Khalifah, der Fischer von Bagdad

[499] Einst lebte in alten Zeiten und längst verschollenen Vergangenheiten in der Stadt Bagdad ein Fischer namens Khalifah, ein Mann von vielen Worten und wenig Glück. Und als er eines Tages in seiner Zelle saß, sann er nach und sprach: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Wollte der Himmel, ich wüßte, welches mein Vergehen ist vor den Augen meines Herrn, und was die Schwärze meines Glücks und den Mangel an Gedeihen unter den Fischern verursacht, wiewohl es in der Stadt Bagdad (und das sage ich, der es nicht sagen sollte) keinen zweiten Fischer gibt wie mich!‹ Nun wohnte er in einer Trümmerstätte, die man einen Khan nannte; die hatte keine Tür, und wenn er auf den Fang auszog, so nahm er sein Netz auf die Schulter, denn Korb und Fischmesser hatte er nicht; und die Leute starrten ihm nach und sprachen zu ihm: ›O Khalifah, weshalb nimmst du nicht einen Korb mit für die Fische, die du fängst?‹ Er aber erwiderte: ›Wie ich ihn leer mit hinausnähme, so würde ich ihn auch so wiederbringen, denn es gelingt mir nie, etwas zu fangen.‹ Eines Nachts nun stand er im Dunkel vor der Dämmerung auf, und indem er sein Netz auf die Schulter nahm, hob er die Augen zum Himmel und sprach: ›Mein Allah, der du Mose, dem Sohn Imrans, das Meer unterwarfest, gib mir heute mein täglich Brot, denn du bist der beste der Versorger!‹ Dann ging er hinab zum Tigris, breitete sein Netz, warf es in den Fluß und wartete, bis es gesunken war; und als er es einholte und ans Land zog, siehe, da enthielt es nichts als einen toten Hund. Und er warf das Aas von sich, indem er sprach: ›O Morgen schlimmer Vorbedeutung! Was für ein Handgeld ist dieser tote Hund, nachdem ich mich seiner Schwere gefreut hatte!‹ Dann besserte er die Löcher im Netze aus und sprach: ›Nach diesem Kadaver müssen Fische die Fülle[500] kommen, denn der Geruch lockt sie an.‹ Und er warf ein zweites Mal aus; und nach einer Weile zog er wiederum ein, und er fand in dem Netz eine Kamelhachse, die sich in den Maschen verfangen und sie rechts und links zerrissen hatte. Als Khalifah sein Netz also zugerichtet sah, da weinte er und sprach: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Ich möchte wissen, welches die Ursache der Schwärze meines Glücks und meines Mangels an Gedeihen ist, daß unter allem Volk gerade ich nie einen Katzenfisch noch auch eine Sprotte fange, die ich auf der Asche braten und essen könnte, wiewohl ich sagen muß, daß es in Bagdad keinen zweiten Fischer gibt wie mich.‹ Dann warf er mit einem ›Bismillah‹ sein Netz zum drittenmal; und als er es ans Land zog, fand er darin einen grindigen und räudigen, einäugigen Affen, der hinkte und der in der Hand eine Elfenbeinrute hielt. Als Khalifah das sah, da sprach er: ›Dies ist wahrlich ein gesegneter Anfang! Wer bist du, o Affe?‹ ›Kennst du mich nicht?‹ ›Nein, bei Allah, ich habe keine Kenntnis von dir!‹ ›Ich bin dein Affe!‹ ›Welchen Nutzen bringst du, o mein Affe?‹ ›Ich wünsche dir jeden Tag einen guten Morgen, damit Allah dir nicht die Tür des täglichen Brotes öffne!‹ ›Daran läßt du es nicht fehlen, du Unglückseinaug! Möge Allah dich nimmer segnen! Ich muß dir dein heiles Auge ausreißen und dein gesundes Bein abschneiden, damit du zum blinden Krüppel wirst und ich dich los bin. Aber was tust du mit der Rute, die du in der Hand hältst?‹ ›O Khalifah, damit verjage ich die Fische, damit sie nicht in dein Netz geraten!‹ ›Steht es so? Dann will ich dich heute mit schwerer Strafe strafen und dir allerlei Foltern ersinnen und dir das Fleisch von den Knochen schneiden, damit ich Ruhe habe vor dir, du elendes Pack!‹ Mit diesen Worten band Khalifah sich einen Strick ab, den er als Gürtel trug, fesselte den Affen an einen Baum und sprach: ›Sieh, du Hund von einem Affen! Ich gedenke jetzt das Netz noch einmal auszuwerfen, und wenn es etwas heraufbringt: schön und gut! Aber wenn es leer heraufkommt, so will ich dir gewiß und wahrhaftig ein Ende bereiten und mich deiner durch die grausamsten Foltern entledigen, du stinkendes Vieh!‹ Und er warf das Netz, zog es ans Land und fand darin einen zweiten[501] Affen, so daß er sprach: ›Ruhm sei Allah, dem Großen! Sonst zog ich nichts als Fische aus diesem Tigris, aber jetzt gibt er nur noch Affen her.‹ Und er sah den zweiten Affen an und fand ihn schön von Gestalt und rund von Angesicht; und in den Ohren trug er goldene Gehänge und um den Rumpf eine blaue Jacke, und er war wie eine entzündete Kerze. Fragte er ihn: ›Wer bist nun du, o Affe?‹ Versetzte der und sprach: ›O Khalifah, ich bin der Affe Abu al-Saadats1, des Juden, des Geldwechslers am Hofe. Jeden Tag wünsche ich ihm einen guten Morgen, und er nimmt einen Verdienst von zehn Goldstücken ein.‹ Rief der Fischer: ›Bei Allah, du bist ein schöner Affe, und nicht wie dieser mein Unglücksaffe!‹ Mit diesen Worten nahm er einen Stock und fiel über die Flanken seines Affen her, bis er ihm die Rippen zerbrochen hatte und jener auf und ab sprang. Und der andere, der schöne, sprach: ›O Khalifah, was soll es dir nützen, daß du ihn schlägst, und wenn du ihn prügeltest, bis er stürbe?‹ Versetzte Khalifah: ›Was soll ich tun? Soll ich ihn seiner Wege gehen lassen, damit er mir mit seinem verdammten Hundegesicht die Fische verjagt und mir jeden Tag guten Morgen und guten Abend sagt, so daß Allah mir die Tür des täglichen Brotes nicht öffnet? Nein, ich will ihn töten, damit ich ihn los bin, und ich will an seiner Stelle dich annehmen; dann wirst du mir guten Morgen wünschen, und ich verdiene jeden Tag zehn Dinare.‹ Gab der schöne Affe zur Antwort: ›Ich will dir einen besseren Weg angeben, und wenn du auf mich hörst, so sollst du Ruhe haben, und ich will an seiner Stelle dein Affe werden.‹ Fragte der Fischer: ›Und was rätst du mir?‹ Versetzte der Affe: ›Wirf dein Netz, und du wirst einen herrlichen Fisch fangen, dessengleichen niemand jemals sah, und ich will dir sagen, was du tun sollst.