Einleitung

[7] Da ich den Entschluß gefaßt habe, in absehbarer Zukunft meine Entlassung aus der Anstalt zu beantragen, um wieder unter gesitteten Menschen und in häuslicher Gemeinschaft mit meiner Frau zu leben, so wird es nothwendig sein, denjenigen Personen, die dann meine Umgebung bilden werden, wenigstens einen ungefähren Begriff von meinen religiösen Vorstellungen zu geben, damit sie die manchen scheinbaren Absonderlichkeiten meines Verhaltens wenn auch nicht vollständig begreifen, so doch mindestens von der Nothwendigkeit, die mir diese Absonderlichkeiten aufzwingt, eine Ahnung erhalten.1

Diesem Zwecke soll die folgende Niederschrift dienen, mit welcher ich versuchen werde, anderen Menschen von den übersinnlichen Dingen, deren Erkenntniß sich mir seit nahezu sechs Jahren erschlossen hat, eine wenigstens einigermaßen verständliche Darlegung zu geben. Auf volles Verständniß kann ich von vornherein nicht rechnen, da es sich dabei zum Theil um Dinge handelt, die sich in menschlicher Sprache überhaupt nicht ausdrücken lassen, weil sie über das menschliche Begriffsvermögen hinausgehen. Auch kann ich von mir selbst nicht einmal behaupten, daß Alles dabei für mich unumstößliche Gewißheit sei; Manches bleibt auch für mich nur Vermuthung und Wahrscheinlichkeit. Ich bin eben auch nur ein Mensch und daher an die Grenzen menschlicher Erkenntniß gebunden; nur soviel beruht für mich außer Zweifel, daß ich der Wahrheit unendlich viel näher gekommen bin, als alle anderen Menschen, denen göttliche Offenbarungen nicht zu Theil geworden sind.

Um einigermaßen verständlich zu werden, werde ich viel in Bildern und Gleichnissen reden müssen, die vielleicht zuweilen nur annähernd das Richtige treffen; denn die Vergleichung mit bekannten menschlichen Erfahrungsthatsachen ist der einzige Weg, auf dem sich der Mensch die ihm in ihrem innersten Wesen doch immer unbegreiflich bleibenden übersinnlichen[8] Dinge wenigstens bis zu einem gewissen Grade verständlich zu machen vermag. Wo das verstandesmäßige Begreifen aufhört, fängt eben das Gebiet des Glaubens an; der Mensch muß sich daran gewöhnen, daß es Dinge giebt, die wahr sind, obwohl er sie nicht begreifen kann.

So ist beispielsweise gleich der Begriff der Ewigkeit etwas für den Menschen Unfaßbares. Der Mensch kann sich eigentlich nicht vorstellen, daß es ein Ding geben soll, das keinen Anfang und kein Ende hat, eine Ursache, die nicht wieder auf eine frühere Ursache zurückzuführen wäre. Und doch gehört, wie ich annehmen zu müssen glaube und alle religiös gesinnten Menschen mit mir annehmen, die Ewigkeit zu den Eigenschaften Gottes. Der Mensch wird immer geneigt sein zu fragen: »Wenn Gott die Welt geschaffen hat, wie ist denn dann Gott selbst entstanden?« Diese Frage wird ewig unbeantwortet bleiben. Aehnlich verhält es sich mit dem Begriffe des göttlichen Schaffens. Der Mensch kann sich immer nur vorstellen, daß aus bereits vorhandenen Stoffen durch Einwirkung umgestaltender Kräfte ein neuer Stoff entsteht, und doch glaube ich – wie ich auch in dem Folgenden mit einzelnen Beispielen belegen zu können hoffe – daß das göttliche Schaffen ein Schaffen aus dem Nichts ist. Auch in den Glaubenssätzen unserer positiven Religion ist Manches enthalten, was sich einem vollständigen Begreifen durch den menschlichen Verstand entzieht. Wenn die christliche Kirche lehrt, daß Jesus Christus Gottes Sohn gewesen sei, so kann dies immer nur in einem geheimnißvollen, mit der eigentlichen Bedeutung der menschlichen Worte sich nur annähernd deckenden Sinne verstanden werden, da Niemand behaupten wird, daß Gott als ein mit menschlichen Geschlechtswerkzeugen versehenes Wesen mit dem Weibe, aus dessen Schoße Jesus Christus hervorgegangen ist, Umgang gepflogen habe. – Aehnlich verhält es sich mit der Lehre von der Dreieinigkeit, der Auferstehung des Fleisches und anderen christlichen Glaubenssätzen. Damit will ich keineswegs gesagt haben, daß ich alle christlichen Glaubenssätze im Sinne unserer rechtgläubigen Theologie als wahr anerkenne. Im Gegentheil habe ich sicheren Grund anzunehmen, daß einige derselben bestimmt unwahr oder nur in großer Beschränkung wahr sind. Dies gilt z.B. von der Auferstehung des Fleisches, die nur etwa in der Form der Seelenwanderung auf eine relative und zeitlich beschränkte (nicht das Endziel der Entwickelung darstellende) Wahrheit Anspruch machen könnte, und von der ewigen Verdammniß, der gewisse Menschen verfallen sein sollen. Die Vorstellung einer ewigen Verdammniß – die auch für das menschliche Gefühl immer abschreckend bleiben würde, ungeachtet der m.E. auf Sophismen beruhenden Darlegung, mit der z.B. Luthardt in seinen apologetischen Vorträgen dieselbe annehmbar zu machen gesucht hat – entspricht nicht der Wahrheit, wie denn überhaupt der (menschliche) Begriff der Strafe – als eines zur Erreichung bestimmter Zwecke innerhalb der menschlichen Gemeinschaft dienenden Machtmittels – aus den Vorstellungen über das Jenseits in der Hauptsache wenigstens auszuscheiden ist. Hierüber kann erst weiter unten das Nähere ausgeführt werden.2[9]

