Neuntes Abenteuer.

[80] Wie Siegfried nach Worms gesandt ward.


Da sie gefahren waren / voll neun Tage,

Da sprach von Tronje Hagen: / »Nun hört, was ich sage.

Wir säumen mit der Kunde / nach Worms an den Rhein:

Nun sollten eure Boten / schon bei den Burgunden sein.«


Da sprach König Gunther: / »Ihr redet recht daran;

Auch hätt uns wohl niemand / die Fahrt so gern getan

Als ihr selbst, Freund Hagen: / nun reitet in mein Land:

Unsre Hofreise / macht niemand besser da bekannt.«


»Nun wißt, lieber Herre, / ich bin kein Bote gut;

Laßt mich der Kammer pflegen / und bleiben auf der Flut.

Ich will hier bei den Frauen / behüten ihr Gewand,

Bis daß wir sie bringen / in der Burgunden Land.


Nein, bittet Siegfrieden / um die Botschaft dahin:

Der mag sie wohl verrichten / mit zuchtreichem Sinn.

Versagt er euch die Reise, / ihr sollt mit guten Sitten

Bei eurer Schwester Liebe / um die Fahrt ihn freundlich bitten.«


Er sandte nach dem Recken: / der kam, als man ihn fand.

Er sprach zu ihm: »Wir nahen / uns schon meinem Land;

Da sollt ich Boten senden / der lieben Schwester mein

Und auch meiner Mutter, / daß wir kommen an den Rhein.«


[81] »So bitt ich euch, Herr Siegfried, / daß ihr die Reise tut;

Ich wills euch immer danken,« / so sprach der Degen gut.

Da weigerte sich Siegfried, / dieser kühne Mann,

Bis ihn König Gunther / sehr zu flehen begann.


Er sprach: »Ihr sollt reiten / um den Willen mein,

Dazu auch um Kriemhild, / das schöne Mägdelein,

Daß es mit mir vergelte / die herrliche Maid.«

Als Siegfried das hörte, / da war der Recke bald bereit.


»Entbietet, was ihr wollet, / es soll gemeldet sein:

Ich will es gern bestellen / um das schöne Mägdelein.

Die ich im Herzen tragen, / verzichtet' ich auf die?

Leisten will ich alles, / was ihr gebietet, um sie.«


»So sagt meiner Mutter, / Ute der Königin,

Daß ich auf dieser Reise / hohes Mutes bin.

Wie wir geworben haben, / sagt meinen Brüdern an;

Auch unsern Freunden werde / diese Märe kund getan.


Ihr sollt auch nichts verschweigen / der schönen Schwester mein:

Ich wollt ihr mit Brunhild / stets zu Diensten sein;

So sagt auch dem Gesinde / und wer mir untertan,

Was je mein Herz sich wünschte, / daß ich das alles gewann.


Und saget Ortweinen, / dem lieben Neffen mein,

Daß er Gestühl errichten / lasse bei dem Rhein;

Den Mannen auch und Freunden / sei es kund getan,

Ich stelle mit Brunhilden / eine große Hochzeit an.


Und bittet meine Schwester, / werd ihr das bekannt,

Daß ich mit meinen Gästen / gekommen sei ins Land,

Daß sie dann wohl empfange / die liebe Traute mein:

So woll ich Kriemhilden / stets zu Dienst erbötig sein.«


[82] Da bat bei Brunhilden / und ihrem Ingesind

Alsbald um den Urlaub / Siegfried, Siegmunds Kind.

Wie es ihm geziemte: / da ritt er an den Rhein.

Es konnt in allen Landen / ein beßrer Bote nicht sein.


Mit vierundzwanzig Recken / zu Worms kam er an;

Ohne den König kam er, / das wurde kund getan.

Da mühten all die Degen / in Jammer sich und Not,

Besorgt, daß dort der König / gefunden habe den Tod.


Sie stiegen von den Rossen / und trugen hohen Mut.

Da kam alsbald Herr Geiselher, / der junge König gut,

Und Gernot, sein Bruder: / wie hurtig sprach er da,

Als er den König Gunther / nicht bei Siegfrieden sah:


»Willkommen, Herr Siegfried: / ich bitte, sagt mir an,

Wo habt ihr meinen Bruder, / den König, hingetan?

Brunhildens Stärke / hat ihn uns wohl benommen;

So wär uns sehr zu Schaden / ihre hohe Minne gekommen.«


»Die Sorge laßt fahren: / euch und den Freunden sein

Entbietet seine Dienste / der Heergeselle mein.

