[49] Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr.
Wieder neue Märe / erhob sich über Rhein:
Man sagte sich, da wäre / manch schönes Mägdelein.
Sich eins davon zu werben, / sann König Gunthers Mut;
Das dauchte seine Recken / und die Herren alle gut.
Es war eine Königin / gesessen über Meer,
Ihr zu vergleichen / war keine andre mehr.
Schön war sie aus der Maßen / und groß ihre Kraft;
Sie schoß mit schnellen Degen / um ihre Minne den Schaft.
Den Stein warf sie ferne, / nach dem sie weithin sprang;
Wer ihrer Minne gehrte, / der mußte sonder Wank
Drei Spiel ihr abgewinnen, / der Frauen wohlgeboren;
Gebrach es ihm an einem, / so war das Haupt ihm verloren.
Die Königstochter hatte / das manches Mal getan.
Das erfuhr am Rheine / ein Ritter wohlgetan,
Der seine Sinne wandte / auf das schöne Weib.
Drum mußten bald viel Degen / verlieren Leben und Leib.
Als einst mit seinen Leuten / saß der König hehr,
Ward es von allen Seiten / beraten hin und her,
Welche ihr Herr sich sollte / zum Gemahl erschaun,
Die er zum Weibe wollte / und dem Land geziemte zur Fraun.
Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Ich will an die See
Hin zu Brunhilden, / wie es mir ergeh:
Um ihre Minne wag ich / Leben und Leib,
Die will ich verlieren, / gewinn ich nicht sie zum Weib.«
[50] »Das möcht ich widerraten,« / sprach Siegfried wider ihn:
»So grimmiger Sitte / pflegt die Königin,
Um ihre Minne werben, / das kommt hoch zu stehn:
Drum mögt ihrs wohl entraten, / auf diese Reise zu gehn.«
Da sprach der König Gunther: / »Ein Weib ward noch nie
So stark und kühn geboren, / im Streit wollt ich sie
Leichtlich überwinden / allein mit meiner Hand.«
»Schweigt,« sprach da Siegfried, / »sie ist euch noch unbekannt.
Und wären eurer viere, / die könnten nicht gedeihn
Vor ihrem grimmen Zorne: / drum laßt den Willen sein,
Das rat ich euch in Treuen: / entgeht ihr gern dem Tod,
So macht um ihre Minne / euch nicht vergebliche Not.«
»Sei sie so stark sie wolle, / die Reise muß ergehn
Hin zu Brunhilden, / mag mir, was will, geschehn.
Ihrer hohen Schönheit willen / gewagt muß es sein:
Vielleicht daß Gott mir füget, / daß sie uns folgt an den Rhein.«
»So will ich euch raten,« / begann da Hagen,
»Bittet Siegfrieden / mit euch zu tragen
Die Last dieser Sorge; / das ist der beste Rat,
Weil er von Brunhilden / so gute Kunde doch hat.«
Er sprach: »Viel edler Siegfried, / willst du mir Helfer sein,
Zu werben um die Schöne? / Tu nach der Bitte mein;
Und gewinn ich mir zur Trauten / das herrliche Weib,
So verwag ich deinetwillen / Ehre, Leben und Leib.«
Zur Antwort gab ihm Siegfried, / König Siegmunds Sohn:
»Ich will es tun, versprichst du / die Schwester mir zum Lohn,
Kriemhild die schöne, / eine Königin hehr:
Sonst keines Lohns begehr ich / nach meinen Arbeiten mehr.«
[51] »Das gelob ich,« sprach Gunther, / »Siegfried, dir an die Hand.
Und kommt die schöne Brunhild / her in dieses Land,
So will ich dir zum Weibe / meine Schwester geben:
So magst du mit der Schönen / immer in Freuden leben.«
Des schwuren sich Eide / diese Recken hehr.
Da schuf es ihnen beiden / viel Müh und Beschwer,
Eh sie die Wohlgetane / brachten an den Rhein.
Es mußten die Kühnen / darum in großen Sorgen sein.
Von wilden Gezwergen / hab ich hören sagen,
Daß sie in hohlen Bergen / wohnen und Schirme tragen,
Die heißen Tarnkappen, / von wunderbarer Art;
Wer sie am Leibe trage, / der sei gar wohl darin bewahrt
Vor Schlägen und vor Stichen; / ihn mög auch niemand sehn,
So lang er drin verweile; / hören doch und spähn
Mag er nach seinem Willen, / daß niemand ihn erschaut;
Ihm wachsen auch die Kräfte, / wie uns die Märe vertraut.
Die Tarnkappe führte / nun Siegfried mit hindann,
Die der kühne Degen / mit Sorgen einst gewann
Von einem Gezwerge / mit Namen Alberich.
