[59] Wie Gunther Brunhilden gewann.
Ihr Schifflein unterdessen / war auf dem Meer
Zur Burg herangeflossen: / da sah der König hehr
Oben in den Fenstern / manche schöne Maid.
Daß er sie nicht erkannte, / das war in Wahrheit ihm leid.
Er fragte Siegfrieden, / den Gesellen sein:
»Hättet ihr wohl Kunde / um diese Mägdelein,
Die dort hernieder schauen / nach uns auf die Flut?
Wie ihr Herr auch heiße, / so tragen sie hohen Mut.«
Da sprach der kühne Siegfried: / »Nun sollt ihr heimlich spähn
Nach den Jungfrauen / und sollt mir dann gestehn,
Welche ihr nehmen wolltet, / wär euch die Wahl verliehn.«
»Das will ich,« sprach Gunther, / dieser Ritter schnell und kühn.
»So schau ich ihrer eine / in jenem Fenster an,
Im schneeweißen Kleide, / die ist so wohlgetan:
Die wählen meine Augen; / so schön ist sie von Leib.
Wenn ich gebieten dürfte, / sie müßte werden mein Weib.«
[60] »Dir hat recht erkoren / deiner Augen Schein:
Es ist die edle Brunhild, / das schöne Mägdelein,
Nach der das Herz dir ringet, / der Sinn und auch der Mut.«
All ihr Gebaren / dauchte König Gunthern gut.
Da hieß die Königstochter / von den Fenstern gehn
Die minniglichen Maide: / sie sollten da nicht stehn
Zum Anblick für die Fremden; / sie folgten unverwandt.
Was da die Frauen taten, / das ist uns auch wohl bekannt.
Sie zierten sich entgegen / den unkunden Herrn,
Wie es immer taten / schöne Frauen gern.
Dann an die engen Fenster / traten sie heran,
Wo sie die Helden sahen: / das ward aus Neugier getan.
Nur ihrer viere waren, / die kamen in das Land:
Siegfried der kühne / ein Roß zog auf den Strand.
Das sahen durch die Fenster / die schönen Frauen an;
Große Ehre dauchte / sich König Gunther getan.
Er hielt ihm bei dem Zaume / das zierliche Roß,
Das war gut und stattlich, / stark dazu und groß,
Bis der König Gunther / fest im Sattel saß.
Also dient' ihm Siegfried, / was er hernach doch ganz vergaß.
Dann zog er auch das seine / aus dem Schiff heran;
Er hatte solche Dienste / gar selten sonst getan,
Daß er am Steigreif / Helden gestanden wär.
Das sahen durch die Fenster / die schönen Frauen hehr.
Es war in gleicher Weise / den Helden allbereit
Von schneeblanker Farbe / das Roß und auch das Kleid,
Dem einen wie dem andern, / und schön der Schilde Rand:
Die warfen hellen Schimmer / an der edeln Recken Hand.
[61] Ihre Sättel wohlgesteinet, / die Brustriemen schmal:
So ritten sie herrlich / vor Brunhildens Saal;
Daran hingen Schellen / von lichtem Golde rot.
Sie kamen zu dem Lande, / wie ihr Hochsinn gebot,
Mit Speeren neu geschliffen, / mit wohlgeschaffnem Schwert,
Das bis auf die Sporen / ging den Helden wert;
Die Wohlgemuten führten / es scharf genug und breit.
Das alles sah Brunhild, / diese herrliche Maid.
Mit ihnen kam auch Dankwart / und sein Bruder Hagen:
Diese beiden trugen, / wie wir hören sagen,
Von rabenschwarzer Farbe / reichgewirktes Kleid;
Neu waren ihre Schilde, / gut, dazu auch lang und breit.
Von India dem Lande / trugen sie Gestein,
Das warf an ihrem Kleide / auf und ab den Schein.
Sie ließen unbehütet / das Schifflein bei der Flut;
So ritten nach der Feste / die Helden kühn und gut.
Sechsundachtzig Türme / sahn sie darin zumal,
Drei weite Pfalzen / und einen schönen Saal
Von edelm Marmelsteine, / so grün wie das Gras,
Darin die Königstochter / mit ihrem Ingesinde saß.
Die Burg war erschlossen / und weithin aufgetan.
