Die dritte Reise Sindbads des Seefahrers

[397] Wie ich euch gestern berichtete, kehrte ich von meiner zweiten Reise zurück, überfroh ob meiner Rettung und mit gesteigertem Reichtum, denn Allah hatte mir alles vergolten, was ich verloren und verschwendet hatte, und ich lebte eine Weile zu Bagdad im Genuß des höchsten Behagens und Gedeihens, in Glück und Wohlleben, bis den fleischlichen Menschen von neuem die Sehnsucht nach den Reisen packte, nach Ablenkung und Abenteuern; und mich verlangte nach dem Handel, nach Gewinn und Verdienst, denn das menschliche Herz neigt sich von Natur dem Bösen zu. Ich überlegte mir alles und kaufte eine große Fülle von Waren, wie sie geeignet waren für eine Reise zur See, und als ich nach Bassorah gezogen war, ging ich hinab zur Küste, wo ich ein schönes Schiff bereit zur Ausfahrt vorfand; und es war vollbemannt und hatte eine zahlreiche Schar von Kaufleuten an Bord, würdigen und zuverlässigen Männern von Glauben und Frömmigkeit und Ansehen. Ich schiffte mich zu ihnen ein, und wir gingen mit dem Segen des allmächtigen Allah, unter seiner Hilfe und Gunst, die uns zu einem sicheren und gedeihlichen Ausgang führen würde, unter Segel und beglückwünschten uns schon zu unserem guten Eingang und zu unserer glücklichen Reise. In aller Freude und Zufriedenheit fuhren wir von Meer zu Meer, von Insel zu Insel, und von Stadt zu Stadt dahin, indem wir kauften und verkauften, wo immer wir landeten, und uns Genuß und Vergnügen verschafften, bis eines Tages, als wir quer über die wogende See dahinfuhren, die von klatschenden Wellen schwoll, siehe, der Kapitän, der am Dahlbord stand und in allen Richtungen über das Meer ausspähte, einen lauten Schrei ausstieß, sich das Gesicht schlug, den Bart raufte und die Kleider zerriß, indem er befahl, die Segel einzurollen und die Anker auszuwerfen. Sprachen wir zu ihm: ›O Kapitän, was gibt es?‹[398] ›Wisset, o meine Brüder (Allah behüte euch!), der Wind ist unser Herr geworden und hat uns aus dem Kurs geworfen, mitten in den Ozean, und das Schicksal hat uns zu unserem Unheil an den Berg der Zughb getrieben, das sind behaarte Menschen, Affen gleich, unter die ist noch niemand geraten und lebend davongekommen; und mein Herz weissagt mir, daß wir alle des Todes sind.‹ Kaum noch hatte der Schiffsführer seine Worte beendet, so waren die Affen auch schon über uns. Sie umringten, wimmelnd wie Heuschrecken, das Schiff von allen Seiten und drängten sich auf dem Ufer. Es waren die abscheulichsten aller wilden Tiere, bedeckt mit schwarzem, filzartigem Haar, ekelhaft anzuschauen, klein von Statur (denn sie maßen nur vier Spannen der Länge nach), mit gelben Augen und schwarzen Gesichtern. Niemand kennt ihre Sprache, und keiner weiß, was sie sind, denn sie meiden die Gesellschaft der Menschen. Wir fürchteten uns wegen ihrer unermeßlichen Anzahl, sie zu erschlagen oder sie mit Hieben zu vertreiben, weil sonst die andern über uns herfallen und uns erschlagen mochten, denn die Überzahl besiegt den Mut; so ließen wir ihnen denn ihren Willen, obgleich wir besorgten, sie würden unsere Waren und Geräte plündern. Sie kletterten die Taue hinauf und zernagten sie, und ebenso taten sie mit den Ankerseilen, so daß das Schiff vor dem Winde abtrieb und auf ihrer felsigen Küste strandete. Dann legten sie Hand an all die Kaufleute und an die Mannschaft, landeten uns auf der Insel, machten sich mit dem Schiff und seiner