Die zweite Reise Sindbads des Seefahrers

[389] Wisse, o mein Bruder, wie ich euch gestern berichtet habe, lebte ich in aller Freude und Wonne ein behagliches und genußreiches Leben, bis eines Tages mein Geist von dem Gedanken besessen wurde, wieder umherzureisen in der Welt der Menschen und ihre Städte und Inseln zu sehen; und mich erfaßte eine Sehnsucht nach dem Handel und danach, Geld zu verdienen durch Geschäfte. Als ich nun zu einem Entschluß gekommen war, nahm[389] ich viel bares Geld, kaufte Waren und Geräte für die Reise und band alles in Ballen; dann ging ich zum Flußufer hinunter, wo ich ein schönes, nagelneues Schiff fand, das zur Ausfahrt bereitstand; es war mit Segeln aus feiner Leinwand versehen, wohlbemannt und gut gerüstet; auf ihm nahm ich mir zusammen mit einer Anzahl anderer Kaufleute einen Platz, und als wir unsere Waren eingeschifft hatten, lichteten wir noch selbigen Tages den Anker. Günstig war unsere Reise, und wir segelten von Ort zu Ort und von Insel zu Insel; und wo immer wir ankerten, da fanden wir eine Fülle von Kaufleuten und Vornehmen und Käufern, und wir kauften, tauschten ein und verkauften. Schließlich führte uns nun das Schicksal zu einer Insel, die war schön und grün, mit Bäumen reich bestanden, und gelbreife Früchte waren in Fülle vorhanden, Blumen entsandten würzigen Duft, und Vögel wirbelten in der Luft, und gar mancher Quell glänzte kristallisch und hell, aber was alles verlassen machte: es zeigte kein Mensch sich, der irgendein Feuer entfachte. Der Kapitän ankerte mit uns bei dieser Insel, und die Kaufleute und Seefahrer landeten und gingen umher und freuten sich des Schattens der Bäume und des Sanges der Vögel, die da das Lob verkündeten des Einen, des Siegreichen, und sie staunten ob der Werke des allmächtigen Königs. Ich landete mit den andern allen; und indem ich mich niedersetzte bei einer Quelle frischen Wassers, das unter den Bäumen emporquoll, nahm ich ein wenig Zehrung heraus, die ich bei mir führte, und aß von dem, was der allmächtige Allah mir zugewiesen hatte. Und so lieblich wehte der Zephir, so süß dufteten die Blumen, daß ich schläfrig wurde, mich niederlegte und im Schlafe ertrank. Als ich erwachte, war ich allein, denn das Schiff war unter Segel gegangen und hatte mich im Stich gelassen, und keiner der Kaufleute oder der Seefahrer hatte an mich gedacht. Ich durchsuchte die Insel nach rechts und nach links, doch ich fand weder Menschen noch Dschinni, so daß ich über die Maßen bekümmert wurde; und mir war, als müßte mir vor dem Übermaß der Sorge und Not und Drangsal die Gallenblase bersten, dieweil ich ganz allein blieb, mit gebrochenem Herzen und ohne irgendwelches Gerät der Welt und ohne Speise und Trank. Ich gab mich verloren und sprach bei mir[390] selber: ›Nicht immer kommt der Krug ohne Sprung davon. Das erstemal wurde ich gerettet, weil ich jemanden fand, der mich von der verlassenen Insel zu einer bewohnten Stätte brachte; aber jetzt bleibt mir keine Hoffnung.‹ Und ich begann zu weinen und zu klagen und überließ mich einem Wutanfall, indem ich mich selber schalt, daß ich mich von neuem den Gefahren und Mühsalen der Reise ausgesetzt hatte, da ich doch behaglich leben konnte in meinem Hause und in meiner Heimat, wo ich mich ergötzte an guter Speise und gutem Trank und schönen Kleidern, und wo mir nichts fehlte, weder Geld noch Gut. Und ich bereute, daß ich Bagdad verlassen hatte, noch dazu nach all den Beschwerden und Fährnissen meiner ersten Reise, auf der ich dem Untergang doch nur eben entronnen war; und ich rief aus: ›Wahrlich, wir sind Allahs, und zu Ihm kehren wir zurück!