Die Geschichte des zweiten Bettelmönches

[76] Wisse also, o Herrin, ich wurde nicht mit einem Auge geboren, und meine Geschichte ist seltsam; würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, sie wäre eine Warnung für einen jeden, der sich warnen ließe. Ich bin ein König und der Sohn eines Königs, und ich wurde aufgezogen wie ein Prinz. Ich lernte den Koran1 nach den sieben Traditionen kennen, und ich las alle wichtigen Bücher und disputierte über sie mit den Gelehrten und Männern der Wissenschaft;[76] und ich studierte die Sternenkunde und die schönen Aussprüche der Dichter, und ich übte mich auf allen Gebieten der Gelehrsamkeit, bis ich die Menschen meiner Zeit weit hinter mir ließ; die Schönheit meiner Schrift übertraf die der Schreiber, und mein Ruhm drang durch alle Länderstriche und Städte, und alle Könige lernten meinen Namen kennen. Und unter andern hörte auch der König von Hind von mir, und er schickte zu meinem Vater, um mich an seinen Hof zu laden, und sandte Gaben und Geschenke und Seltenheiten, wie sie sich für einen König ziemten. Und mein Vater rüstete sechs Schiffe für mich und mein Volk; und wir stachen in See und segelten einen vollen Monat lang, bis wir das Land erreichten. Da schifften wir die Pferde aus, die mit uns in den Schiffen waren; und wir beluden die Kamele mit den Geschenken für den Fürsten und brachen auf, ins Land hinein. Aber wir hatten erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als, siehe, eine Staubwolke aufstieg und wuchs, bis sie den Horizont versperrte. Nach einer Stunde etwa aber hob sich der Schleier, und wir sahen fünfzig Reiter, anzuschauen wie reißende Löwen, und angetan mit stählernen Panzern. Wir spähten scharf nach ihnen aus, und siehe, es waren Wegelagerer, wild wie wilde Araber. Und als sie sahen, daß wir nur vier Leute waren und bei uns hatten einzig die zehn Kamele mit all den Geschenken, da stürmten sie mit eingelegter Lanze auf uns ein. Wir aber winkten ihnen mit den Händen, um ihnen zu sagen: ›Wir sind Boten des großen Königs von Hind, also tut uns nichts zuleide!‹ Doch sie erwiderten auf die gleiche Weise: ›Wir sind nicht auf seinem Gebiet, noch auch sind wir Untertanen seiner Herrschaft.‹ Und sie fielen über uns her und erschlugen zwei meiner Sklaven und jagten den andern in die Flucht; und auch ich entfloh mit einer Wunde, einer schweren Verletzung, während die Araber mit dem Geld und den Geschenken beschäftigt waren. Und ich zog hin und wußte nicht, wo ich war; und war ich mächtig gewesen, so war ich ohnmächtig geworden; und ich wanderte weiter, bis ich zum Kamm eines Berges kam und Obdach fand vor der Nacht in einer Höhle. Und mit Tagesgrauen brach ich wieder auf, und so ließ ich nicht ab, bis ich in einer schönen und wohlgefüllten Stadt ankam. Nun war es die Zeit, da der[77] Winter abzieht mit seinem Schnee und der Frühling die Welt verwandelt in einen Blütensee, da die Knospen springen und die Ströme klingen und die Vögel süß singen. Und ich freute mich meiner Ankunft, denn ich war müde vom Wege und gelb im Gesicht vor Schwäche und Entbehrung; doch meine Lage war erbarmungswert, und ich wußte nicht, wohin ich mich begeben sollte. So sprach ich einen Schneider an, der in seinem kleinen Laden saß, und grüßte ihn; und er erwiderte meinen Gruß und hieß mich willkommen und wünschte mir Wohlsein und war freundlich, und fragte mich nach dem Anlaß meiner Reise in die Fremde. Und ich erzählte ihm alles von Anfang bis zu Ende; und er nahm teil an meinem Lose und sagte: ›O Jüngling, enthülle niemandem dein Geheimnis: der König dieser Stadt ist der größte Feind deines Vaters, und es schwebt Blutrache zwischen ihnen, und du hast daher Grund, für dein Leben zu fürchten.‹ Und er setzte mir Speise und Trank vor; und ich aß und trank, und er mit mir; und wir sprachen miteinander, bis die Nacht hereinbrach; und da räumte er mir einen Platz in einem Winkel seines Ladens ein und brachte mir Teppich und Decke. Und ich blieb drei Tage lang bei ihm; bis er zu mir sagte: ›Kennst du keinen Beruf, damit du dir den Unterhalt verdienen kannst?‹ ›Ich bin gelehrt im Gesetz,‹ erwiderte ich, ›und ein Schriftgelehrter, bewandert in Künsten und Wissenschaften, und in der Mathematik, und ein Künstler im Schreiben.‹ Er aber versetzte: ›Deine Künste stehen in keinem Ansehen in dieser Stadt, wo keine Seele etwas weiß von den Wissenschaften oder auch nur vom Schreiben oder von irgend etwas außer dem Geldverdienen.‹ Da sagte ich: ›Bei Allah, ich weiß sonst nichts, als was ich dir nannte‹; und er erwiderte: ›Gürte dich und nimm eine Axt und einen Strick, und schlage Holz im Wald, bis Allah dir Errettung sendet; und sage niemandem, wer du bist, damit man dich nicht erschlage.