Ladung davon und zogen ihrer Wege, ohne daß wir wußten, wohin. Wir blieben so auf der Insel zurück, indem wir von ihren Früchten und ihren Küchenkräutern aßen und aus ihren Bächen tranken, bis wir eines Tages in ihrer Mitte etwas erspähten, was ein bewohntes Haus zu sein schien. Wir machten uns, so schnell unsere Füße uns tragen wollten, dorthin auf den Weg, und siehe, es war eine große und starke Burg, die rings umgeben war von einer hohen Mauer, und die ein zweiflügeliges Tor aus Ebenholz besaß, deren beide Flügel offen standen. Wir traten ein und fanden einen weiten und kahlen Raum, der einem großen Platze glich, und ringsherum sahen wir viele hohe, offene Türen, am hinteren Ende aber eine lange, steinerne Bank und Kohlenherde,[399] auf denen Kochgerät hing, während rings eine Fülle von Knochen umherlagen. Einen Menschen jedoch sahen wir nicht, und wir staunten im höchsten Staunen. Dann setzten wir uns eine Weile auf dem Hofe nieder, und da wir alsbald einschliefen, so schlummerten wir vom Vormittag an bis zum Sonnenuntergang. Und siehe, da erbebte die Erde unter uns, und die Luft erzitterte von einem gewaltigen Getöse. Dann kam von der Zinne der Burg ein riesenhaftes Geschöpf auf uns herabgestiegen; es war einem Menschen ähnlich, doch von schwarzer Farbe und von ungeheurem Wuchs, etwa einer großen Dattelpalme gleich; seine Augen waren wie glühende Kohlen, seine Augenzähne wie die Hauer eines Ebers, und sein Maul war weit und tief wie der Schacht eines Brunnens. Ferner hatte er lange, hängende Lippen wie ein Kamel, die fielen ihm bis auf die Brust herab, und Ohren wie zwei Barken, die ihm über die Schulterblätter hingen; und die Nägel seiner Hände waren den Krallen des Löwen gleich. Als wir nun diesen furchtbaren Riesen sahen, da war es uns, als müßten wir in Ohnmacht sinken, und unsere Furcht und unser Grauen wuchsen mit jedem Augenblick, so daß wir wurden wie tot vor dem Übermaß des Schreckens und der Angst. Und als er auf die Erde gestampft war, setzte er sich eine Weile auf die Bank; dann stand er auf, kam auf uns zu, wählte mich unter meinen Kameraden, den Kaufleuten, aus und packte mich am Arm. Er hob mich hoch in seiner Hand, drehte mich um und befühlte mich, wie ein Fleischer ein Schaf betastet, das er schlachten will; und ich war in seinen Händen nur ein kleiner Bissen; da ich aber mager und fleischlos war vor dem Übermaß der Mühsal und Beschwerde und vor Ermattung, so ließ er mich los und nahm einen andern auf, den er ebenso umdrehte, befühlte und laufen ließ, bis er zu dem Führer des Schiffes kam. Der war nun ein stämmiger, starker, breitschultriger Mann in voller Kraft und fetten Leibes; und er gefiel dem Riesen, der ihn packte wie ein Fleischer ein Tier erfaßt; und indem er ihn zu Boden warf, setzte er ihm den Fuß auf den Nacken und brach ihn. Dann holte er einen langen Spieß und stieß ihn damit am Rücken entlang durch den Leib, so daß die Spitze zum Schädel wieder herauskam. Und indem er ein wildes Feuer entfachte, legte er den[400] Spieß mit dem Schiffsführer darauf über die Flammen und drehte ihn auf den Kohlen, bis das Fleisch geröstet war; dann nahm er den Spieß vom Feuer und steckte ihn wie einen Stab vor sich in den Boden. Und Glied für Glied riß er den Leib herab, wie man ein Kücken zerlegt, und indem er das Fleisch mit den Fingernägeln zerfetzte, begann er zu essen und an den Knochen zu nagen, bis nichts mehr übrig