Brunhildens Mannen / liefen alsbald heran
Und empfingen die Gäste / in ihrer Herrin Land.
Die Rosse nahm man ihnen / und die Schilde von der Hand.
Da sprach der Kämmrer einer: / »Gebt uns euer Schwert
Und die lichten Panzer.« / »Das wird euch nicht gewährt,«
Sprach Hagen von Tronje; / »wir wollens selber tragen.«
Da begann ihm Siegfried / von des Hofs Gebrauch zu sagen:
[62] »In dieser Burg ist Sitte, / das will ich euch sagen,
Keine Waffen dürfen / da die Gäste tragen:
Laßt sie von hinnen bringen, / das ist wohlgetan.«
Ihm folgte wider Willen / Hagen, König Gunthers Mann.
Man ließ den Gästen schenken / und schaffen gute Ruh.
Manchen schnellen Recken / sah man dem Hofe zu
Allenthalben eilen / in fürstlichem Gewand;
Doch wurden nach den Kühnen / ringsher die Blicke gesandt.
Nun wurden auch Brunhilden / gesagt die Mären,
Daß unbekannte Recken / gekommen wären
In herrlichem Gewande / geflossen auf der Flut.
Da begann zu fragen / diese Jungfrau schön und gut:
»Ihr sollt mich hören lassen,« / sprach das Mägdelein,
»Wer die unbekannten / Recken mögen sein,
Die ich dort stehen sehe / in meiner Burg so hehr,
Und wem zulieb die Helden / wohl gefahren sind hieher.«
Des Gesindes sprach da einer: / »Frau, ich muß gestehn,
Daß ich ihrer keinen / je zuvor gesehn;
Doch einer steht darunter, / der Siegfrieds Weise hat:
Den sollt ihr wohl empfangen, / das ist in Treuen mein Rat.
Der andre der Gesellen / gar löblich dünkt er mich;
Wenn er die Macht besäße, / zum König ziemt' er sich
Ob weiten Fürstenlanden, / sollt er die versehn.
Man sieht ihn bei den andern / so recht herrlich da stehn.
Der dritte der Gesellen, / der hat herben Sinn,
Doch schönen Wuchs nicht minder, / reiche Königin.
Die Blicke sind gewaltig, / deren so viel er tut:
Er trägt in seinem Sinne, / wähn ich, grimmigen Mut.
[63] Der jüngste darunter, / gar löblich dünkt er mich:
Man sieht den reichen Degen / so recht minniglich
In jungfräulicher Sitte / und edler Haltung stehn:
Wir müßtens alle fürchten, / wär ihm ein Leid hier geschehn.
So freundlich er gebare, / so wohlgetan sein Leib,
Er brächte doch zum Weinen / manch weidliches Weib,
Wenn er zürnen sollte; / sein Wuchs ist wohl so gut,
Er ist an allen Tugenden / ein Degen kühn und wohlgemut.«
Da sprach die Königstochter: / »Nun bringt mir mein Gewand:
Und ist der starke Siegfried / gekommen in mein Land
Um meiner Minne willen, / es geht ihm an den Leib:
Ich fürcht ihn nicht so heftig, / daß ich würde sein Weib.«
Brunhild die schöne / trug bald erlesen Kleid.
Auch gab ihr Geleite / manche schöne Maid,
Wohl hundert oder drüber, / sie all in reicher Zier.
Die Gäste kam zu schauen / manches edle Weib mit ihr.
Bei ihnen gingen / Degen aus Isenland,
Brunhildens Recken, / die Schwerter in der Hand,
Fünfhundert oder drüber; / das war den Gästen leid.
Sich hoben von den Sitzen / die kühnen Helden allbereit.
Als die Königstochter / Siegfrieden sah,
Wohlgezogen sprach sie / zu dem Gaste da:
»Seid willkommen, Siegfried, / hier in diesem Land.
Was meint eure Reise? / das macht mir, bitt ich, bekannt.«
»Viel Dank laßt euch sagen, / Frau Brunhild,
Daß ihr mich geruht zu grüßen, / Fürstentochter mild,
Vor diesem edeln Recken, / der hier vor mir steht:
Denn der ist mein Lehnsherr; / der Ehre Siegfried wohl enträt.