‹ Sprach Khalifah: ›Höre, du! Wenn ich mein Netz auswerfe und ich ziehe einen dritten Affen herauf, so will ich euch drei in sechs Stücke schneiden!‹ Entgegnete der Affe: ›So sei es, o Khalifah, ich nehme diese Bedingung an.‹ Und Khalifah breitete sein Netz aus und zog es ein, und siehe, es war darin eine schöne junge Barbe mit einem runden Kopf, der da war wie ein Melkeimer; und als er sie sah, da entfloh ihm[502] vor Freuden der Verstand, so daß er sprach: ›Ruhm sei Allah! Was für ein edles Geschöpf ist das? Wären die Affen da im Fluß, so hätte ich diesen Fisch nicht gefangen!‹ Sprach der schöne Affe: ›O Khalifah, wenn du auf meinen Rat hören willst, so soll es dir Glück bringen.‹ Und der Fischer erwiderte: ›Allah verdamme den, der dir hinfort widersprechen wollte!‹ Sprach der Affe: ›O Khalifah, nimm einiges Gras und lege den Fisch darauf in den Korb und decke ihn mit weiterem Grase zu; und hole dir auch ein wenig Basilikum vom Kräuterhändler und tu es dem Fisch ins Maul. Bedecke ihn mit einem Tuch und geh durch den Markt von Bagdad. Wer dich anspricht, um ihn zu kaufen, dem verkauf ihn nicht, sondern geh weiter, bis du zur Marktstraße der Juweliere und Geldwechsler kommst. Dort zähle fünf Läden zur rechten Hand, und der sechste Laden ist der Abu al-Saadats, des Juden, des Hofgeldwechslers. Wenn du vor ihn trittst, so wird er sagen: ›Was suchest du?‹ Und du gib zur Antwort: ›Ich bin ein Fischer, und ich warf heute morgen mein Netz auf deinen Namen und fing diese edle Barbe, die ich dir als Geschenk gebracht habe.‹ Wenn er dir nun einiges Silber gibt, so nimm es nicht, sei es viel oder wenig, denn das würde alles verderben, sondern sprich zu ihm: ›Ich will von dir nichts als ein Wort, nämlich, daß du sprechest: Ich verkaufe dir meinen Affen gegen deinen Affen und mein Glück gegen dein Glück.‹ Wenn der Jude das sagt, so gib ihm den Fisch, und ich bin dein Affe geworden, während dieser krüpplige, räudige, einäugige Affe sein Affe geworden ist. Versetzte Khalifah: ›Wohlgesprochen, o Affe!‹ Und er schritt auf Bagdad zu und beobachtete, was der Affe zu ihm gesprochen hatte, bis er vor des Juden Laden kam und den Geldwechsler, umringt von seinen Eunuchen und Sklaven, sitzen sah, wie er gebot und verbot und gab und nahm. Er setzte also seinen Korb ab und sprach: ›O Sultan der Juden, ich bin ein Fischer, und ich zog heute zum Tigris hinab und warf mein Netz auf deinen Namen aus, indem ich rief: ›Dies ist auf das Glück Abu al-Saadats‹; und herauf kam diese Barbe, die ich dir als Geschenk gebracht habe.‹ Und er hob das Gras und zeigte den Fisch dem Juden; der erstaunte über seine Gestalt und sprach: ›Erhöht sei die Vollkommenheit[503] des herrlichsten Schöpfers!‹ Dann gab er dem Fischer einen Dinar, doch der lehnte ihn ab, und er gab ihm zwei. Auch die lehnte er ab, und der Jude erhöhte sein Gebot so lange, bis er auf zehn Dinare stieg; doch immer noch lehnte der Fischer ab, und Abu al-Saadat sprach zu ihm: ›Bei Allah, du bist habgierig! Sag an, was du haben willst, o Moslem!‹ Sprach Khalifah: ›Ich will nur ein einziges Wort.‹ Als der Jude das hörte, erblich er und sprach: ›Willst du mich aus meinem Glauben vertreiben? Geh deiner Wege.‹ Sprach Khalifah: ›Bei Allah, o Jude, es kommt wenig darauf an, ob du ein Moslem oder ein Nazarener wirst!‹ Fragte der Jude: ›Was also soll ich sagen?‹ Und der Fischer erwiderte: ›Sprich: Ich verkaufe dir meinen Affen für deinen Affen und mein Glück für dein Glück.‹ Der Jude lachte, denn er glaubte, jener sei klein von Verstand, und er sprach im Scherz: ›Ich will dir meinen Affen verkaufen für deinen Affen und mein Glück für dein Glück! Legt Zeugnis ab wider mich, ihr Kaufleute! Bei Allah, Unseliger, jetzt hast du keinen Anspruch mehr an mich!‹ Und Khalifah machte kehrt und schalt sich selber und sprach: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Ach, weshalb habe ich nicht das Gold genommen?‹ Und er schritt dahin, indem er sich schalt wegen des Geldes, bis er zum Tigris kam; doch die beiden Affen fand er nicht mehr; und also weinte er und schlug sich das Gesicht und streute sich Staub aufs Haupt, indem er sprach: ›Hätte der zweite Affe mich nicht umgarnt und betrogen, so wäre der einäugige mir nicht entgangen.‹ Und er ließ zu weinen und zu klagen nicht ab, bis Hitze und Hunger ihn bedrängten; da nahm er das Netz und sprach: ›Auf, laß uns im Vertrauen auf den Segen Allahs einen Wurf tun! Vielleicht fange ich einen Katzenfisch oder eine Barbe, die ich kochen und essen kann.‹ Und er warf das Netz aus und zog es ans Land, und siehe, es war voller Fische, so daß er sich tröstete und freute und sich daran machte, die Fische aus den Maschen zu lösen und sie auf die Erde zu werfen. Plötzlich nun kam ein Weib daher, das Fische suchte, und rief: ›In der ganzen Stadt sind keine Fische zu finden.‹ Sie erblickte Khalifah und sprach zu ihm: ›Willst du diese Fische verkaufen, Meister?‹ Versetzte[504] Khalifah: ›Ich will sie in Zeug verwandeln, und alles steht zum Verkauf, selbst mein Bart. Nimm, was du willst!‹ Da gab sie ihm einen Dinar, und er füllte ihr den Korb. Dann ging sie fort, und siehe, es kam eine zweite Magd, die für einen Dinar Fische wollte, und bis zum Nachmittag ließen die Leute nicht ab, zu kommen; und um die Stunde des Gebets hatte Khalifah schon für zehn Dinare Fische verkauft. Und da er sich schwach und hungrig fühlte, so faltete er sein Netz, nahm es auf die Schulter und begab sich auf den Markt, wo er sich für einen Dinar einen wollenen Mantel und eine Kapuze mit geflochtenem Rand und einen honigfarbenen Turban kaufte und noch zwei Dirhems herausbekam, für die er gebratenen Käse und einen fetten Schafschwanz und Honig einkaufte; und er tat all das in die Schüssel des Ölhändlers und aß, bis er satt war und seine Rippen sich kalt anfühlten ob seiner Fülle. Und schließlich machte er sich in seine Wohnung im Khan davon, gekleidet in den Mantel und den honigfarbenen Turban und mit den neun Golddinaren im Munde; und er freute sich dessen, was er noch nie im Leben gesehen hatte. Er trat ein und legte sich nieder, doch vor ängstlichen Gedanken konnte er nicht schlafen, und die halbe Nacht hindurch spielte er mit dem Gelde. Dann sprach er bei sich selber: ›Vielleicht wird der Kalif davon hören, daß ich Gold habe, und zu Dscha'afar sprechen: ›Geh zu Khalifah, dem Fischer, und borge uns einiges Geld von ihm.