaft erhöhte Erregbarkeit der Nerven vorgelegen hat, insofern eben erst vermöge der dadurch erhöhten Anziehungskraft der Nerven die Entstehung eines Verkehrs mit übersinnlichen Kräften ermöglicht und begünstigt worden ist. Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir schon vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füglich nur in solchen Menschen entstehen, die in ihren[58] krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen sicheren Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben. Dies ist aber bei mir nach dem im Eingang dieses Kapitels Erwähnten gar nicht der Fall gewesen. Auch die sogen. Medien der Spiritisten dürften, wennschon in vielen Fällen Selbsttäuschung und Betrug mit unterlaufen mag, doch in einer nicht geringen Zahl von anderen Fällen als wirkliche Geisterseher niederen Grades in dem angegebenen Sinne anzusehen sein. Man hüte sich also in solchen Dingen vor unwissenschaftlicher Generalisierung und vorschneller Aburtheilung. Wenn die Psychiatrie nicht schlechthin alles Uebersinnliche leugnen und solchergestalt mit beiden Füßen in das Lager des nackten Materialismus treten will, so wird sie nicht umhin können, die Möglichkeit anzuerkennen, daß man es bei Erscheinungen der beschriebenen Art unter Umständen mit wirklichen Vorgängen zu thun habe, die sich nicht ohne Weiteres mit dem Schlagworte »Sinnestäuschungen« abfertigen lassen.

Ich kehre nach dieser Abschweifung zu dem eigentlichen Gegenstande meiner Arbeit zurück und werde in dem nächsten Kapitel eine Fortsetzung des Bisherigen folgen lassen, wobei ich theils noch einige weitere dem Gebiete des Uebersinnlichen angehörige Punkte, die in dem Zusammenhang des Vorhergehenden nicht gut untergebracht werden konnten, berühren, theils namentlich auch meine äußeren Lebensschicksale während der Zeit, von der ich gegenwärtig handle, besprechen werde.

1

Dabei behaupte ich keineswegs von mir, ein eigentlich philosophischer Kopf gewesen zu sein oder auf der vollen Höhe der philosophischen Bildung meiner Zeit gestanden zu haben, wozu mir mein theilweise recht anstrengender Beruf als Richter auch kaum die erforderliche Zeit gelassen haben würde. Immerhin will ich von den Werken philosophischen und naturwissenschaftlichen Inhalts, die ich etwa in den letzten zehn Jahren vor meiner Erkrankung zum Theil oft wiederholt gelesen habe, wenigstens einige nennen, da man Anklänge an die in diesen Werken enthaltenen Gedanken an vielen Stellen dieses Aufsatzes wiederfinden wird. Ich nenne also beispielsweise Häckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte; Caspari, Urgeschichte der Menschheit; du Prel, Entwickelung des Weltalls; Mädler, Astronomie; Carus Sterne, Werden und Vergehen; Wilh. Meyer's Zeitschrift »Zwischen Himmel und Erde«; Neumayer, Erdgeschichte; Ranke, Der Mensch; einzelne philosophische Aufsätze von Eduard von Hartmann, namentlich in der Gegenwart u.s.w. u.s.w.