[64] Er ist am Rheine König; / was soll ich sagen mehr?
Dir nur zuliebe / fuhren wir hieher.
Er will dich gerne minnen, / was ihm geschehen mag.
Nun bedenke dich beizeiten: / mein Herr läßt nimmermehr nach.
Er ist geheißen Gunther, / ein König reich und hehr.
Erwirbt er deine Minne, / nicht mehr ist sein Begehr.
Deinthalb mit ihm / tat ich diese Fahrt;
Wenn er mein Herr nicht wäre, / ich hätt es sicher gespart.«
Sie sprach: »Wenn er dein Herr ist / und du in seinem Lehn,
Will er, die ich erteile, / meine Spiele dann bestehn
Und bleibt darin der Meister, / so werd ich sein Weib;
Doch ists, daß ich gewinne, / es geht euch allen an den Leib.«
Da sprach von Tronje Hagen: / »So zeig uns, Königin,
Was ihr für Spiel' erteilet. / Eh euch den Gewinn
Mein Herr Gunther ließe, / so müßt es übel sein:
Er mag wohl noch erwerben / ein so schönes Mägdelein.«
Den Stein soll er werfen / und springen darnach,
Den Speer mit mir schießen: / drum sei euch nicht zu jach.
Ihr verliert hier mit der Ehre / Leben leicht und Leib:
»Drum mögt ihr euch bedenken,« / sprach das minnigliche Weib.
Siegfried der schnelle / ging zu dem König hin
Und bat ihn frei zu reden / mit der Königin
Ganz nach seinem Willen; / angstlos soll er sein:
»Ich will dich wohl behüten / vor ihr mit den Listen mein.«
Da sprach der König Gunther: / »Königstochter hehr,
Erteilt mir, was ihr wollet, / und wär es auch noch mehr:
Eurer Schönheit willen / bestünd ich alles gern.
Mein Haupt will ich verlieren, / gewinnt ihr mich nicht zum Herrn.«
[65] Als da seine Rede / vernahm die Königin,
Bat sie, wie ihr ziemte, / das Spiel nicht zu verziehn.
Sie ließ sich zum Streite / bringen ihr Gewand,
Einen goldnen Panzer / und einen guten Schildesrand.
Ein seiden Waffenhemde / zog sie an, die Maid,
Das ihr keine Waffe / verletzen konnt im Streit,
Von Zeugen wohlgeschaffen / aus Libya dem Land:
Lichtgewirkte Borten / erglänzten rings an dem Rand.
Derweil hatt ihr Übermut / den Gästen schwer gedräut.
Dankwart und Hagen, / die standen unerfreut.
Wie es dem Herrn erginge, / sorgte sehr ihr Mut.
Sie dachten: »Unsre Reise / bekommt uns Recken nicht gut.«
Derweilen ging Siegfried, / der listige Mann,
Eh es wer bemerkte, / an das Schiff heran,
Wo er die Tarnkappe / verborgen liegen fand,
In die er hurtig schlüpfte: / da war er niemand bekannt.
Er eilte bald zurücke / und fand hier Recken viel:
Die Königin erteilte / da ihr hohes Spiel.
Da ging er hin verstohlen, / und daß ihn niemand sah
Von allen, die da waren, / was durch Zauber geschah.
Es war ein Kreis gezogen, / wo das Spiel geschehn
Vor kühnen Recken sollte, / die es wollten sehn.
Wohl siebenhundert / sah man Waffen tragen:
Wer das Spiel gewänne, / das sollten sie nach Wahrheit sagen
Da war gekommen Brunhild, / die man gewaffnet fand,
Als ob sie streiten wolle / um aller Könge Land.
Wohl trug sie auf der Seide / viel Golddrähte fein;
Ihre minnigliche Farbe / gab darunter holden Schein.
[66] Nun kam ihr Gesinde, / das trug herbei zuhand
Aus allrotem Golde / einen Schildesrand
Mit hartem Stahlbeschlage, / mächtig groß und breit,
Worunter spielen wollte / diese minnigliche Maid.
An einer edeln Borte / ward der Schild getragen,
Auf der Edelsteine, / grasgrüne, lagen;
Die tauschten mannigfaltig / Gefunkel mit dem Gold.