‹ Wenn ich es ihm gebe, so wird mir das nicht leicht werden, und wenn ich es nicht gebe, so wird er mich foltern. Aber die Folter wird mir leichter werden, als das Geld herzugeben. Drum will ich aufstehn und mich prüfen, ob meine Haut fest ist gegen den Stock oder nicht.‹ Und er legte seine Kleider ab, nahm eine geflochtene Seemannspeitsche von hundertundsechzig Riemen und ließ nicht ab, sich zu schlagen, bis seine Flanken und sein Rumpf im Blute schwammen; und bei jedem Streich rief er aus und sprach: ›O Moslems, ich bin ein armer Mann! O Moslems, ich bin ein armer Mann! O Moslems, woher sollte ich Gold haben? Woher sollte ich Geld besitzen?‹ bis die Nachbarn, die in seiner Nähe wohnten, hörten, wie er rief und sprach: ›Geht zu wohlhabenden Leuten und nehmt denen!‹ so daß sie glaubten, Diebe folterten ihn,[505] um Geld von ihm zu erpressen, während er um Hilfe rief. Sie strömten also herbei, ein jeder bewaffnet mit irgendeiner Waffe, und da sie die Tür seiner Wohnung verschlossen fanden, während er um Hilfe brüllte, so glaubten sie, die Diebe seien vom Terrassendach zu ihm eingestiegen; und also drängten sie an wider die Tür und sprengten sie. Und als sie eintraten, fanden sie ihn splitternackt und barhaupt, und sein Leib triefte vom Blut, und er war überhaupt in schlimmer Verfassung. Fragten sie ihn: ›Woher finden wir dich so? Hast du den Verstand verloren, und haben dich heute nacht die Dschann überfallen?‹ Versetzte er: ›Nein, aber ich habe Gold bei mir, und ich fürchte, der Kalif wird ausschicken, um von mir zu borgen; und es würde mir nicht leicht werden, ihm etwas zu geben. Und wenn ich ihm nichts gebe, so ist es nur zu gewiß, daß er mich foltern wird; deshalb bin ich aufgestanden, um zu sehen, ob meine Haut fest ist wider den Stock oder nicht.‹ Als sie nun diese Worte vernahmen, da sprachen sie zu ihm: ›Möge Allah deinen Leib nicht heilen, du unseliger Irrer! Wahrlich, du bist heute nacht wahnsinnig geworden! Lege dich schlafen; möge Allah dich nimmer segnen! Wie viele tausend Dinare hast du, daß der Kalif kommen sollte, um von dir zu borgen?‹ Versetzte er: ›Bei Allah, ich habe nur neun Dinare.‹ Und sie alle sprachen: ›Bei Allah, er ist nicht anders als über die Maßen reich!‹ Und sie verließen ihn, staunend ob seines Mangels an Verstand; und Khalifah nahm sein Geld, hüllte es in Lumpen und sprach bei sich selber: ›Wo soll ich all dieses Gold verbergen? Wenn ich es vergrabe, so werden sie es stehlen; und wenn ich es hinterlege, so wird man leugnen, daß ich es tat; und wenn ich es auf meinem Haupte trage, so werden sie es mir entreißen; und wenn ich es mir in den Ärmel binde, so werden sie es mir fortschneiden.‹ Alsbald aber entdeckte er in dem Mantel eine kleine Brusttasche, und er sprach: ›Bei Allah, das ist herrlich! Da liegt es dicht unter meinem Hals und in der Nähe meines Mundes; wenn einer die Hand ausstreckt, um es zu ergreifen, so kann ich es mit dem Mund erreichen und in meiner Kehle verbergen.‹ Er tat also den Lumpen mit dem Geld in diese Tasche und legte sich nieder; doch er schlief nicht in jener Nacht vor Argwohn und Sorge und[506] ängstlichen Gedanken. Am folgenden Tage verließ er seine Wohnung, um zu fischen, und er begab sich hinab zum Fluß und stieg bis an die Knie ins Wasser. Dann warf er das Netz aus und schüttelte es gewaltig, also, daß sein Geldbeutel ins Wasser fiel. Er riß sich Mantel und Turban ab und tauchte ihm nach, indem er sprach: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen!‹ Und er ließ nicht ab zu tauchen und das Flußbett zu durchsuchen, bis der Tag halb verstrichen war, ohne daß er sein Geld gefunden hätte. Nun sah ihn einer aus der Ferne tauchen und suchen, während sein Mantel und sein Turban weit von ihm in der Sonne lagen, ohne daß jemand sie bewachte; er wartete also, bis er wieder tauchte; dann stürzte er auf die Kleider zu und machte sich mit ihnen davon. Bald darauf kam Khalifah ans Land, und als er seinen Mantel und Turban vermißte, grämte er sich um ihren Verlust in unvergleichlichem Gram und Kummer; und er stieg einen Hügel empor, um sich nach einem umzusehen, den er nach ihnen fragen könnte; aber er fand keinen einzigen.

Nun war an jenem Tage der Kalif Harun al-Raschid zu Jagd und Ritt ausgezogen; und da er um die Mittagszeit zurückkehrte, so bedrückte ihn die Hitze, und ihn dürstete; und er spähte aus der Ferne nach Wasser aus, und da er einen nackten Menschen auf dem Hügel stehen sah, sprach er zu Dscha'afar: ›Siehst du, was ich sehe?‹ Versetzte der Vezier: ›Ja, o Beherrscher der Gläubigen, ich sehe einen Menschen auf einem Hügel stehen.‹ Fragte Harun al-Raschid: ›Wer ist es?‹ Und Dscha'afar erwiderte: ›Vielleicht ist er der Hüter einer Gurkenpflanzung.‹ Sprach der Kalif: ›Oder auch ein Frommer; ich möchte allein zu ihm gehen und ihn bitten um sein Gebet; bleib hier zurück.‹ Und er ritt auf Khalifah zu, grüßte ihn mit dem Salam und sprach: ›Wer bist du, o Mann?‹ Versetzte der Fischer: ›Kennst du mich nicht? Ich bin Khalifah, der Fischer.‹ Und der Kalif erwiderte: ›Wie, der Fischer mit dem wollenen Mantel und dem honigfarbenen Turban?‹ Als nun Khalifah hörte, wie er die Kleider nannte, die er verloren hatte, sprach er bei sich selber: ›Dieser ist der, der mir meine Lappen nahm; vielleicht war es nur ein Scherz.