‹ Ich war wie irre und von den Dschann geschlagen, und dann stand ich auf und ging auf der Insel umher, nach rechts und nach links und überallhin; und vor Unruhe war ich außerstande, an irgendeinem Orte sitzen zu bleiben oder zu verweilen. Schließlich erklomm ich einen hohen Baum und spähte nach allen Richtungen aus, doch ich sah nichts als Himmel und Meer, und Bäume und Vögel, und Inseln und Dünen. Nach einer Weile aber fielen meine gierigen Blicke weit in der Ferne, im Innern der Insel, auf etwas Weißes; da stieg ich vom Baum herab und machte mich auf den Weg nach dem, was ich gesehen hatte; und siehe, es war eine riesenhafte weiße Kuppel, die sich hoch in die Luft erhob und einen ungeheuren Umfang hatte. Ich ging ganz um sie herum, doch fand ich keine Tür darin, noch auch fand ich infolge ihrer großen Glätte und Blankheit die Kraft oder die Behendigkeit, sie zu erklettern. Ich bezeichnete mir also die Stelle, auf der ich stand, und schritt noch einmal rings um die Kuppel herum, denn ich wollte ihren Umfang messen, und siehe, es waren fünfzig gute Schritte. Und als ich dastand und mir überlegte, wie ich Eintritt erlangen könnte (denn der Tag ging zur Neige und die Sonne war dem Erdrand nahe), siehe, da wurde plötzlich das Sonnenlicht von mir abgeschnitten, und die Luft wurde dunkel und finster. Ich glaubte, es habe sich eine Wolke vor die Sonne geschoben, aber es war die Sommerszeit, so daß ich staunend[391] den Kopf hob und scharf gen Himmel spähte; und endlich sah ich, daß die Wolke nichts anderes war als ein ungeheurer Vogel von riesenhaftem Leibesumfang und unermeßlicher Flügelweite; und während er dahinflog durch die Luft, verhüllte er die Sonne und verbarg sie der Insel. Bei diesem Anblick wuchs mein Staunen noch, und mir fiel eine Geschichte ein, die ich vorzeiten von Pilgern und Reisenden vernommen hatte, daß nämlich auf einer Insel ein riesenhafter Vogel hause, genannt der Rukh, der seine Jungen mit Elefanten füttere; und ich war überzeugt, daß die Kuppel, die mir ins Auge gefallen war, nichts anderes sein konnte als das Ei eines Rukh. Und während ich noch starrte und staunte ob der wunderbaren Werke des Allmächtigen, setzte der Vogel sich auf die Kuppel, bedeckte sie mit den Flügeln und brütete darauf; seine Beine aber streckte er hinter sich bis auf den Boden; in dieser Haltung schlief er ein; Ruhm aber sei Ihm, der nimmer schläft! Als ich das sah, da stand ich auf, wickelte meinen Turban auseinander, legte ihn zusammen und drehte ihn zu einem Strick, den ich mir um die Hüften und an die Beine des Vogels band, denn ich sprach bei mir selber: ›Vielleicht wird dieser Vogel mich in ein Land der Städte tragen und in bewohnte Gegenden, und das ist besser, als wenn ich auf dieser verlassenen Insel bleibe.‹ Ich wachte die Nacht hindurch, denn ich fürchtete, wenn ich einschliefe, so möchte der Vogel unversehens mit mir in die Lüfte fliegen; und sowie die Dämmerung hereinbrach und der Morgen leuchtete, erhob sich der Rukh von seinem Ei, breitete mit einem lauten Schrei die Flügel aus und flog empor, indem er mich mit sich zog; und er ließ nicht ab sich emporzuheben und zu schwingen, bis ich glaubte, er habe die Grenzen des Firmaments erreicht; dann aber ließ er sich langsam und allmählich wieder zur Erde herab, bis er auf dem Gipfel eines hohen Hügels landete. Sowie ich nun festen Boden unter mir fühlte, band ich mich eilends los, und ich bebte aus Angst vor dem Vogel, obgleich er meiner nicht achtete, ja, mich nicht einmal spürte; und indem ich meinen Turban von seinen Füßen löste, machte ich mich in heller Hast davon. Und bald darauf sah ich, wie er in seinen riesenhaften Klauen etwas von der Erde aufgriff und sich hoch damit in die Luft erhob; und als ich[392] genau hinsah, erkannte ich, daß es eine Schlange von