Zum zweiten Male in Rom

[230] Am 24. Januar 1783 kam ich zum zweiten Male in Rom an und bezog meine alte Wohnung in der Strada Baboina bei meinen guten Hausleuten, diesmal aber leider ohne meinen Freund Waagen. Mein erster Gang war am frühen Morgen auf die Treppe der Trinità de' Monti, um von der Höhe Rom zu begrüßen. Indem ich mich an der herrlichen, weiten Aussicht mit Rührung weidete, stieg zugleich der innige Wunsch in mir empor, daß die hohe Stadt mich freundschaftlich aufnehmen und mir einen Teil des Geistes zukommen lassen möchte, der hier so viele große Männer beseelte, Werke zu vollenden, die von der Nachkommenschaft mit Bewunderung verehrt werden. Auch hatte mich die ganze Nacht die heißeste Sehnsucht nach dem Freskobilde von Daniele da Volterra in der Kirche della Trinità getrieben, um mich einmal wieder an einem durchaus gut gezeichneten Bilde zu laben. Es stellt bekanntlich eine »Abnehmung Christi vom Kreuze« vor. Die wohlgezeichneten Männer und die schöne Gruppe von Frauen, welche der in Ohnmacht sinkenden Mutter Maria mit so vieler Sanftheit zu Hilfe kommen, ergötzten mich unendlich. Lange stand ich davor, um aller der Kenntnis nachzuspüren, womit dieses Bild gemalt ist, und um es mir im Gedächtnisse zu erhalten. – Dann besuchte ich einige Freunde, denen ich besonders viel von der Schweiz erzählen mußte und von den schätzbaren Männern daselbst, mit welchen ich Bekanntschaft gemacht hatte. Um nun alle meine alten Bekannten[231] zusammen zu sehen, ging ich zur Mittagszeit in eine Trattoria, wo ich wußte, daß die meisten Künstler speisten. Das war nun eine Freude, sich wiederzusehen und auch die Neuangekommenen kennenzulernen! Im Kaffeehause, wohin die Künstler gewöhnlich von der Trattoria gehen, fand ich noch mehrere zusammen. Ich kam also erst am Nachmittage nach Haus und eilte nun zu meinen guten Hausleuten hinauf, um sie noch recht zu begrüßen.

Ich fand noch alles, wie ich es verlassen hatte. Die Lampe brannte noch ebenso vor dem Porträt des Signor Federico meines Vetters wie vor dem Bilde der Santissima vergine madre Maria. Auch standen die fünf Lottonummern mit den 30000 Scudi noch an der Wand, deren Verlust die Frau, ob es gleich schon viele Jahre her war, noch immer beweinte. Die unglückliche Geschichte verhielt sich so. Ein Engel hatte ihr im Traume die Nummern angegeben und dabei gesagt: »Setze darauf eine Quinterne im Lotto, du gewinnst sie.« Als sie erwachte, schrieb sie die Zahlen an die Wand und trug jemandem auf, die Nummern für sie im Lotto zu setzen. Dies war vergessen worden; die Nummern gewannen in der Tat, und ich mußte nun, ob ich gleich diese Geschichte wohl hundertmal von ihr gehört hatte, abermals sehen, wie die Frau bitterlich weinte, ihre Arme ins Kreuz auf der Brust zusammenlegte, dann wie in Verzweiflung die Hände rang, die Augen wie Guidos Magdalena gen Himmel wandte und schmerzhaft ausrief: »La madre santissima hatte mir das zugedacht, und perfida gente hat mich drum betrogen!« – Ebenso unerschöpflich war sie im Lobe des Signor Federico; sie nannte ihn nach wie vor »Un puro angelo, garbato ed amabilissimo, un Santo della prima classe, gentile, polito, nobilissimo e dí buon cuore e delle più scelte qualità, come un christiano può essere.« Da ich nun »fratello carnale del signore Federico« war und die guten Leute auch die Ähnlichkeit der Blutsfreundschaft in mir zu finden glaubten, so ward ich bei ihnen auf die nämliche[232] Art aufgenommen und mit aller erdenklichen Dienstfertigkeit und Gutmütigkeit behandelt. Hier kamen mir nun alle die Vorteile zugute, die jemand genießt, wenn er vortreffliche Verwandte und Vorgänger hat, die bei den Menschen in Liebe und Achtung stehen. Dies erfuhr ich sehr oft in meinem Leben. Wo meine Oheime und Vettern gewesen waren, fand ich überall eine gute Aufnahme; ja, oft wollten die Wirte von mir gar keine Bezahlung nehmen, weil sie, wie sie sagten, noch Schuldner wären für soviel Vergnügen, welches Kunst und Freundschaft meiner Vettern ihnen gewährt hätte. Überhaupt wird in Rom der Fremde gut von den Hausleuten bewirtet, man fühlt sich wie zu Hause bei ihnen. Die meinigen wohnten im oberen Stock und hatten im Fußboden ein kleines, viereckiges Loch, durch welches sie in mein Zimmer sehen konnten. Da lauerten sie nun beständig, ob ich etwas nötig hätte, und gleich waren sie da, um es mir zu reichen.

So angenehm und lehrreich es ist, besonders für den Neuangekommenen, bei einem Traiteur in der Gesellschaft von Künstlern zu speisen, so zog ich es doch vor, bei meinen gefälligen Wirtsleuten zu Tisch zu gehen, um für mich allein zu sein und ungestört arbeiten zu können. Ich fing meine Studien wieder an, zeichnete nach den Antiken und machte Entwürfe zu Bildern eigener Erfindung. Hier ist nun ein junger Künstler wie in einer Wüste ohne Weg und Wegweiser, oder vielmehr, und besonders in Rom, ist er allein in einer Gegend, wo tausend Wege sind und nur ein Wegweiser steht, der tausend Arme nach allen Seiten ausstreckt. Welchen Weg soll man einschlagen? So war es mir. Ich wußte nicht, was ich malen sollte. Eins schwebte mir zuerst als würdiger Gegenstand vor, dessen Ausführung mir aber große Schwierigkeiten zu enthalten schien. Bilder, die auf den Geist der Deutschen wirkten, vaterländische Geschichten, wo Menschen von Edelmut und Kraft Taten vollbrachten, die würdig waren, als Muster zur Nachahmung im[233] Bilde aufgestellt zu werden – solche Bilder, fühlte ich, müßte ich malen. Wenn ich mir auch selbst sagte, daß der Charakter hauptsächlich durch das Wort und die lebendige Tat gebildet wird, so hatte ich doch die feste Überzeugung, daß auch Bilder dazu beitragen könnten, die sich ebenso der Phantasie einprägen wie das Wort dem Verstande; und wirkt nicht die Phantasie oft ebensoviel im Leben wie der Verstand?

Dachte ich mir nun ein solches Bild aus der alten Geschichte, so sah ich nichts als eiserne Harnische und dicke Kleider, die den Körperbau versteckten und höchstens Gesicht und Hände sehen ließen, oder Nonnenkleider, die nichts als die Fingerspitzen zeigten und das Schönste verhüllten, was die Schöpfung hervorgebracht hat. Nahm ich dagegen mein Sujet aus der neuen Geschichte, da steckte der Held gar in vielfarbiger, zerstückelter Uniform und die Beine in schwarzen oder gelben ledernen Fässern! Meine Einbildungskraft beschäftigte sich ganz mit den früheren rohen Zeiten, wo Völker aus bloßem Gefühl, in ungezügelter Leidenschaft kräftige Taten vollbringen und mit Hartnäckigkeit alle Beschwerden überwinden, die sich ihnen entgegensetzen. Dies muß dem jugendlichen Menschen immer am meisten gefallen, weil er sich gleichsam im nämlichen, noch ungebildeten Zustande des Gefühls und der Kraft befindet und selbst eher rasch nach Eingebung der Leidenschaft als nach Überlegung handelt. Auch sind solche Gegenstände die auffallendsten in der Geschichte, und sie lassen sich am leichtesten im Bilde darstellen, denn heftige Bewegung des Körpers, ausgestreckte Arme, schlagende Fäuste zeigen gleich, was die Figur tun will; und der Gegner, im kräftigen Widerstreben oder durch Leiden niedergeworfen, gibt sich ebenso leicht zu erkennen. Dergleichen Bilder wirken auf den Anschauer plötzlich, den Nichtkenner ziehen sie am frühesten an, aber nicht so den Kenner. Dieser verhüllt vor den heftigen Darstellungen sein Gesicht; er vermißt die[234] besonnene Ruhe in den zu stark ausgedrückten Leidenschaften.

Auch ich hatte jenen Fehler, worauf mich der feingebildete Nüßler oft aufmerksam machte, wenn wir an den traulichen Ufern des Züricher Sees in seinem schönen Garten zusammensaßen. Erst späterhin führten mich die Eindrücke, die seine Gespräche in mir hinterlassen hatten, auf die besonnene Prüfung meiner früheren Ansicht; denn ich merkte nun immer mehr, daß mich das zarte, stillgemütliche Schöne allgewaltig anzog und bleibendes Wohlgefallen in mir zurückließ. Wieviel mehr wurde dies durch das Anschauen der alten Heiligenbilder aus der Zeit der Wiederauflebung der Kunst in Italien geweckt und gestärkt! In diesen Bildern, deren man noch so viele in den alten Kirchen Italiens findet und die in mancher Hinsicht mit den altdeutschen Bildern in Verbindung stehen, gewahrt man das echte, stille, gemütliche Leben edler Wesen ohne heftige Bewegung und ohne malerischen Prunk, und deshalb ließ ich mir's besonders angelegen sein, solche fleißig zu studieren. Da mich aber dabei immer der Wunsch beseelte, Bilder zu fertigen, die meine guten Landsleute interessieren könnten, so suchte ich mir Gegenstände aus der deutschen Geschichte und zeichnete verschiedene Entwürfe. Ich schwankte aber, welche ich zur weiteren Ausführung wählen sollte.

In der Schweiz hatte ich bereits mehrere Skizzen der Art gemacht, unter anderen den »Konradin von Schwaben«, ein kleines Bild, das ich daließ, weil ich's nicht der Mühe wert achtete, es mitzunehmen. Unverhofft erhielt ich nun eines Tages Brief und Wechsel von Freund Lavater, der mir schrieb, er habe einer durchreisenden Dame die kleine Skizze von Konradin gezeigt; derselben habe das Bildchen so wohl gefallen, daß sie es zu besitzen gewünscht und mir das beikommende Geld dafür schicke. Ich erkannte hierin recht die Freundschaft des edlen Lavater, der abwesend[235] noch ebenso besorgt für mich war wie in der Nähe, und den ich im Tode noch liebe, wie ich ihn in seinem Leben geliebt habe! Den Manen dieses unvergeßlichen Freundes sei hier nochmals mein warmer Dank gebracht!

