Die heilige Athanasia

Legende.

[179] Zu Anthiochia, in Syrien, lebte einst ein frommer Jüngling, Andronicus genannt, der sich mit Athanasia, einer holdseligen Jungfrau, vermählt hatte, die an irdischer Schönheit alle ihre Gespielinnen übertraf, und ihm außer großen Gütern noch jenen höheren, unvergänglicheren Reichthum zubrachte, der in einer reinen, Gott gefälligen Seele enthalten ist.

Beide Eheleute hatten sich gegenseitig nach ernster Prüfung und auf das Geheiß jener mystischen Stimme, die in der Tiefe des Gemüths über Wohl und Wehe entscheidet, aus tugendsamer Liebe gewählt; ihre Ehe war daher ein Muster frommer Treue und stillen Glücks, und als der Himmel sie mit zwei hoffnungsvollen Kindern segnete, glaubten sie den Gipfel der höchsten Lebensfreuden erreicht, und keinen Wunsch auf Erden mehr übrig zu haben.[179]

Um sich bei dem Gefühl der innigsten Zufriedenheit in der Demuth zu erhalten, und nicht unvermerkt, zum Nachtheil ihrer Seelen, vom Glanze weltlicher Eitelkeit geblendet zu werden, ordneten sie ihre Güter in drei Theile, den einen der Kirche, den andern der Armuth widmend, und mit dem dritten sich bescheiden gnügend zu einem einfach beschränkten Leben, das Wohlthätigkeit, Gebet und Milde schon hienieden mit goldenem Heiligenschein schmückte.

Wie indessen Leiden und Wiederwärtigkeiten die Klippen sind, an denen der Fuß des gemeinen Menschen strauchelt, die aber der Fromme in muthiger Geduld erklimmt, um dem Himmel näher zu kommen, so reiheten auch auf ihrem stillen Wege sich Dorn an Dorn, sie schmerzlich zu verletzen, und sie nahmen gelassen den herben Kelch dahin, den das Verhängniß ihnen bot, und murrten nicht über seine Bitterkeit, bis ein Schlag sie traf, schwer genug, mit ihrem ganzen Lebensglück auch ihre Zuversicht und ihren Glauben zu zertrümmern.

Die Kinder nämlich, die ihnen Gott gegeben, und die, gleich zweien Engeln an Leib und Seele bisher die höchste Freude der Elternherzen gewesen waren, erkrankten Beide, und zwar so heftig, das man an ihrem Aufkommen zweifeln mußte.

Die Mutter knieete trostlos an ihrem Lager, und flehete zu Gott, zwar nicht mit Worten, aber durch Ringen der Angst, und durch heiße Thränen, um ihre Erhaltung. Andronicus aber konnte den Anblick dieser Leiden nicht ertragen. Er wallfahrtete zu der Kirche des heiligen Julian, warf sich nieder vor dem[180] hochverehrten Bilde desselben, und rief mit väterlicher Inbrunst den Heiligen um die Genesung seiner Lieblinge an.

Alles war still um ihn her, da säuselte plötzlich ein süßer Wohlgeruch an ihm vorüber, und Harfenklänge drangen, wie aus weiter Ferne ertönend, zart und leise in sein Ohr. Verwundert erhob er das gesenkte Antlitz, neigte aber schüchtern es wieder zum Boden, denn in überirdischer Hoheit stand der Heilige neben ihm, und begrüßte ihn liebreich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes.

Stehe auf Andronicus! schrach er mit milder, Hoffnung in die Seele gießender Stimme: stehe auf, und erhebe dankend Dein Angesicht zu dem, den Du und ich im Staube verehren. Denn auf meine Fürbitte hat er Dir gewährt, was zum wahren Heile Deiner Kinder dient, und Du wirst von schwerer Krankheit sie genesen finden.

Da richtete Andronicus voll Entzückens sich auf – allein der Heilige war verschwunden. Getröstet ging er nun hinweg, und eilte, der theueren Gefährtin seines Lebens dies beruhigende Gesicht mitzutheilen. Als er aber über die Schwelle seines Hauses schritt, vernahm er Weinen und Klagen, und ohnmächtig ausgestreckt fand er Athanasien über die Leichen ihrer Kinder, deren Seelen Gott zu eben der Stunde zu sich genommen hatte, an der der Heilige Trost verheißend dem Andronicus erschienen war.

