[104] Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte.
Als die Gäste waren / gefahren all davon,
Da sprach zu dem Gesinde / König Siegmunds Sohn:
»Wir wollen auch uns rüsten / zur Fahrt in unser Land.«
Lieb ward es seinem Weibe, / als ihr die Märe ward bekannt.
Sie sprach zu ihrem Manne: / »Wann sollen wir nun fahren?
So sehr damit zu eilen / will ich mich bewahren:
Erst sollen mit dir teilen / meine Brüder dieses Land.«
Leid war es Siegfrieden, / als ers an Kriemhilden fand.
Die Fürsten gingen zu ihm / und sprachen alle drei:
»Wißt nun, Herr Siegfried, / daß euch immer sei
Unser Dienst mit Treue / bereit bis in den Tod.«
Er neigte sich den Herren, / da mans so wohl ihm erbot.
»Wir wolln auch mit euch teilen,« / sprach Geiselher das Kind,
»Das Land und die Burgen, / die unser eigen sind,
Und was der weiten Reiche / uns ist untertan:
Ihr empfangt mit Kriemhild / euer volles Teil daran.«
[105] Der Sohn König Siegmunds / sprach zu den Fürsten da,
Als er den guten Willen / der Herren hört' und sah:
»Gott laß euch euer Erbe / gesegnet immer sein
Und auch die Leute drinnen: / es mag die liebe Fraue mein
Des Teils wohl entraten, / den ihr ihr wolltet geben;
Wo sie soll Krone tragen, / mögen wirs erleben,
Da muß sie reicher werden / als wer ist auf der Welt.
Was ihr sonst gebietet, / ich bin euch dienstlich gesellt.«
Da sprach aber Kriemhild: / »Wenn ihr mein Land verschmäht,
Um die Burgunden-Degen / es so gering nicht steht;
Die mag ein König gerne / führen in sein Land:
Wohl soll sie mit mir teilen / meiner lieben Brüder Hand.«
Da sprach König Gernot: / »Nimm, die du willst, mit dir.
Die gerne mit dir reiten, / du findest viele hier.
Von dreißig hundert Recken / nimm dir tausend Mann
Zu deinem Hausgesinde.« / Kriemhild zu senden begann
Nach Hagen von Tronje / und nach Ortwein,
Ob sie und ihre Freunde / Kriemhildens wollten sein.
Da gewann darüber Hagen / ein zorniges Leben:
Er sprach: »Uns kann Gunther / in der Welt an niemand vergeben.
Ander Ingesinde / nehmt zu eurer Fahrt;
Ihr werdet ja wohl kennen / der Tronjer Art.
Wir müssen bei den Königen / bleiben so fortan
Und denen ferner dienen, / deren Dienst wir stets versahn.«
Sie ließen es bewenden / und machten sich bereit.
Ihres edeln Ingesindes / nahm Kriemhild zum Geleit
Zweiunddreißig Mägdelein / und fünfhundert Mann;
Eckewart der Markgraf / zog mit Kriemhild hindann.
[106] Da nahmen alle Urlaub, / Ritter so wie Knecht,
Mägdelein und Frauen: / so war es Fug und Recht.
Unter Küssen scheiden / sah man sie unverwandt,
Und jene räumten fröhlich / dem König Gunther das Land.
Da geleiteten die Freunde / sie fern auf ihren Wegen.
Allenthalben ließ man / ihnen Nachtherberge legen,
Wo sie die nehmen wollten / in der Könge Land.
Da wurden bald auch Boten / dem König Siegmund gesandt,
Damit er wissen sollte / und auch Frau Siegelind,
Sein Sohn solle kommen / mit Frau Utens Kind,
Kriemhild der schönen, / von Worms über Rhein.
Diese Mären konnten / ihnen nimmer lieber sein.
»Wohl mir,« sprach da Siegmund, / »daß ich den Tag soll sehn,
Da hier die schöne Kriemhild / soll unter Krone gehn!
Das erhöht im Werte / mir all das Erbe mein:
Mein Sohn Siegfried / soll nun selbst hier König sein.«
Da gab ihnen Sieglind / zu Kleidern sammetrot
Und schweres Gold und Silber: / das war ihr Botenbrot.
Sie freute sich der Märe / und mit ihr mancher Mann,
All ihr Ingesinde / sich mit Fleiß zu kleiden begann.
Man sagt' ihr, wer da käme / mit Siegfried in das Land.
