In des abtrünnigen Judas und Apostel-Amt gelangt durch einhellige Wahl der heilige Matthias.

[293] Nach der wunderbarlichen Himmelfahrt Christi des Herrn hat der hl. Petrus, als ein Oberhaupt der katholischen Kirche, die Apostel, wie auch die 72 Jünger zusammen berufen, wobei auch die übergebenedeite Mutter Gottes erschienen samt etlichen andern, und nach kurzer Predigt von dem unglückseligen Fall des Iscarioths eifrig vorgetragen, daß sie nunmehr zum Nutzen der Kirche und zur Beförderung des Seelenheils wollen zu der Wahl schreiten eines neuen Apostels, anstatt des entführten lasterhaften Judas. Wie sie nun alle insgesamt, deren gegen hundert und zwanzig bei einander, eine geraume Zeit ihr inbrünstiges Gebet verrichtet, haben sie endlich Canonico ihrer zwei erwählt, benanntlich Josephum, Barsabeam, der eine Bruder war Jakobi minoris und ein Befreundter Christi und Mariä, wie dann auch Matthiam, so von Bethlehem gebürtig, ein beständiger Jünger Christi des Herrn gewesen; beide sehr fromme, heilige und verständige Männer. Damit aber Gott der ganzen Welt zeige, daß man in Ertheilung der Aemter, forderist der geistlichen Dignität, nicht soll ansehen das Blut und Verwandtschaft, sondern vielmehr die Tauglichkeit und die Verdienste, also ist[294] Matthias durch eine vom Himmel gesandte Strahle zur apostolischen Hochzeit erkiesen worden, wozu ihm das ganze Kollegium, samt allen anwesenden Christen, vom Herzen gratulirt, und anbei Gott den Herrn gelobt und gepriesen, daß durch seine Gnade anstatt des Erzschelms Judas ein so werther Mann erwählt worden.


Wahl ist nicht allezeit wohl.


Wie Julius der Dritte, Pius der Vierte, Gregorius der Neunte, Innocentius der Dritte, Fabianus und andere zu römischen Päbsten erwählt worden, da hat der hl. Geist in sichtbarer Gestalt einer schneeweißen Taube, solche Wahl gut geheißen. Desgleichen ist auch geschehen mit dem hl. Polykarpo, Mauritio, Hilario, Kurutio, Marcellino, Marcello und mehreren andern, wie sie zur bischöflichen Hohheit erhebt worden. Wann schon nicht allemal dergleichen Wunderwerk geschehen, so ist doch nicht in Zweifel zu setzen, daß nicht unsichtbarer Weise der hl. Geist in solchen Wahlen mitwirke. Was anlangt die Wahl eines römischen Pabstes und Oberhaupts der katholischen Kirche, will ich dermal nichts beirucken, indem ohnedas bekannt, daß erstgenannte Kirche nicht auf einem morastigen Grund, sondern auf einem unbeweglichen Felsen gebaut sey, auch jenige feurigen Zungen, so über die Apostel kommen, noch in den Nachkömmlingen ihre Wirkung haben. Aber bei dieser bethörten und verkehrten Welt wird nicht selten einer zur geistlichen Dignität gelangen, der nicht Dignus ist, wird gar zu großen Würden kommen, der es doch nicht ist.[295] Da heißt es, da sagt man, da hört man, es ist bey der Wahl und mit der Wahl nicht gar wohl hergangen.


Die Wahl geschieht nicht wohl, wann man einen Idioten erwählt.


Wie die Philister die Arche des Herrn von den Israelitern erobert und in ihre Hand bekommen, da haben sie solche alsobald in ihren Tempel geführt. Kaum aber, daß diese durch die Pforte oder Thür hinein gebracht worden, da ist ihr Abgott, der Dagon genannt, von dem Altar herunter gefallen, den sie den andern Tag wiederum mit sonderer Solennität an sein Ort gestellt, dieser aber ist mehrmal durch göttliche Gewalt von dem Altar herunter gestürzt worden, daß er also den Kopf und Hände verloren: Porro Dagon solus truncus remanserat, und nichts anderst verblieben, als ein gemeiner Stock und Block. Gleichwohl haben die Philister ihn noch verehrt und angebetet. Wir seynd der Zeit, Gott sey Lob, keine ungläubige Heiden und verblendete Götzenanbeter, wie diese, aber dannoch geschieht es, daß wir zuweilen müssen einen verehren und gleichsam anbeten, der keinen Kopf hat und ein lauterer Trunkus wie der Dagon. Ja, Kornelius a Lapide schreibt, daß besagtes Götzenbild halb Mensch und halb Fisch sey gewest, wann schon. Es kommt zu Zeiten einer zu einem Amt, der gar lauter Stockfisch, und wir müssen ihn gleichwohl verehren. Aber eine solche Wahl sieht nie wohl.

Wie unser Herr den Lazarum von Todten erweckt hat, so ist solcher den Hohenpriestern nicht ein[296] wenig in die Nase gerochen, in Erwägung, daß durch dergleichen Wunderwerk dieses Zimmermanns Sohn (also nennten sie ihn) das meiste Volk werde nach sich ziehen, und folgsam ihnen das Interesse ziemlich geschmälert werden. Haben demnach diese Hohenpriester, diese hochwürdigen Herren einen Rath versammlet, und allerlei Anschläg auf die Bahn gebracht, wie doch fernerm Uebel vorzubeugen seye. Wie sie nun im beßten Diskurs begriffen, und glaubten ihres Sinnes, daß sie sehr bescheid und weislich geredet haben, da richtet sich der Kaiphas auf, welcher desselbigen Jahrs der höchste Priester war, und ein Oberhaupt der Synagog und völliger Geistlichkeit, und sprach nicht ohne Groll und Widerwillen: »Vos nescitis quidquam, ihr wisset nichts.«

O pfui! pfui! wie schändlich sieht es, wie ungereimt ist es, wann jemand in hohem Amt und geistlicher Würde sich befindet, und den Namen und Titul trägt Ihro Hochwürden, Ihro Gnaden, Ihre Excellenz etc, und man ihnen ebenfalls vorwerfe, was Kaiphas den Hohenpriestern: Ihr wisset nichts, Vos nescitis quidquam; ihr seyd nicht gelehrt, wohl aber geleert; ihr seyd kein Doctor, wohl aber ein Doc-Thor; ihr seyd nicht gradirt, wohl aber radirt; ihr seyd mehr Lutteratus, als Literatus; ihr seyd gleicher einem Stoloni als Soloni; ihr seyd ähnlicher einem Stallmann, als einem Salomon; ihr seyd ein besserer Mato als Mathematikus; ihr wisset nicht mehr aus einem Plano, als einem Becano. Doch ist bekannter der Gaymann, als der Laymann, ihr seyd ein schlechter Kanonist, wohl aber ein guter Kandelist:

[297] Vos noscitis quidquam etc. Die schöne Rachel hat Stroh unterm Leib gehabt, wie sie die Götzenbilder verborgen, ihr aber tragt Stroh im Kopf. Der Samson hat mit einem Eselskinnbacken tausend Philister erlegt, ihr könnt mit einem ganzen Eselskopf nichts richten. Des Josephs Brüder haben Korn und Waizen in den Säcken gehabt, ihr aber habt Haber im Kopf, und seyd gar ein Haber-Narr.

In dem obern Garn der Arche Noe seynd allerley Vögel gewest, bei euch aber ist oberhalb ein ganzes Gimpelnest, pfui! ihr seyd Consultissimus, et nescitis quidquam, und wisset nichts.

Joannes hat alles golten bei unserm lieben Herrn, ihn hat der Heiland mehr geliebt und gelobt, als andere Apostel, er hat die Brust Christi für einen Polster gehabt, solche Gnad ist keinem andern begegnet, er hat die Gerhabschaft ist über die Mutter Gottes gehabt, und ist allezeit eine Lilgen-reine Jungfrau verblieben, er war sogar ein Vetter des Herrn, und dannoch hat ihn Christus zu keinem Pabst gemacht, sondern Petrum zu dieser höchsten Würde erkiesen. Warum aber dieses? darum. Ehe und bevor der Heiland diese Dignität und hohe geistliche Würde conferirt, hat er ein Examen angestellt, und der zum besten werde bestehen, der soll zu diesem höchsten Amt gelangen. Er fragt demnach um den andern, und gibt allen insgemein die Question auf: »Quem dicunt homines, etc.: Was sagen die Leut von dem Sohn des Menschen, wer er seye?« da sprachen sie: Etliche sagen, er sey Joannes, der Täufer, etliche aber, er sey Elias, andere aber, er[298] sey Jeremias, oder einer aus den Propheten. Ueber solches wird auch Petrus examinirt, der aber alsobald frisch heraus gesagt: »Tu es Christus etc. Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes etc.« Wie der Heiland hat wahrgenommen, daß Petrus in diesem Konkurse zum besten bestanden, und sich als einen gelehrten Theologum gezeigt, da hat er gleich und ohne einigen Verzug ihn zum Pabsten erwählt, du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Dadurch uns eine Lehr zu geben, daß wir in einer Wahl die Stimmen nicht sollen werfen auf einen Idioten, der eine schlechte Wissenschaft hat, sondern auf einen Gelehrten und Wohlerfahrnen. In der Wahl eines Bischofs, eines Prälaten, eines Abts, eines Probsten, eines Priors, eines Quardians etc., und was immer eine geistliche Würde mag genennet werden, wohl dahin trachten und zielen, damit ein Gelehrter erwählt werde. Dann wo keine Doctrin, dort ist gemeiniglich ein Ruin, und stehet nichts spöttlichers, als wann man solchen kann vorwerfen das nescitis, ihr wisset nichts.

