Neununddreißigstes Abenteuer.

[352] Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden.


Da suchte sich Herr Dietrich / selber sein Gewand;

Ihm half, daß er sich waffnete, / der alte Hildebrand.

Da klagte so gewaltig / der kraftvolle Mann,

Daß von seiner Stimme / das Haus zu schüttern begann.


Dann gewann er aber wieder / rechten Heldenmut.

Im Grimm ward gewaffnet / da der Degen gut.

Seinen Schild den festen, / den nahm er in die Hand:

Sie gingen bald von dannen, / er und Meister Hildebrand.


Da sprach von Tronje Hagen: / »Dort seh ich zu uns gehn

Dietrich den Herren: / der will uns bestehn

Nach dem großen Leide, / das wir ihm angetan.

Nun soll man heute schauen, / wen man den Besten nennen kann.


Und dünkt sich denn von Berne / der Degen Dieterich

Gar so starken Leibes / und so fürchterlich,

Und will ers an uns rächen, / was ihm ist geschehn,«

Also sprach da Hagen, / »ich bin wohl Mann ihn zu bestehn.«[352]


Die Rede hörte Dietrich / mit Meister Hildebrand.

Er kam, wo er die Recken / beide stehen fand

Außen vor dem Hause, / gelehnt an den Saal.

Seinen Schild den guten, / den setzte Dietrich zutal.


In leidvollen Sorgen / sprach da Dietrich:

»Wie habt ihr so geworben, / Herr Gunther, wider mich,

Einen Heimatlosen? / Was tat ich euch wohl je,

Daß alles meines Trostes / ich nun verwaiset mich seh?


Ihr fandet nicht Genüge / an der großen Not,

Als ihr uns Rüdigern, / den Recken, schluget tot:

Ihr mißgönntet sie mir alle, / die mir untertan.

Wohl hätt ich solchen Leides / euch Degen nimmer getan.


Gedenkt an euch selber / und an euer Leid,

Eurer Freunde Sterben / und all die Not im Streit,

Ob es euch guten Degen / nicht beschwert den Mut.

O weh, wie so unsanft / mir der Tod Rüdgers tut!


So leid geschah auf Erden / niemandem je.

Ihr gedachtet wenig / an mein und euer Weh.

Was ich Freuden hatte, / das liegt von euch erschlagen:

Wohl kann ich meine Freunde / nimmer genug beklagen.«


»Wir sind wohl nicht so schuldig,« / sprach Hagen entgegen.

»Zu diesem Hause kamen / all eure Degen

Mit großem Fleiß gewaffnet / in einer breiten Schar.

Man hat euch wohl die Märe / nicht gesagt, wie sie war.«


»Was soll ich anders glauben? / mir sagt Hildebrand:

Euch baten meine Recken / von Amelungenland,

Daß ihr ihnen Rüdigern / gäbet aus dem Haus:

Da botet ihr Gespötte nur / meinen Recken heraus.«[353]


Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Sie wollten Rüdgern tragen,

Sagten sie, von hinnen: / das ließ ich versagen

Etzeln zum Trotze, / nicht aber deinem Heer,

Bis darob zu schelten / Wolfhart begann, der Degen hehr.«


Da sprach der Held von Berne: / »Es sollte nun so sein.

Gunther, edler König, / bei aller Tugend dein

Ersetze mir das Herzeleid, / das mir von dir geschehn;

Versühn es, kühner Ritter, / so laß ichs ungerochen gehn.


Ergib dich mir zum Geisel / mit Hagen deinem Mann:

So will ich euch behüten, / so gut ich immer kann,

Daß euch bei den Heunen / hier niemand Leides tut.

Ihr sollt an mir erfahren, / daß ich getreu bin und gut.«


»Das verhüte Gott im Himmel,« / sprach Hagen entgegen,

»Daß sich dir ergeben / sollten zwei Degen,

Die noch in voller Wehre / dir gegenüber stehn,

Das wär uns Unehre: / die Feigheit soll nicht geschehn.«


»Ihr solltets nicht verweigern,« / sprach wieder Dieterich,

»Gunther und Hagen: / ihr habt so bitterlich

Beide mir bekümmert / das Herz und auch den Mut,

Wollt ihr mir das vergüten, / daß ihr es billiglich tut.


Ich geb euch meine Treue / und reich euch drauf die Hand,

Daß ich mit euch reite / heim in euer Land.

Ich geleit euch wohl nach Ehren, / ich stürbe denn den Tod,

Und will um euch vergessen / all meiner schmerzhaften Not.«


»Begehrt es nicht weiter,« / sprach wieder Hagen:

»Wie ziemt es, wenn die Märe / wär von uns zu sagen,

Daß zwei so kühne Degen / sich ergeben eurer Hand?

Sieht man bei euch doch niemand / als alleine Hildebrand.«[354]


Da sprach Meister Hildebrand: / »Gott weiß, Herr Hagen,

Den Frieden, den Herr Dietrich / euch hat angetragen,

Es kommt noch an die Stunde / vielleicht in kurzer Frist,

Daß ihr ihn gerne nähmet, / und er nicht mehr zu haben ist.«


»Auch nähm ich eh den Frieden,« / sprach Hagen entgegen,

»Eh ich mit Schimpf und Schande / so vor einem Degen

Flöhe, Meister Hildebrand, / als ihr hier habt getan:

Ich wähnt auf meine Treue, / ihr stündet besser euern Mann.«


Da sprach Meister Hildebrand: / »Was verweiset ihr mir das?