‹ Und er kaufte mir eine Axt und einen Strick und gab mich zu Holzfällern, die er kannte; und mit ihnen zog ich hinaus in den Wald, wo ich Brennholz schlug, den ganzen Tag hindurch, und kam abends zurück mit meinem Bündel auf dem Kopfe. Und ich verkaufte es um einen halben Dinar, und für einen Teil des Geldes erstand ich Lebensmittel und legte den[78] Rest beiseite. Und mit solcher Arbeit verbrachte ich ein volles Jahr; und als es zu Ende war, ging ich eines Tages wieder wie stets in die Wildnis hinaus; und da ich meine Gefährten verließ, kam ich in eine dicht bewachsene Niederung, in der viel Holz wuchs. Und ich drang ein, und ich fand den knorrigen Stamm eines großen Baumes und lockerte rings den Boden und schaufelte das Erdreich fort. Und plötzlich erklang meine Axt auf einem kupfernen Ringe. Da schaffte ich die Erde beiseite, und siehe, der Ring war an einer hölzernen Falltür befestigt. Sie hob ich ab und erblickte darunter eine Treppe. Und ich stieg hinab bis zum Fuß und fand eine Tür, die ich öffnete, und sah mich in einer edlen Halle, stark erbaut und schön gefügt, und darinnen war ein Mädchen gleich einer unschätzbaren Perle; und ihr Anblick verbannte allen Gram und alle Sorge, ihre Sprache heilte die verzweifelte Seele und fing selbst die Wachen und Weisen ein. Ihre Gestalt maß fünf Fuß an Höhe, ihre Wange war ein Garten der Wonne, ihre Farbe von hellem Leuchten, ihr Gesicht wie Tagesanbruch durch Locken gleich düsterer Nacht, und über dem Schnee ihres Busens glitzerten Zähne in Perlenpracht. Und als ich sie erblickte, warf ich mich nieder vor Ihm, der sie geschaffen hatte, weil er sie in solcher Schönheit und Lieblichkeit bildete; und sie schaute mich an und sagte: ›Bist du Mensch oder Dschinni?‹ ›Ich bin ein Mensch‹, erwiderte ich, und sie: ›Wer führte dich an diesen Ort, wo ich seit fünfundzwanzig Jahren lebe, ohne je einen Menschen zu sehen?‹ Sprach ich: ›O meine Herrin, mich führte mein Glück, um mir Sorge und Not zu vertreiben.‹ Und ich erzählte ihr all mein Mißgeschick, und es erschien ihr arg und traurig; und sie weinte und sprach: ›So will auch ich dir meine Geschichte erzählen. Ich bin die Tochter des Königs Ifitamus, des Herrn der Ebenholzinseln; und er vermählte mich mit meinem Vetter, dem Sohn meines Vatersbruders; aber in meiner Hochzeitsnacht griff der Ifrit Dschirdschis bin Radschmus mich auf, der Vetter, das ist der Sohn der Mutterschwester Iblis', des verworfenen Feindes, des Teufels, und er flog wie ein Vogel mit mir davon und setzte mich nieder in dieser Höhle, und brachte hierher alles, was ich brauchte, feine Stoffe und Gewänder, Juwelen und Polster, und[79] Speise und Trank und alles sonst. Und an jedem zehnten Tage kommt er her und weilt eine einzige Nacht bei mir und zieht dann wieder seines Weges; denn er nahm mich ohne die Einwilligung der Seinen; und er hat mit mir vereinbart, wenn ich je seiner bedarf, bei Tag oder Nacht, so brauche ich nur mit der Hand über jene zwei Zeilen zu streichen, die dort in die Nische gegraben sind, und er wird erscheinen, noch ehe ich die Finger wieder hebe. Vier Tage sind jetzt verstrichen, seit er hier war, und da noch sechs Tage sind, ehe er wiederkehrt, so sage, willst du fünf Tage bei mir bleiben und am sechsten Tage, vor seiner Ankunft, gehen?‹ Und ich versetzte: ›Ja, und nochmals ja! O Schönste, wenn dies alles nur nicht ein Traum ist.‹ Sie aber freute sich und sprang auf die Füße und ergriff meine Hand und führte mich durch einen Torbogen in das Hammam, eine schöne, reichgezierte Halle. Und ich legte die Kleider ab und badete, und verließ das Bad; und sie ließ mich sitzen an ihrer Seite auf einem hohen Diwan und brachte mir Scherbette2 mit Moschus darin. Und als ich abgekühlt war vom Bade, setzte sie mir Speise vor, und wir aßen und begannen uns zu unterhalten; dann aber sagte sie zu mir: ›Jetzt lege dich hin und ruhe dich aus, denn wahrlich, du mußt müde sein.‹ Und ich dankte ihr und legte mich nieder und schlief und vergaß, was alles mir widerfahren war. Und als ich erwachte, fühlte ich, wie sie mir die Füße rieb und knetete; und wieder dankte ich ihr und segnete sie, und eine Weile saßen wir im Gespräch beisammen. Und sie sprach: ›Bei Allah, ich war herzenstraurig, denn seit fünfundzwanzig Jahren war ich allein hier unter der Erde gewesen; und Preis sei Allah, der mir jemand sandte, mit dem ich mich unterhalten kann!‹ Und sie fragte: ›O Jüngling, was sagest du zum Weine?‹ und ich versetzte: ›Tu, wie du willst.‹ Und sie trat zu einem Schrank und nahm heraus eine Flasche sehr alten Weines, und schmückte den Tisch mit Blumen und duftigen Kräutern und sang. Und ich dankte ihr, als sie geendet hatte, denn schon waren mir vergangen Not und Angst. Und wir saßen beisammen, plaudernd und zechend, die Nacht durch. Und am folgenden Tage hatte[80] ich schon so reichlich getrunken, daß ich nicht mehr Herr meiner Sinne war; und ich stand auf und stolperte rechts und links, und sagte: ›Komm, meine Zauberin, ich will dich hinauftragen aus diesem Gewölbe und dich vom Banne deines Ifriten befreien.‹ Sie aber lachte und sagte: ›Sei genügsam und gib Frieden; von zehn Tagen gehört dem Ifriten nur einer und dir der Rest.‹ Sprach ich (und wahrlich, der Wein beherrschte mich): ›Noch diesen Augenblick will ich die Nische da zertrümmern, in die der Talisman gegraben ist, und den Ifriten rufen, daß ich ihn töte, denn ich bin ein Ifritentöter!‹ Als aber sie meine Worte hörte, wurde sie bleich und sagte: ›Bei Allah, nein!