‹ Er kam also herab von dem Hügel und sprach: ›Kann[507] ich kein Mittagsschläfchen machen, ohne daß du mir solche Streiche spielst? Ich habe gesehen, wie du mir meine Sachen nahmst, und ich wußte, daß du nur scherztest.‹ Da übermannte den Kalifen das Lachen, und er sprach: ›Was für Kleider hast du verloren? Ich weiß nichts von dem, davon du redest, o Khalifah.‹ Rief der Fischer: ›Beim großen Allah, wenn du mir meine Sachen nicht zurückbringst, so will ich dir mit diesem Stock die Rippen zerschmettern!‹ (Denn er trug stets einen Knüttel bei sich.) Sprach der Kalif: ›Bei Allah, ich habe die Sachen, von denen du sprichst, nicht gesehen!‹ Und Khalifah erwiderte: ›Ich werde mit dir gehen und sehen, wo du wohnst, und dann werde ich Klage führen wider dich beim Wachthauptmann, damit du mir nicht noch einmal solche Streiche spielst! Bei Allah, kein anderer hat mir Mantel und Turban genommen, und wenn du sie mir nicht auf der Stelle zurückgibst, so werde ich dich von deinem Esel reißen und dir mit diesem Knüttel den Schädel einschlagen, bis du dich nicht mehr rühren kannst.‹ Und er zerrte am Zügel der Mauleselin, so daß sie sich auf den Hinterbeinen bäumte, und der Kalif sprach bei sich selber: ›In welches Unheil bin ich bei diesem Irren geraten?‹ Und er zog einen Mantel aus, den er trug und der tausend Dinare wert war; und er sprach zu dem Fischer: ›Nimm diesen Mantel statt des deinen.‹ Khalifah nahm ihn; und als er ihn anzog, sah er, daß er zu lang war; deshalb schnitt er ihn um die Knie herum ab und machte sich aus dem Fetzen einen Turban für den Kopf; dann sprach er zu dem Kalifen: ›Was bist du, und welches ist dein Gewerbe? Aber wozu fragen, du bist nichts anderes als ein Trompetenbläser.‹ Fragte Harun al-Raschid: ›Was hat dir verraten, daß ich von Gewerbe ein Trompeter bin?‹ Und Khalifah erwiderte: ›Deine großen Nasenlöcher und dein kleiner Mund.‹ Rief der Kalif: ›Gut getroffen! Ja, das ist mein Gewerbe.‹ Sprach Khalifah: ›Wenn du auf mich hören willst, so will ich dich die Kunst des Fischens lehren; das wird dir besser bekommen als das Trompeten, und du wirst dein Brot auf ehrliche Weise verdienen.‹ Versetzte der Kalif: ›Lehre sie mich, damit ich sehe, ob ich imstande bin, sie zu lernen.‹ Sprach Khalifah: ›Komm mit, Trompeter.‹ Und der Kalif folgte ihm an den Fluß hinab und nahm das[508] Netz, während jener ihm zeigte, wie er es werfen müßte. Und er warf es und zog es auf, und siehe, es war schwer; und der Fischer sprach: ›O Trompeter, wenn das Netz sich hinter einem Felsen verfangen hat, so zieh nicht zu kräftig, sonst zerreißt es, und, bei Allah, dann nehme ich deine Eselin als Zahlung.‹ Der Kalif lachte über seine Worte, und Stück für Stück zog er das Netz herauf, bis er es am Lande hatte und voller Fische fand. Als nun Khalifah das sah, da entfloh ihm vor Freuden der Verstand, und er rief: ›Bei Allah, o Trompeter, du hast Glück beim Fischen! Nie in meinem Leben will ich mich von dir trennen! Aber jetzt gedenke ich, dich auf den Fischmarkt zu schicken; und frage du dort nach dem Laden Humaids, des Fischers, und sprich zu ihm: ›Mein Gebieter Khalifah grüßt dich und heißt dich, ihm ein paar Binsenkörbe und ein Messer zu senden, damit er dir noch mehr Fische bringen kann als gestern.‹ Lauf und kehre auf der Stelle zurück.‹ Versetzte der Kalif (und wahrlich, er lachte): ›Auf meinem Haupt, o Meister!‹ Und er stieg auf seine Eselin und ritt zurück zu Dscha'afar, der zu ihm sprach: ›Sag mir, was dir widerfahren ist.‹ Und der Kalif erzählte ihm alles, was zwischen ihm und dem Fischer geschehen war, und er fügte hinzu: ›Ich habe ihn verlassen, und er wartet, daß ich mit den Körben zu ihm zurückkehre, und ich bin entschlossen, das Schuppen und Säubern der Fische von ihm zu lernen.‹ Sprach Dscha'afar: ›Und ich will mit dir gehen, um die Schuppen zusammenzufegen und den Laden zu säubern.‹ So stand es, bis plötzlich der Kalif ausrief: ›O Dscha'afar, ich wünsche, daß du die jungen Mamelucken entsendest und zu ihnen sprichst: ›Wer mir von jenem Fischer einen Fisch bringt, der soll einen Dinar erhalten‹; denn ich möchte gern von den selbstgefangenen Fischen essen.‹ Dscha'afar also wiederholte den jungen weißen Sklaven, was der Kalif gesprochen hatte, und er wies sie an, wo sie den Fischer finden würden. Sie nun fielen über Khalifah her und entrissen ihm die Fische; und als er sie sah und ihre Schönheit erkannte, da zweifelte er nicht daran, daß sie von den schwarzäugigen Huris des Paradieses wären; und er ergriff ein paar Fische, lief in den Fluß und sprach: ›O mein Allah, bei der geheimen Kraft dieser Fische, vergib mir!‹ Plötzlich nun[509] kam der Großeunuch daher und suchte Fische, doch fand er keine mehr. Und als er Khalifah im Wasser mit den beiden Fischen in den Händen auf und nieder tauchen sah, rief er ihn an und sprach: ›O Khalifah, was hast du da?‹ Versetzte der Fischer: ›Zwei Fische.‹ Und der Eunuch sprach: ›Gib sie mir und nimm hundert Dinare dafür.‹ Als aber Khalifah von hundert Dinaren reden hörte, kam er aus dem Wasser hervor und sprach: ›Gib die hundert Dinare her.‹ Sprach der Eunuch: ›Folge mir in das Haus Harun al-Raschids und nimm dein Gold, o Khalifah.‹ Und indem er die Fische nahm, ritt er zum Palast des Kalifats davon. Khalifah aber begab sich nach Bagdad, gekleidet in den Mantel des Kalifen, der ihm noch nicht bis zu den Knien reichte, auf dem Kopf den abgeschnittenen Fetzen als Turban und umgürtet mit einem Strick; und er eilte mitten durch die Stadt. Die Leute begannen, über ihn zu lachen und zu staunen, und sprachen: ›Woher hast du das Ehrengewand?‹ Er aber lief weiter und fragte: ›Wo ist das Haus Harun al-Raschads?‹ Und sie erwiderten: ›Sprich: das Haus Harun al-Raschids!‹ Versetzte er: ›Das ist alles gleich‹; und er lief weiter, bis er den Palast des Kalifats erreichte. Nun sah ihn der Schneider, der den Mantel gemacht hatte und der in der Tür stand; und als er das Gewand bei dem Fischer erblickte, sprach er zu ihm: ›Seit wieviel Jahren hast du Zutritt gehabt zum Palast?