[87] Wie Gunther mit Brunhilden Hochzeit hielt.
Jenseits des Rheins / sah man dem Gestad
Mit allen seinen Gästen / den König schon genaht.
Da sah man auch am Zaume / leiten manche Maid:
Die sie empfangen sollten, / die waren alle bereit.
Als bei den Schiffen ankam / von Isenland die Schar
Und die der Nibelungen, / die Siegfried eigen war,
Sie eilten an das Ufer; / wohl fliß sich ihre Hand,
Als man des Königs Freunde / jenseits am Gestade fand.
Nun hört auch die Märe / von der Königin,
Ute der reichen, / wie sie die Mägdlein hin
Brachte von der Feste / und selber ritt zum Strand.
Da wurden miteinander / viel Maid' und Ritter bekannt.
[88] Der Markgraf Gere führte / am Zaum Kriemhildens Pferd
Bis vor das Tor der Feste; / Siegfried der Degen wert
Durft ihr weiter dienen; / sie war so schön und hehr.
Das ward ihm wohl vergolten / von der Jungfrau nachher.
Ortwein der kühne führte / Ute die Königin,
Und so ritt mancher Ritter / neben den Frauen hin.
Zu festlichem Empfange, / das mag man wohl gestehn,
Wurden nie der Frauen / so viel beisammen gesehn.
Viel hohe Ritterspiele / wurden da getrieben
Von preiswerten Helden, / wie wär es unterblieben?
Vor Kriemhild der schönen, / die zu den Schiffen kam.
Da hub man von den Mähren / viel der Frauen lobesam.
Der König war gelandet / mit fremder Ritterschaft.
Wie brach da vor den Frauen / mancher starke Schaft!
Man hört' auf den Schilden / erklingen Stoß auf Stoß.
Hei! reicher Buckeln Schallen / ward im Gedränge da groß!
Vor dem Hafen standen / die Frauen minniglich;
Gunther mit seinen Gästen / hub von den Schiffen sich:
Er führte Brunhilden / selber an der Hand.
Wider einander leuchtete / schön Gestein und licht Gewand.
In höfischen Züchten / hin Frau Kriemhild ging,
Wo sie Frau Brunhilden / und ihr Gesind empfing.
Man konnte lichte Hände / am Kränzlein rücken sehn,
Da sich die beiden küßten: / das war aus Liebe geschehn.
Da sprach wohlgezogen / Kriemhild das Mägdelein:
»Ihr sollt uns willkommen / in diesem Lande sein,
Mir und meiner Mutter, / und allen, die uns treu
Von Mannen und von Freunden.« / Da verneigten sich die zwei.
[89] Oftmals mit den Armen / umfingen sich die Fraun.
Solch minniglich Empfangen / war nimmer noch zu schaun,
Als die Frauen beide / der Braut da taten kund,
Frau Ute mit der Tochter; / sie küßten oft den süßen Mund.
Da Brunhilds Frauen alle / nun standen auf dem Strand,
Von weidlichen Recken / wurden bei der Hand
Freundlich genommen / viel Frauen ausersehn.
Man sah die edeln Maide / vor Frau Brunhilden stehn.
Bis der Empfang vorüber war, / das währte lange Zeit;
Manch rosigem Munde / war da ein Kuß bereit.
Noch standen beieinander / die Königinnen reich:
Des freuten sich zu schauen / viel der Recken ohnegleich.
Da spähten mit den Augen, / die oft gehört vorher,
Man hab also Schönes / gesehen nimmermehr
Als die Frauen beide; / das fand man ohne Lug.
Man sah an ihrer Schöne / auch nicht den mindesten Trug.
Wer Frauen schätzen konnte / und minniglichen Leib,
Der pries um ihre Schöne / König Gunthers Weib;
Doch sprachen da die Kenner, / die es recht besehn,
Man müsse vor Brunhilden / den Preis Kriemhilden zugestehn.