Ich verließ ihn wohlgeborgen: / er hat mich euch gesandt,

Daß ich sein Bote würde / mit Mären her in euer Land.


Nun helft es mir fügen, / wie es auch gescheh,

Daß ich die Königin Ute / und eure Schwester seh:

Die soll ich hören lassen, / was ihr zu wissen tut

Gunther und Frau Brunhild; / um sie beide steht es gut.«


Da sprach der junge Geiselher: / »So sprecht bei ihnen an;

Da habt ihr meiner Schwester / einen Liebesdienst getan.

Sie trägt noch große Sorge / um den Bruder mein;

Die Maid sieht euch gerne: / dafür will ich euch Bürge sein.«


[83] Da sprach der Degen Siegfried: / »Wo ich ihr dienen kann,

Das soll immer treulich / und willig sein getan.

Wer sagt nun, daß ich komme, / den beiden Frauen an?«

Da warb die Botschaft Geiselher, / dieser weidliche Mann.


Geiselher der junge / sprach zu der Mutter da

Und auch zu seiner Schwester, / als er die beiden sah:

»Uns ist gekommen Siegfried, / der Held aus Niederland;

Ihn hat mein Bruder Gunther / her zum Rheine gesandt.


Er bringt uns die Kunde, / wie's um den König steht:

Nun sollt ihr ihm erlauben, / daß er zu Hofe geht.

Er bringt die rechten Mären / uns her von Isenland.«

Noch war den edeln Frauen / große Sorge nicht gewandt.


Sie sprangen nach dem Staate / und kleideten sich drein

Und luden Siegfrieden / nach Hof zu kommen ein.

Das tat der Degen williglich, / weil er sie gerne sah.

Kriemhild die edle / sprach zu ihm in Güte da:


»Willkommen, Herr Siegfried, / ein Ritter ohnegleich.

Wo blieb mein Bruder Gunther, / der edle König reich?

Durch Brunhilds Stärke, fürcht ich, / ging er uns verloren:

O weh mir armen Mägdelein, / daß ich je ward geboren!«


Da sprach der kühne Ritter: / »Nun gebt mir Botenbrot:

Ihr zwei schönen Frauen / weinet ohne Not.

Ich verließ ihn wohlgeborgen, / das tu ich euch bekannt:

Sie haben mich euch beiden / mit der Märe hergesandt.


Mit freundlicher Liebe, / viel edle Herrin mein,

Entbeut euch seine Dienste / er und die Traute sein.

Nun laßt euer Weinen: / sie wollen balde kommen.«

Sie hatten lange Tage / so liebe Märe nicht vernommen.


[84] Mit schneeweißem Kleide / aus Augen wohlgetan

Wischte sie die Tränen: / zu danken hub sie an

Dem Boten dieser Märe, / die ihr war gekommen.

Ihr war die große Trauer / und auch ihr Weinen benommen.


Sie hieß den Boten sitzen: / des war er gern bereit.

Da sprach die Minnigliche: / »Es wäre mir nicht leid,

Wenn ich euch geben dürfte / zum Botenlohn mein Gold.

Dazu seid ihr zu vornehm: / so bleib ich sonst denn euch hold.«


»Und würden dreißig Lande,« / sprach er, »mein genannt,

So empfing' ich Gabe / doch gern aus eurer Hand.«

Da sprach die Wohlgezogne: / »Wohlan, es soll geschehn.«

Da hieß sie ihren Kämmerer / nach dem Botenlohne gehn.


Vierundzwanzig Spangen / mit Edelsteinen gut

Gab sie ihm zum Lohne. / So stund des Helden Mut:

Er wollt es nicht behalten: / er gab es unverwandt

Ihren schönen Maiden, / die er in der Kammer fand.


Ihre Dienste bot ihm / die Mutter gütlich an.

»Ich soll euch ferner sagen,« / sprach der kühne Mann,

»Um was der König bittet, / gelangt er an den Rhein;

Wenn ihr das, Fraue, leistet, / er will euch stets gewogen sein.


Seine reichen Gäste, / das ist sein Begehr,

Sollt ihr wohl empfangen; / auch bittet er euch sehr,

Entgegen ihm zu reiten / vor Worms ans Gestad.

Das ists, warum der König / euch in Treun gebeten hat.«


»Das will ich gern vollbringen,« / sprach die schöne Magd:

»Worin ich ihm kann dienen, / das ist ihm unversagt.

