Zwölftes Abenteuer.

[109] Wie Gunther Siegfrieden zum Hofgelage lud.


Da dacht auch alle Tage / Brunhild die Königin:

»Wie trägt nur Frau Kriemhild / so übermütigen Sinn!

Nun ist doch unser Eigen / Siegfried ihr Mann:

Der hat uns nun schon lange / wenig Dienste getan.«


Das trug sie im Herzen / in großer Heimlichkeit;

Daß sie ihr fremde blieben, / das war der Frauen leid.

Daß man ihr nicht zinste / von des Fürsten Land,

Woher das wohl käme, / das hätte sie gern erkannt.


Sie versucht' es bei dem König, / ob es nicht geschehn

Möchte, daß sie Krimhild / noch sollte wiedersehn.

Sie vertraut' ihm heimlich, / worauf ihr sann der Mut;

Da dauchte den König / der Frauen Rede nicht gut.


»Wie könnten wir sie bringen,« / sprach der König hehr,

»Her zu diesem Lande? / das fügt sich nimmermehr.

Sie wohnen uns zu ferne: / ich darf sie nicht drum bitten.«

Da gab ihm Brunhild Antwort / mit gar hochfärtgen Sitten:


[110] »Und wäre noch so mächtig / eines Königs Mann,

Was ihm sein Herr gebietet, / das muß doch sein getan.«

Lächeln mußte Gunther / ihrer Rede da:

Er nahm es nicht als Dienst an, / wenn er Siegfrieden sah.


Sie sprach: »Lieber Herre, / bei der Liebe mein,

Hilf mir, daß Siegfried / und die Schwester dein

Zu diesem Lande kommen, / und wir sie hier ersehn:

So könnte mir auf Erden / nimmer lieber geschehn.


Deiner Schwester Güte, / ihr wohlerzogner Mut,

Wenn ich daran gedenke, / wie wohl mirs immer tut,

Wie wir beisammen saßen, / als ich dir ward vermählt!

Sie hat sich mit Ehren / den kühnen Siegfried erwählt.«


Da bat sie ihn so lange, / bis der König sprach:

»Nun wißt, daß ich Gäste / nicht lieber sehen mag.

Ihr mögt mich leicht erbitten: / ich will die Boten mein

Zu ihnen beiden senden, / daß sie kommen an den Rhein.«


Da sprach die Königstochter: / »So sollt ihr mir sagen,

Wann ihr sie wollt besenden, / oder zu welchen Tagen

Die lieben Freunde sollen / kommen in dies Land.

Die ihr dahin wollt senden, / die macht zuvor mir bekannt.«


»Das will ich,« sprach der König: / »dreißig aus meinem Lehn

Laß ich zu ihnen reiten.« / Die hieß er vor sich gehn:

Durch sie entbot er Märe / in Siegfriedens Land.

Da beschenkte sie Frau Brunhild / mit manchem reichen Gewand.


Der König sprach: »Ihr Recken / sollt von mir sagen

Und nichts von dem verschweigen, / was ich euch aufgetragen,

Siegfried dem starken / und der Schwester mein,

Ihnen dürf auf Erden / nimmer jemand holder sein.


[111] Und bittet, daß sie beide / uns kommen an den Rhein:

Dafür will ich und Brunhild / ihnen stets gewogen sein.

Vor dieser Sonnenwende / soll er hier manchen sehn,

Er und seine Mannen, / die ihm Ehre lassen geschehn.


Vermeldet auch dem König / Siegmund die Dienste mein,

Daß ich und meine Freunde / ihm stets gewogen sei'n;

Und bittet meine Schwester, / daß sie's nicht unterläßt

Und zu den Freunden reitet: / nie ziemt' ihr so ein Freudenfest.«


Brunhild und Ute / und was man Frauen fand,

Die entboten ihre Dienste / in Siegfriedens Land

Den minniglichen Frauen / und manchem kühnen Mann.

Nach Wunsch des Königs hoben / sich bald die Boten hindann.


Sie standen reisefertig; / ihr Roß und ihr Gewand

War ihnen angekommen: / da räumten sie das Land.

Sie eilten zu dem Ziele, / dahin sie wollten fahren.

Der König hieß die Boten / durch Geleite wohl bewahren.


Sie kamen in drei Wochen / geritten in das Land

Zu Nibelungens Feste, / wohin man sie gesandt.

In der Mark zu Norweg / fanden sie den Degen:

Roß und Leute waren / müde von den langen Wegen.


Siegfried und Kriemhilden / ward eilends hinterbracht,

Daß Ritter kommen wären, / die trügen solche Tracht,

Wie bei den Burgunden / man trug der Sitte nach.

Sie sprang von einem Bette, / darauf die Ruhende lag.


Zu einem Fenster ließ sie / eins ihrer Mägdlein gehn:

Die sah den kühnen Gere / auf dem Hofe stehn,

Ihn und die Gefährten, / die man dahin gesandt.

Ihr Herzeleid zu stillen / wie liebe Kunde sie fand!