‹ Und ich hörte wohl ihre Worte, aber ich achtete ihrer nicht; ja, ich hob den Fuß und stieß gewaltig gegen die Nische. Als ich aber, o Herrin, mit dem Fuß nach der Nische trat, siehe, da wurde die Luft plötzlich dunkel, und es erhob sich ein Donnern und Blitzen; die Erde zitterte und bebte, und alles wurde unsichtbar. Und im Nu vergingen die Dünste des Weines in meinem Kopf, und ich rief: ›Was ist?‹ und sie versetzte: ›Der Ifrit ist über uns! Habe ich dich nicht gewarnt? Bei Allah, du hast mich ins Verderben gestürzt; aber fliehe jetzt um dein Leben und eile hinauf, wie du herabkamst!‹ Und so sprang ich die Treppe hinauf; aber im Übermaß meiner Furcht vergaß ich Sandalen und Axt. Und als ich zwei Stufen hinter mir hatte, kehrte ich um und wollte sie holen, und siehe, die Erde riß auseinander, und heraus stieg ein Ifrit, ein scheußliches Ungeheuer, und sprach zu dem Mädchen: ›Was soll dieser Lärm und Aufruhr, mit dem du mich störst? Welches Unglück ist dir widerfahren?‹ ›Mir ist kein Unglück widerfahren,‹ versetzte sie, ›nur wurde mir die Brust zu eng, und das Herz war mir schwer vor Trauer; so trank ich ein wenig Wein, um sie mir weit zu machen und ein Herz zu fassen; und als ich aufstand, um einem Ruf der Natur zu folgen, war mir der Wein zu Kopf gestiegen, und ich fiel in die Nische.‹ ›Du lügst, du Hexe,‹ kreischte der Ifrit; und er blickte sich um in der Halle, nach rechts und nach links, bis er die Axt und die Sandalen sah, und sagte: ›Was ist dies anders als der Besitz eines Sterblichen, der in deiner Gesellschaft war?‹ Und sie erwiderte: ›Nie habe ich sie bis zu diesem Augenblick gesehen:[81] du mußt sie selber mitgebracht haben, an deinem Gewande hängend.‹ Sprach der Ifrit: ›Deine Worte sind Unsinn, du Hexe, du Dirne!‹ Und er zog sie nackt aus und legte sie auf den Boden und band sie mit Händen und Füßen an vier Pflöcke, wie eine Gekreuzigte, und er folterte sie und suchte sie zum Geständnis zu bringen. Und ich ertrug es nicht mehr, dazustehen und ihr Schreien und Stöhnen anzuhören; so stieg ich, bebend vor Furcht, die Treppe hinauf; und als ich oben ankam, legte ich die Falltür wieder darüber und deckte sie mit Erde zu. Und ich bereute, was ich getan hatte, in äußerster Reue; und ich dachte an das Mädchen und ihre Schönheit und Lieblichkeit, und an die Foltern, die sie erdulden mußte von dem verfluchten Ifriten, nachdem sie fünfundzwanzig Jahre so ruhig dahingelebt hatte; und alles, was ihr geschah, war um meinetwillen. Ich dachte an meinen Vater und seine Königswürde, und daran, daß ich ein Holzfäller geworden war; und wie mir die Welt so kurze Zeit heiter gewesen und nun von neuem wild und trüb geworden war.Und ich ging hin, bis ich das Haus meines Freundes, des Schneiders, erreichte; und ich fand ihn in ängstlicher Erwartung meiner, denn er saß, wie man zu sagen pflegt, um meinetwillen auf glühenden Kohlen.Und als er mich sah, rief er aus: ›Die ganze Nacht hindurch ist mir das Herz schwer gewesen, denn ich fürchtete wilde Tiere oder anderes Unheil für dich.Jetzt aber Preis sei Allah für deine Rettung!‹ ich dankte ihm für seine freundliche Sorge und zog mich meinen Winkel zurück und grübelte nach über das, was mir begegnet war; und ich tadelte und schalt mich um meiner zügellosen Narrheit willen, und weil ich nach der nische getreten hatte. Und ich zog mich noch so zur Rechenschaft, als, siehe, mein Freund, der Schneider zu mir kam und sagte: ›O Jüngling, im Laden steht ein Greis, ein perser, der dich sucht; er hat dein Beil und deine Sandalen, die er zu den Holzfällern gebracht hat, indem er ihnen sagte: ›Ich ging aus um die Zeit, da der Muezzin3 zum Morgengebet zu rufen begann, und da fand ich diese Dinge, und ich weiß nicht, wem sie gehören; zeigt mir also ihren Eigentümer.‹ Und[82] die Holzfäller erkannten deine Axt und wiesen ihn her: er sitzt im Laden, so geh und dank ihm, und nimm deine Axt und deine Sandalen.‹ Als ich aber diese Worte hörte, wurde ich gelb vor Angst, und ich fühlte mich wie von einem Schlag betäubt; und ehe ich mich noch erholen konnte, siehe, da tat sich der Boden meines Gemaches auf, und empor stieg der Perser, der Ifrit. Er hatte das Mädchen mit den schlimmsten Foltern gefoltert, aber sie wollte ihm nichts gestehen; da hatte er das Beil genommen und die Sandalen und zu ihr gesagt: ›So wahr ich Dschirdschis bin aus dem Samen des Iblis, ich werde dir den hierherbringen, dem diese Sachen gehören!‹ Und er war unter dem genannten Vorwand zu den Holzfällern gegangen, und als man ihn an mich verwiesen hatte, wartete er erst eine Weile im Laden, bis er sich vergewissert hatte, daß die Sachen mir gehörten; und dann raffte er mich hinweg, wie ein Falke eine Maus hinwegrafft, und trug mich hoch in die Luft empor; bald aber senkte er sich wieder und drang mit mir bis unter die Erde hinab (ich aber war derweilen ohne Besinnung), und schließlich setzte er mich nieder in dem unterirdischen Palast, in dem ich jene fröhliche Nacht verlebt hatte. Und dort sah ich das Mädchen, nackt, die Glieder gefesselt an vier Pflöcke, und von ihren Seiten tropfte das Blut. Bei dem Anblick liefen mir die Augen von Tränen über; der Ifrit aber deckte sie zu und sagte: ›Nun, Dirne, ist nicht dieser dein Geliebter?