[352] Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden.
Da suchte sich Herr Dietrich / selber sein Gewand;
Ihm half, daß er sich waffnete, / der alte Hildebrand.
Da klagte so gewaltig / der kraftvolle Mann,
Daß von seiner Stimme / das Haus zu schüttern begann.
Dann gewann er aber wieder / rechten Heldenmut.
Im Grimm ward gewaffnet / da der Degen gut.
Seinen Schild den festen, / den nahm er in die Hand:
Sie gingen bald von dannen, / er und Meister Hildebrand.
Da sprach von Tronje Hagen: / »Dort seh ich zu uns gehn
Dietrich den Herren: / der will uns bestehn
Nach dem großen Leide, / das wir ihm angetan.
Nun soll man heute schauen, / wen man den Besten nennen kann.
Und dünkt sich denn von Berne / der Degen Dieterich
Gar so starken Leibes / und so fürchterlich,
Und will ers an uns rächen, / was ihm ist geschehn,«
Also sprach da Hagen, / »ich bin wohl Mann ihn zu bestehn.«
[353] Die Rede hörte Dietrich / mit Meister Hildebrand.
Er kam, wo er die Recken / beide stehen fand
Außen vor dem Hause, / gelehnt an den Saal.
Seinen Schild den guten, / den setzte Dietrich zutal.
In leidvollen Sorgen / sprach da Dietrich:
»Wie habt ihr so geworben, / Herr Gunther, wider mich,
Einen Heimatlosen? / Was tat ich euch wohl je,
Daß alles meines Trostes / ich nun verwaiset mich seh?
Ihr fandet nicht Genüge / an der großen Not,
Als ihr uns Rüdigern, / den Recken, schluget tot:
Ihr mißgönntet sie mir alle, / die mir untertan.
Wohl hätt ich solchen Leides / euch Degen nimmer getan.
Gedenkt an euch selber / und an euer Leid,
Eurer Freunde Sterben / und all die Not im Streit,
Ob es euch guten Degen / nicht beschwert den Mut.
O weh, wie so unsanft / mir der Tod Rüdgers tut!
So leid geschah auf Erden / niemandem je.
Ihr gedachtet wenig / an mein und euer Weh.
Was ich Freuden hatte, / das liegt von euch erschlagen:
Wohl kann ich meine Freunde / nimmer genug beklagen.«
»Wir sind wohl nicht so schuldig,« / sprach Hagen entgegen.
»Zu diesem Hause kamen / all eure Degen
Mit großem Fleiß gewaffnet / in einer breiten Schar.
Man hat euch wohl die Märe / nicht gesagt, wie sie war.«
»Was soll ich anders glauben? / mir sagt Hildebrand:
Euch baten meine Recken / von Amelungenland,
Daß ihr ihnen Rüdigern / gäbet aus dem Haus:
Da botet ihr Gespötte nur / meinen Recken heraus.«
[354] Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Sie wollten Rüdgern tragen,
Sagten sie, von hinnen: / das ließ ich versagen
Etzeln zum Trotze, / nicht aber deinem Heer,
Bis darob zu schelten / Wolfhart begann, der Degen hehr.«
Da sprach der Held von Berne: / »Es sollte nun so sein.
Gunther, edler König, / bei aller Tugend dein
Ersetze mir das Herzeleid, / das mir von dir geschehn;
Versühn es, kühner Ritter, / so laß ichs ungerochen gehn.
Ergib dich mir zum Geisel / mit Hagen deinem Mann:
So will ich euch behüten, / so gut ich immer kann,
Daß euch bei den Heunen / hier niemand Leides tut.
Ihr sollt an mir erfahren, / daß ich getreu bin und gut.«
»Das verhüte Gott im Himmel,« / sprach Hagen entgegen,
»Daß sich dir ergeben / sollten zwei Degen,
Die noch in voller Wehre / dir gegenüber stehn,
Das wär uns Unehre: / die Feigheit soll nicht geschehn.«
»Ihr solltets nicht verweigern,« / sprach wieder Dieterich,
»Gunther und Hagen: / ihr habt so bitterlich
Beide mir bekümmert / das Herz und auch den Mut,
Wollt ihr mir das vergüten, / daß ihr es billiglich tut.
Ich geb euch meine Treue / und reich euch drauf die Hand,
Daß ich mit euch reite / heim in euer Land.
Ich geleit euch wohl nach Ehren, / ich stürbe denn den Tod,
Und will um euch vergessen / all meiner schmerzhaften Not.«
»Begehrt es nicht weiter,« / sprach wieder Hagen:
»Wie ziemt es, wenn die Märe / wär von uns zu sagen,
Daß zwei so kühne Degen / sich ergeben eurer Hand?
Sieht man bei euch doch niemand / als alleine Hildebrand.«
[355] Da sprach Meister Hildebrand: / »Gott weiß, Herr Hagen,
Den Frieden, den Herr Dietrich / euch hat angetragen,
Es kommt noch an die Stunde / vielleicht in kurzer Frist,
Daß ihr ihn gerne nähmet, / und er nicht mehr zu haben ist.«
»Auch nähm ich eh den Frieden,« / sprach Hagen entgegen,
»Eh ich mit Schimpf und Schande / so vor einem Degen
Flöhe, Meister Hildebrand, / als ihr hier habt getan:
Ich wähnt auf meine Treue, / ihr stündet besser euern Mann.«
Da sprach Meister Hildebrand: / »Was verweiset ihr mir das?
