Die Geschichte von Dschulnar, der Meermaid, und ihrem Sohn, dem König Badr-Basim von Persien

[163] In alten Zeiten und längst verschollenen Vergangenheiten lebte im Lande Adscham1 ein König, namens Schahriman, und seine Residenz befand sich in Khorasan. Ihm gehörten hundert Nebenfrauen, aber durch keine von ihnen war er zeit seines Lebens mit dem Gnadengeschenk eines Kindes gesegnet worden, weder eines Knaben noch eines Mädchens. Eines Tages unter den Tagen nun dachte er dessen, und er hub an zu klagen, dieweil der[163] größere Teil seines Lebens verstrichen war, und immer noch war ihm kein Sohn gewährt, der das Königreich nach ihm hätte erben können, wie er es von seinen Vätern und Vorvätern geerbt hatte; deshalb machte er sich Sorge und Kummer und großen Gram. Als er nun so dasaß, trat einer seiner Mamelucken zu ihm ein und sprach: ›O mein Herr, an der Tür steht eine Sklavin mit ihrem Händler, eine schönere hat kein Auge je gesehen.‹ Sprach der König: ›Her mit Händler und Mädchen!‹ Und beide traten zu ihm ein. Als nun Schahriman das Mädchen erblickte, sah er, daß sie war wie eine Lanze, und sie war eingehüllt in einen Schleier aus golddurchwirkter Seide. Der Kaufmann enthüllte ihr Gesicht, und der Palast war erleuchtet von ihrer Schönheit, und ihre sieben Haarsträhnen hingen ihr nieder wie Roßschweife bis auf die Knöchel. Sie hatte von Natur mit Kohl gezeichnete Augen und den schlankesten Körper. Und als der König sie sah, da staunte er ob ihrer Schönheit und Lieblichkeit, ihres Ebenmaßes und ihrer vollkommenen Anmut, und er sprach zu dem Händler: ›O Schaikh, wieviel für diese Jungfrau?‹ Versetzte der Händler: ›O mein Herr, ich habe sie von dem Händler, der sie vor mir besaß, um zweitausend Dinare gekauft, und seither bin ich drei Jahre lang mit ihr gereist, und sie hat mich, bis ich hierherkam, weitere dreitausend Goldstücke gekostet; aber sie ist ein Geschenk von mir an dich.‹ Der König kleidete ihn in ein prunkvolles Ehrengewand und wies ihm zehntausend Dinare an, worauf der Händler ihm die Hände küßte und ihm dankte für seine Güte und Freigebigkeit und seiner Wege ging. Dann übergab der König das Mädchen den Kammerfrauen und sprach: ›Bessert die Lage dieses Mädchens, schmückt sie, richtet ihr ein Nest ein und setzt sie hinein.‹ Und er befahl seinen Kämmerlingen, ihr alles zu bringen, dessen sie bedürfte, und alle Türen hinter ihr zu schließen. Nun hieß die Hauptstadt, darin er wohnte, die Weiße Stadt, und sie lag an der Meeresküste; und also brachten sie sie in einem Gemach unter, das auf den Ozean hinaussah. Dann ging Schahriman zu ihr hinein; doch sie sprach nicht zu ihm und achtete seiner auch nicht. Sprach er: ›Es scheint, sie ist bei Leuten gewesen, die sie kein gutes Benehmen gelehrt haben.‹ Dann sah er das Mädchen an, und als er ihre unvergleichliche[164] Schönheit und Lieblichkeit erkannte, setzte er sich neben ihr nieder. Und er rief nach den Tischen, die gedeckt waren mit den reichsten Speisen jeder Art, und er aß und schob auch ihr die Bissen in den Mund, bis sie genug hatte; doch immer noch sprach sie kein Wort. Der König begann mit ihr zu plaudern und fragte sie nach ihrem Namen; sie aber blieb stumm und gab keine Silbe von sich, noch ließ sie ihn eine Antwort vernehmen und hob auch den Kopf nicht empor, der zu Boden hing. Und nur das Übermaß ihrer Schönheit und Lieblichkeit und ihrer Liebesanmut rettete sie vor dem königlichen Zorn. Sprach er bei sich selber: ›Ruhm sei Allah, dem Schöpfer dieses Mädchens! Wie reizend ist sie! Nur daß sie nicht redet! Aber die Vollkommenheit gehört nur Allah, dem Höchsten!‹ Und er fragte die Sklavinnen, ob sie gesprochen habe; und sie erwiderten: ›Seit sie kam, hat sie kein Wort geäußert, noch auch haben wir sie reden hören.‹ Da berief er ein paar seiner Frauen und Nebenfrauen und hieß sie vor ihr singen und sich mit ihr vergnügen, ob sie vielleicht dann sprechen würde. Sie spielten also allerlei Musikinstrumente vor ihr und sangen, bis die ganze Gesellschaft in Heiterkeit schwamm; nur das Mädchen sah ihnen schweigend zu und lachte weder, noch sprach sie. Da wurde dem König die Brust eng, und er widmete sich ihr ganz und achtete keiner andern mehr; und er verließ all seine Nebenfrauen und Favoritinnen und blieb ein volles Jahr hindurch bei ihr, das ihm vorkam als wie ein einziger Tag. Und immer noch sprach sie nicht, bis er eines Morgens also zu ihr redete (und wahrlich, ihn bedrängte die Liebe zu ihr und die Sehnsucht): ›O Wunsch der Seelen, wahrlich, groß ist meine Leidenschaft für dich, und um deinetwillen habe ich all meine Sklavinnen und Frauen, und all meine Nebenweiber und Favoritinnen verlassen, und ich habe dich zu meinem Anteil an der Welt gemacht und bin ein volles Jahr hindurch bei dir geblieben; und jetzt flehe ich zum allmächtigen Allah, daß er mir in seiner Huld dein Herz erweiche, also, daß du zu mir redest. Oder wenn du stumm bist, so gib es mir durch ein Zeichen kund, damit ich die Hoffnung auf ein Wort von dir fahren lasse. Ich flehe zum Herrn (Er sei erhöht und erhoben!), mir durch dich einen Sohn zu gewähren, der nach mir das Königreich erben soll; denn[165] ich bin alt und einsam und habe keinen Erben. Deshalb sei Allah mit dir; wenn du mich liebst, so gib mir eine Antwort.‹ Das Mädchen senkte eine Weile in Gedanken den Kopf, und als sie ihn hob, da lächelte sie ihm ins Gesicht; ihm aber war, als hätte ein Blitz das Gemach erhellt. Dann sprach sie: ›O großherziger hoher Herr und Heldenlöwe, Allah hat dein Gebet erhört, wiewohl ich noch nicht weiß, ob das Kind ein Sohn sein wird oder eine Tochter. Aber hätte ich kein Kind empfangen, so hätte ich nie ein Wort zu dir gesprochen.‹

Als nun der König ihre Rede vernahm, da leuchtete sein Gesicht vor Freude und Fröhlichkeit, und er küßte ihr im Übermaß des Entzückens Haupt und Hände und sprach: ›Alhamdolillah – Preis dem Herrn, der mir gewährte, um was ich bat! Erstens ein Wort von dir, und zweitens die Nachricht, daß du schwanger bist.‹ Und in einem Überschwang des Glücks stand er auf, verließ sie, setzte sich auf den Thron seiner Königsherrschaft und befahl seinem Vezier, unter die Armen und Bedürftigen, die Witwen und andere als eine Dankesgabe an den allmächtigen Allah und als ein Almosen seiner Hand hunderttausend Dinare zu verteilen. Der Minister tat, wie der König befahl; und als Schahriman zu dem Mädchen zurückkehrte, setzte er sich zu ihr, schloß sie in die Arme, drückte sie an die Brust und sprach: ›O meine Herrin, meine Königin, deren Sklave ich bin, welches, ich bitte dich, war die Ursache dieses deines Schweigens? Du bist ein volles Jahr lang bei mir gewesen, Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen, und doch hast du bis auf den heutigen Tag noch nicht mit mir gesprochen.‹ Versetzte sie: ›Höre, o König der Zeit, und vernimm, daß ich eine arme Verbannte mit gebrochenem Herzen bin, von meiner Mutter und den Meinen und meinem Bruder getrennt.‹ Als nun der König ihre Worte hörte, da erkannte er ihren Wunsch und sprach: ›Wenn du sagst, daß du arm bist, so ist für solche Worte kein Grund vorhanden, denn mein Reich und meine Habe und alles, was ich besitze, stehen dir zu Diensten, und auch ich bin dein Knecht geworden; aber wenn du sagst: ›Ich bin von meiner Mutter und den Meinen und von meinem Bruder getrennt‹, so nenne mir ihren Aufenthalt, und ich will zu[166] ihnen senden und sie dir holen lassen.‹ Versetzte sie: ›Wisse denn, o glücklicher König, ich heiße Dschulnar2, die Meermaid, und mein Vater gehörte zu den Königen der Tiefe. Er starb und hinterließ uns seine Herrschaft, aber während wir noch unbefestigt standen, siehe, da erhob sich ein andrer König wider uns und nahm uns die Gewalt aus den Händen. Ich habe einen Bruder, namens Salih, und auch meine Mutter ist ein Meerweib; doch ich verfiel mit meinem Bruder, dem ›Frommen‹, in Streit, und ich schwor, ich wollte mich einem Manne des Landvolks in die Hände liefern. Und ich verließ das Meer und setzte mich nieder im Mondschein am Rande einer Insel, und dort fand mich einer der Vorübergehenden und schleppte mich fort und verkaufte mich dem Händler, von dem du mich hast; und der war ein guter und tugendhafter Mann, fromm, zuverlässig und edelmütig. Hätte nicht dein Herz mich geliebt und hättest du mich nicht über all deine Nebenfrauen erhoben, ich wäre nicht eine einzige Stunde bei dir geblieben, sondern hätte mich aus diesem Fenster ins Meer hinabgeworfen und wäre zu meiner Mutter und den Meinen gegangen; aber ich schämte mich, zu ihnen zu gehen, weil ich schwanger war; denn sie hätten Schlimmes von mir gedacht und hätten mir nicht geglaubt, wenn ich es ihnen auch geschworen hätte, daß mich ein König mit seinem Golde gekauft und mich zu seinem Anteil an der Welt gemacht hat, indem er mich über alle seine Frauen und über alles stellte, was seine rechte Hand besitzt. Und solches also ist meine Geschichte, und damit – der Friede!‹

Und der König Schahriman dankte ihr und küßte sie zwischen die Augen, indem er sprach: ›Bei Allah, o meine Herrin und Licht meiner Augen, ich kann es nicht ertragen, mich auch nur eine Stunde lang von dir zu trennen; und wenn du mich verlässest, so werde ich auf der Stelle sterben. Was also ist zu tun?‹ Versetzte sie: ›O mein Herr, die Zeit meiner Entbindung ist nahe, und die Meinen müssen zugegen sein, damit sie mich pflegen können. Und wenn die Meinen kommen, so werde ich mich mit ihnen aussöhnen, und sie werden sich mit mir versöhnen.‹ Sprach der König: ›Wie gehen die Meermenschen im Meer, ohne daß sie naß werden?‹ Sprach sie: ›O[167] König der Zeit, wir gehen im Wasser mit offenen Augen, wie ihr auf der Erde; und zwar mit Hilfe des Segens der Namen, die auf dem Siegelring Salomos eingegraben sind, des Davidsohnes (mit ihnen sei Friede!). Aber, o König, wenn die Meinen und meine Sippe kommen, so werde ich ihnen sagen, wie du mich mit deinem Golde kauftest und mich freundlich und wohlwollend behandelt hast. Es geziemt dir, daß du meine Worte bestätigst, und daß sie mit eignen Augen deinen Hofstaat sehen und erfahren, daß du ein König bist, der Sohn eines Königs.‹ Erwiderte er: ›O meine Herrin, tu, was dir gut scheint und was dir gefällt; und ich willige ein in alles, was du willst.‹ Fuhr das Mädchen fort: ›Ja, wir gehen im Meere und sehen, was darin ist, und wir erblicken die Sonne und den Mond und die Sterne und den Himmel wie auf der Oberfläche der Erde; und es schadet uns nicht. Wisse also, daß es viele Völker in der Tiefe gibt, und vielerlei Gestalten und mancherlei Geschöpfe, wie sie auch auf der Erde sind; ja, was auf dem Lande lebt, das ist im Vergleich mit dem, was in der Tiefe lebt, nur ein geringes.‹ Und der König staunte ob ihrer Worte. Dann zog sie aus ihrem Busen zwei Stücke komoriner Aloenholzes, und indem sie Feuer entzündete in einer Kohlenpfanne, nahm sie etwas davon und warf es hinein; und sie tat einen lauten Pfiff und sprach Worte, die niemand verstehen konnte. Da erhob sich ein gewaltiger Rauch, und sie sprach zu dem König, der ihr zusah: ›O mein Herr, steh auf und verbirg dich in einer Kammer, damit ich dir meinen Bruder und meine Mutter und die Meinen zeigen kann, ohne daß sie dich sehen; denn ich gedenke sie herzurufen, und du sollst etwas Wunderbares sehen und sollst staunen über die mannigfaltigen Geschöpfe und die seltsamen Gestalten, die der allmächtige Allah geschaffen hat.‹ Unverzüglich und unverweilt also stand er auf, trat in eine Kammer und begann ihr zuzusehen bei dem, was sie tat.