Ehe ich zu der Darlegung übergehe, wie ich in Folge meiner Krankheit in besondere und, wie ich gleich hinzufügen will, der Weltordnung an sich widersprechende Beziehungen zu Gott getreten bin, muß ich zunächst einige Bemerkungen über die Natur Gottes und der menschlichen Seele vorausschicken, die vorläufig nur als Axiome – des Beweises nicht bedürftige Sätze – hingestellt werden können und rücksichtlich deren eine Begründung, soweit dieselbe überhaupt möglich ist, erst im weiteren Verlaufe versucht werden kann.

1

Vorbemerkung. Im weiteren Fortgang der Beschäftigung mit der gegenwärtigen Arbeit ist mir der Gedanke gekommen, daß dieselbe doch vielleicht auch für weitere Kreise Interesse haben könnte. Nichtsdestoweniger habe ich es bei dem Eingang gelassen, da die Orientierung meiner Frau über meine persönlichen Erlebnisse und religiösen Vorstellungen nun einmal die erste Veranlassung zu derselben gewesen ist. Hierin wolle man auch die Erklärung finden, daß ich es in der Arbeit vielfach für angemessen befunden habe, umständlichere Erklärungen für wissenschaftlich bereits bekannte Thatsachen, Verdeutschung von Fremdwörtern u.s.w. zu geben, die für wissenschaftlich gebildete Leser eigentlich entbehrlich wären.

2

Auf der anderen Seite bin ich in der Lage, für einige christliche Glaubenssätze auf Grund des von mir selbst Erlebten eine nähere Erklärung, wie dergleichen Dinge im Wege göttlicher Wunder möglich sind, zu geben. Etwas der Empfängniß Jesu Christi von Seiten einer unbefleckten Jungfrau – d.h. von einer solchen, die niemals Umgang mit einem Manne gepflogen hat – Aehnliches ist in meinem eigenen Leibe vorgegangen. Ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsig'schen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen wenn auch etwas mangelhaft entwickelten weiblichen Geschlechtstheil gehabt und in meinem Leibe hüpfende Bewegungen, wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen Embryo entsprechen, empfunden: durch göttliches Wunder waren dem männlichen Samen entsprechende Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden; es hatte also eine Befruchtung stattgefunden. Ferner habe ich von der Art und Weise, wie sich die Auferstehung Jesu Christi vollzogen haben mag, eine ziemlich deutliche Vorstellung erlangt; ich habe in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt und in der ersten Zeit meines hiesigen Aufenthalts nicht nur in einem, sondern in Hunderten von Fällen mitangesehen, daß Menschengestalten durch göttliche Wunder auf kurze Zeit hingeworfen wurden, um sich dann wieder aufzulösen oder zu verschwinden – die in mich hereinsprechenden Stimmen bezeichneten diese Erscheinungen als sog. »flüchtig hingemachte Männer« – zum Theil selbst längst verstorbene, wie z.B. Dr. Rudolph J., den ich in der sog. Pierson'schen Anstalt in Coswig gesehen habe, aber auch Andere, die anscheinend eine Seelenwanderung durchgemacht hatten, wie z.B. Oberstaatsanwalt B., Oberlandesgerichtsräthe Dr. N. und W., Geh. Rath Dr. W., Rechtsanwalt W., meinen Schwiegervater und Andere, Alle ein sog. Traumleben führend, d.h. nicht den Eindruck machend, als ob sie ein vernünftiges Gespräch zu führen im Stande wären, wie ich denn damals auch selbst noch nicht zum Sprechen geneigt war, in der Hauptsache eben deshalb, weil ich keine wirklichen Menschen, sondern nur Wunderpuppen vor mir zu haben glaubte. Auf Grund dieser Erlebnisse bin ich geneigt anzunehmen, daß auch Jesus Christus, der als wahrer Mensch eines wahrhaften Todes gestorben ist, in der Folge durch göttliches Wunder auf kurze Zeit als »flüchtig hingemachter Mann« neu »gesetzt« worden ist, um den Glauben seiner Anhänger zu stärken und damit der Idee der Unsterblichkeit eine sichere Stätte unter den Menschen zu bereiten, dann aber der natürlichen Auflösung der »flüchtig hingemachten Männer« verfallen ist, womit selbstverständlich nach dem weiter unten zu Bemerkenden nicht ausgeschlossen ist, daß seine Nerven zur Seligkeit eingegangen sind. Dagegen halte ich das Dogma von der Himmelfahrt Christi, dieser Auffassung entsprechend, für eine bloße Fabel, welche sich seine Jünger aus dem Verschwinden des auch nach seinem Tode wiederholt von ihnen in leibhaftiger Gestalt unter sich gesehenen Menschen zurechtgelegt haben.

Quelle:
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Bürgerliche Wahnwelt um Neunzehnhundert. Wiesbaden 1973, S. 7-10.
Lizenz:
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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken: nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage:
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken
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