‹ Versetzte Khalifah: ›Seit ich ein kleiner Junge war.‹ Und der Schneider fragte: ›Woher hast du den Mantel, den du so verdorben hast?‹ Versetzte Khalifah: ›Von meinem Lehrling, dem Trompeter.‹ Dann trat er ein in die Tür, und er sah den Großeunuchen mit den beiden Fischen neben sich, sitzen; und da er erkannte, daß er ganz schwarz war, sprach er zu ihm: ›Willst du mir nicht die hundert Dinare bringen, o mein Tülpchen?‹ Sprach jener: ›Auf meinem Haupte, o Khalifah!‹ Und siehe, eben da kam Dscha'afar von dem Kalifen, und als er den Fischer im Gespräch mit dem Eunuchen sah, zu dem er eben sprach: ›Das ist der Lohn der Güte, Onkel Tülpchen‹, so ging er zu Harun al-Raschid hinein und sprach zu ihm: ›O Beherrscher der Gläubigen, dein Meister, der Fischer, ist bei dem Großeunuchen und mahnt ihn um hundert Dinare.‹ Rief der Kalif: ›Bring ihn[510] herein, o Dscha'afar!‹ Und der Minister erwiderte: ›Hören und Gehorchen.‹ Und er ging hinaus zu dem Fischer und sprach zu ihm: ›O Khalifah, dein Lehrling, der Trompeter, entbietet dich zu sich.‹ Und er schritt dahin, während der andere ihm folgte, bis sie die Audienzhalle erreichten, wo er den Kalifen mit einem Baldachin über seinem Haupte sitzen sah. Als er nun eintrat, schrieb Harun al-Raschid drei Papiere und hielt sie ihm hin; und der Fischer sprach zu ihm: ›So hast du das Trompeten aufgegeben und bist Astrolog geworden?‹ Sprach der Kalif: ›Nimm ein Papier.‹ Nun hatte er auf das erste geschrieben: ›Er soll ein Goldstück erhalten‹, auf das zweite: ›Hundert Dinare‹, und auf das dritte: ›Er soll hundert Peitschenhiebe erhalten!‹ Khalifah also streckte die Hand aus, und nach dem Ratschluß des Bestimmers traf er das Blatt, auf dem geschrieben stand: ›Er soll hundert Peitschenhiebe erhalten.‹ Und wenn die Könige etwas bestimmen, so weichen sie nicht davon ab. Man warf ihn also zu Boden und versetzte ihm hundert Hiebe, während er weinte und um Hilfe schrie, ohne daß ihm Hilfe kam, und sprach: ›Bei Allah, das ist ein hübscher Spaß, Trompeter! Ich lehre dich fischen, und du wirst Astrolog und ziehst mir ein unglückliches Los. Pfui über dich, in dir lebt nichts Gutes!‹ Als aber der Kalif seine Worte vernahm, da fiel er vor Lachen in Ohnmacht und sprach: ›O Khalifah, dir soll nichts Arges widerfahren, fürchte dich nicht! Gebt ihm hundert Goldstücke.‹ Man gab ihm also hundert Dinare, und Khalifah ging hinaus und ließ zu gehen nicht ab, bis er auf den Koffermarkt kam, wo sich die Leute in einem Kreis um einen Mäkler versammelt hatten, der ausrief und sprach: ›Um hundert Dinare weniger einen Dinar! Eine verschlossene Kiste!‹ Er drängte sich also durch die Menge vor und sprach zu dem Mäkler: ›Mein für hundert Dinare!‹ Der Mäkler schloß mit ihm ab und nahm sein Geld, so daß er weder viel noch wenig behielt. Die Träger aber stritten sich eine Weile, wer die Kiste tragen sollte, bis sie alle sprachen: ›Bei Allah, niemand soll diese Kiste tragen außer Suraik!‹ Und die Leute sprachen: ›Blauaug2 hat das größte Anrecht daran!‹ Suraik also nahm die Kiste auf die Schultern, in schönster Weise,[511] und er schritt hinter Khalifah her. Und als sie dahingingen, sprach der Fischer bei sich selber: ›Ich habe kein Geld mehr für den Träger; wie soll ich ihn los werden? Ich will die Hauptstraßen mit ihm durchziehen und ihn umherführen, bis er müde wird und die Last niedersetzt und verläßt; dann will ich sie nehmen und in meine Wohnung tragen.‹ Er ging also von Mittag bis Sonnenuntergang mit dem Träger umher, bis schließlich der Mann zu brummen begann und sprach: ›O mein Herr, wo ist dein Haus?‹ Sprach Khalifah: ›Gestern wußte ich es noch, aber heute habe ich es vergessen.‹ Und der Träger sprach: ›Gib mir meinen Lohn, und nimm deine Kiste.‹ Doch Khalifah sprach: ›Geh in Muße weiter, bis ich mich besonnen habe, wo mein Haus ist‹; und er fügte hinzu: ›O Suraik, ich habe kein Geld bei mir. Es liegt in meinem Hause, und ich habe vergessen, wo es ist.‹ Als sie nun also sprachen, kam jemand bei ihnen vorüber, der den Fischer kannte und zu ihm sprach: ›O Khalifah, was führt dich hierher?‹ Sprach der Träger: ›O Oheim, wo steht Khalifahs Haus?‹ Und der erwiderte: ›In dem verfallenen Khan im Viertel Rawasin.‹ Sprach Suraik zu Khalifah: ›Geh; wollte der Himmel, du hättest nie gelebt und geatmet!‹ Und der Fischer trottete dahin, und ihm folgte der Träger, folgte ihm, bis sie sein Haus erreichten, wo der Träger zu ihm sprach: ›O du, dem Allah in dieser Welt sein täglich Brot versage! sind wir nicht zwanzigmal an diesem Hause vorübergegangen? Hättest du zu mir gesagt, es steht da und da, so hättest du mir diese große Mühe erspart; aber jetzt gib mir meinen Lohn und laß mich meiner Wege gehen.‹ Versetzte Khalifah: ›Du sollst Silber haben, wenn nicht Gold. Bleib hier, bis ich es dir bringe.‹ Und er trat ein in seine Wohnung und nahm einen Hammer, den er besaß, der war mit vierzig Nägeln beschlagen (und hätte er ein Kamel damit getroffen, er hätte es getötet); und er stürzte hinaus und hob den Arm, um den Träger damit zu schlagen; doch Suraik schrie auf und sprach: ›Halte die Hand zurück! Ich habe nichts zu fordern!‹ Und er entfloh. Als nun Khalifah den Träger los war, trug er die Kiste in den Khan; und seine Nachbarn kamen herab und umringten ihn und sprachen: ›O Khalifah, woher hast du dies Gewand und die Kiste?‹ Sprach er: ›Von mei nem Lehrling Harun al-Raschid, der sie mir gab.‹ Sprachen sie: ›Der[512] Kuppler ist verrückt! Harun al-Raschid wird noch hören von diesem Geschwätz und ihn aufhängen über der Tür seiner Wohnung, und dann müssen um dieses Schelmes willen alle im Khan mit ihm hängen. Das ist ein schöner Possen!‹ Und sie halfen ihm, die Kiste hineinzutragen, und sie füllte die ganze Kammer. So viel von ihnen.

