Elftes Abenteuer.

[104] Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte.


Als die Gäste waren / gefahren all davon,

Da sprach zu dem Gesinde / König Siegmunds Sohn:

»Wir wollen auch uns rüsten / zur Fahrt in unser Land.«

Lieb ward es seinem Weibe, / als ihr die Märe ward bekannt.


Sie sprach zu ihrem Manne: / »Wann sollen wir nun fahren?

So sehr damit zu eilen / will ich mich bewahren:

Erst sollen mit dir teilen / meine Brüder dieses Land.«

Leid war es Siegfrieden, / als ers an Kriemhilden fand.


Die Fürsten gingen zu ihm / und sprachen alle drei:

»Wißt nun, Herr Siegfried, / daß euch immer sei

Unser Dienst mit Treue / bereit bis in den Tod.«

Er neigte sich den Herren, / da mans so wohl ihm erbot.


»Wir wolln auch mit euch teilen,« / sprach Geiselher das Kind,

»Das Land und die Burgen, / die unser eigen sind,

Und was der weiten Reiche / uns ist untertan:

Ihr empfangt mit Kriemhild / euer volles Teil daran.«


[105] Der Sohn König Siegmunds / sprach zu den Fürsten da,

Als er den guten Willen / der Herren hört' und sah:

»Gott laß euch euer Erbe / gesegnet immer sein

Und auch die Leute drinnen: / es mag die liebe Fraue mein


Des Teils wohl entraten, / den ihr ihr wolltet geben;

Wo sie soll Krone tragen, / mögen wirs erleben,

Da muß sie reicher werden / als wer ist auf der Welt.

Was ihr sonst gebietet, / ich bin euch dienstlich gesellt.«


Da sprach aber Kriemhild: / »Wenn ihr mein Land verschmäht,

Um die Burgunden-Degen / es so gering nicht steht;

Die mag ein König gerne / führen in sein Land:

Wohl soll sie mit mir teilen / meiner lieben Brüder Hand.«


Da sprach König Gernot: / »Nimm, die du willst, mit dir.

Die gerne mit dir reiten, / du findest viele hier.

Von dreißig hundert Recken / nimm dir tausend Mann

Zu deinem Hausgesinde.« / Kriemhild zu senden begann


Nach Hagen von Tronje / und nach Ortwein,

Ob sie und ihre Freunde / Kriemhildens wollten sein.

Da gewann darüber Hagen / ein zorniges Leben:

Er sprach: »Uns kann Gunther / in der Welt an niemand vergeben.


Ander Ingesinde / nehmt zu eurer Fahrt;

Ihr werdet ja wohl kennen / der Tronjer Art.

Wir müssen bei den Königen / bleiben so fortan

Und denen ferner dienen, / deren Dienst wir stets versahn.«


Sie ließen es bewenden / und machten sich bereit.

Ihres edeln Ingesindes / nahm Kriemhild zum Geleit

Zweiunddreißig Mägdelein / und fünfhundert Mann;

Eckewart der Markgraf / zog mit Kriemhild hindann.


[106] Da nahmen alle Urlaub, / Ritter so wie Knecht,

Mägdelein und Frauen: / so war es Fug und Recht.

Unter Küssen scheiden / sah man sie unverwandt,

Und jene räumten fröhlich / dem König Gunther das Land.


Da geleiteten die Freunde / sie fern auf ihren Wegen.

Allenthalben ließ man / ihnen Nachtherberge legen,

Wo sie die nehmen wollten / in der Könge Land.

Da wurden bald auch Boten / dem König Siegmund gesandt,


Damit er wissen sollte / und auch Frau Siegelind,

Sein Sohn solle kommen / mit Frau Utens Kind,

Kriemhild der schönen, / von Worms über Rhein.

Diese Mären konnten / ihnen nimmer lieber sein.


»Wohl mir,« sprach da Siegmund, / »daß ich den Tag soll sehn,

Da hier die schöne Kriemhild / soll unter Krone gehn!

Das erhöht im Werte / mir all das Erbe mein:

Mein Sohn Siegfried / soll nun selbst hier König sein.«


Da gab ihnen Sieglind / zu Kleidern sammetrot

Und schweres Gold und Silber: / das war ihr Botenbrot.

Sie freute sich der Märe / und mit ihr mancher Mann,

All ihr Ingesinde / sich mit Fleiß zu kleiden begann.


Man sagt' ihr, wer da käme / mit Siegfried in das Land.