Die beiden jungen Prinzen, Konradin von Schwaben und Friedrich von Österreich, die sich mit großer Seele so standhaft in ihrem Unglücke bewiesen, lagen mir nun beständig im Sinne; ich hatte Lust, ein großes Bild davon zu machen. Ich fing an, die Köpfe zu zeichnen, so daß in jedem sein Charakter und seine Leidenschaft zu erkennen war: der trotzige Unwille Konradins über das ungerechte Urteil und seine Standhaftigkeit bis an den Tod; im Friedrich sah man den Unmut, daß er seinem Freunde nicht beistehen, ihn nicht retten konnte, in dem Herzoge von Flandern das Mitleid für die Unschuld der jungen Prinzen. Er weinte, mit der Hand auf dem Herzen. Doch wurde es mir schwer, den letzten anzubringen, weil ich ihn bei der einmal erdachten Komposition nicht anders als mit dem Rücken gegen den Anschauer stellen konnte. Nun wußte ich nicht, ihm die Hand aufs Herz zu bringen, alle Versuche mißlangen. Endlich erschien er mir im Traume, da wußte ich's. Den Richter Bari, welcher das schreckliche Urteil geschmiedet hatte, konnte ich mir nicht anders als mit häßlichem Gesichte vorstellen und es nicht übers Herz bringen, ihm ein gefälliges Ansehen zu geben. Ich kannte einen Menschen, der ein solches Gesicht hatte, dem auch alles gleich galt, was er sagte, der die größten Unwahrheiten mit unverschämter Frechheit log und mit den gräßlichsten Schwüren bekräftigte. Den nahm ich zum Modell. In des jungen Pagen Gemüte lag Mitleid für den Prinzen, im Gefangenenwärter Neugier, in den zwei Soldaten Sehen und Horchen. Als ich eben an dem Bilde arbeitete, trat ein junges Mädchen in mein Zimmer. Ihr Auge fiel auf das häßliche Gesicht des Bari, der das Urteil vorliest. »Ei«, sagte sie, »um so ein scheußliches Gesicht hätte ich mir nicht so viel Mühe[236] gemacht!« Ihr Tadel traf mich scharf, und ich dachte an meinen Freund Nüßler, der mir die Lehre gab: »In einem Kunstwerke muß alles schön sein, sogar Furien; das zeigt die Meduse im Palast Rondanini, die alles zu versteinern scheint und doch schön ist.«

Bei meinem ersten Aufenthalte in Neapel sah ich noch die Kapelle, welche über dem Orte errichtet wurde, auf welchem einst das Schafott der beiden jungen Prinzen Konradin und Friedrich stand. Noch war der Fleck zu sehen, wo ihr unschuldiges Blut floß. Die Marmorfliesen hatten es unvertilgbar eingesogen, man mochte so viel waschen wie man wollte. So sagte der Cicerone, der den Schlüssel zu dieser Kapelle hatte, aber es mochte wohl aufgefrischt worden sein wie der Tintenfleck auf der Wartburg. Die Wände dieser Kapelle waren mit Figuren bemalt aus der Geschichte der beiden jungen Prinzen. Auch sah man die Statue der Mutter, welche einen Beutel voll Gold trug, womit sie das Leben ihres Sohnes hatte erkaufen wollen. –

Auf Spaziergängen besprach ich mich oft mit meinem Freunde Dornow über die Komposition des Bildes und wie man in den Gesichtern jeder Figur lesen müsse, was im Gemüte vorgehe. »Ich sehe nicht ein, wie Ihr das anfangen wollt«, versetzte er, »und ich gestehe, daß ich es nicht zu machen wüßte.« Ich erwiderte ihm, das Bild läge mir so am Herzen, daß ich den Gedanken durchaus nicht fahrenlassen könnte; auch hätte ich die Köpfe dazu schon alle gezeichnet. »Dann ist das Bild schon halb fertig«, versetzte er, »und so fahrt nur getrost fort.« Wer von einer Idee erfüllt ist, den muß man nicht irremachen; was dem einen unmöglich scheint, bringt der andere zustande. Leicht ist das geistige, eben aufgelebte Flämmchen durch Widerstand ausgelöscht.

Die Zeichnungen der Köpfe schickte ich nun an den Herzog von Gotha und bemerkte dabei, daß ich danach ein Bild in Ölfarbe anfinge. Wie mir andere sagten, sind diese[237] Köpfe oft nachgezeichnet worden. Auch Dornow war mit denselben zufrieden. Ehe ich das Bild anfing, machte ich erst alle Zeichnungen von den Stellungen, Händen, Gewändern alles in nämlicher Größe, wie ich es auf dem Bilde brauchte. In Nürnberg sah ich in einer Kirche ein rotsammetnes, mit Perlen gesticktes Kleid, welches ein Kaiser getragen hatte, das nahm ich für den Konradin. Nun mußte mir ein junger Mensch sitzen, den ich erst nackend zeichnete; dann ließ ich mir ein Gewand von dünnem Zeuge machen, welches gute Falten warf, das zog ich ihm an und legte die Falten so, daß der Körper und seine Teile gut zu sehen waren. Hierauf bestellte ich die Leinwand zum Bilde und gab dem Kolorar genau an, wie ich sie haben wollte. Weil ich wußte, wieviel auf eine tüchtige Leinwand ankommt, kaufte ich sie selbst, denn die, welche die Kolorari gewöhnlich nehmen, ist sehr dünn und nur mit Leimwasser und Kleie fester gemacht. Über diesen Grund streichen sie alsdann Ölfarbe, wozu sie Ton nehmen, unter die dritte Grundierung nehmen sie etwas Bleiweiß. Ihre Tücher sehen glatt aus, sind eben und wohlfeil, worauf die jungen Maler hauptsächlich sehen müssen, aber sie sind nicht so zweckmäßig, als sie sein könnten. Der Leim macht, daß Spinngewebe Halt bekommen, die Kleie füllt die Zwischenräume der Fäden aus, und Leim und Kleister machen nun eine so starke Decke, daß die Ölfarbe nicht, wie sie eigentlich sollte, bis zu den Fäden der Leinwand eindringen kann. Daher fällt die Ölfarbe stückweise ab, sobald das Tuch von hinten Nässe bekommt. Wenn das Bild nur einige Jahre an einer feuchten Wand hängt, quillt schon der Leim und Kleister dick auf und löst die Farbe ab. So ging es dem Maler David an seinen »Horatiern«, auch dem Philipp Hackert, der sonst sehr vorsichtig war, mit einer Landschaft, woran nur noch einige Stücke hingen. Ich war also jedesmal dabei, wenn die Farbe gerieben und aufgespatelt wurde. Als nun die Leinwand gehörig ausgetrocknet[238] war, fing ich an, darauf zu malen, nachdem ich die Stellen, wo Köpfe und Hände hinkamen, noch einmal mit feiner Farbe übergangen hatte. Ebensoviel Mühe gab ich mir mit den Farben. Diejenigen, welche am meisten Sorgfalt erforderten, rieb ich selbst. Die Künstler sind oft zu gleichgültig, worauf und mit was für Farben sie malen. Sie lassen ihre Tücher und Farben vom Kolorar holen und verbrauchen sie so, wie dieser sie schickt. Ja, sogar Battoni rühmte sich, daß er mit ordinären Farben so schön zu malen verstehe. Um wieviel besser aber würde dieser geschickte Mann gemalt haben, wenn er sorgfältiger in der Wahl der Farben gewesen wäre!

Ich machte mich nun recht fleißig daran, fuhr aber auch immer fort, die Antiken zu studieren und Skizzen zu anderen Bildern zu entwerfen. Da ich die Köpfe für die Hauptsache hielt, so befliß ich mich besonders, diese recht zeichnen zu lernen, die verschiedenen Charaktere der Menschen und die Leidenschaften der Seele, wie sie im Gesichte sich äußern, zu beobachten. Ich wählte daher zu meinen Entwürfen Gegenstände aus der Geschichte, worin Personen von ausgezeichneten Charakteren und Leidenschaften vor kamen; erst späterhin, wenn ich etwas mehr die schönen Formen studiert hätte, wollte ich mich an ein Bild wagen, worin die Schönheit der Formen der Vorzug sein sollte. So machte ich jetzt einen Entwurf zu einem Bilde aus der schönen Zeit, wo die Wahrheit in Deutschland kräftig aufblühte zur Befreiung des Menschengeistes: »Wie Doktor Luther mit seinen Gegnern disputiert.« Hier wollte ich den festen und reinen Wahrheitsverfechter zwischen den listigen, schlauen Gegnern vorstellen. Dies Bild gedachte ich in Deutschland zu malen, denn in Rom schickte es sich nicht. Dann entwarf ich auch den »Brutus, wie er seinen Söhnen die Liste der Verschworenen vorhält, worauf auch ihre Namen stehen«. Dies waren Figuren in Lebensgröße bis etwas unter die Knie. Ich mußte ein Maß wählen, das[239] ich mit meinen Ausgaben bestreiten konnte, und dies war mir auch genug, da es hauptsächlich um die Köpfe zu tun war. Dann wünschte ich aber doch auch, ein großes Bild zu malen, worauf die Figuren ganz zu sehen wären. Besonders hatte ich Lust, eine Frau von großem Charakter darzustellen, und ich wählte dazu die Sophonisbe, die, im Unglück stolz, auf ihren Überwinder mit Verachtung schaut. Wo die Oberen voll so edlen Stolzes und solcher Hoheit waren, da konnte kein niederträchtiges Volk sein, und bei aller Verleumdung ihrer Sieger, sie verächtlich zu zeigen, leuchtete doch immer ihr großes Herz durch. Ich nahm den Augenblick, wie der Römer Lälius sie vom Syphax fordert, um sie in Rom im Triumph aufzuführen. In dem Römer hatte ich einen Mann gezeichnet, der kalt und fest seine Aufträge ausführt, und im Numidier einen wankenden, von Leidenschaften bewegten, mit seinen Gefühlen kämpfenden Mann. Sophonisbe, eine hohe Gestalt, steigt eben aus dem Bette; das Bettuch ist zurückgeschlagen, ihr nachlässig umgeworfenes Gewand sinkt an der aufgerichteten Figur lang herunter und läßt hier und da die Form ihrer schönen Glieder sehen. Syphax ist früher aufgestanden und sitzt unbekleidet auf der vorstehenden Kante des Bettes, gefoltert von unentschlossenem Mute, da er zwar die schöne Frau heftig liebt, aber doch auch sein Wort gegeben hat, sie zu retten oder ihr den Tod zu geben. Lälius steht aufrecht in römischer Rüstung. Ich hatte mich ganz in den großen Geist dieser Karthagenienserin hineinversetzt, die als Tochter des Hasdrubal, der einen Teil der Welt beherrschte, die Ehre höher als das Leben schätzte. Wo ich stand und ging, schwebte Sophonisbe mir vor; auch in meinen Träumen erschien mir die erhabene Gestalt.

Abwechselnd in nämlicher Zeit trat auch das Gegenbild vor meine Phantasie. Neben dem starken weiblichen Charakter sah ich die schöne, anmutsvolle, sanfte Helena mit ihren holden Augen, sie, von deren Schönheit die alten weisen[240] Männer urteilten, daß sie es wert sei, ihretwegen das größte Übel zu tragen. So arbeitete ich an den Studien beider Bilder, je nachdem ich mich innerlich gedrängt fühlte. Sah ich Augen, die etwas Erhabenes, Stolzes hatten, die von einer Höhe auf das, was unter ihnen klein ist, herunterschauten, dann zeichnete ich sie für die Sophonisbe. Bei einem Feste in St. Peter zu Rom ging einmal in sehr dichtem Menschengedränge eine schön gewachsene Römerin mit ihrem Bräutigam vor mir her. Unabsichtlich trat ich ihr einige Male auf die Fersen. Plötzlich wandte sie sich um und maß mich mit einem Blicke voll Verachtung von unten bis oben, so daß ich erschrak und mich freute, daß sie nur ihrem Bräutigam nichts davon sagte, der mir ohne Zweifel sein Messer in die Brust gestoßen haben würde. Diesen Blick hielt ich fest und gab ihn dem Auge meiner Sophonisbe. – Sah ich aber schön geformte, holdlächelnde Augen, so zeichnete ich sie für die Helena. Und ebenso machte ich es mit den Studien zu den anderen Teilen des Kopfes, auch zu den Armen, Füßen und anderem. Ich wollte die Helena, umgeben von Mädchen, mit weiblicher Arbeit in ihrem Zimmer beschäftigt, vorstellen; der schöne Paris, ihr Gemahl, tritt herein mit glänzenden Waffen, mit ihm Hektor, der Vortreffliche, sein Bruder.

Mein Bild, der Konradin, war bereits fertig. Ich zeigte es meinen Landsleuten, doch fürchtete ich, daß diese aus Liebe für mich die Fehler mir nicht sagen möchten, und ich wandte mich also an die vorzüglichsten Künstler in Rom. Mein Vetter Fritz, der in Paris eine genaue Freundschaft mit dem Maler David angeknüpft hatte, rühmte dessen Geschicklichkeit und wie Großes mit der Zeit von ihm zu erwarten sei. Da eben David ein Bild für eine Kirche in Frankreich fertig hatte, so führte mich mein Vetter, um es zu sehen, an einem Sonntagmorgen zu ihm. Beide plauderten lange miteinander von ihrer Freundschaft aus Paris, und ich mußte die lange liebe Zeit immer das Bild ansehen,[241] das mir nicht sehr gefiel. Die Franzosen lieben es, in der Manier des Michelangelo da Caravaggio und Valentino zu malen.