Er bedurfte großer Kühnheit, / dem die Jungfrau wurde hold.
Der Schild war untern Buckeln / so ward uns gesagt,
Von dreier Spannen Dicke; / den trug hernach die Magd.
An Stahl und auch an Golde / war er reich genug,
Den ihrer Kämmrer einer / mit Mühe selbvierter trug.
Als der starke Hagen / den Schild hertragen sah,
In großem Unmute / sprach der Tronjer da:
»Wie nun, König Gunther? / An Leben gehts und Leib:
Die ihr begehrt zu minnen, / die ist ein teuflisches Weib.«
Hört noch von ihren Kleidern: / deren hatte sie genug.
Von Azagauger Seide / einen Wappenrock sie trug,
Der kostbar war und edel; / daran warf hellen Schein
Von der Königstochter / gar mancher herrliche Stein.
Da brachten sie der Frauen / mächtig und breit
Einen scharfen Wurfspieß; / den verschoß sie allezeit,
Stark und ungefüge, / groß dazu und schwer.
An seinen beiden Seiten / schnitt gar grimmig der Speer.
Von des Spießes Schwere / höret Wunder sagen:
Wohl hundert Pfund Eisen / war dazu verschlagen.
Ihn trugen mühsam dreie / von Brunhildens Heer:
Gunther der edle / rang mit Sorgen da schwer.
[67] Er dacht in seinem Sinne: / »Was soll das sein hier?
Der Teufel aus der Hölle, / wie schützt' er sich vor ihr?
Wär ich mit meinem Leben / wieder an dem Rhein,
Sie dürfte hier wohl lange / meiner Minne ledig sein.«
Er trug in seinen Sorgen, / das wisset, Leid genug.
All seine Rüstung / man ihm zur Stelle trug.
Gewappnet stand der reiche / König bald darin.
Vor Leid hätte Hagen / schier gar verwandelt den Sinn.
Da sprach Hagens Bruder, / der kühne Dankwart:
»Mich reut in der Seele / her zu Hof die Fahrt.
Nun hießen wir einst Recken! / wie verlieren wir den Leib!
Soll uns in diesem Lande / nun verderben ein Weib?
Des muß mich sehr verdrießen, / daß ich kam in dieses Land.
Hätte mein Bruder Hagen / sein Schwert an der Hand
Und auch ich das meine, / sie sollten sachte gehn
Mit ihrem Übermute / die in Brunhildens Lehn.
Sie sollten sich bescheiden, / das glaubet mir nur.
Hätt ich den Frieden tausendmal / bestärkt mit einem Schwur,
Bevor ich sterben sähe / den lieben Herren mein,
Das Leben müßte lassen / dieses schöne Mägdelein.«
»Wir möchten ungefangen / wohl räumen dieses Land,«
Sprach sein Bruder Hagen, / »hätten wir das Gewand,
Des wir zum Streit bedürfen, / und die Schwerter gut,
So sollte sich wohl sänften / der schönen Fraue Übermut.«
Wohl hörte, was er sagte, / die Fraue wohlgetan;
Über die Achsel / sah sie ihn lächelnd an.
»Nun er so kühn sich dünket, / so bringt doch ihr Gewand,
Ihre scharfen Waffen / gebt den Helden an die Hand.
[68] Es kümmert mich so wenig, / ob sie gewaffnet sind,
Als ob sie bloß da stünden,« / so sprach das Königskind.
»Ich fürchte niemands Stärke, / den ich noch je gekannt:
Ich mag auch wohl genesen / im Streit vor des Königs Hand.«
Als man die Waffen brachte, / wie die Maid gebot,
Dankwart der kühne / ward vor Freuden rot.
»Nun spielt, was ihr wollet,« / sprach der Degen wert,
»Gunther ist unbezwungen: / wir haben wieder unser Schwert.«
Brunhildens Stärke / zeigte sich nicht klein:
Man trug ihr zu dem Kreise / einen schweren Stein,
Groß und ungefüge, / rund dabei und breit.
Ihn trugen kaum zwölfe / dieser Degen kühn im Streit.
Den warf sie allerwegen, / wie sie den Speer verschoß.
Darüber war die Sorge / der Burgunden groß.