Da hieß sie Gestühle / errichten gleich zur Hand,
Wo er vor den Freunden / sollt unter Krone gehn.
Entgegen ritten ihnen / die in König Siegmunds Lehn.
Wer besser wär empfangen, / mir ist es unbekannt,
Als die Helden wurden / in Siegmundens Land.
Kriemhilden seine Mutter / Sieglind entgegenritt
Mit viel der schönen Frauen; / kühne Ritter zogen mit
[107] Wohl eine Tagereise, / bis man die Gäste sah.
Die Heimischen und Fremden / litten Beschwerde da,
Bis sie endlich kamen / zu einer Feste weit,
Xanten geheißen, / wo sie Krone trugen nach der Zeit.
Mit lachendem Munde / Siegmund und Siegelind,
Manche liebe Weile küßten / sie Utens Kind
Und Siegfried den Degen; / ihnen war ihr Leid benommen.
All ihr Ingesinde / hieß man fröhlich willkommen.
Da brachten sie die Gäste / vor König Siegmunds Saal.
Die schönen Jungfrauen / hob man allzumal
Von den Mähren nieder; / da war mancher Mann,
Der den schönen Frauen / mit Fleiß zu dienen begann.
So prächtig ihre Hochzeit / am Rhein war bekannt,
Doch gab man hier den Helden / köstlicher Gewand,
Als sie all ihr Leben / je zuvor getragen.
Man mochte große Wunder / von ihrem Reichtume sagen.
So saßen sie in Ehren / und hatten genug.
Was goldrote Kleider / ihr Ingesinde trug!
Edel Gestein und Borten / sah man gewirkt darin.
So verpflag sie fleißig / Sieglind die edle Königin.
Da sprach vor seinen Freunden / der König Siegmund:
»Allen meinen Freunden / tu ichs heute kund,
Daß Siegfried meine Krone / hier hinfort soll tragen.«
Die Märe hörten gerne / die von Niederlanden sagen.
Er befahl ihm seine Krone / mit Gericht und Land:
Da war er Herr und König. / Wem er den Rechtsspruch fand
Und wen er strafen sollte, / das wurde so getan,
Daß man wohl fürchten durfte / der schönen Kriemhilde Mann.
[108] In diesen hohen Ehren / lebt' er, das ist wahr,
Und richtet' unter Krone / bis an das zehnte Jahr,
Da die schöne Königin / einen Sohn gewann,
An dem des Königs Freunde / ihren Wunsch und Willen sahn.
Alsbald ließ man ihn taufen / und einen Namen nehmen,
Gunther, nach seinem Oheim: / des durft er sich nicht schämen.
Geriet' er nach den Freunden, / er würd ein kühner Mann.
Man erzog ihn sorgsam; / sie taten auch recht daran.
In denselben Zeiten / starb Frau Siegelind:
Da nahm die volle Herrschaft / der edeln Ute Kind,
Wie so reicher Frauen / geziemte wohl im Land.
Es ward genug betrauert, / daß der Tod sie hatt' entwandt.
Nun hatt' auch dort am Rheine, / wie wir hören sagen,
Gunther dem reichen / einen Sohn getragen
Brunhild die schöne / in Burgundenland.
Dem Helden zuliebe / ward er Siegfried genannt.
Mit welchen Sorgen immer / man sein hüten hieß!
Von Hofmeistern Gunther / ihn alles lehren ließ,
Was er bedürfen möchte, / erwüchs' er einst zum Mann.
Hei, was ihm bald das Unglück / der Verwandten abgewann!
Zu allen Zeiten Märe / war so viel gesagt,
Wie doch so herrlich / die Degen unverzagt
Zu allen Stunden lebten / in Siegmundens Land;
So lebt' auch König Gunther / mit seinen Freunden auserkannt.
Das Land der Nibelungen / war Siegfried untertan
(Keiner seiner Freunde / je größern Schatz gewann)
Mit Schilbungens Recken / und der beiden Gut.
Darüber trug der Kühne / desto höher den Mut.
[109] Hort den allermeisten, / den je ein Held gewann,
Nach den ersten Herren, / besaß der kühne Mann,
Den vor einem Berge / seine Hand erwarb im Streit;
Er schlug darum zu Tode / manchen Ritter allbereit.
Vollauf besaß er Ehre, / und hätt' ers halb entbehrt,
Doch müßte man gestehn / dem edlen Recken wert,
Daß er der Beste wäre, / der je auf Rossen saß.
Man scheute seine Stärke, / mit allem Grunde tat man das.