Unser Herr mit seinem göttlichen Mund hat bei dem Evangelisten Matthäo sehr schön und wohl beschrieben, wie einer soll beschaffen seyn, der ein Amt zu versehen hat: Fidelis et prudens, quem constituit Dominus super familiam suam, er soll nämlich treu und verständig seyn. Es ist an dem allein nicht gelegen, daß er fromm und gottselig ist, daß er immerzu im Chor steckt, und bald die Zeit mehr mit Knieen als mit Stehen zubringt, daß er fast alle Tag mit seinem Buckel umgeht, wie der[299] Prophet Balaam mit der Eselin, daß er wegen strengen Bußwerken seinem Leib ein Stief-Vater abgibt, es ist nicht genug, daß er ein gutes Gewissen hat, sondern es wird auch erfordert, daß er ein gutes Wissen habe, Fidelis et prudens.

Judas ein Haupt-Schelm, und Petrus ein Oberhaupt der katholischen Kirche, Judas ein Ursacher des Todes Christi, und Petrus hat sich anerboten, um Christi willen den Tod auszustehen, Judas hat unserm Herrn aus der gemeinen Kasse das Geld gestohlen, und Petrus hat für unsern Herrn den Zinsgroschen zu Kapharnaum bezahlt. Nichts destoweniger hat der Herr und Heiland dem Judä nie einen so harten Filz und Verweis geben, wie dem Petro. Wie der Iscarioth ihn durch einen falschen Kuß verrathen, da hat ihn der gebenedeite Meister noch einen Freund geheißen, Amice etc. Den Peter aber hat er gar einen Satan und Teufel genennt, und zwar dazumal, als Petrus vernommen, als solle er, benanntlich Christus, eines bittern Todes sterben zu Jerusalem, da hat er sich dessen eifrig angenommen, absit: bei Leib nicht Herr, sprach Petrus, dieses sey weit von dir; worauf der sonst sanftmüthigste Erlöser ein finsteres Gesicht gemacht, und den Peter einen Teufel gescholten, Vade etc. Gehe von mir du Satan etc. Gab aber gleich die Ursach dieses so harten Prädicats. Non sapis ea, quae Dei sunt etc. Du verstehest nicht, was Gottes ist.

Auf solche Weis hat Christus eine größere Geduld gehabt mit dem gottlosen Juda, als mit dem Petro, so dazumal einen Ignoranten abgeben; sogar[300] kann Gott nicht leiden, wann eine geistliche Obrigkeit nichts verstehet, absonderlich, wann sie nicht verstehet, was Gottes ist, wann sie keiner einigen geistlichen Wissenschaft kündig; wann sie besser und mehr weiß um die Nuß, als um das Jus; wann sie aus Mangel der Wissenschaft alles den Ministern und Bedienten überläßt, so nachmal mit der Justiz verfahren, wie die Brüder mit dem Joseph, den sie um das Geld verlauft; wann sie sich in der Rath-Stube nur mit dem Ja buckt, wie die Mäntel in einem Haus-Krippel. Pfui!

Ein Esel, und Meister Langohr bat auf eine Zeit wahrgenommen, wie ein kleines Hündlein mit Namen Bellamor sehr viel gelte bei seinem Herrn, und weil es mehrmal mit den Füßen an den Herrn aufspringt, und allerlei schmeichlerische Geberden zeigt; da gedachte der grobe Trampel, er wollte es dem lustigen Bellamor nachthun, und aller gleicher Gestalt besser bei seinem Patron in Gnaden zu kommen, und etwan künftig im Futter eine doppelte Portion zu erhalten, weil er doch bishero im schlechten Konvict gewest. Sobald aber der asiatische Phantast die vorderen zwei Füße dem Herrn auf die Achsel gelegt, und mit den langen Spitzohren die Baroquen herunter gehebt, da hat sich der Herr dieses so groben Liebkosens bedankt, und solche Kortesie mit einem Brügel bestermassen erwidert. Die Fabel will nichts anders sagen, als, es soll ein jeder bleiben, wer er ist, und wann ein Esel sich schon befleißt, eines andern sein Thun und Lassen nachzuzähnen, so steht es ihm ganz nicht an, und wird allemal als ein Esel erkennet.[301]

Wann ein Idiot ein plumper Ignorant durch unvorsichtige Stimmen und Wahl zu einer Dignität erhoben wird, so wird er zwar in allweg trachten, wie er es möge andern nachthun, er kleidet sich gleich andern, und muß der doppelte Taffet den einfachen und einfältigen Tropf bedecken, er läßt den Bart nach der Modi reformiren, der ohnedas Rasus genug ist, er schickt sich allgemach in die Reputation, und singt den Alt, der vorher einen so niedern Paß gesungen: aber es will ihm doch nichts anstehen, aus den Worten und Werken merkt man, daß der hölzerne Klepper, auf dem die muthwilligen Soldaten auf dem Platz müssen reiten, sein nächster Verwandter sey. Aus seinem Diskurs thut man wahrnehmen, daß am Palmtag sein vornehmstes Fest seye, und bleibt in allweg ein Esel, worvon nachmals der Respekt bei den Untern in Verlust gehet, mancher verschmitzter Gesell und arger Vogel ihn hinter das Licht führt, der gemeine Pöbel ihn verhöhnet, das Amt spöttlich verricht wird, und das ganze Gebäu unter einem solchen Strohdach Schaden leidet; Ignorantia enim est erroris Mater.

Ich habe von einem dergleichen Ignoranten gelesen, was Gestalt er durch die große Willfährigkeit seines Königs zu einer geistlichen Würde sey erhoben worden, unangesehen er die Schwindsucht im Hirn gehabt. Es ist ihm gangen wie der Musik, welche aus allen Noten das La zuhöchst setzt, ut re, mi, fa, so, la. Also gelangt auch mancher La Leerer Kopf, La Lapp, La Laller, La Lauser, La Lackendrescher etc. durch blindes Glück in die Hohe. Weil[302] erstgedachter Idiot zu dem unverdienten Amt kommen, und andere Wohlverständige und Gelehrte das Kürzere gezogen, also haben sie dem König mit artlicher Manier solche Esels-Promotion zu verstehen geben. Und weil sie wußten, daß er in etlich Tagen das Hochamt mußte gar solenniter vor dem König halten, so haben sie in aller Still in dem Meßbuch zwei einige Buchstaben ausgekratzt, in der Kollecte für den König, nämlich das Fa, da famulo tuo Regi etc. Wessenthalben ihre neue Hochwürden, die ohnedas auf der lateinischen Schüler-Bank wenig Schiefer eingezogen, ganz hell und klar gesungen: Damulo tuo Regi; woraus der König sattsam konnte abnehmen, wie übel er den Idioten in solches Amt gesetzt. Dahero lamentirt der weise Salomon gar recht mit diesen Worten: Es ist ein Unheil, das ich unter der Sonne gesehen hab: was für ein Unheil? Daß nämlich ein Narr hoch liegt in großen Würden. Wohl ein großes Unheil.


Eine Wahl geschieht nicht wohl.


Wann man einen bösen und tadelhaften Menschen erwählt. Eine leichtfertige Krotte, ein verdammtes Geflügelwerk, eine verruchte Kitteltaube, ein vermaledeites Vieh, eine nobilitirte Vettel, eine adeliche Bestie, eine teuflische Tänzerin ist Herodias gewest, welche mit ihrem Hupfen und Springen den Herodes also eingenommen, daß er ihr das halbe Königreich derenthalben zu einer Schenkung anerboten, sie aber, uneracht der Weiber Sinn auf den Gewinn gehet, und Divitiae generis Feminini, auch das Weiblein[303] im Evangelium das ganze Haus ausgekehrt, damit sie nur den verlornen Groschen wiederum möchte finden (sein Lebtag thät sich ein Mann dessenthalben nicht so viel bemühen) unangesehen der Geiz in Weiberkleidern daher geht, so hat doch diese Herodias auch sogar das halbe Königreich geweigert und in Wind geschlagen, sondern allein begehrt von dem berauschten Herodos Caput Joannis etc., das Haupt Joannes des Täufers. Warum aber, o verfluchtes Ziefer! das Haupt? Wann du und deine saubere Mutter hättet doch wollen verhindern, daß hinfüran der Joannes nicht mehr zu Hof mit seiner Predigt euch verdrießlich sey, so hättet ja können bei dem König auswirken, daß ihm die Zunge wäre ausgeschnitten worden. Nichts anders. sagt diese, verlange ich, als das Haupt Joannis. Diesen Anschlag hat der Teufel ihr geben; dann, gedachte er, wann das Haupt hier ist, so ist alles hin.

