Fünftes Abenteuer.

[40] Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah.


Man sah die Helden täglich / nun reiten an den Rhein,

Die bei dem Hofgelage / gerne wollten sein

Und den Königen zuliebe / kamen in das Land.

Man gab ihrer vielen / beides, Roß und Gewand.


Es war auch das Gestühle / allen schon bereit,

Den höchsten und den besten, / so hörten wir Bescheid,

Zweiunddreißig Fürsten / zu dem Hofgelag;

Da zierten um die Wette / sich die Frauen für den Tag.


Gar geschäftig sah man / Geiselher das Kind.

Die Heimischen und Fremden / empfing er holdgesinnt

Mit Gernot seinem Bruder / und beider Mannen da.

Wohl grüßten sie die Degen, / wie es nach Ehren geschah.


Viel goldroter Sättel / führten sie ins Land,

Zierliche Schilde / und herrlich Gewand

Brachten sie zu Rheine / bei dem Hofgelag.

Mancher Ungesunde / hing der Freude wieder nach.


Die wund zu Bette liegend / vordem gelitten Not,

Die durften nun vergessen, / wie bitter sei der Tod;

Die Siechen und die Kranken / vergaß man zu beklagen.

Es freute sich ein jeder / entgegen festlichen Tagen:


[41] Wie sie da leben wollten / in gastlichem Genuß!

Wonnen ohne Maßen, / der Freuden Überfluß

Hatten alle Leute, / soviel man immer fand:

Da hub sich große Wonne / über Gunthers ganzes Land.


An einem Pfingstmorgen / sah man sie alle gehn,

Wonniglich gekleidet / viel Degen ausersehn,

Fünftausend oder drüber, / dem Hofgelag entgegen.

Da hub um die Wette / sich viel Kurzweil allerwegen.


Der Wirt hatt im Sinne, / was er schon längst erkannt,

Wie von ganzem Herzen / der Held von Niederland

Seine Schwester liebe, / sah er sie gleich noch nie,

Der man das Lob der Schönheit / vor allen Jungfrauen lieh.


Er sprach: »Nun ratet alle, / Freund oder Untertan,

Wie wir das Hofgelage / am besten stellen an,

Daß man uns nicht schelte / darum nach dieser Zeit:

Zuletzt doch an den Werken / liegt das Lob, das man uns beut.«


Da sprach zu dem Könige / von Metz Herr Ortewein:

»Soll dies Hofgelage / mit vollen Ehren sein,

So laßt eure Gäste / die schönen Kinder sehn,

Denen so viel Ehren / in Burgundenland geschehn.


Was wäre Mannes Wonne, / was freut' er sich zu schaun,

Wenn nicht schöne Mägdelein / und herrliche Fraun?

Drum laßt eure Schwester / vor die Gäste gehn.«

Der Rat war manchem Helden / zu hoher Freude geschehn.


»Dem will ich gerne folgen,« / der König sprach da so.

Alle, die's erfuhren, / waren darüber froh.

Er entbot es Frau Uten / und ihrer Tochter schön,

Daß sie mit ihren Maiden / hin zu Hofe sollten gehn.


[42] Da ward aus den Schreinen / gesucht gut Gewand,

So viel man eingeschlagen / der lichten Kleider fand,

Der Borten und der Spangen; / das lag genug bereit.

Da zierte sich gar minniglich / manche weidliche Maid.


Mancher junge Recke / wünschte heut so sehr,

Daß er wohlgefallen / möchte den Fraun hehr,

Daß er dafür nicht nähme / ein reiches Königsland:

Sie sahen die gar gerne, / die sie nie zuvor gekannt.


Da ließ der reiche König / mit seiner Schwester gehn

Hundert seiner Recken, / zu ihrem Dienst ersehn

Und dem ihrer Mutter, / die Schwerter in der Hand:

Das war das Hofgesinde / in der Burgunden Land.