2

In dieser Beziehung hat mir ein Vorkommniß der allerjüngsten Zeit doch eine recht wesentliche Aufklärung gebracht. In einer der nächsten Nächte, nachdem ich obige Zeilen bereits niedergeschrieben hatte, in der Nacht vom 14. zum 15. März d.J. (1900) wurde wieder einmal, während ich schlief, in Träumen ein so toller Wunderspuk gemacht, wie ich ihn zwar früher und namentlich auch in der Zeit, wo ich in der Zelle schlief (1896 bis Ausgang 1898) öfters, seitdem aber fast zwei Jahre schon nicht mehr oder vielleicht nur ganz ausnahmsweise erlebt hatte. Ich verscheuchte schließlich den meinen Schlaf in hohem Grade beängstigenden Wunderspuk, indem ich mich zum vollständigen Erwachen aufraffte und Licht machte. Es war erst 1/2 12 Uhr Nachts (die Thür zu meinem Zimmer vom Korridor her war verschlossen, sodaß Niemand von außen her hätte Eingang finden können); ich brachte ungeachtet dieser frühen Nachtstunde sofort eine Niederschrift zu Papier, da Traumvorstellungen sich bekanntlich rasch im Gedächtnisse verwischen und der Vorgang mir doch sehr lehrreich erschien sowohl für die Erkenntniß des Wesens göttlicher Wunder, als für die genauere Unterscheidung, inwieweit meinen früheren ähnlichen Visionen objektive Thatsachen zu Grunde gelegen haben oder nicht. Aus dem Inhalt jener Niederschrift will ich hier nur erwähnen, daß nach der mir angewunderten Traumvorstellung ein Pfleger der Anstalt, den ich vorher die Thür zu meinem an das Schlafzimmer anstoßenden Wohnzimmer hatte öffnen hören, theils auf meinem Bette sitzend, theils in der Nähe desselben allerhand Unfug trieb, u.A. geräucherte Zunge oder rohen Schinken mit Bohnengemüse aß, daß ich mich selbst schon während des Traumbilds aus dem Bette aufgestanden glaubte, um Licht zu machen und damit dem Wunderspuk ein Ende zumachen, mich aber beim vollständigen Erwachen im Bette liegend fand, also dasselbe bis dahin überhaupt nicht verlassen hatte. Man lächele nicht über die hinsichtlich der obigen Speisen angegebenen Einzelheiten. Die zur Bezeichnung dieser Speisen dienenden Worte hängen mit dem später von mir zu schildernden Aufschreibesystem zusammen und lassen mich daher genau die Absicht, in der gerade die Eingebung dieser Traumbilder erfolgte, erkennen; insofern handelt es sich hier um Beiträge zur Erkenntniß Gottes und namentlich des in den Gottesreichen herrschenden, bereits am Schlusse vom Kapitel I erwähnten Dualismus. An gegenwärtiger Stelle will ich nur noch das Folgende bemerken:

Daß ein nicht ganz ruhig schlafender Mensch Traumbilder zu sehen glaubt, die ihm sozusagen von seinen eigenen Nerven vorgegaukelt werden, ist eine so alltägliche Erscheinung, daß darüber an sich kein Wort zu verlieren wäre. Die Traumbilder der vorerwähnten Nacht und die früheren ähnlichen Visionen übertrafen aber an plastischer Deutlichkeit und photographischer Treue bei Weitem alles Dasjenige, was wenigstens ich in gesunden Tagen früher je erlebt habe. Sie waren eben nicht von meinen eigenen Nerven unwillkürlich hervorgerufen, sondern von Strahlen in dieselben hineingeworfen worden. Danach besitzen Strahlen die Fähigkeit, das Nervensystem eines schlafenden, unter gewissen Umständen vielleicht selbst eines wachenden Menschen und namentlich auch die Sinnesnerven desselben in der Weise zu beeinflussen, daß der Mensch fremde Personen vor sich stehen zu sehen und reden zu hören, sich selbst aber herumwandelnd und mit diesen Personen einen mündlichen Verkehr unterhaltend glaubt, gleich als ob alles dies wirklich thatsächliche Vorgänge wären. Nunmehr weiß ich bestimmt, daß letzteres nicht der Fall ist, ich behaupte aber, daß meine frühere gegentheilige Annahme nicht etwa nur auf die krankhafte Erregung meiner Nerven zurückzuführen ist, sondern daß jeder andere Mensch, wenn er derartige Traumbilder gesehen hätte, dieselben ebenso wie ich für Wirklichkeit gehalten haben würde. Natürlich habe ich einiges Frühere nunmehr zu berichtigen (vergl. indessen Anmerkung 39); insbesondere habe ich jetzt keinen Zweifel mehr, daß die in Anmerkung 28 geschilderte Begegnung mit unserem regierenden König nur ein Traumbild gewesen ist. Ich werde daher derartige Traumbilder, deren ich in den ersten Jahren meiner Krankheit unzählige gesehen habe, in dem Folgenden, wenn überhaupt, nur flüchtig berühren und mich in der Hauptsache nur mit solchen Vorgängen beschäftigen, bei denen ich mich bestimmt erinnere, in wachem Zustande gewesen zu sein. Immerhin ist auch solchen Traumbildern nicht aller Werth für die Erkenntniß der Dinge, um die es sich hier handelt, abzusprechen; es ist wenigstens in einzelnen Fällen nicht ausgeschlossen, daß dieselben ein sinnbildlicher Ausdruck für die Mittheilung entweder wirklich geschehener oder von Gott für die Zukunft erwarteter Ereignisse gewesen sind.