Sie setzte ihre Räucherungen und Beschwörungen fort, bis die See aufschäumte und stürmisch brandete, und es erhob sich daraus ein schöner Jüngling, hell von Angesicht, als wäre er der Mond in seiner Fülle; seine Stirn war blütenweiß, rötlichen Lichtes voll seiner Wangen Kreis, und seine Zähne waren wie Perlenschmelz, und von[168] allen Geschöpfen glich er am meisten seiner Schwester. Und nach ihm erhob sich aus dem Meer eine alte Frau, deren Haar war gesprenkelt mit Grau; und schließlich fünf Jungfrauen, die dem Mädchen Dschulnar ähnlich waren. Der König betrachtete sie alle, als sie dahinschritten über die Fläche des Wassers, bis sie sich dem Fenster näherten und Dschulnar erblickten; und als sie sie erkannten, traten sie zu ihr ein. Sie stand vor ihnen auf und trat ihnen freudig und froh entgegen, und sie umarmten sie und weinten in bitterem Weinen. Dann sprachen sie zu ihr: ›O Dschulnar, wie konntest du uns auf Jahre hinaus verlassen, ohne daß wir deinen Aufenthalt kannten? Bei Allah, die Welt war uns zu eng durch die Trennungsnot, und wir haben keine Freude mehr gehabt an Speise und Trank; nein, nicht einen einzigen Tag hindurch, sondern Tag und Nacht haben wir geweint mit bitterem Weinen im Übermaß unsrer Sehnsucht nach dir.‹ Da begann sie, ihrem Bruder und ihrer Mutter und ihren Basen die Hände zu küssen; und sie saßen eine Weile bei ihr, fragten sie aus nach allem, was ihr widerfahren war, und erkundigten sich nach ihrer gegenwärtigen Lage. ›Wisset,‹ erwiderte sie, ›als ich euch verließ, da stieg ich empor aus dem Meere und setzte mich nieder an der Küste einer Insel; dort fand mich ein Mann, der mich an einen Händler verkaufte; und der brachte mich in diese Stadt und verkaufte mich um zehntausend Dinare an den König des Landes, der mich ehrenvoll behandelte und alle seine Nebenfrauen und Weiber und Favoritinnen um meinetwillen verließ; und ich lenkte ihn ab von allem, was er besaß und was vorging in seiner Stadt.‹ Sprach ihr Bruder: ›Preis sei Allah, der uns wieder mit dir vereinigt hat! Aber jetzt, o meine Schwester, ist es mein Wunsch, daß du dich erhebest und mit uns gehest in unser Land und zu unserm Volke.‹ Als der König diese Worte vernahm, da entfloh ihm der Verstand, aus Furcht, das Mädchen könnte ihres Bruders Worten folgen und er selber nicht imstande sein, sie zu halten, wiewohl er sie leidenschaftlich liebte; und die Furcht, sie zu verlieren, machte ihn verstört. Doch Dschulnar erwiderte: ›Bei Allah, o mein Bruder, der Sterbliche, der mich gekauft hat, ist der Herr dieser Stadt, und er ist ein gewaltiger König und ein weiser Mann; und er ist gut und edelmütig[169] in höchstem Edelmut. Ferner ist er ein Mensch von großem Wert und Reichtum, und er hat weder Sohn noch Tochter. Er hat mich ehrenvoll behandelt und mir allerlei Gunst und Güte erwiesen. Seit dem Tage, da er mich kaufte, habe ich bis auf den heutigen Tag kein schlimmes Wort gehört, das mir das Herz verletzte; nie hat er mich anders als gut behandelt; er hat nichts getan, es sei denn auf meinen Rat; es geht mir vortrefflich bei ihm, und ich lebe in vollkommenem Glück. Und wollte ich ihn verlassen, so würde er umkommen, denn er kann es nicht ertragen, auch nur eine Stunde von mir getrennt zu sein; und wenn ich ihn verließe, so würde auch ich sterben, so übermäßige Liebe bringe ich ihm entgegen, weil er während der ganzen Zeit meines Aufenthalts bei ihm so gütig war; denn lebte mein Vater noch, ich würde es bei ihm nicht so haben, wie bei diesem großen und glorreichen und gewaltigen Herrscher. Und wahrlich, ihr seht mich schwanger, und Preis sei Allah, der mich zu einer Tochter der Könige des Meeres machte und meinen Gatten zum mächtigsten der Könige des Landes! Und Allah, wahrlich, hat mir Ersatz gegeben für das, was ich verloren habe. Nun hat dieser König keine Nachkommenschaft, weder Sohn noch Tochter, und also flehe ich zum Allmächtigen, daß er mir einen Sohn gewähre, der von diesem gewaltigen Herrscher erbe, was ihm durch den Herrn an Ländern und Palästen und Besitzungen zuteil ward.‹

Als ihr Bruder und die Töchter ihres Oheims diese ihre Rede hörten, kühlte sie ihnen die Augen, und sie sprachen: ›O Dschulnar, du weißt, wie wert wir dich halten und welche Liebe wir dir entgegenbringen; und du bist überzeugt, daß du uns das teuerste aller Geschöpfe bist, und du bist versichert, daß wir nur dein Glück erstreben, ohne jegliche Mühsal und Beschwerde. Wenn du also im Unglück lebst, so steh auf und geh mit uns in unser Land und zu unserm Volke; aber wenn du hier glücklich bist und geehrt, so ist das nur unser Wunsch und Wille, denn wir wünschen in jedem Falle nur dein Wohlergehen.‹ Sprach sie: ›Bei Allah, ich lebe hier im höchsten Glück und Behagen, in aller Freude und Ehre!‹ Als nun der König vernahm, was sie sagte, da freute er sich mit beruhigtem Herzen, und er dankte ihr schweigend; seine Liebe zu ihr wuchs und[170] drang ihm in des Herzens Kern, und er erkannte, daß sie ihn liebte, wie er sie liebte, und daß sie wünschte, bei ihm zu bleiben, damit er sein Kind erschauen könnte. Dann befahl Dschulnar ihren Frauen, die Tische zu breiten und allerlei Speisen aufzutragen, die unter ihren eignen Augen gekocht worden waren, und ferner Früchte und Süßigkeiten, und sie aß mit den Ihren davon. Dann aber sprachen sie zu ihr: ›O Dschulnar, dein Herr ist uns ein Fremdling, und wir sind ohne seine Erlaubnis und sein Wissen eingedrungen in sein Haus. Du hast uns seine Herrlichkeit gepriesen und hast uns auch von seiner Speise vorgesetzt, von der wir gegessen haben; und doch haben wir uns ihm noch nicht gesellt und ihn noch nicht gesehen, noch auch hat er uns gesehen, und ist auch nicht zu uns gekommen und hat nicht mit uns gegessen, so daß zwischen uns Salz und Brot hin und her gegangen wäre.‹ Und sie alle ließen ab vom Essen und zürnten ihr, und Feuer drang aus ihrem Munde hervor wie aus Fackellampen; und als der König das sah, da entfloh ihm der Verstand vor dem Übermaß seiner Furcht vor ihnen. Dschulnar aber stand auf, trat in die Kammer, in der ihr Herr, der König, sich befand, und sprach zu ihm: ›O mein Herr, hast du gesehen und gehört, wie ich dich vor den Meinen gepriesen habe, und hast du bemerkt, wie sie mir sagten, sie wünschten mich mit davonzunehmen?‹ Sprach er: ›Ich habe vernommen und gesehen; möge der Allmächtige es dir für mich vergelten! Bei Allah, ich kannte bis auf diese gesegnete Stunde das volle Maß deiner Liebe noch nicht, und jetzt zweifle ich nicht mehr an ihr.‹ Sprach sie: ›O mein Herr, ist der Lohn für Güte anderes als Güte? Wahrlich, du hast großmütig an mir gehandelt und hast mir Ehre erwiesen, und ich habe erkannt, daß du mich mit äußerster Liebe liebtest, und du hast mir allerlei Ehrung und Güte angedeihen lassen und hast mich vorgezogen allen, die du liebtest und begehrtest. Wie also sollte mein Herz einwilligen, dich zu verlassen und mich von dir zu trennen, und wie sollte ich solches tun nach all der Güte, die du mir erwiesest? Jetzt aber bitte ich dich, daß du in deiner Höflichkeit kommst und die Meinen begrüßest, damit du sie siehst und sie dich sehen, und damit reine Liebe und Freundschaft zwischen euch herrsche; denn wisse, o König der Zeit, mein Bruder und meine Mutter und meine Basen[171] lieben dich in herzlichster Liebe, weil ich dich ihnen also gepriesen habe, und sie sagen: ›Wir wollen nicht von dir gehen, noch auch in unsere Heimat ziehen, ohne den König gesehen und ihn begrüßt zu haben.‹ Denn wahrlich, sie wünschen dich zu sehen und deine Bekanntschaft zu machen.‹ Versetzte der König: ›Hören ist Gehorchen, denn solches ist auch mein Wunsch.‹ Mit diesen Worten stand er auf, trat zu ihnen ein und begrüßte sie mit dem schönsten Gruß; und sie sprangen auf vor ihm und empfingen ihn in höchster Ehrerbietung; und er setzte sich zu ihnen in den Saal und aß mit ihnen; und also bewirtete er sie dreißig Tage lang. Und als sie nach Hause zurückzukehren wünschten, nahmen sie Urlaub von dem König und der Königin und brachen mit ihrer Erlaubnis in ihre eigenen Länder auf, nachdem er ihnen alle mögliche Ehre erwiesen hatte.

Einige Zeit darauf erfüllte sich für Dschulnar die Zeit ihrer Schwangerschaft, und sie gebar einen Knaben, der da war wie der Mond in seiner Fülle; des freute der König sich in höchster Freude, denn nie in seinem Leben war ihm Sohn oder Tochter zuteil geworden. Sieben Tage lang ging es hoch her, und man schmückte die ganze Stadt im Übermaß der Freude und Lustigkeit; und am siebenten Tage kam Dschulnars Mutter, Faraschah3, und ihr Bruder, und ihre Basen kamen auch, sowie sie von ihrer Entbindung hörten. Und sie sprach zu ihnen: ›Ich hatte gesagt, nicht eher wollte ich meinem Sohn einen Namen geben, als bis ihr kämet und ihn nach bestem Wissen benenntet.‹ Da nannten sie ihn Badr-Basim4, und alle stimmten diesem Namen bei. Dann zeigte man das Kind seinem Oheim Salih, und der nahm es in die Arme, stand auf und begann in allen Richtungen nach rechts und nach links im Gemach umherzugehen. Und plötzlich trug er den Knaben zum Palast hinaus, ging hinunter zum Salzmeer und schritt mit ihm dahin, bis er dem Blick des Königs entschwand.

Als nun Schahriman sah, wie jener seinen Sohn nahm und mit ihm in der Tiefe des Meeres verschwand, gab er das Kind verloren und begann zu weinen und zu klagen; aber Dschulnar sprach zu ihm: ›O König der Zeit, fürchte nichts und gräme dich auch nicht um deinen[172] Sohn, denn ich liebe mein Kind mehr als du, und es ist bei meinem Bruder; also denke nicht des Meeres und fürchte auch nicht, daß er ertrinke. Wenn mein Bruder wüßte, daß dem Kleinen Schaden widerfahren könnte, er hätte diese Tat nicht getan; und wir wollen dir alsbald deinen Sohn wohlbehalten wiederbringen, Inschallah!‹ Und noch war auch keine Stunde verstrichen, so wurde das Meer unruhig und schwoll, und König Salih erhob sich aus ihm mit dem Kinde, das ruhig dalag und ein Angesicht zeigte gleich dem Mond in der Nacht seiner Fülle. Und indem er den König ansah, sprach er: ›Vielleicht hast du gefürchtet, deinem Sohn könnte Schlimmes begegnen, als ich mit ihm ins Meer hinabtauchte?‹ Versetzte der Vater: ›Ja, o mein Herr, ich fürchtete wirklich für ihn und glaubte, daß er nicht mehr zu retten wäre.‹ Entgegnete Salih: ›O König der Zeit, wir haben seine Augen mit einem Augenpulver bestrichen, das wir kennen; und wir haben die Namen über ihm ausgesprochen, die eingegraben sind auf dem Siegelring Salomos, des Davidsohnes (mit ihnen sei Friede!); denn also machen wir es bei uns mit den neugebornen Kindern; und jetzt brauchst du nicht mehr zu befürchten, daß er je in irgendeinem Ozean der Welt ertrinke; denn wie ihr auf dem Lande wandelt, so wandeln wir auf dem Meere.‹ Und aus seiner Tasche zog er eine Schatulle hervor, die war versiegelt und mit Zeichen versehen, und indem er die Siegel erbrach, leerte er sie; und es fielen heraus Schnüre von allerlei Hyazinthen und Juwelen und ferner dreihundert Stäbe aus Smaragd und weitere dreihundert hohle Edelsteine, so groß wie Straußeneier, deren Licht das der Sonne und des Mondes verdunkelte. Sprach Salih: ›O König der Zeit, diese Juwelen und Hyazinthe sind ein Geschenk von mir an dich. Wir haben dir noch nie ein Geschenk gebracht, denn wir wußten nichts von Dschulnars Aufenthalt und hatten von ihr weder Nachricht noch Spur; aber jetzt, da wir sehen, daß du mit ihr vereinigt bist, und da wir alle geworden sind wie eins, so haben wir dir dieses Geschenk gebracht; und hin und wieder wollen wir dir, Inschallah, stets dergleichen bringen, denn dieser Juwelen und Hyazinthen sind bei uns mehr vorhanden als Kiesel am Strande, und wir kennen die guten und die schlechten, und wissen,[173] wo ihre Lager sind, und wie man zu ihnen gelangt; denn sie sind uns leicht zugänglich.‹ Als nun der König diese Juwelen sah, da wurde ihm der Verstand wirr, und er war wie betäubt und sprach: ›Bei Allah, ein einziger dieser Edelsteine ist so viel wert wie mein ganzes Reich.‹ Und er dankte Salih, dem Meeressohn, für seine Güte, und indem er auf Dschulnar sah, sprach er: ›Ich stehe beschämt vor deinem Bruder, dieweil er so freigebig an mir gehandelt und mir diese Gabe verliehen hat, die das Landvolk nimmermehr geben könnte.‹ Und auch sie dankte ihrem Bruder, doch er sprach: ›O König der Zeit, du hast den ersten Anspruch an uns, und es geziemt sich, daß wir dir danken, denn du hast unsere Schwester freundlich behandelt, und wir sind eingedrungen in deine Wohnung und haben von deiner Speise gegessen. Und wenn wir auch tausend Jahre lang in deinem Dienste auf unsern Angesichtern ständen, o König der Zeit, so hätten wir doch nicht die Macht, dir zu lohnen, und es wäre nur ein karger Teil dessen, was dir gebührt.‹ Der König dankte ihm mit herzlichstem Dank, und der Meermann blieb mit den Meerfrauen vierzig Tage lang bei ihm, und schließlich stand Salih auf und küßte vor seinem Schwager den Boden, so daß der ihn fragte: ›Welches ist dein Begehr, o Salih?‹ Versetzte er: ›O König der Zeit, wahrlich, du hast uns überreichliche Gunst erwiesen, und wir flehen dich an, gewähre uns in deiner Güte und Barmherzigkeit Erlaubnis, aufzubrechen; denn wir sehnen uns nach unserm Lande und unserm Volke und nach den Unsern und unsern Häusern; aber nimmermehr wollen wir deinen Dienst und den Dienst unsrer Schwester und unsres Neffen verlassen; und bei Allah, o König der Zeit, es ist meinem Herzen nicht wohlgefällig, daß ich mich von dir trennen soll; wie aber sollten wir es beginnen, da wir doch aufgezogen wurden im Meere und der Aufenthalt auf dem Lande uns nicht zusagt?‹ Als der König diese Worte vernahm, da stand er auf, sagte Salih, dem Meeressohn, und seiner Mutter und seinen Basen Lebewohl, und alle weinten zusammen und sprachen alsbald zu ihm: ›Wir werden in Kürze wieder bei dir sein, und wir wollen dich nicht verlassen, sondern dich alle paar Tage besuchen.‹ Dann eilten sie davon, stiegen hinab ins Meer und entschwanden den Blicken.[174]