Die Geschichte der Kiste aber war diese: Der Kalif hatte eine türkische Sklavin, namens Kut al-Kulub3, die er mit höchster Liebe liebte; und die Herrin Subaidah erfuhr es von ihm selber und wurde über die Maßen eifersüchtig, so daß sie heimlich Unheil plante wider sie. Und als der Kalif zu Jagd und Ritt auszog, schickte sie nach Kut al-Kulub, lud sie zu einem Gastmahl ein und setzte ihr Speise und Wein vor, davon sie aß und trank. Nun war der Wein mit Bangh gemischt; und also entschlief sie, und Subaidah schickte nach dem Großeunuchen, tat sie in eine Kiste, verschloß sie und übergab sie dem, indem sie sprach: ›Nimm diese Kiste und wirf sie in den Fluß.‹ Er nahm sie vor sich auf ein Maultier und brach nach dem Ufer auf, doch da er sie unbequem zu tragen fand, so rief er, als er über den Koffermarkt kam, den Schaikh der Mäkler und Ausrufer, den er erblickte, und sprach zu ihm: ›Willst du mir diese Kiste verkaufen, o Oheim?‹ Der Mäkler erwiderte: ›Ja, das wollen wir tun.‹ ›Aber‹, sprach der Eunuch, ›gib wohl acht, daß du sie nur verschlossen verkaufst.‹ Und der andere sprach: ›Gut, auch das wollen wir tun.‹ Und jener setzte die Kiste nieder, worauf man sie zum Verkauf ausrief und sprach: ›Wer will diese Kiste für hundert Dinare kaufen?‹ Und siehe, da kam Khalifah, der Fischer, und kaufte die Kiste, nachdem er sie hin und her gewendet hatte; und zwischen ihm und dem Träger geschah, was schon geschildert wurde. Khalifah, der Fischer, aber legte sich auf der Kiste zum Schlafe nieder, und alsbald erwachte Kut al-Kulub aus ihrer Betäubung, und als sie sich in der Kiste sah, rief sie und sprach: ›Wehe!‹ Da sprang Khalifah von dem Deckel herab und rief und sprach: ›He, ihr Moslems! Zu Hilfe! In dieser Kiste sind Ifriten!‹ Und die Nachbarn erwachten aus dem Schlaf und sprachen zu ihm: ›Was fehlt dir, du Irrer?‹ Sprach er: ›Die Kiste ist voller Ifriten!‹ Und sie erwiderten: ›Geh schlafen! Du hast uns heute nacht[513] die Ruhe gestört, möge Allah dich nicht segnen! Geh hinein und schlafe und laß den Wahnwitz!‹ Rief er: ›Ich kann nicht schlafen!‹ Sie aber schmähten ihn, bis er hineinging und sich wieder niederlegte. Und siehe, Kut al-Kulub sprach und sagte: ›Wo bin ich?‹ Da floh Khalifah von neuem aus der Kammer und rief: ›Ihr Nachbarn im Khan, kommt mir zu Hilfe!‹ Fragten sie: ›Was ist dir widerfahren? Du störst die Nachbarn in der Ruhe!‹ ›Ihr Leute, es sind Ifriten in der Kiste, die regen sich und sprechen!‹ ›Du lügst! Was sagen sie denn?‹ ›Sie sagen: Wo bin ich?‹ ›Wollte der Himmel, du wärst in der Hölle! Du störst die Nachbarn und hinderst sie am Schlafen! Leg dich nieder! Hättest du nie gelebt und geatmet!‹ Khalifah also ging voller Angst wieder hinein, denn er hatte keine Stätte, um zu schlafen, außer auf dem Deckel der Kiste; und siehe, als er dastand und mit den Ohren lauschte, sprach Kut al-Kulub von neuem und sagte: ›Mich hungert.‹ Und in grausem Schrecken floh er zum drittenmal hinaus und rief: ›He, Nachbarn! He, die ihr im Khan wohnt, kommt mir zu Hilfe!‹ Sprachen sie: ›Welches Unheil ist jetzt über dir?‹ Und er erwiderte: ›Die Ifriten in der Kiste sagen: Mich hungert!‹ Sprachen die Nachbarn untereinander: ›Es scheint, Khalifah hungert; wir wollen ihn speisen und ihm die Brocken vom Nachtmahl geben; sonst läßt er uns heute nicht schlafen.‹ Sie brachten ihm also Brot und Fleisch und Brocken von Speisen und Rettiche; und sie gaben ihm einen Korb voll von allerlei Dingen und sprachen zu ihm: ›Iß, bis du satt bist, und geh schlafen und schwätze nicht länger, sonst zerbrechen wir dir die Rippen und schlagen dich heute nacht zu Tode.‹ Da nahm er den Korb voller Speisen und kehrte in seine Wohnung zurück. Nun war es eine Mondnacht, und das Licht fiel voll auf die Kiste und füllte die ganze Kammer; und als er das sah, da setzte er sich auf seinen Kauf und begann, mit beiden Händen zuzugreifen. Dann aber sprach Kut al-Kulub von neuem und sagte: ›Öffnet mir und erbarmt euch meiner, ihr Moslems!‹ Und jetzt endlich stand Khalifah auf, nahm einen Stein, den er bei sich hatte, und brach die Kiste auf; und siehe, darin lag eine junge Herrin, als wäre sie der Sonne leuchtender Kreis, mit einer Stirne blütenweiß, mit einem Gesicht wie des Mondes Glanz, und mit Wangen gleich einem Rosenkranz; und ihr Gewand[514] im Wert von tausend oder mehr Dinaren kann niemand beschreiben. Und als er das sah, da entfloh ihm der Verstand aus dem Kopf vor Freuden, und er sprach: ›Bei Allah, du bist von den Schönen!‹ Fragte sie: ›Wer bist du, Bursche?‹ Und er erwiderte: ›O meine Herrin, ich bin Khalifah, der Fischer.‹ Sprach sie: ›Wer hat mich hierhergebracht?‹ Und er versetzte: ›Ich habe dich gekauft, und du bist meine Sklavin.‹ Sprach sie: ›Ich sehe, du trägst ein Kleid des Kalifen.‹ Da erzählte er ihr alles, was ihm von Anfang bis zu Ende widerfahren war und wie er die Kiste erstanden hatte. Daran erkannte sie den Verrat der Herrin Subaidah; und bis zum Morgen ließ sie nicht ab, mit ihm zu plaudern; und schließlich sprach sie: ›O Khalifah, bitte irgend jemanden um Tintenkapsel, Rohrfeder und Papier und bringe mir all das.‹ Er also holte von einem seiner Nachbarn, was sie verlangte, und brachte es ihr, und sie verfaßte ein Schreiben, das sie faltete und ihm gab, indem sie sprach: ›O Khalifah, nimm dieses Schreiben und trage es alsbald auf den Juwelenmarkt; und frage dort nach dem Laden Abu al-Husns4, des Juweliers, und gib ihn ihm.‹ Versetzte der Fischer: ›O meine Herrin, dieser Name wird mir schwer, den kann ich nicht behalten.‹ Versetzte sie: ›So frage nach dem Laden Ibn al-Ukabs.‹ Sprach Khalifah: ›O meine Herrin, was ist ein Ukab?‹ Und sie erwiderte: ›Ein Vogel, den man mit verkappten Augen auf der Faust trägt.‹ Und er rief aus: ›O meine Herrin, ich kenne ihn!‹ Und er verließ sie und ging dahin, indem er sich den Namen unablässig wiederholte, damit er seinem Gedächtnis nicht entfiele. Doch als er den Juwelenmarkt erreichte, hatte er ihn trotzdem vergessen. Deshalb sprach er einen der Kaufleute an und fragte: ›Ist hier einer, der nach einem Vogel heißt?‹ Versetzte der Kaufmann: ›Ja, du meinst Ibn al-Ukab.‹ Rief Khalifah: ›Der ist es, den ich suche.