Achtes Abenteuer.

[73] Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr.


Von dannen ging da Siegfried / zum Hafen an den Strand

In seiner Tarnkappe, / wo er ein Schifflein fand.

Darin stand verborgen / König Siegmunds Kind:

Er führt es bald von dannen, / als ob es wehte der Wind.


Den Steuermann sah niemand, / wie schnell das Schifflein floß

Von Siegfriedens Kräften, / die waren also groß.

Da wähnten sie, es trieb' es / ein starker Wind:

Nein, es führt' es Siegfried, / der schönen Sieglinde Kind.


Nach des Tags Verlaufe / und in der einen Nacht

Kam er zu einem Lande / von gewaltger Macht:

Es war wohl hundert Rasten / und noch darüber lang,

Das Land der Nibelungen, / wo er den großen Schatz errang.


Der Held fuhr alleine / nach einem Werder breit:

Sein Schiff band er feste, / der Ritter allbereit.

Er fand auf einem Berge / eine Burg gelegen

Und suchte Herberge, / wie die Wegemüden pflegen.


Da kam er vor die Pforte, / die ihm verschlossen stand:

Sie bewahrten ihre Ehre, / wie Sitte noch im Land.

Ans Tor begann zu klopfen / der unbekannte Mann:

Das würde wohl behütet; / da traf er innerhalben an


Einen Ungefügen, / der da der Wache pflag,

Bei dem zu allen Zeiten / sein Gewaffen lag.

Der sprach: »Wer pocht so heftig / da draußen an das Tor?«

Da wandelte die Stimme / der kühne Siegfried davor


[74] Und sprach: »Ich bin ein Recke: / tut mir auf alsbald,

Sonst erzürn ich etlichen / hier außen mit Gewalt,

Der gern in Ruhe läge / und hätte sein Gemach.«

Das verdroß den Pförtner, / als da Siegfried also sprach.


Der kühne Riese hatte / die Rüstung angetan,

Den Helm aufs Haupt gehoben, / der gewaltge Mann,

Den Schild alsbald ergriffen / und schwang nun auf das Tor.

Wie lief er Siegfrieden / da so grimmig an davor!


Wie er zu wecken wage / so manchen kühnen Mann?

Da wurden schnelle Schläge / von seiner Hand getan.

Der edle Fremdling schirmte / sich vor manchem Schlag;

Doch hieb ihm der Pförtner / in Stücke seines Schilds Beschlag


Mit einer Eisenstange: / so litt der Degen Not.

Schier begann zu fürchten / der Held den grimmen Tod,

Als der Türhüter / so mächtig auf ihn schlug.

Dafür war ihm gewogen / sein Herre Siegfried genug.


Sie stritten so gewaltig, / die Burg gab Widerhall;

Man hörte fern das Tosen / in König Niblungs Saal.

Doch zwang er den Pförtner / zuletzt, daß er ihn band:

Kund ward diese Märe / in allem Nibelungenland.


Das Streiten hatte ferne / gehört durch den Berg

Alberich der kühne, / ein wildes Gezwerg.

Er waffnete sich balde / und lief hin, wo er fand

Diesen edlen Fremdling, / als er den Riesen eben band.


Alberich war mutig, / dazu auch stark genug.

Helm und Panzerringe / er am Leibe trug

Und eine schwere Geißel / von Gold an seiner Hand.

Da lief er hin geschwinde, / wo er Siegfrieden fand.


[75] Sieben schwere Knöpfe / hingen vorn daran,

Womit er vor der Linken / den Schild dem kühnen Mann

So bitterlich zergerbte, / in Splitter ging er fast.

In Sorgen um sein Leben / geriet der herrliche Gast.


Den Schild er ganz zerbrochen / seiner Hand entschwang

Und stieß in die Scheide / eine Waffe, die war lang.

Seinen Kammerwärter / wollt er nicht schlagen tot:

Er schonte seiner Leute, / wie ihm die Treue gebot.


Mit den starken Händen / Albrichen lief er an

Und faßte bei dem Barte / den altgreisen Mann:

Den zuckt' er ungefüge; / der Zwerg schrie auf vor Schmerz.

Des jungen Helden Züchtigung / ging Alberichen ans Herz.


Laut rief der Kühne: / »Nun laßt mir das Leben:

Und hätt ich einem Helden / mich nicht schon ergeben,

Dem ich schwören mußte, / ich wär ihm untertan,

Ich dient' euch, bis ich stürbe,« / so sprach der listige Mann.