gewaltigem Umfang und ungeheurem Wuchs war, mit der er mir aus den Augen entschwand. Ich staunte; und als ich weiterging, sah ich, daß ich auf einer Klippe war, die über ein Tal hinschaute, das sich weit und breit und tief dahinzog, eingeschlossen von ungeheuren Bergen, die hoch in die Lüfte ragten; niemand konnte ihre Gipfel erspähen, so hoch waren sie, und niemand war imstande, sie zu erklettern. Als ich das sah, machte ich mir Vorwürfe ob dessen, was ich unternommen hatte, und ich sprach: ›Wollte der Himmel, ich wäre auf der Insel geblieben! Sie war besser als diese wilde Wüste; denn dort hatte ich wenigstens Früchte zu essen und Wasser zu trinken; und hier sind weder Bäume noch Früchte noch Bäche. Aber es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen!‹ Doch ich faßte mir ein Herz, und als ich das Tal entlang schritt, sah ich, daß der Boden aus Diamanten bestand; das ist der Stein, mit dem man Erze durchbohrt und Edelsteine und Porzellan und Onyx, denn er ist ein harter und spröder Stein, dawider Eisen und Granit nichts auszurichten vermögen. Ferner wimmelte das Tal von Nattern und Vipern, deren jede so groß war wie eine Palme, und einen Elefanten hätten sie mit einem Schluck verschlungen; sie kamen nur nachts hervor und hielten sich tagsüber verborgen, damit die Rukhs und Adler nicht auf sie herabstießen und sie in Stücke rissen, wie sie es zu tun pflegten, weshalb, das weiß ich nicht. Und ich bereute, was ich getan hatte, und sprach: ›Bei Allah, ich hatte es eilig, das Verderben über mich zu bringen!‹ Und als ich dahinschritt, begann der Tag zu erblassen, so daß ich mich nach einem Orte umsah, wo ich die Nacht verbringen könnte, denn ich fürchtete mich vor den Schlangen, und in der Sorge um mein Leben dachte ich nicht mehr an Speise und Trank. Plötzlich aber sah ich ganz in der Nähe eine Höhle mit einem engen Eingang; in die drang ich ein, und da ich dicht an der Öffnung einen großen Stein liegen sah, wälzte ich ihn davor und sprach bei mir selber: ›Hier bin ich für die Nacht sicher; und sobald es Tag ist, will ich ausziehn und sehen, was das Schicksal vorhat.‹ Dann spähte ich in die Höhle hinein, und am oberen Ende erblickte ich eine große Schlange, die auf ihren[393] Eiern brütete. Mir bebte das Fleisch, und mir stand das Haar zu Berge; doch ich hob die Augen gen Himmel, empfahl mich dem Schicksal und Lose und wachte schlaflos die Nacht hindurch bis zum Tage; und als ich den Stein von dem Eingang der Höhle fortgerollt hatte, taumelte ich wie ein Trunkener und Berauschter hinaus, so hatten mich das Wachen, der Hunger und die Angst mitgenommen; und während ich in dieser argen Not dahinschritt, siehe, da fiel plötzlich ein geschlachtetes Tier vor mir nieder; aber ich konnte niemanden sehen, so daß ich staunte in höchstem Staunen. Dann fiel mir eine Geschichte ein, die ich ehedem von Händlern und Reisenden und Pilgern vernommen hatte: daß nämlich die Berge, wo man die Diamanten findet, voller Gefahren und Schrecken seien, so daß niemand sie durchwandern könne; die Kaufleute aber, die mit Diamanten handeln, hätten ein Mittel, sie zu erhalten, und es sei dieses: sie nehmen ein Schaf und schlachten und häuten es, dann schneiden sie es in Stücke und werfen diese von dem Bergesgipfel hinab auf die Sohle der Täler; und da das Fleisch frisch und vom Blute klebrig ist, so bleiben ein paar der Edelsteine daran haften; sie lassen es bis zum Mittag liegen, und wenn die Adler und Geier darauf niederstoßen und es in den Klauen auf die Bergesgipfel tragen, so kommen die Kaufleute gelaufen und schreien sie an und verscheuchen sie von dem Fleisch. Dann nehmen sie die Diamanten, die daran kleben, gehn ihrer Wege und lassen das Fleisch