[112] Sie sprach zu dem Könige: / »Seht ihr, wie sie stehn,

Die mit dem starken Gere / auf dem Hofe gehn,

Die uns mein Bruder Gunther / nieder schickt den Rhein?«

Da sprach der starke Siegfried: / »Die sollen uns willkommen sein.«


All ihr Ingesinde / lief hin, wo man sie sah.

Jeder an seinem Teile, / gütlich sprach er da

Das Beste, was er konnte, / zu den Boten hehr.

Ihres Kommens freute / der König Siegmund sich sehr.


Herbergen ließ man Geren / und die ihm untertan

Und ihrer Rosse warten. / Die Boten brachte man

Dahin, wo Herr Siegfried / bei Kriemhilden saß.

Sie sahn den Boten gerne / sicherlich ohne allen Haß.


Der Wirt mit seinem Weibe / erhob sich gleich zur Hand.

Wohl ward empfangen Gere / aus Burgundenland

Mit seinen Fahrtgenossen / in König Gunthers Lehn.

Den Markgrafen Gere / bat man nicht länger zu stehn.


»Erlaubt uns die Botschaft, / eh wir uns setzen gehn;

Uns wegemüde Gäste, / laßt uns so lange stehn,

So melden wir die Märe, / die euch zu wissen tut

Gunther mit Brunhilden: / es geht ihnen beiden gut;


Und was euch Frau Ute, / eure Mutter, her entbot,

Geiselher der junge / und auch Herr Gernot

Und eure nächsten Freunde: / die haben uns gesandt

Und entbieten euch viel Dienste / aus der Burgunden Land.«


»Lohn ihnen Gott,« sprach Siegfried; / »ich versah zu ihnen wohl

Mich aller Lieb und Treue, / wie man zu Freunden soll.

So tut auch ihre Schwester; / ihr sollt uns ferner sagen,

Ob unsre lieben Freunde / hohen Mut daheim noch tragen.


[113] Hat ihnen, seit wir schieden, / jemand ein Leid getan,

Meiner Fraue Brüdern? / Das saget mir an.

Ich wollt es ihnen immer / mit Treue helfen tragen,

Bis ihre Widersacher / meine Dienste müßten beklagen.«


Zur Antwort gab der Markgraf / Gere, ein Ritter gut:

»Sie sind in allen Züchten / mit Freuden wohlgemut.

Sie laden euch zum Rheine / zu einer Lustbarkeit;

Sie sähn euch gar gerne, / daß ihr des außer Zweifel seid.


Sie bitten meine Fraue / auch mit euch zu kommen.

Wenn nun der Winter / ein Ende hat genommen,

Vor dieser Sonnenwende, / da möchten sie euch sehn.«

Da sprach der starke Siegfried: / »Das könnte schwerlich geschehn.«


Da sprach wieder Gere / von Burgundenland:

»Eure Mutter Ute / hat euch sehr gemahnt,

Mit Gernot und Geiselher, / ihr sollt es nicht versagen.

Daß ihr so ferne wohnet, / hör ich sie täglich beklagen.


Brunhild meine Herrin / und ihre Mägdelein

Freuen sich der Kunde, / und könnt es jemals sein,

Daß sie euch wiedersähen, / ihnen schüf es hohen Mut.«

Da dauchten diese Mären / die schöne Kriemhilde gut.


Gere war ihr Vetter: / der Wirt ihn sitzen hieß;

Den Gästen hieß er schenken, / nicht länger man das ließ.

Da kam dazu auch Siegmund: / als der die Boten sah,

Freundlich sprach der König / zu den Burgundern da:


»Willkommen uns, ihr Recken / in König Gunthers Lehn.

Da sich Kriemhilden / zum Weibe hat ersehn

Mein Sohn Siegfried, / man sollt euch öfter schaun

In diesem Lande, dürften wir / bei euch auf Freundschaft vertraun.«


[114] Sie sprachen: Wenn er wolle, / sie würden gerne kommen.

Ihnen ward mit Freuden / die Müdigkeit benommen.

Man hieß die Boten sitzen; / Speise man ihnen trug:

Deren schuf da Siegfried / den lieben Gästen genug.


Sie mußten da verweilen / volle neun Tage.

Darob erhuben endlich / die schnellen Ritter Klage,

Daß sie nicht wieder reiten / durften in ihr Land.

Da hatt auch König Siegfried / zu seinen Freunden gesandt:


Er fragte, was sie rieten? / er solle nach dem Rhein:

»Es ließ mich entbieten / Gunther der Schwager mein,

Er und seine Brüder, / zu einer Lustbarkeit:

Ich möcht ihm gerne kommen, / liegt gleich sein Land mir so weit.


Sie bitten Kriemhilden / mit mir zu ziehn.

Nun ratet, lieben Freunde, / wie kommen wir dahin?