Dieses Bild brachte David selbst nach Frankreich, kehrte jedoch bald nach Rom zurück und fing sein bekanntes Bild an, »Die Horatier«, wovon man sich etwas Vortreffliches versprach. Bisher hielt er sein Atelier verschlossen und ließ niemand hinein als einen Bildhauer, der ihm die Modelle dazu fertigte, außerdem seinen Schüler Drouais und einige Landsleute, denen er sich vertrauen konnte. Man hörte immer mehr von diesem Bilde und sagte, daß es seiner Vollendung nahe wäre. David wohnte nicht weit von mir, auf Trinità de' Monti, und ich sah ihn jeden Tag vor meinem Hause nach seinem Atelier vorbei wandern. Ich ging nun zu diesem meinem Nachbar und bat ihn aufs höflichste, sich zu mir zu bemühen, um mir sein Urteil zu sagen über ein Bild, das ich soeben gefertigt hätte. Er schlug es mir rund ab: »Dazu habe ich keine Zeit«, sagte er, »ich werde von so vielen jungen Künstlern darum angesprochen, aber der Gang ist doch vergebens; solche Bilder sind kaum des Ansehens wert.« Ich bat ihn nun inständig, daß er mir aus Rücksicht gegen meinen Vetter Federico Tischbein diese Gefälligkeit erweisen möchte, der habe viel von seiner Wissenschaft in der Kunst gerühmt und ich sei auch mit diesem früherhin bei ihm gewesen, er hätte mich nur übersehen, während er mit diesem gesprochen. Er schien noch immer nicht willens zu sein, die paar Schritte zu machen, nahm noch von seiner artigen Frau einige Tassen Kaffee, dann setzte er seine Pantoffeln weg und kleidete sich langsam an. Endlich gingen wir zu meiner Wohnung und stiegen die hohe Treppe hinauf. Als ich die Tür aufmachte und er das Bild sah, schien er zu erstaunen und rief: »So etwas kann Ihr Vetter nicht; von Füger habe ich viel gehalten« (vielleicht weil er eine Skizze gemalt hatte, wo ein Horatier seine Schwester unter dem Tore ermordet,[242] als sie ihres Bräutigams Rüstung auf ihres Bruders Schulter sieht und jammert), »aber ein solches Bild mit Ausdruck glückt ihm nicht, auch Ihrem Landsmanne Mengs nicht! Wie kommt es, daß ich von Ihnen noch nie etwas gehört habe?« Ich erwiderte, dies sei mein erstes Bild. Dann fuhr er fort: »Ich reise bald wieder nach Frankreich, Sie müssen erlauben, daß die jungen Künstler der französischen Akademie dieses Bild sehen, ich werde sie herschicken. Nun gehen Sie mit mir und sagen mir Ihr aufrichtiges Urteil über mein Bild.« Ich ging mit ihm, und als ich es sah, ergriff mich ein eiskalter Schauer über den Ernst der schwörenden Söhne, indem der Vater ihnen die in die Höhe gehobenen Schwerter übergibt, zu siegen oder zu sterben! Auf der Seite war eine Weibergruppe, unter ihnen saß die wehmütige Mutter, besorgt über das Leben ihrer Söhne. Aber noch wehmütiger saß da ein gebeugtes junges Mädchen, die Braut des Albaners, fürchtend für das Leben ihres Bräutigams. Daneben stand ein Knabe, der sah hin nach den Schwertern und schien Lust zu solchen Taten zu haben. Nun versicherte mich David noch einmal, daß er mich schätze, und er halte mich für seinen Freund, der ihm treu die Meinung über sein Bild sagen werde. Ich erwiderte ihm, daß ich aufrichtig spräche, wie ich in meinem Inneren es dächte: »Wenn Sie die Frauengruppe ebenso ausarbeiten wie die Männer, alsdann kann es unter die vorzüglichsten Bilder gesetzt werden, und keins wird ihm den Rang streitig machen.« Er antwortete dagegen, das Bild sei fertig, und er rühre es nicht mehr an. »Aber man sieht die Farbe des blassen Gipses noch darin«, versetzte ich, »Sie müssen etwas mehr Fleischfarbe und der ganzen Gruppe mehr Klarheit geben, besonders dem jungen Mädchen!« – »Nichts werde ich mehr daran machen, es muß so bleiben!« versetzte er, und ich schwieg. – Kaum war ich nach Hause gekommen, so standen auch schon alle französischen Pensionäre vor meinem Bilde und lobten es, besonders daß[243] man in den Gesichtern der Figuren sähe, was sie in der Seele fühlten.

Hierauf ging ich zum Kavalier Pompeo Battoni, der mir sehr geneigt war. Ich zeigte ihm einmal einen Pariskopf, der gefiel ihm so, daß er sagte: »Voi farete una volta spicco tra i pittori.« Dies ermunterte mich, daß ich es wagte, ihn um die Gefälligkeit zu bitten, mein Bild anzusehen, denn an seinem Urteile wäre mir alles gelegen, und es würde mich erhöhen, wenn ihm meine Arbeit gefiele. Der Mann war sehr eingebildet und stolz auf seine Kunst. Als er einst am Tische neben einer schönen Dame saß, sagte er zu ihr: »Sie sind ebenso gewiß die schönste Frau als ich der beste Maler in der Welt bin!« Als er hörte, daß ich auf Trinità de' Monti wohnte, versetzte er: »Das ist eine hohe Treppe, bedenkt, daß ich etliche achtzig Jahre alt bin. Aber doch will ich es tun, weil ich Euch gut bin, kommt Sonntag nachmittags zu mir und führt mich hin.« – Als wir in meinem Arbeitszimmer angekommen waren, stellte ich einen Stuhl dem Bilde gegenüber; er setzte sich und blieb, ohne etwas zu sagen, in Betrachtung lange sitzen. Dann sagte er, er glaube einen Kopf von Annibale Carracci gemalt zu sehen – es war der Kopf vom Prinzen Friedrich –, so kräftig sei er von Schatten, Licht und Farbe, und man sehe den Unmut, daß er nicht helfen könne, und den Zorn in der geballten Faust, die er auf den Schenkel stütze. Dann sprach er noch viel über die Anordnung des Bildes und über jeden Kopf und schien sehr zufrieden mit der ganzen Arbeit. Ich begleitete ihn wieder nach seinem Hause, und er sprach noch immer über das Bild. Dabei gab er mir oft zu verstehen, daß, wenn Pompeo Battoni zu einem jungen Maler ginge und mit seiner Arbeit zufrieden wäre, dies seinen Ruhm erweitern, ja sein Glück sein könne, worauf ich erwiderte, daß ich dies erkenne und ihm dafür sehr dankbar sei.

Battoni war übrigens ein herzensguter Mann, von weichem Gemüt und einer frommen Seele. Als ich einst von ihm[244] gehen wollte, begleitete er mich vor die Tür. Im Vorzimmer hing sein unvollendetes Bild »Coriolan und dessen Mutter«. Ich fragte, weshalb er es nicht fertig mache? »Das kann ich nicht«, antwortete er, »weil ich zu gerührt dabei werde. Seht diese Mutter, welche Coriolan unter dem Haufen der Matronen gewahrte, auf sie zuging, um sie zu umarmen, wie sie ihn zurückstößt und sagt: ›Unmensch, in Rom bist du geboren, Rom hat dich genährt und stark gemacht, und du willst es aushungern und verdursten lassen? Diese Stadt, wo du die Milch meiner Brust genossen hast? Willst du nach Rom, so wisse, der Weg dahin geht durch meine Brust.‹« – Indem Battoni dieses sagte, wurde er so gerührt, daß er bitterlich an zu weinen fing, und da mir die Tränen auch gerade nicht angefroren sind, so weinten wir beide vor dem Bilde. – Mit einem anderen Gemälde war es ebenso. Es stellte den Joseph vor, wie er die Maria verlassen wollte. »Da seht«, sagte Battoni, »das Bündel hat der Joseph schon geschnürt, er wollte morgen fort, da erscheint ihm aber der Engel im Traume und sagt: Joseph, tue das nicht, was soll die arme Mutter mit dem Kinde anfangen, wenn du nicht ihr Ratgeber und Führer bist?« – Und wir weinten beide bitterlich. – Weil er mir sehr gewogen war, so stieg er oft, wenn ich zu ihm kam, von einem hohen Gerüste, wo er malte, und schloß eine Stube auf, in der ein Bild stand, welches »Die Trauung Christi mit der heiligen Katharina« vorstellte. Das Gesicht der Katharina war so schön, daß man es den Bildern der ausgezeichneten alten Maler zur Seite stellen kann. Besonders schön war der Finger, den sie hinhält, damit Christus den Ring darauf stecke. »Sollte man nicht glauben«, sagte Battoni, »wenn man den Schenkel des Christus berührte, das Fleisch würde nachgeben?« Auf einem kleineren Bilde war ein schlafendes Mädchen, das von Putzsachen träumte. Genien hielten ihr ein Kästchen mit diesen Schätzen hin. Man sah die unruhige Bewegung, welche ihr der Traum verursachte, und[245] die Freude im Gesicht über eine Perlenschnur, die ein Genius ihr zeigte. Ein Amor versuchte die Spitze eines Pfeiles mit dem Finger, um sie auch mit Liebe zu verwunden. »Sollte man nicht glauben«, sagte Battoni, »man könnte sich an der Spitze des Pfeiles verletzen?« Es ist in der Tat viel, daß ein achtzigjähriger Mann noch ein so üppiges Bild malen konnte.

Battoni war sehr fromm und beinahe fanatisch religiös. Jeden Morgen um vier Uhr, es mochte schon Tag oder noch dunkel sein, ging er zur Kirche, um die Messe zu hören, im Winter mit einem Laternchen. Dann warteten schon einige Bettler auf ihn, die seine Zeit wußten. Jedem gab er etwas, und wenn er wieder aus der Kirche kam, so warteten in der Tür und an der Treppe seines Hauses schon andere auf ihn. Auch diese beschenkte er. Dann waren noch einige Poveri vergognosi da; diese nahm er mit in sein Vorzimmer und gab auch ihnen. – Obgleich er für seine Bilder bedeutende Summen erhielt, so hatte er doch nichts erübrigt, weil er so mitleidig war und alles an die Armen gab. Als der Großfürst, nachheriger Kaiser Paul, mit seiner Gemahlin in Italien reiste, kaufte er ein Bild von Battoni: »Elisabeth, Johannes und Maria mit dem Christuskinde.« Ich habe dieses schöne Bild nur einmal gesehen.

Da nun meine Arbeit bei einem so großen Manne wie Battoni Beifall gefunden hatte, so konnte ich sie mit freiem Mute abschicken. Ich ging also zum Rat Reiffenstein und bat ihn, mein Bild je eher je lieber an Se. Durchlaucht den Herzog von Gotha zu übersenden. Reiffenstein wunderte sich über dies Begehren und antwortete, er habe wohl bald etwas an den Herzog zu besorgen und da könne es beigepackt werden, er werde mir's dann schon sagen lassen. Man muß selbst Künstler sein, um das Gefühl zu kennen, welches solch eine Äußerung in mir erregte! Jede Minute scheint eine Ewigkeit, bis das Kunstwerk dem vor Augen steht, für den es bestimmt ist! Mir war es um so schmerzhafter,[246] da ich meine Dankbarkeit beweisen wollte gegen einen Fürsten, der mich an einem Orte erhielt, wo griechische Werke der Kunst und Gemälde in Fülle waren und wo ich nach Herzenslust meine Kunst ausüben konnte.

Mein Bild war von der Staffelei noch nicht abgenommen, als eines Tages meine Tür aufging und ein fremder Mann hereintrat, der, wie er sagte, einen jungen Künstler aus Rußland namens Demetrio hatte besuchen wollen und, da er dessen Stube verschlossen fand, die Tür gegenüber öffnete. Wir bewillkommneten uns gegenseitig, und sein Blick fiel sogleich auf mein Bild vom Konradin. Es schien ihm zu gefallen, und ich legte ihm aus, was es vorstellte. – Ehe ich noch damit fertig war, verlangte der Fremde es von mir zu kaufen, für welchen Preis ich nur wollte. Es war der russische Staatsrat Fonwisin. Ich wandte ihm dagegen ein, wie ich dem Herzoge von Gotha mit diesem Bilde meine Schuldigkeit zu erkennen geben wolle für das Glück, welches ich ihm verdanke. Nun schlug er mir vor, da das Bild vielleicht nicht so bald abgehen werde, es für den Herzog zu kopieren, wogegen ich erwiderte, das dürfe ich nicht, weil ich überzeugt sei, daß eine Kopie das Original nicht wiedergeben könne. Es sei damit wie mit der Übersetzung eines Buches aus einer fremden Sprache; die erste Kraft, der erste Geist, wo das Gefühl den Pinsel führe und mit Feuer das Bild hinstelle, könne nicht noch einmal wiederkommen. Auch sei der Herzog, wie man mir gesagt habe, ein Kenner, und dann werde er in dem Bilde die Originalität vermissen. Ich mußte ihm nun versprechen, ihm eine Kopie im kleinen zu machen. Das tat ich, und er bezahlte mir hundert Dukaten dafür. Auch sah er viele Zeichnungen von Köpfen, Entwürfen zu diesem und anderen Bildern, die zum Teil auf der Erde herumlagen. Er las viele davon auf. »Solche Skizzen«, sagte er, »liebe ich«, und ich versprach ihm, mehrere davon auszuführen. Dann sah er einige Portefeuilles durch und legte noch viele Stücke dazu, und als er[247] fertig war, gab er mir für jedes drei Dukaten. »Nun müssen Sie mit mir nach meinem Hause kommen«, sprach er, »um auch meine Frau kennenzulernen.« Diese war ein sanftes, gutmütiges Weibchen, und sie nötigte mich auch, bei ihnen zu Mittag zu speisen. Fonwisin selbst war ein fröhlicher Mann, dabei ein Gelehrter und, wie mir die Russen sagten, einer ihrer besten Köpfe. Auch hat er Verschiedenes geschrieben, besonders ein Schauspiel, womit aber der Adel nicht zufrieden war, weil dieser sich darin stark mitgenommen fand.