den Tieren und Vögeln; und niemand kann Diamanten auf andere Weise erlangen. Als ich nun das geschlachtete Tier herabfallen sah (so erzählte er weiter) und mich dieser Geschichte entsann, da trat ich hin und füllte mir die Taschen und den Turban und alle Falten meiner Kleider mit den erlesensten Diamanten; und als ich noch damit beschäftigt war, fiel eine zweite große Fleischmasse herab. Da legte ich mich mit dem aufgerollten Turban auf den Rücken, nahm das Fleisch auf die Brust, so daß es mich verbarg und ich es ein wenig vom Boden hob; kaum aber hatte ich es gepackt, so stieß ein Adler darauf herab, schlug seine Fänge hinein und flog damit hoch in die Luft, während ich darunterhing. Und nicht eher hielt er in seinem Fluge inne, als bis er auf dem Gipfel eines der Berge landete, wo er die Fleischmasse[394] niederwarf und zu zerfleischen begann. Aber siehe, hinter ihm erhob sich ein Lärmen von schreienden und widereinander geschlagenen Hölzern, so daß der Vogel erschrak und eiligst davonflog. Da ließ ich das Fleisch los und stand auf, die Kleider ganz mit dem Blut beschmiert; und als der Kaufmann, der hinter dem Adler geschrien hatte, herbeikam und mich dort stehen sah, da sprach er kein Wort, sondern bebte vor Entsetzen und Furcht. Trotzdem jedoch trat er zu dem Aas, und als er es umwandte, fand er nicht einen einzigen Diamanten, der daran kleben geblieben wäre; da stieß er einen lauten Schrei aus und rief: ›Weh, welche Enttäuschung! Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht außer bei Allah, bei dem wir Zuflucht suchen vor Satan, dem Gesteinigten!‹ Und er klagte und schlug mit der Hand auf die Hand und sprach: ›Ach, welch ein Jammer! Wie kommt das?‹ Da trat ich zu ihm, und er sprach zu mir: ›Wer bist du, und was trieb dich hierher?‹ Sprach ich: ›Fürchte nichts, ich bin ein Mensch, und ein guter Mensch und ein Kaufmann. Meine Geschichte ist wunderbar, und meine Abenteuer sind erstaunlich, und die Art, wie ich hierherkam, ist absonderlich. Also sei gutes Mutes, du sollst von mir erhalten, was dich erfreuen wird, denn ich habe Diamanten die Fülle bei mir; und ich will dir von ihnen so viel geben, daß du genug hast; denn sie sind alle besser als die, die du auf andere Weise erlangen könntest. Also fürchte nichts.‹ Des freute der Mann sich, und er dankte mir und segnete mich. Dann plauderten wir, bis die andern Kaufleute, die mich mit ihrem Gefährten sprechen hörten, herbeikamen und mich begrüßten, denn ein jeder von ihnen hatte auch sein Stück Fleisch hinabgeworfen. Und als ich dann mit ihnen davonging, erzählte ich ihnen meine ganze Geschichte; wie ich auf dem Meer Mühsal erduldet hatte und wie ich in das Tal gekommen war. Dem Eigentümer des Fleisches aber gab ich eine Anzahl der Steine, die ich bei mir trug, so daß mir alle Glück wünschten zu meiner Rettung und sprachen: ›Bei Allah, dir wurde ein neues Leben bestimmt, denn noch niemand ist vor dir in jenes Tal gelangt und mit dem Leben davongekommen; Preis aber sei Allah für deine Rettung!‹ Wir verbrachten die Nacht zusammen an einem sicheren und angenehmen Ort und freuten uns über die[395] Maßen ob meiner Rettung aus dem Schlangental, zumal ich in bewohnte Gegenden gekommen war; und am folgenden Tage brachen wir auf und wanderten über die gewaltige Bergeskette, von der aus wir im Tale viele Schlangen sahen, bis wir zu einer schönen großen Insel kamen, auf der sich ein Garten riesenhafter Kampferbäume befand, wo unter jedem gegen hundert Menschen hätten Obdach finden können. Wenn dort die Leute Kampfer haben wollen, bohren sie mit einem langen Eisen oben in den Stamm ein Loch, so daß der flüssige Kampfer, der den Saft des Baumes bildet, herausfließt; sie fangen ihn in