Diese höllische Larve braucht noch auf heutigen Tag solche Arglist und befleißt sich nur, wie sie dem Haupt in einem Land, in einer Diözes, in einer Stadt, in einem Kloster, in einer Gemein könne schaden, und dasselbe zum Fall bringen. Daher sitzt er gar oft in Mitte einer Rathstube, und wendet allen möglichsten Fleiß an, wie er die Stimmen möge auf einen lasterhaften kuppeln. Obschon, sagt er, dieser N. etliche Untugenden an sich hat, so ist er doch anbei ein stattlicher Wirth, in großem Ansehen bei jedermann, eine Person von einer Autorität etc., und wann er wird zu dieser Dignität und Amt gelangen, sodann wird er sich besser in Obacht nehmen etc. [304] Si si, da mihi Caput etc. Hab ich einmal, denkt der Satan, das Haupt, den andern Leib will ich gar leicht zu Boden werfen; dann eine schlimme Obrigkeit hat selten fromme Untergebene. Wann in einem Haus oberhalb einregnet, so leiden die untern Zimmer ebenfalls Schaden.

Unser lieber Herr und Heiland ist meistens bei dem Volk in gutem Namen und Ansehen gewest, dieses ist ihm in solcher Menge nachgefolgt, daß er gezwungen worden, die Predigt zu halten nur auf großen Feldern, unter dem freien Himmel; zumal die Tempel und Synagogen weit zu eng waren, ja sogar mußte er wegen des großen Gedränges in ein Schiffel steigen, und von dannen, als einer wankenden Kanzel, die Predigt verrichten und das göttliche Wort vortragen. Was noch mehr, sie, benanntlich das Volk, hat ihn kurzum wollen zu einem König erwählen, so werth und angenehm war er bei dem Volk. Gleichwohl aber haben sie sich weit verändert, und nachmals vor dem Pallast des Pilati überlaut aufgeschrien: »Crucifige etc., Kreuzige ihn, kreuzige ihn.« O ihr Schelmen! wie bald wird ein Gras zu Heu? Eure Gemüther seynd dem Aprilwetter befreundt, ihr seyd so beständig, wie ein Schneeballen in einer Köstenpfanne; vorher so gut, und jetzt wollt ihr Blut, vorher habt ihr geschrien: gebenedeien, jetzt laßt ihr hören vermaledeien, Maledictus, qui pendet in ligno. Vorher lauter Freunde des Herrn, jetzt lauter Feinde desselben. Wie kommts? daher kommts. Sie seynd ja allezeit Christo wohl geneigt gewesen, ihn sehr lieb und werth gehalten; wie sie aber haben[305] wahrgenommen, daß ihre geistliche Obrigkeit ihn suche aus dem Weg zu räumen, so seynd sie gleich auch in dero Fußstapfen getreten, ihres Gelifters worden. Daher sucht der böse Feind nur, wie er einen Lasterhaften kann in die Höhe bringen, und zu einer Obrigkeitsstelle promoviren; dann ihm ganz wohl bekannt, daß, wann das Haupt Schaden leidet, der ganze übrige Leib nicht wohl stehe.

Merkt wohl ihr geistliche Obrigkeit, ihr seyd ein Salz der Erde, spricht unser lieber Herr, ein Salz und keine Sulz, keine schweinene gar nicht; dann euer Wandel soll rein seyn und nicht säuisch. Ihr seyd ein Licht der Welt, sagt der Heiland, ein Licht und keine Lichtputzer, der andere putzen und säubern will, und steckt selbst voller Unflath. Ihr seyd Schafhirten, sagt der Heiland, Schafhirten und keine Schlafhirten, die mit ihrer Saumseligkeit die Untergebenen zum Verderben bringen. Ihr sollt seyn wie ein Nebel, wann solcher in die Höhe steigt, da wird er fein schön glänzend; wie ein Nebel, sage ich, nicht wie ein Nebulo, der mit Aergernuß die Untergebenen zur Nachfolge ziehet. Ihr sollt seyn wie ein Wächter über das Volk, wie ein Wächter, sprich ich, und nicht wie eine Wachtel, die voller Geilheit steckt, und nur den Leib zu mästen sich befleißt. Ihr sollt seyn wie ein Spiegel, worin sich alle könnten ersehen, und die Tugenden erlernen, wie ein Spiegel, sage ich, und nicht wie eine Spiegelfechterei, dadurch das Volk verblendt und betrogen wird.

Ich weiß ein Ort, wo einer durch mehrere Stimmen, jedoch unverhofft, ist zu einem Amt und[306] Dignität erwählt worden, da doch andere in Quantitäten und Verdiensten ihn weit überstiegen. Als ich einen und den andern derenthalben befragt, bekam ich zur Antwort: Er könne den Trunk wohl übertragen und perfekt saufen; weil ohnedas selbiges Ort von den Gästen überloffen wird, also haben sie ihn für den tauglichsten erkennt. Das kam mir seltsam vor, absonderlich weil ich gewußt, daß Moses vom Wasser seine Promotion bekommen, dieser aber vom Wein.

Erstgedachter Moses ist eine rechtschaffene Obrigkeit gewest; als dieser mit den Tafeln der göttlichen Gesetze den Berg herab gestiegen, und zugleich wahrgenommen, wie das muthwillige Volk ein guldenes Kalb für einen Gott anbete, da hat er alsobald durch gerechten Zorn die steinerne Tafel zertrümmert, das guldene Kalb mit allem Ernst gestürzt, und es zu lauter Pulver verbrennt. Es ist sich dießfalls höchst zu verwundern, daß unter so viel tausend vermessenen Israelitern, worunter viel und viel Haupt-Schelme gewesen, keiner ein Maul aufgethan, da sie doch ihr meistes Gut zu solchen Götzen gespendirt. Wie kommts, daß nicht einer oder der andere dem Moses in die Arm gefallen, oder wenigst hart zugeredet, daß er mit solchem kostbaren Metall so übel verfahre: und wann dieser kälberne Gott doch soll so spöttisch tranchirt werden, so wäre es ja besser, daß man die goldene Scherm oder Trümmer wieder dem Volk lassen zukommen, und folgsam die Weiber wieder einige Arm-Bänder und Ohren-Gehäng konnte machen lassen, sonst werden neue Unkosten aufgehen, und wo nehmen und nicht stehlen? die Weiber wollen geziert seyn. Ja[307] was alles Wunder vergrößert, ist dieses, daß kein einiges Weib, zumal unter so viel tausend viel böse werden gewesen seyn, ihm, dem Moses, derenthalben hat ein böses Maul angehängt; ich hätte es dem Moses nicht gerathen, daß er solches zu Wien auf dem Graben hätte probirt. Weder Weib noch Mann aus einem so häufigen Volk ist dem Moses zuwider gewest, sondern alle insgesamt ganz züchtig gestanden, wie er ihr goldenes Kalb also zernichtet, warum dieses? darum, wohl gemerkt, ihr Obrigkeit, darum. Dieser große Mann Gottes hatte dazumal wegen der Ansprach, so er auf dem Berge mit Gott geführt, einen Glanz und Schein auf dem Kopf, und darum ist das Volk so züchtig gewesen.

Wann die Obrigkeit und Vorsteher einen Schein haben, wann sie fromm und heilig leben, so ist kein Zweifel, daß nicht auch Zucht und Ehrbarkeit bei den Untergebenen werde seyn. Wie Christus der Herr in das Haus Zachäi eingetreten, da hat er sich alsobald verlauten lassen, diesem Haus seye dermal Heil wiederfahren. Man weiß aber nur von der Bekehrung Zachäi, nach laut der der Evangelisten, in ihm aber ist das ganze Haus bestanden, wird also mehr Leut und Bediente vermuthlich gehabt haben, die ihm zu seinen Partiten nicht ein wenig an die Hand gangen. Vieler Lehrer Meinung ist es, daß sich alle im ganzen Haus bekehrt haben; dann wie sie gesehen, daß Zachäus ihr Haus-Herr Patron und Obrigkeit zum Kreuz kriecht, so haben sie unschwer demselben nachgefolgt; dann gemeiniglich nach dem Original der Obrigkeit seynd die Untergebenen abcopirt. Wessenthalben der äußerste[308] Fleiß anzuwenden in einer Wahl, damit doch ein Frommer und Tugendsamer möge erwählt werden.

Samuel soll aus Befehl Gottes einen aus den Söhnen Isai zum König salben in Israel, aber was für einen? Der erste, so herzukommen, war der Eliab, ein großer, ein schöner, ein wackerer, ein junger, ein frischer, ein braver Kerl; darum glaubte der Prophet schon, dieser seye von dem Allerhöchsten zur Kron erkiesen, nimmt demnach das Geschirr, worinnen das Oel war, und wollte ihn zum König salben, aber nicht ein Tropfen wollte herausfließen, er kehrt es untersich, übersich; aber das sonst flüssige Oel war so halsstärrig, daß es auf keine Weis fließen wollte; Samuel bekommt zugleich einen Bericht von Gott, wie daß dieser nicht erwählt seye, und er soll nicht ansehen die große Statur, die gesunde Natur, die schöne Positur dieses Menschen, sondern vielmehr die Tugenden.