Da schickten sich zur Reise / Recken kühn und ritterlich.
Wenn der starke Siegfried / die Tarnkappe trug,
So gewann er drinnen / der Kräfte genug,
Zwölf Männer Stärke; / so wird uns gesagt.
Er erwarb mit großen Listen / diese herrliche Magd.
Auch war so beschaffen / die Nebelkappe gut,
Ein jeder mochte drinnen / tun nach seinem Mut,
Was er immer wollte, / daß ihn doch niemand sah.
Damit gewann er Brunhild, / durch die ihm bald viel Leid geschah.
[52] »Nun sage mir, Siegfried, / eh unsre Fahrt gescheh,
Wie wir mit vollen Ehren / kommen über See?
Sollen wir Ritter führen / in Brunhildens Land?
Dreißigtausend Degen, / die werden eilends besandt.«
»Wie viel wir Volkes führten,« / sprach Siegfried wider ihn,
»So grimmiger Sitte / pflegt die Königin,
Das müßte doch ersterben / vor ihrem Übermut.
Ich will euch besser raten, / Degen ihr, kühn und gut.
In Reckenweise fahren / laßt uns zu Tal den Rhein.
Die will ich euch nennen, / die das sollen sein:
Zu uns zwein noch zweie / und niemand anders mehr,
Daß wir die Frau erwerben, / was auch geschehe nachher.
Der Gesellen bin ich einer, / du sollst der andre sein,
Und Hagen der dritte: / wir mögen wohl gedeihn;
Der vierte, das sei Dankwart, / dieser kühne Mann.
Es dürfen andrer tausend / zum Streite nimmer uns nahn.«
»Die Märe wüßt ich gerne,« / der König sprach da so,
»Eh wir von hinnen führen, / des wär ich herzlich froh,
Was wir für Kleider sollten / vor Brunhilden tragen,
Die uns geziemen möchten: / Siegfried, das sollst du mir sagen.«
»Gewand, das allerbeste, / das man irgend fand,
Trägt man zu allen Zeiten / in Brunhildens Land:
Drum laß uns reiche Kleider / vor den Frauen tragen,
Daß wirs nicht Schande haben, / hört man künftig von uns sagen.«
Da sprach der gute Degen: / »So will ich selber gehn
Zu meiner lieben Mutter, / ob es nicht mag geschehn,
Daß ihre schönen Mägde / uns schaffen solch Gewand,
Das wir mit Ehren tragen / in der hehren Jungfrau Land.«
[53] Da sprach von Tronje Hagen / mit herrlichen Sitten:
»Was wollt ihr eure Mutter / um solche Dienste bitten?
Laßt eure Schwester hören / euern Sinn und Mut:
Die ist so kunstreich, / unsre Kleider werden gut.«
Da entbot er seiner Schwester, / er wünsche sie zu sehn
Und auch der Degen Siegfried. / Eh sie das ließ geschehn,
Da hatte sich die Schöne / geschmückt mit reichem Kleid.
Daß die Herren kamen, / schuf ihr wenig Herzeleid.
Da war auch ihr Gesinde / geziert nach seinem Stand.
Die Fürsten kamen beide; / als sie das befand,
Erhob sie sich vom Sitze: / wie höfisch sie da ging,
Als sie den edeln Fremdling / und ihren Bruder empfing!
»Willkommen sei mein Bruder / und der Geselle sein.
Nun möcht ich gerne wissen,« / sprach das Mägdelein,
»Was euch Herrn geliebe, / daß ihr zu Hofe kommt:
Laßt mich doch hören, / was euch edeln Recken frommt.«
Da sprach König Gunther: / »Frau, ich wills euch sagen:
Wir müssen große Sorge / bei hohem Mute tragen;
Wir wollen werben reiten / fern in fremdes Land
Und hätten zu der Reise / gerne zierlich Gewand.«
»Nun sitzt, lieber Bruder,« / sprach das Königskind,
»Und laßt mich erst erfahren, / wer die Frauen sind,
Die ihr begehrt zu minnen / in fremder Könge Land.«
Die Auserwählten beide / nahm das Mägdlein bei der Hand:
Hin ging sie mit den beiden, / wo sie gesessen war
Auf prächtgen Ruhebetten, / das glaubt mir fürwahr,
Mit eingewirkten Bildern, / in Gold wohl erhaben.
Sie mochten bei der Frauen / gute Kurzweile haben.
[54] Freundliche Blicke / und gütliches Sehn,
Des mochte von den beiden / da wohl viel geschehn.
Er trug sie in dem Herzen, / sie war ihm wie sein Leben.
Er erwarb mit großem Dienste, / daß sie ihm ward zu Weib gegeben.