Nun gingen zueinander / Mägdelein und Fraun;
Es war in hoher Zierde / manch schönes Weib zu schaun.
Da standen seidne Hütten / und manches reiche Zelt,
Womit man erfüllt sah / hier vor Worms das ganze Feld.
Des Königs Freunde drängten / sich, um sie zu sehn.
Da hieß man Brunhilden / und Kriemhilden gehn
Und all die Fraun mit ihnen / hin, wo sich Schatten fand;
Es führten sie die Degen / aus der Burgunden Land.
[90] Nun waren auch die Gäste / zu Roß gesessen all;
Da gabs beim Lanzenbrechen / durch Schilde lauten Schall.
Das Feld begann zu stäuben, / als ob das ganze Land
Entbrannt wär in der Lohe: / da machten Helden sich bekannt.
Was da die Recken taten, / sah manche Maid mit an.
Wohl ritt mit seinen Degen / Siegfried der kühne Mann
In mancher Wiederkehre / vorbei an dem Gezelt;
Der Nibelungen führte / tausend Degen der Held.
Da kam von Tronje Hagen, / wie ihm der König riet:
Der Held mit guter Sitte / die Ritterspiele schied,
Daß sie nicht bestaubten / die schönen Mägdelein.
Da mochten ihm die Gäste / gerne wohl gehorsam sein.
Da sprach der edle Gernot: / »Die Rosse laßt stehn,
Bis es beginnt zu kühlen, / daß wir die Frauen schön
Mit unserm Dank geleiten / bis vor den weiten Saal;
Will dann der König reiten, / find er euch bereit zumal.«
Das Kampfspiel war vergangen / über all dem Feld:
Da gingen kurzweilen / in manches hohe Zelt
Die Ritter zu den Frauen / um hoher Lust Gewinn:
Da vertrieben sie die Stunden, / bis sie weiter sollten ziehn.
Vor des Abends Nahen, / als sank der Sonne Licht
Und es begann zu kühlen, / ließ man es länger nicht:
Zu der Feste huben / Fraun und Ritter sich:
Mit Augen ward geliebkost / mancher Schönen minniglich.
Von guten Knechten wurden / viel Pferde müd geritten
Vor den Hochgemuten / nach des Landes Sitten,
Bis vor dem Saale / abstieg der König wert.
Da diente man den Frauen / und hob sie nieder vom Pferd.
[91] Da wurden auch geschieden / die Königinnen reich.
Hin ging Frau Ute / und Kriemhild zugleich
Mit ihrem Ingesinde / in ein weites Haus:
Da vernahm man allenthalben / der Freude rauschenden Braus.
Man richtete die Stühle: / der König wollte gehn
Zu Tisch mit den Gästen. / Da sah man bei ihm stehn
Brunhild die schöne, / die da die Krone trug
In des Königs Lande: / sie erschien wohl reich genug.
Da sah man schöne Sitze / und gute Tafeln breit
Mit Speisen beladen, / so hörten wir Bescheid.
Was sie da haben sollten, / wie wenig fehlte dran!
Da sah man bei dem König / gar manchen herrlichen Mann.
Des Wirtes Kämmerlinge / in Becken goldesrot
Reichten ihnen Wasser. / Das wär vergebne Not,
Sagte wer, man hätte / je fleißgern Dienst getan
Bei eines Fürsten Hochzeit: / ich glaubte schwerlich daran.
Ehe der Vogt am Rheine / hier das Wasser nahm,
Zu Gunthern trat da Siegfried, / er durft es ohne Scham,
Und mahnt' ihn seiner Treue, / die er ihm gab zu Pfand,
Bevor er Brunhilden / daheim gesehn in Isenland.
Er sprach zu ihm: »Gedenket, / mir schwur eure Hand,
Wenn wir Frau Brunhild / brächten in dies Land,
Ihr gäbt mir eure Schwester: / wo blieb nun der Eid?