Gute Tugenden, ein heiliger Wandel, unsträfliche Sitten, ein vollkommenes Leben, sollen einem die Staffel seyn zu hohen Dignitäten. Die Leiter Jakobs hat Gott der Allmächtige selbst gehalten; aber wann jemand Lasterhafter in die Höhe steigt, da hat der Teufel die Leiter. Die Obrigkeiten sollen fein beschaffen seyn, wie jener Bischof zu Metz. In dieser berühmten Stadt, soll in der vornehmsten Kirche daselbst eine Tafel seyn, welche ein Engel vom Himmel dem ersten Bischof desselbigen Orts gebracht hat, auf selbiger seynd die Namen aller Bischöfe, so alldort gewesen seyn, und noch inskünftig werden seyn, jedoch mit einem einigen Buchstaben, und zugleich mit diesem[309] Unterschied, daß ein Buchstabe zuweilen mit Gold geschrieben, einer mit Silber, etliche wohl auch mit Metall, ja sogar mit dumpern Blei. Aus welchem sattsam abzunehmen, was ein jeder werde für einen Wandel führen. Als nun Theodorikus, des großen Kaisers Otto Anverwandter, zu obgedachtem Metz zu einem Bischof erwählt worden, in besagter prophetischen Tafel aber seinen Nam gefunden mit Silber geschrieben, so hat er sich ernsthaft verlauten lassen, daß er dieses Bischof-Amt dergestalten emsig administriren und verwalten wolle, daß Männiglich ihn werde würdig schätzen, daß sein Nam solle mit goldenen Buchstaben geschrieben werden.

Ein solcher und kein anderer soll in einer Wahl die mehrsten Stimmen haben, der fein guldene Sitten und Tugenden an sich hat. Da soll man nicht anschauen, um weil einer von einem guten Haus, und nachmals thut übel hausen. Was nützt es, wann einer etliche hundert Jahr ist gewesen im Herrnstand, und weiß nicht einmal zu herrschen über seine Gemüths-Anmuthungen und Sinnlichkeit? Was fruchtet es, wann einer auch 6 offene Helme im Wappen führt, und anbei wie ein offener Sünder lebt? Was trägts ein, wann einer schon vom guten Geblüt, und schämt sich doch nicht Uebels zu thun? Unter den ersten, so von Christo zur apostolischen Dignität seynd erhoben worden, seynd in der Wahrheit wenig Edelleut gewest. Sofern aber eine adeliche Person gute und dem Adel sonst billig anständige Tugenden hat, ist es recht und löblich, daß ein Haus der Hütte vorgezogen werde. Zumal bekannt, daß so viel tausend heilige Bischöfe,[310] Abte, Prälaten und andere geistliche Vorsteher sehr gut vom Adel gewesen seyn.


Die Wahl geschieht nicht wohl, wann man einen Faulen und Saumseligen erwählt.


Bei den Alten ist es ganz gewöhnlich gewest, daß man hat pflegen auf die Kirchendächer oder Kirchenthurm einen Hahn von Eisen oder Kupfer zu setzen, einen Hahn, sprich ich, der wachsam ist und die Dienstboten und das Hausgesind aufmuntert, einen Hahn, sag ich, und nicht einen Gimpel, der alles läßt gehen wie es geht, wann er nur mit seinem Dickschnabel kann unter den Hanfkörneln herum schmausiren. Der in eine geistliche Dignität gesetzt wird, der zu einem vornehmen Kirchenamt gewählt wird, muß die Art und Wachsamkeit eines Hahnes an sich haben, und alle möglichste und erdenkliche Sorg falt tragen über seine Untergebenen.

Ich habe noch allezeit gehört, daß man die Obrigkeiten Vorsteher nennt, Vorsteher und nicht Vorlieger. Faule und Saumselige taugen nicht für solches Amt. Petrus, als eine Obrigkeit und Haupt des apostolischen Kollegium, hat in dem Garten samt andern zwei Aposteln geschlafen, wessenthalben ihm der Herr einen kurzen Verweis geben: »Simon dormis? Schläfst du, Simon?« so hast du nicht können mit mir eine einzige Stunde wachen? Pfui Simon! Aber eins muß ich doch fragen den gebenedeiten Herrn und Heiland, warum er dasmal ihn nicht Peter nennt, und warum Simon? Er hat ja schon von[311] seinem göttlichen Mund den herrlichen Titul Peter erhalten? Freilich wohl, aber dasmal ist er nicht werth, daß man ihn sollte Peter schelten. Nichts Peter, ja wohl Peter, dasmal gar nicht Peter; dann dieser Name will so viel sagen als ein Haupt und Obrigkeit der Kirche, weil er dann dazumal so schläfrig gewesen, so war er nicht werth, daß man ihn hätte sollen eine Obrigkeit nennen; also soll eine Obrigkeit immerzu wachsam seyn.

Wie Gottes Sohn aus der unbefleckten Jungfrau Maria geboren zu Bethlehem, da haben sich sehr viele Wunderdinge zugetragen. Erstlich ist eine unzählbare Anzahl der Engel vom Himmel herabgestiegen, und das neugeborne goldene göttliche Kind mit allerlei lieblichen Gesängen anstatt des Aja Pupeja vermehrt. Nachmals ist der ziemlich tiefe Schnee in selbiger Gegend augenblicklich verschwunden, und erschienen die Bäume mit Blühe und Blättern, die Erde aber mit den schönsten Blumen bekleidet und gleichsam geschmückt, wovon die Hirten desselbigen Ortes, nächst dem Thurm Hader genannt, allerlei Kränzel und Büschel gebunden, solche samt etlichen jungen Lämmlein dem neugebornen Messias demüthigst überreicht. Nach Aussag Reinaudi sollen nur vier Hirten gewesen seyn, benanntlich Michael, Achael, Cyriakus und Stephanus. Warum daß der gebenedeite Heiland, gleich als er auf die Welt kommen, nur diese Hirten zu sich gezogen, warum nicht andere? Es waren dazumal zu Jerusalem wohl vornehmere Pastores und Hirten, nemlich die Hohenpriester, welche sogar Seelenhirten abgeben, so glaublich weit mehr zu achten, als die[312] Schafhirten. Es hat ja wenigst ein einiger Engel sollen denselben solche hochwichtige neue Zeitung über bringen und andeuten; aber der neugeborne Heiland hat ihrer ganz und gar nichts geacht, aus Ursach, die seynd dazumal alle in ihren Federnbetten gelegen, haben geschlafen wie die Ratzen. Aber obbemeldte vier Hirten in der Gegend Bethlehem seynd wachsam gewesen: Erant Patores in eadem Regione vigilantes etc.

Wachbare Hirten seynd wackere Hirten, solche will Gott haben, nachläßige Hirten seynd nicht zuläßige Hirten, solche will Gott nicht haben. Daher pflegt man denjenigen, so in dergleichen geistlichen Aemtern stehen, allezeit in der Ueberschrift des Briefes zuzuschreiben: »Abbati, Praelato, Priori, Quardiano etc. vigilantissimo,« das heißt: »Pastores in eadem Regione oder Religione vigilantes.«

Die ersten, so der Herr Christus zu dem Apostelamt, welches eine hohe geistliche Dignität ist, berufen hat, waren Petrus und Andreas, beide Brüder, beide Fischer und beide dazumal in wirklicher Arbeit begriffen in dem galiläischen Meer, welches wohl in Obacht zu nehmen, spricht der heilige Chrysologus Serm. 28. Er hat zu diesem Officium und Amt keine schläfrigen Leute, keine Zärtlinge und Polsterhüter, keine Stubenhocker und Faulenzer erwählt, sondern die er in wirklicher Arbeit angetroffen, die der harten Arbeit schon gewohnt, damit sie also desto besser die apostolische Charge, worin nichts als Mühe und Wachsamkeit, vertreten möchten.

Es ist einer gewest, schreibt der hl. Vincentius[313] Ferrerius Dom. 9 post Pent. c. 2., der lange Zeit hat gesucht und alles versucht, wie er doch möge zur bischöflichen Dignität und Würde gelangen. Er hat endlich so lang gefischt, bis er den Hechtenkopf ertappt. Als er nun öffentlich in Gegenwart vieler Umstehenden befragt worden, ob er noch gesinnt sey, Bischof zu werden? Was dann, war die Antwort. Es wurde ihm ferners, wie pflegt zu geschehen, vorgetragen, ob er wolle am jüngsten Tag Rechenschaft geben von allen seinen untergebenen Seelen? Nolo, sagt er, ich will nicht; die Anwesenden sagten ihm, er wisse die Zeremonien nicht recht, er soll sprechen, Volo, ich will, nein gab er mehrmal zur Antwort, ich will aber nicht, und schüttelt den Kopf, als wäre ihm ein Duzend Wespen drauf gesessen; warum er aber mit solcher Muhe und Sorgfältigkeit solche Würde gesucht habe? ist weiter die Frag gewesen, darauf er geantwortet, daß er nicht gewußt, daß solches Amt so schwere Last auf sich habe. Ich, sagt er, bin der Meinung gewest, es gehöre nichts mehrers dazu, als gut Essen und Trinken etc.