»Wen will der König werben?« / sprach da Hagen laut:
»Wär sie in der Hölle / doch des übeln Teufels Braut!«
An ihre weißen Arme / sie die Ärmel wand,
Sie schickte sich und faßte / den Schild an die Hand,
Sie schwang den Spieß zur Höhe: / das war des Kampfs Beginn.
Gunther und Siegfried bangten / vor Brunhildens grimmem Sinn.
Und wär ihm da Siegfried / zu Hilfe nicht gekommen,
So hätte sie dem König / das Leben wohl benommen.
Er trat hinzu verstohlen / und rührte seine Hand;
Gunther seine Künste / mit großen Sorgen befand.
»Wer wars, der mich berührte?« / dachte der kühne Mann.
Und wie er um sich blickte, / da traf er niemand an.
Er sprach: »Ich bin es, Siegfried, / der Geselle dein:
Du sollst ganz ohne Sorge / vor der Königin sein.
[69] Gib aus den Händen / den Schild, laß mich ihn tragen
Und behalt im Sinne, / was du mich hörest sagen:
Du habe die Gebärde, / ich will das Werk begehn.«
Als er ihn erkannte, / da war ihm Liebes geschehn.
»Verhehl auch meine Künste, / das ist uns beiden gut:
So mag die Königstochter / den hohen Übermut
Nicht an dir vollbringen, / wie sie gesonnen ist.
Nun sieh doch, welcher Kühnheit / sie wider dich sich vermißt.«
Da schoß mit ganzen Kräften / die herrliche Maid
Den Speer nach einem neuen Schild, / mächtig und breit:
Den trug an der Linken / Sieglindens Kind.
Das Feuer sprang vom Stahle, / als ob es wehte der Wind.
Des starken Spießes Schneide / den Schild ganz durchdrang,
Daß das Feuer lohend / aus den Ringen sprang.
Von dem Schusse fielen / die kraftvollen Degen:
War nicht die Tarnkappe, / sie wären beide da erlegen.
Siegfried dem kühnen / vom Munde brach das Blut.
Bald sprang er auf die Füße: / da nahm der Degen gut
Den Speer, den sie geschossen / ihm hatte durch den Rand:
Den warf ihr jetzt zurücke / Siegfried mit kraftvoller Hand.
Er dacht: »Ich will nicht schießen / das Mägdlein wonniglich.«
Des Spießes Schneide kehrt' er / hinter den Rücken sich;
Mit der Speerstange / schoß er auf ihr Gewand,
Daß es laut erhallte / von seiner kraftreichen Hand.
Das Feuer stob vom Panzer, / als trieb' es der Wind.
Es hatte wohl geschossen / der Sieglinde Kind:
Sie vermochte mit den Kräften / dem Schusse nicht zu stehn;
Das wär von König Gunthern / in Wahrheit nimmer geschehn.
[70] Brunhild die schöne / bald auf die Füße sprang:
»Gunther, edler Ritter, / des Schusses habe Dank!«
Sie wähnt', er hätt es selber / mit seiner Kraft getan:
Nein, zu Boden warf sie / ein viel stärkerer Mann.
Da ging sie hin geschwinde, / zornig war ihr Mut,
Den Stein hoch erhub sie, / die edle Jungfrau gut;
Sie schwang ihn mit Kräften / weithin von der Hand,
Dann sprang sie nach dem Wurfe, / daß laut erklang ihr Gewand.
Der Stein fiel zu Boden / von ihr zwölf Klafter weit:
Den Wurf überholte / im Sprung die edle Maid.
Hin ging der schnelle Siegfried, / wo der Stein nun lag;
Gunther mußt ihn wägen, / des Wurfs der Verhohlne pflag.
Siegfried war kräftig, / kühn und auch lang:
Den Stein warf er ferner, / dazu er weiter sprang.
Ein großes Wunder war es / und künstlich genug,
Daß er in dem Sprunge / den König Gunther noch trug.
Der Sprung war ergangen, / am Boden lag der Stein;
Gunther wars, der Degen, / den man sah allein.
Brunhild die schöne / ward vor Zorne rot;
Gewendet hatte Siegfried / dem König Gunther den Tod.