Gefäßen auf, wo er sich wie Gummi verdickt; hernach aber stirbt der Baum und wird zu Feuerholz. Ferner lebt auf dieser Insel eine Gattung wilder Tiere, die man Rhinozeros nennt; dieses Tier weidet wie bei uns das Rind und der Büffel; aber es ist ein riesenhaftes Tier, größer als das Kamel, und wie dieses nährt es sich von den Blättern und Zweigen der Bäume. Es ist ein auffallendes Tier mit einem großen und dicken, zehn Ellen langen Horn mitten auf dem Kopf; wenn man das auseinander spaltet, so findet sich das Bild eines Menschen darin. Reisende und Pilger und Wanderer erzählen, daß dieses Karkadan genannte Tier auf seinem Horn einen großen Elefanten davonträgt und dann auf der Insel an der Meeresküste weiterweidet, ohne seiner zu achten, bis der Elefant stirbt und dem Rhinozeros sein Fett, das in der Sonne schmilzt, in die Augen rinnt, so daß es blind wird und sich am Strande niederlegt. Dann kommt der Vogel Rukh und schleppt sowohl das Rhinozeros wie das, was es auf seinem Horne trägt, davon, um seine Jungen damit zu füttern. Ferner sah ich auf dieser Insel viele Arten von Ochsen und Büffeln, derengleichen sich bei uns nicht finden. Ich verkaufte dort ein paar der Diamanten, die ich bei mir hatte, gegen Golddinare und Silberdirhems, und andere tauschte ich ein gegen Erzeugnisse des Landes. Und ich lud all das auf Lasttiere und zog mit den Kaufleuten weiter von Tal zu Tal, indem ich kaufte und verkaufte und mir fremde Länder ansah, sowie die Werke und Geschöpfe Allahs, bis wir die Stadt Bassorah erreichten, wo wir ein paar Tage blieben. Und schließlich setzte ich meine Reise nach Bagdad, dem Hause des Friedens, fort und kehrte heim mit großem Vorrat[396] an Geld, Diamanten und Waren. Ich versammelte also meine Freunde und Anverwandten, gab Almosen und Spenden, verlieh seltsame Gaben und schenkte all meinen Freunden und Gefährten. Dann hub ich an, gut zu speisen und zu trinken und schöne Kleider zu tragen und mich zu vergnügen mit meinen Genossen, und vergaß all mein Leiden in der Lust der Rückkehr zum Genuß und zur Freude des Lebens, und die Brust war mir weit und leicht mein Herz. Und jeder, der von meiner Heimkehr hörte, kam und fragte mich nach meinen Abenteuern und nach den fremden Ländern, und ich erzählte ihnen alles, was mir widerfahren war und was ich erduldet hatte, also daß sie staunten und mir Glück wünschten zur sicheren Rückkehr. Dies also ist das Ende der Geschichte meiner zweiten Reise, und morgen will ich euch, Inschallah, erzählen, was mir auf meiner dritten Reise widerfuhr.‹

Die Versammlung staunte ob seiner Geschichte und speiste mit ihm zur Nacht; dann befahl er, dem Lastträger hundert Dinare zu geben; und der nahm unter vielen Danksagungen und Segenssprüchen (in denen er selbst auf dem Heimweg keine Unterbrechung machte) das Geld und ging seiner Wege, staunend ob dessen, was er vernommen hatte. Sowie nun am nächsten Morgen der Tag in seinem Schein erschien und leuchtete, stand er auf, betete das Morgengebet und begab sich zu dem Hause Sindbads des Seefahrers, wie der es ihm befohlen hatte; und er ging zu ihm hinein und bot ihm einen guten Morgen. Der Kaufmann hieß ihn willkommen, und er nötigte ihn, sich zu setzen, bis die anderen Geladenen erschienen; und als sie alle gut gegessen und getrunken hatten und lustig waren in Freude und Heiterheit, da hub ihr Gastgeber an und sprach: ›Höret, o meine Brüder, was ich euch jetzt erzählen will, denn es ist noch wunderbarer, als was ihr bereits vernommen habt; Allah allein aber weiß, welche Dinge seine Allwissenheit dem Menschen verbarg! Vernehmet also

Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 389-397.
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