blieb als ihrer ein paar, die er an die eine Seite der Mauer warf. Dann blieb er noch eine Weile sitzen und legte sich schließlich auf die steinerne Bank und entschlief, indem er schnarchte und röchelte wie ein Lamm oder eine Kuh, der man die Kehle durchschnitten hat; und nicht vor dem Morgen erwachte er, und als er aufstand, machte er sich davon und ging seiner Wege. Sobald wir uns nun überzeugt hatten, daß er fort war, begannen wir uns zu besprechen, indem wir weinten und klagten ob der Gefahr, in der wir uns befanden, und sprachen: ›Wollte der Himmel, wir wären im Meere ertrunken oder die Affen hätten uns gefressen! Das wäre besser, als wenn wir über den Kohlen geröstet werden; bei Allah, das ist ein ekliger, scheußlicher Tod! Aber was der Herr will, das muß geschehen, und es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Wahrlich, wir werden hier elend umkommen, und niemand wird von uns wissen; denn es gibt kein Entrinnen für uns von dieser Insel.‹ Dann standen wir auf und schweiften dahin durch das Eiland, denn wir hofften, wir würden vielleicht einen Ort finden, wo wir uns verbergen könnten, oder ein Mittel zur Flucht, denn wahrlich, der Tod schien uns ein leichtes, wenn wir nur nicht über dem Feuer geröstet und gefressen würden. Doch fanden wir kein Versteck, bevor uns der Abend überraschte und wir im Übermaß unseres Grauens in die Burg zurückkehrten und uns dort setzten. Und plötzlich erbebte die Erde unter unseren Füßen, und der schwarze Riese kam über uns daher, trat zu uns, drehte uns einen nach dem andern hin und wieder und betastete uns, bis er einen gefunden hatte, der ihm gefiel und mit dem er tat, wie er schon mit dem Kapitän getan hatte; denn er tötete und röstete ihn und aß ihn auf; und als er sich niedergelegt hatte auf der Bank, schlief er die ganze Nacht hindurch, schnarchend und röchelnd wie ein[401] Tier, dem man die Kehle durchschnitten hat, bis er sich mit Tagesanbruch erhob und wie zuvor davonging. Wir aber rückten zusammen und berieten uns und sprachen zueinander: ›Bei Allah, wir würfen uns besser ins Meer und ertränken, als daß wir geröstet sterben; denn dies ist ein scheußlicher Tod!‹ Sprach einer von uns: ›Höret auf meine Worte, laßt uns auf ein Mittel sinnen, ihn zu erschlagen, damit wir Ruhe haben vor seinen Greueln und die Moslems befreien von seiner Barbarei und Gewalttat.‹ Sprach ich: ›Höret mich an, o meine Brüder, wenn kein anderes Mittel bleibt, als ihn zu erschlagen, so laßt uns von diesem Feuerholz und diesen Brettern einiges hinuntertragen an die Meeresküste und uns ein Boot anfertigen, so daß wir uns, wenn es gelingt, ihn hinzuschlachten, entweder einschiffen können, damit uns die Wasser tragen, wohin Allah will, oder hier ausharren, bis ein Schiff vorüberkommt, das uns mitnimmt. Doch wenn es nicht gelingt, ihn zu töten, so wollen wir das Boot besteigen und aufs Meer hinausstreben; und wenn wir ertrinken, so werden wir wenigstens nicht über einem Küchenfeuer mit durchschnittener Gurgel geröstet; und wenn wir entkommen, so entkommen wir, doch wenn wir ertrinken, so sterben wir als Märtyrer.‹ ›Bei Allah,‹ sprachen sie alle, ›diese Rede ist eine rechte Rede.