Zu ihrem Ingesinde / sprach die Königin da,
Als sie gesund den Helden / an des Kreises Ende sah:
»Ihr, meine Freund und Mannen, / tretet gleich heran:
Ihr sollt dem König Gunther / alle werden untertan.«
Da legten die Kühnen / die Waffen von der Hand
Und boten sich zu Füßen / von Burgundenland
Gunther dem reichen, / so mancher kühne Mann:
Sie wähnten, die Spiele / hätt er mit eigner Kraft getan.
[71] Er grüßte sie gar minniglich: / wohl trug er höfschen Sinn.
Da nahm ihn bei der Rechten / die schöne Königin:
Sie erlaubt' ihm zu gebieten / in ihrem ganzen Land.
Des freute sich da Hagen, / der Degen kühn und gewandt.
Sie bat den edlen Ritter, / mit ihr zurück zu gehn
Zu dem weiten Saale, / wo mancher Mann zu sehn,
Und mans aus Furcht den Degen / nun desto besser bot.
Siegfrieds Kräfte hatten / sie erledigt aller Not.
Siegfried der schnelle / war wohl schlau genug,
Daß er die Tarnkappe / aufzubewahren trug.
Dann ging er zu dem Saale, / wo manche Fraue saß:
Er sprach zu dem König, / gar listiglich tat er das:
»Was säumt ihr, Herr König, / und beginnt die Spiele nicht,
Die euch aufzugeben / die Königin verspricht?
Laßt uns doch bald erschauen, / wie es damit bestellt.«
Als wüßt er nichts von allem, / so tat der listige Held.
Da sprach die Königstochter: / »Wie konnte das geschehn,
Daß ihr nicht die Spiele, / Herr Siegfried, habt gesehn,
Worin hier Sieg errungen hat / König Gunthers Hand?«
Zur Antwort gab ihr Hagen / aus der Burgunden Land:
Er sprach: »Da habt ihr, Königin, / uns betrübt den Mut;
Da war bei dem Schiffe / Siegfried der Degen gut,
Als der Vogt vom Rheine / das Spiel euch abgewann;
Drum ist es ihm unkundig,« / sprach da Gunthers Untertan.
»Nun wohl mir dieser Märe,« / sprach Siegfried der Held,
»Daß hier eure Hochfahrt / also ward gefällt,
Und jemand lebt, der euer / Meister möge sein.
Nun sollt ihr, edle Jungfrau, / uns hinnen folgen an den Rhein.«
[72] Da sprach die Wohlgetane: / »Das mag noch nicht geschehn.
Erst frag ich meine Vettern / und die in meinem Lehn.
Ich darf ja nicht so leichthin / räumen dies mein Land:
Meine höchsten Freunde, / die werden erst noch besandt.«
Da ließ sie ihre Boten / nach allen Seiten gehn:
Sie besandte ihre Freunde / und die in ihrem Lehn,
Daß sie zum Isensteine / kämen unverwandt;
Einem jeden ließ sie geben / reiches, herrliches Gewand.
Da ritten alle Tage / beides, spat und fruh,
Der Feste Brunhildens / die Recken scharweis zu.
»Nun ja doch,« sprach da Hagen, / »was haben wir getan!
Wir erwarten uns zum Schaden / hier die Brunhild untertan.
Wenn sie mit ihren Kräften / kommen in dies Land,
Der Königin Gedanken, / die sind uns unbekannt:
Wie, wenn sie uns zürnte? / so wären wir verloren,
Und wär das edle Mägdlein uns / zu großen Sorgen geboren!«
Da sprach der starke Siegfried: / »Dem will ich widerstehn.
Was euch da Sorge schaffet, / das laß ich nicht geschehn.
Ich will euch Hilfe bringen / her in dieses Land
Durch auserwählte Degen: / die sind euch noch unbekannt.
Ihr sollt nach mir nicht fragen, / ich will von hinnen fahren;
Gott mög eure Ehre / derweil wohl bewahren.
Ich komme bald zurücke / und bring euch tausend Mann
Der allerbesten Degen, / deren jemand Kunde gewann.«
»So bleibt nur nicht zu lange,« / der König sprach da so,
»Wir sind eurer Hilfe / nicht unbillig froh.«
Er sprach: »Ich komme wieder / gewiß in wenig Tagen.
Ihr hättet mich versendet, / sollt ihr der Königin sagen.«