Und sollt ich heerfahrten / durch dreißig Herren Land,

Gern dienstbereit erwiese / sich ihnen Siegfriedens Hand.«


Da sprachen seine Recken: / »Steht euch zur Fahrt der Mut

Nach dem Hofgelage: / wir raten was ihr tut:

Ihr sollt mit tausend Recken / reiten an den Rhein:

So mögt ihr wohl mit Ehren / bei den Burgunden sein.«


Da sprach von Niederlanden / der König Siegmund:

»Wollt ihr zum Hofgelage, / was tut ihr mirs nicht kund?

Ich will mit euch reiten, / wenn ihrs zufrieden seid:

Hundert Degen führ ich, / damit mehr ich eur Geleit.«


»Wollt ihr mit uns reiten, / lieber Vater mein,«

Sprach der kühne Siegfried, / »des will ich fröhlich sein.

Binnen zwölf Tagen / räum ich unser Land.«

Die sie begleiten sollten, / denen gab man Roß und Gewand.


[115] Als dem edeln König / zur Reise stand der Mut,

Da ließ man wieder reiten / die schnellen Degen gut.

Seiner Frauen Brüdern / entbot er an den Rhein,

Daß er gerne wolle / bei ihrem Hofgelage sein.


Siegfried und Kriemhild, / so hörten wir sagen,

Beschenkten so die Boten, / es mochten es nicht tragen

Die Pferde nach der Heimat: / er war ein reicher Mann.

Ihre starken Säumer / trieb man zur Reise fröhlich an.


Da schuf dem Volke Kleider / Siegfried und Siegemund.

Eckewart der Markgraf / ließ da gleich zur Stund

Frauenkleider suchen, / die besten, die man fand

Und irgend mocht erwerben / in Siegfriedens ganzem Land.


Die Sättel und Schilde / man da bereiten ließ.

Den Rittern und den Frauen, / die er sich folgen hieß,

Gab man, was sie wollten; / nichts gebrach daran.

Er brachte seinen Freunden / manchen herrlichen Mann.


Nun wandten sich die Boten / zurück und eilten sehr.

Da kam zu den Burgunden / Gere, der Degen hehr,

Und wurde schön empfangen; / sie schwangen sich zu Tal

Von Rossen und von Mähren / dort vor König Gunthers Saal.


Die Jungen und die Alten / kamen, wie man tut,

Und fragten nach der Märe. / Da sprach der Ritter gut:

»Wenn ichs dem König sage, / wird es auch euch bekannt.«

Er ging mit den Gesellen / dahin, wo er Gunthern fand.


Der König vor Freude / von dem Sessel sprang;

Daß sie so bald gekommen, / sagt' ihnen Dank

Brunhild die schöne. / Zu den Boten sprach er da:

»Wie gehabt sich Siegfried, / von dem mir Liebe viel geschah?«


[116] Da sprach der kühne Gere: / »Er ward vor Freuden rot,

Er und eure Schwester. / So holde Mär entbot

Seinen Freunden nimmer / noch zuvor ein Mann,

Als auch der edle Siegfried / und sein Vater hat getan.«


Da sprach zum Markgrafen / des reichen Königs Weib:

»Nun sagt mir, kommt uns Kriemhild? / Hat noch ihr schöner Leib

Die hohe Zier behalten, / deren sie mochte pflegen?«

Er sprach: »Sie kommen beide; / mit ihnen mancher kühne Degen.«


Ute ließ die Boten / alsbald vor sich gehn.

Da wars an ihrem Fragen / leichtlich zu verstehn,

Was sie zu wissen wünsche: / »War Kriemhild noch wohlauf?«

Er gab Bescheid, sie käm auch / nach kurzer Tage Verlauf.


Da blieb auch nicht verhohlen / am Hof der Botensold,

Den ihnen Siegfried schenkte, / die Kleider und das Gold:

Die ließ man alle schauen / in der drei Fürsten Lehn.

Da mußten sie ihm Ehre / wohl für Milde zugestehn.


»Er mag,« sprach da Hagen, / »mit vollen Händen geben:

Er könnt es nicht verschwenden, / und sollt er ewig leben.

Den Hort der Nibelungen / beschließt des Königs Hand:

Hei! daß der jemals käme / her in der Burgunden Land!«


Da freuten sich die Degen / am Hof im voraus,

Daß sie kommen sollten. / Beflissen überaus

Sah man spät und frühe / die in der Könge Lehn.

Welch herrlich Gestühle / ließ man vor der Burg erstehn!


Hunold der kühne / und Sindold der Degen

Hatten wenig Muße: / des Amtes mußte pflegen

Truchseß auch und Schenke / und richten manche Bank;

Auch Ortwein war behilflich; / des sagt' ihnen Gunther Dank.


[117] Rumold der Küchenmeister, / wie herrscht' er in der Zeit

Ob seinen Untertanen, / gar manchem Kessel weit,

Häfen und Pfannen; / hei! was man deren fand!

Denen ward da Kost bereitet, / die da kamen in das Land.


Der Frauen Arbeiten / waren auch nicht klein:

Sie bereiteten die Kleider, / darauf manch edler Stein,

Des Strahlen ferne glänzten, / gewirkt war in das Gold.

Wenn sie die anlegten, / ward ihnen männiglich hold.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 109-117.
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