Ihr wißt, bei eurer Reise / war keine Mühe mir leid.«
Da sprach der Wirt zum Gaste: / »Recht, daß ihr mich mahnt:
Ich will den Eid nicht brechen, / den ich schwur mit Mund und Hand.
Ich helf es euch fügen, / so gut es mag geschehn.«
Da hieß man Kriemhilden / zu Hof vor den König gehn.
[92] Mit ihren schönen Maiden / kam sie vor den Saal.
Da sprang von einer Stiege / Geiselher zu Tal:
»Nun heißt wiederkehren / diese Mägdelein:
Meine Schwester soll alleine / hier bei dem König sein.«
Hin brachten sie Kriemhilden, / wo man den König fand:
Da standen edle Ritter / von mancher Fürsten Land.
In dem weiten Saale / hieß man sie stille stehn;
Frau Brunhilden sah man / eben auch zu Tische gehn.
Sie hatte keine Kunde, / was da im Werke war.
Da sprach König Dankrats Sohn / zu seiner Mannen Schar:
»Helft mir, daß meine Schwester / Siegfrieden nimmt zum Mann.«
Sie sprachen einhellig: / »Das wäre gar wohlgetan.«
Da sprach der König Gunther: / »Schwester, edle Maid,
Bei deiner Zucht und Güte, / löse meinen Eid.
Ich schwur dich einem Recken, / und nimmst du ihn zum Mann,
So hast du meinen Willen / mit großen Treuen getan.«
Die edle Maid versetzte: / »Lieber Bruder mein,
Ihr sollt mich nicht flehen, / ich will gehorsam sein.
Wie ihr mir gebietet, / so soll es sein getan:
Dem will ich mich verloben, / den ihr, Herr, mir gebt zum Mann.«
Von lieber Augenweide / ward Siegfrieds Farbe rot:
Zu Diensten sich der Recke / Frau Kriemhilden bot.
Man ließ sie miteinander / in einem Kreise stehn
Und frug sie, ob sie wolle / diesen Recken ausersehn.
Scheu, wie Mädchen pflegen, / schämte sie sich ein Teil;
Jedoch war Siegfrieden / so günstig Glück und Heil,
Daß sie nicht verschmähen / wollte seine Hand.
Auch versprach sich ihr zum Manne / der edle Held von Niederland.
[93] Da er sich ihr verlobte / und sich ihm die Maid,
Ein gütlich Umfangen / war da alsbald bereit
Von Siegfriedens Armen / dem schönen Mägdlein zart:
Die edle Königin küßt' er / in der Helden Gegenwart.
Sich schied das Gesinde. / Als das geschah,
Auf dem Ehrenplatze / man Siegfrieden sah
Mit Kriemhilden sitzen; / da dient' ihm mancher Mann.
Man sah die Nibelungen / nach ihm den Sitzen sich nahn.
Der König saß zu Tische / bei Brunhild der Maid.
Da sah sie Kriemhilden / (nichts war ihr je so leid)
Bei Siegfrieden sitzen: / zu weinen hub sie an,
Daß ihr manch heiße Träne / über lichte Wangen rann.
Da sprach der Wirt des Landes: / »Was ist euch, Fraue mein,
Daß ihr so trüben lasset / lichter Augen Schein?
Ihr solltet recht euch freuen: / euch ist untertan
Mein Land und reiche Burgen / und mancher weidliche Mann.«
»Recht weinen sollt ihr eher,« / sprach die schöne Maid.
»Deiner Schwester wegen / trag ich Herzeleid.
Ich seh sie sitzen neben / dem Eigenholden dein:
Wohl muß ich immer weinen, / soll sie so erniedrigt sein.«
Da sprach der König Gunther: / »Schweigt davon jetzt still,
Da ich euch ein andermal / die Kunde sagen will,
Warum meine Schwester / Siegfrieden ward gegeben.