‹ Und wir einigten uns und machten uns gleich ans Werk. Wir schleppten die Planken, die um die Steinbank lagen, zum Strande hinunter, bauten ein Boot, vertauten es am Ufer, verstauten ein wenig Zehrung darin und kehrten zurück zu der Burg. Kaum aber dämmerte der Abend herein, so erbebte die Erde unter unseren Füßen, und der Mohr trat zu uns, knurrend wie ein Hund, der beißen will. Er betastete uns alle und drehte uns hin und her, und schließlich nahm er einen und tat mit ihm, wie er zuvor mit den beiden anderen getan hatte; er aß ihn, legte sich auf die Bank und schnarchte und röchelte donnergleich. Sowie wir jedoch sicher waren, daß er schlief, standen wir auf, nahmen zwei eherne Spieße von denen, die dort standen, erhitzten sie im wildesten Feuer, bis sie rotglühend wurden wie brennende Kohlen, packten sie fest, traten zu dem Riesen, der schnarchend auf der Bank lag, stießen sie ihm in die Augen und warfen uns ins gesamt mit unserem vollen Gewicht[402] darauf, so daß ihm die Augäpfel barsten und er blind wurde wie ein Stein. Er aber stieß einen gewaltigen Schrei aus, so daß uns das Herz erbebte, und indem er herabsprang von der Bank, begann er aufs Geratewohl nach uns zu greifen. Wir flohen nach rechts und nach links, und er sah uns nicht, denn seine Sehkraft war dahin; trotzdem aber waren wir in grauenhafter Furcht vor ihm, und wir glaubten, wir seien des Todes und verzweifelten am Leben. Da fand er, mit den Händen tastend, das Tor und lief brüllend hinaus; und siehe, die Erde erbebte unter uns vor seinem Gebrüll, und wir erzitterten vor Furcht. Dann folgten wir ihm, als er die Burg verließ, und begaben uns zu der Stelle, wo unser Boot verankert lag, indem wir zueinander sprachen: ›Wenn der Verfluchte wegbleibt, bis die Sonne untergeht und nicht zurückkehrt zu der Burg, so werden wir wissen, daß er tot ist; doch wenn er zurückkehrt, so wollen wir uns einschiffen und rudern, bis wir entronnen sind, indem wir uns in Allahs Hand befehlen.‹ Doch als wir noch sprachen, siehe, da kam der Schwarze mit noch zwei andern herbei, die da waren wie Ghuls, ekliger und furchtbarer noch als er, und ihre Augen waren wie glühende Kohlen; als wir aber das sahen, da stürzten wir uns ins Boot, kappten die Taue, ruderten davon und strebten aufs Meer hinaus. Sowie aber die Riesen uns erblickten, schrien sie uns nach, liefen zum Strande hinab und begannen, Felsen wider uns zu schleudern, von denen einige unter uns fielen, die anderen aber ins Meer. Wir ruderten mit aller Kraft dahin, bis wir außer Wurfweite waren, doch die Felsblöcke hatten die meisten von uns erschlagen, und die Winde und Wellen spielten mit uns und trugen uns mitten aufs wogende Meer hinaus, das anschwoll von peitschenden Wellen. Wir wußten nicht, wohin wir trieben, und meine Gefährten starben einer nach dem andern, bis nur noch drei am Leben blieben, ich mit zwei weiteren; denn sooft einer starb, warfen wir ihn alsbald ins Meer. Das Übermaß des Hungers erschöpfte uns sehr, doch wir faßten uns ein Herz und ermutigten einander, denn wir rangen um das liebe Leben; und wir ruderten aus Leibeskräften dahin, bis uns die Winde auf eine Insel warfen, als wir vor Ermattung und Furcht und Hunger fast des Todes waren. Wir[403] landeten auf diesem Eiland und gingen eine Weile umher, denn wir fanden, daß es sehr reich war an Bäumen und Bächen und Vögeln. Wir aßen von den Früchten und freuten uns, daß wir dem Schwarzen glücklich entronnen und aus den Gefahren des Meeres gerettet waren; und also taten wir, bis die Nacht hereinbrach und wir uns niederlegten und vor dem Übermaß der Ermattung entschliefen. Kaum aber hatten wir die Augen geschlossen, so