[73] Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr.
Von dannen ging da Siegfried / zum Hafen an den Strand
In seiner Tarnkappe, / wo er ein Schifflein fand.
Darin stand verborgen / König Siegmunds Kind:
Er führt es bald von dannen, / als ob es wehte der Wind.
Den Steuermann sah niemand, / wie schnell das Schifflein floß
Von Siegfriedens Kräften, / die waren also groß.
Da wähnten sie, es trieb' es / ein starker Wind:
Nein, es führt' es Siegfried, / der schönen Sieglinde Kind.
Nach des Tags Verlaufe / und in der einen Nacht
Kam er zu einem Lande / von gewaltger Macht:
Es war wohl hundert Rasten / und noch darüber lang,
Das Land der Nibelungen, / wo er den großen Schatz errang.
Der Held fuhr alleine / nach einem Werder breit:
Sein Schiff band er feste, / der Ritter allbereit.
Er fand auf einem Berge / eine Burg gelegen
Und suchte Herberge, / wie die Wegemüden pflegen.
Da kam er vor die Pforte, / die ihm verschlossen stand:
Sie bewahrten ihre Ehre, / wie Sitte noch im Land.
Ans Tor begann zu klopfen / der unbekannte Mann:
Das würde wohl behütet; / da traf er innerhalben an
Einen Ungefügen, / der da der Wache pflag,
Bei dem zu allen Zeiten / sein Gewaffen lag.
Der sprach: »Wer pocht so heftig / da draußen an das Tor?«
Da wandelte die Stimme / der kühne Siegfried davor
[74] Und sprach: »Ich bin ein Recke: / tut mir auf alsbald,
Sonst erzürn ich etlichen / hier außen mit Gewalt,
Der gern in Ruhe läge / und hätte sein Gemach.«
Das verdroß den Pförtner, / als da Siegfried also sprach.
Der kühne Riese hatte / die Rüstung angetan,
Den Helm aufs Haupt gehoben, / der gewaltge Mann,
Den Schild alsbald ergriffen / und schwang nun auf das Tor.
Wie lief er Siegfrieden / da so grimmig an davor!
Wie er zu wecken wage / so manchen kühnen Mann?
Da wurden schnelle Schläge / von seiner Hand getan.
Der edle Fremdling schirmte / sich vor manchem Schlag;
Doch hieb ihm der Pförtner / in Stücke seines Schilds Beschlag
Mit einer Eisenstange: / so litt der Degen Not.
Schier begann zu fürchten / der Held den grimmen Tod,
Als der Türhüter / so mächtig auf ihn schlug.
Dafür war ihm gewogen / sein Herre Siegfried genug.
Sie stritten so gewaltig, / die Burg gab Widerhall;
Man hörte fern das Tosen / in König Niblungs Saal.
Doch zwang er den Pförtner / zuletzt, daß er ihn band:
Kund ward diese Märe / in allem Nibelungenland.
Das Streiten hatte ferne / gehört durch den Berg
Alberich der kühne, / ein wildes Gezwerg.
Er waffnete sich balde / und lief hin, wo er fand
Diesen edlen Fremdling, / als er den Riesen eben band.
Alberich war mutig, / dazu auch stark genug.
Helm und Panzerringe / er am Leibe trug
Und eine schwere Geißel / von Gold an seiner Hand.
Da lief er hin geschwinde, / wo er Siegfrieden fand.
[75] Sieben schwere Knöpfe / hingen vorn daran,
Womit er vor der Linken / den Schild dem kühnen Mann
So bitterlich zergerbte, / in Splitter ging er fast.
In Sorgen um sein Leben / geriet der herrliche Gast.
Den Schild er ganz zerbrochen / seiner Hand entschwang
Und stieß in die Scheide / eine Waffe, die war lang.
Seinen Kammerwärter / wollt er nicht schlagen tot:
Er schonte seiner Leute, / wie ihm die Treue gebot.
Mit den starken Händen / Albrichen lief er an
Und faßte bei dem Barte / den altgreisen Mann:
Den zuckt' er ungefüge; / der Zwerg schrie auf vor Schmerz.
Des jungen Helden Züchtigung / ging Alberichen ans Herz.
Laut rief der Kühne: / »Nun laßt mir das Leben:
Und hätt ich einem Helden / mich nicht schon ergeben,
Dem ich schwören mußte, / ich wär ihm untertan,
Ich dient' euch, bis ich stürbe,« / so sprach der listige Mann.