Hinfort nun erwies König Schahriman Dschulnar nur noch mehr Güte, und er ehrte sie mit wachsender Ehre. Und der Kleine wuchs und blühte, während sein Oheim mütterlicherseits und seine Großmutter und seine Muhmen den König des öfteren besuchten und stets einen Monat oder auch zwei Monate lang bei ihm blieben. Der Knabe ließ nicht ab, mit seinen wachsenden Jahren zuzunehmen an Schönheit und Lieblichkeit, bis er sein fünfzehntes Jahr erreichte und einzig war in seiner Vollkommenheit und seinem Ebenmaß. Er lernte den Koran schreiben und lesen; und er lernte die Geschichte, die Kunde vom Satzbau und von der Wortableitung, das Speerspiel und das Reiten, und was sich sonst noch ziemt für die Söhne der Könige; und es gab keines der Kinder der Stadt, der Männer wie der Weiber, das nicht von den Reizen des Jünglings gesprochen hätte, denn er war von unvergleichlicher Schönheit und Vollkommenheit. Und wahrlich, der König liebte ihn mit höchster Liebe, und indem er seinen Vezier und die Emire und die Würdenträger des Staates und die Großen des Reiches berief, nahm er ihnen einen feierlichen Eid ab, daß sie Badr-Basim nach seinem Vater zum König machen würden über sie; und mit Freuden leisteten sie den Eid, denn der Herrscher war freigebig gegen die Untertanen, leutselig in seinen Worten und der wahre Inbegriff der Güte, und er sprach nichts, als was seinem Volke Nutzen brachte. Am folgenden Tage saß Schahriman mit all seinen Truppen und Emiren und Herren auf und zog in die Stadt und kehrte zurück. Und als sie sich dem Palaste näherten, saß der König ab, um seinen Sohn zu bedienen, der zu Pferde blieb, und er trug mit all den Emiren und Großen die Ehrensatteldecke vor ihm her, denn nacheinander trugen sie sie alle, bis sie zur Halle des Palastes kamen, wo der Prinz absaß und der König und die Emire ihn umarmten und ihn auf den Thron der Königswürde setzten, während sie (und mit ihnen sein Vater) vor ihn traten. Dann sprach Badr-Basim Recht unter dem Volk, indem er die Ungerechten absetzte und die Gerechten beförderte, und also tat er bis gegen Mittag. Und schließlich ging er mit der Krone auf dem Haupte, als wäre er der volle Mond, hinein zu seiner Mutter Dschulnar, der Meermaid. Als sie nun sah, wie der König[175] vor ihm stand, da stand sie auf und küßte ihn, indem sie ihm Glück wünschte zur Sultanswürde; und ferner wünschte sie ihm und seinem Vater Länge des Lebens und Sieg über seine Feinde. Er setzte sich zu ihr und ruhte bis um die Stunde des Nachmittagsgebetes, und dann saß er auf und ritt, während die Emire ihn führten, in die Maidanebene hinab, wo er mit seinem Vater und seinen Herren bis zum Einbruch der Nacht im Waffenspiel spielte; und als er zurückkehrte in seinen Palast, zog alles Volk vor ihm her. So ritt er jeden Tag hinunter auf den Kampfplatz, und dann kehrte er zurück, um zu richten und Recht zu sprechen zwischen Herrn und Knecht; und also lebte er ein volles Jahr, bis er auszuziehen begann zu Jagd und Ritt und herumzuschweifen in den Städten und Ländern, die seiner Herrschaft unterstanden, indem er Sicherheit und Genugtuung verkündete und tat, wie die Könige tun. Und unter den Menschen seiner Tage war er einzig an Ruhm und Tapferkeit und Gerechtigkeit gegen die Untertanen.

Und es begab sich, daß eines Tages der alte König erkrankte, und sein pochendes Herz schien ihm zu verkünden, daß er entrückt werden würde in das Haus der Ewigkeit. Seine Krankheit überwältigte ihn, bis er dem Tode nahe war, und schließlich rief er seinen Sohn, dem er seine Mutter und seine Untertanen ans Herz legte; und noch einmal ließ er all die Emire und Großen seinem Sohn den Treueid leisten, und er versicherte sich ihrer durch die feierlichsten Eide; dann siechte er noch ein paar Tage hin und verschied in die Gnade des allmächtigen Allah. Sein Sohn und seine Witwe und all die Emire und Veziere und Herren trauerten um ihn und erbauten ihm ein Grab, darin sie ihn begruben. Einen vollen Monat dauerte die förmliche Trauer, bis Salih mit seiner Mutter und seinen Basen kam, und sie trösteten jene in ihrem Gram um den König und sprachen: ›O Dschulnar, wenn auch der König tot ist, so hat er doch diesen edlen und unvergleichlichen Jüngling hinterlassen, und nicht tot ist der, der seinesgleichen hinterläßt: einen reißenden Löwen und einen leuchtenden Mond.‹ Die Großen und Vornehmen aber des Reiches gingen hinein zu König Badr-Basim und sprachen zu ihm: ›O König, es liegt nichts Arges in der Trauer um den verstorbenen[176] Herrscher, aber zuviel der Trauer ziemt niemandem als den Weibern; deshalb laß nicht dein Herz und unser Herz in Anspruch nehmen von der Trauer um deinen Vater, dieweil er dich hinterlassen hat, und wer deinesgleichen hinterläßt, der ist nicht tot.‹ Und sie trösteten ihn und lenkten ihn ab, und schließlich führten sie ihn ins Bad. Als er dann das Hammam verließ, legte er ein reiches Gewand an, das war mit Gold durchwirkt und mit Juwelen und Hyazinthen bestickt; und indem er sich die Königskrone aufs Haupt setzte, ließ er sich auf den Thron seiner Herrschaft nieder, und er ordnete die Geschäfte des Volkes, indem er Recht sprach zwischen stark und schwach, und von dem Fürsten verlangte, was dem Armen gebührte; deshalb liebte denn auch das Volk ihn in höchster Liebe. Und also fuhr er fort ein volles Jahr hindurch, und immer besuchten ihn von Zeit zu Zeit seine Anverwandten aus dem Meere, und sein Leben war heiter und sein Auge kühl.

Nun aber begab es sich, daß sein Oheim Salih eines Nachts unter den Nächten zu Dschulnar hineinging und sie begrüßte; und sie stand auf und umarmte ihn, zog ihn neben sich nieder und fragte ihn: ›O mein Bruder, wie geht es dir und meiner Mutter und meinen Basen?‹ Versetzte er: ›O meine Schwester, sie sind alle wohlauf und froh und glücklich, und es fehlt ihnen nichts als der Anblick deines Gesichtes.‹ Dann setzte sie ihm ein wenig Speise vor, und er aß; und schließlich entspann sich zwischen den beiden ein Gespräch, und sie sprachen vom König Badr-Basim, von seiner Schönheit und Lieblichkeit, seinem Ebenmaß und seiner Gewandtheit im Reiten, seiner Klugheit und seiner trefflichen Erziehung. Nun lag Badr-Basim ganz in ihrer Nähe auf seinen Ellbogen gestützt, und da er seine Mutter und seinen Oheim über sich sprechen hörte, tat er, als schliefe er, und lauschte ihrem Gespräch. Und Salih sprach zu seiner Schwester: ›Dein Sohn ist jetzt siebenzehn Jahre alt, und er ist unvermählt, und ich fürchte, es könnte ihm etwas widerfahren, ohne daß er einen Sohn hinterläßt; deshalb ist es mein Wunsch, ihn einer Prinzessin unter den Prinzessinnen des Meeres zu vermählen, die ihm gleich ist an Schönheit und Lieblichkeit.‹ Sprach Dschulnar: ›Nenne sie mir, denn ich kenne sie alle.‹ Da begann Salih, sie ihr[177] aufzuzählen, doch bei jeder sagte sie: ›Die möchte ich nicht für meinen Sohn; ich will ihn nur einer vermählen, die ihm gleich ist an Schönheit und Lieblichkeit, an Verstand und Frömmigkeit, an guter Erziehung und Großherzigkeit, an Herrschaft und Rang und Herkunft.‹ Sprach Salih: ›Ich kenne keine mehr unter den Töchtern der Könige des Meeres, denn ich habe dir mehr als hundert Mädchen aufgezählt, und nicht eine von ihnen gefällt dir; aber sieh, o meine Schwester, ob dein Sohn schläft oder nicht?‹ Da tastete sie nach Badr-Basim, und da sie die Zeichen des Schlummers fand, so sprach sie zu Salih: ›Er schläft; und was hast du zu sagen, und weshalb willst du dich überzeugen, ob er schläft?‹ Versetzte er: ›O meine Schwester, mir ist eine Meermaid unter den Meerestöchtern eingefallen, die sich ziemt für deinen Sohn; aber ich fürchte mich, sie zu nennen; denn vielleicht wacht er auf, und sein Herz wird von der Liebe zu ihr erfaßt, und am Ende sind wir gar außerstande, zu ihr zu gelangen; dann würden er und wir und die Großen des Reiches sich vergeblich abmühn, und uns würden nur Mühsal und Beschwerden zuteil!‹ Als sie diese Worte vernahm, rief sie: ›Sage mir, wer dieses Mädchen ist, und nenne mir ihren Namen, denn ich kenne alle Meeresjungfrauen, die Königstöchter und andere; und wenn ich sie für seiner würdig halte, so will ich sie von ihrem Vater für ihn zum Weibe erbitten, und müßte ich auch hergeben für sie, was meine Hand besitzt; also erzähle mir alles über sie, und fürchte nichts, denn mein Sohn schläft.‹ Da sprach er: ›Bei Allah, o meine Schwester, niemand ist deines Sohnes würdiger als die Prinzessin Dschauharah5, die Tochter des Königs Al-Samandal, denn sie ist ihm gleich an Schönheit und Lieblichkeit, Glanz und Vollkommenheit; und weder im Meere noch auf dem Lande ist eine zu finden, die lieblichere Gaben hätte als sie; denn sie ist reich an Stattlichkeit und Herrlichkeit des Angesichts, an ebenmäßigem Wuchs und vollkommener Anmut. Wenn sie sich wendet, beschämt sie das Wild und die Gazellen, und wenn sie schreitet, weckt sie den Neid im Weidenzweig; wenn sie sich entschleiert, verdunkelt sie Sonne und Mond.‹ Als nun Dschulnar vernahm, was Salih sagte, erwiderte sie: ›Du[178] hast recht, o mein Bruder! Bei Allah, ich habe sie manches und manches Mal gesehen, und sie war meine Spielgenossin, als wir Kinder waren; aber jetzt wissen wir durch den Zwang der Trennung nichts mehr voneinander; und achtzehn Jahre lang habe ich sie nicht mehr gesehen. Bei Allah, niemand ist meines Sohnes würdiger als sie!‹ Nun hörte Badr-Basim alles, was sie sprachen, und er verstand alles, was da Dschauharah, der Tochter des Königs Al-Samandal, an Lob gespendet wurde; er verliebte sich also durch Hörensagen in sie, derweilen er tat, als schliefe er; und also verbrannte um ihretwillen sein Herz zu einer Wüste, und er ertrank in einem Meer ohne Grund und Küste. Salih aber sah seine Schwester an und rief: ›Bei Allah, o meine Schwester, es gibt keinen größeren Narren unter den Königen des Meeres als ihren Vater, noch auch einen, der gewalttätiger veranlagt wäre. Also nenne deinem Sohn das Mädchen nicht, bis wir sie von ihrem Vater für ihn zum Weibe erbitten. Wenn er uns seine Einwilligung gibt, so wollen wir den allmächtigen Allah preisen; und wenn er uns abweist und sie deinem Sohne nicht zum Weibe geben will, so wollen wir kein Wort mehr davon reden und deinem Sohne eine andere Gemahlin suchen.‹ Versetzte Dschulnar: ›Recht ist deine Rede.‹ Und sie verhandelten nicht weiter; Badr-Basim aber verbrachte die Nacht mit einem Herzen, das vor Leidenschaft für die Prinzessin Dschauharah brannte. Doch er verbarg seine Not und sprach von ihr weder mit seiner Mutter noch seinem Oheim, wiewohl er um sie auf feurigen Kohlen lag.