Wohl mag sie mit dem Recken / allezeit in Freuden leben.«
Sie sprach: »Mich jammern immer / ihre Schönheit, ihre Zucht;
Wüßt ich, wohin ich sollte, / ich nähme gern die Flucht
Und wollt euch nimmer eher / nahe liegen bei,
Bis ich wüßte, weshalb Kriemhild / die Braut von Siegfrieden sei.«
[94] Da sprach König Gunther: / »Ich mach es euch bekannt:
Er hat selber Burgen / wie ich und weites Land.
Das dürft ihr sicher glauben, / er ist ein König reich:
Drum gönn ich ihm zum Weibe / die schöne Magd ohnegleich.«
Was ihr der König sagte, / traurig blieb ihr Mut.
Da eilte von den Tischen / mancher Ritter gut:
Das Kampfspiel ward so heftig, / daß rings die Burg erklang.
Dem Wirt bei seinen Gästen / ward die Weile viel zu lang.
Er dacht: »Ich läge sanfter / der schönen Frauen bei.«
Er wurde des Gedankens / nicht mehr im Herzen frei,
Von ihrer Minne müsse / ihm Liebes viel geschehn.
Da begann er freundlich / Frau Brunhilden anzusehn.
Vom Ritterspiel die Gäste / bat man abzustehn:
Mit seinem Weibe wollte / zu Bett der König gehn.
Vor des Saales Stiege / begegneten da
Sich Kriemhild und Brunhild; / noch in Güte das geschah.
Da kam ihr Ingesinde; / sie säumten länger nicht:
Ihre reichen Kämmerlinge / brachten ihnen Licht.
Es teilten sich die Recken / in beider Könge Lehn.
Da sah man viel der Degen / hinweg mit Siegfrieden gehn.
Die Helden kamen beide / hin, wo sie sollten liegen.
Da dachte jedweder / mit Minnen obzusiegen
Den minniglichen Frauen: / des freute sich ihr Mut.
Siegfriedens Kurzweil, / die wurde herrlich und gut.
Als Siegfried der Degen / bei Kriemhilden lag
Und er da der Jungfrau / so minniglich pflag
Mit seinem edlen Minnen, / sie ward ihm wie sein Leben;
Er hätte nicht die eine / für tausend andre gegeben.
[95] Ich sag euch nicht weiter, / wie er der Frauen pflag.
Nun hört diese Märe, / wie König Gunther lag
Bei Brunhild der Frauen; / der zierliche Degen
Hätte leichtlich sanfter / bei andern Frauen gelegen.
Das Volk hatt' ihn verlassen / zumal, so Frau als Mann:
Da ward die Kemenate / balde zugetan.
Er wähnt, er solle kosen / ihren minniglichen Leib:
Da währt' es noch gar lange, / bevor sie wurde sein Weib.
Im weißen Linnenhemde / ging sie ins Bett hinein.
Der edle Ritter dachte: / »Nun ist das alles mein,
Wes mich je verlangte / in allen meinen Tagen.«
Sie mußt ob ihrer Schöne / mit großem Recht ihm behagen.
Das Licht begann zu bergen / des edeln Königs Hand.
Hin ging der kühne Degen, / wo er die Jungfrau fand.
Er legte sich ihr nahe: / seine Freude die war groß,
Als die Minnigliche / der Held mit Armen umschloß.
Minnigliches Kosen / möcht er da viel begehn,
Ließe das willig / die edle Frau geschehn;
Doch zürnte sie gewaltig: / den Herrn betrübte das.
Er wähnt', er fände Freude, / da fand er feindlichen Haß.
Sie sprach: »Edler Ritter, / laßt euch das vergehn:
Was ihr da habt im Sinne, / das kann nicht geschehn.
Ich will noch Jungfrau bleiben, / Herr König, merkt euch das,
Bis ich die Mär erfahre.« / Da faßte Gunther ihr Haß.
Er rang nach ihrer Minne / und zerrauft' ihr Kleid.