Nun wer wars, der auf dem Schilde / vor dem Wasgensteine saß,

Als ihm von Spanien Walther / so viel der Freunde schlug?

Wohl habt ihr an euch selber / noch zu rügen genug.«


Da sprach der edle Dietrich: / »Wie ziemt solchen Degen

Sich mit Worten schelten, / wie alte Weiber pflegen?

Ich verbiet es, Meister Hildebrand, / sprecht hier nicht mehr.

Mich heimatlosen Recken / zwingt so große Beschwer.


Laßt hören, Freund Hagen,« / sprach da Dieterich,

»Was spracht ihr zusammen, / ihr Helden tugendlich,

Als ihr mich gewaffnet / sahet zu euch gehn?

Ihr sagtet, ihr alleine / wolltet mich im Streit bestehn.«


»Das wird euch niemand leugnen,« / sprach Hagen entgegen,

»Wohl will ichs hier versuchen / mit kräftigen Schlägen,

Es sei denn, mir zerbreche / das Nibelungenschwert:

Mich entrüstet, daß zu Geiseln / unser beider ward begehrt.«


Als Dietrich erhörte / Hagens grimmen Mut,

Den Schild behende zuckte / der schnelle Degen gut.

Wie rasch ihm von der Stiege / entgegen Hagen sprang!

Niblungs Schwert das gute / auf Dietrichen laut erklang.[355]


Da wußte wohl Herr Dietrich, / daß der kühne Mann

Grimmen Mutes fechte; / zu schirmen sich begann

Der edle Vogt von Berne / vor ängstlichen Schlägen.

Wohl erkannt er Hagen, / er war ein auserwählter Degen.


Auch scheut' er Balmungen, / eine Waffe stark genug.

Nur unterweilen Dietrich / mit Kunst entgegenschlug,

Bis daß er Hagen / im Streite doch bezwang.

Er schlug ihm eine Wunde, / die gar tief war und lang.


Der edle Dietrich dachte: / »Dich schwächte lange Not;

Mir brächt es wenig Ehre, / gäb ich dir den Tod.

So will ich nur versuchen, / ob ich dich zwingen kann

Als Geisel mir zu folgen.« / Das ward mit Sorgen getan.


Den Schild ließ er fallen: / seine Stärke, die war groß;

Hagnen von Tronje / mit den Armen er umschloß.

So ward von ihm bezwungen / dieser kühne Mann.

Gunther der edle / darob zu trauern begann.


Hagnen band da Dietrich / und führt' ihn, wo er fand

Kriemhild die edle, / und gab in ihre Hand

Den allerkühnsten Recken, / der je Gewaffen trug.

Nach ihrem großen Leide / ward sie da fröhlich genug.


Da neigte sich dem Degen / vor Freuden Etzels Weib:

»Nun sei dir immer selig / das Herz und auch der Leib.

Du hast mich wohl entschädigt / aller meiner Not:

Ich will dirs immer danken, / es verwehr es denn der Tod.«


Da sprach der edle Dietrich: / »Nun laßt ihn am Leben,

Edle Königstochter: / es mag sich wohl begeben,

Daß euch sein Dienst vergütet / das Leid, das er euch tat:

Er soll es nicht entgelten, / daß ihr ihn gebunden saht.«[356]


Da ließ sie Hagnen führen / in ein Haftgemach,

Wo niemand ihn erschaute, / und er verschlossen lag.

Gunther der edle / hub da zu rufen an:

»Wo blieb der Held von Berne? / Er hat mir Leides getan.«


Da ging ihm hin entgegen / der Berner Dieterich.

Gunthers Kräfte waren / stark und ritterlich;

Er säumte da nicht länger, / er rannte vor den Saal.

Von ihrer beider Schwertern / erhob sich mächtiger Schall.


So großen Ruhm erworben / Dietrich seit alter Zeit,

In seinem Zorne tobte / Gunther so im Streit;

Er war nach seinem Leide / von Herzen feind dem Mann:

Ein Wunder mußt' es heißen, / daß da Herr Dietrich entrann.


Sie waren alle beide / so stark und mutesvoll,

Daß von ihren Schlägen / Pallas und Turm erscholl,

Als sie mit Schwertern hieben / auf die Helme gut.

Da zeigte König Gunther / einen herrlichen Mut.


Doch zwang ihn der von Berne, / wie Hagnen war geschehn.

Man mochte durch den Panzer / das Blut ihm fließen sehn

Von einem scharfen Schwerte: / das trug Herr Dieterich.

Doch hatte sich Herr Gunther / gewehrt, der müde, ritterlich.


Der König ward gebunden / von Dietrichens Hand,

Wie nimmer Könge sollten / leiden solch ein Band.