‹ Und sie sah mich an und sagte: ›Ich kenne ihn nicht und habe ihn nie gesehen!‹ Sprach der Ifrit: ›Was! Diese Folter und noch kein Geständnis?‹ Und sie: ›Ich habe diesen Mann, seit ich geboren ward, niemals gesehen, und es ist vor Allahs Augen unrecht, Lügen über ihn zu sagen.‹ ›Wenn du ihn nicht kennst,‹ erwiderte der Ifrit, ›so nimm dies Schwert und schlage ihm den Kopf ab.‹ Un sie nahm das Schwert in die Hand und trat dicht zu mir; und ich winkte ihr mit den Augen, und die Tränen strömten mir die Wange herab. Sie aber verstand mich und erwiderte gleichfalls durch Zeichen: ›Wie konntest du all dies Unheil über mich bringen?‹ Und ich versetzte ebenso: ›Dies ist die Stunde des Erbarmens und der Verzeihung.‹ Und da, o Herrin, warf das Mädchen das Schwert beiseite und sagte: ›Wie soll ich einen töten, von dem ich nicht weiß[83] und der mir kein Übel antat?‹ Sprach der Ifrit: ›Es wird dir schwer, den Geliebten zu erschlagen; und nur weil du ihn lieb hast, erduldest du diese Folter und weigerst das Geständis. Jetzt ist es mir klar, daß nur Gleiches sich liebt und Mitleid miteinander hat.‹ Und er wandte sich zu mir und sagte: ›Kennst auch du die Frau hier nicht?‹ worauf ich fragte: ›Und wer mag sie sein? Ich sah sie nie bis diesen Augenblick.‹ ›Dann‹, sprach er, ›nimm das Schwert und schlage ihr den Kopf ab, so will ich dir glauben, daß du sie nicht kennst, und will dich gehen lassen und dir nichts antun.‹ Und ich erwiderte: ›Ich will es tun‹; und ich nahm das Schwert und ging rasch auf sie zu und hob die Hand, um sie zu treffen. Sie aber winkte mir zu mit den Brauen: ›Habe ich es an Liebe zu dir fehlen lassen? Und vergiltst du sie mir so?‹ Und ich verstand ihre Blicke und sagte auf die gleiche Weise: ›Ich opfere meine Seele für dich.‹ Und meine Augen füllten sich mit Tränen, und ich warf das Schwert aus der Hand und sagte: ›O mächtiger Ifrit und Held, wenn eine Frau, der es doch an Verstand und Glauben gebricht, es schon für unrecht hält, mir meinen Kopf zu nehmen, wie sollte es für mich da recht sein, einen Mann, den Kopf ihr abzuschlagen, die ich nie in meinem Leben sah? Ich kann so arge Tat nicht tun, wenn du mir auch den Becher des Todes und des Verderbens zu trinken gibst.‹ Da sprach der Ifrit: ›Ihr beide zeigt das Einverständis zwischen euch gar gut; doch sehen sollt ihr, wie die Dinge enden.‹ Und er nahm das Schwert und schlug ihr, mit vier Hieben, erst die Hände ab und dann die Füße; und ich sah zu und machte mich auf den Tod gefaßt, und sie sagte mir mit sterbenden Augen Lebewohl. Und der Ifrit holte aus, daß ihr Kopf davonflog. Dann aber wandte er sich zu mir und sagte: ›O Sterblicher, ich kann dich nicht ohne Strafe ziehen lassen; also bitte mich um eine Gnade.‹ Und ich freute mich, o meine Herrin, in höchster Freude und fragte: ›Welche Gnade soll ich mir von dir erbitten?‹ Er versetzte: ›Sage mir, in welches Tier ich dich verwandeln soll? Willst du ein Hund sein oder ein Esel oder ein Affe?‹ Ich erwiderte (und wahrlich, ich hatte gehofft, mir werde Gnade zuteil): ›Bei Allah, schone mich, daß Allah dich verschone, weil du einen Menschen und Moslem schontest, der dir niemals unrecht tat.‹[84] Und ich demütigte mich vor ihm in äußerster Demut und blieb vor ihm stehen und sagte: ›Ich bin in arger Not.‹ Er aber rief: ›Rede jetzt keine langen Reden! Es steht in meiner Macht, dich zu erschlagen; doch ich gebe dir die Wahl.‹ Und ich sprach: ›O du Ifrit, es würde dir gut anstehen, mir zu vergeben.‹ Sprach der Ifrit: ›Zieh deine Worte nicht in die Länge, und fürchte nicht, aß ich dich erschlage; aber dem Zauber sollst du nicht entgehen.‹ Und er riß mich vom Boden, der sich unter meinen Füßen schloß, und flog mit mir in den Himmel, bis ich die Erde nur noch wie eine weiße Wolke sah oder wie eine Schüssel inmitten der Wasser. Und er setzte mich nieder auf einem Berge und nahm etwas Staub in die Hand und murmelte magische Worte darüber, bewarf mich damit und sprach: ›Verlasse diese Gestalt, und nimm die Gestalt eines Affen an!‹ Und im Nu wurde ich zu einem Affen, einem schwanzlosen Pavian, dem Sohn von hundert Jahren. Und als er mich verlassen hatte und ich mich sah in Dieser häßlichen und hassenswerten Gestalt, da weinte ich um mich; doch ich ergab mich in die Tyrannei der Zeit und des Geschehens, denn ich wußte wohl, daß das Schicksal keinem Menschen gerecht und treu bleibt. Und ich stieg nieder vom Berge und fand am Fuße eine Wüste, breit und weit, und ich durchzog sie in der Zeit eines Monats, bis ich zum Rande des Salzmeers kam. Und nachdem ich dort eine Weile gestanden hatte, wurde ich ein Schiff gewahr, das vor einem schönen Winde lief und auf die Küste steuerte; und ich verbarg mich hinter einem Felsen am Strande und wartete, bis das Schiff näher kam, und dann sprang ich an Bord. Es war voller Kaufleute und Reisender, und einer von ihnen rief: ›Kapitän, dies Unglückstier wird uns Arges bringen!‹ und ein andrer sagte: ›Werft das Unglücksvieh über Bord!‹ und er Kapitän: ›Wir wollen es töten!‹ und ein vierter: ›Ersäuft es!‹ ein fünfter: ›Erschießt es mit einem Pfeil!