Ich bin ebenfalls der Meinung, daß zu einer geistlichen Würde nichts weiters erfordert werde, als Essen und Trinken, Essen und zwar eine ziemliche Portion. Der Jonas, dieser ungehorsame Prophet, war einem Wallfisch ein ziemlicher Brocken, aber eine solche Obrigkeit muß noch größere schlücken, wann er dem Amt doch will recht und unsträflich verstehen. Des Trinkens hat er den Ueberfluß, und muß er immerzu Bescheid thun aus dem Kelch, welchen Christus der Herr denen zweien zebedäischen Söhnen Joanni und[314] Jakobo, als sie, mittels ihrer Mutter, um ein Amt supplicirt; es war aber ein Kelch des Leidens. Absonderlich aber sollen alle diejenige, so in dergleichen Ob rigkeit-Stellen sitzen, (hat wollen sagen schwitzen), neben andern guten Bißlein den Fenickel, Foeniculum auf Lateinisch; zumalen die Medici und Arzneierfahrne vorgeben, daß nichts bessers und heilsamers vor die Augen sey, als der Fenickel, welcher das Gesicht über alle Massen klar und scharf macht. Wer soll und muß dann bessere Augen haben, als die Obrigkeiten, welche zu allen Zeiten müssen offen stehen, und wann sie die wenigsten Mängel der Ihrigen mit Fleiß oder auch Saumseligkeit übersehen, so müssen sie derenthalben Rechenschaft geben am jüngsten Tag.

Jener Mörder, so begangener Missethaten halber auf der Seite Christi an das Kreuz geheft worden, hat sich selbst nicht getrauet selig zu werden, wann er soll seinem Mitkameraden etwas unrechts übersehen; dahero wie selbiger Böswicht, verstehe den linken Schächer, gotteslästerliche Wort geredet, da hat er, nämlich der Dismas, ihm derenthalben einen Verweis geben, und von solchem Uebel angemahnt, und ihn darum gestraft, Neque tu etc. Du fürchtest auch Gott nicht.

Wie weniger kann eine Obrigkeit selig werden, wann sie denjenigen etwas übersieht, über welche sie als ein Seelenhirt gesetzt worden. Solche müssen wissen, daß das Wort Superior von dem Super herrühre, und nicht von der Suppe, Super aber regiert einen Accusativum, und wer wird am jüngsten Tage mehr accusirt und angeklagt worden, als[315] die Superiores und Obrigkeiten, denen der Heiland Jesus seine Seelen als einen kostbaren Schatz anvertraut?

Der gerechte Loth ist durch die Engel aus der sündigen Stadt Sodoma samt Weib und Töchtern geführt worden, damit er nicht mit den lasterhaften Inwohnern zu Grund gehe. Als sie nun auf einen Berg gelangt, und die Engel die guten Leute in eine Sicherheit gestellt, da wollte der fromme Loth noch nicht trauen, und läßt sich vernehmen, er möge in der Höhe nicht bleiben, er fürchte, daß er ebenfalls zu Grunde gehe. Non possum in monte salvari etc. Viel und aber viel vollkommene Männer haben mehrmalen die anerbotenen Dignitäten und Würden möglichster Weis' geweigert; dann sie haben sich nicht getrauet, mit dem Loth in der Höhe salvirt zuwerden, weil Super einen Accusativum regiert. Cälestinus der Fünfte, nachdem er etliche Monat römischer Pabst gewesen, und diese höchste Würde auf Erden eine kleine Zeit besessen, hat ganz freiwillig dieses göttliche Amt von sich gelegt, und das einsiedlerische Leben wieder antreten, er hat sich nicht getrauet, in der Höhe salvirt zu werden. Klemens der Vierte, römischer Pabst und Statthalter, hat dem englischen Thomä von Aquin das neapolitanische Erzbisthum ernstlich angetragen, so aber auf alle Weis mit allem Fleiß, als eine gar schädliche Speis geweigert, er getraute sich nicht, in der Höhe salvirt zu werden. Der heilige Mönch Ammonius ist zu Rom gleichsam gezwungen worden, ein Bisthum anzunehmen, welches er aber nicht allein abgeschlagen, sondern[316] sich selbst ein Ohr abgeschnitten, damit er untauglich zu diesem Amt möge erkennet werden; dann er fürchte, daß er in der Höh nicht möge salvirt werden. Der heilige syrische Ephraim, wie er wahrgenommen, daß er von dem gesamten Volk zur bischöflichen Würde gesucht wurde, hat sich ganz närrisch gestellt, und wie ein Unsinniger auf dem Platz herum geloffen; er traute halt nicht, in der Höhe salvirt zu werden. Narren gibts bei der Zeit genug, aber wenig solche: Non possum in monte salvari. Der heil. Nilammon sollte kurzum Bischof zu Geras werden. Weil er aber des einsamen Lebens schon gewohnt, und viel Jahr in seiner Zell verschlossen gewesen, gleich einem Seidenwurm, der sich selbst ein Kerkerl verfertiget, auf daß er Flügel bekommt, wormit er in die Höhe könne fliegen. Also wollte der heilige Mann sich so bald auf diese angetragene Würde nicht erklären, sondern bittet um ein Verschub auf drey Tag. Unter solcher Zeit hatte er unaufhörlich Gott ersucht, er wolle sich doch erbarmen, und ihm lieber das Leben nehmen, als diese Dignität geben; worauf ihn Gott erhört, und als den dritten Tag die Leut mit großer Ungestüm ihn zum Bisthum gesucht, da haben sie den heil. Mann todt gefunden. So voller Gefahr ist die Würde und Stelle der Obrigkeit. Gewiß ist, gewiß bleibt es, daß die wenigsten in der Höhe salvirt werden. Gewiß ist es, daß sehr viel Obrigkeiten ewig verloren gehen. Der heil. Joan. Chrys. drohet noch schärfer, indem er spricht: »Miror, si potest salvari aliquis rectorum.« Dieser große heil. Lehrer will zu verstehen geben, daß die meisten[317] von der Höhe in die Niedere kommen, und ewig zu Grunde gehen. Was hat doch den Jakob, welcher so lange Jahre einen treuen, emsigen und sorgfältigen Hirten abgeben bei dem Laban, was hat diesen reich gemacht? Nichts anders, als die Ruthen, welche er ins Wasser gestellt. Was macht aber die mehresten Obrigkeiten und Seelenhirten so arm, ja ewig armselig? Was anders, als man gar keine Ruthen bei ihnen finde, keinen Ernst noch Straf, wormit sie die Uebertreter zurück halten, sondern viel Fehler und Mißhandlungen übersehen, und mit dem Politico ein Aug zudrucken, da sie doch mehr mit dem Argo hundert haben sollen.

Der mächtige König in Syrien Antiochus, ist mit einer Armee von dreimal hundert tausend zu Fuß, zweimal hundert tausend zu Pferd wider die Römer gezogen. Wer soll nicht glauben, daß Antiochus mit einer solchen Kriegsmacht werde victorisiren? forderist darum, weil der römischen Soldaten Anzahl viel geringer, und dero Macht weit schwächer. Nichtsdestoweniger haben diese letztern das Feld erhalten, den Antiochum auf das Haupt geschlagen, und voller Triumph und Sieg nach Haus gekehrt. Daß aber dieser syrische Monarch das Kürzere gezogen, war folgende Ursach: Denselbigen Tag, als die Schlacht hat sollen geschehen, hat es von Frühe an bis auf die Nacht aneinander geregnet, worvon die Sennen der syrischen Schießbögen dergestalten geweichet, daß sie untauglich und unkräftig worden, die Pfeil abzudrücken. Dieses war die ganze Ursach eines so großen Verlusts. Laßts euch gesagt seyn, ihr Obrigkeiten, daß euer so[318] viel mit samt den Untergebenen ewig verloren gehen, ist auch keine andere Ursach, als weil die Sennen der Bögen gar zu weich seyn: Ihr seyd zu weich, und straft nicht, ihr seyd zu schläfrig, und ermahnt nicht, ihr seyd zu nachläßig, und verbessert nichts; die Wölf fressen die Schaaf, das Unkraut wächst unter dem Vaizen, der gute Saame wird von den Vögeln aufgezehrt, der Wein-Garten leidet Schaden von den Füchsen, die köstliche Margarite wirft man ins Koth, die Braut Christi wird anderwärts verkuppelt, die Seelen gehen zu Grund, und die Obrigkeit ist ein Hund, so da nicht bellet, ist ein Hirt, so nicht hütet, ist eine Uhr, so nicht zeigt, ist eine Glocke, so nicht klinget, ist ein Wächter, so nicht aufschauet, ist ein Gärtner, so nicht ausrott, ist ein Buch, so nicht beschrieben, ist ein Chor-Regent, so kein Takt gibt, ist ein Messer, so nicht schneidet, ist eine Fackel, so nicht leucht, ist ein Ochs, so nicht zieht, ist ein Degen, so nicht fecht, ist ein Stuck, so nicht geladen, ist ein Hammer, so nicht schlägt, ist ein Hahn, so nicht krähet etc. O wehe solchen schläfrigen Hirten! Es wäre tausend und tausendmal zu wünschen, daß die Obrigkeiten dem Teufel möchten nachfolgen. Wie? dieser verlangt nichts anders, sucht nichts anders, begehrt nichts anders, als die Seelen: Da mihi animas caetera tolle tibi.