Er band auch Alberichen / wie den Riesen eh:

Siegfriedens Kräfte / taten ihm gar weh.

Der Zwerg begann zu fragen: / »Wie seid ihr genannt?«

Er sprach: »Ich heiße Siegfried; / ich wähnt', ich wär euch bekannt.«


»So wohl mir diese Kunde,« / sprach da Alberich,

»An euern Heldenwerken / spürt' ich nun sicherlich,

Daß ihrs wohl verdientet / des Landes Herr zu sein.

Ich tu, was ihr gebietet, / laßt ihr nur mich gedeihn.«


Da sprach der Degen Siegfried: / »So macht euch auf geschwind

Und bringt mir her der Besten, / die in der Feste sind,

Tausend Nibelungen: / die will ich vor mir sehn:

So laß ich euch kein Leides / an euerm Leben geschehn.«


[76] Albrichen und den Riesen / löst' er von dem Band.

Hin lief der Zwerg geschwinde, / wo er die Recken fand.

Sorglich erweckt' er / die in Niblungs Lehn

Und sprach: »Wohlauf, ihr Helden, / ihr sollt zu Siegfrieden gehn.«


Sie sprangen von den Betten / und waren gleich bereit:

Tausend schnelle Ritter / standen im Eisenkleid.

Er brachte sie zur Stelle, / wo er Siegfried fand;

Der grüßte schön die Degen / und gab manchem die Hand.


Viel Kerzen ließ man zünden; / man schenkt' ihm lautern Trank.

Daß sie so bald gekommen, / des sagt' er allen Dank.

Er sprach: »Ihr sollt von hinnen / mir folgen über Flut.«

Dazu fand er willig / diese Helden kühn und gut.


Wohl dreißighundert Recken / kamen ungezählt:

Von denen wurden tausend / der besten ausgewählt,

Man brachte ihre Helme / und ander Rüstgewand,

Da er sie führen wollte / hin zu Brunhildens Land.


Er sprach: »Ihr guten Ritter, / eins laßt euch sagen:

Ihr sollt reiche Kleider / dort am Hofe tragen;

Denn uns wird da schauen / manch minnigliches Weib:

Darum sollt ihr zieren / mit guten Kleidern den Leib.«


Nun möchten mich die Toren / vielleicht der Lüge zeihn:

Wie konnten so viel Ritter / wohl beisammen sein?

Wo nähmen sie die Speise? / Wo nähmen sie Gewand?

Und besäß er dreißig Lande, / er brächt es nimmer zustand.


Ihr habt doch wohl vernommen, / Siegfried war gar reich:

Sein war der Nibelungenhort, / dazu das Königreich.

Drum gab er seinen Degen / völliglich genug;

Es war ja doch nicht minder, / wie viel man von dem Schatze trug.


[77] Eines frühen Morgens / begannen sie die Fahrt:

Was schneller Mannen hatte / da Siegfried sich geschart!

Sie führten gute Rosse / und herrlich Gewand:

Sie kamen stolz gezogen / hin zu Brunhildens Land.


Da stand in den Zinnen / manch minnigliches Kind.

Da sprach die Königstochter: / »Weiß jemand, wer die sind,

Die ich dort fließen sehe / so fern auf der See?

Sie führen reiche Segel, / die sind noch weißer als der Schnee.«


Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Es ist mein Heergeleit,

Das ich auf der Reise / verließ von hier nicht weit:

Ich habe sie besendet: / nun sind sie, Frau, gekommen.«

Der herrlichen Gäste / ward mit Züchten wahrgenommen.


Da sah man Siegfrieden / im Schiffe stehn voran

In herrlichem Gewande / mit manchem andern Mann.

Da sprach die Königstochter: / »Herr König, wollt mir sagen:

Soll ich die Gäste grüßen / oder ihnen Gruß versagen?«


Er sprach: »Ihr sollt entgegen / ihnen vor den Pallas gehn,

Ob ihr sie gerne sehet, / daß sie das wohl verstehn.«

Da tat die Königstochter, / wie ihr der König riet:

Siegfrieden mit dem Gruße / sie von den andern unterschied.


Herberge gab man ihnen / und wahrt' ihr Gewand.

Da waren so viele Gäste / gekommen in das Land,

Daß sie sich allenthalben / drängten mit den Scharen.

Da wollten heim die Kühnen / zu den Burgunden fahren.