In dumpfer Betäubung stand der unglückliche Vater lange, und starrte die verblichenen Hüllen seiner[181] Lieblinge, und die, die sie ihm gebohren hatte an, welche niedergebeugt durch ihren Schmerz, selbst einer Todten glich. Da ging ein himmlisches Licht in seiner umnachteten Seele auf. So war das Leben denn die schwere Krankheit, von der ich sie genesen finden sollte, sprach er zu sich selbst. Gott hat mir gewährt, was zum wahren Heil meiner Kinder dient – sie hätten hienieden vielleicht die Reinheit ihrer Seelen verscherzt, und die dunkle Gruft des Grabes vor der ich zurückschauderte, ist der Hafen ihrer ewigen Rettung. – – Süßer Friede kam durch diesen Glauben in seine Brust. Er ermunterte sein Weib zu einer Hoffnung, die jenseits ihren Ankergrund sucht und findet – – aber ihre Verzweiflung wollte auf keinen Trost hören. Jammernd umfaßte sie stets aufs neue die geliebten Leichen, und foderte von dem Himmel, der sie ihr genommen, daß er auch ihren Lebensfaden zerreißen, und durch den Tod sie wieder mit denen vereinigen solle, die die Krone ihres Daseyns gewesen waren.

Da flehete Andronicus zu Gott um ein Wunder, die in Schmerz vergehende Mutter zu überzeugen, daß ein schöneres Loos, als das, auf Erden zu zu wallen, den Kindern ihrer Liebe geworden sey, und siehe! die Todten schlugen ihre geschlossenen Augen noch einmahl wieder auf, und blickten im Schimmer der Verklärung die Mutter an, ihre gefaltenen Händlein liebend zu der Trauernden erhebend, und einmüthig, mit Engelstönen, Worte der Milde und der Beruhigung zu ihrem Herzen sprechend.

Mutter! sprachen sie, laß Dein Weinen und[182] Dein Klagen, das durch die Macht der irdischen Bande, mit der wir Dir einst angehörten, uns zurückhält auf dem himmlischen Wege, dessen Gott so früh uns würdigte zu betreten. Denn Du vermeinst, vom Nebel der Sterblichkeit noch umfangen, es sey wünschenswerth, die zarten Knospen unserer jungen Leiber zur Blüthe sich entfalten zu sehn, und ahnest nicht, daß der Sturm der sie auf Erden gebrochen, die Liebe Gottes war, der uns den Himmel öffnete, um uns unter die Schaaren seiner Engel aufzunehmen. Trockne Deine Thränen, und wandele rein und unbefleckt den Weg zum Ziele – einst werden wir uns wieder sehn, und von der Glorie der Vollendung umgeben, Dich erwarten.

Da kam auch über Athanasia jener Frieden, der nicht mehr zagt und zweifelt, und sie richtete sich getröstet auf, und beugte sich ergeben unter die mächtige Hand der Vorsicht, die so tiefe Wunden ihr geschlagen, aber auch durch den Balsam wundervoller Beruhigung sie wiederum geheilt hatte. Und als sie die Kindlein in stiller Feier bestattet, und dem Schoos der Erde als heiligen Saamen wieder gegeben hatte, der nicht verweset, sondern in lichtere Regionen des Segens empor sprosset, bot sie dem geliebten Gatten den Pilgerstab, und foderte ihn auf, mit ihr nach Jerusalem zu wallen. Dort wo der Jordan rauscht, aus dessen reinen Fluthen der Weltheiland einst die Taufe empfing, wo der Oelberg grünt, und seine Leiden begannen – auf Golgatha, wo man ihn an's Kreuz schlug, damit sein martervolles Sterben die sündige Menschheit mit dem Himmel[183] versöhne – dort, wo jede Stelle Spuren heiliger Erinnerung trägt – dort hoffte sie den göttlichen Beruf, dem Himmel zu dienen, den sie jetzt klar in sich erkannte, in einem schönern Umfang zu erfüllen, als in der Heimath, wo alles sie an ihre verschwundenen Freuden mahnte.