weckte uns ein zischender Laut, dem Pfeifen des Windes gleich; und als wir emporfuhren, sahen wir eine drachengleiche Schlange, wie man sie selten sieht; die war von ungeheurem Wuchs, ihr Leib von riesigem Umfang, und sie lag in einem Kreise rings um uns hergeringelt. Und plötzlich erhob sie den Kopf, ergriff einen meiner Gefährten und schlang ihn bis zu den Schultern hinunter; dann verschluckte sie den Rest, und wir hörten, wie in ihrem Bauche seine Rippen krachten. Dann huschte sie davon, und wir blieben voller Entsetzen zurück, im Gram um unseren Gefährten und in tödlicher Angst um uns selber; und wir sprachen: ›Bei Allah, dies ist ein wunderbar Ding! Jede neue Todesart, die uns bedroht, ist noch furchtbarer als die letzte. Wir freuten uns unserer Flucht vor dem schwarzen Ungeheuer und unserer Rettung aus den Gefahren des Meeres, aber wir sind nur Ärgerem verfallen. Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah! Beim Allmächtigen, wir entrannen dem Mohren und dem Tode auf dem Wasser; wie aber sollten wir nun diesem scheußlichen Schlangenungeheuer entgehen?‹ Dann gingen wir bis zum Einbruch der Dämmerung auf der Insel umher und aßen von ihren Früchten und tranken von ihren Bächen; und als es dunkel wurde, kletterten wir in einen hohen Baum und legten uns in ihm zum Schlafe nieder; ich aber lag auf dem obersten Ast. Kaum nun war die Nacht hereingebrochen, so kam die Schlange und spähte nach rechts und nach links hin aus; und sie kam stracks auf den Baum zu, in dem wir lagen, klomm bis zu meinem Gefährten empor und verschluckte ihn bis zu den Schultern. Dann ringelte sie sich mit ihm eng um den Stamm, und während ich die Augen nicht von ihm lassen konnte, hörte ich in ihrem Bauche seine Knochen krachen; zuletzt aber glitt sie vom Baum herab. Als aber der Tag anbrach[404] und das Licht mir zeigte, daß die Schlange fort war, stieg ich hinab, als wäre ich vor dem Übermaß der Furcht und des Grauens des Todes; und ich gedachte mich in das Meer zu werfen, um Ruhe zu haben vor dem Weh der Welt, doch konnte ich mich nicht dazu bringen, denn wahrlich, das Leben ist süß. Da nahm ich fünf breite und lange Bretter, band mir ihrer eins unter die Sohlen der Füße, und je ein anderes an beide Seiten und über die Brust; und das breiteste und längste band ich mir quer über den Kopf und schnürte sie alle mit Stricken fest. Dann legte ich mich auf den Rücken nieder, so daß ich ganz umgeben war von den Brettern, die mich wie ein Sarg umschlossen. Sowie es dunkel wurde, kam die Schlange und schlängelte sich auf mich zu, doch konnte sie nicht zu mir gelangen, um mich zu verschlingen, denn mich schützte das Holz. Sie umringelte mich auf allen Seiten, und derweilen sah ich ihr zu, halbtot vor Grauen. Hin und wieder glitt sie auch fort, und wenn sie wiederkam, versuchte sie von neuem, mich zu packen, aber die Bretter, mit denen ich mich auf allen Seiten umbunden hatte, hinderten sie. Von Sonnenuntergang bis zum Anbruch des Tages ließ sie nicht ab, mich in dieser Weise zu belagern; doch als das Licht des Morgens auf das Tier herabschien, machte es sich in höchster Wut und äußerster Enttäuschung davon. Ich aber reckte die Hand aus und band mich los, und mir war, als wandelte ich vor Angst und Leiden schon unten unter den Toten. Ich ging zur Küste der Insel hinab, und von dort aus sah ich fern inmitten der Wogen plötzlich ein Schiff. Da riß ich mir von einem Baume einen großen Ast ab und winkte der Mannschaft damit, indem ich laut nach ihr rief; und als die Leute auf dem Schiff das sahen, da sprachen sie untereinander: ›Wir müssen beilegen und sehen, was das bedeutet; vielleicht ist es ein Mensch.