Es geschieht gar oft in einer Wahl, daß die mehresten mit ihren Stimmen auf denjenigen zielen, so ein guter Mann, welcher läßt das krumme grad seyn, ein, ein frommer Kolumbus, der keine Gall hat, ein Kalender, in dem kein trübes Wetter, ein Garten,[319] in dem keine Brennessel. Es ist ihm wie jenem Bauren, der gar eine schöne junge Tochter gehabt, daß sich sogar ein Löw darein verliebt, und selbige zu heirathen begehrt. Der Bauer erschrack nicht ein wenig ob solchem Anbringen, und getraute sich nicht, diesem so erschrecklichen Thier, vor dem alle andern erzittern, eine abschlägige Antwort zu geben verspricht demnach besagtem Löwen die Tochter, jedoch mit dem Beding, daß er sich lasse die Zähn ausbrechen, und die Klauen abzwicken, damit die Tochter nicht erschrecke. Wie nun der verliebte Löw allem diesen nachkommen, und sich alsdann bei einem Bauren eingefunden, da hat solcher den geschwächten und waffenlosen Löwen mit Brügeln also empfangen, daß ihm alle Gedanken zu heirathen gänzlich verschwunden. Manchmal erwählt man einen nur darum, weil er ganz gut ist, weil er keinem weiß die Zähn zu zeigen, weil er läßt mit sich umgehen, wie man will, kein Ernst, sondern ein lauterer Lambert, darum kommt ihr zum Brett, weil er keinen weiß abzuholen etc.

Aber höret ihr, die ihr solche gewissenlose Stimmen einem gebt, der keine Stimm hat, wider die Laster zu schreien, und selbige abzustrafen. Der Hohepriester im Alten Testamente mußte aus göttlichem Befehl an dem Bräm oder untern Theil des Rocks guldene Schellen tragen, keine Fuchsschweif, sondern guldene Schellen, damit er von männiglich gehört wurde. Eine Obrigkeit muß nicht schmeichlen, noch zu allen Dingen stillschweigen, sondern sich hören lassen, das Maul aufthun, und das Böse corrigiren und abstrafen. O wie viel tausend liegen in dem Abgrund[320] der Hölle und in der ewigen Verdammnuß, nicht darum, weil sie übel gelebt haben, sondern weil sie die Untergebenen nicht ermahnt, nicht gestraft haben.


Die Wahl geschieht nicht wohl, wann man einen Harten und Groben erwählt.


Man irret, wann man nicht eine Manier brauchet. Eine Obrigkeit muß eine Uhr seyn, die da zeigt, und nicht schlägt. Der Giezi hat den todten Knaben mit dem Stab nicht können zum Leben erwecken, wohl aber der Elisäus mit einer Manier. Noch hab ich nie gehört, nie gesehen, nie gelesen, daß der gute Hirt in dem Evangelio hätte mit einem Stab, oder Stecken, oder Geißel, oder Prügel, das gefundene Lämmlein in der Wüste vor seiner getrieben; wohl aber, daß er solches arme Tröpfel auf den Achseln getragen. Unser lieber Herr hat die Apostel, und folgsam alle diejenigen, so inskünftige in geistlichen Dignitäten und Würden werden seyn, nie anderst genennt, als ein Licht der Welt: Vos estis Lux mundi, und nicht Lucius Mundi. Dann eine Obrigkeit muß nicht seyn wie ein Hecht, der so grausam, daß er auch seine eigenen Jungen fressen thut. Sie muß allein umkehrt grob seyn; dann das Wörtl Grob, wann mans umkehrt oder zurück ließt, so heißt es Borg. Borgen muß sie, und nicht gleich drein schlagen. Der Moses hat gar nicht recht gehandlet, ja er hat derenthalben einen ziemlichen Verweis von Gott bekommen, um weil er die Ruthen gebraucht, und[321] auf den Felsen zugeschlagen, indem er hätte das Wasser, diesen krystallenen gesegneten Gott, leicht durchs Wort können erhalten.

Wann Superior und Superare verwandt seyn, wann ein Oberer soll eigentlich eroberen die Gemüther der Unterthanen, so muß er in die Fußstapfen treten des berühmten Kriegsfürsten Josue, welcher mit wunderlicher Manier die Stadt Jericho erobert und eingenommen. Da hat man nicht gefochten, nicht gehaut, nicht gestochen, nicht geschlagen, nicht geworfen, nicht gestoßen, nicht geschlossen, und gleichwohl die Stadt eingenommen. Da hat man keinen Degen gezuckt, keinen Säbel entblößt, keine Lanze ausgestreckt, keinen Bogen gespannt, keinen Mauerbrecher angelegt, keine Mine graben, und dannoch ist die Stadt erobert worden. Es ist keiner verletzt worden, keiner verwundet worden, keiner geschlagen worden, keiner troffen worden, keiner ermordet worden, und dannoch ist die Stadt übergangen. Aber wie? nicht durch Arma, sondern durch Harmoniam. Das hebräische Volk hat gesungen und jubiliret, die Priester haben die Posaunen geblasen, und durch solche Weis seynd die Mauren ringsherum zu Boden gefallen, und die Stadt in des Josue Gewalt kommen.

Wann eine Obrigkeit will die Gemüther der Untergebenen völlig einnehmen, auch bisweilen steinharte Köpf und verbeinte Herzen bezwingen, so muß er den Kriegsfürsten Josue dießfalls nachfolgen, nicht brauchen eine Grobheit, sondern eine Freiheit, nicht mit Spießen, sondern mit Füßen drein gehen, nicht mit Streichen, sondern mit Weichen die Sach richten. Ja,[322] man richt oft mehr mit einem guten Wort, als wenn man sagt: scher dich fort. Oft mehr, wann man sagt: mein Engel, als wann man sagt: du Bengel, oft mehr mit der Geigen, als mit der Feigen; dann ein sanfter Wind biegt die Nästel, ein wilder Sturm bricht sie gar.

Die Türken haben einmal verkundschaft, daß die meiste Garnison zu Sigeth seye ausgangen, worauf sie in aller Eil eine große Mannschaft versammlet, in Willens, dieses Ort unversehens zu überrumplen. Seynd auch bereits in der Still vor die Festung geruckt, und aller Orten die Leiter angelehnt, die Mauren zu übersteigen. Die Inwohner sowohl der Mannschaft als der Waffen entblößt, wußten in dieser äußersten Noth sich fast nicht zu rathen, bis endlich einer an die Hand geben, es soll ein jeder, Klein und Groß, Jung und Alt, Weib und Mann, einen Bienenkorb nehmen, (massen an diesem Ort die Menge), und dem Feind und aufsteigenden Barbaren auf den Kopf schütten: welches auch geschehen, und einen glücklichen Ausgang genommen. Dann ihnen der ausgegossene Honig Haar und Bart also zerklebet, und die Augen verblendt, daß sie nichts mehr gesehen, ja einer nach dem andern über die Leiter herunter gestolpert, und die Festung verlassen. Wer hätte sich sein Lebtag träumen lassen, daß man eine Stadt mit Honig soll defendiren.

Die Obrigkeit kann auch mehrestentheils etwas richten mit süßen Worten, mit guter Manier, mit Honig, als mit bitterm Wermuth, oder verbittertem Greinen und Zanken. Wie Petrus Christum den Herrn so spöttlich verläugnet, auch derenthalben einen[323] falschen Schwur gethan, da hätte er ja 99 Kapitul verdient, aber der sänftmüthige Herr hat ihn nicht geheißen einen meineidigen Mamelucken, einen glatzköpfeten Maulmacher, eine Hasen-herzige Lettfeigen, einen verlogenen Apostel, einen nichtswerthigen Jünger, einen falschen Fischer, einen unredlichen Nachfolger etc., sondern er hat ihn nur dessentwegen angeschaut, wodurch das Herz Petri also erweicht worden, daß nachmals seine Augen zu einem Distillir-Kolben worden, welches wenige Wasser ihm mehr Nutzen gebracht, als das ganze Meer, worin er vorher Tag und Nacht gefischet hat.

