Sie erwägt seine Lieblichkeit an den Kreaturen

[195] 1

Keine Schönheit hat die Welt,

Die mir nicht vor Augen stellt

Meinen schönsten Jesum Christ,

Der der Schönheit Ursprung ist.


2

Wenn die Morgenröt entsteht

Und die güldne Sonn aufgeht,

So erinner ich mich bald

Seiner himmlischen Gestalt.


3

Ofte denk ich an sein Licht,

Wenn der frühe Tag anbricht.

Ach, was ist für Herrlichkeit

In dem Licht der Ewigkeit.


4

Seh ich dann den Mondenschein

Und des Himmels Äugelein,

So gedenk ich, der dies macht,

Hat viel tausend größre Pracht.


5

Schau ich in dem Frühling an

Unsern bunten Wiesenplan,

So bewegt es mich zu schrein:

Ach, wie muß der Schöpfer sein!


6

Schöne gleißt der Gärten Ruhm,

Die erhabne Lilienblum.

Aber noch viel schöner ist

Meine Lilie, Jesus Christ.
[196]

7

Wenn ich sehe, wie so schön

Weiß und rot die Rosen stehn,

So gedenk ich, weiß und rot

Ist mein Bräutigam und Gott.


8

Ja, in allen Blümelein,

Wie sie immer mögen sein,

Wird gar hell und klar gespürt

Dessen Schönheit, der sie ziert.


9

Wenn ich zu dem Quellbrunn geh

Oder bei dem Bächlein steh,

So versenkt sich stracks in ihn,

Als den reinsten Quell, mein Sinn.


10

Meine Schäflein machen mich

Oft erseufzen inniglich:

Ach, wie mild ist Gottes Lamm,

Meiner Seelen Bräutigam.


11

Nie wird Honig oder Most

Oder Tau von mir gekost,

Daß mein Herz nicht nach ihm schreit,

Als der ersten Süßigkeit.


12

Lieblich singt die Nachtigall,

Süße klingt der Flöten Schall.

Aber über allen Ton

Ist das Wort: Marien Sohn.
[197]

13

Anmut gibt es in der Luft,

Wenn die Echo wieder ruft.

Aber nichts ist überall

Wie des Liebsten Widerschall.


14

Ei nun, Schönster, komm herfür,

Komm und zeig dich selbsten mir.

Laß mich sehn dein eigen Licht

Und dein bloßes Angesicht.


15

O, daß deiner Gottheit Glanz

Meinen Geist umgebe ganz!

Und der Strahl der Herrlichkeit

Mich verzückt aus Ort und Zeit!


16

Ach, mein Jesu, nimm doch hin,

Was mir decket Geist und Sinn!

Daß ich dich zu jeder Frist

Sehe, wie du selber bist.

Quelle:
Angelus Silesius: Sämtliche poetische Werke in drei Bänden. Band 2, München 1952, S. 195-198.
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