Als nun der Morgen kam, gingen der König und sein Oheim ins Hammam und wuschen sich; und als sie es verließen, tranken sie Wein, und die Diener setzten ihnen Speise vor, von der sie und Dschulnar aßen, um sich dann die Hände zu waschen. Und schließlich stand Salih auf und sprach zu seinem Neffen und seiner Schwester: ›Mit eurer Erlaubnis möchte ich zu meiner Mutter und den Meinen gehen, denn ich bin ein paar Tage lang bei euch gewesen, und ihr Herz wird sich Sorgen machen in der Erwartung meiner.‹ Doch Badr-Basim sprach zu ihm: ›Bleibe noch heute bei uns‹; und er willigte ein. Dann sprach der König: ›Komm, o mein Oheim, laß uns in den Garten gehen.‹ Sie gingen also hinaus und schritten[179] einher unter den Weiden und ergötzten sich eine Weile, bis Badr-Basim sich niederlegte unter einem schattigen Baum, denn er gedachte zu ruhen und zu schlafen; doch ihm fiel seines Oheims Schilderung von der Jungfrau und ihrer Schönheit und Lieblichkeit ein, und er vergoß strömende Tränen, während er diese zwei Verspaare sprach:


Wer schützt vor der Liebe mich zu einer zarten Gazelle – Mit hellerer Stirn als jeglicher Sonnenschein?

Mein Herz, das der Liebe frei war, glüht jetzt vom Feuer – Al-Samandals Tochter zog dort als Herrscherin ein.


Als nun Salih seines Neffen Worte vernahm, da schlug er mit der Hand auf die Hand und sprach: ›Es gibt keinen Gott als den Gott! Mohammed ist Gottes Apostel; und es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen!‹ Und er fügte hinzu: ›O mein Sohn, hast du gehört, was vorging zwischen mir und deiner Mutter?‹ Versetzte Badr-Basim: ›Ja, o mein Oheim, und durch das, was ich euch sagen hörte, habe ich mich in sie verliebt. Wahrlich, mein Herz klammert sich an sie, und ich kann nicht ohne sie leben.‹ Versetzte sein Oheim: ›O König, laß uns zurückkehren zu deiner Mutter und ihr sagen, wie es steht, damit sie uns Erlaubnis gebe, daß ich dich mitnehme und die Prinzessin von ihrem Vater für dich zum Weibe erbitte. Wahrlich, ich fürchte mich davor, dich ohne ihre Erlaubnis mitzunehmen, denn sie könnte wider mich ergrimmen; und wahrlich, das Recht wäre auf ihrer Seite, denn ich wäre die Ursache ihrer Trennung von uns.‹ Doch als Badr-Basim diese Worte vernahm, rief er aus: ›O mein Oheim, wenn ich zu meiner Mutter zurückkehre und sie in solcher Sache befrage, wird sie nicht dulden, daß ich es tue; und deshalb will ich nicht zu meiner Mutter zurückkehren noch sie befragen.‹ Und er weinte und fügte alsbald hinzu: ›Ich will mit dir gehen und ihr nichts sagen, und nachher will ich wieder zu ihr zurückkehren.‹ Als Salih hörte, was sein Neffe sagte, war er ratlos in seiner Sache, und er sprach: ›Ich flehe auf jeden Fall um Hilfe zum allmächtigen Allah.‹ Und da er sah, daß Badr-Basim entschlossen war, mit ihm zu gehen, ob seine Mutter ihn lassen würde oder nicht, zog er einen[180] Siegelring vom Finger, in den gewisse von den Namen Allahs, des Höchsten, eingegraben standen, und er gab ihn ihm und sprach: ›Den tu an deinen Finger, und du wirst sicher sein vor der Gefahr des Ertrinkens und vor anderen Gefahren, wie auch vor dem Unheil der Meerestiere und großen Fische.‹ Da nahm König Badr-Basim den Ring und steckte ihn sich an den Finger. Dann tauchten sie hinunter in die Tiefe und schritten weiter, bis sie Salihs Palast erreichten, in dem sie Badr-Basims Großmutter fanden, die Mutter seiner Mutter, die im Kreise der Ihren saß. Als nun die alte Königin ihn erblickte, stand sie auf und umarmte ihn, küßte ihn zwischen den Augen und sprach zu ihm: ›Eine gesegnete Ankunft, o mein Sohn! Wie hast du deine Mutter Dschulnar verlassen?‹ Versetzte er: ›Sie ist bei gutem Befinden und Wohlsein, und sie grüßt dich sowie die Töchter ihres Oheims.‹ Dann berichtete Salih seiner Mutter, was zwischen ihm und seiner Schwester vorgefallen war, und wie König Badr-Basim sich durch Hörensagen verliebt hätte in Dschauharah, die Tochter Al-Samandals; und er erzählte ihr von Anfang bis zu Ende die ganze Geschichte und fügte hinzu: ›Er ist nur gekommen, um sie von ihrem Vater zum Weibe zu erbitten.‹ Als nun die alte Königin das vernahm, ergrimmte sie in schwerem Grimm wider ihren Sohn, und sie war ratlos und besorgt und sprach: ›O Salih, o mein Sohn, wahrlich, du hast unrecht daran getan, die Prinzessin vor deinem Neffen zu nennen, denn du weißt, daß ihr Vater dumm und gewalttätig ist, klein von Verstand und tyrannisch von Charakter, und er mißgönnt seine Tochter einem jeden Freier; denn alle Herrscher der Tiefe haben schon um ihre Hand geworben, und er hat sie alle abgewiesen; ja er wollte keinen von ihnen und sprach: ›Ihr seid ihr nicht gleich an Schönheit und Lieblichkeit noch an irgend etwas sonst‹; deshalb fürchten wir uns, sie von ihm zur Ehe zu verlangen, denn er wird uns abweisen, wie er andere abgewiesen hat; und wir sind ein hochgesinntes Geschlecht und müßten gebrochenen Herzens abziehn.‹ Als Salih diese Worte vernahm, erwiderte er: ›O meine Mutter, was ist zu tun? Denn König Badr-Basim sagt: ›Es hilft nichts, ich muß sie von ihrem Vater zum Weibe erbitten, und müßte ich mein ganzes Königreich[181] dafür geben‹; und er behauptet, wenn er sie sich nicht vermähle, so werde er sterben vor Liebe und Sehnsucht.‹ Und Salih fuhr fort: ›Er ist schöner und herrlicher als sie; sein Vater war der König aller Perser, deren König jetzt er ist, und niemand ist Dschauharahs würdig als er. Deshalb denke ich ihrem Vater ein Geschenk an Juwelen und Hyazinthen zu bringen, wie es seinem Range entspricht, und sie von ihm zur Ehe zu verlangen. Wenn er uns einwendet, er sei ein König, siehe, so ist auch unser Freier ein König und der Sohn eines Königs; und wenn er uns ihre Schönheit entgegenhält, siehe, so ist unser Freier noch schöner als sie; und wiederum, wenn er uns auf die Ausdehnung seiner Herrschaft hinweist, so ist die Herrschaft unseres Freiers noch ausgedehnter, als die ihre und die ihres Vaters, und sie umfaßt mehr Truppen und Wachen, dieweil sein Königreich größer ist als das Al-Samandals. Ich muß tun, was in meinen Kräften steht, um den Wunsch meines Neffen zu fördern, und wenn es mich auch mein Leben kostete, denn ich war die Ursache dessen, was ihm widerfahren ist; und wie ich ihn hineingetaucht habe in den Ozean der Liebe zu ihr, so muß ich auch dafür wirken, ihn ihr zu vermählen, und möge der allmächtige Allah mir dabei helfen!‹ Versetzte seine Mutter: ›Tu, wie du willst, doch hüte dich, ihrem Vater rauhe Worte zu geben, wenn du mit ihm redest; denn du kennst seine Beschränktheit und Gewalttätigkeit, und ich fürchte, er wird dir ein Arges antun, denn er hegt vor niemandem Achtung.‹ Versetzte Salih: ›Hören und Gehorsam.‹

Dann sprang er auf und nahm zwei Säcke voller Edelsteine, Rubine und Smaragdstangen, edler Erze und allerlei Juwelen, und er gab sie seinen Dienern, damit sie sie trügen, und brach mit seinem Neffen nach dem Palaste Al-Samandals auf. Als sie dorthin kamen, bat er um Zutritt zum König; und als man ihn einließ, küßte er vor ihm den Boden und begrüßte ihn aufs schönste. Der König stand auf, und indem er ihn mit der höchsten Ehre ehrte, hieß er ihn sich setzen. Er setzte sich, und alsbald sprach der König zu ihm: ›Eine gesegnete Ankunft; wahrlich, du hattest uns trostlos gemacht, o Salih! Aber was führt dich zu uns? Nenne mir deinen Auftrag, damit wir ihn für dich erfüllen können.‹ Da stand Salih auf, küßte[182] den Boden zum zweitenmal und sprach: ›O König der Zeit, mein Auftrag geht an Allah und den großherzigen höchsten Herrn und tapferen Löwen, dessen Ruf der guten Eigenschaften die Karawanen in Nähe und Ferne längst haben ausgebreitet, und dessen Ruhm ob seiner Wohltat und Wohltätigkeit, ob seiner Milde und Huld und Freigebigkeit längst durch alle Klimen und Länder reitet.‹ Dann öffnete er die beiden Säcke, und indem er ihren Inhalt ausbreitete vor Al-Samandal, sprach er zu ihm: ›O König der Zeit, vielleicht nimmst du meine Gabe an und heilst mir das Herz, indem du mir Gunst erweisest.‹ Fragte König Al-Samandal: ›In welcher Absicht bringst du mir dieses Geschenk? Erzähle mir deine Geschichte und nenne mir deine Forderung. Wenn die Erfüllung in meiner Macht steht, so will ich sie dir auf der Stelle erfüllen und dir Mühsal und Not ersparen; und wenn ich nicht dazu imstande bin, so lädt Allah keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann.‹ Da stand Salih auf, küßte dreimal den Boden und sprach: ›O König der Zeit, das, worum ich bitte, bist du zu tun wahrlich imstande; es steht in deiner Macht, und du bist sein Meister; und ich erlege dem König keine Schwierigkeit auf, noch auch bin ich besessen von den Dschann, daß ich von dem König verlangen sollte, was er nicht leisten kann; denn einer der Weisen sagt: ›Wenn du Erfüllung wünschest, so bitte nur um das, was leicht gewährt werden kann.‹ Und also ist das, was ich zu erbitten kam, der König (den Allah bewahre!) zu gewähren imstande.‹ Versetzte der König: ›Erbitte, was du willst, und nenne deinen Wunsch, und sage, was du begehrst.‹ Sprach Salih: ›O König der Zeit, wisse, ich komme als Freier und bitte um die einzige Perle und den gehüteten Schatz, die Prinzessin Dschauharah, die Tochter unseres Herrn, des Königs; und also, o König, enttäusche den Bewerber nicht.‹ Als nun der König das hörte, da lachte er, seiner spottend, bis er auf den Rücken fiel, und sprach: ›O Salih, ich hatte dich für einen Mann von Wert und einen verständigen Jüngling gehalten, der nur erbitten würde, was vernünftig ist, und nur reden würde, wie es rätlich ist. Was ist denn deinem Geiste widerfahren, und was hat dich getrieben zu dieser Ungeheuerlichkeit und diesem gewaltigen Wagnis, daß du Töchter der Könige, der[183] Herren über Städte und Länder, zur Ehe begehrst? Sag an, bist du von einem Stande, daß du nach so hoher Auszeichnung streben könntest, und hat dich dein Verstand verlassen, so sehr, daß du mich mit einer solchen Bitte zu beschimpfen wagst?‹ Versetzte Salih: ›Allah fördere den König! Ich erbitte sie nicht für mich selber (wiewohl ich, wenn ich es täte, ihresgleichen bin und mehr als ihresgleichen, denn du weißt, mein Vater war König der Könige des Meeres, wenn auch heute du unser König bist), sondern ich erbitte sie für den König Badr-Basim, den Herrn der persischen Lande und den Sohn Schahrimans, dessen Macht dir bekannt ist. Wenn du einwendest, du seiest ein mächtiger, großer König, so ist König Badr-Basim noch größer; und wenn du mir die Schönheit deiner Tochter entgegenhältst, so ist Badr-Basim noch schöner als sie und herrlicher von Gestalt und höher an Rang und Herkunft, und er ist der Held aller Menschen dieser Zeit. Wenn du also meine Bitte erfüllst, o König der Zeit, so hast du die Sache geordnet, aber wenn du hoffärtig wider uns handelst, so bist du nicht gerecht gegen uns und ziehst nicht die Straße, so da die gerade heißt. Und ferner, o König, weißt du, daß die Prinzessin Dschauharah notwendig vermählt werden muß, denn der Weise sagt: ›Eines Mädchens Los ist entweder das Gnadengeschenk der Ehe oder das Grab.‹ Wenn du sie also zu vermählen gedenkst, so ist meiner Schwester Sohn ihrer würdiger als irgendein anderer.‹ Als nun König Al-Samandal Salihs Worte vernahm, da ergrimmte er in schwerem Grimm; ihm entfloh fast der Verstand, und es war, als müßte seine Seele aus seinem Leibe fliehen. Und er rief in heller Wut: ›Du Hund, soll deinesgleichen wagen, also zu mir zu reden und meine Tochter in voller Versammlung zu nennen und zu sagen, der Sohn deiner Schwester Dschulnar sei ihresgleichen? Wer bist du, und wer ist diese deine Schwester, und wer ist ihr Sohn, und wer war sein Vater, daß du solche Worte zu mir zu sprechen wagst und mit solcher Rede zu mir zu reden? Was seid ihr alle im Vergleich mit meiner Tochter anderes als Hunde?‹ Und er rief seinen Sklaven und sprach: ›Nehmt jenem Galgenvogel den Kopf!‹ Die also zogen die Schwerter und drangen auf Salih ein, doch er entfloh und eilte zum Tor des Palastes;[184] und als er den Ausgang erreichte, fand er dort von seinen Vettern und aus seiner Sippe und seinen Dienern mehr als tausend Reiter, die waren von Kopf bis zu Fuß in Eisen und engmaschige Kettenhemden gepanzert und hielten Speere in der Hand, und ihre entblößten Schwerter schimmerten weiß. Und als sie Salih laufend aus dem Palaste kommen sahen (denn seine Mutter hatte sie ihm zu Hilfe geschickt), fragten sie ihn, und er erzählte ihnen, was geschah; daran erkannten sie, daß der König ein Narr war, und ein Hitzkopf dazu. Und sie saßen ab und zogen die Schwerter und drangen hinein zum König Al-Samandal, den sie auf dem Thron seiner Herrschaft sitzend fanden, denn er ahnte nichts von ihrer Ankunft und raste noch immer wider Salih in grimmer Wut; und sie sahen, daß seine Eunuchen und Sklaven und Hauptleute ungerüstet waren. Als nun der König sie eindringen sah, das gezogene Schwert in der Hand, da rief er seine Leute und sprach: ›Weh euch! Bringt mir die Köpfe dieser Hunde da!‹ Doch ehe noch eine Stunde verstrich, war die Partei Al-Samandals in die Flucht gejagt, und Salih und die Seinen ergriffen den König und fesselten ihn. Und als Salih und die Seinen den König fesselten, erwachte die Prinzessin Dschauharah und erfuhr, daß ihr Vater gefangen wäre und seine Wachen erschlagen. Sie floh also aus dem Palast auf eine Insel, wo sie einen hohen Baum erkletterte und sich in seiner Krone verbarg.