Da sprach der edle König: / »Viel liebe Schwester mein,
Ohne deine Hilfe / kann es nimmer sein.
Wir wollen abenteuern / in Brunhildens Land;
Da müssen wir vor Frauen / tragen herrlich Gewand.«
Da sprach die Königstochter: / »Viel lieber Bruder mein,
Kann euch an meiner Hilfe / dabei gelegen sein,
So sollt ihr inne werden, / ich bin dazu bereit;
Versagte sie ein andrer euch, / das wäre Kriemhilden leid.
Ihr sollt mich, edler Ritter, / nicht in Sorgen bitten,
Ihr sollt mir gebieten / mit herrlichen Sitten;
Was euch gefallen möge, / dazu bin ich bereit
Und tu's mit gutem Willen,« / sprach die wonnigliche Maid.
»Wir wollen, liebe Schwester, / tragen gut Gewand:
Das soll bereiten helfen / eure weiße Hand.
Laßt eure Mägdlein sorgen, / daß es uns herrlich steht,
Da man uns diese Reise / doch vergebens widerrät.«
Da begann die Jungfrau: / »Nun hört, was ich sage:
Wir haben selber Seide; / befehlt, daß man uns trage
Gestein auf den Schilden, / so schaffen wir das Kleid,
Das ihr mit Ehren traget / vor der herrlichen Maid.«
»Wer sind die Gesellen,« / sprach die Königin,
»Die mit euch gekleidet / zu Hofe sollen ziehn?«
»Das bin ich selbvierter: / noch zwei aus meinem Lehn,
Dankwart und Hagen, / sollen mit uns zu Hofe gehn.
[55] Nun merkt, liebe Schwester, / wohl, was wir euch sagen:
Sorgt, daß wir vier Gesellen / zu vier Tagen tragen
Je der Kleider dreierlei / und also gut Gewand,
Daß wir ohne Schande / räumen Brunhildens Land.«
Das gelobte sie den Recken; / die Herren schieden hin.
Da berief der Jungfraun / Kriemhild die Königin
Aus ihrer Kemenate / dreißig Mägdelein,
Die gar sinnreich mochten / zu solcher Kunstübung sein.
In arabische Seide, / so weiß als der Schnee,
Und gute Zazamanker, / so grün als der Klee,
Legten sie Gesteine: / das gab ein gut Gewand;
Kriemhild die schöne / schnitts mit eigener Hand.
Von seltner Fische Häuten / Bezüge wohlgetan,
Zu schauen fremd den Leuten, / soviel man nur gewann,
Bedeckten sie mit Seide: / darein ward Gold getragen:
Man mochte große Wunder / von den lichten Kleidern sagen.
Aus dem Land Marocco / und auch von Libya
Der allerbesten Seide, / die man jemals sah
Königskinder tragen, / der hatten sie genug.
Wohl ließ sie Kriemhild schauen, / wie sie Liebe für sie trug.
Da sie so teure Kleider / begehrt zu ihrer Fahrt,
Hermelinfelle / wurden nicht gespart,
Darauf von Kohlenschwärze / mancher Flecken lag;
Das trügen schnelle Helden / noch gern bei einem Hofgelag.
Aus arabischem Golde / glänzte mancher Stein;
Der Frauen Unmuße / war nicht zu klein.
Sie schufen die Gewande / in sieben Wochen Zeit;
Da war auch ihr Gewaffen / den guten Degen bereit.
[56] Als sie gerüstet standen, / sah man auf dem Rhein
Fleißiglich gezimmert / ein starkes Schiffelein,
Das sie da tragen sollte / hernieder an die See.
Den edeln Jungfrauen / war von Arbeiten weh.
Da sagte man den Recken, / es sei für sie zur Hand,
Das sie tragen sollten, / das zierliche Gewand.
Was sie erbeten hatten, / das war nun geschehn:
Da wollten sie nicht länger / mehr am Rheine bestehn.
Zu den Heergesellen / ein Bote ward gesandt,
Ob sie schauen wollten / ihr neues Gewand,
Ob es den Helden wäre / zu kurz oder lang.
Es war von rechtem Maße; / des sagten sie den Frauen Dank.
Vor wen sie immer kamen, / die mußten all gestehn,
Sie hätten nie auf Erden / schöner Gewand gesehn.
Drum mochten sie es gerne / da zu Hofe tragen:
Von besserm Ritterstaate / wußte niemand mehr zu sagen.
Den edeln Maiden wurde / höchlich Dank gesagt.
Da baten um Urlaub / die Recken unverzagt;
In ritterlichen Züchten / taten die Herren das.
Da wurden lichte Augen / getrübt von Weinen und naß.