Da griff nach einem Gürtel / die herrliche Maid,
Einer starken Borte, / die sie um sich trug:
Da tat sie dem König / großen Leides genug.
[96] Die Füß und die Hände / sie ihm zusammenband,
Zu einem Nagel trug sie ihn / und hing ihn an die Wand.
Als er im Schlaf sie störte, / sein Minnen sie verbot,
Von ihrer Stärke hätt' er / beinahe gewonnen den Tod.
Da begann zu flehen, / der Meister sollte sein:
»Nun löst mir die Bande, / viel edle Fraue mein.
Ich getrau euch, schöne Herrin, / doch nimmer obzusiegen
Und will auch wahrlich selten mehr / so nahe bei euch liegen.«
Sie frug nicht, wie ihm wäre, / da sie in Ruhe lag.
Dort mußt er hangen bleiben / die Nacht bis an den Tag.
Bis der lichte Morgen / durchs Fenster warf den Schein.
Hatt' er je die Kraft besessen, / die ward an seinem Leibe klein.
»Nun sagt mir, Herr Gunther, / ist euch das etwa leid,
Wenn euch gebunden finden,« / sprach die schöne Maid,
»Eure Kämmerlinge / von einer Frauen Hand?«
Da sprach der edle Ritter: / »Das würd euch übel gewandt.
Auch wär mirs wenig Ehre,« / sprach der edle Mann.
»Bei eurer Zucht und Güte, / nehmt mich nun bei euch an.
Und ist euch meine Minne / denn so mächtig leid,
So will ich nie berühren / mit meiner Hand euer Kleid.«
Da löste sie den König, / daß er nicht länger hing;
Wieder an das Bette / er zu der Frauen ging.
Er legte sich so ferne, / daß er ihr Hemde fein
Nicht oft danach berührte; / auch wollte sie des ledig sein.
Da kam auch ihr Gesinde, / das brachte neu Gewand:
Des war heute morgen / genug für sie zur Hand.
Wie froh man da gebarte, / traurig war genug
Der edle Wirt des Landes, / wie er des Tags die Krone trug.
[97] Nach des Landes Sitte, / die zu begehen Pflicht,
Unterließ es Gunther / mit Brunhild länger nicht:
Sie gingen nach dem Münster, / wo man die Messe sang,
Dahin auch kam Herr Siegfried, / da hob sich mächtiger Drang.
Nach königlichen Ehren / war da für sie bereit
Was sie haben sollten, / die Krone wie das Kleid.
Da ließen sie sich weihen: / als das war geschehn,
Da sah man unter Krone / alle viere herrlich stehn.
Das Schwert empfingen Knappen, / sechshundert oder mehr,
Den Königen zu Ehren / auf meines Worts Gewähr.
Da hob sich große Freude / in Burgundenland;
Man hörte Schäfte brechen / an der Schwertdegen Hand.
Da saßen in den Fenstern / die schönen Mägdelein
Und sahen vor sich leuchten / manches Schildes Schein.
Nun hatte sich der König / getrennt von seinem Lehn:
Was man beginnen mochte, / er ließ es trauernd geschehn.
Ihm und Siegfrieden / ungleich stand der Mut.
Wohl wußte, was ihm fehlte, / der edle Ritter gut.
Da ging er zu dem König: / zu fragen er begann:
»Wie ists euch gelungen / die Nacht, das saget mir an.«
Da sprach der Wirt zum Gaste: / »Den Schimpf und den Schaden
Hab ich an meiner Frauen / in mein Haus geladen.
Ich wähnte sie zu minnen, / wie schnell sie mich da band!
Zu einem Nagel trug sie mich / und hing mich hoch an die Wand.
Da hing ich sehr in Ängsten / die Nacht bis an den Tag.
Eh sie mich wieder löste, / wie sanft sie da lag!
Das sei dir in der Stille / geklagt in Freundlichkeit.«
Da sprach der starke Siegfried: / »Das ist in Wahrheit mir leid.
