Das Verhängnis

[80] Servus Du, geliebte Anna G.! Wie war es,

als ich überzeugt war momentan,

ohne Dich gäbe es kein Leben mehr für mich!?!

Und als ich allmählich dennoch Deine Untugenden entdeckte?!? Und wieviele?!?

Zum Beispiel, daß Du immer das Zentrum

jeglicher Unterhaltung sein wolltest,

nein, sein mußtest?!?

Daß Du nie liebevoll-melancholisch verschwinden konntest im All,

sondern Dich fast frech durchsetzen

wolltest, da, wo es doch um so viel

Wichtigeres gibt als gerade Dich?!?

Gott sei Dank!

Alles, was du nicht bist, nicht sein kannst, nie erreichen wirst,

wolltest du »in der Gesellschaft des Tages und der Stunde«, sei es

da, sei es dort, »von Männer Ungnaden«,

dir ertrotzen! Dir »erschleichen heimtückisch«!

Zur »großen Hetäre« à la Barbarina Campanini oder was weiß ich,

gehören Milliarden unbewußter anmutiger[80]

Lebenskräfte und genialer Unbewußthei ten! Welche hat sie?!?

Unsere modernen Gänse glauben,

ohne Genie, unbürgerlich apart zu sein!

Vergeblich!

Quelle:
Altenberg, Peter: Mein Lebensabend. Berlin 1–81919, S. 80-81.
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