Herr Fonwisin kam nun fast täglich zu mir und ich zu ihm, wenn ich Zeit hatte. Auch kaufte er in Rom für mehr als zehntausend Zechinen Kunstsachen für seine Kaiserin und bestellte außerdem vieles. Lange schon wollte er ein Bild von Raffael haben. Kaum war dies bei den Bilderhändlern bekannt, so wurden ihm täglich bei Dutzenden Raffaels gebracht. Zum Teil waren es alte Kopien, zum Teil neuere. Er sah selbst ein, daß es keine Raffaels waren, und doch sollte er ein echtes Original nach Rußland bringen. Endlich bekam er eins von diesem großen Meister aus seiner ersten Zeit, eine »Maria mit dem Christkindlein auf dem Schoß«; Joseph, der hinter ihr stand, war das Porträt von Raffaels Vater, und vielleicht war die Maria seine Mutter. Das Bild war etwas dünn von Farbe und, wie es oft der Fall ist, durch den Qualm der Lampe, die darunter gehangen hatte, etwas verdorben.

Eines Morgens schickte Herr Fonwisin seinen Lakai und ließ mich einladen, zu ihm zu kommen. Ich fand ihn am Kamine stehend. »Sie wissen«, redete er mich an, »wie gut wir Ihnen sind und wieviel Freundschaft wir für Sie haben, aber Sie hegen sie nicht für uns. Noch diese Nacht sagte mir meine Frau, Tischbein sieht so traurig aus, er seufzt oft schwer auf, wer weiß, was für ein Kummer ihn drückt! Wir müssen ihm helfen; frag ihn doch morgen. Deshalb seien Sie nun aufrichtig und gestehen Sie mir, ob Sie vielleicht[248] Schulden haben, die Sie ängstigen?« – »Ich habe keine Schulden«, antwortete ich. – »Schämen Sie sich nicht, es zu sagen, ich will sie gern bezahlen.« – »Ich habe gewiß keine Schulden«, versicherte ich. – »So kommen Sie wohl mit dem nicht aus, was Sie verdienen?« fragte er. – »Ich brauche allerdings mehr, als ich jetzt habe«, antwortete ich. – »So will ich Ihnen«, fuhr er fort, »jedes Jahrhundert Dukaten geben, die Sie bei meinem Bankier heben können.« – »Wenn ich Ihnen mit meinen Arbeiten den Wert ersetzen könnte, würde ich es annehmen«, war meine Antwort. – »Alles, was Sie mir machen, wird mich freuen«, entgegnete er. – Er reiste hierauf wieder nach Rußland und starb bald darauf, so daß ich nur ein Jahr diese hundert Dukaten bezogen habe.

Der Antrag, mein Bild vom Konradin an die russische Kaiserin für jeden Preis, den ich verlangte, zu überlassen, wurde auch von seiten ihres Konsuls Santini auf ausdrücklichen Befehl der Kaiserin wiederholt. Meine Freunde rieten mir zu, weil ich eine große Summe dafür bekäme, da die Kaiserin sehr freigebig in Kunstangelegenheiten sei und man nicht wisse, welche Bestellungen damit verbunden sein könnten! Ich erwiderte aber, daß, so nötig ich auch beides hätte, doch alles Geld in der Welt das Gefühl meiner Pflicht gegen meinen Wohltäter nicht aufwiegen könnte.

Nun wurde endlich mein Bild an den Herzog abgeschickt. Als es in Gotha angekommen war, ward es in dem Arbeitskabinett des Herzogs aufgehangen, wo es leider niemand zu sehen bekam. Dies erfuhr ich durch andere, und ich mußte zwei Jahre auf Antwort warten. Was das für ein peinliches Gefühl war! Wenn man jung ist, glaubt man wunder, was man hervorgebracht hat, und jeder, meint man, müsse teil daran nehmen! Mein Freund Dornow beklagte sich ebenfalls darüber, daß so manche seiner Bilder in England aufs Land kämen, wo sie niemand sehe. Ein anderes ist es in einer großen Stadt, wo das Atelier des[249] Künstlers oder auch eine Gemäldegalerie für jedermann offen stehen; da wird der Ruhm verbreitet, und es fehlt nicht an Bestellungen und Ermunterungen zu neuen Arbeiten! Endlich bekam ich einen Brief von Sr. Durchlaucht, worin er sehr gnädig sagte, er habe eine Reise nach England gemacht, daselbst alle Ateliers der Maler besucht, aber nichts darin gefunden, das ihm so gefalle wie mein »Konradin«. Das war sehr schmeichelhaft für mich, und da er sich so zufrieden mit meiner Arbeit äußerte, glaubte ich, die Bitte um etwas Zulage wagen zu dürfen, weil ich ein Bild anfinge, welches große Kosten erfordere für die Farben, die Tücher und die lebenden Modelle. Nun schrieb der Herzog, aber nicht an mich selbst, sondern an Reiffenstein, der mir aus dem Briefe vorlas: »Weil Tischbein mehr fordert, als ich ihm gebe, so bin ich mit ihm geschieden.« Ich erschrak und wurde inne, daß man nicht immer dem Gefühle seines Herzens folgen müsse. Nun dachte ich an die freigebige Katharina und an den Rat, den mir meine Freunde gaben, den ich aber so leichtsinnig verwarf! Hätte mich doch der Herzog gekannt! Mit 60 Scudi konnte er mich zu einem geschickten Künstler bilden; und hätte er nur zuweilen noch etwas hinzugetan, so konnte er eine Galerie von alten Originalbildern in Gotha gründen, da man hier bei Gelegenheit manches für eine Kleinigkeit kaufen kann. So rief mich noch vor kurzem ein armer Trödler in seinen Laden und zeigte mir einen kolossalen Platokopf von schönster griechischer Arbeit aus parischem Marmor. Der Mann forderte nur acht Dukaten, aber mir ging es wie ihm: ich hatte sie nicht. Sogleich erzählte ich allen Freunden, allen Künstlern und Kunstfreunden von diesem Funde, und als wir hinkamen, war er schon verkauft.

Reiffenstein fragte mich nun, was er antworten solle? So schwach ich mich auch fühlte, so hoffte ich mir doch selbst zu helfen. Bitten würden nichts geholfen haben, und zu betteln schämte ich mich. Ich antwortete daher, daß ich mich[250] in des Herzogs Willen füge, geschieden von ihm zu sein; ich wolle nach Neapel gehen, wo ich gewiß sein dürfe, gut aufgenommen zu werden. Nachher erst habe ich erfahren, was der Herzog für ein vortrefflicher Mann war. Das Mißverständnis lag nur darin, daß ich nicht selbst an ihn schrieb, sondern durch andere. Reiffenstein konnte mich nicht kennen, wer weiß, was der an ihn schrieb. Er hatte wenigstens noch die Offenherzigkeit, mir zu sagen, daß Fürsten immer übelliefen, wenn sie selbst wählten und es nicht anderen überließen, die Kenntnis von der Sache hätten; er würde dem Herzog einen Besseren gewählt haben als mich.

Reiffenstein war übrigens ein ehrlicher Mann, er hatte nur keine Originalität. Er behandelte die Leute noch immer als Pagenhofmeister, dem man nicht widersprechen darf, wie er es in Kassel gewohnt war. Erst war er Führer des jungen Grafen Lynar, blieb dann in Rom, spielte den Antiquar und führte die Fremden herum. Nie hat er aber Vorteil davon gezogen, auch wenn die Fremden Bestellungen bei ihm machten. Als ich zum ersten Male nach Italien reiste, gab mir der Professor Casperson in Kassel einen Brief an ihn mit. Er sagte mir, daß Reiffenstein als Vater für mich sorgen werde; das glaubte ich auch und folgte ihm vertrauend. Vorher kannte ich ihn noch nicht, außer im Bilde. Als mein Onkel nämlich mit dem Landgrafen in Hamburg war, malte er ein Familienbild von der Familie Timmermanns, der die ausgesuchte Sammlung alter Originale hatte. Dieses Familienbild stellte ein Konzert vor, worin Reiffenstein den Baß spielte. Auch das Porträt meines Onkels war darauf. Später sah ich einige kleine Pastellköpfe, die Reiffenstein in der Manier des Rembrandt gemalt hatte und an seine Freunde verschenkte. Das Beste übrigens, was er tat, war wohl, daß er dem Abbate Fea den deutschen Text des Winckelmann erklärte, damit Fea denselben ins Italienische übersetzen könnte.

David hatte einen Schüler namens Drouais, den er liebte[251] wie seinen eigenen Sohn; es war auch ein schöner und vortrefflicher Mensch. Bei seiner Abreise nach Paris übertrug mir David, für diesen seinen geliebten Schüler als Vater zu sorgen. Da dieser wohlhabend war, so hatte er in verschiedenen Quartieren der Stadt Zimmer gemietet, wo er ungestört arbeiten konnte. Eines Sonntags führte er mich zu einem derselben in einer abgelegenen Straße an der Treppe des Kapitols. Hier sah ich sein berühmtes Bild, den »Marius«: wie der Zimber, der ihn ermorden sollte, beim Eintritt in das Gefängnis vor dem bloßen Anblick des großen Helden erschrickt, daß er das Schwert fallen läßt. Marius war vortrefflich gemalt; mit einem Blick entwaffnet er den Mörder, der vor diesem ernsten Auge zurückfährt. Alle Nebensachen waren mit vielem Aufwande gemacht. Helm, Federbusch, Schwert, Scheide und Griff hatte Drouais vom Blechschmied fertigen lassen, um nach der Natur zu kopieren; so war auch alles übrige, als Mantel und so weiter. Da er reich war, konnte er die Modelle bezahlen und an dem Bilde so lange arbeiten, bis es nach seiner Meinung ganz vollendet war.

Mit dem nämlichen Aufwande hatte auch David sein Bild »Die Horatier« gearbeitet. Der hatte sich ebenfalls alles machen lassen, so daß er nur nachzumalen brauchte. Auch David war reich, er hatte die Tochter des Oberaufsehers der Stadtmauer zu Paris zur Frau. – Alle französischen Maler haben doch etwas Theatralisches und Karikaturmäßiges. So war das einzige, was ich an Drouais' Bild tadelte, der Fuß vom Marius; die große Zehe schien mir krampfhaft zu sein, weil er damit so stark an den Boden drückte. Drouais aber bemerkte dagegen, das habe er mit Willen getan, weil alle Sehnen in starker Bewegung wären.

Als David abreiste, sagte er: »Ich lasse mein Studio offen, damit jeder über mein Bild ›Die Horatier‹ sagen kann, was er will; mein Bedienter nur bleibt hier, um Unordnungen zu verhüten.« – Wenn je ein Bild Aufsehen gemacht hat,[252] so war es dieses. Es war viele Tage hindurch wie eine Prozession! Fürsten und Fürstinnen fuhren hin, um es zu sehen, Kardinäle und Prälaten, Monsignori und Pfaffen, Bürger und Arbeitsleute, alle eilten hin. Da jeder Römer gewohnt ist, von Jugend auf Bilder in den Kirchen zu sehen, so bildet sich sein Geschmack. Nun kamen diese Leute in den Wirtshäusern zusammen. Der eine sagte: »Das Bild ist besser als Raffael«, der andere: »Es ist nichts gegen Raffael!« Bei der Erhitzung durch den Wein kam es zu Schlägereien und Dolchstichen. Und so stritten sich Gebildete und Ungebildete, Gelehrte und Ungelehrte, Kenner und Nichtkenner über den Wert des Bildes.