Wann den König Saul der Teufel geplagt, wann er gebrüllt wie ein Löw, wann er gegrombt wie eine Sau, wann er gekürret wie ein Tiger, wann er geheult wie ein Wolf, wann er geblasen wie ein Wiesel, wann er gemurret wie ein Bär, wann er gepfiffen wie eine Schlang, wann er ganz unsinnig getobt, da hat man ihn nicht in eiserne Band geschlagen, nicht mit Strick und Ketten gebunden, nicht mit Keuchen und Ketzer versperrt, sondern der David hat mit der Harfe gespielt, etliche gute liebliche Stücklein aufgemacht, wordurch der Saul wieder zurecht gebracht worden etc. Geschieht es, daß ein Untergebener nicht ganz weiß ist, sondern wie die Schaaf des Labans allerlei Fleck hat; ist es, daß einer wie die Arche Noe beschaffen, worin nicht lauter Lämmel gewest, sondern auch Wölf. Solls seyn, daß einer genaturt, wie der Acker des evangelischen Hausvaters, auf dem nicht allein Weizen, sondern auch Unkraut aufgewachsen, so muß eine Obrigkeit nicht[324] gleich verfahren, wie der Samson mit den Philistern, deren er so viel mit einem Eselskinnbacken erschlagen, nicht auf der Harfe spielen, sondern mit dem David auf der Harfe, da wird der gute Mann Mansuetus mehr richten, als ihre Hochwürden (Titl) Herr Severinus etc.

Wann man will ein irdisch Geschirr, etwan einen Hafen flicken, da zieht man ganz subtil den Draht durch, man zwickt denselben ganz lind und heicklich zusammen, man klopft so gering mit einem Hämmerlein, daß man kaum eine Floh dadurch um das Leben brächt, und geschieht solches gar weislich; dann sofern man sollte stark darauf klopfen, so würde das Geschirr nicht geflickt noch verbessert, sondern gar zerbrochen und zertrümmert werden. Geschirr und zwar gar gebrechlich von Erde seynd die Menschen, wann nun solche einigen Mangel an sich haben, so ist es eine Schuldigkeit der Obern, daß sie selbige verbessern, aber nicht mit einer ungeschlachteten Grobheit, nicht mit tyrannischer Verfahrung, sondern mit einer Manier; massen die Erfahrenheit gibt, eine unglimpfliche Schärfe mehr Schaden als Nutzen ausbrüte. Sogar schreibt Plinius, daß nicht weit von Harpeso, einer Stadt in Asia, ein großmächtiger Stein gefunden werde, so diese wunderliche Natur an sich hat, wann man mit allen Kräften denselben will wellen oder bewegen, so ist alle angewandte Mühe umsonst, wohl aber, wohl aber läßt er sich mit einem einzigen Finger regieren. Deßgleichen seynd sehr viele Leute gesittet und gesinnet, die man mit guter Manier um einen Finger gleichsam wenden kann, so man aber[325] selbige mit Geiseln treiben will, und in allem mit Schärfe verfahren, so werden sie stutziger und halsstärriger, als wie die Kameele in Afrika, welche stark beladen auf dem Weg alsobald still stehen, so sie nur einen Stecken, Prügel oder Ruthe erblicken, wohl aber gehen sie schleunig fort, da man ihnen lustig zusingt.

Der Esau hat gar wenig bei Gott dem Herrn golten, dann er war ein schlimmer Gesell und voller Untugenden, unter andern war er der erste grobe Prior nach laut der hl. Schrift: »Qui Prior exivit, erat hispidus etc.« Alle rauhen und groben Obrigkeiten seynd bei dem Allmächtigen in schlechtem Ansehen. Der hl. Antonius Paduanus, dieser so wunderthätige Diener Gottes, hat einmal auch eine scharfe und indiskrete Obrigkeit gehabt. Diese hat ihn einmal zu Messana vor allen Geistlichen in Mitte des Refektorii berufen, allwo sie eine Sache vorgeworfen, an die er sein Lebtag nicht gedenkt hatte. Nachdem nun dem hl. Antonio der Kopf grob über grob gewaschen worden, und er sich auf Befehl der Obrigkeit von der Erde aufgehebt hat, da ist der Ziegel, auf dem er gekniet, alsobald beweglich, oder, wie man pflegt zu sagen, los und rogl worden, dergestalt, daß weder er, noch ein anderer durch einige Kunst hat können fest gemacht werden, wie man es dann noch auf heutigen Tag sehen kann, als welches Ort mit einem eisernen Gitter überzogen, nicht allein ein ewiges Denk- oder Kennzeichen der Demuth Antonti, als der Grobheit seiner Obern ist.

Eine solche Obrigkeit soll in das 15. Kapitel der Offenbarung Joannis hinein schauen, allwo zu[326] lesen, wie dieser hl. Chronist Gottes einmal ein ganzes gläsernes, Meer gesehen, worauf die Leute die wunderbarlichen Werke Gottes gelobt und gepriesen etc. Die Leute seynd auf solchem gläsernen Meer gestanden, das ist nicht ein geringes Wunder. Ein solches gläsernes Meer ist die Welt, wer auf diesem stehet, ist ein Wunder; dann wenig seynd, die nicht schlüpfern, die nicht stolpern, die nicht fallen; darum sollen die Vorsteher ein herzliches Mitleiden tragen mit ihren Untergebenen, wann sie stolpern, zumal der Ort, wo sie stehen, gar zu schlüpfrig.

Mit vielen Obrigkeiten verhängt der gerechte Gott, daß sie gleichfalls spöttlich fallen, um weil sie mit der Gebrechlichkeit ihrer Unterthanen kein Mitleiden haben, und begegnet ihnen nit viel anderst, als jenem Niederländer, dessen Namen zwar Eligius Rossel, wohnhaft zu Uladbeel. Wie dessen Eheweib Elisabeth großen Leibs gangen, und kurz vor der Geburt schwere und fast unerträgliche Schmerzen gehabt, so nicht allein der Mann kein einiges Mitleid spüren lassen, sondern sie noch hierüber stark ausgespöttelt und ausgehöhnt, welches der armen Haut also zu Herzen gangen, daß sie ihm gleiches Elend über den Hals gewunschen, so auch der Allerhöchste wunderbarlich verhängt, massen diesem Eligio der Leib nach und nach gewachsen, bis er endlich nicht ohne höchsten Wehetagen ein Kind, und zwar ein Knäbel, geboren, so aber nach empfangener hl. Taufe bald verschieden, er aber nochmals in einem eisernen Panzer öffentliche Buß gethan, wie dann noch an besagtem Ort eine jährliche Gedächtnuß des Eligii gehalten wird.[327]

Was dem Eligio geschehen ist, begegnet ebenfalls vielen Elektis und Obrigkeiten, um weil sie so hart und grob mit den Ihrigen verfahren, lasset der allwissende Gott gar oft zu, daß sie mit dem Jakob auch hinken, mit dem Peter auch sinken, mit dem Lazaro auch stinken, damit sie fein erfahren, daß sie auch gleich andern Menschen seyn. Christus der Herr hat derentwegen keinen ganz heiligen Apostel zum höchsten Pabstthum promovirt, sondern einen solchen, der spöttlich gefallen, grob gesündiget und sträflich gehandelt, damit der gute Pabst Petrus auch nachmals wisse ein Mitleid zu tragen mit den Seinigen, wann sie etwan aus Gebrechlichkeit fallen. Wer demnach will regieren, der muß auch korrigiren, aber solches Korrigiren muß nichts anders seyn, als Cor regieren, und wann endlich auch soll eine Schärfe erfordert werden, so muß doch solche gleich dem bittern Zichorisalat mit der Milde verzuckert werden; dann obschon der Heiland die Taubenhändler zum Tempel hinaus gepeitscht, so hat er hiezu keine Stuhlfüß, noch Lattentrümmer genommen, sondern etliche wenige kleine Strickel, so nicht einmal durch die dicken Judenröcke gedrungen.


Die Wahl geschieht wohl, wann man blos die Verdienste und Tauglichkeiten anschaut.


Joannes und Jakobus, zwei Söhne des Zebedäi, haben um hohe Dignitäten und Aempter angehalten, aber das Kürzere gezogen, und dermal nicht promovirt worden. Einer begehrte zu der rechten[328] Hand des Herrn zu sitzen, der andere zu der linken etc. Aber beide seynd zwischen zwei Stühlen niedergesessen und sauber nichts erhalten. Die Ursache war, weil sie durch ein Weib, als ihre eigene Mutter, seynd rekommandirt worden. Zum andern seynd sie befreundt gewesen, uns zu einer Lehre und Nachfolge, daß wir in einer Wahl nicht sollen anschauen die Verwandtschaft, sondern vielmehr die Verdienste. Drittens seynd sie noch junge unerfahrne Leute gewesen, und folgsam zu solchen Aemtern gar nicht qualifizirt; haben demnach einen widrigen Bescheid und eine abschlägige Antwort bekommen, welches fürwahr in allen Wahlen soll bestens beobachtet werden, daß man doch untaugliche Leute zu Dignitäten und Würden nit soll erheben.