‹ Aber ich sprang auf und ergriff den Saum des Kapitäns und vergoß Tränen, die mir die Backen herunterlief. Da hatte der Kapitän Mitleid mit mir und sagte: ›Ihr Kaufleute, dieser Affe hat um meinen Schutz gebeten, und ich werde ihn schützen; hinfort steht er unter meiner Obhut; drum mag niemand ihm Arges antun, oder es gibt böses Blut zwischen uns!‹[85] Und er behandelte mich freundlich; und was er auch sagte, verstand ich, und ich sorgte für all seine Bedürfnisse und diente ihm als wie ein Diener, wenn auch meine Zunge nicht mehr meinen Wünschen gehorchte, so daß er mich zu lieben begann. Und das Schiff fuhr weiter, denn der Wind war gut, und segelte an die fünfzig Tage; und schließlich warfen wir Anker unter den Mauern einer großen Stadt, darin eine Welt von Menschen war, und besonders Gelehrte, und niemand als Allah vermochte ihre Zahl zu sagen. Kaum aber waren wir angekommen, so besuchten uns Mamelucken, Würdenträger des Königs der Stadt; und als sie an Bord waren, grüßten sie die Kaufleute, beglückwünschten sie zu sicherer Ankunft und sagten: ›Unser König heißt euch willkommen und sendet euch diese Rolle Papier, daß ein jeder von euch eine Zeile darauf schreibe. Denn ihr müßt wissen, des Königs Minister, ein berühmter Schreiber, starb, und der König hat einen feierlichen Eid geschworen, daß er niemanden an seiner Stelle zum Vezier ernennen werde, der nicht ebensogut schreibt wie er.‹ Und er gab uns die Rolle, die zehn Ellen lang war und eine breit; und jeder der Kaufleute, der schreiben konnte, schrieb eine Zeile darauf; und dann sprang ich auf (noch immer in der Gestalt eines Affen) und riß die Rolle aus ihren Händen. Sie aber fürchteten, ich würde sie zerreißen oder vom Schiffe werfen, und also versuchten sie mich zu greifen und zu scheuchen, aber ich gab ihnen durch meine Winke zu verstehen, daß ich schreiben könnte; und alle staunten und sagten: ›Noch nie sahen wir einen Affen schreiben.‹ Doch der Kapitän rief aus: ›Laßt ihn schreiben; wenn er kritzelt und kratzelt, so werfen wir ihn hinaus und töten ihn; aber wenn er schön und kunstvoll schreibt, so will ich ihn als Sohn annehmen, denn wahrlich, nie sah ich einen intelligenteren und wohlerzogeneren Affen als ihn. Wollte der Himmel, mein wirklicher Sohn wäre ihm gewachsen in Manieren und Sitten.‹ Und ich nahm den Griffel und streckte die Pfote aus und tauchte ihn in die Tinte und schrieb in der Schrift, die man für Schreiben nimmt:


Die Zeit verzeichnet die Gaben der Großen – Doch deine noch niemand, du höchster Berater;

Nie mache Allah durch deinen Verlust uns zu Waisen – Du Mutter der Güte, der Gnade Vater.[86]


Und ich schrieb weiter in größeren, anmutig geschwungenen Lettern. Und ich gab den Würdenträgern die Rolle, und sie trugen sie zum König. Und als er sie sah, gefiel ihm keine Schrift so gut wie meine; und er sagte zu den versammelten Großen: ›Geht, sucht mir den Schreiber dieser Zeilen, und kleidet ihn in ein glänzendes Ehrengewand, und setzet ihn auf eine Mauleselin, und ihm vorauf laßt eine Schar von Flötenspielern ziehen, und führt ihn vor mich her.‹ Bei diesen Worten aber lächelten sie, und der König erzürnte sich und rief: ›Verfluchte! ich gebe euch Befehle, und ihr lacht?‹ ›O König,‹ erwiderten sie, ›wenn wir lachen, so lachen wir nicht über dich und nicht ohne Grund.‹ ›Und welches ist der Grund?‹ fragte er; und sie versetzten: ›O König, du befiehlst uns, den Menschen vor dich zu führen, der diese Zeilen schrieb; nun aber ist der, der sie schrieb, keiner von den Adamssöhnen, sondern ein Affe, ein schwanzloser Pavian, der dem Schiffskapitän gehört.‹ Sprach er: ›Ist das wahr, was ihr mir sagt?‹ Und sie: ›Ja, bei den Rechten deiner Herrlichkeit!‹ Und der König staunte über ihre Worte schüttelte sich vor Vergnügen und sagte: ›Ich möchte diesen Affen von dem Kapitän erstehen.‹ Und er schickte Boten auf das Schiff, mit der Eselin, dem Ehrengewand, den Wachen und den Trommlern; und er sagte: ›Kleidet ihn trotzdem ein in das Ehrengewand, und setzet ihn auf das Maultier, und laßt ihn von den Wachen umgeben und ihm die Trommler voraufziehn.‹ Und sie kamen zum Schiff und nahmen mich dem Kapitän und kleideten mich in das Ehrengewand und setzten mich auf die Eselin und führten mich im Staatsprunk durch die Straßen; und das Volk war verblüfft und belustigt, und einer sagte zum andern: ›Hallo! will unser Sultan einen Affen zum Minister machen?‹ Und sie drängten herbei, um mich zu sehen, und die Stadt war in Aufruhr um meinetwillen. Als sie mich aber zum König brachten und vor ihn führten, küßte ich dreimal den Boden vor ihm, und einmal vor dem Oberkämmerer und den hohen Würdenträgern; und er hieß mich sitzen, und ich ließ mich nieder aus Ehrfurcht auf Knie und Schienbein, und alle, die anwesend waren, staunten ob meiner Höflichkeit, und am meisten von allen der König. Da befahl er den Großen des Reichs, sich zurückzuziehen;[87] und als niemand mehr da war außer der Majestät des Königs, dem Eunuchen, der die Wache hatte, und einem kleinen weißen Sklaven, da befahl er, mir den Tisch mit den Speisen vorzusetzen; und darauf lagen allerlei Vögel, hüpfende und fliegende. Und er winkte mir, mit ihm zu essen; so stand ich auf und küßte vor ihm den Boden und setzte mich hin und aß mit ihm. Und als man abtrug, wusch ich mir die Hände in sieben Wassern. Und man brachte dem König erlesene Weine in gläsernen Flaschen, und er trank; und er reichte auch mir den Becher, und ich küßte den Boden und trank. Und der König rief nach dem Schachspiel und sagte: ›Sprich, willst du mit mir spielen?