‹ Und indem er zu ihm ging, gab er ihm das Schreiben, das jener küßte und sich aufs Haupt legte, als er es gelesen und seinen Inhalt verstanden hatte; denn es heißt, daß Abu al-Husn der Mäkler der Herrin Kut al-Kulub war und der Verwalter all ihres Besitzes an Ländern und Häusern. Nun hatte sie ihm also geschrieben: ›Von ihrer Hoheit, der Herrin Kut al-Kulub, an den Herrn Abu al-Husn,[515] den Juwelier. Sowie dieses Schreiben Dich er reicht, rüste einen mit Gerät und Gefäßen und Negersklaven und Sklavinnen und allem, was sonst für unsern Aufenthalt nötig und ziemlich ist, vollständig versehenen Saal; und nimm den Überbringer der Botschaft und führe ihn ins Bad. Dann kleide ihn in kostbare Gewänder und handle so und so an ihm.‹ Sprach er: ›Hören und Gehorchen,‹ verschloß seinen Laden, nahm den Fischer und führte ihn ins Bad, wo er ihn einem Badediener übergab, der ihn nach der Sitte bedienen sollte. Dann machte er sich auf, um die Befehle der Herrin Kut al-Kulub auszuführen. Khalifah aber kam in seinem Mangel an Verstand und seiner Beschränktheit zu dem Schluß, daß das Bad ein Gefängnis wäre, und er sprach zu dem Badediener: ›Was habe ich begangen, daß ihr mich einkerkert?‹ Sie lachten seiner und hießen ihn sich setzen zur Seite des Beckens; und der Badediener ergriff seine Beine, um sie zu waschen. Khalifah aber glaubte, er wolle mit ihm ringen, und sprach bei sich selber: ›Dies ist ein Ringplatz, und ich wußte es nicht.‹ Und er stand auf, packte den Badediener beim Bein und warf ihn zu Boden, also daß er ihm die Rippen zerbrach. Der schrie um Hilfe, worauf die andern Badediener in Scharen kamen und über Khalifah herfielen, den sie durch ihre Überzahl warfen, während sie ihren Gefährten befreiten aus seinen Griffen, und ihn schlugen, bis er wieder zu sich kam. Nun erkannten sie, daß der Fischer ein Einfaltspinsel war, und also bedienten sie ihn, bis Abu al-Husn mit einem Kleid aus reichem Stoff zurückkam und ihn darein kleidete; dann brachte er ihm eine schöne fertig gesattelte Mauleselin; und indem er ihn bei der Hand nahm, führte er ihn heraus aus dem Bade und sprach zu ihm: ›Steig auf!‹ Sprach Khalifah: ›Wie soll ich aufsteigen? Ich fürchte, sie wird mich abwerfen und mir die Rippen in den Leib hineinbrechen.‹ Und erst nach vieler Mühe und großem Aufruhr saß er auf, und sie ließen nicht ab dahinzureiten, bis sie den Saal erreichten, den Abu al-Husn für die Herrin Kut al-Kulub gerüstet hatte. Khalifah trat ein, und er sah sie sitzen, umringt von Sklaven und Eunuchen, und der Pförtner stand an der Tür, den Stab in der Hand; doch als er den Fischer sah, sprang er auf, küßte ihm die Hand und ging vor ihm her, bis[516] er im Saale war. Hier sah der Fischer Dinge, die seinen Verstand betäubten, und sein Auge war geblendet von all dem unermeßlichen Reichtum und von den Sklaven und Dienern, die ihm die Hand küßten und sprachen: ›Möge das Bad dir ein Segen sein!‹ Und als er eintrat und sich Kut al-Kulub näherte, sprang sie auf, nahm ihn bei der Hand und zog ihn auf ein hochgepolstertes Lager. Dann brachte sie ihm einen Becher voll Zuckerscherbett, in den Rosen- und Weidenblütenwasser gemischt war; und er nahm ihn und trank ihn aus und ließ keinen Tropfen darin. Ferner fuhr er mit dem Finger innen am Rand des Gefäßes hin, und er wollte es auslecken, doch sie verbot es ihm und sprach: ›Das ist unrein.‹ Sprach er: ›Still, das ist nichts andres als guter Honig.‹ Und sie lachte seiner und setzte ihm eine Platte mit Speisen vor, an denen er sich satt aß. Dann brachte man ihm eine Kanne und ein Becken aus Gold, und er wusch sich die rechte Hand und lebte das froheste und ehrenhafteste Leben.

Jetzt aber hört, was dem Beherrscher der Gläubigen widerfuhr. Als er zurückkam von seiner Reise und Kut al-Kulub nicht fand, da fragte er die Herrin Subaidah nach ihr, und sie erwiderte: ›Sie ist wahrlich tot, möge dein Haupt leben, o Fürst der wahren Gläubigen!‹ Und sie hatte befohlen, zumitten des Palastes ein Grab zu graben, und darüber hatte sie zum Schein ein Gewölbe erbaut, denn sie wußte, welche Liebe der Kalif Kut al-Kulub entgegenbrachte. Deshalb sprach sie zu ihm: ›O Beherrscher der Gläubigen, ich habe zumitten des Palastes ihr ein Grab erbaut und sie dort begraben.‹ Dann kleidete sie sich in Schwarz, und alles war nur Schein und Täuschung; und lange tat sie, als trauerte sie. Kut al-Kulub aber wußte, daß der Kalif heimgekehrt war von seinem Jagdausflug; und also wandte sie sich zu Khalifah und sprach zu ihm: ›Auf, eile ins Bad und kehre zurück.‹ Und er stand auf und ging ins Hammam, und als er zurückkehrte, kleidete sie ihn in ein Gewand, das tausend Dinare wert war, und sie lehrte ihn gutes Benehmen und ehrfurchtsvolle Haltung Höheren gegenüber. Dann sprach sie zu ihm: ›Geh zum Kalifen und sprich zu ihm: ›O Beherrscher der Gläubigen, es ist mein Wunsch, daß du heute nacht mein Gast zu sein geruhst.‹ Und Khalifah stand auf, bestieg seine Mauleselin und[517] ritt, vor sich die Pagen und schwarzen Sklaven, dahin, bis er den Palast des Kalifats erreichte. Spricht doch der Weise: ›Schön ist selbst der Stock, gibst du ihm einen schönen Rock.‹ Und wahrlich, sichtlich war seine Stattlichkeit und Herrlichkeit, und alles Volk staunte darob. Und alsbald sah ihn der Großeunuch, eben der, der ihm die hundert Dinare, den Ursprung seines Glücks, gegeben hatte; und der ging hinein zum Kalifen und sprach zu ihm: ›O Beherrscher der Gläubigen, Khalifah, der Fischer, ist ein König geworden, und er trägt ein Ehrengewand, das ist tausend Dinare wert.‹ Der Fürst der wahren Gläubigen befahl, ihn einzulassen; und als Khalifah eintrat, sprach er: ›Friede sei mit dir, o Beherrscher der Gläubigen und Stellvertreter des Herrn der drei Welten und Verteidiger des Glaubensvolkes! Der allmächtige Allah verlängere deine Tage und verleihe deiner Herrschaft Ehre und erhöhe deinen Rang zur höchsten Höhe.‹ Der Kalif sah ihn an und staunte, sowohl über ihn wie darüber, daß unversehens das Glück zu ihm gekommen war; dann sprach er zu ihm: ›O Khalifah, woher hast du das Gewand, das du trägst?‹ Versetzte er: ›O Beherrscher der wahren Gläubigen, es kommt aus meinem Hause.‹ Fragte der Kalif: ›So hast du ein Haus?‹ Und Khalifah erwiderte: ›Ja, wahrlich! Und du, o Beherrscher der Gläubigen, bist heute mein Gast.‹ Sprach Harun al-Raschid: ›Ich allein, o Khalifah, oder ich mit denen, die bei mir sind?‹ Versetzte der Fischer: ›Du samt allen, die du willst.‹ Da wandte Dscha'afar sich ihm zu und sprach: ›Wir wollen heute abend deine Gäste sein‹; und nochmals küßte Khalifah den Boden, und indem er sich zurückzog, bestieg er sein Maultier und ritt davon, geleitet von seinen Dienern und seinem Mameluckengefolge. Der Kalif aber blieb staunend zurück und sprach zu Dscha'afar: ›Hast du Khalifah mit seinem Maultier und seinem Gewand, seinen weißen Sklaven und seiner Würde gesehen? Noch gestern kannte ich ihn als einen Narren und Possenreißer.