Er dachte, ließ' er ledig / Gunthern und seinen Mann,

Wem sie begegnen möchten, / der müßte den Tod empfahn.


Dietrich von Berne / nahm ihn bei der Hand,

Er führt' ihn hin gebunden, / wo er Kriemhilden fand.

Ihr war mit seinem Leide / der Sorge viel benommen.

Sie sprach: »König Gunther, / nun seid mir höchlich willkommen.«[357]


Er sprach: »Ich müßt' euch danken, / vieledle Schwester mein,

Wenn euer Gruß in Gnaden / geschehen könnte sein.

Ich weiß euch aber, Königin, / so zornigen Mut,

Daß ihr mir und Hagen / solchen Gruß im Spotte tut.«


Da sprach der Held von Berne: / »Königstochter hehr,

So gute Ritter sah man / als Geisel nimmermehr,

Als ich, edle Königin, / gebracht in eure Hut.

Nun komme meine Freundschaft / den Heimatlosen zugut.«


Sie sprach, sie tät' es gerne. / Da ging Herr Dieterich

Mit weinenden Augen / von dem Helden tugendlich.

Da rächte sich entsetzlich / König Etzels Weib:

Den auserwählten Degen / nahm sie Leben und Leib.


Sie ließ sie gesondert / in Gefängnis legen,

Daß sich nie im Leben / wiedersahn die Degen;

Hatt' es gleich verschworen / zu tun das edle Weib,

Sie dacht': »Ich räche heute / meines lieben Mannes Leib.«


Hin ging die Königstochter, / wo sie Hagen sah;

Wie feindselig sprach sie / zu dem Recken da:

»Wollt ihr mir wiedergeben, / was ihr mir habt genommen,

So mögt ihr wohl noch lebend / heim zu den Burgunden kommen.«


Da sprach der grimme Hagen: / »Die Red' ist gar verloren,

Vieledle Königstochter. / Den Eid hab' ich geschworen,

Daß ich den Hort nicht zeige: / solange noch am Leben

Blieb einer meiner Herren, / wird er niemand gegeben.«


»Ich bring' es zu Ende,« / sprach das edle Weib.

Ihrem Bruder nehmen ließ sie / Leben da und Leib.

Man schlug das Haupt ihm nieder: / bei den Haaren sie es trug

Vor den Held von Tronje: / da gewann er Leids genug.[358]


Als der Unmutvolle / seines Herren Haupt ersah,

Wider Kriemhilden / sprach der Recke da:

»Du hasts nach deinem Willen / zu Ende nun gebracht;

Es ist auch so ergangen, / wie ich mir hatte gedacht.


Nun ist von Burgunden / der edle König tot,

Geiselher der junge, / dazu Herr Gernot.

Den Hort weiß nun niemand / als Gott und ich allein:

Der soll dir Teufelsweibe / immer wohl verhohlen sein.«


Sie sprach: »So habt ihr üble / Vergeltung mir gewährt;

So will ich doch behalten / Siegfriedens Schwert.

Das trug mein holder Friedel / als ich zuletzt ihn sah,

An dem mir Herzensjammer / vor allem Leide geschah.«


Sie zog es aus der Scheide, / er konnt es nicht wehren.

Da dachte sie dem Recken / das Leben zu versehren.

Sie schwang es mit den Händen, / das Haupt schlug sie ihm ab.

Das sah der König Etzel, / dem es großen Kummer gab.


»Weh!« rief der König: / »wie ist hier gefällt

Von eines Weibes Händen / der allerbeste Held,

Der je im Kampf gefochten / und seinen Schildrand trug!

So feind ich ihm gewesen bin, / mir ist leid um ihn genug.«


Da sprach Meister Hildebrand: / »Es kommt ihr nicht zu gut,

Daß sie ihn schlagen durfte / was man halt mir tut,

Ob er mich selber brachte / in Angst und große Not,

Jedennoch will ich rächen / dieses kühnen Tronjers Tod.«


Hildebrand im Zorne / zu Kriemhilden sprang:

Er schlug der Königstochter / einen Schwertesschwang.

Wohl schmerzten solche Dienste / von dem Degen sie;

Was konnt es aber helfen, / daß sie so ängstlich schrie?[359]


Die da sterben sollten, / die lagen all umher:

Zu Stücken lag verhauen / die Königin hehr.

Dietrich und Etzel / huben zu weinen an

Und jämmerlich zu klagen / manchen Freund und Untertan.


Da war der Helden Herrlichkeit / hingelegt im Tod.

Die Leute hatten alle / Jammer und Not.

Mit Leid war beendet / des Königs Lustbarkeit,

Wie immer Leid die Freude / am letzten Ende verleiht.


Ich kann euch nicht bescheiden, / was seither geschah,

Als daß man immer weinen / Christen und Heiden sah,

Die Ritter und die Frauen / und manche schöne Maid:

Sie hatten um die Freunde / das allergrößte Leid.


Ich sag euch nicht weiter / von der großen Not:

Die da erschlagen waren, / die laßt liegen tot.

Wie es auch im Heunland / hernach dem Volk geriet,

Hier hat die Mär ein Ende: / das ist das Nibelungenlied.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 352-360.
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