Station Unter-Purkersdorf

[152] Kleines braunes Holzhäuschen. Daneben eine Bank. Kleines Beet von Sonnenblumen.

Die junge Frau: »In 10 Minuten kommt der Zug aus Wien mit meinem Manne – – –.«

Der junge Herr: »Wie schön war dieser Weg heute nachmittag das Flußbett entlang; die eiserne Brücke, die Entenherde, der Leierkastenmann, der kahle Hügel, die Bäumchen, die keinen Schatten gaben – – –. Alles gewann Bedeutung, erhöhte sich von selbst zu Unvergeßlichem – – –«.

»Mit Ihnen wird alles anders; wie wenn man erst sehen, hören, fühlen, denken lernte; alles erhält sein wirkliches eigenes Leben und sogar eine Entenschar hat plötzlich alle Poesie, die sonst erst der geniale Maler ihr zu verleihen vermöchte! Das verdanke ich Ihnen unbedingt und es wäre gemein von mir es nicht anzuerkennen – – –.«

»Ich bin hier Lehrer; meine Schulkinder vergöttern mich und ich bin dem Schicksale dankbar; aber heute zum ersten Male hatte ich so eine erwachsene mittönende Seele an meiner Seite, die nicht ›aufschaut‹, sondern gemeinsam ein Duo singt von innerlichen Stimmen – – –«.

Schweigen. Die junge Frau blickt zu Boden.

Der junge Herr: »In drei Wochen nehme ich meine Ferien; sonst freute ich mich darauf wie auf ein Paradies; diesmal freue ich mich gar nicht, in die Berge zu reisen – – –«.

Schweigen.

Man hört den Zug ankommen.[152]

Der Gatte erscheint. Ein netter einfacher Mann.

»Wie wunderbar kühl du es hier hast, Geliebteste! In der Stadt zerschmolz man heute förmlich bei der Arbeit.«

Sie stellt den jungen Herrn vor.

Der Gatte: »Hier bringe ich dir Pfirsiche von ›Scheidl‹ und Cakes von ›Pernot‹ und deine sonstigen gewünschten Kleinigkeiten. Hoffentlich ist alles recht und in Ordnung. Ich hatte einen schweren Tag. Heute war die Entscheidung wegen des Geschäftes mit den Merinopelzen. Es ist aber alles gut ausgegangen«.

Die junge Frau, verlegen: »Gott sei Dank, da haben wir also für den Winter zu leben – – –«.

Der junge Herr blickt den Gatten aufrichtig freundschaftlich an – – –.

»Weshalb blicken Sie mich so teilnahmsvoll an?!? Ich weiß, wofür ich mich plage! Wissen Sie es ebenso genau in Ihrem Berufe?!?«

Die junge Frau: »Herr Dietrich ist hier Schullehrer, und hat sich meiner ein wenig angenommen – – –«. Der Gatte: »Hoffentlich sind die Pfirsiche nach deinem Geschmacke – – –«.

Sie: »Gehen wir nach Hause. Du wirst dich ausruhen wollen von den Mühen des heißen Tages –.

Adieu, Herr Dietrich, auf Wiedersehen morgen –«.

Herr Dietrich: »Nicht auf Wiedersehen. Ich trete bereits morgen früh meinen Urlaub an in die Berge«.

Sie, ängstlich: »Sie sagten doch ›erst in drei Wochen – – –‹?!?«

Er: »Nein, bereits morgen früh – – –«.[153]

Er geht langsam weg.

Der Gatte und die Gattin bleiben sinnend, versunken auf der Bank.

Der Gatte: »Anna, Anna, ich glaube, ich werde noch viel mehr arbeiten müssen als bisher für die Bequemlichkeit deiner geliebten Tage – – –«.

»Du Dummer! Du riesig Dummer! Weshalb denn?!?«

Sie ißt eine der herrlichen Pfirsiche.

»Es ist der wunderbarste Pfirsich von der Welt.«

Er blickt sie gerührt an, berührt sanft ihre Hände.

Der Vorhang fällt – – –.

Pause.

Der Vorhang geht auf.

Der Schullehrer auf derselben Bank, mit einem kleinen wunderschönen Schulmädchen.

»Du hast also, Annerl, die Sache mit dem Thermometer, die ich euch heute erklärte, gar nicht verstanden?!?«

»Nein, Herr Lehrer – – –. Und ich hätt' es doch so gern verstanden, Ihnen zuliebe – – –«.

»Wie geht es denn deiner kranken Mutter?!?«

Das Kind beginnt zu weinen, in die Hände hinein.

Er: »Ich reise morgen früh fort, in die Berge; ich bedarf sehr der Erholung. Bleibe du so brav und pflichteifrig wie bisher, Annerl, bis ich zurückkehre –«. Das Kind kniet nieder vor dem Lehrer, der auf der Bank sinnend und sorgenvoll sitzt, umfängt seine Kniee mit den Armen, sagt: »Herr Lehrer, Herr Dietrich, Gottes Segen über Sie allerwegen –!«

Der Vorhang fällt.[154]

Quelle:
Peter Altenberg: Märchen des Lebens. Berlin 7–81924, S. 152-155.
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