‹ Und sie hielten auf die Insel zu, und als sie meine Rufe hörten, nahmen sie mich an Bord und fragten mich nach meinem Abenteuer. Ich erzählte ihnen alles, von Anfang bis zu Ende, und sie staunten gewaltig und bedeckten mich mit einigen ihrer Kleider. Ferner setzten sie ein wenig Speise vor mich hin, und ich aß mich satt und trank kühles, frisches Wasser, so daß ich mich sehr erquickte. Der allmächtige Allah aber erweckte mich zu neuem Leben, nachdem[405] ich schon fast des Todes gewesen war. Und ich pries den Höchsten und dankte ihm für seine Huld und sein großes Erbarmen, und nach der äußersten Verzweiflung kehrte das Leben in mein Herz zurück, bis es mir war, als sei, was ich erduldet hatte, nur ein Traum gewesen. Mit günstigem Winde segelten wir dahin, und schließlich kamen wir zu einer Insel namens Al-Salahita, die da reich war an Sandelholz, so daß der Schiffsführer Anker warf. Als wir Anker geworfen hatten, landeten die Kaufleute und die Mannschaft mit ihren Waren, um zu kaufen und zu verkaufen. Der Schiffsführer aber wandte sich zu mir und sprach: ›Höre, du bist ein Fremdling und ein Armer, und du sagst uns, daß du furchtbare Mühsal erduldet hättest; deshalb will ich dir eine Wohltat erweisen, so daß du heimkehren kannst in dein Land, damit du mich ewig segnest und für mich betest.‹ ›So sei es,‹ erwiderte ich, ›du sollst all meine Gebete haben.‹ Sprach er: ›Wisse, bei uns war ein Mann, ein Reisender, den wir verloren haben, und wir wissen nicht, ob er lebt oder tot ist, denn wir haben nie wieder etwas von ihm erfahren; deshalb gedenke ich, dir seine Warenballen zu übergeben, damit du sie auf dieser Insel verkaufest. Einen Teil des Erlöses wollen wir dir als Entgelt für deine Mühen und deinen Dienst überlassen, und den Rest wollen wir aufbewahren, bis wir nach Bagdad kommen, und dort wollen wir nach den Seinen fragen und ihn ihnen zugleich mit den unverkauften Gütern übergeben. Sag also, willst du den Auftrag übernehmen und landen und die Waren verkaufen, wie es Kaufleute tun?‹ Versetzte ich: ›Hören und Gehorsam, o mein Herr; groß ist deine Güte gegen mich‹; und ich dankte ihm. Da befahl er der Mannschaft und den Trägern, die fraglichen Ballen ans Land zu tragen und sie mir zu übergeben. Der Schreiber des Schiffes aber fragte: ›O Kapitän, welche Ballen sind es, und welches Kaufmanns Namen soll ich darauf schreiben?‹ Und er erwiderte: ›Schreibe darauf den Namen Sindbads, des Seefahrers, dessen, der bei uns war auf dem Schiffe und den wir bei der Insel des Rukh verloren und von dem wir nichts mehr vernahmen; denn dieser Fremde soll sie verkaufen; und wir wollen ihm für seine Mühe einen Teil des Erlöses geben und den Rest verwahren, bis wir nach Bagdad kommen; und[406] wenn wir dort den Eigentümer finden, so wollen wir ihn ihm übergeben, doch wenn nicht, so den Seinen.‹ Sprach der Schreiber: ›Deine Worte sind angemessen, und deine Rede ist recht.‹ Als ich nun vernahm, daß der Schiffsführer Befehl gab, die Ballen auf meinen Namen einzutragen, sprach ich bei mir selber: ›Bei Allah, ich bin Sindbad der Seefahrer!