Als nun die beiden Parteien sich im Kampfe trafen, entflohen ein paar der Sklaven Al-Samandals; und als Badr-Basim ihnen begegnete, fragte er sie nach ihrem Erlebnis, und sie erzählten ihm, was geschehen war. Doch als er hörte, daß der König gefangen genommen war, fürchtete Badr-Basim für sich selber, und er entfloh, indem er in seinem Herzen sprach: ›Wahrlich, dieser ganze Aufruhr dreht sich um mich, und niemanden sucht man als mich!‹ Er suchte also das Heil in der Flucht, um die Rettung zu schauen, ohne zu wissen, wohin er ging. Doch das von Ewigkeit her vorbestimmte Schicksal führte ihn zu ebender Insel, auf der auch die Prinzessin Zuflucht gesucht hatte, und er kam unter ebenden Baum, darauf sie saß, und wie ein Toter warf er sich nieder, denn er gedachte, liegen zu bleiben[185] und sich auszuruhen, und er wußte nicht, daß es für den Verfolgten Ruhe nicht gibt, da ja niemand weiß, was das Schicksal für ihn in der Zukunft birgt. Und als er sich niederlegte, hob er die Augen gen den Baum, und sie begegneten denen der Prinzessin. Er sah sie an, und da er erkannte, daß sie war wie der Mond, der im Osten aufgeht, rief er: ›Ruhm sei Dem, der da jene vollkommene Gestalt erschuf, Dem, der da der Schöpfer ist aller Dinge und der da allmächtig ist über alle Dinge! Ruhm sei dem großen Gott, dem Schöpfer, dem Gestalter und Bildner! Bei Allah, wenn meine Ahnung mich nicht trügt, so ist das Dschauharah, die Tochter des Königs Al-Samandal! Mir scheint, als sie vernahm, daß wir in Kampf geraten waren mit ihrem Vater, da ist sie auf diese Insel entflohen; und da sie den Baum hier fand, barg sie sich in seiner Krone; aber wenn es nicht die Prinzessin ist, so ist sie eine, die noch herrlicher ist als sie.‹ Und er sann über sie nach und sprach bei sich selber: ›Ich will aufstehen und sie nach sich selber fragen; und wenn sie es wirklich ist, so will ich sie selbst von sich selber zum Weibe erbitten und so mein Ziel erreichen.‹ Er stand also auf und sprach zu ihr: ›O Ziel aller Wünsche, wer bist du, und wer hat dich hierher geführt?‹ Sie schaute hinab auf Badr-Basim, und da sie ihn sah, als wäre er der volle Mond, wenn er unter schwarzen Wolken hervorscheint, schlanken Wuchses und lieblichen Lächelns, erwiderte sie: ›O Schöngestaltiger, ich bin die Prinzessin Dschauharah, die Tochter des Königs Al-Samandal, und ich flüchtete mich an diesen Ort, weil Salih und die Seinen mit meinem Vater in ein Handgemenge gerieten, seine Truppen erschlugen und ihn selbst mit einigen seiner Leute gefangen nahmen. Deshalb entfloh ich aus Furcht um mein Leben‹; und sie fügte alsbald hinzu: ›Und ich weiß nicht, was das Schicksal mit meinem Vater begonnen hat.‹ Als König Badr-Basim diese Worte vernahm, da staunte er in höchstem Staunen ob dieses seltsamen Zufalls und dachte: ›Ohne Zweifel habe ich dadurch, daß ihr Vater gefangen genommen wurde, mein Ziel erreicht.‹ Und er schaute auf Dschauharah und sprach zu ihr: ›Komm herab, o meine Herrin; denn mich hat die Liebe zu dir erschlagen, und deine Augen haben mich gefangen genommen. Um meinet- und deinetwillen finden all[186] dieser Aufruhr und diese Kämpfe statt; denn du mußt wissen, ich bin König Badr-Basim, der Herr der Perser, und Salih ist meiner Mutter Bruder, und er ging zu deinem Vater, um dich von ihm für mich zum Weibe zu erbitten. Ich aber habe um deinetwillen mein Königreich verlassen; und daß wir uns hier trafen, ist das seltsamste Zusammentreffen. Also komm herab zu mir und laß uns zusammen heimkehren in deines Vaters Palast, damit ich den Oheim Salih anflehen kann, ihn freizulassen, auf daß du mein rechtmäßiges Weib werden kannst.‹ Als Dschauharah diese Worte vernahm, sprach sie bei sich selber: ›Um dieses elenden Galgenvogels willen ist all dies geschehen, ist mein Vater gefangen genommen und sind seine Kämmerlinge und sein Gefolge erschlagen worden, und ich bin entflohen aus meinem Palast als elende Verbannte und habe mich gerettet auf diese Insel! Aber wenn ich nicht eine List ersinne wider ihn, um mich zu schützen, so wird er sich in meinen Besitz setzen; denn er liebt mich, und ein Liebender wird nie getadelt, was er auch tue.‹ Und sie betörte ihn mit gewinnenden Worten und sanften Reden, während er nicht wußte, welchen Verrat sie wider ihn plante; und sie fragte ihn: ›O mein Herr und Licht meiner Augen, sag an, bist du wirklich König Badr-Basim, der Sohn der Königin Dschulnar?‹ Versetzte er: ›Ja, o meine Herrin!‹ Und sie sprach: ›Möge Allah meinen Vater verlassen und ihm sein Königreich nehmen und ihm sein Herz nicht heilen, noch auch abwenden von ihm die Wanderschaft, wenn er sich einen Stattlicheren wünschen konnte, als dich, oder etwas, was herrlicher wäre als deine guten Gaben! Bei Allah, er ist klein von Verstand und Urteil.‹ Und sie fügte hinzu: ›Aber, o König der Zeit, bestrafe ihn nicht für das, was er getan hat; zumal ich dich, wenn du mich eine Spanne liebst, eine Elle liebe. Die Liebe, die bei dir war, hat sich in mich ergossen, und bei dir bleibt nur noch ein Zehntel dessen, was bei mir ist.‹ Mit diesen Worten kam sie herab von dem Baum, und indem sie zu ihm trat, zog sie ihn an die Brust und küßte ihn, so, daß er ihr vertraute, da er nicht daran zweifelte, daß sie ihn liebe; und er gab ihre Küsse und Liebkosungen zurück. Dschauharah aber drückte ihn an die Brust und sprach ein paar unverständliche Worte; dann spie sie ihm ins Gesicht[187] und sprach: ›Verlasse diese Gestalt und nimm die Gestalt eines Vogels an, des schönsten der Vögel, in weißem Gewand und mit rotem Schnabel und Beinen.‹ Und kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so sah König Badr-Basim sich verwandelt in einen Vogel, in den schönsten der Vögel, und er schüttelte sich und stand da und schaute sie an. Nun hatte Dschauharah eine ihrer Sklavinnen, namens Marsinah6 bei sich; die rief sie und sprach zu ihr: ›Bei Allah, fürchtete ich nicht für meines Vaters Leben, der seines Oheims Gefangener ist, so würde ich ihn töten! Allah lohne ihm nimmermehr mit Gutem! Wie unheilvoll war seine Ankunft für uns; denn all diese Not kommt nur durch seine Hartköpfigkeit! Aber du, o Sklavin, bringe ihn auf die Durstesinseln und laß ihn dort, auf daß er vor Durst umkomme.‹ Marsinah brachte ihn auf die genannten Inseln und wollte eben heimkehren und ihn dort verlassen; doch sie sprach bei sich selber: ›Bei Allah, der Herr so großer Schönheit und Lieblichkeit verdient nicht vor Durst zu sterben!‹ Und sie verließ die Inseln und brachte ihn auf eine andere, die reich bestanden war mit Bäumen und durchflossen von Bächen; und indem sie ihn dort niedersetzte, kehrte sie zu ihrer Herrin zurück und sprach zu ihr: ›Ich habe ihn auf die Durstesinseln gebracht.‹ So nun erging es König Badr-Basim.

König Salih aber suchte, als er den König gefangen genommen und seine Leute getötet hatte, die Prinzessin Dschauharah; doch da er sie nicht fand, so kehrte er in seinen Palast zurück und sprach zu seiner Mutter: ›Wo ist meiner Schwester Sohn, König Badr-Basim?‹ ›Bei Allah, o mein Sohn,‹ erwiderte sie, ›ich weiß nichts von ihm! Denn als ihn die Nachricht erreichte, daß du mit dem König Al-Samandal in Kampf geraten warst und daß Morden und Ringen zwischen euch entsprungen waren, da erschrak er und entfloh.‹ Als Salih das hörte, da grämte er sich um seinen Neffen, und er sprach: ›O meine Mutter, bei Allah, wir haben nachlässig gehandelt an König Badr-Basim, und ich fürchte, er wird umkommen, oder einer der Krieger des Königs Al-Samandal oder seine Tochter Dschauharah wird ihm begegnen. Da würden wir vor seiner Mutter in Schmach[188] geraten, zumal ich ihn ohne ihre Erlaubnis mitnahm.‹ Und er entsandte Wachen und Späher durch die ganze Tiefe und überallhin, damit sie nach König Badr-Basim suchten; doch konnten sie keine Spur von ihm finden und kehrten zurück und meldeten es dem König Salih; da bedrängten ihn Sorge und Kummer, und die Brust wurde ihm eng um König Badr-Basim. So viel von Oheim und Neffen.

Dschulnar, die Meermaid, aber lebte nach ihrem Aufbruche in harrender Erwartung, doch ihr Sohn kehrte nicht zurück, und sie vernahm auch nichts von ihm. Als also viele Tage fruchtlosen Wartens verstrichen waren, stand sie auf, ging hinab ins Meer und begab sich zu ihrer Mutter; und als die sie sah, stand sie auf und küßte und umarmte sie, und ihre Basen, die Meerjungfrauen, taten desgleichen. Dann fragte sie ihre Mutter nach König Badr-Basim, und sie erwiderte und sprach: ›O meine Tochter, wahrlich, er kam mit seinem Oheim hierher; und der nahm Hyazinthen und Juwelen, brachte sie dem König Al-Samandal und erbat seine Tochter für deinen Sohn zum Weibe; er aber willigte nicht ein und wurde heftig in seinen Worten gegen deinen Bruder. Nun hatte ich Salih an die tausend Reiter zu Hilfe geschickt, und es entspann sich ein Kampf zwischen ihm und dem König; doch Allah half deinem Bruder wider ihn, und er erschlug seine Wachen und Truppen und nahm ihn selbst gefangen. Derweilen aber drang die Nachricht von alledem zu deinem Sohn, und es scheint, er fürchtete für sich selber; denn er entfloh wider unseren Willen, und er ist nicht zu uns zurückgekehrt, noch auch haben wir das geringste von ihm vernommen.‹ Da fragte Dschulnar nach dem König Salih, und ihre Mutter sprach: ›Er sitzt auf dem Thron seiner Königsherrschaft an Stelle des Königs Al-Samandal, und er hat in allen Richtungen ausgeschickt, um deinen Sohn und die Prinzessin Dschauharah zu suchen.‹ Als nun Dschulnar die Worte der Mutter vernahm, trauerte sie in großer Trauer um ihren Sohn, und sie ergrimmte wider ihren Bruder Salih, dieweil er ihn genommen hatte und mit ihm ins Meer hinabgegangen war, ohne sie zu fragen; und sie sprach: ›O meine Mutter, ich fürchte für unser Reich, denn ich kam zu dir, ohne irgend jemandem etwas[189] zu sagen; und ich fürchte mich bei dir zu bleiben, denn der Staat wird in Wirren geraten, und die Herrschaft wird unseren Händen entgleiten. Deshalb halte ich es für das beste, daß ich heimkehre und das Reich regiere, bis es Allah gefällt, unseres Sohnes Angelegenheiten für uns zu ordnen. Aber vergiß nicht, an ihn zu denken, und verabsäumt nichts in seiner Sache; denn sollte er zu Schaden kommen, so würde mich das unfehlbar töten, da ich die Welt in ihm sehe und mich nur seines Lebens freue.‹ Versetzte sie: ›Mit Liebe und Freude, o meine Tochter! Frage nicht, wie sehr wir leiden unter seinem Verlust und seiner Flucht.‹ Und sie schickte von neuem aus, um nach ihrem Enkel zu suchen, während Dschulnar in ihr Königreich zurückkehrte, weinenden Auges und schweren Herzens; und wahrlich, die Freude der Welt war ihr eng geworden.