[98] Das will ich euch beweisen, / verschmerzt ihr den Verdruß.
Ich schaffe, daß sie heute nacht / so nah bei euch liegen muß,
Daß sie euch ihre Minne / nicht länger vorenthält.«
Die Rede hörte gerne / nach seinem Leide der Held.
»Nun schau meine Hände, / wie die geschwollen sind:
Die drückte sie so mächtig, / als wär ich ein Kind,
Das Blut mir allenthalben / aus den Nägeln drang;
Ich hegte keinen Zweifel, / mein Leben währe nicht lang.«
Da sprach der starke Siegfried: / »Es wird noch alles gut.
Uns beiden war wohl ungleich / heute nacht zumut.
Mir ist deine Schwester / wie Leben lieb und Leib:
So muß nun auch Brunhild / noch heute werden dein Weib.
Ich komme heute abend / zu deinem Kämmerlein
Also wohl verborgen / in der Tarnkappe mein,
Daß sich meiner Künste / niemand mag versehn.
Laß dann die Kämmerlinge / zu ihren Herbergen gehn.
So lösch ich den Knappen / die Lichter an der Hand:
Bei diesem Wahrzeichen / sei dir bekannt,
Daß ich hereingetreten. / Wohl zwing ich dir dein Weib,
Daß du sie heute minnest, / ich verlör denn Leben und Leib.«
»Wenn du sie nicht minnest,«/der König sprach da so,
»Meine liebe Fraue: / des andern bin ich froh,
Was du auch tust und nähmst du / Leben ihr und Leib;
Das wollt ich wohl verschmerzen: / sie ist ein schreckliches Weib.«
»Das nehm ich,« sprach da Siegfried, / »auf die Treue mein,
Daß ich sie nicht berühre; / die liebe Schwester dein
Geht mir über alle, / die ich jemals sah.«
Wohl glaubte König Gunther / der Rede Siegfriedens da.
[99] Da gabs von Ritterspielen / Freude so wie Not:
Den Buhurd und das Lärmen / man allzumal verbot.
Als die Frauen sollten / nach dem Saale gehn,
Geboten Kämmerlinge / den Leuten, nicht im Weg zu stehn.
Von Rossen und von Leuten / räumte man den Hof,
Der Frauen jedwede / führt' ein Bischof,
Als sie vor den Königen / zu Tische sollten gehn.
Ihnen folgten zu den Stühlen / viel der Degen ausersehn.
Bei seinem Weib der König / in froher Hoffnung saß:
Was Siegfried ihm verheißen, / im Sinne lag ihm das.
Der eine Tag ihn dauchte / wohl dreißig Tage lang:
Nach Brunhildens Minne / all sein Denken ihm rang.
Er konnt es kaum erwarten, / bis vorbei das Mahl.
Brunhild die schöne / rief man aus dem Saal
Und auch Kriemhilden: / sie sollten schlafen gehn;
Hei! was man kühner Degen / sah vor den Königinnen stehn!
Siegfried der Herre / gar minniglich saß
Bei seinem schönen Weibe / mit Freuden ohne Haß.
Sie koste seine Hände / mit ihrer weißen Hand,
Bis er ihr vor den Augen, / sie wußte nicht wie, verschwand.
Da sie mit ihm spielte / und sie ihn nicht mehr sah,
Zu seinem Ingesinde / sprach die Königin da:
»Mich wundert sehr, wo ist doch / der König hingekommen?
Wer hat seine Hände / mir aus den meinen genommen?«
Sie ließ die Rede bleiben. / Da eilt' er hinzugehn,
Wo er die Kämmerlinge / fand mit Lichtern stehn:
Die löscht' er unversehens / den Knappen an der Hand;
Daß es Siegfried wäre, / das war da Gunthern bekannt.
[100] Wohl wußt er, was er wolle: / er ließ von dannen gehn
Mägdelein und Frauen. / Als das war geschehn,
Der edle König selber / verschloß der Kammer Tür:
Starker Riegel zweie, / die warf er eilends dafür.