Ute die reiche / sah man mit ihr kommen:

Die hatte schöner Frauen / sich zum Geleit genommen

Hundert oder drüber, / geschmückt mit reichem Kleid;

Auch folgte Kriemhilden / manche weidliche Maid.


Aus einer Kemenate / sah man sie alle gehn:

Da mußte heftig Drängen / von Helden bald geschehn,

Die alle harrend standen, / ob es möchte sein,

Daß sie da fröhlich sähen / dieses edle Mägdelein.


Nun kam die Minnigliche, / wie das Morgenrot

Tritt aus trüben Wolken. / Da schied von mancher Not

Der sie im Herzen hegte, / was lange war geschehn:

Er sah die Minnigliche / nun gar herrlich vor sich stehn.


Von ihrem Kleide leuchtete / mancher edle Stein;

Ihre rosenrote Farbe / gab wonniglichen Schein.

Was jemand wünschen mochte, / er mußte doch gestehn,

Daß er hier auf Erden / noch nicht so Schönes gesehn.


[43] Wie der lichte Vollmond / vor den Sternen schwebt,

Des Schein so hell und lauter / sich aus den Wolken hebt,

So glänzte sie in Wahrheit / vor andern Fraun gut:

Das mochte wohl erhöhen / den zieren Helden den Mut.


Die reichen Kämmerlinge / schritten vor ihr her;

Die hochgemuten Degen / ließen es nicht mehr:

Sie drängten, daß sie sähen / die minnigliche Maid.

Siegfried dem Degen / war es lieb und wieder leid.


Er sann in seinem Sinne: / »Wie dacht ich je daran,

Daß ich dich minnen sollte? / das ist ein eitler Wahn;

Soll ich dich aber meiden, / so wär ich sanfter tot.«

Er ward von Gedanken / oft bleich und oft wieder rot.


Da sah man den Sieglindensohn / so minniglich da stehn,

Als wär er entworfen / auf einem Pergamen

Von guten Meisters Händen: / gern man ihm zugestand,

Daß man nie im Leben / so schönen Helden noch fand.


Die mit Kriemhilden gingen, / die hießen aus den Wegen

Allenthalben weichen: / dem folgte mancher Degen.

Die hochgetragnen Herzen / freute man sich zu schaun:

Man sah in hohen Züchten / viel der herrlichen Fraun.


Da sprach von Burgunden / der König Gernot:

»Dem Helden, der so gütlich / euch seine Dienste bot,

Gunther, lieber Bruder, / dem bietet hier den Lohn

Vor allen diesen Recken: / des Rates spricht man mir nicht Hohn.


Heißet Siegfrieden / zu meiner Schwester kommen,

Daß ihn das Mägdlein grüße: / das bringt uns immer Frommen.

Die niemals Recken grüßte, / soll sein mit Grüßen pflegen,

Daß wir uns so gewinnen / diesen zierlichen Degen.«


[44] Des Wirtes Freunde gingen / dahin, wo man ihn fand;

Sie sprachen zu dem Recken / aus dem Niederland:

»Der König will erlauben, / ihr sollt zu Hofe gehn:

Seine Schwester soll euch grüßen: / die Ehre soll euch geschehn.«


Der Rede war der Degen / in seinem Mut erfreut:

Er trug in seinem Herzen / Freude sonder Leid,

Daß er der schönen Ute / Tochter sollte sehn.

In minniglichen Züchten / empfing sie Siegfrieden schön.


Als sie den Hochgemuten / vor sich stehen sah,

Ihre Farbe ward entzündet; / die Schöne sagte da:

»Willkommen, Herr Siegfried, / ein edler Ritter gut.«

Da ward ihm von dem Gruße / gar wohl erhoben der Mut.


Er neigte sich ihr minniglich, / als er den Dank ihr bot.

Da zwang sie zueinander / sehnender Minne Not;

Mit liebem Blick der Augen / sahn einander an

Der Held und auch das Mägdelein, / das ward verstohlen getan.


Ward da mit sanftem Drucke / geliebkost weiße Hand

In herzlicher Minne, / das ist mir unbekannt.