König Badr-Basim aber lebte, nachdem die Prinzessin ihn verzaubert und ihn durch ihre Sklavin auf die Durstesinseln geschickt hatte, indem sie sprach: ›Laß ihn dort, damit er sterbe vor Durst‹, und nachdem Marsinah ihn auf jener grünen Insel niedergesetzt hatte, Tage und Nächte hindurch in der Gestalt eines Vogels, und er aß von den Früchten der Insel und trank aus ihren Bächen, und wußte nicht, wohin er sich wenden, noch wie er fliegen sollte. Dann kam eines Tages ein Vogelsteller auf die Insel, um zu fangen, womit er sein Leben fristen könnte. Der erspähte den König Badr-Basim in seiner Gestalt eines weißfedrigen Vogels mit roten Beinen und Schnabel, wie er den Blick gefangen nahm und die Gedanken verwirrte; und als er ihn sah, sprach er bei sich selber: ›Wahrlich, das ist ein herrlicher Vogel; nie sah ich seinesgleichen in Schönheit und Gestalt.‹ Und er warf sein Netz über Badr-Basim, fing ihn und trug ihn in die Stadt, indem er in Gedanken beschloß, ihn um einen hohen Preis zu verkaufen. Unterwegs nun sprach ihn einer der Städter an und fragte: ›Wieviel für diesen Vogel, o Vogelsteller?‹ Sprach der Vogelsteller: ›Was willst du mit ihm beginnen, wenn du ihn kaufst?‹ Versetzte der andere: ›Ich will ihm den Hals durchschneiden und ihn essen.‹ Sprach der Vogelsteller: ›Wer könnte das Herz haben, diesen Vogel zu töten und zu essen? Wahrlich, ich gedenke, ihn unserem König zu schenken, der wird mir mehr geben, als[190] du mir geben würdest, und er wird ihn nicht töten, sondern sich damit vergnügen, seine Schönheit und Anmut zu schauen, denn mein Leben lang, seit ich Vogelsteller bin, habe ich seinesgleichen weder unter dem Wild des Landes, noch unter den Vögeln des Meeres gesehen. Höchstens würdest du mir, so sehr du ihn auch begehren magst, einen Dirhem für ihn geben, und beim allmächtigen Allah, ich will ihn nicht verkaufen.‹ Und er trug den Vogel zum Palast des Königs, und als der ihn sah, da gefielen ihm seine Schönheit und seine Anmut und die rote Farbe seiner Beine und des Schnabels. Er schickte also einen Eunuchen aus, um ihn zu kaufen; und der sprach den Vogelsteller an und fragte: ›Willst du diesen Vogel verkaufen?‹ Versetzte er: ›Nein, er ist ein Geschenk von mir an den König.‹ Der Eunuch trug den Vogel zu dem König hinein, und indem er ihn in einen schönen Käfig sperrte, hing er ihn hin, nachdem er ihm Speise und Trank gegeben hatte. Als dann der König herabkam vom Diwan, sprach er zu dem Eunuchen: ›Wo ist der Vogel? Bring ihn mir, damit ich ihn anschauen kann; denn bei Allah, er ist schön.‹ Der Eunuch also brachte den Käfig herbei und stellte ihn zwischen die Hände des Königs, der ihn ansah; und da er erkannte, daß das Futter noch unberührt war, sprach er: ›Bei Allah, ich weiß nicht, was er essen wird, so daß ich ihn füttern kann.‹ Dann rief er nach Speisen, und man breitete die Tische, und der König aß. Als nun der Vogel das Fleisch und die Gerichte und die Früchte und die Süßigkeiten sah, aß er von allem, was vor dem König auf den Schüsseln lag, und der Herrscher und alle, die zugegen waren, staunten, bis der König zu seinen Dienern, den Eunuchen und Mamelucken sprach: ›In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen Vogel essen sehen, wie dieser Vogel ißt.‹ Und er schickte einen Eunuchen aus, um sein Weib zu holen, damit auch sie den Vogel anschauen könnte; und der Eunuch ging zu ihr hinein, um sie zu rufen, und sprach: ›O meine Herrin, der König wünscht deine Gegenwart, damit du dich ergötzest am Anblick eines Vogels, den er gekauft hat. Als wir die Speisen auftrugen, flog er herab aus seinem Käfig, setzte sich auf den Tisch und aß von allem, was darauf stand. Also erhebe dich, o meine Herrin, und ergötze dich an dem Anblick; denn er ist von[191] herrlicher Erscheinung, und er ist ein Wunder unter den Wundern der Zeit.‹ Als sie diese Worte vernahm, kam sie eilends herbei; doch als sie den Vogel sah, da verschleierte sie sich das Gesicht und machte kehrt, um wieder zu gehen. Der König stand auf, sah sie an und sprach: ›Weshalb verschleierst du dir das Gesicht, da doch niemand zugegen ist außer den Frauen und Eunuchen, die dich bedienen, und deinem Gatten?‹ Versetzte sie: ›O König, dieser Vogel ist kein Vogel, sondern ein Mann wie du.‹ Sprach er: ›Du lügst; das ist des Scherzes zuviel. Wie sollte er anderes sein als ein Vogel?‹ Und sie erwiderte: ›O König, bei Allah, ich scherze nicht mit dir, und ich sage dir nichts als die Wahrheit; denn wahrlich, dieser Vogel ist der König Badr-Basim, der Sohn König Schahrimans, der Herr des Landes der Perser, und seine Mutter ist Dschulnar, die Meermaid.‹ Sprach der König: ›Und wie kommt er zu dieser Gestalt?‹ Versetzte sie: ›Die Prinzessin Dschauharah, die Tochter des Königs Al-Samandal, hat ihn verzaubert.‹ Und sie erzählte ihm von Anfang bis zu Ende alles, was mit dem König Badr-Basim vorgegangen war. Der König staunte aufs höchste über seines Weibes Worte und beschwor sie bei seinem Leben, Badr-Basim von seinem Zauber zu befreien (denn sie war die größte Zauberin ihrer Zeit) und ihn nicht in seinen Qualen zu lassen, indem er sprach: ›Möge der allmächtige Allah Dschauharah die Hand abschlagen, denn sie ist eine verworfene Hexe! Wie gering ist ihr Glaube, und wie groß ihre List und ihre Verräterei!‹ Sprach die Königin: ›Sprich zu ihm: Fliege in jene Kammer!‹ Der König also befahl dem Vogel, in die Kammer zu fliegen, und gehorsam tat er es. Dann verschleierte die Königin ihr Gesicht, nahm eine Schale Wassers, trat ein in die Kammer, sprach eine Reihe unverständlicher Worte über dem Wasser und schloß mit diesen Sätzen: ›Bei der Kraft dieser gewaltigen Namen und dieser heiligen Verse, und bei der Majestät des allmächtigen Allah, des Schöpfers der Himmel und der Erden, des Erweckers der Toten und des Spenders der Mittel des täglichen Brotes, und des Bestimmers der bestimmten Fristen, verlasse diese Gestalt, in der du lebst, und kehre zurück in die Gestalt, in der der Herr dich erschuf.‹ Kaum nun hatte sie ihre Worte gesprochen, so[192] erbebte der Vogel einmal und wurde zum Menschen; und der König sah vor sich einen schönen Jüngling, keinen herrlicheren barg das Angesicht der Erde. Doch als König Badr-Basim so in seine eigene Gestalt zurückgekehrt war, rief er aus: ›Es gibt keinen Gott als den Gott, und Mohammed ist Allahs Apostel! Ruhm sei dem Schöpfer aller Kreatur, dem Spender ihrer Notdurft und dem Bestimmer ihrer vorbestimmten Lebensfristen!‹ Dann küßte er dem König die Hand und wünschte ihm langes Leben; und der König küßte ihm das Haupt und sprach: ›O Badr-Basim, erzähle mir von Anfang bis zu Ende deine Geschichte.‹ Er erzählte ihm also seine Geschichte und verbarg ihm nichts. Der König aber staunte und sprach: ›O Badr-Basim, Allah hat dich befreit von dem Zauber; aber wie hat dein Urteil entschieden, und was gedenkst du zu tun?‹ Versetzte er: ›O König der Zeit, ich wünsche, daß du mir in deiner Güte ein Schiff ausrüstest mit einer Mannschaft deiner Diener und allem, was nötig ist; denn ich bin lange auf der Wanderschaft gewesen, und ich fürchte, das Reich könnte mir entgleiten. Und ich besorge auch, daß meine Mutter aus Gram um meinen Verlust gestorben ist; und diese Besorgnis ist um so stärker, als sie nicht weiß, was aus mir geworden ist und ob ich noch lebe oder tot bin. Deshalb flehe ich dich an, o König, setze deiner Güte die Krone auf, indem du mir meine Bitte gewährst.‹ Und als der König Badr-Basims Schönheit und Anmut sah und seiner lieblichen Rede gelauscht hatte, sprach er: ›Ich höre und gehorche.‹ Er rüstete ihm also ein Schiff aus und ließ es versehen mit allem, was nötig war; und er bemannte es mit einer Schar seiner Diener; und Badr-Basim ging darin unter Segel, nachdem er von dem König Urlaub genommen hatte.

Zehn Tage lang segelten sie mit günstigem Winde über das Meer hin; aber am elften Tage wurde das Meer unruhig in höchster Unruhe, und das Schiff hob sich und sank, und die Seefahrer waren außerstande, es zu lenken. Sie trieben also als Beute der Wellen dahin, bis das Fahrzeug sich mitten im Meere einem Felsen näherte, der niederstürzte und es zerbrach; und alle, die an Bord waren, ertranken, nur König Badr-Basim erreichte, nachdem er dem Verderben[193] nahe gewesen war, eine der Planken des Schiffes, die er rittlings bestieg. Die Planke nun wurde vom Strom der Wellen dahingetrieben, und er wußte nicht, wohin sie ging; und er hatte kein Mittel, ihre Bewegung zu beeinflussen, denn drei volle Tage lang wüteten Winde und Wogen. Am vierten Tage aber landete die Planke mit ihm an der Meeresküste, wo er eine weiße Stadt erblickte, einer unvergleichlich weißen Taube gleich; die war erbaut auf einer Landzunge weit draußen über der Tiefe, und sie war herrlich angelegt mit hohen Türmen und ragenden Mauern, wider die die Wogen schlugen. Als Badr-Basim das sah, da freute er sich in höchster Freude, denn er war fast des Todes vor Hunger und Durst; und indem er die Planke verließ, wollte er am Strande entlang zu der Stadt hingehen; doch es drangen Maultiere und Esel und Pferde auf ihn ein, zahlreich wie der Sand am Meere; und sie begannen nach ihm zu schlagen und ihn an der Landung zu verhindern. Da schwamm er herum bis zu der Rückseite der Stadt, und dort watete er ans Land, und als er eindrang in die Straßen, fand er niemanden darin; und staunend sprach er: ›Wüßte ich nur, wem diese Stadt gehört, darinnen kein Herr wohnt noch auch ein Knecht, und woher diese Maultiere und Esel und Pferde kamen, die mich an der Landung hinderten?‹ Und er versank in Gedanken. Und er schritt aufs Geratewohl dahin, bis er einen alten Mann erspähte, einen Krämer. Den grüßte er, und der andere gab seinen Gruß zurück, und da er in ihm einen schönen Jüngling erkannte, sprach er zu ihm: ›O Jüngling, woher kommst du, und was hat dich in diese Stadt geführt?‹ Badr erzählte ihm seine Geschichte; und der Alte staunte und sprach: ›O mein Sohn, hast du irgend jemand gesehen auf deinem Wege?‹ Versetzte er: ›Wahrlich, o mein Vater, ich habe reiflich gestaunt, eine Stadt ohne Bewohner zu finden.‹ Sprach der Schaikh: ›O mein Sohn, tritt ein in meinen Laden, damit du nicht umkommst.‹ Badr-Basim also trat ein und setzte sich; und der Alte brachte ihm ein wenig Speise und sprach: ›O mein Sohn, tritt ein in den inneren Laden; Ruhm sei Ihm, der dich vor jener Teufelin bewahrt hat!‹ Diese Worte des Krämers erschreckten den König Badr-Basim sehr; doch er aß sich satt und wusch sich die Hände; dann blickte er auf[194] seinen Wirt und sprach: ›O mein Herr, was bedeuten diese Worte? Wahrlich, du hast mir Angst eingeflößt vor dieser Stadt und ihrem Volk.‹ Versetzte der Alte: ›Wisse, o mein Sohn, dies ist die Stadt der Magier, und ihre Königin ist wie eine Teufelin, eine Zauberin und eine gewaltige Hexe, listig über die Maßen und verräterisch ohne Grenzen. All die Rosse und Maultiere und Esel, die du sahest, waren einst Adamssöhne wie du und ich; auch sie waren Fremde, und wer immer eindringt in diese Stadt und ein Jüngling ist wie du, den nimmt diese ungläubige Hexe und beherbergt ihn vierzig Tage lang; und dann verzaubert sie ihn, also daß er ein Roß oder ein Esel wird, gleich denen, die du an der Küste sahest. All diese Leute hat sie verzaubert; und als du landen wolltest, da fürchteten sie, du würdest verwandelt werden gleich ihnen, und deshalb rieten sie dir durch Zeichen, die sagen sollten: Lande nicht! Denn sie waren um dich besorgt und fürchteten, sie könnte mit dir tun, wie sie mit ihnen getan hatte. Sie hat sich auch durch Zauberei der Stadt bemächtigt und sie ihren Bürgern entrissen, und ihr Name lautet Königin Lab, das heißt ins Arabische übertragen: ›Der Almanach der Sonne.‹ Als Badr-Basim vernahm, was der Alte sagte, erschrak er in höchstem Schreck, und er zitterte wie das Rohr im Winde und sprach bei sich selber: ›Kaum fühle ich mich befreit von der Heimsuchung, in die ich durch die Zauberei geraten war, so wirft mich das Schicksal schon einem schlimmeren Lose zu!‹ Und er begann, über seine Lage zu grübeln und zu sinnen über das, was ihm widerfahren war. Als nun der Schaikh ihn anschaute und die Größe seiner Angst erkannte, sprach er zu ihm: ›O mein Sohn, setze dich auf die Schwelle des Ladens, und sieh dir jene Geschöpfe an und ihre Gewänder und ihr Wesen, in das hinein sie verzaubert sind, und fürchte nichts; denn die Königin und alle Bewohner der Stadt lieben und hegen mich, und sie werden mein Herz nicht quälen noch meinen Geist verstören.‹ Da trat König Badr-Basim hinaus und setzte sich an die Ladentür, um die Leute zu betrachten; und es ging eine zahllose Welt von Geschöpfen an ihm vorüber. Doch als die Leute ihn sahen, sprachen sie den Krämer an und sagten: ›O Greis, ist dieser deine Beute und dein Gefangener, den du in den letzten Tagen gefangen hast?‹[195] Versetzte der Alte: ›Er ist meines Bruders Sohn, und ich hörte, daß sein Vater gestorben sei; deshalb schickte ich nach ihm und holte ihn her, um an ihm das Feuer meines Heimwehs zu löschen.‹ Sprachen sie: ›Wahrlich, er ist ein schöner Jüngling; aber wir fürchten die Königin Lab; sie wird dich verraten und ihn dir nehmen, denn sie liebt schöne Jünglinge.‹ Sprach der Schaikh: ›Die Königin wird meinem Befehl nicht widersprechen, denn sie liebt und hegt mich; und wenn sie erfährt, daß er meines Bruders Sohn ist, wird sie ihn nicht belästigen, noch auch mich quälen in ihm oder meinem Herzen um seinetwillen Kummer machen.‹ Und Badr-Basim blieb einige Monate lang bei dem Krämer, indem er aß und trank, und der Alte liebte ihn in höchster Liebe.