Er band auch Alberichen / wie den Riesen eh:
Siegfriedens Kräfte / taten ihm gar weh.
Der Zwerg begann zu fragen: / »Wie seid ihr genannt?«
Er sprach: »Ich heiße Siegfried; / ich wähnt', ich wär euch bekannt.«
»So wohl mir diese Kunde,« / sprach da Alberich,
»An euern Heldenwerken / spürt' ich nun sicherlich,
Daß ihrs wohl verdientet / des Landes Herr zu sein.
Ich tu, was ihr gebietet, / laßt ihr nur mich gedeihn.«
Da sprach der Degen Siegfried: / »So macht euch auf geschwind
Und bringt mir her der Besten, / die in der Feste sind,
Tausend Nibelungen: / die will ich vor mir sehn:
So laß ich euch kein Leides / an euerm Leben geschehn.«
[76] Albrichen und den Riesen / löst' er von dem Band.
Hin lief der Zwerg geschwinde, / wo er die Recken fand.
Sorglich erweckt' er / die in Niblungs Lehn
Und sprach: »Wohlauf, ihr Helden, / ihr sollt zu Siegfrieden gehn.«
Sie sprangen von den Betten / und waren gleich bereit:
Tausend schnelle Ritter / standen im Eisenkleid.
Er brachte sie zur Stelle, / wo er Siegfried fand;
Der grüßte schön die Degen / und gab manchem die Hand.
Viel Kerzen ließ man zünden; / man schenkt' ihm lautern Trank.
Daß sie so bald gekommen, / des sagt' er allen Dank.
Er sprach: »Ihr sollt von hinnen / mir folgen über Flut.«
Dazu fand er willig / diese Helden kühn und gut.
Wohl dreißighundert Recken / kamen ungezählt:
Von denen wurden tausend / der besten ausgewählt,
Man brachte ihre Helme / und ander Rüstgewand,
Da er sie führen wollte / hin zu Brunhildens Land.
Er sprach: »Ihr guten Ritter, / eins laßt euch sagen:
Ihr sollt reiche Kleider / dort am Hofe tragen;
Denn uns wird da schauen / manch minnigliches Weib:
Darum sollt ihr zieren / mit guten Kleidern den Leib.«
Nun möchten mich die Toren / vielleicht der Lüge zeihn:
Wie konnten so viel Ritter / wohl beisammen sein?
Wo nähmen sie die Speise? / Wo nähmen sie Gewand?
Und besäß er dreißig Lande, / er brächt es nimmer zustand.
Ihr habt doch wohl vernommen, / Siegfried war gar reich:
Sein war der Nibelungenhort, / dazu das Königreich.
Drum gab er seinen Degen / völliglich genug;
Es war ja doch nicht minder, / wie viel man von dem Schatze trug.
[77] Eines frühen Morgens / begannen sie die Fahrt:
Was schneller Mannen hatte / da Siegfried sich geschart!
Sie führten gute Rosse / und herrlich Gewand:
Sie kamen stolz gezogen / hin zu Brunhildens Land.
Da stand in den Zinnen / manch minnigliches Kind.
Da sprach die Königstochter: / »Weiß jemand, wer die sind,
Die ich dort fließen sehe / so fern auf der See?
Sie führen reiche Segel, / die sind noch weißer als der Schnee.«
Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Es ist mein Heergeleit,
Das ich auf der Reise / verließ von hier nicht weit:
Ich habe sie besendet: / nun sind sie, Frau, gekommen.«
Der herrlichen Gäste / ward mit Züchten wahrgenommen.
Da sah man Siegfrieden / im Schiffe stehn voran
In herrlichem Gewande / mit manchem andern Mann.
Da sprach die Königstochter: / »Herr König, wollt mir sagen:
Soll ich die Gäste grüßen / oder ihnen Gruß versagen?«
Er sprach: »Ihr sollt entgegen / ihnen vor den Pallas gehn,
Ob ihr sie gerne sehet, / daß sie das wohl verstehn.«
Da tat die Königstochter, / wie ihr der König riet:
Siegfrieden mit dem Gruße / sie von den andern unterschied.
Herberge gab man ihnen / und wahrt' ihr Gewand.
Da waren so viele Gäste / gekommen in das Land,
Daß sie sich allenthalben / drängten mit den Scharen.
Da wollten heim die Kühnen / zu den Burgunden fahren.