Doch kann ich auch nicht glauben, / sie hättens nicht getan:

Liebebedürftge Herzen / täten unrecht daran.


Zu des Sommers Zeiten / und in des Maien Tagen

Durft er in seinem Herzen / nimmer wieder tragen

So viel hoher Wonne, / als er da gewann,

Da die ihm an der Hand ging, / die der Held zu minnen sann.


Da gedachte mancher Recke: / »Hei! wär mir so geschehn,

Daß ich so bei ihr ginge, / wie ich ihn gesehn,

Oder bei ihr läge: / das nähm ich willig hin.«

Es diente nie ein Recke / so gut noch einer Königin.


[45] Aus welchen Königs Landen / ein Gast gekommen war,

Er nahm im ganzen Saale / nur dieser beiden wahr.

Ihr ward erlaubt zu küssen / den weidlichen Mann:

Ihm ward in seinem Leben / nie so Liebes getan.


Von Dänemark der König / hub an und sprach zur Stund:

»Des hohen Grußes willen / liegt gar mancher wund,

Wie ich wohl hier gewahre, / von Siegfriedens Hand:

Gott laß ihn nimmer wieder / kommen in der Dänen Land!«


Da hieß man allenthalben / weichen aus den Wegen

Kriemhild der schönen; / manchen kühnen Degen

Sah man wohlgezogen / mit ihr zur Kirche gehn.

Bald ward von ihr geschieden / dieser Degen ausersehn.


Da ging sie zu dem Münster / und mit ihr viel der Fraun.

Da war in solcher Zierde / die Königin zu schaun,

Daß da hoher Wünsche / mancher ward verloren!

Sie war zur Augenweide / viel der Recken auserkoren.


Kaum erharrte Siegfried, / bis schloß der Meßgesang;

Er mochte seinem Heile / des immer sagen Dank,

Daß ihm so gewogen war, / die er im Herzen trug:

Auch war er der Schönen / nach Verdiensten hold genug.


Als sie aus dem Münster / nach der Messe kam,

Lud man wieder zu ihr / den Helden lobesam.

Da begann ihm erst zu danken / die minnigliche Maid,

Daß er vor allen Recken / so kühn gefochten im Streit.


»Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried,« / sprach das schöne Kind,

»Daß ihr das verdientet, / daß euch die Recken sind

So hold mit ganzer Treue, / wie sie zumal gestehn.«

Da begann er Frau Kriemhilden / minniglich anzusehn.


[46] »Stets will ich ihnen dienen,« / sprach Siegfried der Degen,

»Und will mein Haupt nicht eher / zur Ruhe niederlegen,

Bis ihr Wunsch geschehen, / so lang mein Leben währt:

Das tu ich, Frau Kriemhild, / daß ihr mir Minne gewährt.«


Innerhalb zwölf Tagen, / so oft es neu getagt,

Sah man bei dem Degen / die wonnigliche Magd,

So sie zu Hofe durfte / vor ihren Freunden gehn.

Der Dienst war dem Recken / aus großer Liebe geschehn.


Freude und Wonne / und lauten Schwerterschall

Vernahm man alle Tage / vor König Gunthers Saal,

Davor und darinnen, / von manchem kühnen Mann.

Von Ortwein und Hagen / wurden Wunder viel getan.


Was man zu üben wünschte, / dazu sah man bereit

In völligem Maße / die Degen kühn im Streit.

Da machten vor den Gästen / die Recken sich bekannt;

Es war eine Zierde / König Gunthers ganzem Land.


Die lange wund gelegen, / wagten sich an den Wind:

Sie wollten kurzweilen / mit des Königs Ingesind,

Schirmen mit den Schilden / und schießen manchen Schaft.

Des halfen ihnen viele; / sie hatten größliche Kraft.


Bei dem Hofgelage / ließ sie der Wirt verpflegen

Mit der besten Speise; / es durfte sich nicht regen

Nur der kleinste Tadel, / der Fürsten mag entstehn;

Man sah ihn jetzo freundlich / hin zu seinen Gästen gehn.