Und als er eines Tages nach seiner Gewohnheit im Laden saß, siehe, da kamen tausend Eunuchen daher, mit gezogenen Schwertern und gekleidet in mancherlei Arten von Gewändern und gegürtet mit juwelenbesetzten Gürteln; alle ritten sie auf arabischen Rossen und trugen indische Schwerter im Gehenk. Sie grüßten den Krämer, als sie vorüberkamen, und ihnen folgten tausend Mädchen, Monden gleich, gekleidet in mancherlei Gewänder aus Seide und Satin; die waren mit goldenen Fransen versehen und mit seltenen Juwelen bestickt, und Speere hingen ihnen über die Schultern. In ihrer Mitte aber ritt auf einer Araberstute in einem goldenen und mit mancherlei Juwelen und Hyazinthen besetzten Sattel eine Jungfrau; und so erreichten sie den Laden des Schaikhs. Die Mädchen grüßten ihn und gingen weiter, und siehe und siehe, da kam im höchsten Prunk die Königin Lab daher, und als sie den König Badr-Basim im Laden sitzen sah, als wäre er der Mond in seiner Fülle, da staunte sie ob seiner Schönheit und Lieblichkeit, und sie verliebte sich leidenschaftlich in den Jüngling und war verstört vor Verlangen nach ihm. Sie saß also ab, setzte sich neben den König Badr-Basim und sprach zu dem Alten: ›Woher hast du diesen, Alter?‹ Und der Schaikh erwiderte: ›Er ist meines Bruders Sohn, und er ist kürzlich zu mir gekommen.‹ Sprach Lab: ›Laß ihn heute abend bei mir sein, damit ich mit ihm plaudern kann.‹ Und der Alte erwiderte: ›Willst du ihn mir nehmen und ihn nicht verzaubern?‹ Sprach sie: ›Ja‹; und er:[196] ›Schwöre es mir!‹ Da schwor sie ihm, daß sie ihm nichts antun, noch auch ihn verzaubern wollte; und indem sie befahl, ein schönes Roß zu bringen, das gesattelt und mit goldenem Zügel aufgeschirrt war und bedeckt mit einer goldenen, juwelenbesetzten Decke, gab sie dem Alten tausend Dinare und sprach: ›Das verwende.‹ Dann nahm sie Badr-Basim und führte ihn davon, als wäre er der volle Mond in vierzehnter Nacht, und das Volk, das ihn sah, grämte sich um ihn und sprach: ›Bei Allah, wahrlich, dieser Jüngling verdient es nicht, von der Zauberin, der Verfluchten, verzaubert zu werden!‹ Nun hörte Badr-Basim alles, was sie sprachen, doch er schwieg und gab seine Sache in Allahs Hand; und sie zogen dahin, bis sie zum Tor des Palastes kamen, wo die Emire und Eunuchen und Herren des Reiches absaßen; und sie befahl den Kämmerlingen, ihre Würdenträger und Großen zu entlassen; und die küßten den Boden und gingen davon, während sie mit Badr-Basim und ihren Eunuchen und Frauen in den Palast eintrat. Nun sah er da einen Bau, dessengleichen er noch nie gesehen hatte; denn er war ganz aus Gold erbaut, und in seiner Mitte stand ein großes Becken, das war bis zum Rande voll Wasser und umgeben von einem ungeheuren Blumengarten. Er sah sich den Garten an und erkannte, daß er reich war an Vögeln von mancherlei Farbe und Art, und sie sangen in allerlei Sprachen und Weisen, heiteren und klagenden. Und überall sah er großen Prunk und hohe Pracht, so daß er sprach: ›Ruhm sei Allah, der in seiner Güte und Langmut solche versorgt, die anderen dienen als ihm!‹ Die Königin setzte sich an einem vergitterten Fenster, das den Garten überblickte, auf ein Lager aus Elfenbein, darauf ein hohes Polster lag, und Badr-Basim setzte sich ihr zur Seite. Sie küßte ihn und drückte ihn an die Brust und befahl ihren Frauen, einen Tisch mit Speisen zu bringen. Sie brachten einen Tisch aus rotem Golde, eingelegt mit Perlen und Juwelen und gedeckt mit allerlei Gerichten, und er wie sie aßen, bis sie gesättigt waren, und wuschen sich die Hände. Dann trugen die Dienerinnen Flaschen auf aus Gold und Silber und Glas, und ferner allerlei Blumen und Schüsseln voll getrockneter Früchte. Und schließlich berief die Königin die Sängerinnen, und es kamen zehn Jungfrauen, Monden[197] gleich, die trugen allerlei Instrumente. Die Königin Lab aber füllte einen Becher und trank ihn aus; und sie füllte einen zweiten und reichte ihn dem König Badr-Basim, der ihn nahm und austrank; und sie ließen zu trinken nicht ab, bis sie genug getrunken hatten. Und zuletzt befahl sie den Mädchen, zu singen, und sie sangen allerlei Weisen, bis es Badr-Basim war, als tanze der Palast mit ihm vor Freuden. Sein Verstand geriet außer sich, und die Brust wurde ihm weit, also, daß er der Fremde vergaß und bei sich selber sprach: ›Wahrlich, diese Königin ist jung und schön, und ich will sie nie verlassen; denn ihr Königreich ist größer als mein Königreich, und sie ist schöner als die Prinzessin Dschauharah.‹ Und also ließ er nicht ab, mit ihr zu trinken, bis der Abend kam, und auch, als sie die Lampen entzündeten und die Wachskerzen und die Räucherpfannen, ließen sie zu trinken nicht ab, bis sie beide trunken waren. Vierzig Tage hindurch ließen sie so zu essen und zu trinken und sich zu vergnügen nicht ab, und schließlich sprach die Königin zu ihm: ›O Badr-Basim, sag, was ist angenehmer, dieses Schloß oder der Laden deines Oheims?‹ Versetzte er: ›O Königin, ich möchte, daß du mir Urlaub gibst, in meines Oheims Laden zu gehen, denn ich sehne mich nach ihm und habe ihn seit vierzig Tagen nicht mehr gesehen.‹ Versetzte sie: ›Geh zu ihm, aber bleibe nicht lange aus, denn ich kann es nicht ertragen, von dir getrennt zu sein, noch auch kann ich eine Stunde ohne dich leben.‹ Sprach er: ›Ich höre und gehorche.‹ Und er saß auf und ritt zu dem Laden des Schaikhs, des Krämers, der ihn willkommen hieß und vor ihm aufstand; und indem er ihn umarmte, sprach er zu ihm: ›Wie ist es dir ergangen mit jener Götzendienerin?‹ Versetzte er: ›Bis heute abend war ich wohlauf und glücklich.‹ Als nun der Alte seine Worte hörte, sprach er: ›Hüte dich vor ihr, denn sie liebt dich nicht aufrichtig. Aber dir soll nichts Arges durch sie widerfahren, solange ich dich schütze; also fürchte nichts, denn ich bin ein Moslem, namens Abdallah7, und es gibt in unserer Zeit keinen größeren Magier als mich; doch mache ich von meiner Schwarzkunst nur gezwungen Gebrauch. Manchesmal schon habe ich die Hexereien jener Verfluchten zunichte gemacht und[198] Menschen von ihr befreit, und ich achte ihrer nicht, weil sie mir nichts antun kann; ja sie fürchtet mich in höchster Furcht wie alle in der Stadt, die gleich ihr Magier sind und also beten zum Feuer, statt zum Allerneuer. Morgen komm zu mir und sage mir, was sie mit dir tut; denn noch heute nacht wird sie auf ein Mittel sinnen, dich zu vernichten, und ich will dir sagen, was du tun mußt, um dich vor ihrer Tücke zu retten.‹ Da nahm König Badr-Basim Abschied von dem Schaikh und kehrte zu der Königin zurück, die er harrend vorfand. Als sie ihn sah, stand sie auf, zog ihn neben sich nieder, hieß ihn willkommen und brachte ihm zu essen und zu trinken; und die beiden aßen und tranken, bis sie gesättigt waren, und wuschen sich die Hände. Und schließlich rief sie nach Wein, und sie tranken, bis die Nacht fast zur Hälfte verstrichen war; und sie reichte ihm Becher nach Becher, bis er trunken wurde und Verstand und Vernunft verlor. Um Mitternacht aber erhob sie sich; König Badr-Basim war wach, doch er tat, als schliefe er; und er beobachtete heimlich, was sie begann. Sie nahm aus einem roten Beutel etwas Rotes und legte es mitten ins Gemach; und es wurde zu einem Bach, der da floß wie das Meer; dann nahm sie eine Handvoll Gerste, streute sie auf den Boden und bewässerte sie mit dem Wasser des Baches; und sie wurde zu Korn, das in Ähren stand; und die Königin pflückte es und mahlte es zu Mehl. Dann stellte sie es beiseite, kehrte in das Bett zurück und legte sich nieder. Und am Morgen stand er auf, wusch sich das Gesicht und bat sie um Erlaubnis, den Schaikh, seinen Oheim, zu besuchen. Sie gab ihm Urlaub, und er begab sich zu Abdallah und erzählte ihm, was vorgegangen war. Der Alte lachte und sprach: ›Bei Allah, diese ungläubige Hexe plant Unheil wider dich, du aber kümmere dich nicht um sie.‹ Dann gab er ihm ein Pfund gedörrten Korns und sprach zu ihm: ›Das nimm mit, und wisse, wenn sie es sieht, so wird sie dich fragen: ›Was ist das, und was willst du damit beginnen?‹ Versetze du: ›Fülle an guten Dingen ist etwas Gutes‹, und iß davon. Dann wird sie dir auch von ihrem gedörrten Korn bringen und zu dir sprechen: ›Iß von diesem.‹ Du aber tu, als äßest du davon, doch iß statt dessen von diesem; und hüte dich, von ihrem auch nur ein Korn zu essen; denn wenn du auch[199] nur ein Korn davon issest, so haben die Zauber Macht über dich, und sie wird dich verwandeln und zu dir sprechen: ›Verlasse diese Gestalt eines Menschen.‹ Und du wirst deine natürliche Gestalt vertauschen mit der Gestalt, die sie will. Aber wenn du nicht davon issest, so werden ihre Zauber nichtig sein, und sie wird beschämt in höchster Scham vor dir stehen und zu dir sprechen: ›Ich scherzte nur mit dir!‹ Und sie wird tun, als liebte sie dich sehr und hinge an dir; doch all das wird nur Heuchelei und List sein. Und auch du verstelle dich, als liebtest du sie sehr und sprich zu ihr: ›O meine Herrin und Licht meiner Augen, iß von die ser gedörrten Gerste und sieh, wie köstlich sie ist.‹ Und wenn sie davon ißt, und wäre es auch nur ein Korn, so nimm Wasser in die Hand, sprenge es ihr ins Gesicht und sprich: ›Vertausche diese menschliche Gestalt mit der und der Gestalt‹ (und nenne die, die du ihr geben willst). Dann verlasse sie und komm zu mir, und ich will dir raten, was du tun sollst.‹ Da nahm Badr-Basim Abschied von ihm, und indem er zurückkehrte in den Palast, ging er zur Königin, die zu ihm sprach: ›Willkommen und wohl gekommen und alles Heil!‹ Und sie stand auf und küßte ihn, indem sie sprach: ›Du bist lange ausgeblieben, o mein Herr.‹ Versetzte er: ›Ich war bei meinem Oheim, und er gab mir diese Gerste zu essen.‹ Sprach sie: ›Wir haben bessere.‹ Und sie tat seine Gerste in eine Schüssel und ihre in eine andere und sprach: ›Iß von dieser, denn sie ist besser als deine.‹ Er tat also, als äße er davon; und als sie glaubte, daß er es getan hätte, nahm sie Wasser in die Hand, besprengte ihn damit und sprach: ›Verlasse diese Gestalt, o du Galgenvogel, du Elender, und nimm die eines einäugigen und scheußlichen Maultiers an.‹ Doch er verwandelte sich nicht; und als sie es sah, da stand sie auf, trat zu ihm, küßte ihn zwischen den Augen und sprach: ›O mein Geliebter, ich scherzte nur mit dir; trag es mir nicht nach.‹ Sprach er: ›O meine Herrin, ich trage dir durchaus nichts nach; ja ich bin überzeugt, daß du mich liebst; aber iß auch von dieser meiner gedörrten Gerste.‹ Sie also aß einen Mundvoll von Abdallahs Gerste, und kaum war sie in ihren Magen gesunken, so fiel sie in Krämpfe; und König Badr-Basim nahm Wasser in die Hand, sprengte es ihr ins Gesicht und sprach: ›Verlasse diese menschliche[200] Gestalt und nimm die eines scheckigen Maultiers an.‹ Und kaum hatte er gesprochen, so sah sie sich verwandelt in eine Mauleselin; und die Tränen rannen ihr die Wangen herab, und sie begann die Schnauze an seinen Füßen zu reiben. Dann wollte er ihr einen Zügel anlegen, doch sie weigerte sich, das Gebiß zu nehmen; deshalb verließ er sie, ging zu dem Krämer und erzählte ihm, was geschehen war. Abdallah holte ihm einen Zügel und befahl ihm, sie auf der Stelle damit aufzuschirren. Badr-Basim trug den Zaum in den Palast; und als sie ihn sah, kam sie zu ihm; und er legte ihr das Gebiß in den Mund, bestieg sie und ritt aus, um den Schaikh aufzusuchen. Doch als der Alte sie sah, stand er auf und sprach: ›Der allmächtige Allah mache dich zuschanden, Verfluchte!‹ Dann sprach er zu Badr-Basim: ›O mein Sohn, jetzt ist deines Bleibens in dieser Stadt nicht länger; also besteige sie und reite auf ihr, wohin du willst, und hüte dich, irgend jemandem den Zügel anzuvertrauen!‹