Auch Dornow hatte ein lebensgroßes Bild vollendet, das sehr gut gruppiert war: »Alexander, als er seinen Vater Philippus, der verwundet unter dem Pferde liegt, mit seinem Schilde deckt und mit seinem Spieße die andrängenden Feinde abhält, ihn zu ermorden.« In diesem Bilde waren treffliche Sachen, der Kopf des Philippus grandios, der des Alexander voll Ausdruck eines jungen, mutigen Helden; aber hin und wieder war es doch etwas steif, weil Dornow antike Beine und andere Teile als Modelle gebraucht und zu genau kopiert hatte. Diese leichten Fehler mochten wohl schuld sein, daß er es nicht verkaufen konnte. Denn die Engländer sind wunderlich. Einer macht den andern auf die Fehler aufmerksam, und um sicher zu gehen, kaufen sie dann lieber ein altes Bild mit dem Namen eines berühmten Meisters, das vielleicht nicht so gut ist wie das des lebenden Künstlers, aber es hat doch den großen Namen, und der Besitzer wird gelobt. So verliert der junge Künstler den Mut, und es wird ihm unmöglich fortzufahren, weil zu viel Kosten und Zeit dazu gehören, ein solches Bild hervorzubringen. Zum Dornow kam aber sein freigebiger Landsmann, Mylord Bristol; der kaufte ihm alles ab und bestellte die Ausführung der kleinen Skizzen ins Große.[253]

Sehr wahr bemerkte daher einst David: »Es wird dem Maler schwerer fortzukommen als dem Dichter und Musiker. Dieser bringt ein Konzert zusammen, wo viele für einen Taler seine Kunst hören können; der Dichter und der Gelehrte läßt sein Werk drucken, welches der Buchhändler talerweise verkauft, so daß er dem Verfasser sehr gut Zahlung leisten kann. Der Maler aber mit seinem großen Bilde kann sich nicht so helfen. Er muß warten, bis irgendein Fürst oder reicher Privatmann ihm dasselbe abkauft, und dann wird es noch dazu nicht selten auf ein Schloß oder Landhaus gehängt, wo es nur der Eigentümer sieht. Warum sollte nicht auch der Maler wie der Musikus und Dichter sein Bild ausstellen, damit jeder für ein Geringes es sehen könnte? Würde für dieses Vergnügen nicht jeder gern etwas bezahlen? Weil dies aber nicht ist, so kommt es, daß jetzt kein einigermaßen vollkommenes Kunstwerk mehr geschaffen wird; denn der Künstler, der Zeit und Mühe daran gewandt hat, seine Kunst zu erlernen, muß nun, um nur Brot zu bekommen, eilen, daß er sein Werk vollende, weil er befürchtet, keine Käufer zu finden. Wenn in England bei einem Künstler eine Bestellung gemacht wird, so bedingt er dabei gleich ein, daß er außer dem Kaufgelde das Werk noch ein Jahr lang zu seinem Vorteile ausstellen darf; und so hat er bald seine Unkosten wieder und auch noch soviel übrig, ein neues anzufangen.« David setzte noch hinzu: »So will ich es in Paris auch machen.«

In dieser Zeit machte ich genauere Bekanntschaft mit dem berühmten Steinschneider Pichler, der schon durch seine schöne männliche Gestalt und edle Gesichtsbildung jeden für sich einnahm; ruhig war sein ganzes Wesen und vernünftig seine Rede. Neben seiner schönen Arbeit, die mich oft zu ihm zog, lockte mich auch besonders seine Sammlung von Gipsabgüssen der vorzüglichsten antiken Köpfe, wonach ich oft gezeichnet und studiert habe, um von seinen Einsichten belehrt und unterrichtet zu werden. Ich freute[254] mich sehr, daß unsere Meinungen oft übereinkamen. Von Jugend auf hatte er nach den besten Antiken gearbeitet, und unter den Neueren war er in der Kunst, Kameen und Intaglios zu schneiden, den Alten am nächsten gekommen. Sein Talent war außerordentlich. Die schwere Kunst, kleine Figuren in den harten Stein zu schneiden, ward ihm außerordentlich leicht. Er sagte mir selbst, die Arbeit sei ihm so geläufig, daß er in einem Tage ein Bild aus Herkulaneum mit zwei Figuren und Nebensachen geschnitten habe. Noch immer freue ich mich des Zufalls, daß, als ich einst bei ihm zeichnete, der Besitzer des berühmten Kameo »Wie Achilles seinen Freund Patroklus beweint« zu ihm kam und ihn bat, dieses schöne Fragment zu ergänzen, was jedoch Pichler nicht zu unternehmen wagte. Den Schwefelabdruck dieses Stückes kannte ich schon lange. Es ist doch ganz etwas anderes um den wirklichen Stein. Die Farbe und das Klare tun auch etwas dabei, und dann der Gedanke, solches heiliges Kleinod wirklich in den Händen zu haben! Bei dieser Gelegenheit erzählte Pichler, daß einst jemand zu ihm gekommen, der ihm einen antiken Kameo gezeigt habe, welcher von großem Werte, ja unter die besten zu zählen gewesen sei. Indem sie ihn so betrachtet hätten, sei er auf die Erde gefallen und das unschätzbare Kunstwerk in tausend Stücke zersprungen. Ein andermal sei jemand mit einem Kameo zu ihm gekommen, und da es in der Dämmerung gegen Abend gewesen, so habe er aus Begierde, die Vortrefflichkeit der Arbeit recht genau zu betrachten, das Fenster aufgemacht. In dem Augenblick, da er ihn hinausgehalten, sei ihm derselbe aus der Hand gefallen drei Stockwerke hinunter auf die Steine. Der Eigentümer sei wie vom Schlage gerührt gewesen und auch er. Doch habe er ihn noch von einem Straßenstein auf den andern springen sehen, sei daher am Fenster geblieben, auf die Stelle acht zu haben, und der Bediente habe den Stein ganz unversehrt wiedergebracht.[255]

Pichlers Arbeiten werden, wie gesagt, den Antiken fast gleichgeschätzt, doch hat er die besten nicht erreicht, was er auch selbst eingestand. So hatte er den bekannten jungen Herkules in der Strozzischen Sammlung oft nachgemacht, und da er noch immer bei ihm bestellt wurde, lehnte er es ab, weil es ihm so niederschlagend sei, ihn nicht erreichen zu können. Die meisten Abdrücke, die man von jenem schönen Kopfe hat, sind nicht nach dem Originale, sondern nach Kopien gemacht. Im fünfzehnten Jahrhundert lebten auch geschickte Meister dieser Kunst; doch haben sie immer etwas Manieriertes, wodurch sie sich gleich verraten, auch wenn sie Antiken nachahmten. Damals legten sich nämlich viele darauf, ihre Arbeiten für antik auszugeben, ja, in neueren Zeiten finden wir das nämliche. Selbst Pichler gestand, solche Antiken gemacht zu haben, aber nicht gern. Der bessere Preis mag die meisten dazu verleitet haben. Übrigens war es Pichler etwas Leichtes, nach einem schlechten antiken Steine, dessen Intention gut war, einen weit besser ausgeführten zu schneiden. Denn man hat antike Steine, wo die Figuren nur so eben nachlässig hingemacht sind, vielleicht Kopien nach vortrefflichen großen Kunstwerken. So hat man den Ajax, der nach seiner Raserei das Schwert in der Hand hält im tiefsten Nachdenken, bevor er sich entleibt, so den Achilles in mancherlei Stellungen, und anderes mehr. Wie nachlässig und schlecht die Arbeit auch ist, so sieht der Kenner doch die Vortrefflichkeit darin und muß den Künstler loben, der diese Idee ergreift, um sie fleißiger darzustellen. So sagt man auch, daß der fliegende Merkur von Giovanni Bologna nach einem solchen Steinchen gemacht worden sei. Jemand versicherte mich, diesen gesehen zu haben. Doch kann es auch sein, daß die Antike nur Ähnlichkeit mit jener Figur hat, ohne daß diese danach kopiert ist. Es wäre ungerecht, auf die bloße Sage den vortrefflichen Künstler um seine Erfindung bringen zu wollen.[256]

Eine große Sünde begehen aber manche neueren Künstler, wenn sie die nachlässig und flüchtig gegrabenen Arbeiten weiter ausführen und den Figuren nachhelfen wollen. Dadurch werden diese nur verdorben, und wer den antiken Geist kennt, möchte darüber weinen! Oft verändern sie auch etwas daran und geben den Figuren Attribute, die ihnen gar nicht zukommen. Sie machen auch wohl aus dem rasenden Ajax einen Herkules mit dem Schwerte, aus dem toten Hammel einen Löwen! So erhält das Studium der Antike einen tödlichen Stoß. Übrigens erkennt man gleich an der Erfindung der Figur, ob sie modern oder antik ist, wenn man gleich im letzteren Falle nicht immer erraten kann, welcher Antike sie nachgebildet sein mag. Ich hatte damals eine große Freude, dergleichen antike Kunstwerke zu besehen. Um mich über die verschiedenen Arten der Steine, worin sie gearbeitet wurden, zu belehren, besuchte ich öfter die Antiquare, die mit solchen Antiken handelten, auch die Goldschmiede, die sie in Ringe fassen und Armbänder, Halsbänder und anderen Schmuck davon machen. Die Alten haben alle Arten von Steinen bearbeitet, Rubine, Smaragde, Saphire, Topase, Amethyste, Karneole, Onyxe usw. Auch ging ich oft auf den Markt Navona, der alle Donnerstage gehalten wurde. Da saßen Männer und Weiber, die Antiken zum Verkauf hatten und sie für wenige Bajocchi feilboten. Ich dachte oft etwas schön Gearbeitetes darunter zu finden; aber ein Fremder kommt fast immer zu spät. Es gab da Menschen, die sich allein darauf legten, herumzugehen, um das Gute aufzusuchen, und die von den größten Antiquaren besoldet wurden. So sah ich oft an großen Festen, wo viel Landvolk nach der Stadt kommt, solche Männer überall herumschleichen und den Bauern eine Prise Tabak präsentieren und hörte sie fragen, ob sie nicht Antikaglien hätten? Von diesen Unterhändlern konnte man zuweilen etwas Gutes erhalten. Durch einen solchen wurde auch der berühmte große Medusenkopf bei einem Bauer an der Piazza[257] del Teatro Martelli gefunden. Dieser, der ihn aus der Erde gegraben und an dem schönen grünen Steine wohl sehen mochte, daß er etwas wert ist, forderte einen Dukaten dafür. Der Unterhändler, ein unwissender Mensch, fürchtete, seinen Dukaten wegzuwerfen und drückte daher die Antike erst in Wachs ab, welches er immer bei sich trug, um sich bei Kennern Rat zu holen. Da es aber Winter und das Wachs hartgefroren war, preßte er es zu stark auf den großen Stein, so daß er in der Mitte durchsprang. »Nun«, schrie der Bauer, »müßt Ihr mir den Dukaten geben, denn Ihr habt mir meinen Stein zerbrochen!« Der Unterhändler mußte sich dazu bequemen und brachte die beiden Stücke zu einem Antiquar, der ihm gleich neun Dukaten dafür wiedergab; dieser zeigte ihn dem Kardinal Albani, welcher ihn für zehn Dukaten erstand. Nachgehends wurde er von diesem für eine große Summe verkauft, wenn mir recht ist, an den Herzog von Orleans, dessen Sammlung er zierte. – An der Ecke der Piazza Barberini war ein Tabaksladen, wo sich auch die Bauern versammelten. Von diesen erhandelte der Tabakskrämer gegen Tabak und Geld die von ihnen besonders im Winter, wenn das Wasser Erde und Steine wegspülte, gefundenen edlen Steine und sortierte sie gewöhnlich in zwei Schachteln, auf deren einer »vier Paoli«, auf der anderen »drei Paoli das Stück« stand; für diesen Preis konnte man sich nun aussuchen. Die besonders schönen antiken Steine, welche man unter die schätzbarsten Kunstwerke rechnen kann, haben, wie sich von selbst versteht, das höchste Interesse. Mich dünkt aber, daß man deswegen die minder schönen nicht außer acht lassen dürfe, da sie fast alle historischen Wert haben. Denn sie sind oft Abbildungen einzelner Bilder und Statuen großer Meister, die zum Teil verlorengegangen, zum Teil ganz oder auch verstümmelt zu uns gekommen sind.