3

Diese Annahme schien Bestätigung zu finden in manchen Einzelheiten, die ich hier übergehen kann. Auch politische und religiöse Vorgänge spielten mit, sowie das Haus Wettin sollte sich auf einmal seiner angeblich slavischen Abstammung erinnert und zum Vorkämpfer des Slavismus gemacht haben; in weiten Kreisen Sachsens namentlich in dem Hochadel (genannt wurden u.a. die Namen »v.W., v.S.« usw.) sollte eine ausgedehnte Katholisirung stattgefunden haben; meine eigene Mutter sollte convertirt haben; ich selbst war fortwährend der Gegenstand von Bekehrungsversuchen der Katholiken (vergl. oben Seite 39) usw. usw.

4

Wenn ich oben in Anmerkung 37 bemerkt habe, ich hätte keinen Zweifel mehr, daß dies nur ein Traumbild gewesen sei, so muß ich jetzt bei weiterer Erwägung doch wieder eine Einschränkung machen. Daß ich selbst an der Luke der Thür meines Schlafzimmers gestanden habe, ist eine zu deutliche Erinnerung, als daß ich hierbei an eine Sinnestäuschung glauben könnte. Ich müßte also immerhin an die Möglichkeit denken, daß nur das außerhalb der Thür vermeintlich von mir Gesehene eine »Gesichtstäuschung« (vergl. Kräpelin in dem am Schlusse dieses Kapitels angezogenen Werke) gewesen sei.

5

Auch die Tage schienen mir damals wesentlich kürzer zu sein; eine Uhr, die zur Berichtigung etwaiger irriger Vorstellungen in dieser Hinsicht hätte dienen können, war nicht in meinem Besitze.

6

Über die mir später gegebene Bezeichnung eines »Höllenfürsten« werde ich weiter unten Näheres ausführen.

7

Sehr werthvoll ist mir dabei für meine Auffassung der Dinge die Bemerkung Kräpelins Seite 110, daß die »gehörten Stimmen« in den Fällen, wo sie einen übernatürlichen Charakter haben, »nicht selten von Gesichtstäuschungen begleitet seien«. Ich halte es für wahrscheinlich, daß es sich in einer beträchtlichen Anzahl dieser Fälle um wirkliche Visionen der auch von mir erlebten Art, d.h. um Traumbilder, die von Strahlen erzeugt worden sind, und darum eine ungleich größere Deutlichkeit als gewöhnliche Traumgesichter besitzen (vergl. Kräpelin S. 107), gehandelt hat. Auf der andern Seite wird man von einer »Unfähigkeit des Kranken zu scharfer und durchgreifender Berichtigung der neuen Vorstellungen an der Hand der früher gemachten Erfahrungen« S. 146 und von einer »Urtheilsschwäche«, die Kräpelin S. 145 als eine »ausnahmslose« Begleiterscheinung von Wahnideen bezeichnet, bei mir nach dem gesamten Inhalt der gegenwärtigen Arbeit wohl schwerlich Etwas entdecken können. Ich glaube bewiesen zu haben, daß bei mir nicht blos eine »gedächtnißmäßige Beherrschung feststehender Gedankenreihen und früher erworbener Vorstellungen« vorliegt, sondern daß auch die »Fähigkeit zu kritischer Berichtigung des Bewußtseinsinhaltes mit Hülfe von Urtheil und Schluß« (S. 146) in voller Schärfe vorhanden ist. Wer dagegen unter »gesunder Erfahrung« im Sinne von Kräpelin S. 146 etwa einfach das Leugnen alles Uebersinnlichen verstehen wollte, der würde nach meinem Dafürhalten vielmehr seinerseits dem Vorwurf begegnen, daß er sich nur von den seicht »rationalistischen Vorstellungen der Aufklärungsperiode« des 18. Jahrhunderts leiten lasse, die doch auch wissenschaftlich, insbesondere bei Theologen und Philosophen, vorwiegend als überwunden gelten.

Quelle:
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Bürgerliche Wahnwelt um Neunzehnhundert. Wiesbaden 1973, S. 59.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken.
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken: nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage:
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
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Meyer, Conrad Ferdinand

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

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Der historische Roman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt die Geschichte des protestantischen Pastors Jürg Jenatsch, der sich gegen die Spanier erhebt und nach dem Mord an seiner Frau von Hass und Rache getrieben Oberst des Heeres wird.

188 Seiten, 6.40 Euro

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Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

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Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

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