Auch in Andronicus war eine heiße Sehnsucht nach Palästina erwacht, und freudig erkannte er selbst hier in diesem verborgenen Zusammentreffen ihrer Gedanken die Sympathie der Liebe, die von seinen geheimsten Wünschen stets ein zartes Echo in Athanasias Busen weckte. Er willfahrte daher der Geliebten, und zugleich sich selber, widmete all' sein übriges Geld und Gut der frommen Stiftung eines Krankenhauses, und nahm nur wenig mit sich, vertrauend auf den, der die Lilien auf dem Felde kleidet, und die jungen Raben speiset.

Als sie hinaus vor die Stadt kamen, in der der Kindheit Morgen ihnen gedämmert, und des Lebens Frühling ihnen gelächelt hatte, da wandten Beide sich noch einmahl um, und verweilten mit weinenden Augen auf ihren Mauren, die sie nimmer wieder schauen sollten; dann gingen sie gefaßt der schöneren Heimath entgegen, die ihre Frömmigkeit ihnen im Spiegel ihrer Zukunft zeigte.

Nicht ohne Mühseligkeit und Ungemach – unseren steten Begleiterinnen auf der Reise durchs Leben – erreichten sie das gelobte Land, und besuchten alle gebenedeiten Oerter desselben mit großer Andacht und tiefer Verehrung. Alsdann wandten sie sich nach Aegypten, denn Andronicus bezeigte Verlangen[184] die Einsiedler in der Wüste zu besuchen, und am Grabe der heiligen Märtyrer, die dort ruhen, zu beten. Gehorsam folgte ihm Athanasia, sich unzertrennlich mit ihm verbunden wähnend, wie der Schatten es mit dem Körper ist. Aber urplötzlich, als sie das große Kloster Laure in Alexandrien erreicht hatten, dem der fromme Daniel als Abt vorstand, und Andronicus in langer geheimer Berathung mit ihm sein Herz erleichtert und seine Wünsche ihm entdeckt hatte, wandte er sich zu dem Weibe seiner Jugend, ihr mit ernster Wehmuth die Hand reichend, und also zu ihr sprechend: hie laß uns scheiden, Du holdselige Gefährtin meiner Vergangenheit, und in dieser Trennung das schwerste Opfer bringey, das der Ewige vom schwachen Menschenherzen fodern kann. Abgesondert von einander, um uns nicht gegenseitig in frommer Selbstbeschauung zu stören, mögen unsere Pfade fortan durch's Leben gehen: wissen wir doch, daß sie einst sich wieder vereinigen werden, um sich niemahls mehr zu trennen.

Da erbebte die liebende Gattin im Innersten der Seele, und ging seitwärts, ihr weinendes Angesicht zu verhüllen, und Gott um Kraft anzuflehen, diese letzte, schwerste Prüfung zu ertragen. Und es gelang ihr, ihre Betrübniß zu überwältigen, und wieder hervor zu treten mit dem sanften Lächeln der Ergebung, und mit dem frommen Gruß der auf ewig scheidenden Liebe. Andronicus reichte ihr einen Brief des frommen Daniels an die Abatissin zu Thebaide, der ihr den Aufenthalt unter ihren Klosterfrauen sichern sollte. Er aber ließ sich im Kloster[185] Laure aufnehmen, und widmete die Tage, die ihm dort in abgeschiedener Zelle verflossen, strengen Bußübungen, der Selbstverläugnung und dem Gebete.

So waren zwölf Jahre verstrichen, die Athanasia, durch kein Gelübde gefesselt, aber freiwillig die Gebräuche ihres Klosters befolgend, in gleicher Andacht, wie er, doch immer noch mit seinem Bilde beschäftigt, und um ihn trauernd, verlebt hatte. Da regte sich wieder, wie einst, in beider Herzen dasselbe Verlangen, nemlich noch einmahl Jerusalem zu schauen, und Beide fleheten ihre Oberen um die Erlaubniß zu dieser Pilgerfahrt an, und erhielten sie, ohne zu ahnen, daß sie sich in diesem Wunsche begegneten.

