Der Triumph

[187] »So rührt dich nicht dein Freund, der zärtlich vor dir kniet?

Soll er verschmachten – er, der doch für dich nur glüht?

Soll er nur bloß der Liebe Marter fühlen

Und nie das schönste Feu'r an deinem Busen kühlen?

Erbarm' dich, Mädchen, doch, hör' auf zu widersteh'n,

Der Zärtlichkeit Genuß macht dich gedoppelt schön.

Versuch einmal den Rausch aus Amors Zauberbecher,[187]

Und find't dein Herz nachher nicht alle Wollust schwächer

Als ihn, und schwimmt es nicht in nie empfundner Lust,

So hüll' in dichten Flor stets deine Marmorbrust.

O laß mich – laß mich doch der Wünsche Ziel erreichen,

Laß mich in deinem Arm beglückt den Göttern gleichen.

Wie lange bleibt nicht schon mein Bitten unerhört?

Wie lang' hat nicht dein Nein der Hoffnung Glück gestört?

Was hilft dir's, Göttliche, ein Kleinod zu besitzen,

Ohn's nach der Schöpfung Zweck zu nützen?

Umarme mich, komm und genieß' den Unterricht,

Der Menschen macht und Lust noch mehr gibt, als verspricht.[188]

Sieh', wie dein Herzchen klopft, sein zärtliches Erbeben

Mißbilligt Furcht und Zwang, es wünscht der Lust zu leben;

Der Liebe Morgenglanz färbt deine Wangen roth,

Und die Natur ruft laut: ›Gehorche dem Gebot,

Das ich zum Glück euch gab.‹ – Laß nicht die Zeit verfließen,

In meines Armes Schutz komm alles Glück genießen,

Blüh, Rosenknöspchen, auf.« – In diesem Augenblick

Schmolz Chloens Herz, sie sank in meinen Arm zurück.

In halber Ohnmacht schön, von Liebe überwunden,

Berauscht von einer Lust, die sie noch nie empfunden,

Las ich ihr Ja im Aug', das naß, verschämt sich schloß,[189]

Als Kraft zum Widerstand wie Morgenthau verfloß.


O könnt' ich doch wie Gleim, Catull und Wieland singen,

Um Chloens Reizungen ein reizend Lied zu bringen!

Was sah ich nicht, was hat nicht hier die Hand berührt,

Eh' mich zu ihrem Werk die gold'ne Venus führt'!

Ich hört' und sah ihr Herz durch's seid'ne Halstuch pochen,

Und fühlte heiß'res Blut in allen Adern kochen.

O Wollust! Liebe! Glück! o dreimal sel'ger Tag,

Als Chloens ganzer Reiz in meinen Armen lag!

Das blühendste Gesicht mit braunem Haar umzieret,

Gebroch'ne Augen, und den Busen aufgeschnüret,

Der schönste Arm und Fuß, ein Schenkel fleischig, zart,

Im höchsten Ebenmaß mit einem Leib gepaart,[190]

Schön wie der Venus Leib, den Scopas ihr gegeben –

Pygmalions Meisterstück, warm, voll Gefühl und Leben,

Lag hier und war ganz mein. – An Chloens Lippen hing

Die ganze Seele, die mit ihren Kuß empfing,

Und lauter Wonne war: ich atmete geschwinder,

Verhauchte Wollust, und doch ward das Feu'r nicht minder.

In süßer Ohnmacht starb jetzt Chloe mir im Arm,

Der Liebe milder Tau entfloß ihr sanft und warm;

Bei sympathet'schem Schau'r, nicht mehr der Sinne Meister,

Versammelten in Eins sich alle Lebensgeister,

Die Augen brachen – wir erseufzten – und es floß

Balsam in den entgürtelten Schooß. – –

Des Knaben Wange färbt schon kindisches Entzücken,[191]

Wenn Mädchenfinger ihm vertraut sein Händchen drücken,

Des Jünglings Götterlust, wenn nach dem süßen Zwist

Die Muschel zuckend sich um ihren Liebling schließt –

Auf Chloens heiße Brust halb schlummernd hingesunken,

Durchsprühte mich ein Kuß mit neuen Wollustfunken,

Und der gesunk'ne Speer, der in der weichen Hand

Des Mädchens frische Kraft zu Streit und Siegen fand,

Lief zu den Schranken dreust, bis Herz an Herz geschlossen,

Vom Schlafe überrrascht, die Quellen nicht mehr flossen.


Selbsthalterin fühlbarer Herzen,

Urquelle süßer Lust und Schmerzen,[192]

Heil dir und Segen dem Altar!

Dir, Göttin, der die Himmel singen

Und Elemente Opfer bringen,

Bring' ich mich selbst zum Opferdar.


Wohl dir, wenn du mein Glück genossen,

Als dich Adonis' Arm umschlossen,

Und dein Arm ihn umschlossen hielt:

Wohl ihm, wenn er die Wollust fühlte,

Als er mit deinen Reizen spielte,

Die ich in Chloens Schooß gefühlt.


Mein Herz schlägt ewig dir erkenntlich;

So wie die Wollust war, unendlich

Dankt jede Nerve deiner Kraft:

Du halfst mir Chloen überwinden,

Du halfst der Wünsche Hafen finden,

Dank sei dir für die Jungferschaft!


Anonym [= Johann Georg Scheffner].[193]

Quelle:
Nuditäten oder Fantasien auf der Venus-Geige. Padua [o. J.], S. 187-194.
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