‹ Und sie staunten sehr. Dann saßen sie auf und ritten dahin, bis sie sich Khalifahs Hause näherten. Der Fischer aber saß ab, nahm einem seiner Begleiter ein Bündel aus der Hand, öffnete es und zog ein Stück Taftseide hervor, das er unter den Hufen der Eselin des Kalifen ausbreitete; dann zog er[518] ein Stück Seidensamt und ein drittes aus feinem Satin und tat mit ihnen desgleichen; und so breitete er wohl an die zwanzig Stücke kostbarer Stoffe aus, bis Harun al-Raschid mit seinem Gefolge das Haus erreichte; dann trat er vor und sprach: ›Bismillah, o Beherrscher der Gläubigen!‹ Sprach der Kalif zu Dscha'afar: ›Ich möchte wissen, wem dieses Haus gehören mag.‹ Und der erwiderte: ›Es gehört einem Manne namens Ibn al-Ukab, dem Ältesten der Juweliere.‹ Da saß der Kalif ab, und als er mit seinen Höflingen eintrat, sah er einen schön erbauten Saal, der war geräumig und herrlich und hatte Lager auf Estraden, und Teppiche und Diwans, die gebreitet waren. Er ging also zu auf das Lager, das man für ihn bereitet hatte, und es stand auf vier Elfenbeinfüßen, eingelegt mit glitzerndem Golde und belegt mit sieben Teppichen. Das gefiel ihm, und siehe, herbei kam Khalifah mit Eunuchen und kleinen weißen Sklaven, die allerlei Scherbette trugen, gemischt aus Zucker und Limonen und duftend gemacht mit Rosen- und Weidenblütenwasser und reinstem Moschus. Der Fischer aber trat vor und trank und gab dem Kalifen zu trinken, und die Mundschenken kamen und bedienten den Rest der Gesellschaft mit den Scherbetten. Dann holte Khalifah einen Tisch, der war gedeckt mit Speisen von mancherlei Farben, und mit Gänsen und Hühnern und anderem Geflügel; und er sprach: ›Im Namen Allahs!‹ Sie also aßen sich satt; und dann befahl Khalifah, die Tische abzutragen, und indem er vor dem Kalifen dreimal den Boden küßte, bat er um die königliche Erlaubnis, Wein und Musik zu bringen. Der Kalif gab ihm die Erlaubnis; und indem er sich zu Dscha'afar wandte, sprach er: ›So wahr mein Haupt lebt, das Haus samt seinem Inhalt gehört Khalifah; denn er ist Herr in ihm, und ich wundere mich, woher er diesen Wohlstand und dieses höchste Gedeihen hat! Aber das ist nichts Schweres für den, der da zu einem Dinge spricht: ›Werde!‹ und es wird. Am meisten aber staune ich ob seines Verstandes, wie sehr der vermehrt ist, und woher er diese Erhabenheit und Herrlichkeit genommen hat; aber wenn Allah einem Menschen wohlwill, so verbessert er seinen Verstand, ehe er ihn zu weltlichem Wohlstand bringt.‹ Und als sie plauderten, siehe, da kam Khalifah, und ihm folgten junge Mundschenken, Monden gleich, umgürtet mit goldenen Gürteln;[519] die breiteten ein Tuch aus reichem Brokat und setzten Porzellanflaschen und große Glasflaschen und kristallene Becher und Schalen und Kannen von mancherlei Farben darauf; und diese Flaschen füllten sie mit reinem, klarem und altem Wein, dessen Blume war wie der Duft jungfräulichen Moschus‹. Und rings um diese Gefäße standen Süßigkeiten und Blumen, wie sie sich nicht übertreffen lassen. Als Harun al-Raschid solches von Khalifah sah, neigte sein Herz sich ihm zu; und er lächelte ihn an und bekleidete ihn mit einem Amt; da wünschte Khalifah ihm Dauer der Ehre und Länge der Tage und sprach: ›Wird der Beherrscher der Gläubigen geruhen, mir die Erlaubnis zu geben, daß ich ihm eine Sängerin bringe, eine Lautenspielerin, derengleichen nimmer erhört ward unter den Sterblichen?‹ Sprach der Kalif: ›Du hast die Erlaubnis.‹ Er also küßte vor ihm den Boden, ging in eine geheime Kammer und rief Kut al-Kulub, die eintrat, nachdem sie sich verkleidet und vermummt und verschleiert hatte; und sie trippelte in ihren Gewändern und ihrem Schmuck und küßte vor dem Beherrscher der Gläubigen den Boden. Dann setzte sie sich, stimmte die Laute, berührte die Saiten und spielte darauf, bis alle, die anwesend waren, vor dem Übermaß des Entzückens fast in Ohnmacht fielen. Und als der Kalif das hörte, da konnte er sich nicht länger beherrschen, sondern er zerriß sich das Gewand und fiel ohnmächtig nieder; alle aber, die zugegen waren, eilten, ihre Kleider abzulegen und über ihn zu werfen, während Kut al-Kulub Khalifah winkte und zu ihm sprach: ›Eile zu jener Kiste und bringe, was darin ist‹; denn sie hielt darin für eine Stunde wie diese ein Gewand des Kalifen bereit. Khalifah also brachte es ihr, und sie warf es über den Beherrscher der Gläubigen, der wieder zu sich kam und sprach, als er in ihr Kut al-Kulub erkannte: ›Ist dies der Tag der Auferstehung, und hat Allah jene auferweckt, die in den Gräbern schliefen; oder schlafe ich selbst und ist dies eine Traumverwir rung?‹ Sprach Kut al-Kulub: ›Wir wachen und schlafen nicht, und ich bin noch am Leben und habe nimmer den Becher des Todes getrunken.‹ Dann erzählte sie ihm, was ihr widerfahren war; und wahrlich, seit er sie verloren hatte, war ihm das Leben nicht mehr leicht und der Schlaf nicht mehr süß gewesen; und er hatte[520] bald gestaunt, bald geweint und bald gebrannt vor dem Feuer der Sehnsucht. Als sie nun ihre Geschichte beendet hatte, stand der Kalif auf und nahm sie bei der Hand, denn nachdem er ihre Lippen geküßt und sie an die Brust gedrückt hatte, wollte er mit ihr in ihren Palast gehen; doch Khalifah stand auf und sprach: ›Bei Allah, o Beherrscher der Gläubigen! Du hast mir schon einmal unrecht getan, und jetzt tust du mir wiederum unrecht!‹ Sprach Harun al-Raschid: ›Wahrlich, du hast recht, Khalifah,‹ und er befahl dem Vezier Dscha'afar, ihm zu geben, was ihn befriedigen würde. Der also gab ihm auf der Stelle alles, was er wünschte, und er wies ihm ein Dorf an, dessen jährliche Einkünfte zwanzigtausend Dinare betrugen. Ferner schenkte Kut al-Kulub ihm freigebig das Haus samt allem, was darin war an Gerät und Vorhängen, an weißen Sklaven und Sklavinnen und Eunuchen, großen sowohl wie kleinen. So geriet Khalifah in den Besitz dieses unvergleichlichen Wohlstandes und dieses übermäßigen Reichtums, er nahm sich ein Weib, und das Gedeihen lehrte ihn Ernst und Würde, und das Glück übermannte ihn. Der Kalif musterte ihn ein unter seine Ritter, und er lebte in aller Freude und Wonne des Lebens, bis er verstarb und aufgenommen wurde in die Gnade Allahs.

Fußnoten

1 Des Vaters des Gedeihens.

2 Suraik = Blauaug.

3 Speise der Herzen.

4 Des Vaters der Schönheit.

Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 499-521.
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