‹ Und ich nickte mit dem Kopfe ein: ›Ja.‹ Und ich trat vor und ordnete die Figuren und spielte mit ihm zwei Spiele, die ich beide gewann. Und er war sprachlos vor Staunen und sagte zu seinem Eunuchen: ›O Mukbil, gehe zu deiner Herrin, zu Sitt al-Husn4, und sagte zu ihr: ›Komm, sprich mit dem könig, der dich entbietet, um dich durch den Anblick eines wunderbaren Affen zu ergötzen!‹

Und der Eunuch ging hin und kehrte alsbald mit der Herrin zurück, die mich kaum sah, so verhüllte sie das Gesicht und sagte: ›O mein Vater! hast du jeden Sinn für die Ehre verloren? Wie kommt es, daß es dir gefällt, nach mir zu senden und mich fremden Männern zu zeigen?‹ ›O Sitt al-Husn,‹ erwiderte er, ›hier ist niemand außer diesem kleinen Mamelucken, dem Eunuchen, der dich aufzog, und mir, deinem Vater. Vor wem also verschleierst du dein Angesicht?‹ Und sie versetzte: ›Der, den du für einen Affen hältst, ist ein höflicher und kluger Jüngling, weise und gelehrt, der Sohn eines Königs; aber er ist verzaubert, und der Ifrit Dschirdschis aus dem Samen des Iblis warf einen Zauber über ihn, nachdem er sein eignes Weib getötet hatte, die Tochter des Königs Ifitamus, des Herrn der Ebenholzinseln.‹ Und der König staunte über die Worte seiner Tochter und fragte zu mir gewandt: ›Ist das wahr, was sie von dir sagt?‹ Und ich nickte mit dem Kopf die Antwort: ›Ja, wahrlich‹; und weinte sehr. Da fragte er seine Tochter: ›Woher weißt du, daß er verzaubert ist?‹ und sie versetzte: ›Mein teurer Vater, in meiner Jugend war eine alte Frau um mich, eine schlaue und[88] weise, und eine Hexe dazu, und sie lehrte mich die Kunde von der Magie und ihre Ausübung; und ich schrieb mir nieder, was sie mich lehrte, und wurde zur Meisterin in ihrer Kunst, und ich vertraute dem Gedächtnis einhundertundsiebenzig Kapitel von Zauberformeln an, durch deren geringste ich die Steine der Stadt fortschaffen könnte hinter den Kreisstrom des Ozeans, oder ich könnte das Land, darauf sie steht, in einen Abgrund des Meeres verwandeln, und ihre Bewohner in Fische, die darin schwimmen.‹ ›O meine Tochter,‹ sagte ihr Vater, ›ich beschwöre dich bei meinem Leben, entzaubere diesen Jüngling, auf daß ich ihn zu meinem Vezier machen und dir vermählen kann, denn er ist wahrlich scharfsinnig und tiefgelehrt.‹ ›Mit Freude und großer Lust‹, versetzte sie; und sie ergriff ein Messer, auf dessen Schneide in hebräischen Lettern der Name Allahs stand, und sie umschrieb einen weiten Kreis inmitten der Halle des Palastes, und hinein schrieb sie in kufischen Lettern geheimnisvolle Namen und Talismane; und sie sprach Worte und murmelte Zauber, von denen wir manche verstanden und andere nicht. Und plötzlich wurde die Welt vor unsern Augen dunkel, und wir glaubten, der Himmel werde uns auf die Köpfe fallen, und siehe, der Ifrit erschien in eigner Gestalt. Seine Hände waren wie vielzinkige Heugabeln, seine Beine wie die Masten großer Schiffe, und seine Augen wie Leuchtfeuer glänzender Flammen. Wir waren in furchtbarer Angst; des Königs Tochter aber schrie ihn an: ›Kein Willkommen für dich und keinen Gruß, du Hund!‹ Und er verwandelte sich in die Gestalt eines Löwen und sagte: ›Verräterin, weshalb hast du den Eid gebrochen, den wir uns schworen, daß einer den andern niemals hindern sollte?‹ ›O Verfluchter,‹ erwiderte sie, ›wie konnte es zwischen mir und deinesgleichen Pakte geben?‹ Und er rief: ›Nimm, was du selber über dich brachtest‹; und der Löwe stürzte mit offenem Rachen auf sie zu; aber sie war schneller als er und riß sich ein Haar aus dem Kopf und schwenkte es durch die Luft und murmelte dazu: und das Haar wurde alsbald zu einer scharfen Schwertklinge, damit sie den Löwen traf und ihn durchschnitt. Und die beiden Hälften flogen durch die Luft davon, und der Kopf verwandelte sich in einen Skorpion, und die Prinzessin wurde zu einer riesigen Schlange und[89] schoß auf den Skorpion zu, und die beiden rangen und umschlangen sich, und sie entwirrten sich wieder, und der harte Kampf währte mindestens eine Stunde. Da aber verwandelte sich der Skorpion in einen Geier, und die Schlange wurde zu einem Adler, der sich auf den Geier warf und ihn eine Stunde lang jagte, bis er zu einem schwarzen Kater wurde, der miaute und fauchte und spie. Der Adler aber verwandelte sich in einen scheckigen Wolf, und lange kämpften die beiden im Palaste, und als der Kater sich besiegt sah, verwandelte er sich in einen Wurm und kroch in eine große rote Granate, die mitten in der Halle neben dem Speibrunnen lag. Und die Granate schwoll in der Luft zur Größe einer Wassermelone an, und sie fiel auf das Pflaster der Halle nieder und brach in Stücke, und all die Samenkörner rollten verstreut auseinander, bis sie den ganzen Boden bedeckten. Und der Wolf schüttelte sich und wurde zu einem schneeweißen Hahn, der die Kerne aufzupicken begann und keinen übriglassen wollte; aber das Schicksal hatte bestimmt, daß ein Kern unter den Rand des Brunnens rollte und dort verborgen lag. Und der Hahn begann zu krähen und mit den Flügeln zu schlagen und uns Zeichen zu geben mit dem Schnabel, als frage er: ›Sind noch Kerne übrig?