Wie sehr würde es unsere Kenntnis bereichern, wenn wir alle Steinchen sammelten, die, schön oder schlecht, ein und[258] dieselbe Idee darstellen, z.B. eine Reihe sämtlicher vorhandener Psychen, Amorinen usw. Man erstaunt über die ungeheure Anzahl der antiken Steine, besonders in und um Rom, wenn man bedenkt, daß dergleichen nun schon seit einigen hundert Jahren fortwährend durch Einheimische und Fremde aufgekauft und ausgeführt worden sind und dennoch täglich welche gefunden werden, so daß es selten einen Reisenden gibt, der nicht wenigstens einige aus Kuriosität mitnähme. Wie viele nehmen nicht Hunderte und Tausende mit und in wie vielen Städten Europas findet man nicht bedeutende Sammlungen davon! Wozu die Alten diese Steine gebrauchten, ist nicht immer zu erkennen, weil sie meistens ungefaßt gefunden werden. Zuweilen finden sich noch einige als Fingerringe in Gold, Silber und anderes Metall gefaßt; doch läßt es sich nicht glauben, daß alle hierzu gebraucht worden sind, im Gegenteil ist zu vermuten, daß dieser sinnreiche Luxus zu dem verschiedenartigsten Schmucke angewandt wurde.

Man hat auch viele antike Glaspasten, wo die Farbe der Steine nachgeahmt ist. Hier möchte ich sagen, was einst ein Freund dem anderen riet: »Findest du ein Buch aus der Zeit des Cinquecento, so kaufe es, wenn du auch den Inhalt nicht verstehen solltest. Die Jahreszahl auf dem Titelblatte verbürgt dir dessen Wert!« So ist es auch mit den antiken Pasten, denn diese sind immer über schöne und inhaltsvolle Originale geformt. Ein Hauptgrund des Wohlgefallens an diesen kleinen Gemmen liegt wohl mit darin, daß das Schöne derselben so scharf in das Kleine zusammengezogen ist und sich so leicht übersehen läßt. Die Maße und die Form vortrefflicher Figuren fallen sehr faßlich und bestimmt auf, und ganz besonders klar läßt sich der Charakter der Köpfe darin darstellen und auffassen. Pichler selbst besaß eine große Stärke, den Charakter bestimmter Porträts treffend darzustellen. Er hatte die Gewohnheit, diese erst zu zeichnen und dann danach zu schneiden, da hingegen[259] andere die Porträts erst in Ton oder Wachs modellieren. In Pichlers Stube hingen diese Zeichnungen, nach welchen er Kameen oder Intaglios gemacht hatte, meistens Porträts von Souveränen, Fürsten und reichen Leuten. Besonders fiel mir der Kopf des Lord Clive auf, eines Charakters mit eiserner Kraft, und der des Kaisers Joseph II. Pichler besaß auch eine Sammlung Steine und Marmorarten in kleinen geschliffenen Tafeln, die rings in der Stube herum über den Lambris aneinandergereiht waren. Daran hatte er denn seine besondere Freude, die verschiedenartigen Massen und Farben zu bewundern, welche die Natur so schön hervorbrachte. Oft waren diese bewundernswürdigen Kräfte der Natur, die in dem Innern der Erde solche Schönheit entstehen ließen, der Gegenstand unserer Gespräche. So ist z.B. die breccia verde di Egitto ein grüner Kieselteig, worin unzählige bekannte andere Arten Steine stecken, die mit Gewalt zerbrochen und hier eingedrängt zu sein scheinen, als Granit, roter und grauer Porphyr, Karneol, Granat, Amethyst, rund- oder eiförmig geschliffene Kiesel, denen gleich, die man in Bächen findet. Alles deutet darauf hin, daß eine große Umwälzung diese Steine zerstückt und durcheinandergeworfen habe. Gerade über einem solchen Steine hing das kernige Porträt des Lord Clive. Dann über der Reihe Steintafeln ging die Reihe der Porträts an der Wand herum, welche fast von der nämlichen Größe waren. Wenn ich so während des Zeichnens aufsah und mit den Augen erst die mancherlei Steinsorten durchlief und dann die Reihe Porträts, so fand ich, daß ebenso wie die Steine auch die Köpfe sich durch den verschiedenartigsten Charakter unterschieden und sich wohl ebenso in Klassen teilen lassen könnten. Dasselbe bemerkte ich auch in einer schönen Sammlung von antiken Medaillen, welche Pichler besaß, und beobachtete auch die Übereinstimmung des inneren Charakters mit den äußeren Gesichtszügen.

Ich suchte damals sehr sorgfältig nach einem Kopfe von[260] Hektor. So viele Abbildungen man von seinem Bruder Paris hat, so wenige gibt es von jenem Helden, der so viele Tugenden in sich faßt. Gerade weil er so viele Tugenden besitzt, mag er nicht oft in den Antiken gefunden werden, da es für den Maler und Bildner schwerer sein muß, ihn darzustellen, als für den Dichter, ihn zu beschreiben. Dieser zählt die rühmlichen Eigenschaften nacheinander auf und läßt den Helden handeln, den trefflichen Bürger reden, den Gatten, den Vater in interessanten Situationen erscheinen; dem Maler fällt dieses unmöglich, weil er nur eins und in einem bestimmten Momente darstellen kann. Auch auf den Basreliefs fand ich keinen Hektor, wenigstens waren diese von so geringer Arbeit und so weniger Kunst, daß man den Charakter des Gesichts nicht erkennen konnte. Es ist mit Hektors Kopfe wie mit dem des Christus: das Göttliche und das Menschliche mit dem sanften Zuge des Duldens läßt sich schwer miteinander darstellen.

Ich studierte nun auch fleißig die antiken Basreliefs. Darunter sind oft Vorstellungen von mancherlei Gegenständen, wovon jeder das Gemüt rührt, die Phantasie erhöht und den Verstand erregt. Es wogte oft in meinem Innern, wie das Meer sich bewegt, ehe der Sturm kommt. Auf dem einen erblickt man die Römer als Überwinder und die Oberhäupter der besiegten Völker vor jenen auf den Knien, auf dem anderen Unterjochte in trauriger Stellung bei ihren Waffen auf der Erde sitzen und weinen. Noch andere stellen Bacchanalien vor, Siegeszüge, wo eine leichte Phantasie tanzende Bacchantinnen in erfreulichen Stellungen erdachte; wieder ein anderes zeigt uns, wie die Kinder der Niobe im Angesicht der Mutter getötet werden; dann wieder eins, wie die Frau eines Hirten für ihr Kind eine Hirschkuh melkt und das junge Kälbchen dabeisteht und anderes mehr.

Auch ging ich gern unter den Ruinen spazieren zu meinen Lieblingsörtern, dem Kolosseum u.a. Da stieg ich hinauf[261] und kletterte mit Lebensgefahr so hoch, als ich nur kommen konnte, setzte mich da hin und hing meinen Gedanken nach. Oder ich ging auf die Stätte, wo das goldene Haus des Nero gestanden, jetzt ein Gemüsegarten, in welchem der Kohl zwischen den zerschlagenen Stücken Porphyr, Granit und Serpentin herauswächst. Den stämmigen Lorbeer erfüllten liebliche Sänger der Luft. Das war nun mein Ergötzen, die fröhlichen Bewohner dieser Gebüsche ihr munteres Wesen treiben zu sehen, wie die Amseln so emsig ihr Futter an den Bäumen suchten und der kleine Zaunkönig in dem Grünen so munter und keck herumsprang, als gehörte ihm die Welt. War doch Nero mit seiner Lyra, dem Apollo sich gleich schätzend, schwerlich so glücklich wie dieser fröhliche Zaunschlüpfer! Kehrte ich dann in der Dämmerung wieder nach Haus, so las ich im Titus Livius die römische Geschichte, wo sich mir gar mancherlei Gedanken bei der Vergleichung des Beschriebenen mit dem uns Übriggebliebenen aufdrängten.

Auch die Peterskirche war oft das Ziel meiner Wanderungen. Unvergeßlich wird mir das Schauspiel sein, welches ich einst dort genoß. Ich sah an diesem schönen Vereinigungsorte die Häupter der Völker in einer Gruppe zusammenstehen: den Kaiser Joseph, den König Gustav von Schweden, den Kurfürsten von Bayern und den Papst. Sie waren äußerst höflich miteinander, doch dachte gewiß jeder das Seine. Es ist schwer, Hand in Hand den Reigen zu tanzen, denn wenn es am besten geht und einer losläßt, fällt die ganze Reihe.

Um mich von meinen Arbeiten zu erholen, zu der Zeit, als der Scirocco die Hauptstadt mit den gefährlichen Wechselfiebern bedrohte, wo dann Einheimische sowohl als besonders Fremde gern, um die gesunde heitere Luft am Abhange des Sabinergebirges in der Nähe Roms zu genießen, nach Tivoli, Frascati und anderen hochgelegenen Orten sich begeben, machte auch ich einen Ausflug, für diesmal nach[262] Marino. Ich war von den Geistlichen zu S. Lorenzo in Rom, welche dort ein Kloster hatten, eingeladen, einige Tage bei ihnen zu wohnen, um die schönen umliegenden Gegenden näher kennenzulernen. Auch mehrere deutsche Künstler waren von der Partie, und die Reise wurde auf Eseln gemacht. Wir fanden den freundlichsten Empfang. Sie besorgten uns Pferde und führten uns überall auf die merkwürdigsten Örter. Man braucht nur von Rom aus durch einen kleinen Eichenwald zu reiten, so kommt man an den Albaner See. Hier stand Albalonga, wo die Gründer Roms erzeugt und genährt wurden von der Wölfin Milch. Sie saugten auch das räuberische Naturell in sich, und ihre kriegerischen Konsorten folgten dem gierigen Adler, der auf Stangen ihnen vorangetragen wurde. Auf diesen Hügeln erwuchs die Kraft, womit Rom die Welt bezwang und den Raub der Länder durch Triumphbogen auf das Kapitol brachte. Hier ist das Grab der Kuriatier und Horatier; hier wohnten Pompejus' Veteranen, und das Denkmal seiner fünf Siege steht noch. Noch zeigt man den Ring, woran der entflohene Trojaner Aeneas seine Schiffe band. Hier stand ich auf dem Campo di Annibale, wo seine Afrikaner ihr Lager hatten. Von da ritten wir nach Tusculum zu den Ruinen von Ciceros Villa, dann auf den Monte Cavo, von dem man die ganze Gegend übersieht. So strichen wir viele Tage in den merkwürdigsten und schönsten Gegenden umher, und nur spät abends kehrten wir wieder in das Kloster zurück.

Kaum konnte ich den Tag erwarten; ich stand schon im Dunkeln auf, um die Gegend vom Kloster aus zu sehen, die dann anders erschien, als wenn sie beleuchtet war. Eines Morgens, da ich schon lange von diesem vielleicht merkwürdigsten Orte der Welt herabgeschaut hatte, stieg Aurora über den braunen Wald herauf und stand neben dem Monte Cavo mit ihrem blassen Rosenscheine. Einen solchen Anblick, wie das zarte Rot sich mit dem Braun sanft verschmolz,[263] habe ich nie wieder gehabt, obschon ich der Aurora zu Gefallen manchen Morgen in Neapel auf dem Balkon stand, sie lange erwartend, sie mir auch oft erschien und ich mich innig freute und die bedauerte, welche noch schliefen und dieses zarte Schauspiel am Himmel nicht genossen. Wein begeistert, aber die höchste Begeisterung ist in der Nüchternheit, wenn Aurora sie weckt! O prächtige, liebe Sonne! Wie glücklich ist des Menschen Los, der gleich Blumen und Kräutern in deinem warmen goldenen Scheine sein Leben atmet! – Zur Erinnerung dieser frommen Geistlichen, welche uns mit so vieler Liebe und Freundschaft bewirteten, habe ich ein Bild gemalt, das beim Anschauen die genossenen Freuden mir wieder vor die Augen bringt.

Von Frascati aus sah ich oft die Sonne hinter das Meer sinken, und wenn sie den äußersten Horizont des Meeres berührte, hatte sie oft die Form einer Vase und hüpfte einigemal auf. Hier zeichnete ich auch manche Baumgruppen, die mir wegen Schönheit und Abwechslung ihrer Formen und Farben besonders auffallend waren. Als ich späterhin eine Landschaft zu malen versuchte, benutzte ich dazu diese schöne Gruppe von Zypressen, Pinien und immergrünen Eichen.