Mit freundlicher Treue / wird all sein Wunsch getan.«

Da mehrte sich die Farbe, / die sie vor Freude gewann.


[85] Nie sah man Fürstenboten / besser wohl empfahn:

Wenn sie ihn küssen durfte, / sie hätt es gern getan:

Minniglich er anders / doch von der Frauen schied.

Da taten die Burgunden, / wie da Siegfried ihnen riet.


Sindold und Hunold / und Romold der Degen,

Großer Unmuße / mußten sie da pflegen,

Als sie die Sitze richteten / vor Worms an den Strand.

Die Schaffner des Königs / man sehr beflissen da fand.


Ortwein und Gere / säumten auch nicht mehr,

Sie sandten nach den Freunden / allwärts umher,

Die Hochzeit anzusagen, / die da sollte sein;

Der zierten sich entgegen / viel der schönen Mägdelein.


Der Saal und die Wände / waren allzumal

Verziert der Gäste wegen; / König Gunthers Saal

Ward herrlich ausgerüstet / für manchen fremden Mann.

Das große Hofgelage / mit hohen Freuden begann.


Da ritten allenthalben / die Wege durch das Land

Der drei Könge Freunde; / die hatte man besandt,

Die Gäste zu empfangen, / die da sollten kommen.

Da wurden aus dem Einschlag / viel reicher Kleider genommen.


Bald brachte man die Kunde, / daß man schon reiten sah

Brunhilds Gefolge: / Gedränge gab es da

Von des Volkes Menge / in Burgundenland.

Hei! was man kühner Degen / da zu beiden Seiten fand!


Da sprach die schöne Kriemhild: / »Ihr, meine Mägdelein,

Die bei dem Empfange / mit mir wollen sein,

Die suchen aus den Kisten / ihr allerbest Gewand:

So wird uns Lob und Ehre / von den Gästen zuerkannt.«


[86] Da kamen auch die Recken / und ließen vor sich her

Schöne Sättel tragen / von rotem Golde schwer,

Daß drauf die Frauen ritten / von Worms an den Rhein.

Besser Pferdgeräte / konnte wohl nimmer sein.


Wie warf da von den Mähren / den Schein das lichte Gold!

Viel Edelsteine glänzten / von den Zäumen hold.

Die goldenen Schemel / auf lichtem Teppich gut

Brachte man den Frauen: / sie hatten fröhlichen Mut.


Die Frauenpferde standen / auf dem Hof bereit,

Wie gemeldet wurde, / für manche edle Maid.

Die schmalen Brustriemen / sah man die Mähren tragen

Von der besten Seide, / davon man je hörte sagen.


Sechsundachtzig Frauen / traten da heraus,

Die Kopfgebinde trugen; / zu Kriemhild vor das Haus

Zogen die Schönen / jetzt in reichem Kleid;

Da kam in vollem Schmucke / auch manche weidliche Maid,


Funfzig und viere / von Burgundenland;

Es waren auch die besten, / die man irgend fand.

Man sah sie gelblockig / unter lichten Borten gehn.

Was sich bedingt der König, / das sah er fleißig geschehn.


Von kostbaren Zeugen, / den besten, die man fand,

Trugen sie vor den Gästen / manch herrlich Gewand.

Zu ihrer schönen Farbe / stand es ihnen gut:

Wer einer abhold wäre, / litte wohl an schwachem Mut.


Von Hermelin und Zobel / viel Kleider man da fand.

Da schmückte sich gar manche / den Arm und auch die Hand

Mit Spangen auf der Seide, / die sie sollten tragen.

Es könnt euch dies Befleißen / niemand wohl zu Ende sagen.


[87] Viel Gürtel kunstgeschaffen, / kostbar und lang,

Über lichte Kleider / die Hand der Frauen schwang

Um edle Ferransröcke / von arabischem Tuch.

Die edeln Jungfrauen / waren fröhlich genug.


Man sah in Brustgeschmeide / manch schöne Maid

Minniglich sich schnüren. / Die mochte tragen Leid,

Deren lichte Farbe / das Kleid nicht überschien.

So schönes Ingesinde / hat nun keine Königin.


Als die Minniglichen / nun trugen ihr Gewand,

Die sie da führen sollten, / die kamen unverwandt,

Die hochgemuten Recken, / in großer Zahl daher;

Man bracht auch hin viel Schilde / und manchen eschenen Speer.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 80-87.
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