Sie sprach: »Viel lieber Bruder, / ihr bliebet besser hier
Und würbt andre Frauen, / klüger schien' es mir,
Wo ihr nicht wagen müßtet / Leben und Leib.
Ihr fändet in der Nähe / wohl ein so hochgeboren Weib.«
Sie ahnten wohl im Herzen / ihr künftig Ungemach:
Sie mußten alle weinen, / was da auch einer sprach.
Das Gold von ihren Brüsten / ward von Tränen fahl:
Die fielen ihnen dichte / von den Augen zu Tal.
[57] Da sprach sie: »Herr Siegfried, / laßt euch befohlen sein
Auf Treu und auf Gnade / den lieben Bruder mein,
Daß ihn nichts gefährde / in Brunhildens Land.«
Da versprach der Kühne / Frau Kriemhilden in die Hand.
Da sprach der edle Degen: / »So lang mein Leben währt,
So bleibt von allen Sorgen, / Herrin, unbeschwert:
Ich bring ihn euch geborgen / wieder an den Rhein.
Das glaubt bei Leib und Leben.« / Da dankt' ihm schön das Mägdelein.
Die goldroten Schilde / trug man an den Strand
Und schaffte zu dem Schiffe / all ihr Rüstgewand;
Ihre Rosse ließ man bringen: / sie wollten nun hindann.
Wie da von schönen Frauen / so großes Weinen begann!
Da stellte sich ins Fenster / manch minnigliches Kind.
Das Schiff mit seinem Segel / ergriff ein hoher Wind.
Die stolzen Heergesellen / saßen auf dem Rhein;
Da sprach der König Gunther: / »Wer soll nun Schiffmeister sein?«
»Das will ich!« sprach Siegfried: / »ich kann euch auf der Flut
Wohl von hinnen führen, / das wißt, Helden, gut;
Die rechten Wasserstraßen / sind mir wohl bekannt.«
So schieden sie mit Freuden / aus der Burgunden Land.
Eine Ruderstange / Siegfried ergriff:
Vom Gestade schob er / kräftig das Schiff.
Gunther der kühne / ein Ruder selber nahm.
Da huben sich vom Lande / die schnellen Ritter lobesam.
Sie führten reichlich Speise, / dazu guten Wein,
Den besten, den sie finden / mochten um den Rhein.
Ihre Rosse standen / still in guter Ruh;
Das Schiff ging so eben, / kein Ungemach stieß ihnen zu.
[58] Ihre starken Segelseile / streckte die Luft mit Macht;
Sie fuhren zwanzig Meilen, / eh niedersank die Nacht,
Mit günstigem Winde / nieder nach der See;
Ihr starkes Arbeiten / tat noch schönen Frauen weh.
An dem zwölften Morgen, / wie wir hören sagen,
Da hatten sie die Winde / weit hinweggetragen
Nach Isenstein der Feste / in Brunhildens Land,
Das ihrer keinem / außer Siegfried bekannt.
Als der König Gunther / so viel der Burgen sah
Und auch der weiten Marken, / wie bald sprach er da:
»Nun sagt mir, Freund Siegfried, / ist euch das bekannt?
Wem sind diese Burgen / und wem das herrliche Land?
Ich hab all mein Leben, / das muß ich wohl gestehn,
So wohlgebauter Burgen / nie so viel gesehn
Irgend in den Landen, / als wir hier ersahn:
Der sie erbauen konnte, / war wohl ein mächtiger Mann.«
Zur Antwort gab ihm Siegfried: / »Das ist mir wohl bekannt;
Brunhilden sind sie, / die Burgen wie das Land
Und Isenstein die Feste, / glaubt mir fürwahr:
Da mögt ihr heute schauen / schöner Frauen große Schar.
Ich will euch Helden raten: / seid all von einem Mut
Und sprecht in gleichem Sinne, / so dünkt es mich gut:
Denn wenn wir heute / vor Brunhilden gehn,
So müssen wir in Sorgen / vor der Königstochter stehn.
Wenn wir die Minnigliche / bei ihren Leuten sehn,
Sollt ihr erlauchte Helden / nur einer Rede stehn:
Gunther sei mein Lehnsherr / und ich ihm untertan,
So wird ihm sein Verlangen / nach seinem Wunsche getan.«
[59] Sie waren all willfährig / zu tun, wie er sie hieß:
In seinem Übermute / es auch nicht einer ließ.
Sie sprachen, wie er wollte; / wohl frommt' es ihnen da,
Als der König Gunther / die schöne Brunhild ersah.
»Wohl tu ichs nicht so gerne / dir zu lieb allein
Als um deine Schwester, / das schöne Mägdelein.
Die ist mir wie die Seele / und wie mein eigner Leib;
Ich will es gern verdienen, / daß sie werde mein Weib.«