Des Morgens ging ich stets früh und frisch an die Arbeit, des Nachmittags aber wurde ein Spaziergang unternommen. Wenn ich dann ganz ermüdet und den Kopf voll von dem Treiben und Kämpfen der Weltbeherrscher Roms mich an einem Hügel ins Gras legte, fiel mein Auge nicht selten auf das Leben des Gewürms im Grase, wie es auch sein Wesen mit durcheinandertrieb und lebte und webte. Da streiten und kämpfen die kleinen Insekten mit- und gegeneinander, alles ist rege und in beständiger Bewegung. Da läuft eines geschäftig vorbei, ohne sich um die anderen zu kümmern, dort lauert ein anderes auf, um dies zu erhaschen; dies wird wieder von einem anderen verfolgt. Hier vereinigen sich viele, um in Verbindung große gemeinsame[264] Unternehmungen auszuführen, während schon eine andere Partei auf deren Vereitelung sinnen mag.

Ich fing nun auch an, die größeren Tiere zu studieren, deren Äußeres das Gepräge ihres inneren Charakters trägt. Die Abstufung ihrer Charaktere ist nach der verschiedenen Bestimmung der Tiere verschieden. Dem Historienmaler wird dieses Studium sehr nützlich sein, weil hier alles auffallend deutlich und hernach leichter im Menschengeschlechte wiederzufinden ist, da das Tierische mit der schönen Menschengestalt verschmolzen ist. Doch wurde auch diese über den nämlichen Leisten geformt wie die Gestalt der Tiere; man findet denselben Bau, nur veredelt. Scheint es doch fast, als habe die Schöpfung zuvor mit den Tieren Probe machen wollen, um nachher den Herrscher über alle Geschöpfe, den Menschen, bilden zu können! So viele Abstufungen man im Tierreich findet, so viele kann man auch im Menschen entdecken, dessen Leben in so mancher Hinsicht dem des Tieres gleichkommt. Dort Streben und Entgegenwirken, Zwecke setzen, Mittel suchen, Zwecke erreichen und verfehlen. Aber das Hauptstreben fehlt dem Tiere, das Streben nach Veredlung! Die verschiedenen Arten des Menschen aufzusuchen, zu bemerken und nachzuzeichnen, wurde nun mein Lieblingsstudium. Ich finde einige Menschen von anderen ganz verschieden an Knochenbau und Form. Um mich hierüber verständlich zu machen, müßte ich Zeichnungen beilegen, deren ich auch viele gemacht habe, welche die Gattungen der Menschen deutlich unterscheiden. Ganz besonders hat man in Rom Gelegenheit, die Menschen zu studieren, da ein großer Teil derselben dort noch ohne Bildung aufwächst und sein Naturell ohne Verstellung, seine Leidenschaften ohne Scheu zeigt. In den gebildeten Ständen, die sich zu mäßigen und ihren Charakter zu verstecken wissen, hält dies natürlich schwerer. Ich ging deshalb oft an Örter, wo Menschen von der niedrigsten Klasse sich versammeln, z.B. in die Osterien, besonders in eine hinter[265] dem Kapitol nahe beim Tarpejischen Felsen. Hier sah ich einst einen Menschen eintreten mit einem heroischen Gesichte und gebietender Sprache. Kaum grüßte er, und das Wenige, was er sagte, war nur so obenhin. Seinen dicken Knotenstock warf er in die Ecke und fragte den Oste, was er zu speisen habe. Der stellte sich vor ihn hin, wie ein höflicher Wirt tut, wenn er einen hohen Gast empfängt, und sagte: »Vossignoria a da comandare«, nannte alle seine Suppen, Gemüse und Fleischarten her und deckte gleich auf mit Servietten und Tellern. Der Angekommene schüttelte bei vielen Sachen den Kopf und wählte endlich, wo denn der Wirt gleich hinauseilte und das Verlangte mit einem »ecco è servita Vossignoria« brachte. Dann setzte sich der Fremde mit einer sehr verwegenen vornehmen Miene hin und speiste. Und wer war dieser vornehme Gast? Ein Bettler, den ich oft auf der Straße und vor der Kirche hatte liegen sehen und mit wimmernder Stimme sein »fratello, dà al tuo povero fratello una limosina« ausrufen hören. Hier erschien er anders. Sein Gespräch enthielt gleich Urteile über die Menschen und über das Neue, was sich gestern und heute in der Stadt zugetragen. Alles, was er sagte, war kurz und treffend. So sprach er über den Verfall und das Sinken alter großer Familien in Rom! »Heute sah ich die Duchesse N.N. mit ihrem Gefolge in die Kirche gehen; sie gab mir noch das Almosen, aber wie knapp! Seidem der Sohn verheiratet ist, vergeht das Haus. Noch gestern abend verspielte er soundsoviel. – Die neue Verordnung der Kammer wegen des Getreides hat der Kornhändler N. bewirkt und bringt dem Staate soviel Schaden. – Das Haus des N. erhält sich noch immer in seiner Würde, zwar eingeschränkt an Pracht, aber seine Hoheit im Almosenspenden besteht, und es geht seinen alten Gang; alle Bedienten der Voreltern sind noch im Hause, alle in Ruhestand gesetzten Bedienten erhalten pünktlich ihr Gehalt, ed il decoro della casa resta immobile.«[266]

Einen anderen alten Bettler sah ich zuweilen in den Osterien in Rom, der mir nicht minder interessant war. Man nannte ihn »il gobbo Casparo«; er hatte eine vortreffliche Tenorstimme und unterhielt damit das Volk auf der Straße, wenn er bei Laune war, sehr gut. Dieser Mensch brauchte nur ein paarmal eine Arie aus Opern singen zu hören, um sie gleich richtig nachsingen zu können. Oft habe ich auch unter seinen gedrängten Zuhörern auf der Straße gestanden und mich besonders an seiner komischen Gestalt ergötzt, wenn er (der bucklige Kaspar) die Bravour-Arie eines Helden sang, z.B. Alexanders des Großen! Dann sagte er vorher in voller Begeisterung zu den Umstehenden: »Macht mir Platz, damit ich den erhabenen Helden würdig vorstellen und mich in seinen Charakter ganz versetzen kann.« So ging er bis an die Mauer des Hauses zurück, trat auf einmal hervor und begann seine Arie, die die Zuhörer erschütterte und in eine wahrhaft erhabene Stimmung versetzte. Ich hörte, wegen dieses Mannes habe man sich in seiner Jugend viel Mühe gegeben, um seine seltenen Anlagen und schöne Stimme auszubilden; Fürsten hätten ihm Wohnung in ihren Palästen, schöne Kleider, Geld und die besten Kapellmeister zu Lehrern gegeben und überhaupt alles mögliche angewandt, um ihn die Musik aus dem Grunde lernen zu lassen. Aber er habe dies nur eine kurze Zeit ausgehalten und bald seine schönen Kleider weggeworfen und gesagt, das mache ihm zuviel Mühe, die zu schonen, und das Lernen sei ihm unausstehlich, er wolle keinen Zwang und lieber arm, aber frei und frank wie zuvor leben. Ich war begierig, diesen Alten näher kennenzulernen, und da ich in seinem Kopfe Charakter sah, redete ich ihn einst an, als er an einer Straßenecke lag, und sagte zu ihm, daß ich ihn gern abzeichnen möchte, ob er gegen Bezahlung zu mir kommen wolle? Man gibt gewöhnlich drei Paoli in Rom dafür. Er war damit zufrieden. Ich zeigte ihm das Haus und bestimmte die Stunde. Am anderen Morgen war er genau um[267] die festgesetzte Zeit bei mir. Ich fing gleich an, seinen Kopf zu zeichnen, der sehr charakteristisch und ungewöhnlich war, ein Gemisch von Kraft, Unbill und Selbstgenügsamkeit. Ich suchte ihn im Gespräch auf seine Lebensweise zu leiten. Er erzählte mir, das Freie, Fröhliche habe ihn immer angezogen. Die Schönheit und der Menschen schöne Werke, la grandezza e magnificenza zu sehen, habe ihn gereizt, nach Spanien zu gehen, wo er sich erfeut habe; doch gebühre Rom der Vorzug. Dies sei der würdigste Fleck der Erde, wo Hoheit und Schönheit beisammen wären und wo sich auch am wohnlichsten leben lasse. Sein größtes Behagen sei, im Kreise unbefangener, guter Freunde ein Gespräch zu halten; Rom sei angefüllt von köstlichem Genusse für Auge und Ohr! »Will ich der Welt Schönheiten sehen, so werfe ich mich an einer Straßenecke auf die Erde, im Winter in die Sonne, im Sommer in den Schatten, und sehe das Gewimmel der vor mir vorbeitreibenden Menschen und ergötze mich an den blühenden Gestalten und schmuckvollen Schönheiten, die daherwallen. Ist ein Fest, o dann gibt's in diesem Strome frommer Christen sättigenden Genuß fürs Auge! Dann lege ich mich auf der Kirchentreppe nahe am Eingange nieder; und will ich noch mehr Genuß, so gehe ich hinein und lege mich einer Kapelle mit einem schönen Bilde gegenüber und höre die Musik. Was kann köstlicher sein, als, indem das Auge die Kunst des Malers, des Bildhauers und des Architekten bewundert und sich ergötzt an den mit prächtigen Blumensträußen gezierten Altären, vor denen Gottes schönste Blüten, kindliche, fromme Menschen in heiliger Andacht knien, das Ohr begierig die schwellenden Töne des himmlischen Gesanges einsaugen zu lassen und so in unnennbarem Entzücken zu schwimmen. Alles dieses ist mein und kann mir nicht genommen werden, und diese meine größte Freude kostet nichts! Dann«, fuhr er fort, »habe ich auch Bekanntschaft mit den Kustoden der Galerien; die wollen mir wohl und laden mich oft freundlich[268] in die schönen Bildersäle ein, wo ich denn mit Muße die schönen Gemälde betrachten kann. So kenne ich fast alle Schätze, die Rom besitzt.« Ich fragte ihn hierauf um seine Meinung über manches Bild. Zu meiner großen Verwunderung gab er mir fast lauter Urteile, die mit denen der Kenner übereinkamen. »Welches Bild hältst du denn für das vorzüglichste in Rom?« fragte ich ihn. »Das ist keiner Antwort wert«, versetzte er, »denn das schönste und angenehmste Kunstwerk spricht sich genugsam aus!« – »Nun welches denn?« – »Das Göttermahl, die Hochzeit der Psyche von Raffael in der Farnesina! Da sind die göttlichen Gestalten versammelt! Alles ist festlich mit Kränzen und Girlanden aufgeschmückt; hoch, erhaben und freundlich schweben die Götter und Göttinnen in der blauen Luft, ohne daß sie, wie wir anderen Sterblichen, Grund unter ihren Füßen nötig haben. Wenn ich mich recht vergnügen will, bitte ich den Kustode, mir den Saal aufzuschließen. Hier lege ich mich auf den Boden und kann nicht aufhören, diese seligen Wesen über mir zu beschauen, dafür singe ich ihm dann eine Arie, auch zwei, auch wohl drei!« Im Laufe des Gesprächs fragte ich ihn, was er, da er gar kein Gewerbe treibe oder andere Einkünfte habe, anfange, wenn Tage kämen, wo ihm die Geschenke mitleidiger Menschen mangelten? »Das geschieht nie«, war seine Antwort! »Der schlechteste Tag bringt mir 3 Bajocchi ein, und ich habe nur 11/2 nötig, um zu essen und zu trinken, also 11/2 überflüssig. Sollten mir auch diese fehlen, so esse und trinke ich doch, denn viel sind meiner Bekannten und meiner Freunde. Die Wirte, wo ich mein Geld verzehre, haben mich gern und borgen mir, da ich nichts anderes nötig habe als ein wenig Suppe, ein Glas Wein und ein Stückchen Brot. Kommt mir die Lust an, zu essen wie die Fürsten, so habe ich es gleich. Ich brauche nur in irgendeinen Palast eines Großen zu dem Koch zu gehen und ihm eine Arie zu singen; dann bekomme ich Pasteten, Braten, den besten Wein, Malaga, Gebackenes[269] und Zuckerwerk. Doch wahrlich, es schmeckt mir besser, wenn ich im Winter um ein Kohlenfeuer für meine drei Bajocchi im Kreise vertrauter Freunde esse.«

Es schien mir immer mehr der Mühe wert, einen solchen Charakter recht ausführlich und genau in der Zeichnung darzustellen. Zwei Vormittage hatte ich schon daran gearbeitet, aber die Vollendung schien immer schwieriger zu werden. Nun ging ich wieder zu ihm an die Straßenecke, wo er gewöhnlich saß, und bat ihn, heute wiederzukommen. Er schlug es aber rund ab und sagte, er möchte heute nicht die Treppe steigen. Ich erwiderte ihm, er habe gewiß kein Geschäft oder andere Einnahme zu erwarten, die drei Paoli wert sei, welche ich ihm gäbe; er möge sich also entschließen und zu mir kommen, da ich meine Arbeit danach eingerichtet und diesen Tag dazu bestimmt habe. – »Das mögt Ihr wohl für Euch getan haben«, antwortete er, »aber bei mir steht der Sinn nicht danach, heute bei Euch zu sitzen; ich bin alt und mag die Treppe nicht steigen. Verdenkt es mir also nicht, denn ich würde es mir verdenken, wenn ich es täte.« All mein Bereden und Versprechen half nichts. Er antwortete mir gar nicht mehr.