Um ungefährdet zu reisen, legte Athanasia das Nonnengewand ab, und hüllte sich in eine Mönchskutte. Der heiße Himmelsstrich, unter dem sie während einer so langen Reihe von Jahren lebte, hatte ihre Wangen gebräunt, und Fasten und Gram die Rosen so wie die liebliche Fülle derselben hinweg getilgt. Tief gesunken, und vom Weinen erloschen war das einst so strahlende Auge, und wäre sie auch in ihrer ehemaligen Tracht erschienen, so hätte doch Keiner in ihrer abgezehrten, hingeschwundenen Gestalt die Schönheit wieder erkannt, welche einst in den Tagen des Glücks so lieblich blühte.

Als sie nun einsam ihren Weg dahin pilgerte, und die Gluth der Mittagssonne einst sengend auf ihre Scheitel fiel, wandte sie sich ab von dem Staub der Straße, um unter dem Schatten eines dichtbelaubten Baumes zu ruhen, der seitwärts im Felde stand. Aber als sie hin kam, blieb sie zweifelhaft stehen, ob[186] sie sich auch nähern dürfe. Denn ein Mann lag schlummernd unter seinem grünen Obdach, und nahm den wenigen Raum ein, der linde Kühlung versprach. Sie fühlte sich indeß im Innersten fest gehalten, und so trat sie zu ihm heran, und schauere ihm in das ruhige Angesicht, dessen Züge wunderbar zu ihrem Herzen redeten. Denn ach, es war Andronicus, der unvergeßliche Geliebte, und als sie ihn erkannte, sank sie freudig auf ihre Knie und betete leise aber mit glühender Inbrunst: Du hast ihn mir wieder gegeben, o Herr! gönne mir fortan, daß ich ihn nimmer mehr verlasse! –

Sich tiefer in ihre Kutte hüllend, setzte sie sich nun auf einen Stein zu seinen Füssen nieder, und Beruhigung in der Vorstellung findend, daß Gott sie mitleidsvoll zu der theueren Spur geleitet habe, die sie stets in Gedanken aufsuchte, glaubte sie sich ihrer ursprünglichen Bestimmung wieder gegeben, und sich berechtigt, den Gatten, dem sie am Altare Treue geschworen, auch bis zum Tode nicht zu verlassen. Nur nahm sie sich vor, unerkannt ihm zur Seite zu wandeln, um seinem Willen nicht zu widerstreben, und die fromme Ruhe, die er durch ihre Trennung vielleicht errungen hatte, auf keine Weise durch die Entdeckung, wer sie sey, zu unterbrechen.

Als Andronicus erwachte, wurde er den Fremdling gewahr, der zu seinen Füssen saß, ein Zweiglein in der Hand haltend, mit welchem er sorgsam während seines Schlummers ihm die störenden Insekten abgewährt. Für so freundliche Fürsorge ihm dankend, fragte ihn Andronicus nach dem Ziel seiner Wallfahrt,[187] und als Athanasia antwortete: ich pilgere nach Jerusalem, erwiederte Andronicus freudig: Dahin zieht auch mich das geheime Verlangen meiner Seele.

Muth fassend, sprach Athanasia hierauf: Da unser Weg derselbe ist, so gestatte, frommer Bruder! daß ich ihn an Deiner Seite zurück legen darf. Nicht will ich ungeziemend die heilige Stille stören, die Du vielleicht der Andacht gelobt hast, sondern schweigend neben Dir einher gehen, als wenn wir nicht beisammen wären.

Ohne Bedenken willigte Andronicus ein, und sie erhuben sich, und setzten still und betend ihre Wanderschaft fort, bis der späte Abend sie zur Ruhe einlud. Da fragte Andronicus seinen Begleiter wie er heiße? – und als dieser versetzte: Man nennt mich in meinem Kloster Bruder Athanasius, schwellte ein tiefer Seufzer des Gatten Brust, und er sagte leise: Du führst den Namen, der mir am theuersten ist auf Erden.