König Badr dankte ihm, nahm Abschied und ritt unablässig drei Tage lang dahin, bis er in eine andere Stadt kam; und dort begegnete ihm ein grauköpfiger und stattlicher Greis, der zu ihm sprach: ›Woher kommst du, o mein Sohn?‹ Versetzte Badr-Basim: ›Aus der Stadt dieser Hexe.‹ Und der Alte sprach: ›Du bist heute nacht mein Gast.‹ Er willigte ein und ging mit ihm; doch unterwegs, siehe, da begegneten sie einer alten Frau, die weinte, als sie das Maultier sah, und sprach: ›Es gibt keinen Gott als den Gott! Wahrlich, dieses Maultier gleicht meines Sohnes Mauleselin, die gestorben ist, und mir schmerzt das Herz um sie; also sei Allah mit dir, o mein Herr, verkaufe sie mir!‹ Versetzte er: ›Bei Allah, o meine Mutter, ich kann sie nicht verkaufen.‹ Doch sie rief: ›Allah sei mit dir, schlage mir meine Bitte nicht ab, denn mein Sohn ist wahrlich des Todes, wenn ich ihm nicht diese Eselin bringe.‹ Und sie belästigte ihn, bis er ausrief: ›Ich will sie nur um tausend Dinare verkaufen!‹ Denn er sprach bei sich selber: ›Woher sollte diese Alte tausend Goldstücke nehmen?‹ Sie aber zog aus ihrem Gürtel einen Beutel, der tausend Dinare enthielt, und als König Badr-Basim das sah, da sprach er: ›O meine Mutter, ich kann sie nicht verkaufen, ich scherzte nur mit dir.‹ Doch der Greis sah ihn an und sprach: ›O mein Sohn, in[201] dieser Stadt darf niemand lügen, denn wer lügt, den richtet man hin.‹ Da saß König Badr-Basim von dem Maultier ab; und die Alte zog ihm das Gebiß aus dem Maule, nahm Wasser in die Hand, besprengte es damit und sprach: ›O meine Tochter, verlasse diese Gestalt und nimm deine einstige Gestalt wieder an!‹ Und auf der Stelle stand sie wieder in ihrer natürlichen Gestalt da, und die beiden Frauen umarmten und küßten einander. Daran erkannte König Badr-Basim, daß die Alte die Mutter der Königin Lab war und daß man ihn überlistet hatte; und er wollte entfliehen; doch siehe, die Alte tat einen lauten Pfiff, und ihrem Ruf gehorchte ein Ifrit, der da war wie ein großer Berg, so daß Badr-Basim erschrak und stille stand. Die Alte aber stieg dem Ifriten auf den Rücken, nahm ihre Tochter hinter sich und König Badr-Basim vor sich; und der Ifrit flog mit ihnen davon; und noch war keine volle Stunde verstrichen, so waren sie schon im Palast der Königin Lab, die sich auf den Thron ihrer Herrschaft setzte und zu Badr-Basim sprach: ›Galgenvogel, der du bist, jetzt bin ich hierher gekommen und habe mein Ziel erreicht, und bald will ich dir zeigen, wie ich an dir handeln will, und auch an jenem Alten, dem Krämer! Wie viel Gunst habe ich ihm erwiesen! Und doch zeigt er mir Übermut; denn du hast dein Ziel nur durch ihn erreicht!‹ Dann nahm sie Wasser, besprengte Badr damit und sprach: ›Verlasse die Gestalt, in der du lebst, und nimm die Gestalt eines scheußlichen Vogels an, des scheußlichsten aller Vögel‹; und sie tat ihn in einen Käfig und gab ihm weder Speise noch Trank; doch als eine ihrer Frauen diese Grausamkeit sah, gab sie ihm ohne ihr Wissen Futter und Wasser. Eines Tages nun kam das Mädchen ihrer Herrin zuvor, verließ den Palast und begab sich zu dem alten Krämer, zu dem sie sprach: ›Die Königin Lab ist gesonnen, dem Sohn deines Bruders ein Ende zu machen.‹ Der Schaikh dankte ihr und sprach: ›Es hilft nichts, ich muß ihr die Stadt fortnehmen und dich zur Königin machen an ihrer Stelle.‹ Und er tat einen lauten Pfiff, und zu ihm trat ein Ifrit mit vier Flügeln, zu dem er sprach: ›Nimm dieses Mädchen und trage sie in die Stadt Dschulnars, der Meermaid, und ihrer Mutter Faraschah; denn diese beiden sind die mächtigsten Magier der Welt.‹ Und er sprach zu dem Mädchen:[202] ›Wenn du dorthin kommst, so sage ihnen, daß König Badr-Basim der Gefangene der Königin Lab ist.‹ Dann nahm der Ifrit das Mädchen, flog mit ihr davon und setzte seine Last in kurzer Zeit auf der Dachterrasse im Palast der Dschulnar nieder. Sie stieg hinab, trat ein zu der Königin, küßte den Boden vor ihr und berichtete ihr von Anfang bis zu Ende, was ihrem Sohn widerfahren war; Dschulnar aber stand auf, behandelte sie ehrenvoll und dankte ihr. Dann ließ sie in der Stadt die Trommeln rühren und ihren Untertanen und den Herren des Reiches die gute Nachricht melden, daß König Badr-Basim gefunden sei. Und sie versammelte mit ihrer Mutter Faraschah und ihrem Bruder Salih alle Stämme der Dschann und alle Truppen der Tiefe; denn die Könige der Dschann gehorchten ihnen, seit König Al-Samandal gefangen genommen war. Und gleich darauf flogen sie alle empor in die Luft, stürzten sich nieder auf die Stadt der Zauberin, plünderten sie und den Palast, und erschlugen all die Ungläubigen in einem Augenblick. Dann sprach Dschulnar zu dem Mädchen: ›Wo ist mein Sohn?‹ Und die Sklavin brachte ihr den Käfig, zeigte auf den Vogel darin und sprach: ›Das ist dein Sohn.‹ Und Dschulnar nahm ihn aus dem Käfig heraus, besprengte ihn mit Wasser und sprach: ›Vertausche diese Gestalt mit deiner einstigen Gestalt‹; und kaum noch hatte sie geendet, so schüttelte er sich und wurde wieder wie zuvor zum Menschen; und als seine Mutter ihn in menschlicher Gestalt erblickte, umarmte sie ihn, und er weinte in bitterem Weinen. Und desgleichen taten sein Oheim Salih und seine Großmutter und die Töchter seines Oheims; und alle begannen, ihm Hände und Füße zu küssen. Dann schickte Dschulnar nach dem Schaikh Abdallah, und indem sie ihm dankte, dieweil er so gütig an ihrem Sohn gehandelt hatte, vermählte sie ihn mit der Sklavin, die er mit der Botschaft an sie entsandt hatte, und machte ihn zum König über die Stadt. Ferner berief sie die von den Bürgern, die noch am Leben waren (es waren aber Moslems), und hieß sie, ihn anzuerkennen und den Treueid zu leisten; worauf sie erwiderten: ›Hören und Gehorsam.‹ Und sie und die Ihren nahmen Abschied von ihm und kehrten in ihre Hauptstadt zurück. Mit dröhnenden Trommeln kamen ihnen die Städter entgegen,[203] und drei Tage lang schmückten sie die Stadt, und es ging hoch her in ihrer großen Freude über die Rückkehr ihres Königs Badr-Basim.

Dann sprach Badr-Basim zu seiner Mutter: ›O meine Mutter, jetzt bleibt nichts mehr zu tun, als daß ich mich vermähle, so sind wir alle vereinigt.‹ Versetzte sie: ›Recht ist deine Rede, o mein Sohn; aber warte, bis wir gefragt haben, welche unter den Töchtern der Könige für dich paßt.‹ Und seine Großmutter Faraschah und die Töchter seiner beiden Oheime sprachen: ›O Badr-Basim, wir wollen dir sogleich an dein Ziel verhelfen.‹ Und alle standen sie auf und gingen in die Lande auf die Suche, und Dschulnar schickte ihre Kammerfrauen auf dem Rücken von Ifriten aus, indem sie ihnen befahl, keine Stadt und keinen Königspalast zu überschlagen, sondern sich alle schönen Mädchen zu merken, die sie finden würden. Doch als König Badr-Basim sah, wieviel Mühe sie sich gaben, sprach er zu Dschulnar: ›O meine Mutter, laßt das; mich wird niemand zufriedenstellen, außer Dschauharah, der Tochter des Königs Al-Samandal; denn sie ist wirklich ein Juwel, wie ihr Name besagt.‹ Versetzte Dschulnar: ›Ich weiß, was du suchst.‹ Und sie befahl auf der Stelle, Al-Samandal, den König, zu bringen. Sowie er nun kam, schickte sie nach Badr-Basim und machte ihn mit der Ankunft des Königs bekannt, worauf er zu ihm ging. Und kaum wurde Al-Samandal ihn gewahr, so stand er auf, begrüßte ihn und hieß ihn willkommen; und König Badr-Basim verlangte von ihm seine Tochter zum Weibe. Sprach er: ›Sie ist deine Sklavin und steht dir zu Diensten und zur Verfügung.‹ Und er entsandte ein paar aus seinem Gefolge, um ihren Aufenthalt zu erkunden und ihr zu sagen, daß ihr Vater in König Badr-Basims Händen sei, und um sie auf der Stelle zu bringen. Sie also flogen in die Luft empor und verschwanden, und nach einer Weile kehrten sie mit der Prinzessin zurück; und als sie ihren Vater sah, trat sie zu ihm und schlang ihm die Arme um den Hals. Er aber sah sie an und sprach: ›O meine Tochter, wisse, ich habe dich diesem hochherzigen Herrscher zum Weibe gegeben, diesem tapferen Löwen, dem König Badr-Basim, dem Sohne Dschulnars, der Meermaid, denn er ist der herrlichste unter den Menschen seiner Zeit, der mächtigste, der höchste nach seinem[204] Rang und der erhabenste nach seiner Stellung; er geziemt niemandem als dir, und du niemandem als ihm.‹ Versetzte sie: ›Ich darf dir nicht widersprechen, o mein Vater; tu, wie du willst, denn wahrlich, Kummer und Sorge sind zu Ende, und ich bin eine seiner Sklavin nen.‹ Da beriefen sie die Kasis und die Zeugen, die den Ehevertrag zwischen dem König Badr-Basim und der Prinzessin Dschauharah entwarfen; und die Bürger schmückten die Stadt und rührten die Freudentrommeln, und sie ließen alle frei, die im Kerker waren, während der König die Witwen und Waisen kleidete und den Herren des Reichs und den Großen und den Emiren Ehrengewänder verlieh; und sie rüsteten Hochzeitsmahle, und zehn Tage lang ging es Tag und Nacht hoch her; und schließlich stellten sie die Braut in neun verschiedenen Gewändern vor König Badr-Basim zur Schau, und der verlieh dem König Al-Samandal ein Ehrengewand und schickte ihn zurück in sein Land und zu seinem Volke und den Seinen. Und sie ließen nicht ab, das herrlichste Leben und die freudigsten Tage zu verleben, indem sie aßen und tranken und jeglichen Überflusses genossen, bis zu ihnen kam der Vernichter der Wonnen und der Trenner aller Gemeinschaft; und solches ist der Schluß ihrer Geschichte, möge Allah sich ihrer aller erbarmen!

Fußnoten

1 Land außerhalb Arabiens. Die Araber nennen alle Fremden Adschamer, das Wort hat einen ähnlichen (verächtlichen) Nebensinn, wie das griechische »Barbarei«. Hier bezeichnet Adscham Persien, das in den Märchen sonst Fars heißt.

2 Granatapfelblüte.

3 Schmetterling.

4 Der lächelnde Vollmond.

5 Juwel.

6 Myrte.

7 Knecht Allahs.

Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 163-205.
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