‹ Aber wir verstanden nicht, was er meinte, und er krähte uns so laut an, daß wir dachten, der Palast müsse stürzen. Und er lief hin und her und suchte, bis er das Korn sah, das zum Brunnenrand gerollt war; und begierig sprang er darauf zu, um es zu picken, als, siehe, der Ifrit mitten ins Wasser flog und zu einem Fisch wurde und niedertauchte auf den Boden des Beckens. Da verwandelte der Hahn sich in einen großen Fisch und tauchte dem andern nach, und die beiden verschwanden auf eine Weile, und siehe, wir hörten lautes Kreischen und Schmerzensschreie, vor denen wir zitterten. Und plötzlich stieg der Ifrit aus dem Wasser empor, und er war wie eine brennende Flamme; er spie Feuer und Rauch aus Nase und Mund und Augen. Und sofort stieg auch die Prinzessin aus dem Becken empor, und sie war eine einzige lebende Kohle flammender Lohe; und diese beiden, sie und er, rangen eine Stunde lang, bis ihre Feuer sie ganz umfingen und ihr dichter Rauch den Palast erfüllte. Wir aber rangen nach Atem und erstickten fast, und es verlangte[90] uns, ins Wasser hinabzutauchen, um nicht verbrannt und ganz vernichtet zu werden; und der König rief: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Wahrlich, wir sind Allahs, und ihn kehren wir zurück! Wollte der Himmel, ich hätte meine Tochter nicht gedrängt, die Entzauberung dieses Affen zu versuchen!‹ Ich aber, o meine Herrin, war stumm und machtlos, ihm ein Wort zu sagen. Und plötzlich, ehe wir uns dessen versahen, heulte der Ifrit unter seinen Flammen hervor, und er drang auf uns ein, als wir auf der Estrade standen, und er blies uns Feuer in das Gesicht. Das Mädchen aber holte ihn ein, und sie fauchte ihm Flammenlohe in das Antlitz, und die Funken von ihr und von ihm regneten über uns nieder, und ihre Funken taten uns keinen Schaden, aber einer von seinen Funken fiel mir ins Auge und brannte es aus und machte mich zu einem einäugigen Affen; und ein zweiter fiel auf des Königs Gesicht und verzehrte die untere Hälfte, so daß sein Bart verbrannte und die untern Zähne ihm aus dem Munde fielen; und ein dritter fiel auf des Eunuchen Brust und tötete ihn sofort. Und wir verzweifelten an unserm Leben und machten uns schon auf den Tod gefaßt, als siehe! eine Stimme die Worte sprach: ›Allah ist der Sehr Hohe! Allah ist der Sehr Hohe! Hilfe und Sieg einem jeden, der an die Wahrheit glaubt; und Schmach und Enttäuschung allen, die da nicht glauben an das Bekenntnis des Propheten, des Mondes der Gläubigkeit.‹ Und die sie sprach, war die Prinzessin, die den Ifriten verbrannt hatte, und er war zu einem Häufchen Asche geworden. Und sie trat zu uns und sagte: ›Reicht mir eine Schale Wassers.‹ Und man brachte sie ihr, und sie sprach Worte darüber, die wir nicht verstanden, und sie besprengte mich damit und rief: ›Kraft der Wahrheit und beim allerhöchsten Namen Allahs befehle ich dir, daß du in deine einstige Gestalt zurückkehrst.‹ Und siehe, ich schüttelte mich und wurde ein Mensch wie zuvor, nur daß ich ein Auge völlig verloren hatte. Sie aber rief: ›Das Feuer! das Feuer! O teurer Vater, ein Pfeil des Verfluchten traf mich zu Tode, denn ich bin nicht gewohnt, mit dem Dschinni zu kämpfen; wenn er ein Mensch gewesen wäre, so hätte ich ihn gleich zu Anfang erschlagen. Ich war nicht in Not, bis die Granate[91] platzte und bis sich die Kerne verstreuten; doch ich vergaß den einen, in dem das innerste Leben des Dschinni stak. Hätte ich diesen aufgepickt, er wäre alsbald gestorben, aber das Schicksal bestimmte, daß ich ihn nicht sah; so fiel er unversehens über mich her, und zwischen ihm und mir entspann sich unter der Erde und hoch in der Luft und im Wasser ein Ringen; und sooft ich ein neues Tor gegen ihn auftat, tat er ein anderes Tor auf, das stärker war, und schließlich tat er das Tor des Feuers auf, und wenige nur entkamen, gegen die das Tor des Feuers geöffnet ward. Aber das Schicksal wollte, daß meine List siegte über seine List; und ich verbrannte ihn zu Tode, nachdem ich ihn eitel gewarnt hatte, sich zum Al-Islam zu bekehren. Ich aber bin des Todes, und Allah stehe bei dir an meiner Statt!‹ Und sie erflehte Hilfe vom Himmel und ließ nicht ab, um Erlösung vom Feuer zu beten, und siehe, ein schwarzer Funke schoß ihr von den bekleideten Füßen empor zu den Schenkeln und zu ihrer Brust und in das Gesicht. Und als er ihr Antlitz erreichte, da weinte sie und rief: ›Ich zeuge, es gibt keinen Gott als den Gott, und Mohammed ist Gottes Prophet!