Sie sahen nun gemeinschaftlich die Gegend wieder, die sie einst in wehmuthsvoller Andacht durchpilgert hatten, und beteten an jeder durch große Erinnerungen geheiligten Stelle, bis der heiße Durst ihrer Seelen gestillt war, und sie sich anschickten, wieder heim nach Aegypten zu ziehen.

Als sie sich Alexandrien näherten, zitterte die treue Athanasia, denn sie wähnte, nun werde Andronicus Abschied von ihr nehmen wollen, und sie fühlte sich eben so schwach, gegen seinen Willen anzukämpfen, als seiner Nähe zu entsagen. Wirst Du nun in Dein Kloster zurückkehren, mein Bruder?[188] fragte sie zaghaft. Ja, versetzte Andronicus, doch nicht, um dort zu weilen, denn ich sehne mich, künftig in der Wüste unter den Einsiedlern Gott zu dienen. Nur will ich vorher noch den frommen Abt Daniel um seinen Segen zu diesem Vorhaben bitten. – Auch ich hege dies Verlangen, flüsterte Athanasia. O möge es Dir gefallen, mich nicht aus Deiner frommen Gegenwart zu verbannen. Von Deiner Frömmigkeit erbaut, werde ich mich neben Dir im Glauben stärken, und inniger Gott und seinen Heiligen dienen.

Wohl, versetzte Andronicus, auch mir ist es lieb, wenn Du still und gottselig förder bei mir leben willst; doch muß ich zuvor den Abt um die Erlaubniß dazu bitten. Von seinem Ausspruch hänge es ab, ob wir vereinigt bleiben, oder uns trennen sollen.

Er ging hierauf in's Kloster, und Athanasia blieb aussen an der Pforte, brünstig ihre Arme und Blicke und ihre Seele zu Gott erhebend. O möge Er nicht scheiden, was Du einst zusammen gefügt, betete sie, und ihr Wunsch ward erhört. Freudig kehrte Andronicus zurück, und brachte die Einwilligung des frommen Abtes, und sie gingen hin, und erbauten sich eine enge Klause in der Wüste, und bezogen sie unter strengen Bußübungen, in heiligem Schweigen, das selten ein Wort der Mittheilung unterbrach, demüthig Gott und seiner Verherrlichung ihr einsames Leben widmend.

Alle Dienste, welche ihre einförmige und mangelhafte Einrichtung bedurfte, nahm Athanasia zu leisten über sich, und da Andronicus sich dagegen[189] auflehnte, und sie mit ihr zu theilen begehrte, entgegnete sie: ich bin der jüngere, an Jahren, mein Bruder! es ziemt mir, Dich zu bedienen. Gedenke meiner dagegen vor Gott in Deinem Gebet. – Täglich ging sie aus, Wurzeln zum kargen Mahle zu sammeln, und Wasser aus der fernen Quelle zu schöpfen. Oft versah sie sein einsames Lager mit frischem Laube, und nicht selten streute sie duftende Blumen des Feldes in die öde Zelle des Geliebten, ihn durch ihren bunten Farbenglanz zu erheitern, und durch das labende Aroma edler Kräuter zu stärken.

Andronicus, ihren reinen Willen erkennend und ehrend, ließ sie gewähren, und so gingen ihnen in stiller Eintracht und Zufriedenheit abermahls zwölf Jahre vorüber, ohne das die leiseste Ahnung ihm zugeflüstert hätte, daß ein Weib, und zwar die geliebte Gattin seiner Jugend mit ihm die einsiedlerische Klause theile. Ihr tugendsamer Wandel wurde nach Verdienst von den Einsiedlern sowohl, als von den Klosterbrüdern gewürdigt, und der hochgelahrte Abt Daniel selbst erzeigte ihnen nicht selten die Ehre, bei ihnen einzusprechen, und sich mit ihnen in frommer Unterhaltung über die Nichtigkeit der Welt zu erheben, und durch die Betrachtung göttlicher Gegenstände zu erbauen.