Nun wer wars, der auf dem Schilde / vor dem Wasgensteine saß,
Als ihm von Spanien Walther / so viel der Freunde schlug?
Wohl habt ihr an euch selber / noch zu rügen genug.«
Da sprach der edle Dietrich: / »Wie ziemt solchen Degen
Sich mit Worten schelten, / wie alte Weiber pflegen?
Ich verbiet es, Meister Hildebrand, / sprecht hier nicht mehr.
Mich heimatlosen Recken / zwingt so große Beschwer.
Laßt hören, Freund Hagen,« / sprach da Dieterich,
»Was spracht ihr zusammen, / ihr Helden tugendlich,
Als ihr mich gewaffnet / sahet zu euch gehn?
Ihr sagtet, ihr alleine / wolltet mich im Streit bestehn.«
»Das wird euch niemand leugnen,« / sprach Hagen entgegen,
»Wohl will ichs hier versuchen / mit kräftigen Schlägen,
Es sei denn, mir zerbreche / das Nibelungenschwert:
Mich entrüstet, daß zu Geiseln / unser beider ward begehrt.«
Als Dietrich erhörte / Hagens grimmen Mut,
Den Schild behende zuckte / der schnelle Degen gut.
Wie rasch ihm von der Stiege / entgegen Hagen sprang!
Niblungs Schwert das gute / auf Dietrichen laut erklang.
[356] Da wußte wohl Herr Dietrich, / daß der kühne Mann
Grimmen Mutes fechte; / zu schirmen sich begann
Der edle Vogt von Berne / vor ängstlichen Schlägen.
Wohl erkannt er Hagen, / er war ein auserwählter Degen.
Auch scheut' er Balmungen, / eine Waffe stark genug.
Nur unterweilen Dietrich / mit Kunst entgegenschlug,
Bis daß er Hagen / im Streite doch bezwang.
Er schlug ihm eine Wunde, / die gar tief war und lang.
Der edle Dietrich dachte: / »Dich schwächte lange Not;
Mir brächt es wenig Ehre, / gäb ich dir den Tod.
So will ich nur versuchen, / ob ich dich zwingen kann
Als Geisel mir zu folgen.« / Das ward mit Sorgen getan.
Den Schild ließ er fallen: / seine Stärke, die war groß;
Hagnen von Tronje / mit den Armen er umschloß.
So ward von ihm bezwungen / dieser kühne Mann.
Gunther der edle / darob zu trauern begann.
Hagnen band da Dietrich / und führt' ihn, wo er fand
Kriemhild die edle, / und gab in ihre Hand
Den allerkühnsten Recken, / der je Gewaffen trug.
Nach ihrem großen Leide / ward sie da fröhlich genug.
Da neigte sich dem Degen / vor Freuden Etzels Weib:
»Nun sei dir immer selig / das Herz und auch der Leib.
Du hast mich wohl entschädigt / aller meiner Not:
Ich will dirs immer danken, / es verwehr es denn der Tod.«
Da sprach der edle Dietrich: / »Nun laßt ihn am Leben,
Edle Königstochter: / es mag sich wohl begeben,
Daß euch sein Dienst vergütet / das Leid, das er euch tat:
Er soll es nicht entgelten, / daß ihr ihn gebunden saht.«
[357] Da ließ sie Hagnen führen / in ein Haftgemach,
Wo niemand ihn erschaute, / und er verschlossen lag.
Gunther der edle / hub da zu rufen an:
»Wo blieb der Held von Berne? / Er hat mir Leides getan.«
Da ging ihm hin entgegen / der Berner Dieterich.
Gunthers Kräfte waren / stark und ritterlich;
Er säumte da nicht länger, / er rannte vor den Saal.
Von ihrer beider Schwertern / erhob sich mächtiger Schall.
So großen Ruhm erworben / Dietrich seit alter Zeit,
In seinem Zorne tobte / Gunther so im Streit;
Er war nach seinem Leide / von Herzen feind dem Mann:
Ein Wunder mußt' es heißen, / daß da Herr Dietrich entrann.
Sie waren alle beide / so stark und mutesvoll,
Daß von ihren Schlägen / Pallas und Turm erscholl,
Als sie mit Schwertern hieben / auf die Helme gut.
Da zeigte König Gunther / einen herrlichen Mut.
Doch zwang ihn der von Berne, / wie Hagnen war geschehn.
Man mochte durch den Panzer / das Blut ihm fließen sehn
Von einem scharfen Schwerte: / das trug Herr Dieterich.
Doch hatte sich Herr Gunther / gewehrt, der müde, ritterlich.
Der König ward gebunden / von Dietrichens Hand,
Wie nimmer Könge sollten / leiden solch ein Band.