‹ Und wir sahen sie an und erblickten nichts als ein Häufchen Asche zu seiten des Häufchens Asche, das der Ifrit gewesen war. Und wir trauerten, und ich wünschte, ich wäre an ihrer Stelle gewesen, so hätte ich nicht gesehen, wie ihr liebliches Antlitz, das mir so wohlgetan hatte, zu Asche wurde; aber es gibt keinen Widerspruch gegen den Willen Allahs. Und als der König seiner Tochter furchtbaren Tod erblickte, riß er sich aus, was von seinem Bart noch blieb, und er schlug sich das Antlitz und zerriß sich das Kleid; und ich tat das gleiche, und beide weinten wir über sie. Herein aber traten die Kämmerlinge und Großen, und sie waren entsetzt, als sie zwei Häufchen Asche sahen und den König in Ohnmacht; und sie umstanden ihn, bis er erwachte und ihnen erzählte, was seine Tochter betroffen hatte; und schwer war ihr Gram, und die Frauen und Sklavinnen wehklagten und schrien und ließen nicht ab von ihren Klagen sieben Tage lang. Und der König ließ über seiner Tochter Asche ein großes, gewölbtes Grab erbauen und Wachskerzen darin brennen und Totenlampen; des Ifriten Asche aber streuten sie in alle Winde und empfahlen ihn dem Fluche Allahs.[92] Und der König erkrankte an einer Krankheit, die ihn einen Monat lang am Rande des Grabes festhielt; und als die Gesundheit wiederkehrte und ihm der Bart wieder wuchs und er durch Allahs Gnade zum Al-Islam bekehrt war, schickte er nach mir und sagte: ›O Jüngling, das Schicksal hatte das glücklichste Leben für uns bestimmt, sicher vor allen Wechselfällen der Zeit, bis du zu uns kamst, und mit dir die Not. Wollte der Himmel, wir hätten dich nie gesehen, noch auch dein ekles Gesicht! Denn wir hatten Mitleid mit dir, und darum verloren wir unser alles. Ich habe um deinetwillen meine Tochter verloren, die mir wohl hundert Männer wert war; und zweitens erduldete ich, was mich kraft des Feuers traf, und den Verlust meiner Zähne, und auch mein Eunuche wurde erschlagen. Ich tadle dich nicht, denn es stand nicht bei dir, all dies zu hindern: das Schicksal Allahs lag so über dir wie uns, und dank dem Allmächtigen, daß meine Tochter dich erlöste, wenn sie auch ihr Leben dabei verlor! So ziehe aus, mein Sohn, aus dieser meiner Stadt, und laß dir genügen an dem, was uns durch dich befiel, ob es uns auch bestimmt war. Ziehe hin in Frieden; und wenn ich dich je wiedersehe, so will ich dich wahrlich erschlagen.‹ Und er schrie mich an, und ich so zog ich fort, o meine Herrin, und weinte bitterlich und glaubte kaum an meine Rettung und wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. Und ich dachte an alles, was mir widerfahren war: wie ich den Schneider getroffen hatte; und das Mädchen besucht in dem unterirdischen Palast; und wie ich dem Ifriten entgangen war, nachdem er mich schon hatte töten wollen; und wie ich die Stadt als ein Affe betreten hatte, und sie noch einmal als Mensch verließ. Und ich dankte Allah und sagte: ›Mein Auge und nicht mein Leben!‹ und ehe ich die Stadt verließ, ging ich ins Bad und schor mir so Haar wie Bart und Augenbrauen; und ich streute mir Asche aufs Haupt und legte das rauhe, schwarze Gewand eines Bettelmönchs an. Und ich zog aus, o Herrin, und jeden Tag sann ich nach über all das Unheil, das mir widerfahren war. Und dann zog ich durch viele Gegenden, und ich sah manche Stadt und wollte nach Bagdad, um im Hause des Friedens bei dem Herrscher der Gläubigen Gehör zu suchen und ihm alles zu erzählen, was mir widerfahren war. Und[93] ich kam an heute abend und traf meinen Bruder in Allah, den ersten Mönch hier, wie er dastand gleich einem, der ratlos ist. Und ich grüßte ihn und sprach: ›Mit dir sei Friede,‹ und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Und zu uns trat unser Bruder, der dritte Mönch, und sagte: ›Friede sei mit euch! Ich bin ein Fremder‹; und wir erwiderten: ›Auch wir sind Fremde und kamen her in dieser gesegneten Nacht.‹ Und wir gingen weiter zu dritt, und keiner kannte des anderen Geschichte, bis uns das Schicksal an diese Tür trieb und wir zu euch kamen. Und das ist meine Geschichte und der Grund, weshalb ich mir Haar und Bart schor und mein Auge verlor.‹

Und die Herrin des Hauses sprach: ›Wahrlich, deine Geschichte ist wunderbar; also reibe den Kopf und geh deines Weges‹; doch er versetzte: ›Ich will mich nicht rühren, bis ich die Geschichte meines Gefährten hörte.‹ Und hervor trat der dritte der Mönche und sagte: ›Erlauchte Herrin! meine Geschichte ist nicht wie die der Gefährten, sondern weit wunderbarer und erstaunlicher noch. Bei ihnen kam das Verhängnis und Schicksal unversehens über sie; ich aber zog das Verhängnis selber auf das eigne Haupt herab und brachte Trauer über die eigne Seele; und so schor ich mir den eignen Bart und verlor das eigne Auge. Höre also

Fußnoten

1 Verkündigung, das Buch, in dem die von Mohammed verkündigten Offenbarungen aufgezeichnet wurden. Die Aufzeichnungen geschahen erst nach dem Tode des Propheten, teils aus mündlicher, teils aus schriftlicher Überlieferung, woraus sich die verschiedenen Traditionen erklären.


2 Limonade aus dem Saft des Granatapfels, Zitronensäure und Zucker, oft mit Eis oder Schnee gekühlt.


3 Ein Moscheebeamter, der von dem Turme (Minarett) der Moschee fünfmal am Tage die Aufforderung zum Gebet singt.


4 Herrin der Schönheit.


Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 76-94.
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