Da hieß sie Gestühle / errichten gleich zur Hand,

Wo er vor den Freunden / sollt unter Krone gehn.

Entgegen ritten ihnen / die in König Siegmunds Lehn.


Wer besser wär empfangen, / mir ist es unbekannt,

Als die Helden wurden / in Siegmundens Land.

Kriemhilden seine Mutter / Sieglind entgegenritt

Mit viel der schönen Frauen; / kühne Ritter zogen mit


[107] Wohl eine Tagereise, / bis man die Gäste sah.

Die Heimischen und Fremden / litten Beschwerde da,

Bis sie endlich kamen / zu einer Feste weit,

Xanten geheißen, / wo sie Krone trugen nach der Zeit.


Mit lachendem Munde / Siegmund und Siegelind,

Manche liebe Weile küßten / sie Utens Kind

Und Siegfried den Degen; / ihnen war ihr Leid benommen.

All ihr Ingesinde / hieß man fröhlich willkommen.


Da brachten sie die Gäste / vor König Siegmunds Saal.

Die schönen Jungfrauen / hob man allzumal

Von den Mähren nieder; / da war mancher Mann,

Der den schönen Frauen / mit Fleiß zu dienen begann.


So prächtig ihre Hochzeit / am Rhein war bekannt,

Doch gab man hier den Helden / köstlicher Gewand,

Als sie all ihr Leben / je zuvor getragen.

Man mochte große Wunder / von ihrem Reichtume sagen.


So saßen sie in Ehren / und hatten genug.

Was goldrote Kleider / ihr Ingesinde trug!

Edel Gestein und Borten / sah man gewirkt darin.

So verpflag sie fleißig / Sieglind die edle Königin.


Da sprach vor seinen Freunden / der König Siegmund:

»Allen meinen Freunden / tu ichs heute kund,

Daß Siegfried meine Krone / hier hinfort soll tragen.«

Die Märe hörten gerne / die von Niederlanden sagen.


Er befahl ihm seine Krone / mit Gericht und Land:

Da war er Herr und König. / Wem er den Rechtsspruch fand

Und wen er strafen sollte, / das wurde so getan,

Daß man wohl fürchten durfte / der schönen Kriemhilde Mann.


[108] In diesen hohen Ehren / lebt' er, das ist wahr,

Und richtet' unter Krone / bis an das zehnte Jahr,

Da die schöne Königin / einen Sohn gewann,

An dem des Königs Freunde / ihren Wunsch und Willen sahn.


Alsbald ließ man ihn taufen / und einen Namen nehmen,

Gunther, nach seinem Oheim: / des durft er sich nicht schämen.

Geriet' er nach den Freunden, / er würd ein kühner Mann.

Man erzog ihn sorgsam; / sie taten auch recht daran.


In denselben Zeiten / starb Frau Siegelind:

Da nahm die volle Herrschaft / der edeln Ute Kind,

Wie so reicher Frauen / geziemte wohl im Land.

Es ward genug betrauert, / daß der Tod sie hatt' entwandt.


Nun hatt' auch dort am Rheine, / wie wir hören sagen,

Gunther dem reichen / einen Sohn getragen

Brunhild die schöne / in Burgundenland.

Dem Helden zuliebe / ward er Siegfried genannt.


Mit welchen Sorgen immer / man sein hüten hieß!

Von Hofmeistern Gunther / ihn alles lehren ließ,

Was er bedürfen möchte, / erwüchs' er einst zum Mann.

Hei, was ihm bald das Unglück / der Verwandten abgewann!


Zu allen Zeiten Märe / war so viel gesagt,

Wie doch so herrlich / die Degen unverzagt

Zu allen Stunden lebten / in Siegmundens Land;

So lebt' auch König Gunther / mit seinen Freunden auserkannt.


Das Land der Nibelungen / war Siegfried untertan

(Keiner seiner Freunde / je größern Schatz gewann)

Mit Schilbungens Recken / und der beiden Gut.

Darüber trug der Kühne / desto höher den Mut.


[109] Hort den allermeisten, / den je ein Held gewann,

Nach den ersten Herren, / besaß der kühne Mann,

Den vor einem Berge / seine Hand erwarb im Streit;

Er schlug darum zu Tode / manchen Ritter allbereit.


Vollauf besaß er Ehre, / und hätt' ers halb entbehrt,

Doch müßte man gestehn / dem edlen Recken wert,

Daß er der Beste wäre, / der je auf Rossen saß.

Man scheute seine Stärke, / mit allem Grunde tat man das.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 104-109.
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