Als er auch einst in der Absicht sich auf den Weg begab, die edlen Freunde zu besuchen, begegnete ihm Andronicus, in ängstlicher Eile, ihn zu rufen, weil Athanasius schwer erkrankt sey, und vor seinem Tode ihn zu sprechen begehre.[190]

Da verdoppelte der Abt seine Schritte, und hieß Andronicus zögernd nur ihm folgen, im Fall der Kranke mit ihm allein zu seyn, und vielleicht durch die Beichte seine Seele vor dem Scheiden zu erleichtern wünsche.

Als er hinein trat, gewahrte er den Tod in jedem eingesunkenen Zuge Athanasiens, und er verwunderte sich über die Thränen, die er über ihre bleichen Wangen strömen sah.

Wie, mein Bruder! sprach er, hängst Du so an dieser mangelhaften Welt, daß Du weinst, sie zu verlassen, da Du doch weißt, daß eine schönere sich Dir öffnen wird, Dich in den Schooß unvergänglicher Freuden aufzunehmen?

Da trocknete Athanasia ihre sich schon verdunklenden Augen, und antwortete: Ich weine nicht um meinetwillen, ehrwürdiger Vater, noch um die Herrlichkeiten einer Welt, von der mein Sinn sich längst freiwillig losgerißen hat. Aber ich weine, weil ich von meinem geliebten Bruder Andronicus scheiden muß, und ein Geheimniß für ihn in meinem Innern barg, das erst mein Tod ihm enthüllen darf. Wenn meine Seele denn dahin geschieden ist, so bitte ich, daß Ihr das Brieflein, welches Ihr unter meinem Haupte finden werdet, nehmet, um es in seine Hände zu geben, und daß Ihr versuchen wollet, ihn zu trösten.

Hierauf empfing sie mit großer Andacht die heiligen Sterbesacramente, nahm rührenden Abschied von dem Abte und von Andronicus, und verschied unter frommen Gebeten.[191]

Als sie nun gestorben war, gedachte Daniel ihrer Bitte, und erhob sanft ihr dahingesunkenes Haupt, den Brief hinweg zu nehmen, den er Andronicus reichte. Ahnungsvoll entfalltete dieser das Blatt, und las folgende Worte:

Geliebter meiner Seele! ich war Dein Weib Athanasia, das hienieden kein größeres Glück kannte, als bei Dir zu leben und zu sterben. Wenn meine unaussprechliche Liebe zu Dir Sünde war, so möge Gott sie mir vergeben; ich trete jetzt vor seinen Richterstuhl, sie ihm zu bekennen, und Dein zu harren – dort – wo unsere Kindlein weilen, und wo uns bald auch Dein seliges Hinscheiden Alle wieder vereinigen wird.

Trostlos, daß er nicht mehr vermochte, der Verklärten für ihre so lang verschwiegene Liebe und Treue zu danken, warf sich Andronicus über ihren Leichnam und benetzte ihn mit heißen Thrönen. Das dringende Zureden des Abtes, die Stätte so herben Schmerzes zu verlassen, und ihm in sein Kloster zu folgen, war umsonst. Denn er fühlte sich unauslöslich angekettet an den Boden, der über den Ueberresten seiner Gattin sich zum Grabe wölben sollte, und begehrte nichts mehr von der Zukunft, als eine Schlummerstätte an ihrer Seite.

Und diese wurde ihm bald. Denn als mit Palmenzweigen geschmückt, die Einsiedler und Klosterbrüder und viele der angesehendsten Bewohner Alexandriens herbei eilten, der Verblichenen die letzte Ehre zu erzeigen, und sie feierlich zur Erde zu bestatten, da fand man statt einer Leiche zweie,[192] denn der Tod hatte sich erbarmt, und Andronicus Wunsch bereits gewährt, ihn seiner frommen Gemahlin wieder zuzugesellen. Man senkte sie Beide in eine Gruft, und deckte den braunen Hügel mit Palmenblättern zu, und der Abt Daniel sprach den Segen über das nun auf ewig einander wieder gegebene Paar, das jetzt über die Drangsale des Lebens erhaben, in höheren Regionen sich seiner Liebe und seiner Wiedervereinigung erfreut.[193]

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Gesammelte Erzählungen. Schleswig 1822, Band 1, S. 179-194.
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