‹ Ich wappnete mich also mit Mut und Geduld und wartete, bis all die Kaufleute gelandet und versammelt waren; und als sie über den Kauf und Verkauf sprachen und feilschten, ging ich zu dem Schiffsführer und sprach zu ihm: ›O mein Herr, weißt du, was für ein Mann dieser Sindbad war, dessen Waren du mir eben zum Verkauf übergeben hast?‹ Versetzte er: ›Ich weiß von ihm nichts, als daß er aus der Stadt Bagdad war und Sindbad, der Seefahrer hieß; er ertrank mit vielen andern, als wir vor der und der Insel verankert lagen, und seither habe ich nichts wieder von ihm vernommen.‹ Da stieß ich einen lauten Schrei aus und sprach: ›O Kapitän, den Allah behüte! Wisse, ich bin jener Sindbad, der Seefahrer, und ich bin nicht ertrunken, sondern als du Anker warfst vor der Insel, da landete ich mit dem Rest der Kaufleute und der Mannschaft; und ich setzte mich allein an einen heiteren Ort, wo ich ein wenig aß von dem, was ich bei mir hatte, und mich erquickte, bis ich schläfrig wurde und im Schlaf ertrank; doch als ich erwachte, da sah ich das Schiff nicht mehr, und niemand war in der Nähe. Diese Waren sind meine Waren, und diese Ballen sind meine Ballen; und all die Kaufleute, die Juwelen holen aus dem Tale der Demanten, haben mich dort gesehen, und sie werden mir bezeugen, daß ich Sindbad der Seefahrer bin; denn ich habe ihnen alles berichtet, was mir widerfahren war, und ich habe ihnen erzählt, wie ihr mich vergaßet und mich schlafend auf der Insel ließet, so daß mir widerfuhr, was mir widerfahren ist.‹ Als aber die Reisenden und die Mannschaft meine Worte vernahmen, da versammelten sie sich rings um mich, und einige von ihnen glaubten mir, während andere ungläubig waren; plötzlich jedoch trat einer der Kaufleute, der gehört hatte, daß ich das Tal der Diamanten erwähnte, zu mir und sprach zu ihnen: ›Hört, was ich euch sage, ihr guten Leute! Als ich euch das wunderbarste Erlebnis all meiner Reisen[407] erzählte, da schilderte ich euch, wie zur Zeit, als wir die geschlachteten Tiere in das Schlangental hinunterwarfen (und wie immer warf auch ich mein Tier mit den anderen hinab), mit meinem Fleisch ein Mann heraufkam, der daranhing; ihr aber glaubtet mir nicht und straftet mich Lügen.‹ ›Ja,‹ sprachen sie; ›du hast uns etwas derart erzählt, doch wir hatten keinen Anlaß, dir zu glauben.‹ Da fuhr er fort: ›Dieser nun ist der Mann, und er gab mir Diamanten von großem Wert und hohem Preis, wie man sie sonst nicht findet, so daß ich überreichlich entschädigt war für das, was etwa an meinem Fleische hätte hängen können. Wir reisten zusammen bis zu der Stadt Bassorah, wo wir voneinander Abschied nahmen; und er kehrte heim in seine Stadt, während wir weiterzogen in unser Land. Der ist es, und er nannte uns auch seinen Namen, Sindbad der Seefahrer, und er erzählte uns auch, wie das Schiff ihn auf der Insel zurückgelassen hatte. Und wisset, Allah, der Allmächtige, hat ihn hierhergesandt, damit euch die Wahrheit meiner Geschichte offenbar gemacht würde. Ferner sind auch dies seine Waren, denn als er zum erstenmal mit uns zusammentraf, erzählte er uns von ihnen, so daß die Wahrheit seiner Worte kund ist.‹ Als nun der Schiffsführer die Worte des Kaufmanns vernahm, trat er dicht zu mir hin, sah mich eine Weile aufmerksam an und fragte schließlich: ›Wie waren deine Ballen gezeichnet?