Er dachte, ließ' er ledig / Gunthern und seinen Mann,
Wem sie begegnen möchten, / der müßte den Tod empfahn.
Dietrich von Berne / nahm ihn bei der Hand,
Er führt' ihn hin gebunden, / wo er Kriemhilden fand.
Ihr war mit seinem Leide / der Sorge viel benommen.
Sie sprach: »König Gunther, / nun seid mir höchlich willkommen.«
[358] Er sprach: »Ich müßt' euch danken, / vieledle Schwester mein,
Wenn euer Gruß in Gnaden / geschehen könnte sein.
Ich weiß euch aber, Königin, / so zornigen Mut,
Daß ihr mir und Hagen / solchen Gruß im Spotte tut.«
Da sprach der Held von Berne: / »Königstochter hehr,
So gute Ritter sah man / als Geisel nimmermehr,
Als ich, edle Königin, / gebracht in eure Hut.
Nun komme meine Freundschaft / den Heimatlosen zugut.«
Sie sprach, sie tät' es gerne. / Da ging Herr Dieterich
Mit weinenden Augen / von dem Helden tugendlich.
Da rächte sich entsetzlich / König Etzels Weib:
Den auserwählten Degen / nahm sie Leben und Leib.
Sie ließ sie gesondert / in Gefängnis legen,
Daß sich nie im Leben / wiedersahn die Degen;
Hatt' es gleich verschworen / zu tun das edle Weib,
Sie dacht': »Ich räche heute / meines lieben Mannes Leib.«
Hin ging die Königstochter, / wo sie Hagen sah;
Wie feindselig sprach sie / zu dem Recken da:
»Wollt ihr mir wiedergeben, / was ihr mir habt genommen,
So mögt ihr wohl noch lebend / heim zu den Burgunden kommen.«
Da sprach der grimme Hagen: / »Die Red' ist gar verloren,
Vieledle Königstochter. / Den Eid hab' ich geschworen,
Daß ich den Hort nicht zeige: / solange noch am Leben
Blieb einer meiner Herren, / wird er niemand gegeben.«
»Ich bring' es zu Ende,« / sprach das edle Weib.
Ihrem Bruder nehmen ließ sie / Leben da und Leib.
Man schlug das Haupt ihm nieder: / bei den Haaren sie es trug
Vor den Held von Tronje: / da gewann er Leids genug.
[359] Als der Unmutvolle / seines Herren Haupt ersah,
Wider Kriemhilden / sprach der Recke da:
»Du hasts nach deinem Willen / zu Ende nun gebracht;
Es ist auch so ergangen, / wie ich mir hatte gedacht.
Nun ist von Burgunden / der edle König tot,
Geiselher der junge, / dazu Herr Gernot.
Den Hort weiß nun niemand / als Gott und ich allein:
Der soll dir Teufelsweibe / immer wohl verhohlen sein.«
Sie sprach: »So habt ihr üble / Vergeltung mir gewährt;
So will ich doch behalten / Siegfriedens Schwert.
Das trug mein holder Friedel / als ich zuletzt ihn sah,
An dem mir Herzensjammer / vor allem Leide geschah.«
Sie zog es aus der Scheide, / er konnt es nicht wehren.
Da dachte sie dem Recken / das Leben zu versehren.
Sie schwang es mit den Händen, / das Haupt schlug sie ihm ab.
Das sah der König Etzel, / dem es großen Kummer gab.
»Weh!« rief der König: / »wie ist hier gefällt
Von eines Weibes Händen / der allerbeste Held,
Der je im Kampf gefochten / und seinen Schildrand trug!
So feind ich ihm gewesen bin, / mir ist leid um ihn genug.«
Da sprach Meister Hildebrand: / »Es kommt ihr nicht zu gut,
Daß sie ihn schlagen durfte / was man halt mir tut,
Ob er mich selber brachte / in Angst und große Not,
Jedennoch will ich rächen / dieses kühnen Tronjers Tod.«
Hildebrand im Zorne / zu Kriemhilden sprang:
Er schlug der Königstochter / einen Schwertesschwang.
Wohl schmerzten solche Dienste / von dem Degen sie;
Was konnt es aber helfen, / daß sie so ängstlich schrie?
[360] Die da sterben sollten, / die lagen all umher:
Zu Stücken lag verhauen / die Königin hehr.
Dietrich und Etzel / huben zu weinen an
Und jämmerlich zu klagen / manchen Freund und Untertan.
Da war der Helden Herrlichkeit / hingelegt im Tod.
Die Leute hatten alle / Jammer und Not.
Mit Leid war beendet / des Königs Lustbarkeit,
Wie immer Leid die Freude / am letzten Ende verleiht.
Ich kann euch nicht bescheiden, / was seither geschah,
Als daß man immer weinen / Christen und Heiden sah,
Die Ritter und die Frauen / und manche schöne Maid:
Sie hatten um die Freunde / das allergrößte Leid.
Ich sag euch nicht weiter / von der großen Not:
Die da erschlagen waren, / die laßt liegen tot.
Wie es auch im Heunland / hernach dem Volk geriet,
Hier hat die Mär ein Ende: / das ist das Nibelungenlied.