Das milde Klima, die leichte Art, den Körper zu bedecken und zu nähren, die nachsichtige Regierung, welche meistenteils die Menschen ganz nach ihrem freien Willen leben und handeln läßt, alles kommt zusammen, um in Rom mehr als an jedem anderen Orte Menschen finden zu lassen, die ihren Charakter ungebändigt und rein aussprechen. Selbst die Kirche begünstigt dieses, indem sie die schützt, welche eigenmächtig Rache nehmen, und so den verkehrten Glauben nährt, daß nur durch diese der Zorn zu besänftigen sei.

So kam einst ein Mann, aus Bethlehem gebürtig, nach Rom. Er war voll Fanatismus für die Lehre Christi, nannte sich dessen Landsmann und predigte auf den Straßen, wo sich viel Volk um ihn versammelte. Es wurde ihm freilich einige[270] Male untersagt, weil er nicht dazu berufen sei und Unordnung verursache, allein er hielt sich als Landsmann Christi doch dazu berufen, und wenn er von der einen Straße weggewiesen wurde, begann er in einer anderen seine Predigt von neuem. Eines Tages predigte er auf Monte Cavallo, nicht weit von der Wohnung des Papstes, und da er keinem Gebote, sich hinwegzubewegen, Gehör geben wollte, so wurden Sbirren ausgesandt, ihn gefänglich einzuziehen. Allein, auch denen widersetzte er sich, sie für Diebe, Mörder und Häscher scheltend, und drohte ihnen, wenn sie ihn ferner in seinem heiligen Amte beunruhigten, sie zu behandeln wie sie verdienten. Aber diese bemächtigten sich seiner und paternosterten ihn. Dies geschieht auf folgende Weise: Man schlingt eine kleine eiserne Kette mit runden Kugeln um das Handgelenk, was so schmerzhaft ist, daß der stärkste Mann durch die unerträgliche Pein, welche die Kugeln auf den Knochen verursachen, folgsam wird! Dieser Mensch aber achtete dessen nicht und suchte sich mit Gewalt von der Kette zu befreien, die, je mehr er sich anstrengte, sich um so fester zuzog. Nun wurde er wütend, und mit der Kraft eines Rasenden streifte er durch einen starken Ruck samt der Kette Haut und Fleisch wie einen Handschuh ab. Darauf fuhr er auf die erschrockenen Häscher los, schmetterte mehrere von ihnen zu Boden, eilte zum Palaste des Papstes, bahnte sich gewaltsam einen Weg durch die Schweizer Wache und drang so in die Zimmer des Papstes. Vor diesen trat er hin: »Statthalter Gottes auf Erden, deine Diener der weltlichen Regierung schicken Häscher, welche Diebe und Mörder fangen sollen; allein sie unterstanden sich, mich, einen Landsmann Christi, anzufassen, während ich Christi Lehren predigte, um das sündhafte Volk vom Wege der Hölle auf den allein seligmachenden Weg zum Himmel zu leiten. Sieh, wie ich blute! Diesen Handschuh streifte ich ab und das ganze Lederkleid, welches das sündige Fleisch bedeckt; das ist kein Schmerz, denn meine[271] Seele hängt an dem Erlöser!« Der Papst und die Kardinäle erschraken; doch besannen sie sich bald und wußten die Sache zum Vorteil zu wenden, indem sie ihn zum griechischen Beichtvater an der Peterskirche ernannten. Später traf ich diesen Menschen einmal bei dem russischen Etatsrat Fomrisin, wo ich zufällig äußerte, daß der Martin Luther doch der erste Heilige wäre. Dies brachte den Bethlehemiter so auf, daß er mir seine Kalotte geradezu ins Gesicht warf.

Einst hatte ich Gelegenheit, noch einen solchen kräftigen, jähzornigen Menschen zu sehen. Ich war mit einer Gesellschaft Römer nach Fiumicino gefahren, wo der Tiber ins Meer fließt, um dort am Strande frisch gefangene Fische zu essen, welche die jetzigen wie die alten Römer noch immer für die köstlichste Speise halten. Die Gesellschaft bestand aus munteren, kraftvollen Männern, worunter mehrere waren, denen das Messer nur lose in der Scheide saß und die keine vermeinte Beleidigung ungestraft hingehen ließen. Wir waren unterwegs recht lustig, es wurde fleißig getrunken, so daß die Köpfe heiß und die Stimmen laut wurden. Hier angelangt, machten wir gleich den Handel mit den Fischern am Ufer richtig und kauften, wie das hier gewöhnlich ist, den künftigen Fang im voraus auf gut Glück. Während das Netz ausgeworfen wurde, machten wir Feuer mit dem vom Meere angespülten Holze und setzten Kessel und Pfannen darüber. Der Fang fiel so glücklich aus, daß mehr Fische herausgezogen wurden, als wir brauchten. Nun ging das Hochleben recht an. Die Italiener sind fast alle auch Köche und verstehen wenigstens ebensoviel davon wie unsere deutschen Frauen. Jeder war beschäftigt; dazu kamen noch die mitgebrachten Pasteten und Braten. Es ward wacker geschmaust und tapfer getrunken. Als nun das Mahl in lauter Fröhlichkeit und Lust geendigt war, wollte die Gesellschaft diese sandigen Ufer mit den interessanteren auf der anderen Seite des Tiber,[272] wo große Ruinen lagen, vertauschen. Wir gingen also an dem Tiber hinauf und suchten einen Kahn. Endlich fanden wir einen Mann, der saß am Ufer des Flusses und schnitzte mit dem Messer an einem Holze. Diesen fragten wir, ob nicht ein Kahn in der Nähe sei? Er bejahte es, blieb aber in seiner gebückten Stellung sitzen und schnitzelte fort. Dann wurde er gefragt, ob er nicht den Kahn gegen eine Vergütung herbestellen wolle? »O ja«, sagte er, »das will ich tun«, fuhr aber immer fort zu schnitzeln. »So mach geschwind, wir haben Eile«, ward ihm zugerufen. »Gleich«, erwiderte er und schnitt noch den letzten Span von seinem Holze im langsamen Aufstehen. »Geschwind, geschwind!« riefen die meisten mit heftiger Stimme. Er schaute verwundert auf und sah uns an. Nun sprang einer aus der Gesellschaft, ein ausgezeichneter Bramarbas, vor ihn und fuhr ihn mit drohender Stimme an: »Mach geschwind, oder ich werde dir Beine machen, du phlegmatischer Klotz!« – Nun stand er auf, richtete sich immer höher und schien größer zu werden. Der Zorn stieg ihm in den Kopf, er blies den Odem aus der Nase, wie wenn gepreßter Wind durch eine Röhre braust; leuchtend rollten die Augen, und wie ein schwarzes Donnerwetter, worin Tod und Verderben, zog es sich um die Augenbrauen. So ergriffen und bemeistert von Zorn, stand er ohne Bewegung und Stimme da, das Messer in der Hand, das Holz auf der Erde. Sein Blick war so erschreckend, daß die Gesellschaft mehrere Schritte zurücktrat. Dann begann er mit Donnerstimme: »Verflucht sei eure Seele, die ich gleich aus dem Körper jagen und dorthin senden werde, wo ich schon so manche hingesandt habe; und das waren ganz andere Männer als ihr elenden, übermütigen Würmchen! Wißt! Io sono uomo e Romano! So laß ich nicht mit mir sprechen! Darum bin ich hier in dieser Wüste! Ist das eine Art, einen Mann anzureden, der euch willig einen Dienst tun will?« Die Gesetzteren aus unserer Gesellschaft suchten ihn zu besänftigen[273] und sagten, es sei nicht so gemeint gewesen und nur im Scherz gesagt. »Was euch Scherz ist, ist mir Ernst«, entgegnete jener, »auch in meiner unglücklichen Verbannung wollt ihr leichtsinnige Übermütige mich beunruhigen? Mein Glück habe ich verloren, weil ich Wahrheit von Falschheit, Recht von Unrecht, Scherz von Ernst trennen wollte! Ich bin, tue und fühle noch im Unglück, was ich im Glück tat! Nichts unausstehlicher ist mir, als frecher Übermut! Ihr Frevler! Entfernt euch aus meinen Augen!«

Zu mehrerer Verständlichkeit dieser Worte muß man wissen, daß diese Gegend öde, wüst und ungesund ist und oft große Verbrecher zur Strafe hierherverbannt werden, welche auf die Büffelochsen in den Sümpfen achten müssen, und die einzigen Menschen sind, die man hier von Zeit zu Zeit gewahr wird. Man kann sich nichts Traurigeres denken als den Anblick dieser Gegend. Es scheint alles ausgestorben zu sein; Sand oder Sumpf läßt keinen Baum, keine frische Pflanze wachsen, nur einige dürre Meeruferpflanzen erblickt man hier und da. Kein Leben regt sich, nur die Wellen, welche ans Ufer laufen.

Nur die lustige und fröhliche Gesellschaft hatte bei den meisten von uns die düsteren Umgebungen vergessen machen; mir gewährte außerdem der Fischfang viel Freude. Unter den gefangenen Fischen befand sich der Zitteraal, der, sowie er angerührt wird, einen elektrischen Schlag von sich gibt. Außerdem wurde ein kleines Fischchen mit herausgezogen, welches die Fischer gleichfalls nicht anrühren, sondern, sobald sie es sehen, ein Loch in den Sand machen, es hineinstoßen und dann niederstampfen. Sie sagen, es steche und sei giftig. Ein Mann aus unserer Gesellschaft bestätigte dieses, denn da er den kleinen Fisch nicht kannte und ihn anfaßte, wurde er durch den Kamm, welchen der Fisch gleich einem Barsche auf dem Rücken hat, zwischen die Finger so gestochen, daß er sich vor Pein in dem Sande herumwälzte. In dem aus dem Meere gezogenen Schilfe untersuchte ich[274] die Bewohner des Schlammes und fand manches wundergestaltete Gewürm. Dann sondierte ich auch die Fischarten und fand darunter einen Fisch, dem saß ein Insekt, ein gepanzerter Käfer, hinter dem Ohre fest angeklammert und sog seine Nahrung aus dem Fische. Der arme Fisch war mager und krank, denn er konnte sich auf keine Weise von diesem Feinde befreien. Ich erschrak. »Frei wie ein Fisch im Wasser«, pflegt man zu sagen, und dieser arme Schwimmer, dem das große Weltmeer offensteht, hat seinen Feind beständig an sich und trägt ihn mit sich, wohin er auch geht! – So angeklammert trägt mancher Mensch auch seinen Feind an sich, der ihn nagt und aussaugt und den er vergebens abzustreifen versucht! – Ich bemühte mich, das Insekt loszureißen. Dies schmerzte den Fisch, denn er riß das Maul weit auf und erregte Mitleid ohne Laut und Stimme. Wie es losgetrennt war, sah die Stelle, woran es gesessen, rotgelblich aus wie eine alte Wunde, die in Fäulnis übergeht; es lief auch ein gelber Saft heraus. Ich gab dem Fische die Freiheit wieder, er war aber so kraftlos, daß ihn die Wellen lange wälzten, ehe er in die Tiefe kommen konnte. Die Fischer nennen dieses Insekt, das ungefähr von der Größe eines großen Pfirsichsteines ist und dessen scharfe Füße durch die Fischschuppen gehen, eine Fischlaus.

Quelle:
Tischbein, Heinrich Wilhelm: Aus meinem Leben. Berlin 1956, S. 230-275.
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