‹ ›Soundso,‹ erwiderte ich; und ich erinnerte ihn an etwas, was zwischen uns vorgefallen war, als ich mich in Bassorah mit ihm eingeschifft hatte. Das überzeugte ihn, daß ich wirklich Sindbad der Seefahrer war, und er fiel mir um den Hals und wünschte mir Glück zu meiner Rettung, indem er sprach: ›Bei Allah, o mein Herr, dein Erlebnis ist wahrlich wunderbar, und deine Geschichte ist erstaunlich; Preis aber sei Allah, der dich und mich noch einmal zusammengeführt und dir deine Waren und dein Gerät zurückgegeben hat!‹ Dann verfügte ich nach bestem Können über meine Güter, und sie brachten mir reichen Gewinn, so daß ich mich in höchster Freude freute und mir Glück wünschte zu meiner Rettung und zur Wiedererlangung meiner Waren. Wir kauften nun und verkauften auf den verschiedenen Inseln, bis wir zum Lande Hind gelangten, wo wir Ingwer und Nelken und allerlei[408] andere Gewürze erstanden; und wir reisten weiter bis zum Lande Sind, und auch dort verkauften wir und kauften. In diesen indischen Meeren aber sah ich Wunder ohne Zahl und Grenzen, und unter anderem einen Fisch, der war wie eine Kuh, und er bringt lebendige Junge zur Welt und säugt sie wie ein menschliches Wesen; aus seiner Haut aber verfertigt man Schilde. Auch gab es dort Fische, die waren wie Esel oder Kamele, und Schildkröten, die einen Durchmesser von zwanzig Ellen haben. Ferner sah ich einen Vogel, der aus einer Muschel auskriecht und Eier legt und sie auf der Oberfläche des Wassers ausbrütet, ohne je vom Meer zum Lande zu gehen. Und schließlich gingen wir mit günstigem Winde und dem Segen Allahs wieder unter Segel; und nach einer glücklichen Reise landeten wir wohlbehalten in Bassorah. Dort blieb ich ein paar Tage und kehrte dann nach Bagdad zurück, wo ich sofort in mein Quartier und Haus ging und die Meinen und meine Freunde und Vertrauten begrüßte. Ich hatte auf dieser Reise unermeßliche und unberechenbare Reichtümer gewonnen, und also gab ich Almosen und Spenden und kleidete zum Dank für meine glückliche Heimkehr die Witwen und Waisen. Dann begann ich mit meinen Gefährten zu schmausen und mich zu vergnügen, und da ich gut aß und gut trank und mich gut kleidete, so vergaß ich bald alles, was mir widerfahren war, und dachte nicht mehr der Gefahren und der Mühsal, die ich erduldet hatte. Solches also sind die wunderbarsten Dinge, die ich auf meiner dritten Reise erlebte, und wenn es Allahs Wille ist, so sollt ihr morgen wiederkommen, da werde ich euch die Abenteuer meiner vierten Reise erzählen, die noch wunderbarer waren als alle, die ihr bis jetzt vernommen habt.‹

(Spricht der, der die Geschichte erzählt:) Dann gab Sindbad vom Meere Sindbad vom Lande wie immer hundert Golddinare und rief nach Speise. Die Diener breiteten die Tische, und die Versammelten nahmen das Nachtmahl und gingen ihrer Wege, staunend ob dessen, was sie vernommen hatten. Der Lastträger aber trug das Gold in sein Haus, wo er die Nacht verbrachte und sich wunderte ob dessen, was sein Namensvetter, der Seefahrer, berichtet hatte; und sowie der Tag anbrach und der Morgen erschien im leuchtenden[409] Schein, stand er auf, betete das Morgengebet und begab sich zu Sindbad dem Seefahrer, der seinen Gruß erwiderte und ihn mit offenen Armen und heiterem Antlitz empfing und ihn nötigte, sich zu setzen, bis die anderen Gäste erschienen; dann trug er die Speisen auf, und sie aßen und tranken und vergnügten sich. Und schließlich hub Sindbad der Seefahrer an und erzählte ihnen

Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 397-410.
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