Da sprach die Königstochter: / »Dem blieb ich immer hold,

Der zu verteilen wüßte / mein Silber und mein Gold

Meinen Gästen und des Königs, / des ich so viel gewann.«

Zur Antwort gab ihr Dankwart, / des kühnen Geiselher Mann:


[78] »Viel edle Königstochter, / laßt mich der Schlüssel pflegen:

Ich will es so verteilen,« / sprach der kühne Degen,

»Wenn ich mir Schand erwerbe, / die treffe mich allein.«

Daß er milde wäre, / das leuchtete da wohl ein.


Als sich Hagens Bruder / der Schlüssel unterwand,

So manche reiche Gabe / bot des Helden Hand:

Wer einer Mark begehrte, / dem ward so viel gegeben,

Daß die Armen alle / da in Freuden mochten leben.


Wohl mit hundert Pfunden / gab er ohne Wahl.

Da ging in reichem Kleide / mancher aus dem Saal,

Der nie zuvor im Leben / so hehr Gewand doch trug.

Die Königin erfuhr es: / da war es ihr leid genug.


Sie sprach zu dem König: / »Des hätt ich gerne Rat,

Daß nichts mir soll verbleiben / von meinem Kleiderstaat

Vor euerm Kämmerlinge; / er verschwendet all mein Gold.

Wer dem noch widerstände, / dem wollt ich immer bleiben hold.


Er gibt so reiche Gaben: / der Degen wähnet eben,

Ich habe nach dem Tode / gesandt: ich will noch leben

Und kann wohl selbst verschwenden / meines Vaters Gut.«

Nie hatt einer Königin / Kämmerer so milden Mut.


Da sprach von Tronje Hagen: / »Frau, euch sei bekannt:

Der König vom Rheine / hat Gold und Gewand

Zu geben solcher Fülle, / daß es nicht not ihm tut,

Von hier hinweg zu führen / einen Teil von Brunhilds Gut.«


»Nein, wenn ihr mich liebet,« / sprach sie zu den Herrn,

»Zwanzig Reiseschreine / füllt' ich mir gern

Mit Gold und mit Seide: / das soll meine Hand

Verteilen, so wir kommen / heim in der Burgunden Land.«


[79] Da lud man ihr die Kisten / mit edlem Gestein.

Der Frauen Kämmerlinge / mußten zugegen sein:

Sie wollt es nicht vertrauen / Geiselhers Untertan.

Gunther und Hagen / darob zu lachen begann.


Da sprach die Königstochter: / »Wem laß ich nun mein Land?

Das soll hier erst bestimmen / mein und eure Hand.«

Da sprach der edle König: / »So rufet wen herbei,

Der euch dazu gefalle, / daß er zum Vogt geordnet sei.«


Ihrer nächsten Freunde einen / die Jungfrau bei sich sah,

Es war ihr Mutterbruder: / zu dem begann sie da:

»Nun laßt euch sein befohlen / die Burgen und das Land,

Bis seine Amtleute / der König Gunther gesandt.«


Aus dem Gesinde wählte sie / zweitausend Mann,

Die mit ihr fahren sollten / gen Burgund hindann

Mit jenen tausend Recken / aus Nibelungenland.

Sie schickten sich zur Reise: / man sah sie reiten nach dem Strand.


Sie führte mit von dannen / sechsundachtzig Fraun,

Dazu wohl hundert Mägdelein, / die waren schön zu schaun.

Sie säumten sich nicht länger, / sie eilten nun hindann;

Die sie zu Hause ließen, / wie manche hub zu weinen an!


In höfischen Züchten / räumte die Frau ihr Land,

Die nächsten Freunde küssend, / die sie bei sich fand.

Mit gutem Urlaube / kamen sie aufs Meer;

Ihres Vaters Lande / sah die Jungfrau nimmermehr.


Auf ihrer Fahrt ertönte / vielfältig Freudenspiel;

Aller Kurzweile / hatten sie da viel.

Auch hob sich zu der Reise / der rechte Wasserwind.

Sie fuhren ab vom Lande; / das beweinte mancher Mutter Kind.


[80] Doch wollte sie den König / nicht minnen auf der Fahrt:

Ihre Kurzweil wurde / bis in sein Haus gespart

Zu Worms in der Feste, / zu einem Hofgelag,

Dahin mit ihren Helden / sie fröhlich kamen hernach.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 72-80.
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