Hinterm Bettvorhange / barg er der Kerzen Licht.
Ein Spiel sogleich begannen, / vermeiden ließ sichs nicht,
Siegfried der starke / und die schöne Maid:
Das war dem König Gunther / beides lieb und auch leid.
Da legte sich Siegfried / der Königin bei.
Sie sprach: »Nun laßt es, Gunther, / wie lieb es euch auch sei,
Daß ihr nicht Not erleidet / heute so wie eh,
Oder euch geschieht hier / von meinen Händen wieder Weh.«
Er hehlte seine Stimme, / kein Wörtlein sprach er da.
Wohl hörte König Gunther, / obgleich er sie nicht sah,
Daß Heimliches von beiden / wenig geschehen sei.
Nicht viel bequeme Ruhe / im Bette fanden die Zwei.
Er stellte sich, als wär er / Gunther der König reich;
Er umschloß mit Armen / das Mägdlein ohnegleich.
Sie warf ihn aus dem Bette / dabei auf eine Bank,
Daß laut an einem Schemel / ihm das Haupt davon erklang.
Wieder auf mit Kräften / sprang der kühne Mann
Es besser zu versuchen; / wie er das begann,
Daß er sie zwingen wollte, / da widerfuhr ihm Weh.
Ich glaube nicht, daß solche Wehr / von Fraun je wieder gescheh.
Da ers nicht lassen wollte, / das Mägdlein aufsprang:
»Euch ziemt nicht zu zerraufen / mein Hemd also blank.
Ihr seid ungezogen: / das wird euch noch leid.
Des bring ich euch wohl inne,« / sprach die weidliche Maid.
[101] Sie umschloß mit den Armen / den teuerlichen Degen
Und wollt ihn auch in Bande / wie den König legen,
Daß sie im Bette läge / mit Gemächlichkeit.
Wie grimmig sie das rächte, / daß er zerzerret ihr Kleid!
Was half ihm da die Stärke, / was seine große Kraft?
Sie erwies dem Degen / ihres Leibes Meisterschaft.
Sie trug ihn übermächtig, / daß mußte nur so sein,
Und drückt' ihn ungefüge / bei dem Bett an einen Schrein.
»O weh,« gedacht er, »soll ich / Leben nun und Leib
Von einer Maid verlieren, / so mag jedes Weib
In allen künftgen Zeiten / tragen Frevelmut
Dem Mann gegenüber, / die es sonst wohl nimmer tut.«
Der König hörte alles: / er bangte für den Mann.
Da schämte sich Siegfried, / zu zürnen fing er an;
Mit ungefügen Kräften / ihr widersetzt' er sich
Und versuchte seine Stärke / an Brunhilden ängstiglich.
Wie sie ihn niederdrückte, / sein Zorn erzwang es noch
Und seine starken Kräfte, / daß ihr zum Trotz er doch
Sich aufrichten konnte; / seine Angst war groß.
Sie gaben in der Kammer / sich her und hin manchen Stoß.
Auch litt König Gunther / Sorgen und Beschwer:
Er mußte manchmal flüchten / vor ihnen hin und her.
Sie rangen so gewaltig, / daß es wunder nahm,
Wie eins vor dem andern / mit dem Leben noch entkam.
Den König Gunther ängstigte / beiderseits die Not;
Doch fürchtet' er am meisten / Siegfriedens Tod.
Wohl hätte sie dem Degen / das Leben schier benommen;
Durft er nur, er wär ihm / gern zu Hilfe gekommen.
[102] Gar lange zwischen beiden / dauerte der Streit;
Da bracht er an das Bette / zuletzt zurück die Maid;
Wie sehr sie sich auch wehrte, / die Wehr ward endlich schwach.
Gunther in seinen Sorgen / hing mancherlei Gedanken nach.
Es währte lang dem König, / bis Siegfried sie bezwang.