Da sprach die Königstochter: / »Dem blieb ich immer hold,
Der zu verteilen wüßte / mein Silber und mein Gold
Meinen Gästen und des Königs, / des ich so viel gewann.«
Zur Antwort gab ihr Dankwart, / des kühnen Geiselher Mann:
[78] »Viel edle Königstochter, / laßt mich der Schlüssel pflegen:
Ich will es so verteilen,« / sprach der kühne Degen,
»Wenn ich mir Schand erwerbe, / die treffe mich allein.«
Daß er milde wäre, / das leuchtete da wohl ein.
Als sich Hagens Bruder / der Schlüssel unterwand,
So manche reiche Gabe / bot des Helden Hand:
Wer einer Mark begehrte, / dem ward so viel gegeben,
Daß die Armen alle / da in Freuden mochten leben.
Wohl mit hundert Pfunden / gab er ohne Wahl.
Da ging in reichem Kleide / mancher aus dem Saal,
Der nie zuvor im Leben / so hehr Gewand doch trug.
Die Königin erfuhr es: / da war es ihr leid genug.
Sie sprach zu dem König: / »Des hätt ich gerne Rat,
Daß nichts mir soll verbleiben / von meinem Kleiderstaat
Vor euerm Kämmerlinge; / er verschwendet all mein Gold.
Wer dem noch widerstände, / dem wollt ich immer bleiben hold.
Er gibt so reiche Gaben: / der Degen wähnet eben,
Ich habe nach dem Tode / gesandt: ich will noch leben
Und kann wohl selbst verschwenden / meines Vaters Gut.«
Nie hatt einer Königin / Kämmerer so milden Mut.
Da sprach von Tronje Hagen: / »Frau, euch sei bekannt:
Der König vom Rheine / hat Gold und Gewand
Zu geben solcher Fülle, / daß es nicht not ihm tut,
Von hier hinweg zu führen / einen Teil von Brunhilds Gut.«
»Nein, wenn ihr mich liebet,« / sprach sie zu den Herrn,
»Zwanzig Reiseschreine / füllt' ich mir gern
Mit Gold und mit Seide: / das soll meine Hand
Verteilen, so wir kommen / heim in der Burgunden Land.«
[79] Da lud man ihr die Kisten / mit edlem Gestein.
Der Frauen Kämmerlinge / mußten zugegen sein:
Sie wollt es nicht vertrauen / Geiselhers Untertan.
Gunther und Hagen / darob zu lachen begann.
Da sprach die Königstochter: / »Wem laß ich nun mein Land?
Das soll hier erst bestimmen / mein und eure Hand.«
Da sprach der edle König: / »So rufet wen herbei,
Der euch dazu gefalle, / daß er zum Vogt geordnet sei.«
Ihrer nächsten Freunde einen / die Jungfrau bei sich sah,
Es war ihr Mutterbruder: / zu dem begann sie da:
»Nun laßt euch sein befohlen / die Burgen und das Land,
Bis seine Amtleute / der König Gunther gesandt.«
Aus dem Gesinde wählte sie / zweitausend Mann,
Die mit ihr fahren sollten / gen Burgund hindann
Mit jenen tausend Recken / aus Nibelungenland.
Sie schickten sich zur Reise: / man sah sie reiten nach dem Strand.
Sie führte mit von dannen / sechsundachtzig Fraun,
Dazu wohl hundert Mägdelein, / die waren schön zu schaun.
Sie säumten sich nicht länger, / sie eilten nun hindann;
Die sie zu Hause ließen, / wie manche hub zu weinen an!
In höfischen Züchten / räumte die Frau ihr Land,
Die nächsten Freunde küssend, / die sie bei sich fand.
Mit gutem Urlaube / kamen sie aufs Meer;
Ihres Vaters Lande / sah die Jungfrau nimmermehr.
Auf ihrer Fahrt ertönte / vielfältig Freudenspiel;
Aller Kurzweile / hatten sie da viel.
Auch hob sich zu der Reise / der rechte Wasserwind.
Sie fuhren ab vom Lande; / das beweinte mancher Mutter Kind.
[80] Doch wollte sie den König / nicht minnen auf der Fahrt:
Ihre Kurzweil wurde / bis in sein Haus gespart
Zu Worms in der Feste, / zu einem Hofgelag,
Dahin mit ihren Helden / sie fröhlich kamen hernach.