Er sprach: »Ihr guten Recken, / bevor ihr reitet hin,

So nehmt meine Gaben: / also steht mein Sinn,

Ich will euch immer danken; / verschmäht nicht mein Gut:

Es unter euch zu teilen / hab ich willigen Mut.«


[47] Die vom Dänenlande / sprachen gleich zur Hand:

»Bevor wir wieder reiten / heim in unser Land,

Gewährt uns steten Frieden: / das ist uns Recken not:

Uns sind von euern Degen / viel der lieben Freunde tot.«


Genesen von den Wunden / war Lüdegast derweil;

Der Vogt des Sachsenlandes / war bald vom Kampfe heil.

Etliche Tote / ließen sie im Land.

Da ging der König Gunther / hin, wo er Siegfrieden fand.


Er sprach zu dem Recken: / »Nun rat mir, wie ich tu.

Unsre Gäste wollen / reiten morgen fruh

Und gehn um stete Sühne / mich und die Meinen an:

Nun rat, kühner Degen, / was dich dünke wohlgetan.


Was mir die Herren bieten, / das will ich dir sagen:

Was fünfhundert Mähren / an Gold mögen tragen,

Das bieten sie mir gerne / für ihre Freiheit an.«

Da sprach aber Siegfried: / »Das wär übel getan.


Ihr sollt sie beide ledig / von hinnen lassen ziehn;

Nur daß die edeln Recken / sich hüten fürderhin

Vor feindlichem Reiten / her in euer Land,

Laßt euch zu Pfande geben / der beiden Könige Hand.«


»Dem Rat will ich folgen.« / So gingen sie hindann.

Seinen Widersachern / ward es kundgetan,

Des Golds begehre niemand, / das sie geboten eh.

Daheim den lieben Freunden / war nach den Heermüden weh.


Viel Schilde schatzbeladen / trug man da herbei:

Das teilt' er ungewogen / seinen Freunden frei,

An fünfhundert Marken / und manchem wohl noch mehr.

Gernot riet es Gunthern, / dieser Degen kühn und hehr.


[48] Um Urlaub baten alle, / sie wollten nun hindann.

Da kamen die Gäste / vor Kriemhild heran

Und dahin auch, wo Frau Ute / saß, die Königin.

Es zogen nie mehr Degen / so wohl beurlaubt dahin.


Die Herbergen leerten sich, / als sie von dannen ritten.

Doch verblieb im Lande / mit herrlichen Sitten

Der König mit den Seinen / und mancher edle Mann:

Die gingen alle Tage / zu Frau Kriemhild heran.


Da wollt auch Urlaub nehmen / Siegfried der gute Held,

Verzweifelnd zu erwerben, / worauf sein Sinn gestellt.

Der König hörte sagen, / er wolle nun hindann:

Geiselher der junge / ihn von der Reise gewann.


»Wohin, edler Siegfried: / wohin reitet ihr?

Hört meine Bitte, / bleibt bei den Recken hier,

Bei Gunther dem König / und bei seinem Lehn:

Hier sind viel schöne Frauen, / die läßt man euch gerne sehn.«


Da sprach der starke Siegfried: / »So laßt die Rosse stehn.

Von hinnen wollt ich reiten, / das laß ich mir vergehn.

Tragt auch hinweg die Schilde; / wohl wollt ich in mein Land:

Davon hat mich Herr Geiselher / mit großen Treuen gewandt.«


So verblieb der Kühne / dem Freund zuliebe dort.

Auch wär ihm in den Landen / an keinem andern Ort

So wohl als hier geworden: / daher es nun geschah,

Daß er alle Tage / die schöne Kriemhild ersah.


Ihrer hohen Schönheit willen / der Degen da verblieb.

Mit mancher Kurzweile / man nun die Zeit vertrieb;

Nur zwang ihn ihre Minne, / die schuf ihm oftmals Not:

Darum hernach der Kühne / lag zu großem Jammer tot.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 40-48.
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