Sie drückte seine Hände, / daß aus den Nägeln sprang
Das Blut von ihren Kräften; / das war dem Helden leid.
Da zwang er zu verleugnen / diese herrliche Maid.
Den ungestümen Willen, / den sie erst dargetan.
Alles vernahm der König, / doch hört ers schweigend an.
Er drückte sie ans Bette, / daß sie aufschrie laut:
Des starken Siegfrieds Kräfte / schmerzten übel die Braut!
Da griff sie nach der Hüfte, / wo sie die Borte fand,
Und dacht ihn zu binden; / doch wehrt' es seine Hand,
Daß ihr die Glieder krachten, / dazu der ganze Leib.
Da war der Streit zu Ende: / da wurde sie Gunthers Weib.
Sie sprach: »Edler König, / nimm mir das Leben nicht:
Was ich dir tat zuleide, / vergüt ich dir nach Pflicht.
Ich wehre mich nicht wieder / der edeln Minne dein:
Ich hab es wohl erfahren, / daß du magst Frauen Meister sein.«
Aufstand da Siegfried, / liegen blieb die Maid,
Als dächt er abzuwerfen / eben nur das Kleid.
Er zog ihr vom Finger / ein Ringlein von Gold,
Daß es nicht gewahrte / die edle Königin hold.
Auch nahm er ihren Gürtel, / eine Borte gut;
Ich weiß nicht, geschah es / aus hohem Übermut.
Er gab ihn seinem Weibe: das ward ihm später leid.
Da lagen beieinander / der König und die schöne Maid.
[103] Er pflag der Frauen minniglich, / wie es ziemend war:
Scham und Zorn verschmerzen / mußte sie da gar.
Von seinen Heimlichkeiten / ihre lichte Farb erblich.
Hei! wie von der Minne / die große Kraft ihr entwich!
Da war auch sie nicht stärker / als ein ander Weib.
Minniglich umfing er / ihren schönen Leib;
Wenn sie noch widerstände, / was könnt es sie verfahn?
Das hat ihr alles Gunther / mit seinem Minnen getan.
Wie minniglich der Degen / da bei der Frauen lag
In freundlicher Liebe / bis an den lichten Tag!
Inzwischen war Herr Siegfried / längst schon hindann:
Da ward er wohl empfangen / von seiner Frauen wohlgetan.
Er wich allen Fragen / aus, die sie erdacht,
Und hehlt' ihr noch lang, / was er mitgebracht,
Bis er daheim das Kleinod / ihr doch am Ende gab:
Das brachte viel der Degen / mit ihm selber ins Grab.
Dem Wirt am andern Morgen / viel höher stand der Mut
Als am ersten Tage: / da ward die Freude gut
In allen seinen Landen / bei manchem edeln Mann.
Die er zu Hof geladen, / denen ward viel Dienst getan.
Vierzehn Tage währte / diese Lustbarkeit,
Daß sich der Schall nicht legte / in so langer Zeit
Von aller Lust und Kurzweil, / die man erdenken mag.
Wohl verwandte hohe Kosten / der König bei dem Hofgelag.
Des edeln Wirtes Freunde, / wie es der Herr gewollt,
Verschenkten ihm zu Ehren / Kleider und rotes Gold,
Silber auch und Rosse / an manchen fremden Mann.
Die gerne Gaben nahmen, / die schieden fröhlich hindann.
[104] Auch der kühne Siegfried / aus dem Niederland
Mit seinen tausend Mannen – all das Gewand,
Das sie gebracht zum Rheine / ward ganz dahin gegeben,
Schöne Ross und Sättel: / sie wußten herrlich zu leben.
Bevor die reiche Gabe / noch alle war verwandt,
Schon daucht es die zu lange, / die wollten in ihr Land.
Nie sah man ein Gesinde / mehr so wohl verpflegen.
So endete die Hochzeit: / da schied von dannen mancher Degen.