Der Thron Salamonis war eine Abbildung einer guten und rechten Wahl, dieser weiseste König machte einen großen Thron von lauter Helfenbein, und überzog denselben mit purem und feinem Gold: solcher Thron hatte zwei Hände, so beiderseits den Sitz hielten, obenher stunden zwei große goldene Löwen, unterhalb auf den sechs Staffeln zwölf kleine und jüngere Löwen: Duo Leones stabant juxta manus singulas, et duodecim Leuneuli stantes super sex gradus etc. Eine schöne und ordentliche Austheilung war in diesem Thron, die man in allen Wahlen soll vor Augen stellen, obenher stunden zwei große Löwen, unterhalb zwölf kleine; große, ansehnliche, wackere, bescheidene, tugendhafte Leute gehören hinauf, die muß mau zu hohen Dignitäten erwählen, Leunculi, junge und unerfahrne, unverständige die müssen herunter bleiben.[329]

Man muß mehr halten auf eine Rose, als auf einen Knopf, mehr auf eine goldene Schaale, als auf einen irdenen Topf, mehr auf einen Limoni, als auf ein Ruben, mehr auf einen Mann, als auf einen Buben, mehr auf einen Laib Brod, als auf ein Brösel, mehr auf ein Roß, als auf einen Esel, mehr auf ein Pergament, als auf Papier, mehr auf einen Wein, als auf ein Bier, mehr auf einen Wagen, als auf einen Karren, mehr auf einen Doktor, als auf einen Narren etc. Leones droben, Leunculi drunten. In der Arche Noe, dieses gerechten Altvaters, waren drei Gärten, der erste obere für die Vögel, der mittlere für die Menschen, der untere für andern Bestien, worunter Ochs, Esel, Büffel etc. Diejenigen, so gut in der Feder seyn, die gelehrt und hochverständig, soll man billig in die Höhe promoviren, gute Menschen, fromme Leute, christliche Gemüther eben desgleichen; aber gottlose Bestien, unverständige Ochsen, plumpe Esel, ungeschickte Büffel soll man billig unten lassen, und ihrer in keiner Wahl gedenken.

Die Statue und berühmte Bildnuß des Königs Nabuchodonoser ist gar wohl und ordentlich verfertiget worden; dann dero Haupt war von purem Gold, die Schultern von Silber, der Leib von Metall oder Erz, der unterste Theil von Erde; gar recht und aber recht, was schlecht ist, nit weit her ist, garstig und irdisch ist, kann schon unten bleiben, oder goldene Leut, stattliche Männer, treffliche Subjekte taugen zu einem Haupt, sollen allemal zu Dignitäten und Würden erwählet werden.

In einer rechten und gewissenhaften Wahl soll[330] man absonderlich nit ansehen die Verwandtschaft, wann nit zugleich die Tugenden und Wissenschaft befreundt seyn. Unser lieber Herr und Heiland hat seine Vetter nicht gar hoch geacht, dann wie er zu Jerusalem mit 12 Jahren verloren worden und ihn nachmals seine gebenedeite Mutter Maria, und der wertheste Nährvater Joseph unter den Befreundten daselbst gesucht, so haben sie ihn gar nicht gesunden; ein jeder Vetter, eine jede Baase oder Maim gab zur Antwort, daß er in ihr Haus niemal sey kommen; bei dem liebsten Heiland thät es sich gar wenig vettern. Aber bei der Welt schaut man oft, wie nur die Vetter promovirt können werden, wann er schon dem Blut nach ein Vetter ist, und dem Gut nach ein Fretter ist, wann er nur ein Bruder ist, und anbei ein Luder ist, promoveatur; wann er nur ihnen befreundt ist, obschon bei Gott verfeindt ist, promoveatur. O wie viel sitzen in der Höll, schwitzen in der Höll, hitzen in der Höll, um weil sie ihre Befreundte, als untaugliche und unwürdige Leut' zu Aemtern und Dignitäten erhoben haben etc.

Es wäre zu wünschen, daß manchesmal bei der Wahl keine Ochsenköpf thäten sitzen, wohl aber Kühe-Köpf, wie jene gewesen, welche bei den Philistern die Arche des Bunds gezogen. Die Philister konnten nit wissen, was doch die Ursach wäre der großen Wiederwärtigkeiten und Elend, so da haufenweis über sie kommen, und glaubten schier etliche, als wäre es die verarrestirte Arche, so sie den Israelitern, als dem Gott gewidmeten Volk haben weggenommen; damit sie demnach hinter die rechte Wahrheit möchten kommen,[331] so haben sie zwei Kühe, deren jede noch ein saugendes Kalb hatte in einen Karren gespannt, darauf die Arche gelegt, und beide ohne Fuhr- oder Gleits-Mann also fortziehen lassen. Dafern nun solche werden gerad den Weg nehmen zu den Israelitern, und das Geschrei ihrer eignen Kälber nicht achten, sodann wollen sie glauben, daß der wahre Gott der Israeliten solche häufige Strafen über sie verhängt habe, wo aber nicht, so könne man solches einer verborgnen natürlichen Ursache zuschreiben etc. Siehe Wunder! beide Kühe, uneracht ihre eigne Kälber über alle Massen geschrien, seynd grad durchgangen, und nicht einmal umgeschaut zu dem Stall, worin ihre Kälber versperrt waren.

Von rechtswegen soll man in einer jeden Wahl also handeln, und weder das Blut noch die Anverwandten anschauen, sondern mitten durch gehen, die Stimm demjenigen geben, der tauglich ist, nit der befreundt ist, nit anhören das Blerren der Kälber, das Bitten der Freund, sondern mitten durch, gerad durch erwählen denselben, der da würdig ist, nit weil er verwandt ist. Der heil. Udalrikus Bischof zu Augsburg war ein Exempel und Exemplar aller Heiligkeit, hatte Todte erwecket, so heilig war er, hat Fleisch in Fisch verkehrt, so heilig war er, hat ein Kreuz vom Himmel bekommen, so heilig war er, hat wunderbarlicher Weis die Hunnen überwunden, so heilig war er, hat die Ratzen verbannisirt, so heilig war er. Gleichwohl hat er müßen die zeitliche Straf des Fegfeuers ausstehen, einig und allein darum, um weil er seinen Vater Adalberonem einen frommen und vollkommenen[332] Mann zum Bisthum promovirt hat. Wohin wäre dann erst Udalrikus kommen, wann er einen schlimmen und untauglichen Verwandten hätte zu einer Dignität gebraucht, ob zwar dießfalls auch einige erhebliche Ursachen können unterlaufen, wessenthalben man in Ansehung der Verwandtschaft kann diesen und jenen zu hohen Aemtern bringen, so ist es doch weit sicherer, wann man mit dem David singt: »Libera me de sanguinibus etc.« Wie es Adrianus der Sechste, Innozentius der Eilfte und viel andere römische Päbst gethan. Hierinfalls ist doch zu merken, daß, wann die Befreundte anbei mit ansehnlicher Tugend und löblichen Qualitäten begabt seyn, man mit gutem Gewissen solche könne andern vorziehen, wie hiervon mehr schreiben.

Von dem Berg Sinai, allwo die heil. Jungfrau und Martyrin Katharina begraben worden, werden viel denkwürdige Sachen geschrieben; unter andern meldet auch Stephanus Mentegazza, daß allda der Kaiser Justinianus eine schöne Kirche unter dem Namen Salvatoris erbaut habe, wozu er auch ein Kloster der Basilianer-Mönch gestift, und seynd schon über die neuntausend darin begraben. In diesem Ort ist ein stetes und immerwährendes Wunderwerk zu sehen; dann sobald der Abt und Vorsteher obbenannten Konvents mit Tod abgehet, so löschet die große Lampe bei dem Grab der heil Katharinä allda von sich selber aus: sobald aber ein anderer wiederum erwählt wird, so zündet sich die Lampe ohne einige Hand-Anhebung auch selbst an, wann ein Frommer, Verständiger und Wohl-Meritirter in die Wahl kommt.[333] Ist es aber, daß sie einen schlechten und Untauglichen erwählen, so zündet sich weder die Lampe an, noch kann sie von andern angezündet werden. Woraus sonnenklar abzunehmen, daß es Gott und allen seinen Heiligen mißfällig und höchst zuwider, wann jemand unwürdiger Weis zu einem Amt und Dignität erhoben wird.

Dannenhero keine Wahl unvorsichtig, gäh und nur oberhin soll geschehen, sondern mit größtem Fleiß und möglichster Obacht; zumalen von Anbeginn der Welt Gott selbst allen Fleiß hat angewendet, wie er den ersten Vorsteher und Herrscher des Erdbodens, den Adam, erschaffen; dann dazumal haben sich alle drei göttlichen Personen, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist untereinander berathschlagen, als sie den ersten Präsidenten über alle Thier gestellt, faciamus etc. Ut praesit etc. Lasset uns einen Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnuß, der da herrsche über die Fisch des Meers, über die Vögel des Himmels etc. O lieber Gott, hat es so viel Ceremonien braucht mit der ersten Obrigkeit, so doch nur Fisch und Vögel und andere Thier unter sich gehabt; so ist dann keine schlechte Sach, wann man erwählen soll eine Obrigkeit, nicht über die Fisch, sondern über die Menschen, worunter wohl ärgere Fisch, Thier und Vögel zuweilen anzutreffen.

Quelle:
Abraham a Sancta Clara: Judas der Erzschelm für ehrliche Leutߣ. Sämmtliche Werke, Passau 1834–1836, Band 6, S. 293-334.
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